In der Mitte des 20. Jahrhunderts hatte der Wohlstand in Westeuropa ein ungeahntes Niveau erreicht. Doch nach fast dreissig Jahren des Wachstums, den trente glorieuses, wie sie im Französischen genannt werden, verdichteten sich um 1970 die Anzeichen einer Krise. In Basel schrumpfte die Bevölkerung, die Staatskasse leerte sich und die Zeiten der Vollbeschäftigung waren vorbei. Dazu kam die Angst vor der Zerstörung der Umwelt, die spätestens mit der Chemiekatastrophe in Schweizerhalle 1986 omnipräsent war. Das Gefühl der Unsicherheit begleitete die Bevölkerung in das neue Jahrtausend. Trotz imposanter Zeichen von Prosperität und Wachstum – darunter die Roche-Türme, die höchsten Wolkenkratzer des Landes – stellten sich den Baslerinnen und Baslern unangenehme Fragen: Wie sollte die Grenzstadt mit den knappen Flächen umgehen, die ihr zur Verfügung standen? Wie konnte sie ihre Attraktivität als Wohnort steigern? Und wie sollte sie den ungebrochen hohen Konsum mit den städtischen Klimazielen in Einklang bringen?
Konjunktur, Bauboom, Konsumrausch – Die 1960er-Jahre
Das Auto dominierte Basel. Egal ob am Münsterhügel, vor dem Bahnhof oder auf dem Barfüsserplatz, Autos standen mitten in der Innenstadt. In den 1960er-Jahren galt es als selbstverständlich, beinahe überall seinen Chlapf parkieren zu können. Dieses Selbstverständnis hatte viel mit der Prosperität Basels in der Nachkriegszeit zu tun. Wie in anderen westeuropäischen Städten ermöglichte der Wirtschaftsboom auch in Basel ein neues Konsum- und Freizeitverhalten. Eine relativ breite Mittelschicht war zu beachtlichem Wohlstand gekommen. Das Auto, einst ein Privileg der Reichen, wurde zu einem Massenphänomen, war Statussymbol und hatte eine grosse kulturelle Bedeutung. Zwischen 1945 und 1970 nahm die Zahl der Motorfahrzeuge um das Zehnfache zu. In den 1970er- und 1980er-Jahren kurvten mehr Autos als Fahrräder durch die Stadt.1
Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Verkehr zu einem drängenden Problem für die Stadt. Die Motorisierung hatte die kühnsten Erwartungen übertroffen, das Strassennetz in Basel war heillos überlastet. Um das drohende Verkehrschaos zu verhindern, setzte die Regierung 1955 auf einen «Gesamtverkehrsplan».2 Für die Ausführung engagierte sie Kurt Leibbrand, Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Leibbrand hatte für verschiedene Städte in Europa Generalverkehrspläne entworfen und mehrere Lehrbücher verfasst.3 Er repräsentierte den technokratischen Regierungs- und Verwaltungsstil der 1950er- und 1960er-Jahre. Die Zukunft war für ihn eine planbare und kalkulierbare Grösse, die Verkehrsplanung eine wertfreie und objektive, ja sogar eine politisch neutrale Wissenschaft.4 1958 legte Leibbrand seinen Gesamtverkehrsplan für die Stadt Basel vor. Stellenweise zeigte er darin ein feines Gespür für zukünftige Entwicklungen. Er prognostizierte, dass der weiter zunehmende Verkehr die funktionale Trennung von Arbeits- und Wohnraum vorantreiben würde. Damit nahm er vorweg, dass sich viele Wohnungen in die Aussenquartiere und Vororte mit tieferen Grundstückspreisen verlagerten – und damit das Verkehrsaufkommen durch den Pendlerfluss zunehmen würde.5 Im Zentrum des ‹Leibbrand-Plans› stand der motorisierte Verkehr, er war ein Plädoyer für den Ausbau der Strasse. Der Verfasser sah grosszügige Fahrbahnen für Autos und Busse vor, Grossgaragen sowie in den Untergrund verlegte – weil auf den Strassen unliebsam gewordene – Tramlinien. Fahrradwege spielten eine geringe Rolle, der historische und ästhetische Wert der Altstadt ebenfalls. Hätte Basel Leibbrands Gesamtverkehrsplan realisiert, wäre die Innenstadt durch eine breite, ebenerdige Autobahnstrasse auseinandergeschnitten worden. Als Hauptstrasse hätte sie über die – erst noch zu bauende – ‹Totentanzbrücke› über den Rhein ins Kleinbasel geführt. Die Stadt Basel beschrieb Leibbrand als einen lebenden Körper. «Der Verkehr ist das Blut, das in seinen Adern fliesst», fügte er an. «Das ist kein Schlagwort. Auf Verkehr, dieses ‹notwendige Übel› kann nicht verzichtet werden.»6
Die Veröffentlichung des ‹Leibbrand-Plans› sorgte für Aufsehen und Kritik. Weder die Gesamtverkehrskommission noch die Regierung waren restlos überzeugt. Da die kritischen Stimmen überwogen, luden sie die Bevölkerung ein, alternative Pläne einzureichen. Den schlagkräftigsten Gegenentwurf lancierten die Fachverbände der Architekten und Ingenieure. Ganze vier Teilberichte umfasste ihr «Gemeinschaftswerk», das sie auf ehrenamtlicher Basis verfasst hatten. Die Fachverbände verstanden die Stadt als einen Raum mit verschiedenen Zonen, also Gebieten mit unterschiedlichen Funktionen. Dabei stellten sie den motorisierten Verkehr nicht grundsätzlich in Frage. Doch im Zentrum ihrer Überlegungen stand die Idee einer funktional gegliederten Stadt.7
Der Cityring war das Kernstück des Gegenentwurfs zum ‹Leibbrand-Plan›. Er markierte den Übergang von einer vom Auto dominierten zu einer autoarmen Innenstadt. Der Ring sollte den Verkehr nicht durch, sondern um den Stadtkern herumführen. Ihm entlang befanden sich sogenannte Auffanggaragen, unter anderem die Parkhäuser Elisabethen und Steinen als Teil des Heuwaage-Viadukts und das City-Parkhaus. Die Idee des ‹Cityrings› war: Die Menschen fahren mit dem Auto auf dem «Ring», parkieren, und bewegen sich dann zu Fuss oder mit dem öffentlichen Verkehr (ÖV) in die Stadt, die «City».
Als die Fachverbände 1962 ihren Plan vorstellten, fielen die Reaktionen durchweg positiv aus. Selbst die Autolobby, die Verkehrsliga und der Schweizerische Automobilclub sprachen sich dafür aus. Auch der Kanton Basel-Stadt bevorzugte den Gegenentwurf der Fachverbände. Zwei Jahre später begann die Umsetzung.8 Die grosse Streitfrage der Basler Verkehrsplanung lautete in den folgenden Jahrzehnten: Wie kann die Autobahn durch die dichtbesiedelte Stadt geführt werden?
Klar war, dass die Autobahn den Osten der Stadt Basel tangieren würde, die Rede war daher von der Osttangente. Zur Debatte standen eine «äussere» Variante, wie sie Kurt Leibbrand vorgeschlagen hatte, und die «innere» Variante der Fachverbände. Während die eidgenössische Planungskommission eine weiträumige Umfahrung der Stadt über die Grundwassergebiete Lange Erlen und Hard bevorzugte, sprach sich die Basler Regierung für eine Routenführung durch die Quartiere Breite und Gellert aus. Neben dem Schutz des Grundwasserreservoirs betonte sie, dass die Stadt durch die «äussere» Variante vom Nationalstrassennetz abgeschnitten worden wäre. Dadurch wären die Strassen in den Quartieren noch stärker vom Verkehr belastet worden.9
Doch der Ausbau der Nationalstrassen lag nicht in der Kompetenz der Kantone, sondern des Bundes.10 Um die Führung der Osttangente entbrannte ein Streit zwischen Basel und Bern. Unter dem Eindruck, ungerecht behandelt zu werden, reichte die Basler Regierung hinter dem Rücken der eidgenössischen Planungskommission ein Projekt mit der «inneren» Variante beim Bundesrat ein. In Bern wurde dieses Vorgehen als Affront empfunden. Hans-Peter Tschudi, SP-Bundesrat aus Basel, kritisierte seine Kollegen in der Heimatstadt für ihren Versuch, einen fait accompli zu schaffen. Doch der Bundesrat strafte Basel-Stadt nicht ab: 1966 konnten die Bauarbeiten für die «innere» Variante der Osttangente beginnen.11 In den Debatten rund um die Osttangente finden sich erste Anzeichen für eine lokale Umweltschutzbewegung. Eine oft geäusserte Befürchtung war die Abnahme der Lebensqualität in Quartieren wie Gellert oder Breite. Sie verhallte ungehört.12
Als die Bauarbeiten an der Osttangente begannen, war die Karriere des bekannten Stadtplaners Kurt Leibbrand bereits ruiniert. Dem Ingenieur waren Kriegsverbrechen nachgewiesen worden, die er während der Zeit des Nationalsozialismus begangen hatte. Der Entscheid gegen den ‹Leibbrand-Plan› stand nicht im Zusammenhang mit dem Prozess, zumindest nicht offiziell. Die Vorwürfe gegen den einst gefeierten Stadtplaner dürften den Entscheid für den Gegenentwurf der Fachverbände aber erleichtert haben. Zeitgleich mit dem Verkehr wuchs auch der Verbrauch von Gütern unterschiedlicher Art stark an. Der Fleischkonsum beispielsweise nahm deutlich zu. Allein zwischen 1950 und 1963 stieg er von 56,5 auf 80,5 Kilogramm pro Kopf und Jahr, also um nahezu fünfzig Prozent. Die Zahl der jährlich in Basel geschlachteten Tiere nahm im selben Zeitraum um knapp 30 000 zu. 1963 starben im Basler Schlachthof fast 140 000 Tiere.13 Für die lokalen Metzgereien war das nicht genug. Sie forderten seit Jahrzehnten eine Vergrösserung und Modernisierung des Schlachthofs. Zudem galten die Schlachtgebühren in Basel als hoch. Bell, eine Tochter des Detailhändlers Coop und grösste Fleischproduzentin der Schweiz mit Hauptsitz in Basel, prüfte daher eine Verlegung des Schlachthofs von der Stadt aufs Land.14 Mitte der 1960er-Jahre genehmigte der Grosse Rat einen Neubau für 32 Millionen Franken, 1970 nahm die Stadt ihren neuen Schlachthof an der Grenze zu Frankreich in Betrieb. Mit dem Bau der grössten Schlachthalle der Schweiz sicherte sich Basel nicht nur den Verbleib von Bell, sondern auch die Möglichkeit, Tiere in grossem Massstab zu Fleisch zu verarbeiten.
