Auch in Basel machte sich am Anfang des Jahrhunderts ein Unbehagen an der Moderne breit. Zu schnell war sie gekommen, zu rücksichtslos hatte sie Altes zerstört. Abhilfe versprach die «Reform», als dritter Weg zwischen Revolution und Resignation. In ihrem Zeichen wurden zahlreiche Vereine gegründet, die sozial- und kulturpolitisches Engagement mit weltanschaulicher Mission verbanden. Daneben blieben Glaubensgemeinschaften und die Religion wirkmächtig, auch wenn die Säkularisierung längst eingeläutet worden war – nicht zuletzt durch die Trennung von Kirche und Staat 1910/11. Der Status der Religion stand nun aber zur Debatte: Welche Rolle sollte sie im Zusammenleben, im staatlichen Bildungswesen oder auf dem Friedhof noch spielen? Gleichzeitig betraten Experten und Expertinnen aller Art die Bühne. Ihr steigendes Ansehen zeugte von einem privilegierten Status wissenschaftlich-technischen Wissens in der Gesellschaft, wie es in der Universitätsstadt Basel vor Ort geschaffen wurde. Doch schon bald wurden alle drei dieser Orientierungsgrössen herausgefordert: In Reformvereinen, in den Kirchen und an der Universität selbst stellte nach 1960 eine neue Generation etablierte Autoritäten infrage. Gesellschaftliche Umbrüche kündigten sich an.
Für eine andere Gegenwart: Reformbestrebungen und Schutzbemühungen
Im Empfinden vieler Zeitgenossen und Zeitgenossinnen drehte sich die Welt an der Wende zum 20. Jahrhundert besonders schnell. Die Verstädterung krempelte das Stadtbild um. Die Industrialisierung veränderte Alltag und Sozialgefüge. In ihrem Schlepptau kamen Fortschritt und Wohlstand, aber ebenso Zerstörung und Armut. Der geschärfte Blick für diese Umwälzungen liess die für das frühe 20. Jahrhundert typischen Reformbewegungen entstehen. In so vielfältigen Bereichen wie der Architektur und der Kunst, der Wirtschaft und der Ernährungslehre, der Medizin und der Pädagogik wurden Alternativen zum Bestehenden geprüft. Gemeinsam war den unterschiedlichen Reformansätzen ihr Bestreben, eine andere Gegenwart zu schaffen – nicht durch Umsturz, sondern durch Erneuerung. Auch in Basel machte sich der Reformeifer der Zeit bemerkbar. Die Antialkoholbewegung oder der frühe Naturschutz waren durch ihre grosse Anhängerschaft und bekannte Pioniere und Pionierinnen weitherum bekannt, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts organisierten sich häufig in Vereinen. So schlossen sich an einer «naturgemässen» Lebensweise interessierte Frauen und Männer 1899 im Basler ‹Naturheilverein› zusammen (ab 1918 ‹Verein zur Hebung der Volksgesundheit Basel›).1 Neue Verbindungen kamen zustande, über herkömmliche politische und soziale Trennlinien hinweg: Die im Naturheilverein propagierten Ansichten etwa fanden Anklang in Kreisen von links bis ganz rechts. Einzelne Persönlichkeiten, vor allem Männer, traten als Aushängeschilder der Reformbewegungen in Erscheinung, so Paul Sarasin für den Naturschutz oder Rudolf Steiner und Ita Wegmann für die Anthroposophie und die anthroposophische Medizin. Ihre langfristige Wirkung hatten neue Ansätze allerdings dort, wo das Gedankengut durch den Einsatz vieler Eingang in die Alltagskultur fand oder in Institutionen gefestigt wurde. In einigen Fällen übernahmen staatliche Instanzen die Aufgaben, die sich die Reformvereine gegeben hatten. In anderen entstanden Nachfolgeorganisationen auf den Grundfesten der alten Reformideen.2 1902 riefen Frauen aus namhaften Kreisen den ‹Bund abstinenter Frauen› mit einer Basler Ortsgruppe ins Leben.3 Mit ihrem Kampf gegen die «Alkoholseuche» und damit assoziierte Missstände wie Verarmung und Gewalt waren sie in guter Gesellschaft. Denn als Bewegung der Massen umfasste die Antialkoholbewegung ein breites Spektrum verschiedener Gruppierungen, das vom evangelischen Blauen Kreuz über sozialistische Jugendgruppen bis zu abstinenten Turn- und Berufsvereinen reichte. Die Mobilisierung war in Basel – Hochburg des Pietismus und Wirkungsstätte des einflussreichen Alkoholgegners, Physiologen und Sozialhygienikers Gustav von Bunge – ausserordentlich hoch: In den 1910er-Jahren waren über 10 000 Personen in Abstinenzvereinen aktiv, darunter viele Jugendliche. Gesetzesvorlagen der Alkoholgegnerinnen und Alkoholgegner erzielten jeweils eine besonders hohe Zustimmung.4
Auch für viele Anhängerinnen und Anhänger der Naturheilkunde war der Alkoholverzicht selbstverständlich; allerdings galt er ihnen für ein gesundes Leben nur als ein Baustein unter vielen. Gemein war den abstinenten Frauen und dem Naturheilverein die Überzeugung, dass im Zuge der Industrialisierung schlechte Gewohnheiten und ungesunde Ernährungsweisen überhandgenommen hätten, die dem Einzelnen wie der Gesellschaft schadeten. Ob sie nun im Sonnenlicht turnten oder alkoholfreie Getränke unter die Leute brachten – in einer veränderten Lebensführung erkannten sie den entscheidenden Hebel, um den negativen Auswirkungen der Moderne entgegenzuwirken. Durch Selbstreform sollte die Gesellschaft als Ganze reformiert werden. Die Ortsgruppe der abstinenten Frauen und der Basler Naturheilverein gehörten als Reformvereine internationalen Bewegungen an. So war der Naturheilverein Teil der in der ganzen Schweiz, in Deutschland und anderen Ländern aktiven Lebensreformbewegung, die für alternative Heilmethoden, eine gesundheitsbewusste Ernährung und eine aktive Körperkultur einstand. Während medizinische Produkte zunehmend industriell hergestellt wurden – gerade auch in Basel –, warben die Lebensreformer und -reformerinnen für Sonne, Luft und Licht, Gymnastik, Wasser- und Wärmeanwendungen, für Massagen und Naturpräparate. In Basel verkaufte etwa das Reformhaus von Alfred Vogel derartige Naturheilmittel, bevor sein Besitzer 1932 in die Ostschweiz zog und von dort seine Karriere als schweizweit bekannter Naturarzt und Unternehmer vorantrieb.5 Alternative Therapien trugen aus Sicht des Basler Naturheilvereins gar substanziell zur Reduktion von Seuchen wie Typhus und Pocken bei.6 Auch was die Ernährung betraf, verfolgte der Naturheilverein Grundsätze, die modernen Entwicklungen entgegenstanden: Just als die Lebensmittelindustrie begann, fertige Nahrungsmittel auf den Markt zu bringen, plädierte er für unverarbeitete Produkte und für Rohkost, häufig auch für den Verzicht auf Fleisch und Kaffee – oder eben Alkohol. Seine Ideale machte er durch Publikationen, Kurse und Referate bekannt. Das wichtigste Aushängeschild der Lebensreformbewegung in Basel aber war die 1903 vom Naturheilverein eröffnete Luft-, Licht- und Sonnenbadeanstalt auf dem Margarethenhügel in Binningen, wenige Meter hinter der Stadtgrenze. Umgeben von einer Kleingartensiedlung entwickelte sie sich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts zu einem von der Basler Bevölkerung gut besuchten Freibad.7
