Globalisierung und Digitalisierung: Die Verwandlung einer Industriestadt

Silas Gusset, Anina Zahn, Tobias Ehrenbold

In: Auf dem Weg ins Jetzt. Seit 1960 | S. 126-189 | DOI: 10.21255/sgb-08.03-619079 | Lizenz: CC BY-NC 4.0

Basel hat ein gespaltenes Verhältnis zur Globalisierung. Als Handelsplatz verlor die Stadt nach 1960 an Bedeutung, ihre Wirtschaft war indes immer enger verbunden mit den Märkten in aller Welt. Dies galt und gilt in besonderem Masse für die Leitbranche, die Life Sciences, die sich aus der Basler Chemie heraus entwickelten. Diese seit jeher global ausgerichtete Industrie ist zum mit Abstand wichtigsten Exporteur der Schweiz geworden. In den vergangenen Jahrzehnten durchlief sie eine Deindustrialisierung, die typisch für die gesamte Wirtschaft in Basel ist. Statt Arbeiterinnen und Arbeiter waren nun andere Berufstypen gefragt, etwa Managerinnen und Manager. Trotz einer anhaltend hohen Wertschöpfung nagten immer wieder Zweifel am Wirtschaftsstandort. War Basel zu abhängig von seinen grossen Pharmakonzernen? Was für Vorteile bot die geografische Lage im globalen Wettbewerb? Und existierte vor Ort das technologische Knowhow, um mit der rasant voranschreitenden Digitalisierung mithalten zu können? Die Entschlüsselung der Doppelhelix-Struktur der DNA 1953 entfachte am Forschungsstandort Basel eine Euphorie, die bemerkenswerte Zeugnisse hinterlassen hat. Prestigeträchtige Institute oder Unternehmenslabors wie das Biologie-Hochhaus von Ciba (1966) bezeugen die Bereitschaft zu hohen Investitionen in die biotechnologische Forschung. Über deren Chancen und Risiken diskutierten 1971 im Rahmen des von Roche einberufenen Symposiums ‹The Challenge of Life› berühmte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter drei Nobelpreisträger. Die schier grenzenlosen Hoffnungen in die Molekularbiologie dokumentierte auch der Film ‹Die lautlose Revolution› von Eckehard Munck. Die Basler Firmen Ciba-Geigy, Roche und Sandoz unterstützten den avantgardistisch umgesetzten Dokumentarfilm, der teilweise in Basel gedreht und 1973 für einen ‹Oscar› nominiert wurde. Die hier gezeigten Filmstills bezeugen die Anfänge dessen, was später Life Sciences genannt wurde. Zu den sogenannten Lebenswissenschaften zählt die Forschung im Bereich von Nahrungsmitteln und Landwirtschaft, vor allem aber der Gesundheit. Der Life-Sciences-Cluster war im beginnenden 21. Jahrhundert der mit Abstand wichtigste Wirtschaftsfaktor in Basel.

Basler Arbeitswelten und ihre globalen Verflechtungen

Das wesentliche geografische Merkmal Basels ist der Rhein. Der Fluss strömt mitten durch die Stadt, weiter nach Frankreich und Deutschland, den beiden grossen Nachbarländern nördlich der Schweiz. Wie die Menschen in diesem Raum, dem sogenannten Dreiländereck, zusammenlebten, persiflierte Alfred Rasser um 1960 auf der Bühne. «Am fimfe styge mer üs em Bett, My Froü will z’Märt geh fahre», so der bekannte Basler Kabarettist, Melodie und Duktus eines elsässischen Arbeiters imitierend. Und reimte darauf: «Ich hoüs in d’Schwyz per Piciclett/ und sie geht mit em Kare.»1 Der Elsässer im Bühnenstück war Bauarbeiter, wie viele seiner Landsmänner veränderte er das Gesicht der Stadt massgeblich. Seine Frau zog derweil einen Wagen, die Kare, nach Basel auf den Markt und verkaufte dort «Rättich, Charlotte, Kohlrawi und Lattich un Pflüme, Carotte». Ausländische Marktfrauen wie sie handelten im kleinen Grenzverkehr, etwa 370 Bauern aus dem grenznahen Ausland schickten damals täglich Waren nach Basel. Sie gingen einer Arbeit nach, die für Baslerinnen und Basler nicht in Frage kam: Für Landwirtschaft war in der dichtbebauten Stadt längst kein Platz mehr.2

Der Basler Kabarettist wies in seinem Stück auf einen essenziellen Faktor des regionalen Wirtschaftssystems hin, die ausländischen Arbeitskräfte. Sie waren eine Voraussetzung für das Wachstum in der Zeit der Hochkonjunktur. 1960 arbeiteten 20 000 bewilligungspflichtige Ausländerinnen und Ausländer im Stadtkanton, bis 1972 verdoppelte sich ihre Anzahl.3 Gefragt waren tüchtige Menschen, die, wie Rasser treffend erklärte, frühmorgens nach Basel pendelten, hier arbeiteten und abends wieder nach Hause zurückkehrten, zu ihren Familien in Deutschland oder Frankreich. Dazu kamen Tausende, die ihre Familien im Heimatland zurückliessen, meist in Italien oder Spanien, um in der Schweiz Geld zu verdienen. Menschen aus dem Ausland hinterliessen Spuren in Basel – Dialekte und Sprachen, Häuser und Strassen, Gemüse und Obst.

Ausländische Arbeitskräfte blieben wichtig für die lokale Wirtschaft, die mit fernen Märkten verbunden war und zunehmend auf technische Hilfsmittel zurückgriff. Neben der Globalisierung und der Digitalisierung waren der Strukturwandel und die Deindustrialisierung wesentliche Entwicklungen am Ende des 20. Jahrhunderts. Die Schlote der Fabriken verschwanden weitgehend aus dem Stadtbild. Basel, einst prototypische Industriestadt, verschrieb sich zunehmend der Produktion, der Verwaltung und der Valorisierung von Wissen. Die Internationalisierung der Wirtschaft war eng mit dem europäischen Friedensprozess verknüpft. Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten sich die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich sowie Belgien, Italien, Luxemburg und die Niederlande darauf geeinigt, Kohle und Stahl untereinander zollfrei zu handeln, Ende der 1950er-Jahre bildeten dieselben Staaten die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Die Anfänge der europäischen Integration beobachteten Wirtschaftsvertreter in Basel mit höchster Aufmerksamkeit. Für das wirtschaftliche Leben in der Grenzstadt schienen diese Entwicklungen Chancen zu bieten, aber auch Gefahren zu bergen. Einerseits war die Schweiz nicht Teil dieses riesigen westeuropäischen Marktes in spe, der den beteiligten Akteuren wirtschaftliche Vorteile versprach, anderseits war keine andere Stadt der Schweiz so eng mit diesem vielversprechenden Wirtschaftsraum verbunden wie Basel.

Um die internationalen Beziehungen zu intensivieren, gründeten Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft 1963 den Verein Regio Basiliensis. Das Einzugsgebiet dieser ersten Organisation zur Förderung der trinationalen Zusammenarbeit waren die fünf Städte Basel, Belfort, Colmar Freiburg im Breisgau und Mulhouse. Durch die Etablierung der EWG erhalte diese Region «überaus günstige Entwicklungschancen», notierte die Arbeitsgruppe 1965, «ihre voll integrierende Wirkung» werde sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entfalten. Insbesondere in der Wirtschaft war die Euphorie gross, beiderseits des Rheins.4

Bei der Zusammenarbeit innerhalb der Regio Basiliensis gab es neben politischen, sprachlichen oder kulturellen Unterschieden auch wirtschaftliche Differenzen zu überbrücken. Während man im benachbarten Deutschland zu dieser Zeit von einem ‹Wirtschaftswunder› sprach, hatte die Schweiz bereits einen noch höheren Wohlstand erreicht. Der Kanton Basel-Stadt verzeichnete in der Schweiz das grösste Bruttoinlandprodukt (BIP) und die höchsten Einkommen überhaupt. Dazu kämen die «fiskalbedingten schweizerischen Standortvorteile», wie die Industrie- und Handelskammer Hochrhein 1971 in einer Studie festhielt. Die Steuerlast sei in Deutschland mindestens doppelt so hoch wie in der Schweiz, wo einzelne Kantone sich immer weiter unterbieten würden. Doch obwohl Firmen in der Schweiz viel weniger Steuern zahlen müssten und viele deutsche Arbeitskräfte mit höheren Löhnen anlocken würden, profitiere die Wirtschaft am deutschen Hochrhein unter dem Strich von der Prosperität der Stadt Basel.5 Sowohl in Deutschland wie in Frankreich zählten die an die Region Basel angrenzenden Gebiete zu den wohlhabenden des Landes. Ein frühes gemeinsames Anliegen in der Region war der Ausbau des Flughafens Basel-Mulhouse. In der Wirtschaft war die Hoffnung gross, den rudimentär eingerichteten Flugplatz zu einer Drehscheibe des internationalen Luftverkehrs ausbauen zu können. Man wollte den Anschluss an jene neue globale Wirtschaftselite nicht verpassen, die durch ein immer dichter werdendes Netz von Linienflügen verbunden war.

Zunächst schien das Ziel auch durchaus in Reichweite, 1962 befürworteten die Basler Stimmbürger im zweiten Anlauf den Bau eines neuen Flughafengebäudes. Doch zehn Jahre später bremste die Bevölkerung den Ausbau von Basel-Mulhouse zu einem interkontinentalen Flughafen jäh. 1971 scheiterte die erste Vorlage für eine Verlängerung der Pisten, die für die Landung von grösseren Düsenflugzeugen nötig gewesen wäre. Zu den verbreiteten Sorgen in der Stadt zählte die Zunahme des Lärms.6

Die Stadt begnügte sich fortan mit einem Flughafen, der ausländischen Gästen provinziell erscheinen musste. Seit 1987 trägt er den Markennamen ‹EuroAirport Basel Mulhouse Freiburg›. Ökonomische Studien bezeichnen den vergleichsweise kleinen Flughafen als einen wesentlichen Nachteil Basels im Vergleich mit anderen Wirtschaftsstandorten, etwa mit Zürich.7 Während die Bevölkerung über die Dimension des Flughafens mitentscheiden durfte, entzog sich die zunehmende Verflechtung der Märkte ihrer Kontrolle. In einzelnen Branchen der Stadt zeigten sich negative Auswirkungen des zunehmenden Wettbewerbs. In der Papier- oder Holzverarbeitung beispielsweise sank die Zahl der Arbeitsplätze drastisch, von 1700 (1960) auf nur noch 150 (1980). Unter erhöhtem Konkurrenzdruck litten etwa die Schreiner, die im Bereich des Möbelhandwerks zu den führenden des Landes zählten. Während sie in beengten Innenhöfen werkten, zeigten die Konkurrenten schmuck eingerichtete Musterzimmer, unter anderem beim Spiegelhof auf fünf Etagen (Möbel Hubacher) oder beim Tellplatz gar auf sieben Etagen (Möbel Rösch).8

Im Wettbewerb um die zu Wohlstand gekommene Mittelschicht konkurrierten auch Shopping Center, nur eine kurze Autofahrt von Basel entfernt. Ein Möbelhaus im aargauischen Suhr lockte 1965 in einer Basler Zeitung mit über tausend Gratis-Parkplätzen sowie «Gratisbenzin/Bahnvergütung schon bei Kauf ab Fr. 500».9 Konsumgesellschaft und Motorisierung gingen Hand in Hand, mit dem Auto waren auch preisgünstige Einkaufsmöglichkeiten im Ausland erreichbar.

Derweil hatten diverse Basler Unternehmen massiv ins Ausland expandiert. Zu den global agierenden Firmen aus Basel zählten etwa Danzas und Panalpina, zwei der weltgrössten Logistikunternehmen, der Schweizerische Bankverein, eine Grossbank mit wachsenden Interessen im Ausland, und insbesondere Konzerne der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Für Ciba, Geigy, Roche oder Sandoz war der Schweizer Markt nahezu unbedeutend, über 95 Prozent des Umsatzes erzielten sie im Ausland, die lukrativsten Geschäfte machten sie in den USA. Durch Tochterunternehmen waren multinationale Unternehmen aus Basel auf allen Kontinenten vertreten.

Sinnbildlich für die globale Verbreitung des Kapitalismus stand Convenience Food wie es die Firma Thomi + Franck herstellte. Der Kaffeezusatz ‹Franck Aroma› oder die Thomy-Senftube beinhalteten Ingredienzen aus nah und fern, in Basel wurden sie verarbeitet, abgepackt und versandt. An Thomi + Franck lässt sich allerdings auch erkennen, wie Unternehmen selbst zu Objekten des Handels wurden. Das Basler Familienunternehmen hatte im Laufe der 1960er-Jahre in der Schweiz etablierte Fabriken für Backwaren und Essig aufgekauft, bevor es 1971 seine Eigenständigkeit an den in Vevey domizilierten Weltkonzern Nestlé verlor.