Im Zeitalter des Massenkonsums gewannen Grossverteiler an Einfluss. Wie in anderen Städten auch verschwanden in Basel viele kleinere Geschäfte. Zwischen 1965 und 1985 sank die Zahl der Läden in der Stadt von 2450 auf 1968. Von den Schliessungen waren insbesondere Quartierläden, sogenannte Tante-Emma-Läden betroffen. Auch zahlreiche Bäckereien mussten schliessen oder gaben ihre Räume an grössere Wettbewerber wie ‹Sutter Begg› ab.15 Im Detailhandel verdrängte das Prinzip der Selbstbedienung zunehmend den Verkauf über die Theke. In weiträumigen Einkaufszentren fand die Kundschaft alles von Brot bis Käse, Mercerie bis Putzmittel. Hier konnte man frei auswählen, ohne den Laden zu wechseln. Damit falle die berüchtigte «Schwellenangst» weg, frohlockten Detailhändlerinnen und -händler.
An der Freien Strasse, Basels präferierter Einkaufsmeile, dominierten zunehmend internationale Ketten das Erscheinungsbild. Die steigenden Mieten konnten sich in erster Linie Modeläden leisten. 1975 war erst etwa ein Drittel aller Läden an dieser Lage Kleidergeschäfte, 2001 die Hälfte. Im Zentrum der Stadt herrschte immer weniger Vielfalt, insbesondere das Angebot für Produkte des täglichen Gebrauchs verschwand fast vollständig. Bot Mitte der 1970er-Jahre jedes zehnte Geschäft an der Freien Strasse Lebensmittel an, war es ein Vierteljahrhundert später nicht einmal mehr jedes zwanzigste. Diese Entwicklung provozierte kontroverse Debatten, die Rede war von «Banalisierung», «Filialisierung» oder auch: «Lädelisterben». Das Spezifische der Stadt schien bedroht, wenn in Basel die gleichen Waren wie in anderen Städten auch angeboten wurden.16 Bis in die 1970er-Jahre dominierte in Basel eine Machbarkeitsmentalität, die von der stabilen politischen und wirtschaftlichen Lage getragen wurde. Die Stadt glich phasenweise einem grossen Bauplatz. Der Kanton Basel-Stadt investierte 1970 etwa dreimal so viel in den Hoch- und Tiefbau wie noch 1960. Die Stadt baute diverse Freizeitanlagen, unter anderem Gartenbäder (St. Jakob 1955, Bachgraben 1962). Besonders viele Neubauten entstanden zu Bildungszwecken. Zwischen 1945 und 1970 verdoppelte sich die Anzahl Klassen an den öffentlichen Schulen, im selben Zeitraum entstanden in Basel-Stadt über zehn neue Schulgebäude – man spricht in diesem Zusammenhang von der «Bildungsexpansion».17 Auch die Universität erhielt neue Gebäude: das Institut für Organische Chemie (1952), eine neue Universitätsbibliothek (1968) und das Biozentrum (1971).18 Und auch im Gesundheitswesen standen grosse Neubauten an, unter anderem das neue Felix Platter Spital (1967).
Mit dem Wohlstand wuchsen die Ansprüche und die Standards. Besassen 1960 rund die Hälfte der Basler Haushalte eine Etagen-, Zentral- oder Fernheizung, waren es 1980 bereits 85 Prozent. Inzwischen konnten sich fast alle Bewohnerinnen und Bewohner Basels eine warme Dusche im eigenen Badezimmer gönnen. Noch 1960 hatten sechzehn Prozent der Haushalte keinen Warmwasseranschluss und 22 Prozent keine eigene Dusche oder Bad. Infolge der regen Bautätigkeit entstanden viele Neubauten, die einen Ausbaustandard mit Einbauküche und Kühlschrank, Heizung und Bad zur Norm erhoben.19
Als Folge des neuen Lebensstandards explodierte der Verbrauch an Energie. Zwischen 1960 und 1970 konsumierte die Kantonsbevölkerung siebzehn Prozent mehr Wasser, 57 Prozent mehr Elektrizität und gar 138 Prozent mehr Gas.20 Für die Regierung stellte der steigende Konsum eine Herausforderung dar, auf den sie mit dem Bau öffentlicher Versorgungswerke reagierte. Angesichts der kleinen und dicht besiedelten Stadtfläche von 37 km2 war sie dabei auf Kooperationen mit anderen Kantonen angewiesen. Das Wasserkraftwerk Birsfelden (BL) aus den 1950er-Jahren gehörte zu solchen gemeinschaftlichen Projekten auf ausserkantonalem Boden. Später bezog Basel-Stadt verstärkt Strom aus Partnerwerken in Bern, im Wallis und Tessin. Basel bemühte sich in den 1960er-Jahren auch um Energie aus dem umliegenden Ausland, zum Beispiel in Form von Ferngasverträgen mit Deutschland, eine wichtige Basis für die starke Entwicklung der Gasindustrie. Doch nicht alle grenzüberschreitenden Projekte hatten Erfolg. 1968 gelang es, einen Vertrag mit Frankreich für eine gemeinsame Abwasseranlage im Elsass abzuschliessen. Da aber die betroffenen elsässischen Gemeinden Widerstand leisteten, wurde das Vorhaben nach einigen Jahren wieder aufgegeben.21
Eine eigene Lösung musste die Regierung auch bei der Abfallentsorgung finden. Die Gleichung war in diesem Fall einfach: Die Menschen konsumierten mehr – und produzierten dadurch mehr Hauskehricht. Zwischen 1945 und 1965 verzeichnete die Kehrichtverbrennungsanlage in Basel eine Zunahme der Abfallmenge von sechs Prozent pro Jahr. Die Kehrichtverbrennungsanlage (KVA I), erst 1943 am nördlichen Rand der Stadt gebaut, stiess an ihre Grenzen, 1969 ging die neue KVA II direkt nebenan in Betrieb. Die neuen Öfen kosteten den Kanton noch mehr als der fast zeitgleich in unmittelbarer Nachbarschaft eröffnete neue Schlachthof: knapp 50 Millionen Franken. Sie konnten statt 100 000 jährlich rund 230 000 Tonnen Abfall bewältigen.22 Bis zum Ausbruch der Ölpreiskrise 1973 wurden jedes Jahr etwa 2000 neue Wohnungen gebaut, vorwiegend mit ein, zwei oder drei Zimmern. Parallel dazu stieg der Wohnflächenbedarf kontinuierlich an.23 Wie grosszügig oder beengt man lebte, hing massgeblich vom Quartier ab. Arme Quartiere wie die Kleinbasler Wohnviertel Kleinhüningen, Klybeck oder Matthäus waren dicht, reiche Quartiere wie St. Alban, Bruderholz oder die Landgemeinden Riehen und Bettingen dünn besiedelt. Die Einkommensunterschiede zwischen den Quartieren blieben zwischen den 1960er- und den 2010er-Jahren relativ stabil. Ein Quartier, in dem sich die Einkommenslage veränderte, war die Breite: 1970 lag der Steuerertrag der Einwohnerinnen und Einwohner – hauptsächlich Arbeiterinnen und Arbeiter – deutlich unter dem Basler Durchschnitt, 2007 hingegen leicht darüber.24
Mit dem Bauboom waren die Landreserven in der Mitte des 20. Jahrhunderts knapp geworden. In der dicht besiedelten Stadt mit ihrer geringen Fläche war der Traum von einem geräumigen Eigenheim kaum mehr zu realisieren. Die nun einsetzende Stadtflucht war ein schweizweites Phänomen, von dem Basel-Stadt besonders stark betroffen war.25
Umweltsorgen und Krisengefühle – Die 1970er-Jahre