Die Antialkoholbewegung war um die Jahrhundertwende ebenfalls ein internationales Phänomen. In zahlreichen Ländern bestanden Abstinenzvereine, auch Temperenz- oder Mässigungsvereine genannt. Die abstinenten Frauen aus Basel waren im Bereich der alkoholfreien Verpflegungsangebote tätig. Im Ersten Weltkrieg betrieben sie Soldatenstuben, ab Mitte der 1920er- bis Ende der 1930er-Jahre fuhren sie mit einem eigens eingerichteten Küchenauto alkoholfreie Getränke und kostengünstige Speisen an Bauplätze und vor Fabriken und belieferten Privatpersonen und Wäscherinnen.8 Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie mit Verpflegungsständen an Grossanlässen wie der Basler Mustermesse präsent und organisierten alkoholfreie Tanz- und Unterhaltungsabende. Ende der 1950er-Jahre wurde eine schrittweise Übernahme suchtpräventiver Angebote durch den Staat eingeleitet: Eine kantonale ‹Kommission zur Bekämpfung des Alkoholismus› nahm ihre Arbeit auf.9 Die abstinenten Frauen gehörten somit jener breiten zivilgesellschaftlichen Bewegung an, die dem staatlichen Wirken in den Bereichen Suchtprävention und -behandlung vorausgegangen war und gleichzeitig mit ihrer rigiden Moral teilweise disziplinierend auf als gefährdet eingestufte Gruppen eingewirkt hatte.10
Bei Zeitgenossinnen und Zeitgenossen stiess das reformerische Gesundheitsbewusstsein nicht selten auf Spott oder gar auf Ablehnung. So gaben die ‹Abstinenzler› ein beliebtes Fasnachtssujet ab und hatten im Wirteverband zeitweise einen mächtigen Gegenspieler.11 Die Angebote von alkoholkritischen wie lebensreformerischen Organisationen wurden nichtsdestotrotz rege genutzt. Die Eintritte ins Luft- und Sonnenbad nahmen kontinuierlich zu. Im Hitzesommer 1947 verzeichnete das Bad mit über 450 Eintritten pro Tag Rekordwerte. Dass seit den 1930er-Jahren nicht mehr nur in Luft und Licht, sondern auch in Wasser gebadet werden konnte, dürfte zur Attraktivität des Ortes beigetragen haben.12 Im Fall der Abstinenzbewegung begründete die grosse Zahl alkoholfreier Gaststätten eine Art alternative Wirts- und Kaffeehauskultur. Die Alkoholgegner und -gegnerinnen verbuchten es zudem als Erfolg, dass alkoholfreie Getränke wie unvergorene Fruchtsäfte immer bekannter und beliebter wurden.
Über das Kaffeemobil, alkoholfreie Gaststätten oder das Luft- und Sonnenbad kamen die Baslerinnen und Basler mit programmatischen Reformzielen in Kontakt. Durch ihre Popularisierung verloren die reformerischen Leitideen allerdings an Exklusivität. Für die Bewohner und Bewohnerinnen des Gundeldingerquartiers sei das Bad über dem Margarethenpark eine «unentbehrliche Einrichtung» geworden, rühmte sich der Verein: Der Besucherandrang zeuge von der grossen «Zahl derjenigen, die mit unseren gesundheitlichen Reformbestrebungen sympathisiert», so seine Behauptung.13 Ob der Besuch im Bad tatsächlich als Gesundheitspraxis oder nicht vielmehr als Freizeitvergnügen im Stil der seit den 1930er-Jahren auch anderswo erbauten Freibäder wahrgenommen wurde, sei dahingestellt. Gleichermassen schwer zu bestimmen ist, in welchem Umfang welche Massnahmen zu veränderten Trinkgewohnheiten beitrugen. Auch eine verbesserte Ernährungslage, höhere Löhne und stabilere Netze der sozialen Sicherheit dürften zu einer Reduktion der mit Armut assoziierten Alkoholsucht beigetragen haben. Gleichzeitig stieg nach dem Zweiten Weltkrieg die gesamthaft konsumierte Alkoholmenge erneut an, nachdem sie nach dem Ersten Weltkrieg zunächst stark abgenommen hatte. In den Augen vieler war dies nun aber ein Ausdruck von Wohlstand und von Freizeitkultur.14 Zwei um die Jahrhundertwende entstandene Reformbewegungen widmeten sich der Erscheinung von Stadt und Land, die sich durch die Industrialisierung verändert hatte: der Naturschutz und der Heimatschutz. Von Angehörigen der Oberschicht als bürgerlich geprägte Vorhaben institutionalisiert und nach 1960 durch die Beteiligung immer breiterer Bevölkerungskreise ausgeweitet, trug auch dieses Engagement in Basel reiche Früchte.
Die bekanntesten Förderer des frühen organisierten Naturschutzes waren Paul Sarasin und Fritz Sarasin, beide Naturforscher, Cousins und enge Freunde.25 Seit dem späten 19. Jahrhundert hatten sie Forschungsreisen nach Südostasien unternommen – unterstützt von europäischen Kolonialmächten, denen solche Forschungsreisen Hinweise für spätere Eroberungszüge lieferten.26 Beeindruckt von Flora und Fauna, Menschen und Kulturen kamen die beiden Sarasins zum Schluss, dass die von ihnen besichtigten «ursprünglichen» Natur- und Kulturzustände kurz vor ihrem Verschwinden stünden. Als wäre es die letzte Möglichkeit, deren Zeugnisse zu sichern, sandten sie immense Mengen an Artefakten, menschlichen Schädeln, Pflanzen und Tieren in ihre Heimatstadt, wo sie aufbewahrt und der Forschung zugänglich gemacht werden sollten. Nach Basel zurückgekehrt, entwickelten sie den Gedanken einer bedrohten Natur weiter. Paul Sarasin übernahm das Präsidium der 1906 gegründeten Schweizerischen Naturschutzkommission sowie des 1909 ins Leben gerufenen Schweizerischen Bundes für Naturschutz, der späteren ‹Pro Natura›. Deren oberstes Ziel war die Gründung eines Schweizer Naturschutzparks. Denn auch im Alpenraum erkannten die Naturforschenden Überreste aus einer früheren historischen Epoche, deren Erhalt ein solcher Park sichern sollte. Das ambitionierte Ziel wurde schon bald erreicht: 1914 eröffnete im Engadin der erste Nationalpark Europas.