In dieser Zeit etablierte sich die Bezeichnung ‹multinationales Unternehmen› für global agierende Firmen, kurz: Multis. Dieses Wort habe er bis vor wenigen Monaten noch nie gehört, schrieb 1972 ein Journalist in der National-Zeitung. Jetzt sei «Multi» in aller Munde. Es war ein negativ konnotierter Begriff, insbesondere junge Erwachsene verbanden damit Umweltsünden und amoralische Geschäftspraktiken in ehemaligen Kolonien des globalen Südens. Als präferierte Standorte von Multis schienen die Schweiz allgemein und Basel im Speziellen in die Ausbeutung der Welt verwickelt. Die Skepsis gegenüber den Multis verbreitete sich rasant, mit ihr verbunden war ein neues Klima der Unsicherheit. Auf Jahrzehnte des wirtschaftlichen Aufschwungs folgten nach 1970 Zeiten, die vielen nicht mehr berechenbar schienen.10 Wie unmittelbar die sozioökonomische Realität der Menschen mit der Weltwirtschaft zusammenhing, zeigte sich im Herbst 1973. Nachdem arabische Länder die Preise für Rohöl drastisch erhöht hatten, wurde der Rohstoff, der das sogenannte Wirtschaftswunder überhaupt erst ermöglicht hatte, rar und kostbar. Auch in Basel offenbarten die Ölpreisschocks, wie vulnerabel die lokale Wirtschaft war. Es folgte eine Phase der Rezession und ein neues Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Launen der Weltwirtschaft.

«Jahrelang hat man von den Angestellten sehr profitiert», erklärte ein junger Hochbauzeichner einem Journalisten 1974 auf dem Arbeitsamt. «Und jetzt, da die grossen Gewinne ausbleiben, schauen die Architekten, dass sie ihren Verdienst von vorher nicht anknabbern müssen und stellen einfach Leute raus.»11 Der Stellenverlust war eine Enttäuschung, er stellte ein gebrochenes Wohlstandsversprechen dar. Nach Jahren der Vollbeschäftigung war die Arbeitslosigkeit in den Alltag der Menschen in Basel zurückgekehrt.

Trotz der Wirtschaftskrise blieben die offiziellen Arbeitslosenzahlen schweizweit niedrig. Dies lag nicht an besonders ausgeklügelten Massnahmen – genau wie die Arbeitslosen selbst wurden auch die Behörden vom Ende der Hochkonjunktur überrascht. 1974 zählte man in Basel-Stadt noch durchschnittlich weniger als 30 Betroffene. Im folgenden Jahr stieg die Zahl sprunghaft auf 500 Arbeitslose, wobei sehr viele Arbeitslose nicht in den offiziellen Statistiken erschienen. Erst 1977, mit dem Inkrafttreten der obligatorischen Arbeitslosenversicherung in der Schweiz, wurden die Zahlen verlässlicher. In Basel-Stadt waren bis dahin trotz kantonalem Obligatorium viele Erwerbsarbeitende nicht versichert gewesen. Den grössten Teil der nicht erfassten Arbeitslosen bildeten allerdings ausländische Arbeitskräfte, die in der wirtschaftlichen Krise die Schweiz verlassen mussten. Mit der Stelle verloren sie auch ihre Aufenthaltsbewilligung und mussten in ihr Herkunftsland zurückkehren. Die Rede war von einem «Export der Arbeitslosigkeit».12

Betroffen vom Stellenabbau war in erster Linie der zweite Sektor, also Industrie und Gewerbe. Mit ihm verbunden war die Verlagerung der Industrie an Orte mit tiefem Lohnniveau. In diversen Branchen, die für Basel einst bedeutend waren, vollzog sich Ende des 20. Jahrhunderts die Deindustrialisierung rasch und irreversibel, so verschwanden etwa die Basler Grossbrauereien. Verschwunden ist auch jener Wirtschaftszweig, der in der Region Basel am Ursprung der Industrialisierung stand, die Textilproduktion. Anfangs des 20. Jahrhunderts war sie die mit Abstand grösste Arbeitgeberin gewesen, 1945 immer noch die zweitgrösste. Ihren Zenit hatte die langjährige Leitbranche indes längst überschritten. Dem Niedergang begegneten einzelne Firmen zwar noch in den 1960er-Jahren mit einer Modernisierung der Produktion, doch die Basler Spezialitäten, Schappe (Florettseide) und insbesondere Seidenbänder, waren ausser Mode geraten. Zudem war die Produktion von Textilien ein Paradebeispiel für die Verlagerung der Industrie in Länder mit tieferem Lohnniveau. In den 1980er-Jahren war die industrielle Herstellung von Textilien in Basel Geschichte, ihre Spuren sind seither weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden.16

Der Mangel an Gewerbeflächen, Klagen gegen Lärm- und Geruchsemissionen und ein generell hohes Kostenniveau machten Basel zu einem schwierigen Pflaster für die Industrie. Während viele Firmen ihre Administration in der Stadt behielten, verschoben sie die Produktion zunehmend in die Agglomeration oder ins Ausland. An ihren städtischen Standorten lagerten grössere Industriefirmen zunehmend jene Tätigkeiten aus, die nicht direkt mit ihrem Kerngeschäft zusammenhingen, darunter etwa Reinigung, Informatik, Logistik, Transport oder Verpflegung. Solche Aufgaben übernahmen eigenständige Firmen des Dienstleistungssektors, der im Vergleich zum Industriesektor an Bedeutung gewann. Damit folgten die Unternehmen dem Credo des Outsourcings: Schlanke, günstige und flexible Strukturen waren gefragt, die Märkte waren volatil, umkämpft und transnational. Am Ende des 20. Jahrhunderts trieb die Globalisierung den Strukturwandel der Basler Wirtschaft in ungeahntem Tempo voran.17 Die Schweiz sei ein «Sanierungsfall», konstatierten 1990 die in Basel lehrenden Ökonomen Silvio Borner, Aymo Brunetti und Thomas Straubhaar. Das Land im Zentrum Europas, einst «Wohlstands- und Freiheitsinsel», habe sich «in den unentwirrbaren Fäden des reglementierten Perfektionismus und regulatorischen Interventionismus verheddert».18 In ihrer Studie ‹Schweiz AG›, die der Bundesrat in Auftrag gegeben hatte, forderten sie einen schlanken Staat und ein «ständiges Upgrading».19 Auch in Basel, so schrieb Borner in einem Artikel, drohe der Abzug der Wirtschaft an attraktive Standorte im Ausland.20

Die 1990er-Jahre brachten, was Ökonomen wie Borner forderten: mehr Wettbewerb, weniger Kartelle. Auch in Basel-Stadt hatte der Schutz der lokalen Wirtschaft während Jahrzehnten zur politischen Räson gezählt. Ein Paradebeispiel des Protektionismus war das Mittelpreisverfahren bei Submissionen. Von staatlichen Aufträgen waren ausserkantonale Bewerber ebenso ausgeschlossen wie jene Angebote, die das arithmetische Mittel aller Offerten um mehr als zehn Prozent verfehlten, also auch die günstigsten Angebote. Das Ziel war die Förderung des lokalen Gewerbes und der Schutz vor Preistreiberei, ein Resultat die Persistenz von Kartellen und Preisabsprachen.21

Wie verflochten und eingespielt die lokale Wirtschaft war, offenbarte der sogenannte Gipserstreit. Einem Dutzend Basler Firmen wurde 1992 nachgewiesen, die Offerten für einen Grossauftrag im Kantonsspital kartellmässig verhandelt und Preise in der Grössenordnung von fünf Millionen Franken vereinbart zu haben. Schliesslich erhielt eine Zürcher Firma den Zuschlag, ihre Offerte lag etwa zwei Millionen unter den ursprünglichen Geboten der Basler Konkurrenz.22

Über die Verteilung von weit grösseren Beträgen verhandelte damals ein Kartell, das den globalen Markt für Vitamine massgeblich dominierte. In Basler Luxushotels und Privatwohnungen trafen sich ab Mitte der 1980er-Jahre Vertreter der führenden Hersteller, darunter Roche, dem weltgrössten Vitaminproduzenten, um die Preise abzusprechen und zu fixieren. Nachdem der Ring aufgedeckt und Gefängnisstrafen für Manager und Milliardenstrafen für Unternehmen verhängt worden waren, urteilte ein US-amerikanischer Autor, Basel sei «world capital of cartels».23

Nicht nur in Basel, sondern in der gesamten Schweiz hatten Kartelle lange leichtes Spiel. Vom Bier über Zement und Papier bis zu Versicherungen wurden Preise innerhalb der Branchen abgesprochen.24 Doch die weitgehende Abschottung gegenüber auswärtigen Wettbewerbern geriet zunehmend unter Druck. Mit der Totalrevision des Kartellgesetzes 1995 wurde der staatliche Schutz des Gewerbes minimiert. Anfang der 1990er-Jahre veränderten sich die Spielregeln und Kräfteverhältnisse in der globalen Wirtschaft markant. Der Kalte Krieg zwischen Kommunismus und Kapitalismus schien zugunsten des kapitalistischen Westens entschieden. Die Volksrepublik China öffnete ihren potenziell riesigen Markt und wurde zur weltgrössten Güterproduzentin. Auch verschiedene Basler Unternehmen eröffneten im Osten Asiens Fabriken oder platzierten bei Subunternehmen Aufträge.25 Zudem schritt die Integration Europas rasant voran. Der Zugang zum europäischen Markt wurde für die Wirtschaft in Basel wichtiger denn je.

Am 6. Dezember 1992 stimmte die Schweizer Bevölkerung über die Frage ab, ob das Land dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) beitreten sollte oder nicht. Innerhalb dieses Raumes konnten Güter und Dienstleistungen weitgehend frei zirkulieren. Das Resultat der Abstimmung fiel mit 50,3 Prozent Nein-Stimmen denkbar knapp aus. Zugleich liess es eine grosse Uneinigkeit innerhalb der Eidgenossenschaft erkennen. In Teilen der Schweiz stimmten achtzig Prozent für einen Beitritt (Kanton Neuenburg), in anderen 75 Prozent dagegen (Uri). Die beiden Basler Kantone waren die einzigen ausserhalb des französisch sprechenden Landesteils, die für einen Beitritt zum EWR votierten (Basel-Stadt 55,4 Prozent Ja-Stimmen, Baselland 53,2 Prozent).

Das Nein zum EWR war für die Basler Wirtschaft ein Schock. In der Nordwestschweiz sei man auf eine Verbindung mit dem Ausland besonders angewiesen, ohne Zugang zum europäischen Markt drohe die «Isolation» und eine Stellung im «Abseits», befürchtete die Basler Handelskammer.26 Ein Gegenpol zur Handelskammer, die primär Grossunternehmen aus der Region vertrat, war der Basler Gewerbeverband. Seine Wurzeln reichten in die Zeit zurück, in der Zünfte die Regeln der lokalen Wirtschaft aushandelten. Nun repräsentierte er die kleinen und mittleren Unternehmen, die sogenannten KMU. An seinem traditionellen Jahresempfang mit grossem Apéro trafen sich ihre Vertreterinnen und Vertreter zu Hunderten. Der Gewerbeverband appellierte an den inneren Zusammenhalt der lokalen Wirtschaft. Nach dem Nein zum EWR lancierte er 1994 die Werbekampagne ‹Firma Schweiz›. Dabei wurde die Wirtschaft als Kreislauf erklärt, in dem jede und jeder Einzelne einen Beitrag zum Aufschwung leisten kann. Am Anfang eines TV-Werbespots steht denn auch eine einfache Frau aus Basel, die ihr Haus aufhübschen lässt und damit Geld («zäädausig Frangge») in Umlauf bringt: Die Handwerker verköstigen sich im Restaurant, der Wirt begleicht Steuerschulden, der Staat investiert in das Wohl seiner Bürgerinnen und Bürger. Selbst kleinste Aufträge, so die Botschaft des Gewerbeverbandes, hälfen gegen die grassierende Wirtschaftskrise, die Basel zu dieser Zeit massiv verunsicherte.27 Zwischen 1991 und 1998 wurden in Basel 24 000 Stellen abgebaut – mehr als jeder zehnte Arbeitsplatz. Zeitweise kletterte die Arbeitslosenquote auf 5,7 Prozent (1995).28 Arbeitslosigkeit und Armut veränderten das soziale Angebot in Basel. Viele neue private Projekte entstanden, einige davon auf Initiative der Betroffenen selbst. Dazu zählten unter anderem Caritas-Läden, das Arbeitslosenkomitee Basel oder die genossenschaftliche Druckerei Phoenix.29 Letztere ging auf die Initiative von arbeitslosen Druckern zurück. In diesem für Basel seit einem halben Jahrtausend bedeutsamen Gewerbe verloren durch die Digitalisierung zahlreiche Beschäftigte ihre Stelle.