Die neue Mobilität machte es möglich, finanzielle Überlegungen legten es nahe – den Umzug von der Stadt auf das Land. Was für viele junge Familien verlockend klang, löste bei der Basler Regierung Panik aus. In der Nachkriegszeit musste sie beobachten, wie vor allem die wohlhabende – und damit die steuerpolitisch wichtige – Bevölkerung in die Agglomeration abwanderte. Viele Kader der öffentlichen Dienste und der Wirtschaft zog es in stadtnahe Gemeinden, insbesondere in den Kanton Basel-Landschaft, mit dem eine Mehrheit der Baslerinnen und Basler gerne fusioniert hätte. Doch der Nachbarkanton lehnte einen Zusammenschluss 1969 überraschend deutlich ab.26
Das Nein von Basel-Landschaft war nur ein Zeichen in diesem Jahr, das im Nachhinein als Krisensymptom gelesen werden kann. 1969 markiert den Zenit der Hochkonjunktur und den Anfang einer Krise, die sich in der Bevölkerungsentwicklung eindrücklich niederschlagen sollte. Jetzt erreichte der Kanton den Höchststand von 236 000 Einwohnerinnen und Einwohnern, dreissig Jahre später waren es nur noch etwa 190 000. In der Zwischenzeit schrumpfte die Wohnbevölkerung nicht nur, sie wurde auch älter und kinderärmer. Medizinischer Fortschritt, die steigende Lebenserwartung und die Einführung der Antibabypille beschleunigten diesen demografischen Trend. Dies hatte Konsequenzen für den Staatshaushalt: Die Einnahmen aus der Einkommenssteuer gingen zurück, die Sozialversicherungsbeiträge stiegen an und der Bedarf an Alters- und Pflegeheimen nahm zu.27 Nach 1970 rutschte der Staatshaushalt von Basel-Stadt ins Minus. 1971 resultierte erstmals seit 1947 ein Netto-Verlust, im folgenden Jahr verdoppelte sich der Verlust auf 70 Millionen Franken.28 Kurz darauf befeuerten globale Entwicklungen die Misere des Stadtkantons. 1973 führten erhöhte Ölpreise in den westlichen Industrieländern zu einem wirtschaftlichen Einbruch. Die Ölpreiskrise markierte das Ende der Vollbeschäftigung in Basel, wo man die Probleme der Weltwirtschaft unmittelbar spürte. Auf dem Rhein fuhren kurzzeitig weniger Frachtschiffe als gewohnt, die steigenden Treibstoffpreise hatten den internationalen Handel gelähmt. Ende 1973 rief der Bundesrat aus Sorge um fehlende Öllieferungen drei autofreie Sonntage aus.29 Einzelne nahmen die Situation mit Humor – Jugendliche eroberten mit ihren Fahrrädern und Rollschuhen den neuen Cityring. Auf viele wirkte das Bild verwaister Autobahnen bedrohlich. «Jedes Blatt hat man auf der Strasse rascheln gehört», erinnert sich der Basler Journalist Felix Erbacher. «Die Menschen hatten das Gefühl, die Wirtschaft würde bald zusammenbrechen».30
Die Fortschrittsgläubigkeit der Hochkonjunktur verpuffte, die Sorgen um die Zukunft Basels nahmen zu. Die zuweilen euphorischen Prognosen über die demografische und wirtschaftliche Entwicklung erwiesen sich häufig als falsch, auch die Basler Behörden mussten zahlreiche Planungsfehler eingestehen.31 Die fehlende Kompetenz der Behörden, finanziell vorausschauend zu planen, offenbarte sich etwa im sogenannten Bürgerspitalskandal.
Mit einer kommunikativen Grossoffensive warb die Regierung im Vorfeld der Abstimmung 1964 erfolgreich für ein neues Spitalgebäude. Es sollte 132 Millionen Franken kosten, dreizehn Geschosse hoch sein und mitten in der Stadt stehen. Doch das Projekt litt unter massiven Verzögerungen und einer Kostenexplosion. Nach drei Jahren Bauzeit zog das Parlament die Bremse, verordnete einen Baustopp und beauftragte das Basler Architekturbüro Suter + Suter mit einer Überarbeitung. In Basel sprach man zu diesem Zeitpunkt bereits von der «Fehlplanung des Jahrhunderts». Der Neubau kostete am Ende doppelt so viel wie geplant und wurde mit sechs Jahren Verspätung realisiert.32 1975, mitten im Finanzloch, veröffentlichte die Regierung das Programm ‹Basel 75: Hauptziele eines Stadtkantons›. Um Basel als «selbständig lebens- und handlungsfähigen Kanton» zu erhalten, müsse die städtische Lebensqualität verbessert, Basel zu einem attraktiven Wohnort umgebaut und der Finanzhaushalt saniert werden. Binnen fünf Jahren, so das Ziel, sollte der Kanton in die schwarzen Zahlen zurückkehren und die Wohnbevölkerung bei 225 000 Menschen stabilisiert werden. Beide Ziele verfehlte Basel-Stadt deutlich, 1980 resultierte ein Minus von fast 100 Millionen Franken und im Kanton lebten nur noch knapp 204 000 Menschen.33
Obwohl die Zahlen enttäuschten, bedeutete ‹Basel 75› eine wichtige Weichenstellung der kantonalen Politik. Die ‹National-Zeitung› erkannte den längst fälligen Kurswechsel «vom Verwalten zum Regieren».34 Bemerkenswert am Regierungsprogramm war unter anderem die Würdigung der Altstadt. Die Erhaltung des historischen Stadtbildes – beziehungsweise dessen, was noch von ihm übrig war – wurde zu einem integralen Bestandteil der Stadtplanung erklärt.35 An die Stelle der Erneuerungsmentalität der Hochkonjunktur trat die Philosophie, den historischen Stadtkern zu schützen, zu sanieren und zu präsentieren. Das Papier liest sich wie eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte, die in Form historischer Bausubstanzen erhalten bleiben müsse. Denn die Attraktivität Basels als Wohnort, so erklärte die Regierung, beruhe stark auf diesem baulichen Erbe.
Diesem neuen Selbstverständnis waren Impulse aus der Bevölkerung vorausgegangen, vor allem von den zwei privaten Vereinen Basler Heimatschutz und Freiwillige Denkmalpflege, die bis in die frühen 1970er-Jahre verschiedene Volksabstimmungen über den Erhalt von alten Gebäuden verloren hatten. Der Umgang mit der historischen Bausubstanz war lange kaum reguliert. Das Baudepartement definierte zwar im revidierten Zonenplan von 1939 eine kleine «Altstadtzone». Darin durften Gebäude aber beliebig ersetzt werden, solange im Umfang des vorherigen Volumens neu gebaut wurde. Im Kern mussten sich die Neubauten also nur dem bestehenden historischen Umfeld anpassen. Auch die im Denkmalverzeichnis eingetragenen Gebäude waren nicht unbefristet geschützt.36
In den 1970er-Jahren fand der Denkmalschutz erhöhte Beachtung. Über den Erhalt von Altbauten wurde nicht nur in Basel lebhaft debattiert. Ein Anlass dafür war die Erkenntnis, dass in Europa nach 1945 mehr historische Bausubstanz zerstört worden war als durch den Krieg selbst.37 Nach der Veröffentlichung von ‹Basel 75› zeigte sich die neue Haltung zunehmend auch im Stadtbild.