Dass weite Teile des Bürgertums – gerade auch in Basel – die Vorstellung teilten, den zerstörerischen Kräften der Moderne sei durch neuartige Schutzbemühungen entgegenzutreten, zeigte sich neben dem jungen Naturschutz auch in der Heimatschutzbewegung, die zeitgleich entstand. Als 1905 eine Basler Sektion der Schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz gegründet wurde, entwickelte sich diese rasch zur grössten schweizweit.27
Ihre Aufmerksamkeit richteten die in Natur- und Heimatschutzvereinen zusammengeschlossenen Basler und Baslerinnen auch auf ihre eigene Stadt. Denn auch hier schienen ihnen vertraute Lebensräume und deren «Schönheiten» vom Verschwinden bedroht. Gemeinsam mit verbündeten staatlichen Instanzen erwirkten sie darum, dass auch in Basel eigentliche Schutzräume abgesteckt wurden: So entstand 1911 ein kleines Naturschutzgebiet am Kleinbasler Rheinufer zwischen Eisenbahnbrücke und Grenzach, Rheinhalde genannt. Alle «Veränderungen oder Verwendungen», die den «Pflanzenwuchs zu schädigen geeignet sind», waren auf diesem knapp einen Kilometer langen, schmalen Landstück verboten.28 Schilder machten auf den besonderen Status des Gebiets aufmerksam. Wie in anderen Kleinreservaten kam es aber zu Umsetzungsschwierigkeiten.29 Die Fischer beanspruchten den Zugang zum Wasser, und Jugendliche trieben sich herum. Paul Sarasin intervenierte als oberster Naturschützer der Schweiz bei den Basler Behörden. Vom Polizeiinspektorat verlangte er eine strengere Verfolgung der Verstösse, beim Erziehungsdepartement regte er eine Naturschutzerziehung an.30 Beides wurde aufgenommen, löste die Probleme aber nicht dauerhaft, zumal eine lückenlose Polizeipräsenz in der Rheinhalde unrealistisch war.31 Nach dem Zweiten Weltkrieg schliesslich setzte sich die Einsicht durch, dass die Bewahrung von «Urlandschaften» in Stadtnähe «unmöglich» sei.32 Die Basler Sektion der Naturschutzkommission gab 1955 ihre Einwilligung dazu, den Unterhalt der Rheinhalde an die Stadtgärtnerei zu übertragen, obwohl diese sich erst kurz zuvor den Fauxpas geleistet hatte, am entsprechenden Rheinuferabschnitt aktiv zu werden und Humus aufzuschütten.33 Dennoch wurde am Schutzgebiet festgehalten, nicht zuletzt aus edukativen Gründen.34
Im Fall der Heimatschutzbewegung war es die früh einsetzende Überführung heimatschützerischen Gedankenguts in die Stadtplanung, die zur Einrichtung eines Schutzgebiets auf Basler Boden beitrug.35 Die Altstadt wurde zu einem aus historischen und ästhetischen Gründen geschützten Stadtteil, damit ebenfalls zu einer Art Reservat.36 Die Zonenplanung von 1939 legte erstmals fest, dass sich bauliche Massnahmen in den als Altstadt klassifizierten Strassenzügen des Stadtzentrums beidseits des Rheins ästhetisch in die bestehende Bausubstanz einzupassen hatten. Eine seit 1911 bestehende Staatliche Heimatschutzkommission (später ‹Stadtbildkommission›) überwachte die in den 1940er-Jahren begonnene, durch öffentliche Gelder subventionierte Sanierung des Gebiets. Anders als im Fall der Rheinhalde gehörten gestalterische Eingriffe in der Altstadt jedoch von Anfang an ausdrücklich zum Programm: So verlieh die Sanierung dem als «ursprünglich» klassifizierten Stadtteil – paradoxerweise – vielerorts ein neues Gesicht, etwa durch die Auskernung von Innenhöfen.37 Mit einem neuen Abrissschutz für die historischen Gebäude Ende der 1970er-Jahre und dem neuen Denkmalgesetz von 1980 sollte der Schutz der Altstadt in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts noch verstärkt und auf solide juristische Grundlagen gestellt werden.38
Dass sowohl die Naturschutz- wie auch die Heimatschutzbewegung nach 1960 Aufwind erfuhren, war jungen Kräften geschuldet. Als Vertreter einer neuen Generation wurde zum Beispiel der Soziologiestudent Lucius Burckhardt aktiv. «Es müsste nicht der Heimatschutz sein», der über das Basler Stadtbild befinde, schrieb er anlässlich von dessen 50-Jahr-Jubiläum provokativ. Weil sich aber keine andere Instanz gleichermassen «leidenschaftlich» und «umfassend» um Basels Erscheinungsbild kümmere, sei der Heimatschutz schlicht unverzichtbar.39 Im Schulterschluss mit dem etablierten Verein organisierte Burckhardt 1961 einen vielbeachteten Fackelumzug zur Erhaltung des ‹Rosshofs›. Dutzende nahmen am Protestmarsch unter dem Slogan «Rettet die Altstadt» teil, darunter auch Studentinnen und Studenten. Angekündigt waren damit ein Generationenwechsel und eine Zeitenwende: Die Heimatschutzbewegung konnte ihren Ruf als ‹ewiggestrige› ein Stück weit ablegen, und bausubstanzwahrende Anliegen hatten neu auch bei Abstimmungen regelmässig eine Chance.40 Ähnlich erging es der Naturschutzbewegung, die nach 1960 wachsende Bevölkerungskreise erreichte und in den Begriffen von Umwelt, Ökologie und knapper werdenden Ressourcen neue Themen zu adressieren begann. Jahre später mündete eine neuartige und öffentlichkeitswirksame Politisierung von Natur- und Umweltschutzthemen in die Gründung einer «Grünen» Partei; in Basel nicht zufällig erneut unter Beteiligung von Lucius Burckhardt.
Neben dieser Erneuerung erfuhr die Idee geschützter Reservate in den 1960er-Jahren ein Revival, nun auf globalem Parkett. Als 1961 der ‹World Wildlife Fund› (WWF) ins Leben gerufen wurde, war erneut ein Mann aus Basel als Mitgründer und Sponsor an vorderster Front dabei: der Biologe, Naturschützer und Roche-Erbe Luc Hoffmann. Bald stieg der WWF zu einer der grössten Naturschutzorganisationen der Welt auf. Mit Startkapital aus Basel richtete er Naturschutzreservate in der ganzen Welt ein.41
Religion im Wandel: Zwischen Kirchenbau, Ökumene und Säkularisierung
Nur eine Woche lag im Frühsommer 1964 zwischen zwei sehr ähnlichen Feierlichkeiten: Die Türme der evangelisch-reformierten Titus- und ebenso die der Gellertkirche wurden mit Glocken bestückt. An einem Seil zogen Schulkinder sie in die Höhe. Es folgten Gebete, Speis und Trank. Das halbe Quartier war mit von der Partie, auch die katholischen Nachbarinnen und Nachbarn.
Die Glockenaufzugsfeiern fielen in eine Zeit schon begonnener oder sich eben ankündigender Umbrüche. So war Basel zwar herkömmlich eine protestantisch dominierte Stadt, sowohl was die Mehrheitsverhältnisse wie auch was die Machtverhältnisse anging: Die meisten der führenden Köpfe in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gehörten dieser Konfession an. Der Anteil der Katholiken und Katholikinnen an der Basler Wohnbevölkerung stieg aber bis 1970 auf fast vierzig Prozent. Damit gingen ein neues katholisches Selbstbewusstsein und eine Blüte des katholischen Vereinslebens einher: eine deutliche Milieubildung, die sich in der zweiten Jahrhunderthälfte allerdings bereits wieder abschwächte. Dass Katholikinnen und Katholiken beim Aufzug der evangelischen Kirchenglocken dabei waren, bezeugte, dass eine Annäherung zwischen den Konfessionen stattgefunden hatte.