Die Gewerkschaften, seit Jahrzehnten die wichtigsten Vertreter der Interessen von Arbeiterinnen und Arbeitern, taten sich schwer in dieser Krise. Hatten sie in den 1980er-Jahren noch Tausende Mitglieder für Demonstrationen mobilisiert, reagierten sie nun hilflos auf Kündigungen oder den Abbau von Sozialleistungen. Mit der Deindustrialisierung hatte sich die Reichweite der Gesamtarbeitsverträge stark verringert, die Basis der Gewerkschaften war damit erodiert, ihr Einfluss beschränkt. Erst nach der Jahrtausendwende verlagerten sie ihren Fokus auf die Angestellten im Dienstleistungssektor, professionalisierten interne Strukturen und unterstützten gezielt auch Migrantinnen und Migranten, etwa beim Streik der Zentralwäscherei Basel.30 Ende des 20. Jahrhunderts zeigte sich in Basel, dass viele Menschen in prekären Arbeits- und Einkommensverhältnissen lebten. Das Resultat der ersten, 1991 erschienen Basler Armutsstudie war ein Schock. In ihr wurde der Anteil der von Armut betroffenen Menschen in Basel-Stadt auf fünfzehn Prozent beziffert. Viele von ihnen seien zwar erwerbstätig, mit den niedrigen Löhnen sei es aber nicht möglich die hohen Lebenskosten, insbesondere die Mieten, zu decken. Man sprach von «working poor». Armut betraf also nicht nur Randständige, sondern breitere Kreise der Bevölkerung.33

Im nationalen Vergleich hatte Basel-Stadt eine hohe Quote an Sozialhilfebezügerinnen und -bezügern, 2003 waren es 5,5 Prozent, mehr als in jedem anderen Kanton der Deutschschweiz.34 Bis 2009 fiel die Sozialhilfe in die Zuständigkeit der Basler Bürgergemeinde, ehe sie in eine kantonale Stelle überführt wurde. Für viele Menschen in Basel sei sie leider keine «vorübergehende Hilfe in Notlagen», erklärte der Leiter der Sozialhilfe, sondern Existenzgrundlage.35

Die Krise zeigte sich nicht nur bei der Zunahme von Arbeitslosigkeit und Sozialhilfefällen, sondern auch beim Einkommen. Der Anteil von Basel-Stadt am Schweizerischen Volkseinkommen hatte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgenommen, von 6,3 Prozent (1965) auf 4,8 (1975), auf 4,2 (1985), bis auf 3,9 (1995). Bei den durchschnittlichen Einkommen löste Zug den Stadtkanton Ende der 1990er-Jahre von der nationalen Spitzenposition ab.36 Basel war zwar weiterhin eine überaus reiche Stadt. Doch das Problem der Armut hatte zugenommen und die Schere zwischen reich und arm öffnete sich immer weiter. Das reichste Prozent der in Basel lebenden Bevölkerung besass gemäss einer Studie des Soziologen Ueli Mäder mehr steuerbares Einkommen als die restlichen 99 Prozent.37 Gesamtschweizerisch gesehen verlor die Basler Wirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Bedeutung. In den krisenhaften 1990er-Jahren drohte sie vollends ins Abseits zu geraten. Als Standort schien Basel zunehmend ein zu kleiner Akteur, um im internationalen Wettbewerb wahrgenommen zu werden. Insbesondere die Handelskammer verfolgte daher eine aktive Standortpolitik, die eine Vernetzung über nationale und kantonale Grenzen hinweg zum Ziel hatte. So übernahm sie eine führende Rolle in der europäischen Vereinigung der Handelskammern und schloss sich mit dem Verband der Basellandschaftlichen Unternehmen zusammen. Diese Fusion zur Handelskammer beider Basel im Jahr 1997 war ein Beispiel für eine Ballung der regionalen Kräfte. Verschiedene neue Organisationen widmeten sich ebenfalls diesem Anliegen, unter anderem die ‹TriRhena› (1995), die ‹Trinationale Agglomeration Basel› (2002) oder der Verein ‹MetroBasel› (2005).

Mit den bilateralen Verträgen, die die Schweiz 1999 und 2004 mit der Europäischen Union (EU) abschloss, kehrte Zuversicht in die Basler Wirtschaft zurück. Die Abkommen sicherten den Zugang zu neuen Märkten und günstigen Standorten für die Produktion von Gütern. Besonders wichtig für die Grenzstadt war der offene Arbeitsmarkt. Dabei spielten nicht nur die nach wie vor wirtschaftlich bedeutenden Grenzgängerinnen und Grenzgänger eine Rolle, sondern vor allem die sogenannten Expats. Sie prägten die lokale Wirtschaft massgeblich.

Als Expats wurden hochqualifizierte Arbeitskräfte aus aller Welt bezeichnet, im frühen 21. Jahrhundert kamen die meisten aus Deutschland, dem restlichen Europa sowie Ostasien und Nordamerika nach Basel. Sie galten als jenes «Humankapital», das für den Erfolg von Unternehmen unerlässlich war. Basel zeigte sich dementsprechend bemüht, Expats gute Lebens- und Arbeitsbedingungen zu bieten. Die Abkommen zur Personenfreizügigkeit gab Firmen die Sicherheit, dass genügend ausländische Fachkräfte eine Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung erhalten.38

In den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhundert verzeichnete Basel ein kräftiges Wirtschaftswachstum: Alleine in den 2000er-Jahren entstanden 12 000 neue Arbeitsplätze. Das Finanzdepartement kam Unternehmen mit tiefen Steuersätzen entgegen und versicherte der Bevölkerung, Basel stehe «auf sehr gesunden Beinen».39 Eine zentrale Rolle in der Wirtschaftspolitik spielte die Standortförderung, die ausgebaut und professionalisiert wurde. Sie bemühte sich aktiv um die Ansiedlung von auswärtigen Unternehmen und verfolgte die Zielvorstellung des Clusters, also die Herstellung von Netzwerken zwischen Unternehmen, Hochschulen und Institutionen, die wichtige Kompetenzen regional bündeln, verbinden und weiterentwickeln sollten. Das Anliegen von ‹Basel Area›, einer von den Kantonen Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Jura unterstützten Organisation zur Standortförderung, war denn auch, «Ressourcen miteinander in Kontakt» zu bringen.40 Vom Primat der Wirtschaft und dem Ziel der Standortförderung zeugten auch offizielle Partnerschaften, die Basel-Stadt im 21. Jahrhundert einging. So verband Basel sowohl mit dem US-Bundesstaat Massachusetts (2002) als auch mit der chinesischen Metropole Schanghai (2007) in erster Linie gemeinsame Interessen im Bereich der Wirtschaft. An beiden Orten eröffneten Basler Konzerne grosse Labors, an denen im Bereich der Life Science gearbeitet wurde. Diese Branche hatte sich zum mit Abstand bedeutendsten Cluster in Basel entwickelt. Während andere, lange prosperierende Geschäftsfelder wie die Logistik oder die Finanzwirtschaft an Bedeutung verloren, verzeichneten die führenden Life-Science-Unternehmen der Region eine beispiellose Wertschöpfung.

Metamorphosen der Basler Chemie

«Ob es uns passt oder nicht», kommentierte Toya Maissen Mitte der 1980er-Jahre, «die Region Basel und die Basler Chemie leben in einer Ehe, für die es keine Scheidungsmöglichkeit gibt».41 Die Dynamik der Beziehung beschrieb die Journalistin mit bissiger Ironie: «Die Bevölkerung, der andere Partner in dieser Ehe, fühlte sich beschützt, sicher aufgehoben und unterwarf sich – gelegentlich nicht ohne Lust.»42 Ob der vermeintliche Bund fürs Leben halte – diese Frage beschäftigte die Stadt immer wieder. Indizien für eine Scheidung wurden aufmerksam registriert. Dabei nahm man in der Bevölkerung lange kaum wahr, dass sich der Ehepartner grundlegend veränderte. Aus der Basler Chemie entstand etwas Neues, im Laufe der 1990er-Jahre etablierte sich dafür der Anglizismus Life Sciences. Mit dem englischen Begriff für ‹Lebenswissenschaften› wurde die Abkehr von der Schwerindustrie betont, er stand synonym für industrielle Aktivitäten im Bereich von Gesundheit, Ernährung und Landwirtschaft. In der Bevölkerung setzte sich die neue Bezeichnung lange nicht durch, in der Stadt und darüber hinaus war noch im 21. Jahrhundert die Rede von der Basler Chemie.43

Spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Basel und Chemie als geradezu schicksalshaft verbundenes Paar wahrgenommen. Dabei haftete der Leitbranche zunächst die schier unwiderstehliche Aura einer Zukunftsindustrie an, ihre Produkte galten als Zeichen des Fortschritts.44 Insbesondere das Geschäft mit der Gesundheit florierte. Um 1950 hatten Pharmazeutika die Farbstoffe als wichtigste Umsatzträger abgelöst und die grössten Basler Firmen behaupteten sich erfolgreich im internationalen Wettbewerb um lukrative Innovationen. Zu ihren neueren Erzeugnissen zählten pionierhafte Arzneimittel zur Behandlung der Depression, von Rheuma oder der Tuberkulose, die «Wunderdroge» LSD oder das Benzodiazepin Valium, meistverkauftes Medikament der Welt und ‹Mother’s Little Helper› im gleichnamigen Song der Rolling Stones (1966). Dazu kam der massenhafte Absatz von Hormon- und Vitaminpräparaten sowie neuartige Pestizide gegen sogenanntes Ungeziefer. Mit der Agrarchemie entwickelte die Basler Chemie einen weiteren umsatzstarken Bereich neben Farbchemie und Pharma. Eines der erfolgreichsten und zugleich umstrittensten Produkte aus Basler Labors war das Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan, kurz DDT.45

Um 1960 war die chemisch-pharmazeutische Industrie in vieler Hinsicht zu gross geworden für Basel. Die Firmenareale in der Stadt waren ausgelastet, teils überlastet. Die zahlreichen neuen Fabriken verteilten sich über alle Kontinente, einige davon standen in der Region selbst, etwa in Kaiseraugst, Kaisten, Sisseln, Stein, im deutschen Grenzach und in den französischen Orten Huningue und Village Neuf. Die teils hochgiftigen Abfälle aus ihrer Produktion entsorgte die Basler Chemie in Dutzenden Deponien, die damit verbundenen Gefahren belasteten strukturschwache Dörfer wie das jurassische Bonfol. Dort, auf dem Land, nicht im urbanen Basel, drohte der Abfluss von allerlei Schadstoffen in das Trinkwasser.46

Für die Grossunternehmen aus Basel liefen die Geschäfte derweil rund. Mit dem schubhaften Wachstum der Umsätze in aller Welt nahmen in den Basler Firmenzentralen insbesondere die administrativen, juristischen und kommunikativen Herausforderungen zu. Zu den Abteilungen, die Mitte des 20. Jahrhunderts stark an Bedeutung gewannen, zählte das Marketing, ein Bereich, in dem Firmen wie Geigy oder Roche neue Standards setzten in der Pharmaindustrie.47 Zur gleichen Zeit brachten die strengeren Zulassungsbestimmungen durch Gesundheitsbehörden wie die amerikanische ‹Food and Drug Administration› (FDA) einen massiven Ausbau der betriebsinternen Rechtsabteilungen mit sich. Unterdessen erlitt der Beruf des Chemikers – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch der vielleicht angesehenste in Basel – einen markanten Prestigeverlust. Die Branche rekrutierte zunehmend Fachleute aus Medizin, Pharmazie oder Biologie für ihre Forschungsabteilungen, die besser ausgerüstet und stark vergrössert wurden.48

Zugleich waren Arbeiterinnen und Arbeiter nach wie vor unverzichtbar für die chemisch-pharmazeutische Industrie am Standort Basel. Viele von ihnen kamen aus dem Elsass oder stammten aus südeuropäischen Ländern. Ihre Tätigkeitsfelder umfassten das Abpacken von Medikamenten, das Reinigen von Farbtrögen und vieles mehr. Ihrer Erfahrung nach war Basel Ende der 1960er-Jahre mehr denn je eine Stadt der Chemie. Wie bedeutend die Leitbranche für die Stadt geworden war, zeigte sich 1970 bei der Fusion von Ciba und Geigy. Der Zusammenschluss der Basler Traditionsunternehmen war ein prägendes Ereignis für knapp 70 000 Mitarbeitende weltweit. Es handelte sich dabei um die bis dahin grösste Fusion in der Schweiz. Die neu entstandene ‹Ciba-Geigy› war nun nach Nestlé das zweitgrösste Unternehmen des Landes. Die Bevölkerung nahm die Dimensionen der «Basler Heirat» erstaunt zur Kenntnis. Es blieb ihr die Hoffnung, die Ehe möge, wenn nicht glücklich, dann zumindest erfolgreich sein.49 Spätestens jetzt hatte sich das Bild einer Abhängigkeit der Stadt von der Chemie festgesetzt in den Köpfen vieler Baslerinnen und Basler.