Um die Altstadt zu bewahren, führte Basel 1977 die Kategorien «Schutzzone und Schonzone» ein. Innerhalb der «Schutzzone» galt ein vollständiger Substanzschutz, in der weder Fassaden noch Dächer und Brandmauern abgebrochen werden durften. Die gesamte bisherige Altstadtzone erhielt damit faktisch einen Abbruch-Schutz. Die «Schonzone» war weniger streng reglementiert. In ihr durfte neu gebaut werden, allerdings nur, wenn Volumen und Charakter der bisherigen Bebauung gewahrt wurden. Die Schonzone ging flächenmässig weit über die bisherige Altstadt hinaus. Sie umfasste diverse Ensembles des 19. und 20. Jahrhunderts in den Aussenquartieren. Mit der Erhaltung solcher «künstlerisch wertvoller Quartiere», so die Grossratskommission, würde «echte Wohnlichkeit mit notwendiger volkswirtschaftlicher Attraktivität» verbunden.38 Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklungen war das Denkmalschutzgesetz von 1980. Damit wurde die Denkmalpflege zur Staatsaufgabe.39
1971 hat das Baudepartement bei 192 Wohnhäusern den Abbruch bewilligt, 1984 nur noch bei 58.40 An die Stelle der Abbrüche trat ein neuer Trend, die Restaurierung. So ist die heutige Altstadt bei näherer Betrachtung zu grossen Teilen eine Rekonstruktion. Bei der Restaurierung des St. Albantors zeigte sich der Rückgriff in die Vergangenheit exemplarisch. Die Stadt riss 1976 den Dachaufbau aus der Gründerzeit ab und stellte den nüchternen Zustand ohne Zinnen aus dem Mittelalter wieder her. Diese und viele weitere Restaurationen der 1970er- und 1980er-Jahre zeugen vom Bedürfnis nach Identitätsstiftung und Selbstvergewisserung in einer Zeit der Krisen und Umbrüche.41
Noch weit grösser als die Angst vor der Zerstörung der Altstadt war in den 1970er-Jahren allerdings die Sorge um die Umwelt. In Basel wurde der Umweltschutz zu dem bestimmenden Thema des Jahrzehnts. Am 6. April 1973 sassen junge Menschen in den Baumkronen entlang des Cityrings. Sie gehörten der Progressiven Organisationen Basel (POB) an, einer aus der 68er-Bewegung hervorgegangenen Partei. Auf Transparenten standen ihre Parolen, etwa: «Auch diese Bäume sind Opfer des Cityrings». Die Kritik galt der Basler Regierung, die sich zu sehr um Wachstum und Strassenbau kümmere. Die Aktivistinnen und Aktivisten setzten sich derweil für die Umwelt ein. Es mehrten sich die kritischen Stimmen gegenüber dem hohen Ressourcenverbrauch und dem Primat des Autos.
Der Cityring, kurz zuvor noch als verkehrsplanerischer Meilenstein gelobt, geriet zunehmend in die Kritik. Ende 1969 ergriff das ‹Aktionskomitee gegen den Cityring und für ein wohnliches Basel› das Referendum gegen die zweite Bauetappe. Das Komitee war breit aufgestellt, neben jungen linken Kräften verfügte es auch über erfahrene Politikerinnen und Politiker wie den freisinnigen Grossrat Adolf Gasser oder Mary Paravicini vom sozialliberalen Landesring der Unabhängigen (LdU). Die Gruppe war politisch heterogen, der Einsatz für den Umweltschutz ihr verbindendes Element. Sie wollte nicht tatenlos zusehen, wie eine grössere Zahl von Bäumen gerodet würde für den Cityring und das Heuwaage-Viadukt, das sie als «scheussliches Stahlmonument» bezeichneten.42
Bei der Abstimmung 1970 blieb das Komitee jedoch chancenlos. Die zweite Bauetappe wurde realisiert, daran änderten auch die spektakulären Baumbesetzungen nichts. Doch der Widerstand war Ausdruck eines Mentalitätswandels. Das Bewusstsein für die Bedrohung der Umwelt nahm zu. Der Umgang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen rückte immer stärker in den Blickpunkt, die Kritik am Wachstumsmantra der Nachkriegszeit wurde salonfähig.43 Damit griff man in Basel Diskussionen auf, die global geführt wurden.
Am 4. September 1970 war der «Basler Tag des Naturschutzjahres», die Universität beging ihn mit einer «Stunde der Besinnung».44 Adolf Portmann, emeritierter Professor für Zoologie, stimmte dabei pessimistische Töne an: «Man redet gerne vom finsteren Mittelalter – wir haben viele triftige Gründe, von einer sehr finsteren Gegenwart zu sprechen.»45 Portmann spielte damit auf Erkenntnisse an, die seine Kolleginnen und Kollegen in den vorhergehenden Jahren gewonnen hatten. Vor allem der Bestseller ‹Der stumme Frühling› (1962) der Biologin Rachel Carson hatte beim Ornithologen Portmann nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Sprachgewaltig prangerte Carson den Einsatz von Pestiziden an, ihr Buch gilt als Auftakt der globalen Umweltbewegung.46 Und es hatte auch Konsequenzen für Basel: Carsons Werk hatte massgeblichen Anteil daran, dass die Schweiz 1972 den Einsatz von Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) verbot. Die insektentötende Wirkung von DDT hatte der Chemiker Paul Müller 1939 in den Laboren der Firma Geigy entdeckt. Geigy brachte das Pflanzenschutzmittel drei Jahre später auf den Markt, Müller erhielt 1948 für seine Entdeckung den Nobelpreis für Medizin. Am Basler Tag des Naturschutzjahres nannte Portmann das neue Paradigma der Bewegung: «Naturschutz wird Menschenschutz». Man müsse die Menschheit vor sich selbst retten. Zwei Jahre nach dem Europäischen Naturschutzjahr veröffentlichte der ‹Club of Rome› seinen epochalen Bericht «Die Grenzen des Wachstums». Das Zukunftsbild, das die Modellrechnungen des Massachusetts Institute of Technology zeichneten, war apokalyptisch: Wenn immer mehr Menschen immer mehr Ressourcen verbrauchten, drohe der Kollaps. Gewässer-, Lärm- und Luftverschmutzungen waren Konsequenzen des vielgelobten Wirtschaftswunders.47
Das ökologische Denken im Sinne von Portmann, Carson oder dem ‹Club of Rome› unterschied sich grundlegend vom alten konservatorischen Umweltschutz. Nicht mehr nur Schönes und Edles aus Natur- und Tierwelt, sondern alles Lebendige, auch Mensch, Umwelt und alle natürlichen Lebensgrundlagen galten neu als schützenswert. Von den traditionellen Naturschutzverbänden erforderte das ein Umdenken. Der Schweizerische Bund für Naturschutz (später Pro Natura) beispielsweise, der seine Wurzeln in Basel hat, verschrieb sich mit seiner Statutenrevision 1965 neu dem Umweltschutz als Ganzem.
Keiner der neuen Vereine, die in den 1970er-Jahren zahlreich entstanden, verkörperte den Umweltschutz so deutlich wie die Basler Arbeitsgemeinschaft zum Schutz von Natur und Umwelt (BASNU). Als Dachorganisation vereinte, koordinierte und artikulierte sie ab 1970 die verschiedenen Aktivitäten und Initiativen der Natur- und Umweltorganisationen im Kanton. Sie ermöglichte Allianzen und bündelte diese, um gemeinsame Interessen lautstark gegenüber den Behörden und der Wirtschaft vertreten zu können. Nach nur einem Jahr hatte die BASNU bereits 25 000 Mitglieder.48
Ein Feindbild der Umweltschutzbewegung war die chemisch-pharmazeutische Industrie, die wirtschaftlich mit Abstand wichtigste Branche in Basel. Als Exempel für ihre potenziell verheerenden Auswirkungen galt das italienische Städtchen Seveso, wo im Sommer 1976 hochgiftiges Dioxin aus dem Werk eines Tochterunternehmens von Roche ausgetreten war. Ob eine derartige Katastrophe hier passieren könnte, beschäftigte auch in Basel die Menschen. Hatte die Basler Chemie bis anhin als Zukunftsindustrie und als Garant des regionalen Wohlstandes gegolten, wurde sie in den 1970er-Jahren zunehmend kritisch betrachtet. Die mit ihr verbundenen Risiken waren in der Region Basel hinlänglich bekannt. In Fabriken war es wiederholt zu Explosionen gekommen, Abfälle verschmutzten den Rhein und oft stank es fürchterlich in den Arbeiterquartieren.49 Der neue Umweltdiskurs prägte den Basler Politikbetrieb nachhaltig. Noch in den Parolen für die Gross- und Regierungsratswahlen 1968 spielten Umweltschutzthemen höchstens eine untergeordnete Rolle. Auch die Bemühungen der Regierung hielten sich in Grenzen und beschränkten sich darauf, die Gewässer-, Luft- und Lärmverschmutzung im urbanen Raum zu messen. Konkrete Massnahmen zu deren Eindämmung resultierten daraus nicht.50
Im Bereich des Umweltschutzes betrieb die Regierung vorerst Symbolpolitik. Um auf den zunehmenden Abfall aufmerksam zu machen, veranstaltete sie beispielsweise im Mai 1967 den Umzug ‹Basel blyb suuber›, der das sogenannte Sauberkeitsjahr lancierte. Eine Grundsatzdebatte über die zunehmende Abfallproduktion in der Stadt löste die Aktion nicht aus.51