Bereits 1910/11 war ausserdem mit einer Gesetzesänderung eine weitgehende organisatorische und finanzielle Trennung zwischen dem Staat und der Evangelisch-reformierten Kirche beschlossen worden.44 Im Vergleich zur Römisch-katholischen Kirche (bis 1972: Römisch-katholische Gemeinde) und der Israelitischen Gemeinde behielt sie zwar bis 1972 eine Vorrangstellung, weil sie im Unterschied zu diesen die öffentlich-rechtliche Anerkennung genoss, ebenso wie die zahlenmässig kleine Christkatholische Kirche. Ihre Position wurde dennoch geschwächt, nicht zuletzt weil die Trennung von Kirche und Staat eine grundsätzliche Neubestimmung des Status des Religiösen nach sich zog.
Erneut verändert zeigte sich die Ausgangslage im letzten Drittel des Jahrhunderts. Nun machte sich eine neuartige Skepsis gegenüber den Kirchen als Institutionen breit. Nur wenige Jahre nach den Glockenaufzugsfeiern setzte die sogenannte Entkirchlichung der Gesellschaft ein. Bis in die 1960er-Jahre entstanden in Basel neue Kirchen. In vielen Quartieren kamen so jeweils eine neue evangelisch-reformierte und eine neue römisch-katholische Kirche in relativer Nähe zueinander zu stehen: im Hirzbrunnen, im Gundeldingerquartier, im Bachletten, auf dem Bruderholz oder rund um den Kannenfeldpark. Neue Gotteshäuser entsprachen offensichtlich einem Bedürfnis. Der Wunsch war gross, sich in der näheren Wohnumgebung zum Gottesdienst zu treffen. Wo Quartierkirchen fehlten, kamen die Gläubigen beider christlicher Konfessionen übergangsweise in Provisorien zusammen, etwa in einem Gasthof oder in Räumlichkeiten der Stadtmission.45
Gerade für die Katholiken und Katholikinnen waren die neuen Gebäude zudem von hoher Symbolkraft. Sie machten die Präsenz der konfessionellen Minderheit im Stadtraum sichtbar und boten ein Zuhause im Quartier. Eine Bewohnerin des Gundeldingerquartiers berichtete, dass sie als Jugendliche in den 1920er-Jahren wegen ihres grossen Heimwehs nach der katholischen Pfarrei frühzeitig von einem Englandaufenthalt zurückkehrte.46 Sammelaktionen ermöglichten den Ausbau des katholischen Kirchennetzes.47 Der Erlös eines dreitägigen Bazars zum 150-Jahr-Jubiläum der Römisch-katholischen Gemeinde im Jahr 1948 war gar vollumfänglich neuen Kirchenbauten zugedacht.48
Auch für viele Basler Jüdinnen und Juden war die Synagoge ein wichtiger Bezugspunkt. Diese stand seit 1868 an der Leimenstrasse. Ein Richtungsstreit zwischen liberalen und orthodoxen Kräften führte 1927 zur Abspaltung der Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) von der Israelitischen Gemeinde (IGB) und 1929 zur Einweihung einer neuen Synagoge an der Ahornstrasse durch die IRG. In Basel gab es nun zwei jüdische Gotteshäuser. Allerdings blieben Doppelmitgliedschaften in der orthodoxen, ostjüdisch geprägten Israelitischen Religionsgesellschaft und der Israelitischen Gemeinde möglich. Ausserdem machte sich schon bald ein gewisser Einigungsdruck bemerkbar, als durch den aufkommenden Nationalsozialismus jenseits der Grenze in nächster Nähe eine dramatische Bedrohungslage entstand und auch in Basel der Antisemitismus zunahm.49
Neue Gotteshäuser trugen zur Quartierentwicklung bei. Sie wurden – ähnlich wie etwa Schulhausbauten – zu Orientierungspunkten im Stadtbild. Ausserdem stellten sie Räume zur Verfügung, die nicht nur für Gottesdienste genutzt wurden, was sie zu Zentren des sozialen Lebens machte. Im Saal des neuen Zwinglihauses wurde zum Beispiel eine Kinovorrichtung eingebaut. Die mobile Bestuhlung anstelle von fixen Bankreihen unterstrich die von Anfang an mitbedachte Multifunktionalität des 1932 eingeweihten Gotteshauses auch für soziale und kulturelle Zwecke.50 Eine eigene Qualität hatten überdies neue Gemeindehäuser oder erweiterte Gemeinderäume, wie sie ab den 1950er-Jahren von allen Glaubensrichtungen errichtet wurden.51 Die Israelitische Gemeinde erstellte im Jahr 1957 ein mehrstöckiges neues Gemeindehaus direkt neben ihrer Synagoge. Es bot Verwaltungsräume, einen Festsaal und Räumlichkeiten für die jüdischen Vereine. Das Gemeindehaus sollte den Zusammenhalt und die Bindung an die Gemeinde stärken – in einer Zeit, in der auf der einen Seite die Abwanderung nach Israel, auf der anderen Seite eine wachsende religiöse Indifferenz gefürchtet wurde.52 Der Plan vielfältiger Nutzungen im neuen Haus ging jedenfalls auf: 1959 fand dort zum Beispiel ein erster «Tanzabend für alle jüdischen Jugendlichen Basels» statt.53 Dass Basel bis in die 1960er-Jahre reich mit neuen Sakralbauten und zugehörigen Gemeinderäumlichkeiten ausgestattet wurde, stand im Kontrast zu einer anderen Tendenz der Zeit. Kirchenvertreter und Kirchenvertreterinnen konstatierten seit Längerem eine abnehmende Bedeutung der Kirchen und der von ihr vermittelten Inhalte. In Publikationen des reformierten Milieus war bereits in den 1920er-Jahren vom schwindenden Einfluss von Kirchen und Religion im Horizont der «Moderne» die Rede.54 1961 stellte der reformierte Pfarrer Oscar Moppert konsterniert fest, dass höchstens noch «Trüpplein von Kirchgängern» sonntags zum Gottesdienst gingen: «in manchen Quartieren nur tropfenweise, aus manchen Strassen überhaupt nicht».55 Weiter sei «die Kenntnis der Bibel und des Gesangsbuchs» in «geradezu katastrophaler Weise zurückgegangen».56 Auch Stadtmissionare und Stadtmissionarinnen, die als Quartierseelsorgende von Tür zu Tür gingen, beschrieben ihre Arbeit als oft zäh.57 Es sei manchmal sogar schwieriger, den Menschen in Basel das Evangelium nahezubringen als bei der aussereuropäischen Mission, wurde in ihren Kreisen in den 1950er-Jahren behauptet.58 Nicht anders klang es auf katholischer Seite. Der Pfarrer der Clarakirche, Franz Blum, formulierte seinen Unmut über die weitverbreitete Auffassung, «es gehe auch ohne Gott und ohne Religion ganz gut».59 Zur Sprache gebracht war damit eine Absage an die Kirchen als Institutionen und an die Religion als verbindliche Dogmatik: eine Loslösung, die mit den Begriffen Entkirchlichung und Säkularisierung beschrieben wird.