Seine Stellung als führender Standort der chemisch-pharmazeutischen Industrie in der Schweiz hatte Basel zu diesem Zeitpunkt längst bewiesen. Bereits in den 1960er-Jahren hatte Roche das Genfer Grossunternehmen Givaudan (Riechstoffe und Aromen) übernommen. Sandoz wiederum kaufte 1967 den Nahrungs- und Pharmaproduzenten Wander, was in Bern die Befürchtung hervorrief, ein wertvolles Steuersubstrat wandere ab nach Basel.50 In der Heimatstadt beschäftigte die Basler Chemie 1970 über 27 000 Menschen.51 Viele andere Branchen in der Region profitierten indirekt vom wirtschaftlichen Erfolg der Leitindustrie. So standen Chemiefirmen beispielsweise hinter zwei Dritteln aller Aufträge, die eine Basler Baufirma verzeichnete, und der mitten in der Stadt ansässige Maschinenfabrikant Willy A. Bachofen produzierte – neben «Hühner-Rupfmaschinen» oder einer «Tabak-Setzling-Setzmaschine» – in erster Linie, was die chemisch-pharmazeutische Industrie benötigte: Rührwerke, Tablettenabfüllmaschinen, Schleuderpumpen und so weiter.52 Ende der 1970er-Jahre ergab eine Studie, dass mehr als die Hälfte der Wertschöpfung in der Nordwestschweiz direkt oder indirekt auf die Chemieindustrie zurückging. Die Schlussfolgerung: «Die Geschicke der Region werden zu 56 Prozent durch die Chemie bestimmt.»53

Der bei weitem grössere Teil der sogenannten Basler Chemie arbeitete jedoch nicht in der Nordwestschweiz, sondern im Ausland. Die Zahl der ausländischen Tochtergesellschaften hatte sich von 1950 bis 1970 verdoppelt, je nach Firma war in Basel gerade einmal ein Fünftel bis ein Drittel der Mitarbeitenden beschäftigt.54 Das globale Geschäft mit chemisch-pharmazeutischen Produkten hatte stabilisierende Effekte für die Basler Wirtschaft. Nach dem Ende der Hochkonjunktur und den Ölpreisschocks der 1970er-Jahre erwies sich die Branche als krisenresistent, zumindest im Vergleich mit Industriezweigen, die in anderen Regionen der Schweiz eine ähnliche Bedeutung hatten. Während in anderen Städten zahlreiche Uhren- und Maschinenfabriken schliessen mussten und viele Arbeiterinnen und Arbeiter daraufhin ihre Stelle verloren, verdeckte in Basel die relativ stabile Ertragslage der Chemiefirmen lange die Deindustrialisierung in anderen Branchen der lokalen Wirtschaft. Diese hatte die chemisch-pharmazeutische Industrie längst überholt: 1945 beschäftigte sie etwa einen Drittel aller in Basel tätigen Arbeiterinnen und Arbeiter, Ende der 1980er-Jahre waren es über achtzig Prozent.55

Doch das Ende der Hochkonjunktur ging auch an den Basler Chemie- und Pharmafirmen nicht spurlos vorbei. Seit Ende der 1970er-Jahre strichen sie vor allem am Stammsitz Stellen. Oftmals setzten sie dabei auf das Mittel der Frühpensionierung. «Es hat keine Chemiearbeiter mehr in Basel», erinnerte sich ein Zeitzeuge an die neue Situation. Es seien immer weniger Menschen aus der Region in der Chemie tätig gewesen. Während früher jede und jeder jemanden gekannt habe, der in der chemischen Industrie arbeitete, sei das je länger desto weniger der Fall gewesen. Die Identifikation der Baslerinnen und Basler mit der Chemie habe deshalb abgenommen.56

Am Ende des 20. Jahrhunderts erfasste die allgegenwärtige Bezeichnung ‹Basler Chemie› die Realität kaum mehr. Die Konzerne hatten die Produktion von Farben und anderen Chemikalien heruntergefahren oder ganz eingestellt und sie trennten sich bereits wieder von Geschäftsfeldern, die sie in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge einer breiten Diversifikation erschlossen hatten.57 In der Öffentlichkeit hatte ihr Ruf seit den 1970er-Jahren schwer gelitten. Aus der einstigen Zukunftsindustrie war ein Menetekel des Industriezeitalters geworden. Spätestens seit dem Unglück bei Seveso (1976) und der Katastrophe in Schweizerhalle im Basler Vorort Muttenz (1986) galt die Basler Chemie vielen als unerträgliches Risiko.

1996 folgte die zweite Basler Grossfusion, die einen Wendepunkt in der Wirtschafts- und Stadtgeschichte markierte. Aus dem Zusammenschluss von Sandoz und Ciba-Geigy, die seit 1992 als ‹Ciba› firmierte, entstand ‹Novartis›. Es handelte sich um die bis dahin grösste Fusion von zwei Industrieunternehmen weltweit. Kommentatoren sprachen von einem Entscheid, der «die Region weitgehender beeinflusst, als alle Entscheide der demokratisch gewählten lokalen und nationalen Parlamente und Regierungen der letzten Jahre».58 Anders als die «Basler Heirat» von 1970 fiel diese Fusion mitten in eine Zeit der wirtschaftlichen Krise. An eine harmonische Ehe zum Wohle der Stadt glaubten nur noch wenige.

Mit dem Zusammenschluss wurde die Verwandlung der Basler Chemie augenfällig. Der Name Novartis stand für «neue Künste», lateinisch «novae artes». Ihr Geschäft seien die Life Sciences, erklärte die Konzernspitze, zu Deutsch: Lebenswissenschaften. Im neuen Jahrtausend bauten weltbekannte Architekten, darunter Frank Gehry oder die Basler Büros Diener & Diener Architekten und Herzog & de Meuron, für Novartis einen «Campus des Wissens», der die neue Ausrichtung des Konzerns versinnbildlichte: Labors statt Fabrikhallen, Wissenschaften statt Industrie, Biotechnologie statt Chemie.59 Die biologische Forschung hatte am Ende des 20. Jahrhunderts grosse Fortschritte gemacht. Unter anderem wurde es möglich, Gene zu kodieren und zu klonieren, die Aktivität von Enzymen oder Rezeptoren zu messen und nach Substanzen zu suchen, die biochemische Ziele selektiv angreifen. Damit verbunden waren neue Perspektiven für die industrielle Forschung in Basel. Zu ihren bedeutenden Produkten zählten Arzneimittel wie Ciclosporin, ein Immunsuppressivum, das die Transplantationsmedizin revolutionierte, oder eine Reihe von Krebsmedikamenten, die als monoklonale Antikörper verabreicht wurden. Parallel dazu betrieben Institutionen wie das Biozentrum der Universität Basel Grundlagenforschung auf Weltklasseniveau. Ihre enge Verbindung zu den Wissenschaften galt seit jeher als Lebenselixier für die Basler Chemie.60

Gleichzeitig war Basel ein Ort, an dem die neuen Methoden der biologischen Forschung heftig kritisiert wurden, insbesondere gezielte Eingriffe in das Erbgut von Menschen, Tieren und Pflanzen. An der Gründungsveranstaltung des Vereins Basler Appell gegen Gentechnologie 1988 trafen sich prominente Kritikerinnen und Kritiker der neuen Technologie, darunter Nationalrätinnen und ein späterer Basler Regierungspräsident. Sie sahen in der Gentechnik die nächste grosse Gefahr, vergleichbar mit der Atomkraft und Giftstoffen. Ihre Referenzen waren das AKW Kaiseraugst und die Chemiekatastrophe in Schweizerhalle. Mit Verweis auf die Vergiftung des Rheins lautete ein Slogan: «Durchbruch in Gen-Technologie: Sandoz macht Fische zur Sau.» Die Karikatur dazu zeigte ein Mischwesen mit Schuppen und Ringelschwanz, eine Mutation à la Frankenstein, ein genmanipuliertes Monster. Die Furcht vor der Gentechnologie war weitverbreitet, in der Schweiz löste sie die Sorge um die Gefahren von Atomkraft und Chemie ab.

1989 erhob der Basler Appell Einsprache gegen die Baupläne eines weiteren Biotechnikums. Damit war der politische Kampf um die Gentechnologie eröffnet. Aufgrund vielfacher Einsprachen gab die Bauherrschaft Ende 1991 bekannt, das Forschungsgebäude nicht in Basel, sondern in Frankreich zu bauen. Im Nationalrat löste der Entscheid gegen den Forschungsstandort Schweiz eine Grundsatzdebatte über Gentechnologie aus. In Basel setzte er unterdessen grosse Befürchtungen frei. Die Bevölkerung fragte sich, ob die Basler Chemie auf dem Sprung ins Ausland war.61

Zum Showdown kam es mit der eidgenössischen Volksinitiative ‹Zum Schutz von Leben und Umwelt vor Genmanipulation›. Im Vorfeld der Abstimmung hatten sich Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaften gegen die Initiative des ‹Basler Appells› engagiert. Eine Annahme, so ihre Botschaft, wäre verheerend für die Forschungsnation im Allgemeinen und den Standort Basel im Besonderen. Die deutliche Ablehnung der Vorlage 1998 war eine Überraschung, für die Life Sciences war sie ein Befreiungsschlag. Noch deutlicher war 1985 eine andere Volksinitiative verworfen worden, die weitreichende Konsequenzen für die Forschung gehabt hätte. Schweizweit lehnten siebzig Prozent der Stimmenden das zur Debatte stehende Verbot der Vivisektion, also von Tierversuchen, ab, in Basel-Stadt gar knapp 75 Prozent. In keinem anderen Kanton war der Bedarf an Versuchstieren so gross wie hier.62

‹Die lautlose Revolution› – Life Sciences in Basel

Um die Jahrtausendwende erfand sich die Basler Leitbranche neu: Die Basler Chemie präsentierte sich nun als Life-Science-Cluster.67 Dieser setzte sich aus den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Landwirtschaft zusammen. Mit Abstand am bedeutendsten für Basel war das Geschäftsfeld Gesundheit. Es erzielte einerseits eine besonders hohe Wertschöpfung, anderseits war es durch einen extrem hohen Grad an Arbeitsteilung gekennzeichnet. Neben Roche und Novartis zählten auch der Implantathersteller Straumann oder Lonza, ein Zulieferer mit bedeutenden biotechnologischen Produktionsanlangen in Visp (Wallis), zu den global operierenden Unternehmen aus Basel. Der Standort war für ausländische Konzerne interessant. Viele von ihnen eröffneten hier regionale oder kontinentale Repräsentationen. Zudem entstanden aus Spin-offs oder Start-ups zahlreiche Unternehmen, die sich teils als Zulieferer, teils als Dienstleister, teils auch als Innovatoren etablierten. Letztere waren auf dem Markt besonders gefragt. So kaufte ein US-Konzern 2017 das zwanzig Jahre zuvor in Allschwil entstandene Unternehmen Actelion, und ein chinesisches Staatsunternehmen übernahm 2015 den Basler Agrarchemiekonzern Syngenta. Beide Transaktionen beliefen sich auf Dutzende Milliarden Schweizerfranken. Die Lebenswissenschaften waren ein lukratives Geschäft, nirgendwo auf der Welt war ihre Bedeutung für den Standort grösser als in der Region Basel.68

Auch für die Volkswirtschaft der Schweiz war die chemisch-pharmazeutische Industrie eminent wichtig. Ihr Anteil am Gesamtexport stieg von knapp fünf Prozent (1970) auf gut fünfzig Prozent (2020). Um 1990 hatte sie die Uhrenindustrie überholt, 2000 löste sie die Maschinenindustrie von der Spitzenposition ab.69 Die Basler Unternehmen Roche und Novartis waren gemessen an ihrem Börsenwert zeitweise die grössten Pharmaunternehmen weltweit. Ihr Geschäft galt als zukunftsträchtig, zumal die Gesellschaft bereit war, für die Gesundheit immer mehr Geld auszugeben. Davon profitierten auch Basler Spitäler und medizinische Praxen, die ein hohes Wachstum an durchgeführten Behandlungen verzeichneten. Am Ende des 20. Jahrhunderts war das Gesundheits- und Sozialwesen der grösste Arbeitsgeber in Basel, seither wuchs dieser Bereich weiter, alleine in den 2010er-Jahren stieg die Zahl der hier Beschäftigten um über elf Prozent.70

Welche Dimension das Geschäft mit der Gesundheit angenommen hatte, zeigte der Ausbau des Areals von Roche am eindrücklichsten. In den 2010er- und 2020er-Jahren baute der Konzern Türme, die fast doppelt so hoch waren wie das nächstkleinere Gebäude in der Stadt.71 Der neue Massstab provozierte Debatten. «Er zeigt die realen Machtverhältnisse in Basel», urteilte ein Soziologe, «das hat eine brutale Ehrlichkeit».72

Die Transformation der Basler Chemie zu einem internationalen Zentrum der Life Sciences war zwar von wirtschaftlichem Erfolg gekrönt. Aber es blieb das ungute Gefühl, auf Gedeih und Verderb von einer einzigen Branche abhängig zu sein. Diese Abhängigkeit hatte nach 1960 noch zugenommen, denn viele einstmals prosperierende Geschäftsfelder in Basel verloren in der Zwischenzeit an Bedeutung, darunter die Banken. Im Gegensatz zu den Life Sciences bildeten sie um 2020 längst keinen wirtschaftlichen Schwerpunkt der Stadt mehr, geschweige denn ein international bedeutendes Zentrum.