Ernsthaft auf die politische Agenda nahmen die Parteien den Umweltschutz erst anlässlich der Wahlen 1972. Die Radikaldemokraten forderten, dass ein Amt für Umweltschutz geschaffen und ein Lufthygienegesetz erlassen werde. Zudem plädierte die Partei, wie auch die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) und die Sozialdemokratische Partei (SP), für eine Regulierung der Gewässerverschmutzung. Für den Umweltschutz interessierte sich das gesamte Parteienspektrum: Von links bis rechts versprachen sie, den Privatverkehr eindämmen, den öffentlichen Verkehr ausbauen und damit den Weg für eine verkehrsfreie Innenstadt bereiten zu wollen. In Basel-Stadt entzog sich das Thema vorerst dem klassischen Links-Rechts-Schema.52
Umweltschutz war in dieser Zeit en vogue. Die Stimmbevölkerung des Kantons nahm 1971 den eidgenössischen Umweltschutzartikel mit einem überwältigenden Mehr von 97,5 Prozent an. Obwohl es noch bis in die 1980er-Jahre dauerte, bis der auch national deutlich angenommene Umweltschutzartikel in ein Gesetz mündete, schien in Basel die Zeit nun reif für konkrete Massnahmen. Die Stadt beschloss, den öffentlichen Verkehr zu fördern und baute Lärmschutzwände in den Klostermatten, neben der Osttangente. 1975 erliess die Regierung eine Verordnung über die Reinhaltung der Luft und schuf eine entsprechende Amtsorganisation. Fünf Jahre später führte Basel, nach langjährigen Bemühungen der BASNU, das Baumschutzgesetz ein. Weniger als zehn Jahre nachdem Aktivistinnen und Aktivisten entlang des geplanten Cityrings Bäume besetzt hatten, verfügte Basel-Stadt, dass für jeden gefällten Baum ein neuer gepflanzt werden muss.53
Zunehmend setzte der Kanton auch konkrete Anreize für einen bewussteren Umgang mit Ressourcen. Diese setzten beim individuellen Verbrauch der Menschen an. Dazu gehörte etwa die 1986 eingeführte verbrauchsabhängige Heiz- und Warmwasserkostenabrechnung. Bis dahin erhielten Mieterinnen und Mieter eine pauschale Rechnung, nun wurde ihr Verbrauch gemessen und individuell abgerechnet. Möglich machten dies die Zähler der Basler Firma Rapp, die in diesem Bereich Vorreiterin war. Ein Ingenieur erklärte den deutlich verringerten Energieverbrauch ganz pragmatisch: «Keiner spart für alle Nachbarn, für sich selber aber schon.»54 Später weitete Basel das Verursacherprinzip auf den Kehricht aus. 1993 führte die Stadt gebührenpflichtige Abfallsäcke ein. Der Erfolg war aber bescheiden – trotz Bebbi-Sagg verdoppelte sich die Abfallproduktion zwischen 1980 und 2010.55
Zwischen Utopie und Schrecken – Die 1980er-Jahre
Nur wenigen Baslerinnen und Baslern gelang es, umweltbewusstes Denken in umweltverträgliches Handeln zu überführen. Die Menschen sorgten sich zwar vermehrt um die Umwelt, belasteten sie aber gleichzeitig in steigendem Masse. Die Stadt versuchte verschiedentlich für dieses Problem zu sensibilisieren. Das herausragende Beispiel dafür war die ‹Grün 80›.
Im Gegensatz zur ersten Ausgabe der ‹Schweizerischen Ausstellung für Garten- und Landschaftsbau›, die 1959 in Zürich stattgefunden hatte, stand 1980 nicht mehr der Mensch als Schöpfer von Gartenkunst im Mittelpunkt. Der Grossanlass stellte die Natur ins Zentrum und propagierte den Umweltschutz. Es war die «erste international beachtete Gartenschau, die sich kritisch mit dem Verhältnis Mensch-Natur auseinandersetzt», schrieb die Thurgauer Zeitung.56
Vom 12. April bis zum 12. Oktober thematisierte die ‹Grün 80›, wie der Mensch schädlichen Einfluss auf die Umwelt nahm und wo welche Veränderungen notwendig wären. Die Ausstellung fand über die Landesgrenzen hinaus grosse Beachtung. Über dreieinhalb Millionen Menschen besuchten sie, selbst Queen Elizabeth II. war im Rahmen eines offiziellen Staatsbesuchs mit Entourage vor Ort. Einen faden Beigeschmack hinterliess die Tatsache, dass viele trotz preisgünstigem Busangebot mit ihren Privatautos anreisten.57
Die ‹Grün 80› war ein Massenereignis für die ganze Familie, Umweltschutz wurde am südlichen Stadtrand häppchenweise und leicht verträglich dargeboten. Die Projektion «S. O. S. Schweiz Suisse Svizzera» beispielsweise lieferte einen Überblick über gefährdete einheimische Landschaften. Unweit davon entfernt ragte ein Autowrack aus einer Mini-Sandwüste, ein Anblick, der daran erinnern sollte, dass die Natur auch den Menschen überleben werde. Die politische Brisanz des Themas offenbarte sich zur selben Zeit ganz in der Nähe, nämlich im aargauischen Kaiseraugst. Dort kämpften viele Menschen aus Sorge vor irreversiblen Schäden an der Umwelt gegen ein geplantes Atomkraftwerk (AKW). Von jung bis alt, von links bis rechts, von urban bis ländlich: Die Anti-AKW-Bewegung war breit abgestützt, überregional vernetzt und entwickelte eine grosse Zugkraft. Basel war eines ihrer Zentren. Bereits 1970 hatte sich hier das Nordwestschweizer Aktionskomitee gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst (NAK) formiert. Ihm folgte 1973 die Gewaltfreie Aktion Kaiseraugst (GAK), die auch Verbindungen ins Elsass und nach Südbaden pflegte, wo bereits in den Jahren zuvor Demonstrationen gegen geplante Atomkraftwerke stattgefunden hatten. Auch die Basler Regierung solidarisierte sich offen mit der Anti-AKW-Bewegung.58
Das war nicht selbstverständlich. Die zivile Nutzung der Atomenergie galt noch in den 1960er-Jahren in weiten Kreisen als eines der grossen Zukunftsversprechen, ihren kommerziellen Verheissungen widmete sich in Basel die Fachmesse ‹Nuclex›. Auch Naturschutzverbände plädierten damals für den Bau von Atomkraftwerken, um neue Wasserkraftwerke zu verhindern und damit natürliche Flusslandschaften zu schützen. Als der Energiekonzern Motor Columbus 1966 das AKW-Projekt in Kaiseraugst vorgestellt hatte, war die mediale Resonanz noch positiv ausgefallen.59 Kurz darauf schlug die Stimmung um. Der Grosse Rat verabschiedete 1969 eine Resolution, in der er seine Besorgnis über ein Atomkraftwerk im «Einzugsgebiet des Hochrheins» ausdrückte. Für Basel gehe es um den «Schutz des lebensnotwendigen Wassers und der Luft sowie der Bewahrung vor Gefährdung durch radioaktive Abfälle».60 Der geplante Standort Kaiseraugst liegt nur zehn Kilometer von der Stadt entfernt. Aarau, die knapp 40 km entfernte Kantonshauptstadt des Aargaus, wäre den Risiken weniger stark ausgesetzt gewesen, hätte aber gleichzeitig von sämtlichen Steuererträgen profitiert. Die Entscheidung für oder gegen das AKW lag jedoch nicht in den Händen Basels, sondern geografisch bedingt beim Aargauer Regierungsrat, in Bern und bei Motor Columbus. Wie schon beim Streckenverlauf der Osttangente fühlte sich die Basler Regierung bei der Projektierung übergangen und monierte, dass es bei der Planung an föderalistischer Kultur mangle.61
Öffentlich wahrgenommen wurde der Widerstand erstmals 1975, als etwa 15 000 Menschen das vorgesehene Bauland in Kaiseraugst besetzten. «Die Besetzung war unser einziger Trumpf», gab ein junger Mann in einem Fernsehinterview zu bedenken.62 Den Besetzerinnen und Besetzern gelang es durch den zivilen Ungehorsam, das AKW Kaiseraugst im Nu zu einem nationalen Politikum zu machen. Sie standen am Anfang einer gesamtschweizerischen Anti-AKW-Bewegung, und der Begriff Kaiseraugst wurde zum Sinnbild für den Kampf gegen die Atomenergie.63
Nach jahrelangem Widerstand kam 1988 – zwei Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – das Aus für das AKW-Projekt in Kaiseraugst. Die Kernkraftwerk Kaiseraugst AG verzichtete auf den Bau und erhielt dafür vom Bund 350 Millionen Franken Entschädigung. Der Direktor von Motor Columbus bezeichnete ‹Kaiseraugst› rückblickend als «permanente[n] Unruheherd, der fast zur Staatskrise führte» und als «ein (teures) Lehrstück für die ungeahnte Komplexität bei der Einbettung umstrittener Infrastrukturprojekte in unsere politische Landschaft».64
Für weite Teile der Basler Bevölkerung war die Verhinderung des AKW ein politisierendes Moment. Die erfolgreiche Bewegung war ein wichtiger Treffpunkt für linke Aktivistinnen und Aktivisten. Einige von ihnen engagierten sich später im Rahmen der Alten Stadtgärtnerei im St. Johann, dem bekanntesten von mehreren neuen Begegnungsorten für ökologisch denkende und kulturaffine Menschen in Basel. Ab 1986 erprobten sie in den botanischen Glashäusern, die die Stadt temporär zur Verfügung gestellt hatte, alternative Lebensmodelle. Die polizeiliche Räumung des Areals 1988 bedeutete für viele das Ende einer Utopie, die selbsternannten «Stadtgärtner» hatten von einer besseren und grüneren Welt geträumt.