Was sich bereits seit den 1920er-Jahren als gelockerte Bindung zu Kirchen und Religion angekündigt hatte, spitzte sich im letzten Drittel des Jahrhunderts zu. Die Kirchenaustrittswelle des späten 20. Jahrhunderts nahm ihren Anfang just als die Basler Kirchenlandschaft fertiggestellt war. Seit Mitte der 1960er-Jahre stiegen die Austritte aus der Evangelisch-reformierten Kirche rasant. Nach den Gründen befragt, sprachen immer mehr Personen von einer allgemeinen Abkehr vom Glauben, während früher Übertritte in eine andere Konfession als Grund die Regel gewesen waren.60 Selbst Anpassungsleistungen, wie die versuchsweise Integration neuer Elemente wie Jazz und Gospel in den Gottesdienst, die Öffnung des reformierten Pfarramts für Frauen oder ein stärkerer Einbezug von Laien hielten die Entwicklung nicht mehr auf. Die Römisch-katholische Kirche erhob die Austritte ab Beginn der 1970er-Jahre.61 Bis 1984 sollten sich rund vierzig Prozent der Mitglieder abmelden.62
Solche Distanznahme zu den Kirchen bedeutete allerdings nicht per se einen Verlust religiöser Gefühle. Vielmehr muss über die religiöse Orientierung der Menschen ein Stück weit gemutmasst werden, denn systematisch erfasst wurden religiöse Einstellungen in der Schweiz erst Ende des Jahrhunderts.63 Bibelkurse oder die Arbeitsgemeinschaft ‹Christ und Welt› zeigten jedenfalls ein Bedürfnis der religiösen Auseinandersetzung unter Laien an, gerade in Zeiten eines Wandels.64 Kontinuität bestand ausserdem im Bereich des sozialen Engagements. Solches wurde weiterhin durch kirchliche Strukturen organisiert und konnte sich ungebrochen mit religiöser Motivation verbinden. Zuerst aktiv in der Nachkriegshilfe, waren kirchliche Hilfswerke bald wichtige Träger der frühen sogenannten Drittwelt- und Entwicklungshilfe, ebenso die Basler Mission.65 Eine ökumenische Mimosenverkaufsaktion der Evangelisch-reformierten, Römisch-katholischen und Christkatholischen Kirche flutete die Stadt in den 1960er- und 1970er-Jahren einmal jährlich mit gelben Blumen und brachte ansehnliche Summen für Armutsbetroffene in Basel zusammen.66 Für die vielen bis in die 1960er-Jahre erstellten Gotteshäuser hatte die Entkirchlichung der Gesellschaft, die in den Kirchenaustritten kumulierte, jedoch weitreichende Konsequenzen. Ihre Nutzungsmöglichkeiten mussten schon bald überdacht und Lösungen für den kostspieligen Unterhalt gefunden werden. Als Robert Mäder im Jahr 1912 erster Pfarrer der römisch-katholischen Heiliggeistkirche wurde, war man vom Problem der Kirchenaustritte noch weit entfernt. Im Gegenteil: Gerade erwachte ein katholisches Selbstbewusstsein in der protestantischen Stadt. Der umtriebige Pfarrer organisierte 1917 die erste als Demonstration gegen innen wie aussen gedachte Fronleichnamsprozession des Jahrhunderts, quer durch das Gundeldingerquartier.67 Bekannt wurde Mäder als einer der profiliertesten Schweizer Vertreter eines antimodernen, rechtskonservativen und antisemitischen Katholizismus der Zwischen- und Kriegszeit.68 Mit Leidenschaft bekämpfte er unter anderem die sogenannte Mischehe, die Eheschliessung zwischen Katholisch- und Andersgläubigen, vor allem mit Protestantinnen und Protestanten.69 Um jeden Preis wollte er solche ‹Mesalliancen› verhindern. Denn nicht nur drohe in solcher Verbindung die Abkehr vom wahren Glauben, vor allem werde der Katholizismus auch unvollständig an die Nachkommen weitergegeben. Wenngleich Basel bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit rund dreissig Prozent eine vergleichsweise hohe Zahl konfessionsgemischter Ehen aufwies, waren diese gleichermassen wie im katholischen Milieu Mitgliedern des protestantischen und jüdischen Milieus ein Dorn im Auge. Eine Basler Jüdin schilderte in ihrer Lebensaufzeichnung zum Beispiel, wie sehr sie es bedauerte, dass an ihrer Hochzeit in den 1940er-Jahren von ihren zahlreichen Verwandten nur wenige teilnahmen, weil sie einen Katholiken heiratete.70 In seiner dogmatischen Kompromisslosigkeit stach Mäder jedoch hervor. Überliefert ist der Fall eines Paares, dem er eine gemischtkonfessionelle Vermählung verweigerte. Der tolerantere Pfarrer von St. Clara, Franz Blum, vollzog die Trauung schliesslich in seiner Kirche auf der anderen Seite des Rheins.71
Wie prägend die Religions- und Konfessionszugehörigkeit in vielen Lebensbereichen bis weit ins 20. Jahrhundert war, zeigte sich aber nicht nur in Fragen der Partnerwahl. Konfessionell durchdrungen waren viele Aspekte des Alltagslebens, etwa durch das bis zur Jahrhundertmitte ausdifferenzierte konfessionelle Vereinsleben. Neben Vereinen, die unmittelbar mit den Kirchen, der kirchlichen Fürsorge oder der Mission zu tun hatten, bestanden nach Glaubensrichtung getrennte Jugend-, Turn- und Sportvereine. Die Anziehungskraft solcher Zusammenschlüsse schwächte sich nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings ab, das Interesse der jüngeren Generationen liess nach.72 Der Tendenz einer Annäherung der beiden christlichen Konfessionen konnte selbst der Aufruhr rund um das papstkritische Theaterstück ‹Der Stellvertreter› von Rolf Hochhuth im Jahr 1963 keinen Abbruch mehr tun.73 Die aufkommenden audiovisuellen Massenmedien trugen zur Zusammenführung der Lebens- und Denkwelten bei, während gleichzeitig viele kirchennahe Zeitschriften eingingen. Nicht zufällig verflachte sich in diesem Klima der Öffnung auch die innerprotestantische Spaltung zwischen den Strömungen der freiheitlichen «Liberalen» und der konservativen «Positiven», die lange gar für die Durchführung getrennter Gottesdienste verantwortlich gewesen war.74 1960 gab es in acht von zwölf evangelisch-reformierten Kirchgemeinden bei den Synodalwahlen erstmals keine nach Richtung unterschiedenen Wahllisten mehr.75
Im Bereich der kirchlichen und theologischen Arbeit trug die Annäherung zwischen den Konfessionen ihre eigenen Früchte. Vorbereitet durch Gespräche im Rahmen der universitären Theologie und gestärkt durch das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965, das weltweit eine Öffnung der Römisch-katholischen Kirche nach sich zog, wurde die ökumenische Zusammenarbeit zwischen den christlichen Konfessionen vertieft. In einer Aktionswoche im Jahr 1965 wurde zum ersten Mal ein «Kanzeltausch» zwischen einem reformierten und einem katholischen Pfarrer initiiert.76 Auch der christlich-jüdische Dialog wurde nach dem Zweiten Weltkrieg intensiviert; die Verbrechen des Nationalsozialismus gaben dafür den Ausschlag. Die 1946 gegründete ‹Christlich-jüdische Arbeitsgemeinschaft› führte eine Ortsgruppe auch in Basel, an deren Beginn der Kampf gegen das «Gift der Judenfeindschaft» gestanden hatte. Später formulierte sie ihr Ziel dahingehend, «das gegenseitige Verstehen zwischen Christen und Juden zu fördern, Fremdheit und Misstrauen zu überwinden, persönliche Begegnungen zu fördern».77 Unter diesen Vorzeichen fand 1952 ein aussergewöhnliches Konzert im Basler Kunstmuseum statt: Gottesdienstliche Gesänge der jüdischen, katholischen und evangelischen Traditionen wurden in einem gemeinsamen Konzert aufgeführt.78