Alter Handelsplatz abseits der Finanzmetropolen

In der Mitte des 20. Jahrhunderts veränderte der Bau moderner Bürohäuser das Basler Stadtbild: in der Horizontale etwa der Hauptsitz der Schweizerischen Treuhandgesellschaft an der St. Jakobstrasse, in der Vertikale das unweit davon gelegene Hochhaus der Versicherung Patria, mit 45 Metern damals eines der höchsten der Stadt. Sie signalisierten den Aufstieg des tertiären Sektors und den Wandel der Stadt zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Bei genauerer Betrachtung gaben sie auch Hinweise auf Eigenheiten, die in der alten Handelsstadt fortwirkten.73

Nicht selten überraschte das Innere der modernistischen Neubauten. Während Passantinnen und Passanten aussen kaum mehr als Metall, Beton und Glas sahen, bewahrten die Interieurs den Bezug der Firma zur Heimatstadt. Zu ihren eigenen «Kleinodien» zählte die Patria-Versicherung, mit 500 Mitarbeitenden eine wichtige Arbeitgeberin in Basel, auch ein altmodisch hergerichtetes Sitzungszimmer. Ein Panneaux aus dem 18. Jahrhundert zierte den Raum im obersten Stock des modernen Hochhauses an der St. Alban-Anlage. Die kunstvollen Wandgemälde stammten aus einer abgebrochenen Basler Villa. Das zur Schau gestellte Klassenbewusstsein zeigte sich auch bei der Leitung der Versicherung. So legte die Patria in einer Jubiläumsschrift Wert auf die Feststellung, dass sich der «Verwaltungsrat bis zum Jahre 1970 einzig aus Basler Herren zusammensetzte».74

«Basler Herren» an der Spitze der grössten Unternehmen in der Stadt – das war bis dahin der Status quo. Oftmals kannten sich diese Männer schon lange. Sie hatten dieselben Schulen besucht, waren Mitglieder einer Studentenverbindung, einer Zunft, einer Partei, üblicherweise der liberalen LDP, sie hatten im Militär bis zu den höchsten Graden gedient, sassen meist in mehr als einem Verwaltungsrat und nicht selten waren sie auch verwandtschaftlich miteinander verbunden. Viele von ihnen trugen einen Namen, der auf die Zugehörigkeit zu einem einflussreichen Bürgergeschlecht hinwies, etwa Burckhardt, Iselin oder Vischer. Diese Namen, die in Basel mit dem alten Patriziat, dem sogenannten Daig, verbunden wurden, prägten die Wahrnehmung der Stadt. Der Daig galt und gilt in der Schweiz als Inbegriff einer verschwiegenen und machtvollen Elite. Die altbekannten Familien schienen in Basel lange alles zu kontrollieren, insbesondere die Wirtschaft.75

Die anhaltende Bedeutung der Familienunternehmen war indes nicht auf Basel beschränkt. Wie eine Erhebung zu den dreissig grössten Unternehmen der Schweiz zeigt, spielte die Familie bei etwa einem Drittel dieser Firmen um 1960 die prägende Rolle, sowohl in der Leitung wie bei den Besitzverhältnissen. Auch die engen Bande innerhalb einer relativ kleinen Gruppe von Männern war kein lokales Phänomen, vielmehr waren die «Basler Herren» Teil eines nationalen «Old-Boy»-Netzwerks, das in den 1960er-Jahren seine grösste Dichte erreichte und in der Forschung als «Festung Schweiz» charakterisiert wird.76

Während die «Basler Herren» ganz oben in der sozialen Hierarchie standen – buchstäblich in der Beletage –, fand man in den unteren Chargen der Unternehmen oftmals Frauen. Als klassische weibliche Arbeiten galten etwa das Abtippen, Putzen oder Verpacken. Sie waren chronisch schlecht bezahlt. Ein wohlhabender, in Herkunft und Habitus geradezu prototypischer «Basler Herr» war Alfred E. Sarasin, seine Angestellten nannten ihn «Herr Alfred», die Presse «Mr Swiss Bank».77 Er verkörperte den Bankier alter Schule und erinnerte damit an die Blüte des Finanzplatzes Basel. Seine Vorfahren hatten 1841 die Privatbank Sarasin gegründet und engagierten sich erfolgreich für die Etablierung der Basler Börse (1876) und der Schweizerischen Bankiervereinigung mit Sitz in Basel (1912). Als Sarasin 1922 zur Welt kam, war Basel der zweitwichtigste Bankenstandort in der Deutschschweiz nach Zürich. Im Laufe seines Lebens erlebte er, wie die Grundfesten des Bankenplatzes ebenso ins Wanken gerieten wie die Dominanz der «Basler Herren». In den 1960er-Jahren war Alfred E. Sarasin gleichzeitig Leiter der Bank Sarasin, Präsident der Basler Börsenkammer, Basler Grossrat, Verwaltungsrat zahlreicher Unternehmen und Präsident der national überaus einflussreichen Schweizerischen Bankiervereinigung. Zu dieser Zeit waren in Basel eine Reihe bedeutender Bankhäuser ansässig, darunter vornehme Privatbanken wie Sarasin oder La Roche & Co., ebenso die WIR Bank oder die Genossenschaftliche Zentralbank (ab 1970 Bank Coop) sowie grosse Filialen der Volksbank, der Bankgesellschaft und der Kreditanstalt. Oberhalb von Kunsthalle und Theater thronte die vierte Grossbank der Schweiz, der 1854 in Basel gegründete Schweizerische Bankverein (SBV).

Der SBV expandierte in der Nachkriegszeit: Von 1962 bis 1972 stieg die Zahl der Mitarbeitenden von 5400 auf 9400, seine Filialen verteilten sich nun über alle Kontinente. Die Basler Grossbank war eine Pionierin der elektronischen Datenverarbeitung. In Basel übernahm der SBV binnen weniger Jahre unter anderem das traditionsreiche Bankhaus Ehinger & Cie (1974), die Bank für Hypothekarkredite und die Basler Handwerkerbank (beide 1979).78 Letztere hatte erst kurz zuvor bei der Tramhaltestelle Bankverein einen neuen Hauptsitz eröffnet. Der SBV, dieser «unersättliche Riese», fresse die Kleinen, kommentierte eine lokale Zeitung.79

Zunehmend orientierte sich der SBV an den internationalen Märkten, die sich nach 1980 öffneten. Die Verflechtung veränderte das Bankengeschäft massgeblich. Der Handel mit Wertpapieren, Derivaten oder Fonds versprach im Vergleich mit dem traditionellen Kreditgeschäft spektakuläre Renditen. In der Schweiz stieg die Börsenkapitalisierung von 76 Milliarden Franken (1980) auf 212 Milliarden (1990) und 1039 Milliarden (2000). Die Emission von Aktien hing auch mit dem steigenden Bedarf an Kapital zusammen, denn die Rezession hatte die Eigenmittel vieler Firmen zum Schmelzen gebracht. Galt früher der hohe Grad der Selbstfinanzierung als Merkmal von Unternehmen aus der Schweiz, wurden viele von ihnen nun selbst zu Objekten des Handels. Mit den gewaltigen Kapitalmengen, die an den Börsen eingesetzt wurden, konnte die alte Elite nicht mehr mithalten, auch in Basel nicht.80

Die wichtigen Geschäfte fanden zunehmend in den globalen Finanzmetropolen statt: Frankfurt am Main, London, New York, Singapur oder Tokio. In der Schweiz war Zürich die unangefochtene Drehscheibe des Kapitals.81 Die Basler Börse dagegen hatte an Relevanz verloren. Ursprünglich war sie die bedeutendste auf dem schweizerischen Kapitalmarkt gewesen und in der Nachkriegszeit galt sie als eine der innovativsten. Die vom Kanton beaufsichtigte Basler Börse etablierte bereits in den 1960er-Jahren das Börsenfernsehen, übertrug die relevanten Kurse in die Grossraumbüros der Banken und führte früh neue Wertpapiere ein. 1985 zog sie vom Fischmarkt an den Aeschenplatz, die Zahl der Ringe war in den vergangenen zehn Jahren von einem auf drei erhöht worden. Doch der Schein trog, der Parketthandel hatte mit dem enormen Wachstum der Handelsvolumen ausgedient. In der Schweiz hatte sich das internationale Kapitalmarktgeschäft nach Zürich verlagert. Mitte der 1990er-Jahre gab die Basler Börse den Handel auf und schloss sich mit ihren Pendants in Genf und Zürich zur Schweizer Börse zusammen – mit Sitz in Zürich, nicht in Basel.82 Paradoxerweise befand sich eines der bedeutendsten Finanzinstitute der Welt weder in der Finanzhochburg Zürich noch in Genf, dem Standort vieler bedeutender internationalen Organisationen und Privatbanken, sondern in Basel. Hier wurde 1930 die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) gegründet. Die BIZ verwaltete Währungsreserven zahlreicher Länder und Institutionen, in erster Linie war sie ein Dreh- und Angelpunkt der globalen Währungspolitik. In Basel trafen und treffen sich bis heute regelmässig die Spitzen der wichtigsten Zentralbanken der Welt. In den 1960er-Jahren nannten sie ihre Runde den «Basel Club». Es sei der ideale Ort gewesen für Zentralbanker, die eine Möglichkeit für ruhige und vertrauliche Gespräche suchten, erinnerte sich ein Amerikaner, der regelmässig dabei war – «a sort of group therapy».83 Was in Basel abgemacht wurde, sei umgesetzt worden, beteuern Männer, die damals den «Basel Club» bildeten – Frauen sind auf den wenigen Fotografien der Meetings nicht zu finden. In unmittelbarer Nähe zum Basler Hauptbahnhof verhandelten die Notenbanken in einem diskreten Ambiente über monetäre Weichenstellungen, die das Leben von Millionen Menschen beeinflussen sollten. Der erste Hauptsitz der BIZ lag in einem ehemaligen Hotel, rechtlich gesehen handelte es sich bei den Räumlichkeiten um exterritoriales Gebiet. Die BIZ bezahlte keine Steuern und durfte nicht betreten werden, auch nicht durch die Polizei. In Basel galt das Institut als geheimnisvoll und wurde kaum wahrgenommen, bevor sich die BIZ einen neuen Hauptsitz baute. Nachdem die Bevölkerung 1972 ein Referendum gegen den BIZ-Turm ablehnte, begannen die Arbeiten an einem aufsehenerregenden Neubau. Bei seiner Einweihung 1977 war der BIZ-Turm mit knapp siebzig Metern der dritthöchste der Stadt und erregte durch seinen runden Grundriss und die bronzeschimmernde Fassade viel Aufmerksamkeit. Doch auch nach dem Umzug in den futuristisch anmutenden Hauptsitz blieben die Tätigkeiten der BIZ der breiten Öffentlichkeit verborgen.

Die Aufgaben der BIZ wurden mit der Globalisierung vielfältiger und komplexer. Dazu zählen auch Instrumente für eine Aufsicht der Banken. Die als «Basler Akkord» bekannt gewordenen Eigenkapitalvorschriften ‹Basel I› (1988), ‹Basel II› (2004) und ‹Basel III› (2010) wurden zum internationalen Standard.84 Die Instabilitäten des globalen Finanzsystems nahmen mit dem «Basler Akkord» jedoch kein Ende. Nach 2007 rissen insolvente Banken die Weltwirtschaft in eine gravierende Krise. Bei ihren regelmässigen Treffen im runden Turm zu Basel debattierten die Notenbankerinnen und -banker darüber, wie das globale Finanzsystem wieder ins Lot zu bringen sei. Der Ruf vieler Banken war dennoch ramponiert, in der Öffentlichkeit galten sie auf Jahre hinaus als gewissenlose «Gambler». Die neue Welt des globalisierten, ganz auf Börsenkurse ausgerichteten Bankings repräsentierte in der Schweiz kaum jemand so sehr wie Marcel Ospel. Im Unterschied zum Basler Bankier Alfred E. Sarasin stammte Ospel aus einfachen Verhältnissen. Aufgewachsen in Kleinbasel, machte er eine Lehre beim SBV, bewährte sich in London, New York und Zürich und stieg 1990 in die Geschäftsleitung auf. Ospel – Tambour an der Basler Fasnacht und ‹European Banker of the Year 1997› – verfolgte das Ziel, den SBV an die Spitze der Finanzwelt zu führen. An der 1998 vollzogenen Fusion mit der Schweizerischen Bankgesellschaft aus Zürich war der Manager massgeblich beteiligt. Die daraus entstandene UBS verfügte über die zweithöchste Bilanzsumme weltweit und zwei Hauptsitze, einen in Basel und einen in Zürich. Ihr Chief Executive Officer (CEO) war Ospel, der sich damit dem Zenit seiner Karriere näherte. Kurz darauf wurde er zur öffentlichen Reizfigur.85

Die Wirtschaft der 1990er-Jahre war geprägt von Fusionen, insbesondere in Basel. Die Fusion von UBS und Novartis zählte zu den weltweit bedeutendsten Firmenzusammenschlüsse jener Zeit. Auch bei der Marktkonzentration in der Versicherungsbranche spielte der Standort Basel eine wichtige Rolle. Die bereits erwähnte Patria-Versicherung schloss sich 1996 mit der Helvetia aus St. Gallen zusammen. Der Hauptsitz der Versicherungsgruppe lag nicht in Basel, sondern in der Ostschweiz. Die Helvetia-Fusion war ein Indiz für den abnehmenden Einfluss jener «Basler Herren», aus deren Kreis die Vorgängerin Patria ihre Verwaltungsräte rekrutiert hatte. Das einst dichte Netzwerk der alten Basler Elite hatte sich bis in die 1990er-Jahre weitgehend aufgelöst, die Klubmentalität abgenommen, der wirtschaftliche Einfluss des sogenannten Basler Daigs ebenfalls. Was den Nachkommen verschiedener Familienfirmen erhalten blieb, waren teilweise sehr umfangreiche finanzielle Mittel. Sie liessen sich an Börsen oder Immobilienmärkten gewinnbringend anlegen oder philanthropisch einsetzen, letzteres nicht selten für kulturelle Zwecke.