Die Stadt muss sparen – Die 1990er-Jahre
«Null Risiko» hiess es 1990 aus den Reihen des überparteilichen Komitees ‹Ja zur Brücke Bischoff + Rüegg›. Die Basler Bevölkerung stand kurz vor einer Abstimmung über den Neubau der Wettsteinbrücke, die inzwischen über hundert Jahre alt war. Lange deutete alles darauf hin, dass die Variante des Basler Architekturbüros Bischoff + Rüegg konkurrenzlos bleiben würde. Als aber ein Vorschlag des spanisch-schweizerischen Ingenieurs und Architekten Santiago Calatrava publik wurde, entbrannte eine kontroverse Diskussion. Die ‹Basler Zeitung› (BaZ) schrieb von einer öffentlichen «Grundwelle der Begeisterung», die durch Calatravas Entwurf einer eleganten Stahlbrücke ausgelöst worden sei.76 In kurzer Zeit gründeten sich zwei Komitees zugunsten der Calatrava-Brücke. Und selbst bürgerliche Kreise aus dem Basler Heimatschutz, der tendenziell eher konservatorisch ausgerichtet war, sahen in der Variante des späteren Star-Architekten eine einzigartige Chance für Basel.
Das Baudepartement war allerdings weniger euphorisch und befürchtete, dass die Calatrava-Brücke instabil sei, den Blick auf das Münster versperren und viel teurer als geplant ausfallen würde.77 Die Behörden favorisierten das deutlich günstigere Bischoff + Rüegg-Projekt, das sich in der Volksabstimmung schliesslich auch durchzusetzen vermochte. Die Zurückhaltung gegenüber teuren Projekten war kennzeichnend für die 1990er-Jahre. Sie war eine Folge der Rezession, die in Basel zu einem Beschäftigungsrückgang, erhöhten Sozialausgaben und niedrigeren Steuereinnahmen führte. Der nicht realisierten Calatrava-Brücke trauerten in Basel allerdings viele noch lange nach.78 Mit der Rezession der 1990er-Jahre geriet in Basel die Verwaltung unter Druck. Nach 1970 hatte Basel seinem Ruf, eine Beamtenstadt zu sein, mehr denn je entsprochen. Kamen damals auf achtzehn Einwohnerinnen und Einwohner eine Staatsangestellte beziehungsweise ein Staatsangestellter, betrug das Verhältnis 1990 bereits zwölf zu eins. Die 1992 gewählte Regierung forderte mehr Effizienz und Einsparungen – und hielt sich dabei nicht mit Kritik an ihren Vorgängerinnen zurück. LDP-Finanzdirektor Ueli Vischer warf der alten Regierung vor, nicht genügend Reserven gebildet zu haben, als es wirtschaftlich möglich gewesen wäre.79 Das Sanierungspaket der neuen Regierung beinhaltete Massnahmen auf verschiedenen Ebenen. Sein Herzstück war das Projekt ‹Redimensionierung der Kantonsaufgaben im Kanton Basel-Stadt›, abgekürzt REKABAS. Mit REKABAS sollte eruiert werden, welche Leistungen des Staates effizienter erbracht oder privatisiert werden konnten. Das sperrige Kürzel stand für kostenbewusstes Denken und Handeln, der Staat sollte wie ein Dienstleistungsunternehmen funktionieren.80
Ein wesentlicher Bestandteil der Sparprogramme in den 1990er-Jahren war die Auslagerung von Aufgaben, die lange zum politischen Kerngeschäft gehört hatten. Bis anhin waren in Basel wie auch in anderen Kantonen klassische Service-public-Leistungen in den Bereichen Infrastruktur, ÖV und Gesundheit eine hoheitliche Aufgabe und damit dem Marktdruck weitgehend entzogen. Alle hatten Zugang zu den Leistungen, die Preise waren moderat, wenn auch eher hoch im europäischen Vergleich.81 Unter dem Credo des New Public Managements (NPM) sollte sich der Staat in den 1990er-Jahren nach betriebswirtschaftlichen Kriterien ausrichten. Ein wichtiges Mittel dafür waren Privatisierungen: So privatisierte der Bund beispielsweise 1998 die Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) und 1999 die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Der internationale Trend der Entstaatlichung polarisierte, in Basel entfachte er eine hitzige Debatte um die Zukunft der Staatsbetriebe Industrielle Werke Basel (IWB) und Basler Verkehrs-Betriebe (BVB). Linke und Grüne befürchteten einen Leistungsabbau, Bürgerliche erhofften sich mehr Agilität der beiden Betriebe im Wettbewerb. Nach der Jahrtausendwende wurden schliesslich zahlreiche staatliche Betriebe privatisiert, neben der BVB (2006) und den IWB (2010) auch das Universitätsspital, die Universitären Psychiatrischen Kliniken und das Felix Platter-Spital (alle 2012) oder die öffentlichen Zahnkliniken (2016).82 Dabei setzte sich nicht die Variante einer vollständigen Privatisierung durch, sondern jene der Halbprivatisierung, also der Überführung in öffentlich-rechtliche Anstalten. Die Institutionen wurden zwar aus der Verwaltung herausgelöst, waren rechtlich und organisatorisch selbständig, das Gesetz übertrug ihnen aber öffentliche Aufgaben und erteilt ihnen einen staatlichen Leistungsauftrag.
Die Halbprivatisierungen führten dazu, dass die kantonale Verwaltung ihr Personal stark abbaute. Der Kanton Basel-Stadt verlor als Arbeitgeber an Gewicht, gewann dafür aber als Auftraggeber an Bedeutung. Um 1990 war der Kanton mit bis zu 20 000 Angestellten noch der grösste Arbeitgeber der Stadt. 2020 beschäftigte er nur noch knapp 12 000 Personen. Die Anzahl Staatsangestellter sank auf das Niveau vor 1970, obwohl die Bevölkerung ab den 2000er-Jahren wieder wuchs.83 Die Förderung des NPM kostete viele Staatsangestellte ihren Job. Basel war bekannt für sein dichtes soziales Netz, das die Betroffenen in solchen Situationen auffing. Doch in Zeiten der Krise gerieten die Sozialleistungen, derer sich Basel gerne rühmte, unter Druck. Selbst für linke Regierungsräte und -rätinnen waren Kürzungen kein Tabu mehr. Nicht jeder Sozialabbau sei «des Teufels», erklärte etwa Ralph Lewin (SP) 1998 im Rahmen einer Abstimmung über die Streichung von Beihilfen für Rentnerinnen und Rentner.84 Die Stimmbevölkerung lehnte die Kürzung dennoch ab – eines von mehreren Beispielen dafür, dass sie die vergleichsweise grosszügigen Sozialleistungen in Basel-Stadt verteidigte.85
Für den in Basel lehrenden Nationalökonomen René L. Frey war es bittere Notwendigkeit, den Staatsapparat auszudünnen und die Ausgaben mit Globalbudgets zu deckeln. Er selbst hatte mit solchen Prozessen persönlich zu tun: Von 1996 bis 1998 amtete er als Rektor der jüngst in die Autonomie entlassenen Universität Basel.86 Den prekären Staatshaushalt deutete er als Symptom einer tiefreichenden Krise. Orte wie Basel befänden sich demnach in einem Teufelskreis: Der zunehmende Verkehr mache die Stadt unwirtlich, Massnahmen für Wohn- und Umweltschutz seien teuer und führten zu noch mehr Regulierungen, hemmten die Stadtentwicklung und beschleunigten die Stadtflucht. In der Konsequenz drohe Basel zur «A-Stadt» zu werden. Der Begriff A-Stadt war in den 1990er-Jahren allgegenwärtig. Frey listete auf, welche Personen in einer solchen Stadt leben würden. «In der Kernstadt bleiben zurück: Alte, Arme, Alleinstehende, Alleinerziehende, Abhängige, Auszubildende, Arbeitslose, Ausgesteuerte, Ausländer und Aussteiger.»87 Als Gegenmittel müsse die Stadt aufgewertet werden, damit wohlhabende Steuerzahlerinnen und Steuerzahler blieben oder zuzögen. So könnten Orte wie Basel eine «Renaissance» erleben.88
Die erhoffte Wiederbelebung der Stadt erfolgte zur Jahrtausendwende: 1999 erzielte Basel-Stadt nach zehn Jahren erstmals wieder ein Plus in der Staatsrechnung, zudem fand der Bevölkerungsschwund ein Ende, der in Basel über drei Jahrzehnte lang angehalten hatte. Endlich zogen wieder mehr Menschen in die Stadt als aus ihr weg.