Zu guter Letzt zeigte sich eine Abmilderung ehemals scharf gezogener konfessioneller Milieugrenzen auch in einer gelockerten Haltung in Sachen Mischehe. Der Anteil konfessionsgemischter Ehen stieg bis Ende der 1960er-Jahre weiter an, auf knapp vierzig Prozent. Eine neue Abhandlung zur Frage wurde 1964 im Basler Reinhardt-Verlag gedruckt.79 Aus der Feder eines evangelischen Pfarrers stammend, war das Büchlein mit dem unscheinbaren Namen ‹Mischehen heute› überschrieben. Wesentlich gemässigter als noch zu Zeiten und aus dem Mund eines Robert Mäder, brachte der Autor neben den institutionellen Hürden, die er der katholischen Seite anlastete, die Gefahr von Entfremdung und von Missverständnissen zur Sprache. Allerdings schien die Problemstellung 1964 nicht mehr unbewältigbar. Immerhin handelte es sich bei zwei dezidiert christlich Konfessionsverschiedenen um zwei Gläubige. Durch gemeinsames Beten oder Bibellektüre liessen sich Differenzen überbrücken, so der Autor. Unter dem Eindruck einer allgemein wachsenden Loslösung der Menschen von Kirche und Religion hatte die «Mischehenfrage» an ihrer einstmaligen Brisanz eingebüsst. Seit der Trennung von Kirche und Staat 1910/11 war die Entscheidung für ein säkulares Staatswesen im Prinzip gefällt. Klärungsbedarf, wie dieses konkret aussehen sollte, zeigte sich in den folgenden Jahren jedoch im Bildungsbereich. Denn die Religion war nun eine Sache der Glaubensgemeinschaften und die Schule eine Angelegenheit des Staates. Zudem hatte bereits die Bundesverfassung von 1874 die Glaubens- und Gewissensfreiheit festgeschrieben. Diesen Grundsätzen musste die Schule des 20. Jahrhunderts Rechnung tragen, schliesslich sassen auf der Schulbank Kinder verschiedener Glaubensrichtungen nebeneinander, ebenso wie ein kleiner, aber wachsender Teil von Kindern, deren Eltern sich ganz von Religion und Glauben losgesagt hatten. In den 1920er-Jahren wurde das ehemals obligatorische Schulgebet in Basel für fakultativ erklärt. Der Religionsunterricht wurde den zwei grossen christlichen Kirchen übertragen. Die Schule stellte nur noch die Räumlichkeiten zur Verfügung.80
Als unter dem sozialdemokratischen Erziehungsdirektor Fritz Hauser der Beschluss gefasst wurde, das Beten im Unterricht ganz zu verbieten, kam es allerdings zu einem politischen Streit: Von einem «Übergriff der Erziehungsbehörden» war im Grossen Rat im Januar 1933 die Rede, von «beschlossener Unterdrückung» der Religion.81 Auch unter Eltern, in Kirchenkreisen und in der Presse stiess das Verbot auf heftigen Widerstand und wurde als sozialistischer Unfug abgetan. Tausende unterschrieben eine Petition. Schliesslich drehte sich der Spiess sogar um. Anstatt dass das Schulgebet wie vorgesehen verboten wurde, schrieb man im Jahr 1934 seine ausdrückliche Erlaubnis fest. Ob sie die Schulstunden mit einem Gebet begannen oder abschlossen, lag somit in der Entscheidungskompetenz der einzelnen Lehrerinnen und Lehrer.82
Zeitgleich zu dieser Standortbestimmung der Staatsschule entzündete sich eine Diskussion über den Status der Religion auch mit Blick auf die zweite grosse Bildungsinstitution der Stadt, die Universität. Die Legitimität der Theologischen Fakultät stand im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts so radikal in Frage wie nie zuvor und kaum je wieder. In mehreren Anläufen wurde ihre Umwandlung in eine religionswissenschaftliche Fakultät oder gar ihre Abschaffung gefordert.83 Während freidenkerische und kommunistische Kreise argumentierten, als religiös und konfessionell ausgerichtetes Fach habe die Theologie an einer modernen Universität nichts mehr zu suchen, argumentierte die Gegenseite mit ihrer historischen Bedeutung. Die Theologische Fakultät abschaffen zu wollen, sei «materialistisch», hiess es. Vertreter der Universität argumentierten, dass auch die Theologie Wissenschaft betreibe und auch für sie das Recht der freien Forschung gelte.
Mitte der 1930er-Jahre stieg die Zahl der Studierenden der einst grössten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings zusammengeschrumpften Fakultät erstmals wieder merklich an.84 Dieser Erfolg dürfte auch mit der Beliebtheit des 1935 nach Basel berufenen Theologen Karl Barth zu tun gehabt haben, der in der Stadt mit pietistischem Erbe herzliche Aufnahme fand.85 Das Universitätsgesetz von 1937 schliesslich behielt die Theologische Fakultät als eine der nun fünf Fakultäten bei, womit ihr zeitweise prekärer Status erneut gesichert war. Nach Lehrstühlen gemessen wuchs sie in der Nachkriegszeit sogar wieder, analog zur Gesamtuniversität.86
Mit diesen beiden Ereignissen – der Festschreibung des freiwilligen Schulgebets und der Sicherung der Theologischen Fakultät – legte sich die Aufregung vorerst. Der Balanceankt schien geschafft. Sicher spielte die weltpolitische Lage eine Rolle, denn eine allzu explizite Abkehr von Kirche und Religion konnte wahlweise als «kommunistisch» oder «nationalsozialistisch» diffamiert werden. Beiden Lagern wollte man sich in der Mehrheit nicht zurechnen. Erst als im Rahmen der Vorbereitung auf eine Wiedervereinigung der zwei Basler Halbkantone in den 1960er-Jahren überraschenderweise von christlichen Grundsätzen in einem gemeinsamen Schulgesetz die Rede war, kochte das Thema noch einmal hoch. Neben der erneuten Opposition von atheistischer und freidenkerischer Seite sprachen sich nun auch Exponenten wie der Rektor des Mädchengymnasiums dagegen aus. Er argumentierte, der «Respekt» vor dem Evangelium gebiete es, zu anerkennen, dass die Religion dem Schulgesetz sachfremd sei.87 Mit der gescheiterten Wiedervereinigung war ein gemeinsames Gesetz ohnehin Makulatur, sodass alles beim Alten blieb. Von der 1934 erstrittenen Erlaubnis, im Schulzimmer bei passender Gelegenheit ein Gebet zu sprechen, wurde im Verlauf der Jahrzehnte zwar vermutlich immer seltener Gebrauch gemacht. Bis 2008 allerdings sollte die Klausel formell in Kraft bleiben.88