An die Stelle des scheinbar allmächtigen Patrons trat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend der Typus des profitorientierten Managers wie ihn UBS-Chef Ospel für viele verkörperte. Die neuen, vorwiegend in den USA erdachten und erprobten Methoden der Unternehmensführung fanden in der Basler Wirtschaft bereits in den 1960er-Jahren prominente Anhänger, einige forderten damals eine «Management Revolution».86 Als eine der ersten Institutionen in der Schweiz setzte sich das 1965 gegründete Betriebswirtschaftliche Institut der Universität Basel mit den neuen Ideen der Unternehmensführung auseinander.

Zu den Grundsätzen des Managements zählten die Meritokratie und die Definition von Zielen, an denen sich die Leistung des Einzelnen messen liess. Bei der Rekrutierung der Kader kamen psychodiagnostische Instrumente und Eignungstests zum Einsatz, der in der Schweiz lange wichtige Militärgrad nahm an Bedeutung ab, während Ausbildungen wie jene eines Masters of Business Administration (MBA) zunahmen. Die neusten Erkenntnisse aus der Welt des Managements vermittelten nicht zuletzt Beratungsunternehmen wie McKinsey & Company oder das 1959 in Basel gegründete Büro Prognos.87 In den 1990er-Jahren hatte sich die Unternehmensrevolution auch in Basel durchgesetzt, nun standen kaum mehr «Basler Herren» an der Spitze der grössten Unternehmen, sondern Manager. Oftmals stammten diese aus dem Ausland, immer noch gelangten fast ausschliesslich Männer in die Geschäftsleitung. Als Alfred E. Sarasin – «Basler Herr» und «Mr Swiss Bank» – im Jahr 2005 starb, waren wichtige Säulen des einst stolzen Bankenplatzes Basel weggebrochen. Vierzig Jahre zuvor hatte ein Dutzend Privatbanken ihren Hauptsitz in Basel, 1999 waren es nur noch vier.88 Das Stadtbild prägten nun Filialen von auswärtigen Bankhäusern. Knapp zwei Jahre nach Sarasins Tod kaufte eine holländische Bank das Unternehmen der Familie Sarasin, ab 2011 wurde es von einem brasilianischen Konglomerat kontrolliert. Neben den Privatbanken verabschiedete sich auch die Grossbank UBS zunehmend vom Standort Basel. 2014 gab die UBS ihren Doppelsitz Basel/Zürich auf. Nun war Zürich alleiniger Hauptsitz der Holding, was Basel als Bankenplatz weiter schwächte.

Unter der Ägide von Marcel Ospel, seit 2001 Verwaltungsratspräsident, hatte die UBS aggressiv expandiert, insbesondere in den USA. Mit dem Ausbruch der Finanzkrise geriet die spekulative Geschäftspolitik in die Kritik, 2008 resultierten Verluste und Abschreibungen von Dutzenden Milliarden Schweizerfranken. Wie andere Banken in den USA und Europa erhielt auch die UBS staatliche Hilfe, um einen Konkurs zu verhindern. Die Rettung der UBS war eine Zäsur in der Geschichte der Schweiz.89 Auf Veranlassung der Eidgenössischen Bankenkommission gab Ospel sein Amt auf – in der Öffentlichkeit war der Basler in Ungnade gefallen. Mit bis zu 28 Millionen Franken Jahreslohn galt er als Inbegriff für die Raffgier moderner Manager.90 In der Schweiz etablierte sich der Begriff «Abzocker» für die fürstlich verdienenden Manager grosser Finanzhäuser und multinationaler Konzerne. Schätzungen zufolge hatten sich die Spitzenlöhne in der Schweizer Wirtschaft zwischen den 1980er- und 2010er-Jahren mehr als verfünffacht.91

Nach der Finanzkrise nahm die Bedeutung der Banken als Arbeitgeberinnen in Basel nochmals deutlich ab. Zwischen 2008 und 2014 sank die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Bereich um zehn Prozent, in Zürich stieg sie leicht an. Dort arbeiteten 27 Prozent in der Finanzbranche, in Genf 8,5 Prozent, in Basel nur noch vier.92 Mittlerweile wurden kleinere Städte wie Lugano oder Zug eher mit Bankengeschäften in Verbindung gebracht als Basel. Doch in den 2000er-Jahren hatte das Image der Banken im Allgemeinen und der UBS im Speziellen derart gelitten, dass in Basel kaum Wehmut nach der Zeit aufkam, in der die Stadt noch ein wichtiger Finanzplatz gewesen war. Auch die Basler Kantonalbank (BKB), mittlerweile die grösste Bank der Stadt, machte negative Schlagzeilen, unter anderem wegen unversteuerten US-Vermögen auf BKB-Konten, geprellten Anlegern und Datenlecks.93 In der Festschrift zu ihrem 150-jährigen Jubiläum erlaubte sich die Basler Versicherung 2013 eine feine Spitze gegen Bankhäuser, die partout «Global Player» seien wollten: «Ohne Staatshilfe, welche die Basler in keiner Phase ihrer bewegten Geschichte erbitten musste, wären einige dieser Banken heute nicht mehr existent.»94 Die Basler Versicherung sei einen anderen Weg gegangen. Das internationale Geschäft war geschrumpft, die Zahl der Mitarbeitenden von 10 349 (1991) auf 8650 gesunken, der Gewinn dagegen massiv gestiegen. Daher gelte sie «heute als solide und stabile Dividendenperle». Die Basler hatte nicht nur anders agiert als die UBS, sondern auch als die Zurich (Versicherung), die indes keine Staatshilfe beanspruchte und erfolgreich ins Ausland expandierte. Die beiden Versicherungen trugen die Namen ihrer Stadt buchstäblich in die Welt, jedoch mit einem anderen Selbstverständnis und unterschiedlicher Reichweite. Die Basler fokussierte auf das Geschäft in der Schweiz und in Zentraleuropa, Zurich agierte global, mit einer starken Vertretung im riesigen US-Markt. Während erstere mit der französischen Namensvariante ‹Baloise› an die wirtschaftliche Bedeutung der Grande Nation im 19. Jahrhundert erinnerte, verwendete der «Global Player» aus Zürich konsequent die englische Bezeichnung ‹Zurich›.

Spätestens nach der Finanzkrise war Basel kein bedeutender Standort für Banken mehr, blieb das hingegen aber für Versicherungen. Weiterhin befanden sich hier die Hauptsitze von grossen Privatversicherern wie der Basler oder Pax, dazu kamen regionale Zentren der führenden Versicherungsunternehmen der Schweiz. Der Fokus der in Basel ansässigen Versicherungen lag zumeist auf dem nationalen Markt, im Falle der staatlich kontrollierten Öffentlichen Krankenkasse (ÖKK Basel) beschränkte er sich weitgehend auf die Nordwestschweiz. Nachdem der Grosse Rat 2008 ihrer Privatisierung zugestimmt hatte, trat die ÖKK Basel unter dem Namen ‹Sympany› auf.

Von den guten Geschäften, die Assekuranzen in Basel erzielten, zeugte die hochwertige Architektur neuer Geschäftshäuser, etwa der Unfallversicherung Suva an der St. Jakobs-Strasse (Eröffnung 1993), der Lebensversicherungsgesellschaft Pax am Aeschenplatz (1997) oder des ‹Baloise Park› beim Bahnhof Basel SBB (2020). Seit 2019 baut die Versicherung Helvetia an der St. Alban-Anlage einen Zwillingsturm des erwähnten Bürohochhauses der damaligen Patria. Es handle sich um eine «Neuinterpretation seines historischen Nachbarbaus», erklärte die Versicherung.95 Im künftigen ‹Helvetia Campus Basel› soll eine «moderne Arbeitswelt» entstehen – ein neues Wahrzeichen der alten Handelsstadt.

Eine Drehscheibe für Güter

Basel ist die einzige Hafenstadt der Schweiz. Der Rhein verbindet sie mit der Nordsee bei Rotterdam, über den Main-Donau-Kanal können Frachter selbst den Südosten Europas erreichen. «Hier», so ein Schulbuch von 1960, «atmen wir die Luft des Meeres!»102 Die geografische Lage prädestiniere Basel als Umschlagsplatz von Gütern, die Stadt sei das «goldene Tor der Schweiz».

Der Hafen gehörte zur Identität der Stadt, und doch war er vielen Baslerinnen und Baslern völlig fremd. Ganz im Norden der Stadt lagen die Hafenbecken, das ikonische Backsteinsilo, Kranen und Stege, im Wasser schwammen Frachter, darunter die «Roten Schweizer», die Schiffe der Schweizerischen Reederei AG. Die Firma war eine Institution der Rheinschifffahrt, ab 1940 bildete sie Matrosen aus, bis Ende der 1970er-Jahre hatten über 1700 junge Männer aus fast allen Kantonen den Beruf des Schiffers gelernt. Es war eine entbehrungsreiche Arbeit voller körperlicher Strapazen, jenseits eines bürgerlichen Lebens, auszuführen bei jeder Witterung. Im Volksmund verglich man sie mit der eines Bauern.103

Wenn die Schiffer heirateten, fuhren ihre Frauen und die kleinen Kinder mit. Erreichten die Kinder das schulpflichtige Alter, kamen sie in das 1958 eröffnete Schifferkinderheim im Stadtteil Kleinhüningen. Die Firma sei wie eine Familie gewesen, erinnerten sich Pensionierte später, sie habe sich «für uns und unsere Familien verantwortlich» gefühlt. Untereinander sprach man von der «Schifferfamilie».104 Es war eine eigene Welt, die sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte stark veränderte. An kaum einem Ort in Basel war der Puls der Weltwirtschaft so unmittelbar spürbar wie im Hafen.

Seit 1960 tendieren Güter dazu, zwischen Produktion und Konsum einen immer weiteren Weg zurücklegen. Die Güterströme haben sich zu einer regelrechten Flut entwickelt. Bis 2020 stieg ihr Volumen weltweit um das Zwanzigfache. In der Schweiz war Basel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der zentrale Umschlagplatz für Güter, die über Strasse, Schiene oder Wasserwege transportiert wurden. Um 1980 kamen hier etwa 45 Prozent aller Importe an, mehr als die Hälfte davon im Rheinhafen.105 Logistikfirmen und Reedereien, Spediteure und Lagerhäuser gewährleisteten die Zirkulation von Gütern über Räume und Zeitzonen hinweg. Sie waren Schlüsselakteure der Globalisierung.106

In den folgenden Jahrzehnten verloren Unternehmen aus Basel markant an Bedeutung. Dabei war es nicht das Volumen des Warenumschlags, das abnahm – im Gegenteil. Doch die immensen Gewinne, die mit dem globalen Handel von Gütern erzielt wurden und werden, waren zunehmend von der Arbeit in den Häfen, Güterbahnhöfen und LKW-Terminals dieser Welt getrennt. Im 21. Jahrhundert profitierten andere Orte in der Schweiz weit mehr vom Welthandel als Basel. Die Globalisierung führte gegen Ende des 20. Jahrhunderts zu einer extremen Marktkonzentration im Bereich von Spedition, Transport und Logistik. Zahlreiche Basler Firmen verschwanden, darunter bekannte Namen wie die Basler Lagerhaus- und Speditionsgesellschaft, Jacky Maeder oder die Schweizerische Reederei. Vielfach wurden ihre Geschäfte von ausländischen Wettbewerbern aufgekauft. Der steigende Kostendruck bedrängte insbesondere kleinere Unternehmen, die am Rheinhafen Basel tätig waren.107 Auch die Zahl der im Grosshandel beschäftigten Personen nahm nach 1960 markant ab.108

Der Bedeutungsverlust hing eng mit der «logistischen Revolution» zusammen, die sich in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ereignete. Seit den 1960er-Jahren entwickelten sich die Palette und vor allem der Container zu den Standards in der Logistik. Anstelle von Stückgut, wie es früher Hafenarbeiter in kräftezehrenden Arbeitsschritten umgeschlagen hatten, zirkulierten normierte Einheiten, die per Kran geladen und gelöscht werden konnten. Palette und Container waren ebenso simple wie effiziente Instrumente der Globalisierung. Sie ermöglichten weltweit das fast nahtlose Umladen zwischen Schiff, Bahn und Lastwagen. Obwohl das Volumen der transportierten Güter stets zunahm, waren am Hafen Basel immer weniger Arbeitskräfte gefragt.

Ein weiterer wesentlicher Faktor für die «logistische Revolution» war der billige Treibstoff. Der Schienenverkehr verlor gegen Ende des 20. Jahrhunderts an Bedeutung, der LKW-Verkehr erwies sich als flexibler, schneller und preisgünstiger. Insbesondere seit der Eröffnung des Gotthardstrassentunnels 1980 rollten die Lastwagen massenhaft auf der Nord-Süd-Achse durch Basel zu Zielen in ganz Europa. Der Schwerverkehr über die Strasse gewann gegenüber dem Gütertransport über den Rhein an Gewicht. Derweil wurde die Hochseeschifffahrt zum zentralen Vehikel der Globalisierung. Ihr Symbol wurden die gigantischen Containerfrachter, die über die Weltmeere verschifft werden.