Aufschwung, Wachstum, Partizipation – Die 2000er-Jahre
Mitten in den krisenhaften 1990er-Jahren entwickelten die Basler Behörden ein neues Verständnis von Stadtentwicklung. Die Regierung begann die Bevölkerung aktiv in die Planung einzubeziehen. Stellvertretend dafür stand zwischen 1997 und 1999 die ‹Werkstadt Basel›. Die Regierung, die das Projekt lancierte, verfolgte damit eine Reihe von Zielen. Basel müsse seine Steuereinnahmen langfristig sichern, dafür die Lebens- und Wohnqualität steigern und die eigene Bedeutung als attraktives Kultur- und Wirtschaftszentrum der Region stärken.89 Diese Ziele unterschieden sich kaum von jenen im bereits erwähnten Regierungsprogramm ‹Basel 75›. Neu war jedoch der partizipative Charakter der geplanten Massnahmen. Die integrale Stadtaufwertung sollte im Dialog mit der Bevölkerung und den betroffenen Quartieren erfolgen.90
Über tausend Einwohnerinnen und Einwohner nahmen an der ‹Werkstadt Basel› teil, entwickelten gemeinsam Ideen und schnürten in moderierten Sitzungen politisch tragfähige Massnahmenpakete. Verwaltungsbeamte und Fachleute begleiteten den Prozess und gaben den juristischen und technischen Spielraum vor.91 Im Juni 1999 präsentierte die Regierung das ‹Aktionsprogramm Stadtentwicklung›. Seine Kernelemente waren die drei strategischen Impulsprojekte ‹Rhein›, ‹5000 Wohnungen für Basel-Stadt› und ‹Rahmenkredit Wohnumfeldaufwertung›. Sie alle sollten die Lebensqualität in Basel nachhaltig verbessern – sei es mit neuen Rheinpromenaden, Wohnungen oder Freiräumen. Dazu gehörten zwar auch Grünanlagen, spezifischere Forderungen für Umwelt- und Klimaschutz waren im Programm aber nicht enthalten. Die Investitionen, speziell jene in den Wohnungsbau, waren Teil einer antizyklischen Haushaltspolitik. Sie sollten Basels Aufschwung als Wohn- und Arbeitsort befördern, auch wenn mit kurzfristigen Defiziten zu rechnen war.92 Die ‹Werkstadt Basel› löste eine breite Diskussion zur Planungskultur im Kanton Basel-Stadt aus. Der Ökonom und Kulturmanager Daniel Wiener, den die Regierung als Projektleiter engagiert hatte, betonte wiederholt, dass die Stadtentwicklung nur breite politische Akzeptanz erfahren könne, wenn die Quartiersbevölkerung ein Mitspracherecht habe: «Je mehr Einfluss Menschen auf die Gestaltung ihres unmittelbaren Lebensraums haben, umso höher ist ihre Identifikation damit.»93 Als Bindeglied zwischen Bevölkerung und Verwaltung dienten professionell geführte Quartiersekretariate, die unterschiedliche Anliegen aufnehmen sollten.94
Das erste Quartiersekretariat öffnete im Unteren Kleinbasel, einem Stadtviertel mit hohem Ausländeranteil und tiefen Einkommen. Auch Migrantenorganisationen wirkten im Trägerverein mit, um insbesondere die Brücke zur türkisch-kurdischen Gemeinschaft herzustellen.95 Das Prinzip einer integrativen Stadtentwicklung nahm der Verfassungsrat 2005 in der neuen Kantonsverfassung auf. In dieser sieht Artikel 55 vor, dass der Staat die Quartierbevölkerung «in seine Meinungs- und Willensbildung ein[bezieht], sofern ihre Belange besonders betroffen sind».96 Dieser Verfassungsauftrag setzte die Tradition des Projekts ‹Werkstadt Basel› fort.
Gleichzeitig erschienen in den 2000er-Jahren zunehmend soziologische Studien, die Zweifel am integrativen Charakter der ‹Werkstadt› äusserten. Viele Forderungen aus den Quartieren seien nicht direkt in die Stadtentwicklung geflossen, sondern im Laufe des Prozesses von Beamten und Fachleuten modifiziert worden. Idealistische Ansätze wie das Ausländerstimmrecht seien dabei auf der Strecke geblieben. Zudem mangle es an Inklusion. Mit zunehmender Dauer des Projekts seien hauptsächlich nur noch gebildete, gut integrierte Männer der Mittelschicht an den Diskussionen beteiligt gewesen. Anliegen von Frauen, jungen Erwachsenen und jenen ohne Schweizerpass seien dadurch aus dem Blick geraten.97
Inwieweit der Kanton seine Bevölkerung in die Stadtentwicklung einbezieht, blieb fortan ein vieldiskutiertes Thema. Anstelle des schwammigen Mitwirkungsparagrafen stellte die Regierung 2020 ein griffiges Partizipationsgesetz in Aussicht, 2023 wurde es vom Grossen Rat verabschiedet. Damit sollten grössere Stadtentwicklungsprojekte transparenter und partizipativer ablaufen.98 Ab 2006 schrieb der Kanton Basel-Stadt durchgehend schwarze Zahlen. Die teils hohen Überschüsse hingen hauptsächlich mit der positiven Wirtschaftsentwicklung zusammen, vor allem in der Leitbranche der Life Sciences. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg schienen auch die Initiativen für ein attraktives Basel allmählich zu fruchten. Das Bevölkerungswachstum hielt an, zwischen 2008 und 2020 stieg die Anzahl der Einwohnerinnen und Einwohner von 189 000 auf knapp 202 000.99 Damit verbunden waren steigende Mietpreise und die Furcht einkommensärmerer Leute, sich ein Leben in der Stadt nicht mehr leisten zu können. Auch in Basel war das Phänomen der Gentrifizierung in aller Munde: Durch die Aufwertung der Stadt wurde die dort ansässige Bevölkerung von wohlhabenderen Schichten verdrängt.
Im frühen 21. Jahrhundert erlebte die Stadt einen regelrechten Bauboom, der in gewisser Hinsicht selbst jenen der 1960er-Jahre übertraf: Basel wuchs in die Höhe wie nie zuvor. Symbolträchtig war der 2003 vollendete Messeturm: Mit 105 Metern war er damals der höchste der Schweiz. Für den Aufschwung Basels stand auch der 2001 eröffnete St. Jakob-Park, das grösste Fussballstadion des Landes.
Die Regierung legte grossen Bauprojekten kaum Steine in den Weg. Diverse Bauten zeugen von einer engen Verbindung der Stadt mit ihren führenden Unternehmen. Wie kaum ein anderes Firmenareal der Welt zelebrierte der Novartis Campus die Prosperität der 2000er-Jahre. Zum Zuge kamen ausschliesslich Stararchitekten, die dem Pharmaunternehmen einen mondänen, parkähnlichen Firmensitz bauten. Derweil zog Roche, der andere grosse Basler Pharmakonzern, in den 2010er-Jahren die höchsten Türme der Schweiz in die Höhe. Gleichzeitig entstanden in Basel nun regelmässig Häuser von über fünfzig Metern Höhe. Der Trend zum Hochhaus veränderte die Silhouette der Stadt.100 Das grösste und teuerste Bauprojekt in Basel betraf indes nicht den Hoch-, sondern den Tiefbau. Mit der Fertigstellung der Nordtangente war 2007 ein sogenanntes Jahrhundertprojekt abgeschlossen worden. Sie gewährleistete die Verbindung des schweizerischen mit dem französischen Autobahnnetz, wurde hauptsächlich unterirdisch geführt und entlastete die Bevölkerung im Norden der Stadt vom Durchgangsverkehr. Die Planung des Projekts ging auf die 1970er-Jahre zurück, zeitweise stand seine Realisierung auf der Kippe. 1986 scheiterte die Initiative ‹Basel ohne Nordtangente› nur knapp. Jahrelang hingen im Quartier Horburg zwei Rampen, 1980 als letzter Teil der Osttangente fertiggestellt, in der Luft, erst 1994 konnten die Bauarbeiten wieder aufgenommen werden. Die 3,2 Kilometer lange Nordtangente führte über die zweistöckige Dreirosenbrücke, kostete über 1,5 Milliarden Franken und war damit das teuerste Strassenstück der Schweiz.101
Klimanotstand im urbanen Raum – Die 2010er-Jahre
Das von Landes- und Kantonsgrenzen umgebene Basel leide an Platzmangel – dieses alte Lamento erhielt im 21. Jahrhundert neue Aktualität. Neben dem Bau in die Höhe wurden auch diverse ungenutzte Areale als Möglichkeit gesehen, zusätzlichen Raum zu erschliessen. Früher waren auf ihnen Industrie- oder Logistikunternehmen aktiv gewesen, nun galten sie als sogenannte Transformationsareale. Keine andere Stadt der Schweiz besass in den 2010er-Jahren so viele Brachen, die einem neuen Zweck zugeführt werden konnten. Ein Architekturmagazin schwärmte von «113 Hektaren Chancenland».106 Die meisten Areale befanden sich im Besitz finanzkräftiger Trägerschaften wie der Christoph Merian Stiftung (CMS), Banken, Versicherungen, Pensionskassen oder anderer Investoren. Der Kanton positionierte sich als Mitentwickler, der zwischen den Interessen der Parteien vermittelte, zu denen auch die Quartierbevölkerung gehörte.107 Da er selbst aber oft nur Teile der Areale besass, war er umso mehr bestrebt, gewisse raumplanerische Rahmenbedingungen für die Arealentwicklungen vorzugeben, vor allem in Begrünungs- und Umweltfragen. Dass Grünflächen wie Stadtparks ein wichtiger Bestandteil moderner Stadtentwicklung sind, war unumstritten, allerdings nicht so sehr wegen ihres Beitrags zur Umwelt. Investoren betonten die Anziehungskraft der Grünflächen, Stadt und Bevölkerung ihren praktischen Nutzen.