Auch in einem zunehmend von religiösen Ritualen befreiten Schulalltag waren Schwierigkeiten der Gewährung der Religions- und Glaubensfreiheit nicht ausgemerzt. Wenn bestimmte Gruppen ihre Überzeugungen durch Vorgaben der Staatsschule gefährdet sahen, mussten Lösungen ausgehandelt werden. So etwa störten sich katholische Eltern aus Sittlichkeitsgründen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts am Schwimmunterricht ihrer Kinder in gemischtgeschlechtlichen Kursen. Mittels Gesuchs konnten sie einen Dispens erwirken.89 Freigestellt werden konnten Kinder auch vom Schulbesuch an religiösen Feiertagen. Seit Jahrhundertbeginn übermittelte die Israelitische Gemeinde zu diesem Zweck die jüdischen Feiertage an die Erziehungsbehörden. Weniger Einigkeit bestand hingegen mit Blick auf den regulären Schulunterricht am Samstag. Die 1930 beschlossene Regelung, wonach jüdische Kinder auf ein Gesuch hin davon freigestellt werden konnten, wurde 1947 wegen «Störungen des Schulbetriebs» wieder aufgehoben.90 Mit Nachdruck forderten bald auch Angehörige der Basler Adventistengemeinde einen samstäglichen Dispens. Sie waren eine der kleinen, aber überzeugten evangelikalen Glaubensgruppen ausserhalb der Evangelisch-reformierten Kirche. Auch ihnen galt der Sabbat als heiliger Tag. 1954 wurde für die Basler Schulen eine neue Regelung beschlossen: Sowohl jüdische wie auch adventistische Kinder konnten auf Gesuch hin dem Samstagsunterricht fernbleiben. Die Eltern wurden allerdings in die Pflicht genommen, den verpassten Schulstoff mit ihren Kindern nachzuarbeiten.91
Grosse Bühne für die Expertise: Auf dem Weg zu einer Wissensgesellschaft
Mitte der 1960er-Jahre forderte ein eidgenössischer Expertenbericht einen unverzüglichen Ausbau des schweizerischen Hochschulwesens in Milliardenhöhe. Die Schweizer Universitäten dürften den Anschluss nicht verpassen bei der «grossen Menschheitsaufgabe des Forschens nach Wahrheit», so wurde hier angemahnt.111 Der später so genannte Labhardt-Bericht brachte den hohen Stellenwert von Wissenschaft und Forschung, der in der Technik- und Fortschrittsgläubigkeit der Hochkonjunktur kulminierte, auf den Punkt. Er gab zudem den Startschuss für eine nationale Hochschulförderung, von der unter anderem die Basler Universität ab 1966 profitierten sollte.
Wissenschaft und Forschung gediehen in Basel an vielen Orten. Die chemisch-pharmazeutische Industrie war forschungsbasiert, und in Vereinen wie der Naturforschenden Gesellschaft versammelten sich Privatgelehrte. Hinzu kamen die Universität und die Museen als etablierte Wissensinstitutionen der Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen Ausbau und eine Öffnung erfuhren. An der Universität vervielfachten sich Fächer und Lehrstühle, und zahlreiche neue Museen wurden gegründet. Neue Vermittlungsformate brachten die Wissenschaft unter die Leute, so an der Universität, wo der Ruf nach partizipativen Übungen anstelle von Vorlesungen laut wurde, und in den Museen, wo erste Ausstellungen für ein breites Publikum eröffneten. Wissenschaftlich abgestützte Expertise war in einer zunehmend säkularisierten Welt aber nicht allein in den Bildungseinrichtungen präsent. Sie konnte auch in die persönliche Lebensführung wirken, wie die Baslerinnen und Basler dann erfuhren, wenn sie die Dienste des wachsenden Beratungswesens in Anspruch nahmen. Otto Stockers Bürotür am Basler Münsterplatz ging auf und zu. Die Dienste des ersten staatlichen Basler Berufsberaters wurden so rege in Anspruch genommen, dass sich seine mehrheitlich männlichen Klienten die Klinke in die Hand gaben: Hunderte Schüler sprachen seit 1916 jährlich bei ihm vor.112 Nicht anders erging es seiner Kollegin Anna Meyer, zuständig für die Beratung der Basler Schülerinnen. Auch sie empfing junge Frauen in grosser Zahl. Dass in Basel in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine staatliche Berufsberatung geschaffen wurde, war ein Zeichen eines neuen und säkularen Orientierungsbedarfs. Wer Rat suchte, wandte sich nicht mehr ausschliesslich an Generalisten wie Pfarrer, Ärzte oder auch die Eltern, sondern zunehmend an Spezialistinnen und Spezialisten. Diese berieten zu allen möglichen Themen der Lebensführung: zu Gesundheitspflege, Erziehung, Konsumentscheidungen, Rechts- oder Finanzfragen.113 Das kommunikative Setting war überall dasselbe: Fachleute gaben in Sprechstunden Informationen weiter und legten Entscheidungen nahe. Behörden, Vereine und Freiberufliche unterhielten das so wachsende Beratungsgeschäft gemeinsam.114 Die erteilten Ratschläge basierten auf sachlichen, nicht selten wissenschaftlich abgestützten Informationen. So auch im Fall von Otto Stocker und seinen Berufskollegen und -kolleginnen, die einen Überblick über die komplex gewordene Berufswelt versprachen. Dank eigener Erhebungen konnten sie quantitativ über Nachfrage und Angebot in verschiedenen Arbeitsbereichen Auskunft geben, zudem kannten sie die entsprechende Fachliteratur. Derlei fundierte Kenntnisse legitimierten die Autorität von Experten und Expertinnen.115
Nicht nur bei persönlichen Anliegen wie der Berufswahl wurde auf das Fachwissen von Expertinnen und Experten zurückgegriffen. Auch für die Verwaltung der städtischen Gesellschaft gewann es an Bedeutung. Die Geschichtswissenschaft hat dies später als eine «Verwissenschaftlichung des Sozialen» bezeichnet: Gesellschaftliche Themen wurden im 20. Jahrhundert zunehmend wissenschaftlich betrachtet und bearbeitet.116 Prägnanter Ausdruck davon ist die Einrichtung eines Statistischen Amtes in Basel im Jahr 1902. Geschaffen worden war das Amt ursprünglich mit Blick auf sozialpolitische Brennpunkte, zu welchen statistische Daten gewünscht waren. Nicht zufällig hiess es über den ersten Vorsteher des Amtes und späteren parteilosen Regierungsrat Fritz Mangold, er habe die «trockenen Zahlen der Verbesserung der Lage des arbeitenden Volkes dienstbar gemacht».117 Bald wurden die Basler Statistiken zu unverzichtbaren Entscheidungsgrundlagen für Politik, Gesetzgebung und Verwaltung. Das ab 1921/23 herausgegebene Statistische Jahrbuch fungierte als Masterdokument aller «zahlenmässig erfassbaren Erscheinungen des Kantonsgebietes».118 Vertiefungsstudien zu aktuellen Themen ergänzten es. In den 1960er-Jahren führte das Statistische Amt so etwa zum Verkehrsverhalten aufwendige Erhebungen durch. Denn für grosse Planungsprojekte waren Analysen aus professioneller Hand längst zur Bedingung geworden. Mit ihrem Fokus auf überprüfbare Kriterien und rationale Argumente hatte sich die moderne Expertise weitgehend von religiösen Glaubenssätzen gelöst. Garantiert war damit aber nicht unbedingt die Unabhängigkeit von normativen Annahmen oder von politischen Hintergründen, wie sich wiederum exemplarisch an den Beratungsstellen zeigte: Berufsberater und Berufsberaterinnen konnten Ratsuchende zum Beispiel