Zu den Verlierern der Globalisierung zählte in Basel ausgerechnet Danzas, ein Gigant des Welthandels. Die bekannte Firma, Anfang des 19. Jahrhunderts im französischen Saint-Louis gegründet, seit 1871 mit Hauptsitz in Basel, war in den 1960er-Jahren noch das grösste Transportunternehmen der Welt. Von der Basler Zentrale wurde eine Flotte kontrolliert, die 1986 über 2000 Motorfahrzeuge, gut 1100 Container und knapp 800 Eisenbahnwaggons umfasste, dazu riesige Lagerkapazitäten in diversen Ländern. Schiere Grösse war bis dahin das Mass der Dinge – nun jedoch erschienen eigene Fahrzeuge und Lagerhallen zunehmend als Kostentreiber und strategisches Handicap.109

In Zeiten des zunehmend unregulierten globalen Handels wirkte die Firma Danzas zuweilen wie ein Anachronismus. Vollends in die Krise stürzte der Branchenprimus durch den freien Verkehr von Waren innerhalb der EU. Das Basler Unternehmen betrieb in Westeuropa über hundert Verzollungsbüros: Mit der Einführung des europäischen Binnenmarktes am 1. Januar 1993 war dem lukrativen Verzollungsgeschäft der Boden entzogen, die Umsätze von Danzas brachen ein.110 Andere Logistikunternehmen fanden im Zuge der sich nun mit voller Wucht entfaltenden Globalisierung lukrative Geschäftsmodelle. Einige spezialisierten sich auf die Organisation von globalen Lieferketten, die durch die Digitalisierung immer zuverlässiger geplant, kontrolliert und optimiert werden konnten. Im Zentrum der «logistischen Revolution» standen leistungsstarke Computer und digitale Netzwerke, die global funktionierten. Dem sogenannten Supply-Chain-Management lag neuste IT zugrunde. Im Zuge des Supply-Chain-Managements wurde die Distribution in immer kleinere Einzelteile zerlegt, deren Erledigung an spezialisierte Unternehmen verteilt wurde. Während die Orchestrierung von globalen Lieferketten ein immer grösseres Geschäft wurde, sanken die Preise für die Beförderung und Lagerung von Gütern zunehmend. Eine eigene Fahrzeugflotte oder grosse Lagerkapazitäten wie sie Danzas aufgebaut hatte, bündelten viel Kapital und galten in diesem hochdynamischen globalen System als Bürde.

Der Allrounder Danzas überstand die «logistische Revolution» nicht. 1999 kaufte die Deutsche Post den zu diesem Zeitpunkt immer noch drittgrössten Logistikkonzern der Welt. Der ehemalige deutsche Staatsbetrieb beteuerte, der traditionsreiche Name Danzas und der Hauptsitz in Basel würden weiterhin bestehen. Kurz darauf verlegte Danzas jedoch Schlüsselfunktionen des Geschäfts von Basel nach Bonn und Brüssel, Ende 2002 gab die Deutsche Post bekannt, ihr gesamtes Logistikgeschäft fortan unter dem Namen DHL zu führen. «Basel verliert die Traditionsmarke Danzas», kommentierte die ‹Neue Zürcher Zeitung› (NZZ), die BaZ ergänzte: «Prestigeverlust für Basel».111

Auch die Panalpina Welttransport, die zweitgrösste Basler Firma der Branche, überstand den globalen Verdrängungswettbewerb nicht. Nachdem 2019 ein dänischer Konzern die Firma gekauft hatte, wurde in Basel der Panalpina-Schriftzug abmontiert. Auf der Onlineplattform LinkedIn kommentierte ein Mitarbeiter: «It’s heart-breaking and sad to see that blue majestic logo go down.»112 Auch eine der ältesten Akteurinnen des Welthandels verschwand in dieser Zeit: die Basler Handelsgesellschaft. Der Ökonom und Journalist Beat Kappeler nannte sie einmal «die Schweizer Variante des Kolonialismus».113 Sie war 1859 aus der pietistischen Basler Mission heraus entstanden und international aktiv als Union Trading Company (UTC). In der Entwicklung der UTC lassen sich jene global wirkenden Kräfte identifizieren, die den Welthandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts transformierten. Das Ende des Kolonialismus und der Beginn der Globalisierung brachten Herausforderungen mit sich, die das Basler Handelshaus nicht zu stemmen vermochte.

Um 1960 betrieb die UTC in Accra das grösste und modernste Warenhaus Westafrikas: Ausser Alkohol und Waffen gab es dort alles zu kaufen. Die Basler Handelsgesellschaft fühlte sich christlichen Werten nach wie vor verpflichtet.114 Angestellte mussten protestantischen Glaubens sein, ein Teil des Gewinnes war für karitative Vorhaben bestimmt. Mit Umsätzen von bis zu einer Milliarde Franken zählte die UTC damals zu den grössten Unternehmen Basels.

Mit der Unabhängigkeit von Ghana (1957) und Nigeria (1960), beide wichtige Märkte und Rohstofflieferanten für die UTC, veränderte sich das Geschäftsumfeld. Zu den Begleiterscheinungen der Dekolonialisierung zählten Schwankungen der Landeswährungen und das Auftreten neuer Wettbewerber, die veränderten Rahmenbedingungen legten eine Anpassung der Tätigkeit nahe. Ende der 1970er-Jahre versuchte die UTC daher sich zu diversifizieren und Unternehmen zu akquirieren, die hohe Margen versprachen – kurzum: ihr Geschäft an globale Trends anzupassen. Aus dem stark am Import und Export mit Afrika ausgerichteten Handelshaus wurde ein Konglomerat, das Mitte der 1990er-Jahre knapp 10 000 Mitarbeitende beschäftigte. Unter dem Dach der UTC versammelten sich sowohl Warenhäuser (Jelmoli) und Reisebüros (Imholz) als auch eine Restaurantkette (Churrasco), Marken für Bürogeräte (UTAX), Hautpflege (Corinne Day) und vieles mehr. Dieser Strategiewechsel scheiterte aber nicht zuletzt daran, dass es der UTC nicht gelang, ihre eigenen Marken international oder zumindest in der Schweiz erfolgreich zu vermarkten.115

Im Unterschied dazu gab es aber durchaus auch Unternehmen aus Basel, die im Zeitalter von Massenkonsum und Globalisierung florierten. Der alteingesessene Basler Grosshändler Weitnauer entwickelte sich zu einem Riesen des Duty-Free-Geschäfts: Unter dem Namen Dufry befand er sich in den 2000er-Jahren auf Expansionskurs und war weltweit mit Läden an Flughäfen und auf Kreuzfahrtschiffen präsent. Zur selben Zeit etablierte sich in der Schweiz, Italien und Deutschland die 1984 gegründete Marke Tally Weijl, die 2006 ihr Headquarter nach Basel verlegte. Das Geschäftsmodell der Gründerin Tally Elfassi-Weijl bestand im Handel von Fast Fashion für weibliche Teenager. Mehrmals pro Jahr entwarf Tally Weijl neue Linien, die Zulieferer in Tieflohnländern produzierten und die anschliessend in Europa billig verkauft wurden, etwa im Flagshipstore am Basler Marktplatz.116

Während Duty Free und Fast Fashion zu den – teils heftig kritisierten – Geschäftsmodellen zählten, die mit der Globalisierung möglich wurden, gelang es der Basler Handelsgesellschaft und ihrer UTC nicht, sich in postkolonialen Zeiten neu zu erfinden. 1998 stellte die UTC ihre operative Tätigkeit ein. Damit war eine bedeutende Schweizer Akteurin aus der Zeit des Imperialismus Geschichte. Mit Simonius, Vischer & Co. schloss fünf Jahre nach der UTC ein weiteres altbekanntes Handelshaus. Die Zeit der Grosshändler endete damit in Basel just dann, als Orte wie Genf, Lugano oder Zug zu Zentren des globalen Rohstoffhandels wurden.117 Im 21. Jahrhundert entwickelte sich das Binnenland Schweiz nicht nur zum grössten Rohstoffhandelsplatz der Welt, sondern auch zu einem bevorzugten Standort von Reedereien und Logistikfirmen. In erster Linie fiskalische Faktoren lockten transnational operierende Konzerne in steuergünstige Kantone, wo sie in Kooperation mit lokalen Wirtschaftskanzleien und Behörden florierende Cluster bildeten.118 Auch in Basel bemühten sich Wirtschaftsvertreterinnen und -vertreter um eine stärkere Vernetzung zu den wichtigen Playern in der Branche. 2011 initiierte die Handelskammern beider Basel den ‹Logistikcluster Region Basel›, eine von staatlichen und privaten Akteuren getragene Interessensvereinigung. Diese betonte, dass die Logistik nach den Life Sciences die zweitwichtigste Branche der Region sei.

Obwohl Rohstoffhändler und Reedereien kaum in Basel-Stadt, sondern eher in steuergünstigen Orten wie Genf und Zug Domizil nahmen, blieb die Hafenstadt eine wichtige Drehscheibe des Handels. Das Volumen der hier umgeschlagenen Güter nahm stets zu, und es blieb dabei, dass in der Schweiz bei Import und Export kaum ein Weg an Basel vorbeiführte. Ein sichtbares Zeichen dafür war der 2009 eröffnete Siloturm der Firma Ultra Brag im Basler Hafen, mit 83 Metern das fünfthöchste Hochhaus der Stadt. Die mangelnde Wahrnehmung der Schiffsfahrt sei ein «echtes Problem», erklärte der Direktor von Rhenus Alpina. «Unsere Vorfahren waren Reeder, eine eigene Klasse. Sie kontrollierten das Geschäft total, verdienten gutes Geld damit und mussten keine Werbung machen.» Doch heute benötige der Hafen «mehr PR».119

Seit 2015 beschwören Vertreterinnen und Vertreter des regionalen Logistikclusters das alte Bild von Basel als Tor zur Welt. Das damit verbundene Projekt heisst ‹Gateway Basel Nord›, es trägt das englische Wort für «Tor» im Namen. ‹Gateway Basel Nord› steht für ein drittes Hafenbecken sowie einen trimodularen Umschlagsplatz, an dem jährlich etwa 400 000 Container auf Schiene, Schiff oder LKW verladen werden könnten. Obwohl die Basler Bevölkerung 2020 für eine Beteiligung am Hafenbecken 3 stimmte, blieb das Grossprojekt umstritten. Eine zentrale Frage war, welche Flächen die Stadt für eine Ausbreitung der Logistik zu opfern bereit war. Naturschützerinnen und Naturschützer betrachten das zum Aushub vorgesehene Areal als ökologischen Schatz, aus Kreisen der Wirtschaft gab es Stimmen, die das Projekt hingegen als ökonomischen Unsinn bezeichneten. Die geplanten Kapazitäten seien übertrieben gross und die zu erwartende Wertschöpfung gering.120

Die Debatte offenbarte ein wirtschaftspolitisches Dilemma, das mit der Globalisierung verbunden war und ist. Einerseits war Basel als Umschlagplatz unverzichtbar für die Import- und Exportgeschäfte der Schweiz. Doch die glänzenden, die sprichwörtlich «goldenen» Geschäfte mit dem globalen Handel von Rohstoffen und Waren aller Art erzielen längst Konzerne in anderen Regionen des Binnenlandes. Das alte Bonmot von Basel als dem «goldenen Tor der Schweiz» traf immer weniger zu.

Wirtschaften im World Wide Web

Die Geschichte der Logistik ist auch eine Geschichte der Stadtentwicklung. 1960 war Basel nicht nur eine bedeutende Drehscheibe für Waren aus aller Welt, sondern auch eine riesige Lagerhalle. Hier befanden sich damals über die Hälfte der gesamten in der Schweiz zur Verfügung stehenden Lagerflächen.121 Alleine im Gebiet Dreispitz dienten fünfzig Hektar für die zollfreie Zwischenlagerung von Waren. Nach aussen war das Zollfreilager, kurz Freilager genannt, abgeriegelt.122

In den folgenden Jahrzehnten verlagerten sich die Lagerflächen ins Mittelland. Der grösste Basler Detailhändler ‹Rheinbrücke› (seit 1994 Manor) hatte bereits 1966 ein neues Lagerhaus im Fricktal eröffnet.123 In urbanen Zentren wie Basel wurde der Boden dagegen zunehmend teurer, zudem empfanden viele Stadtbewohnerinnen und -bewohner den Schwerverkehr, der mit der Distribution von Gütern verbunden war, als belästigend.124 Die innerstädtischen Lagerkapazitäten verschwanden daher weitgehend, das Zollfreilager schloss 2009. An seinem Ort, im Süden der Stadt, liegen mit dem Dreispitz und dem ehemaligen Rangierbahnhof Wolf zwei jener Flächen, die in Basel euphorisch als «Transformationsareale» bezeichnet werden. Diese Zukunftsvisionen gründen auf wirtschaftshistorischen Entwicklungen, die Basel in jüngster Zeit erfasst und die Struktur der Stadt tiefgreifend verändert haben.