Das galt auch für das neue Quartier Erlenmatt, das auf dem Areal eines ehemaligen Güterbahnhofs entstand und zwischenzeitlich als Location für Partys genutzt worden war. Die Volksbefragung vor dem Umbau hatte gezeigt, dass sich die meisten Bewohnerinnen und Bewohner einen konventionellen Quartierpark wünschten – einen Ort für Spaziergänge, für Sport, Spiel und Entspannung, einen sozialen Treffpunkt. Grünflächen sollten primär soziale Forderungen erfüllen. Die naturnahe Gestaltung stand dabei weniger im Vordergrund.108
Dass am Ende auf der Erlenmatt dennoch eine Naturschutzfläche entstand, ging auf Initiativen von Naturschutzvereinen und nichtstaatlichen Organisationen zurück. Da der Verein Pro Natura Basel zwischen den Gleisen auf dem ehemaligen Güterbahnhofsareal Flockenblumen und Sandheuschrecken gefunden hatte, war die Grundlage für ein Naturschutzgebiet geschaffen. Rund ein Viertel des Grünraums wurde zum Schutz der Pionierarten einem Naturschutzgebiet zugeteilt.109 «Wieso für eine Zukunft lernen, die es bald nicht mehr gibt?» Im Dezember 2018 organisierten in Basel hunderte Schülerinnen und Schüler einen Klimastreik. Danach gehörten die wöchentlichen Demonstrationen von ‹Fridays for Future› zum städtischen courant normal. Der grünliberale Grossrat Aeneas Wanner trug die Anliegen der Schülerinnen und Schüler erfolgreich in den Grossen Rat. Im Februar 2019 rief Basel-Stadt als erster Kanton der Schweiz den «Klimanotstand» aus. Rechtlich bindend war das Instrument nicht. In der Resolution versprach das Parlament aber, die Bekämpfung der Erderwärmung prioritär zu behandeln. Zudem wollte man über die Region hinaus ein Zeichen setzen – als Vorbild im Kampf gegen den Klimawandel.110
Zu diesem Zeitpunkt machte sich die globale Erderwärmung in der Schweiz längst nicht mehr nur in den Alpen bemerkbar. Auch in urbanen Räumen wie Basel waren die unmittelbaren Folgen des Klimawandels zu spüren. Seit den 1990er-Jahren hatten sich gemäss einer kantonalen Studie Extremereignisse wie Hitzewellen, Trockenperioden, Starkniederschläge und Überschwemmungen gehäuft. Im Sommer 1999 erlebte die Stadt das grösste Hochwasser seit 120 Jahren. Die Rheinschifffahrt musste für 35 Tage unterbrochen werden, was wirtschaftliche Konsequenzen nach sich zog.111 2003 erlebte die Stadt den wärmsten Sommer seit Beginn der Messungen 1755. In den vergangenen knapp 270 Jahren ist die Jahresmitteltemperatur in Basel von acht Grad auf knapp neun (1900), auf 9,5 (1950), auf zehn (1980), auf 10,5 (1995) und zuletzt auf deutlich über elf Grad gestiegen.112
Der «Jahrhundertsommer» 2003 führte in Basel zu einem steilen Anstieg der Sterblichkeit. In der Folge liess Kantonsarzt Thomas Steffen regelmässig Informationskampagnen durchführen, um die Bevölkerung dazu anzuregen, bei erwarteter Sommerhitze präventive Massnahmen zu ergreifen.113 Zudem erlitten die Wälder an den Stadträndern in den 2010er-Jahren schwere Trockenschäden – beispielsweise der Hardwald in Muttenz (BL), den die Bürgergemeinde der Stadt Basel als Besitzerin wegen Brandgefahr zwischenzeitlich für die Besucherinnen und Besucher sperren musste. Die Frage, wie die menschengemachte Klimaerwärmung abgeschwächt werden könne, spielte in der Stadtentwicklung eine zunehmend prominente Rolle. Seit den 2010er-Jahren veröffentlichte der Kanton Berichte über zu erwartende Folgen und zu ergreifende Gegenmassnahmen. Die Basler Strategie lautete «Adaption und Prävention».114 Zu den präventiven Massnahmen gehörte das revidierte Energiegesetz von 2016. Mit der Revision formulierte Basel-Stadt als erster Kanton in der Schweiz Klimaziele in der Energiegesetzgebung. Bis 2050 sollen die CO2-Emissionen pro Einwohnerin und Einwohner auf jährlich eine Tonne reduziert werden, langfristig soll Basel-Stadt mit neunzig Prozent erneuerbarer Energie versorgt werden.115 Neben Zielen formulierte das seit 2017 geltende Gesetz auch klare Vorgaben, mit teils drastischen Konsequenzen für Hauseigentümerinnen und -eigentümer. Wer seine Öl- oder Gasheizung erneuern musste, durfte sie grundsätzlich nur noch durch Anlagen ersetzen, die mit erneuerbaren Energien betrieben werden – etwa mit Wärmepumpen, Solaranlagen, Erdsonden oder durch einen Anschluss an das Fernwärmenetz, das grösste des Landes. Für den Einbau klimafreundlicher Heizungen sprach der Kanton Förderbeiträge. Mit der kantonalen Energiestatistik wurden diese Vorhaben im Sinne eines Monitorings überprüft. Die Zahlen zum Energieverbrauch liessen zwischen 1995 und 2016 einen positiven Trend in Richtung Zielerreichung erkennen; der Energiekonsum konnte laufend dekarbonisiert werden.116
Eine Form der Adaption an den Klimawandel war 2018 auf dem Rhein zu beobachten. Der Sommer war enorm trocken, heiss und niederschlagsarm, der Rhein führte so wenig Wasser wie schon lange nicht mehr. Die Rheinschifffahrt kam vorübergehend zum Erliegen. Damit die Frachter wieder passieren konnten, mussten grosse Bagger tonnenweise Kiesablagerungen aus der Schifffahrtsrinne ziehen.117
Obwohl grüne Parteien im 21. Jahrhundert auch in Basel zu den politischen Gewinnern zählten, hatte der Umweltschutz in der Bevölkerung kaum einen höheren Stellenwert als in den 1970er- und 1980er-Jahren. So stand das individuelle Konsumverhalten weiterhin im Kontrast zu den klimapolitischen Ambitionen. Die Schweiz gehörte konstant zu den europäischen Ländern, die am meisten Siedlungsabfall produzierten.118 Auch im Bereich Mobilität wurden laut Basler Klimaschutzbericht zwischen 2010 und 2019 kaum Verbesserungen erreicht. Der Treibstoffverbrauch sank nur geringfügig.119 Im selben Zeitraum verdoppelten sich die Frachten der Schweizerischen Rheinflotte, und die Zahl der Flüge am EuroAirport Basel stieg stark an. Wie mit den CO2-Emissionen aus grauer Energie umzugehen sei, ist für den Kanton nach wie vor eine ungeklärte Frage. Die sogenannte Klimajugend beobachtete diese Entwicklungen um 2020 kritisch und formulierte weitreichende Forderungen. Die Sorge blieb gross, ob Basel eine lebenswerte Zukunft hat. 2022 stimmte die Bevölkerung für eine ambitionierte Klimapolitik: Bis spätestens 2037 sollten die Emissionen auf Netto-Null sinken.