Als Folge der veränderten Distributionswege musste beispielsweise auch für die Markthalle ein neuer Verwendungszweck gefunden werden. Wo siebzig Jahre lang Lebensmittel verkauft wurden, fand in den 2010er-Jahren ein beliebtes Gastroangebot Platz. Die Liste der Umnutzungen in Basel ist lang. Wo einst Seidenbänder produziert wurden, befindet sich heute die Basler Jugendherberge, den ehemaligen Hauptsitz der UTC nutzt die Universität Basel, jenen von Danzas der Kanton Basel-Stadt, und wo früher die Maschinenfabrik Burckhardt Kompressoren produzierte, liegt das Gundeldingerfeld. Zwischen rostigen Kränen siedelten sich dort Bistros und eine Kletterhalle, Architekturbüros und NGO an.125

Doch die Umnutzung von Fabriken, Lagerhallen oder Büros war und ist eher die Ausnahme. Zahlreiche Gebäude, die ihren alten Zweck nicht mehr erfüllen, wurden in Basel abgerissen. Im Breitequartier schossen auf dem Areal des ehemaligen Seidenbandherstellers De Bary Wohnblöcke in die Höhe, in Kleinhüningen wurde die Stückfärberei zu einem wichtigen Ort der Alternativkultur und einem Vorbild für weitere Zwischennutzungen, ehe das ‹Stücki› neu überbaut wurde. Ähnlich erging es dem Güterbahnhof, den die Deutsche Bahn auf Schweizer Boden unterhalten hatte. In den 2000er-Jahren entwickelte sich das nt/Areal zu einer der beliebtesten Partylocations der Stadt, ehe es der Kanton in Zusammenarbeit mit Immobilienfirmen und Stiftungen umbaute. Aus dem ehemaligen Güterbahnhof und der zwischenzeitlichen Ausgangsmeile wurde das familienfreundliche Erlenmatt-Quartier mit 700 neuen Wohnungen. Ein noch weit grösseres Baufeld soll sich künftig auf dem ehemaligen Chemieareal Klybeck auftun.

Der Blick auf die verschwundenen oder umgenutzten Basler Wirtschaftsareale zeigt, dass Transformation in der jüngeren Stadtgeschichte eine Konstante war. Ein massgeblicher Faktor dahinter war die Digitalisierung. Sie veränderte nicht nur die Arbeitsweisen, sondern auch die Räume der Wirtschaft. Kein anderes technisches Hilfsmittel hat die Arbeitswelt des späten 20. Jahrhunderts so sehr verändert wie der Computer. Schätzungen zufolge waren in der Schweiz 1960 weniger als 30 Computer im Einsatz, 1967 waren es etwa 730, 1980 bereits über 2700.128 Es handelte sich dabei um sogenannte Mainframes, raumfüllende Apparate mit Kontrolllampen, surrenden Magnetspulen und Druckern. Nur eine Handvoll spezialisierter Fachleute wusste die Maschinen zu bedienen. Ihre Anschaffung kostete anfangs mehrere Millionen Franken.

Verschiedene Unternehmen aus Basel zählten in der Schweiz zu den Pionieren im Bereich der elektronischen Datenverarbeitung, kurz EDV. Neben Banken und Versicherungen investierten insbesondere die führenden Unternehmen der Basler Chemie in ausgeklügelte EDV-Lösungen, die oftmals innerhalb der Unternehmen entwickelt wurden und vorerst vornehmlich das Rechnungswesen erleichterten.129 Eine strategische Bedeutung hatte der Computer für den Detailhändler Coop, der sein Geschäft von Basel aus restrukturierte und zunehmend digital steuerte.

Für die meisten Arbeitnehmenden in Basel waren Computer lange ein Fremdkörper, in den 1960er-Jahren wurden sie auch als «Elektronengehirn» bezeichnet. Weite Teile des Personals kamen höchstens indirekt mit den Apparaturen in Berührung, hauptsächlich in Form von Listen oder Lochkarten, die ein Computer berechnet und ausgespuckt hatte.130

Auf die riesigen, langsamen und teuren Mainframes folgten Personalcomputer (PC). Mit ihnen wandelte sich der Computer ab den 1980er-Jahren zum zentralen Instrument des Arbeitsalltags. Er stand für die wachsende Flut an Informationen, die es zu verarbeiten galt, für den Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft und immer mehr auch für die globale Vernetzung. Zudem veränderte er das Büro, also jenen Raum, der für die Menschen in Basel zum häufigsten Arbeitsort geworden war.

Nach 1970 entstanden in Basel einige der grössten Grossraumbüros der Schweiz: Sie sollten Kommunikation und Zusammenarbeit fördern, vor allem aber den Platzbedarf pro Arbeitsplatz reduzieren. Stellwände und Zimmerpflanzen ordneten ein grossräumiges Labyrinth, Kopiermaschinen und Kochnischen befanden sich in den Ecken, auf den Pulten stand allerlei Persönliches, wie ein Reporter nach dem Besuch eines Basler Versicherungsunternehmens protokollierte: «Postkarten, Pflanzen […] Plüschbüsi, Poster […]».131 Das neue Arrangement stellte den Computer ins Zentrum. An die Stelle des auf einer Schreibmaschine getippten Diktats trat das Zusammenfügen von gespeicherten Textbausteinen am Bildschirm und bald auch der Versand von E-Mails. Zu den betriebsinternen Verliererinnen der Digitalisierung zählten zunächst Berufstypen wie die Sekretärin oder die Locherin, die mit der Ablösung der Lochkarten durch elektronische Speichermedien obsolet geworden war.

Als Standort von IT-Unternehmen hatte Basel eine vergleichsweise geringe Bedeutung. Wie in anderen Städten verlor die Informatik-Branche mit dem Platzen der sogenannten Dotcom-Blase im Jahr 2000 an Dynamik, bis 2005 sank in Basel-Stadt die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Bereich um 44 Prozent.132 Zu den wenigen bedeutenden Innovatoren aus Basel zählte Day, ein auf Content-Management-Systeme spezialisiertes Software-Unternehmen, das 2010 vom US-amerikanischen Konzern Adobe gekauft wurde. In anderen Städten der Schweiz hatten sich unterdessen mehr IT-Unternehmen angesiedelt, etwa in Genf, Lausanne oder Zürich.133 Die Digitalisierung der Wirtschaft war mit der Angst verbunden, der Mensch werde im Arbeitsprozess immer weniger gebraucht. In den vorausgegangenen Jahrzehnten hatte sich in Basel das Verhältnis zwischen digital und analog vollzogenen Arbeitsprozessen verschoben: Computer waren aus der Wirtschaft – wie auch aus dem Alltag – nicht mehr wegzudenken.

Mit der Verbreitung des Internets und mobiler Arbeitsgeräte wie dem Laptop oder dem Smartphone geriet die Bürolandschaft im 21. Jahrhundert erneut in Bewegung. Auch in Basel öffneten Arbeitsräume, in denen spontan und flexibel gearbeitet werden konnte, darunter Cafés, die über drahtlose Internetanschlüsse verfügten. Dazu kamen Co-Working-Spaces, oftmals weiträumige Büroflächen, in denen Personen oder kleine Unternehmen nach Bedarf Arbeitsplätze mieten können. Das Homeoffice, die Arbeit von zu Hause aus, verbreitete sich während der Corona-Pandemie zur bevorzugten Arbeitsform, die sogar zeitweise Pflicht war.

Das klassische Büro hatte in Basel zunehmend einen schwierigen Stand. Im Vergleich zu anderen Schweizer Städten herrschte Mitte der 2010er-Jahre in Basel ein Überangebot an Büroflächen, die Mieten waren entsprechend tief. Auch das Beschäftigungswachstum war in dieser Zeit ausgesprochen niedrig, in einem internationalen Vergleich mit achtzehn anderen Regionen lag Basel an zweitletzter Stelle, deutlich hinter Zürich und Genf und weit hinter Stockholm, Boston oder München.134

Dennoch florierte der Wirtschaftsstandort Basel. Zwischen 2013 und 2018 wuchs das reale BIP jährlich um 3,4 Prozent, einzig die Region San Francisco, bekannt für die boomenden IT-Konzerne aus dem Silicon Valley, lag darüber. Mit einem BIP von gut 190 000 Franken pro Kopf befand sich Basel-Stadt auf der Spitzenposition, es war mehr als doppelt so hoch wie der Schweizer Durchschnitt. Wie war die Diskrepanz zwischen dem hohen BIP und anderen, eher schwachen Wirtschaftsindikatoren zu werten? Die extrem hohe Wertschöpfung in der Region Basel war fast ausschliesslich auf das Wachstum der Life Sciences zurückzuführen. In allen anderen Branchen war die Wirtschaftsentwicklung in den 2010er-Jahren moderat oder gar negativ, in der nach wie vor bedeutenden Logistik sank die Wertschöpfung um zwölf Prozent. Im Vergleich zu früher sei die chemisch-pharmazeutische Industrie noch einflussreicher geworden, erklärte der Geograf Martin Forter, ein Experte für die Altlasten der Basler Chemie. Die wirtschaftliche Monokultur sei zugleich «Segen und Fluch» für die Region.135

Die Digitalisierung hatte auch jene Branche verändert, von der Basels Wohlstand massgeblich abhing. Seit den 1970er-Jahren generierten und nutzten Pharmaunternehmen immer grössere digitale Datensätze in der Forschung und Entwicklung, und neue Analyse- und Synthesetechnologien hielten Einzug in die Labors. Für den Standort Basel schien die zunehmende Bedeutung der Informatik nicht frei von Gefahren. Als zukünftige und möglicherweise weit überlegene Konkurrenten erschienen Akteure aus dem Umfeld jener gigantischen IT-Konzerne des Silicon Valley, die sich auf das Verarbeiten, Verwalten und Verwerten von Daten spezialisiert hatten. Um 2020 wurde die ‹künstliche Intelligenz› (KI) als disruptive Kraft gehandelt, gerade auch in der für Basel so bedeutsamen Gesundheitsindustrie.136

Ob KI eine ähnlich starke Wirkung entfalten wird, wie es die Globalisierung und die Digitalisierung nach 1960 taten? In den vergangenen sechzig Jahren haben diese Entwicklungen Basel verwandelt. Einst beanspruchten Industrie und Logistik grosse Teile der Stadtfläche, heute stehen in der Stadt hohe Geschäftshäuser und Laborgebäude, die Basels neue Skyline zeichnen.

Anmerkungen

  1. Banz 1964b, S. 14.
  2. Prognos 1965, S. 21–22. Banz 1964b. Bürgin u. a. 1987.
  3. Grossmann 2019, S. 217. StatJB 1970, S. 39. StatJB 1972, S. 112.
  4. Prognos 1965, S. 5.
  5. Industrie- und Handelskammer Hochrhein 1971, S. 9–11.
  6. Strasser 1976, S. 136. Peyer 1996, S. 80–84.
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  8. Pfister 2023. Weber 2021, S. 31. Hochschule Luzern Technik & Architektur 2018.
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  11. «Arbeitslose in der Schweiz», Antenne, SRF, 20.11.1974. Online: https://www.srf.ch/play/ tv/antenne/video/arbeitslose-in-der-schweiz?urn=urn:srf:video:d3ff8006-b7c4-4a61-a58c-d5407e4fe47e, abgerufen am 27.06.2023.
  12. Frey 1975, S. 80. Degen 2000, S. 361–363. Zahn 2021, S. 77–78.
  13. Nanni 2009, S. 238–239.
  14. Clivio; Richter, 2. September 1965.
  15. Nanni 2009.
  16. Bauer 1981, S. 239–242. Wild 2012. Hochreiter 2001, S. 20–21.
  17. Kreis 2000, S. 293. Schneider-Sliwa u. a. 2001, S. 22.
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  19. Ebd., S. 105.
  20. Borner 1991.
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  23. König 2016, S. 267–268.
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  27. Pfister 2009, S. 34–35. Bossert 2015, S. 434–436. Mäder 2015, S. 93–96.
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  53. Studer 1979, S. 4.
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  56. Schaffner 2022, S. 79.
  57. König 2016, S. 228–229.
  58. Zeller 2001, S. 251.
  59. Dettwiler 2021, S. 153–158. Lampugnani 2009. Hicklin 2016.
  60. König 2016, S. 269–275. Drews 1998. Timmermann 2019. Hochreiter u. a. 2021. Halbeisen; Müller; Veyrassat 2017, S. 276–278.
  61. Novartis Archiv, Ciba-Geigy, Division Pharma, PH 4.04.08, Biotechnikum.
  62. König 2016, S. 244. StABS, ED-REG 1c, 923-4-1 (1), Kommission zur Beaufsichtigung wissenschaftlicher Versuchstiere.
  63. Hicklin 2016. Lefkovits 2017.
  64. Frei 2018, S. 85.
  65. Ebd., S. 77–114.
  66. Kreis 2010.
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  70. Schneider-Sliwa u. a. 2001, S. 15. Basel-Stadt Departement für Wirtschaft; Basel-Landschaft Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion; Kanton Jura Département de l’économie et de la santé 2020, S. 69.
  71. Jehle-Schulte Strathaus 2016. Hochreiter u. a. 2021.
  72. «Der Turm, der Basels Stadtbild in Schieflage brachte», in: TagesWoche, 14.09.2015. Online: https://tageswoche.ch/gesellschaft/der-turm-der-basels-stadtbild-in-schieflage-brachte/index.html, abgerufen am 27.06.2023.
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