auf bestimmte Stellen lenken. Noch deutlicher war der politische Auftrag im Fall der 1933 eröffneten kantonalen Ehe- und Sexualberatungsstelle, später Eheberatungsstelle genannt.119 Auch sie erfreute sich grosser Beliebtheit und verzeichnete viele hundert individuelle Konsultationen pro Jahr.120 Ihrer Gründung hatten eugenische Motive zugrunde gelegen. Vorgesehen war, dass sie nicht nur über Verhütungsfragen aufklären, sondern Eheanwärterinnen und Eheanwärter auch in der zeitgenössischen Vererbungslehre schulen sollte. Diese ging von einer Weitergabe von «Defekten» wie psychischen Krankheiten oder «Trunksucht» aus. Entsprechend sollte an das Verantwortungsbewusstsein der Ratsuchenden appelliert werden, eine Ehe nur mit gesunden Partnerinnen und Partnern einzugehen oder bei Vorbelastung auf die Zeugung von Kindern zu verzichten. Solches eugenische Gedankengut wirkte sich in Basel – von den leitenden Ärzten der Basler Psychiatrie ausgehend – in vielen Bereichen aus. Neben dem im Schweizerischen Zivilgesetzbuch verankerten Eheverbot für «Geisteskranke» und den Appellen in der Eheberatung kam es bei Sterilisationen und Abtreibungen, bei Einbürgerungen, Ausschaffungen und Heimschaffungen zum Tragen.121
Zwar wurde die Eheberatungsstelle schlussendlich häufiger für psychologische Fragen in Anspruch genommen, als dass eugenische Abklärungen im Sinne des ursprünglichen Programms stattgefunden hätten. Das Gelingen einer Ehe war selbst zu einem Fall für Experten und Expertinnen geworden. Die ursprüngliche Zielsetzung der Eheberatungsstelle veranschaulicht jedoch deutlich, dass Beratungsangebote steuernd eingreifen konnten, obwohl sie das Paradigma der freien Wahl hochhielten. Auch wissenschaftliche Grundlagen, auf die sich die modernen Experten und Expertinnen gerne beriefen, waren mitunter durch politische oder moralische Vorgaben gefärbt. 1960 war für die Wissenschaft in Basel ein grosses Jahr: Die Universität feierte pompös ihren 500. Geburtstag. Hatten bis anhin nur wenige die höchste Basler Bildungsanstalt jemals von innen gesehen, so fiel das Jubiläum just in die Zeit eines schweizweiten Bildungsausbaus. Von diesem zeugten die Schaffung des Schweizerischen Nationalfonds im Jahr 1952, ein ausgebautes Stipendienwesen und eine verstärkte finanzielle Bundesbeteiligung an den kantonalen Universitäten.137 Nicht zuletzt die Wettbewerbslogik des Kalten Kriegs verlieh der Bildungsexpansion Auftrieb. In Basel verdoppelten sich die Studierendenzahlen zwischen 1960 und 1970 auf über 4000 und stiegen von dort weiter in die Höhe. Dieser Zuwachs, hauptsächlich von der Philosophisch-Historischen, der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen und der Medizinischen Fakultät getragen, entsprach der Entwicklung anderer Deutschschweizer Universitäten. Sie blieb allerdings hinter dem noch schnelleren Ausbau der Universitäten in der Romandie zurück.138 Der Frauenanteil unter den Studierenden stieg von rund fünfzehn Prozent in den 1930er-Jahren auf gute zwanzig Prozent bis 1970.139 Unter dem Vorzeichen dieser Wachstumsdynamik stand das Jubiläum am Anfang einer neuen Phase der Basler Universitätsgeschichte.140
Für die Festlaune gab es um 1960 gute Gründe. Finanziell auf festen Füssen stehend, hatte die Universität in den vorangegangenen Jahrzehnten einen Konsolidierungsprozess durchlaufen. Zum einen in organisatorischer Hinsicht: Mit dem Universitätsgesetz von 1937 war die Fünf-Fakultäten-Universität beschlossen, wie sie bis zum Ende des Jahrhunderts Bestand haben sollte. Die Debatte über eine Abschaffung der Theologischen Fakultät war vom Tisch, und die endgültige Trennung der Philosophisch-Historischen von der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät vollzogen, was eine Aufwertung der naturwissenschaftlichen Fächer bedeutete. Zudem regelte das Gesetz das Verhältnis zwischen Staat und Universität neu und etablierte die universitäre Forschungsfreiheit als Prinzip. Zu dieser organisatorischen Festigung kam mit dem Bau des Kollegienhauses 1939 ein neuer Hauptsitz der Universität am Petersplatz.141
Wie das grosse Fest von 1960 ausserdem bewies, war die Universität in ein tragfähiges Beziehungsnetz eingebunden. Hunderte Gäste aus dem In- und Ausland waren anwesend, die überreichten Geschenke füllten eine Ausstellung im Gewerbemuseum.142 Auch hatte die Universität eine «Fünfhundertjahrspende» zur «Erfüllung zusätzlicher wissenschaftlicher Aufgaben» empfangen, darunter sechs Millionen Franken von den vier grossen Basler Chemie- und Pharmafirmen Ciba, Geigy, Roche und Sandoz.143 Zwischen der prosperierenden Basler Leitindustrie und der Universität bestand ein guter Draht. Mannigfaltige Kooperationen, finanzielle Unterstützungsbeiträge und Mitarbeitende, die für beide Seiten tätig waren, verbanden sie miteinander. Unter ihnen war der 1938 nach Basel berufene und 1950 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Chemiker Tadeus Reichstein nur der berühmteste.144 Dem allgemeinen Vernehmen nach war dieses Zusammenwirken in jeder Hinsicht gewinnbringend.145
Auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt waren einzelne Persönlichkeiten wie Karl Barth, Edgar Bonjour, Karl Jaspers, Adolf Portmann oder Edgar Salin.146 Diese Basler Professoren äusserten sich zu Themen, die über den engeren Gegenstandsbereich ihres Fachgebiets hinausgingen und erfüllten damit die Erwartung von öffentlicher Präsenz und allgemeiner Orientierungshilfe. Von der Universität wurde solche immer wieder gefordert, in Zeiten von Krieg und Geistiger Landesverteidigung erst recht. Dass viele dieser Wissenschaftler in den 1960er-Jahren ihren Abschied von der Universität nahmen, bedeutete eine Zeitenwende. Mit dem Übergang zur «Massenuniversität» setzten zudem eine Infragestellung der traditionell starken universitären Hierarchien und Forderungen nach Strukturreformen ein.
Der rege Zulauf zur Universität nach 1960 wurde durch die gute Wirtschaftslage befördert. Gestiegene Einkommen machten längere Ausbildungszeiten möglich, und der Arbeitsmarkt rief nach akademisch ausgebildetem Personal. Das Schlagwort des «Akademikermangels» war in aller Munde. Um auf diese Nachfrage zu reagieren, gingen die Fakultäten nach dem Vorbild anderer Hochschulen reihum dazu über, das Lizentiat als akademischen Grad einzuführen. Es war ebenso als Vordiplom zum bis dato in vielen Fächern den Studienabschluss markierenden Doktorat wie auch als eigenständiger Abschluss für ausseruniversitäre Karrieren gedacht. Den Anfang machte 1960 die Juristische Fakultät, wenn auch nicht ohne Nebengeräusche. Fachvertreter und Berufsvereinigungen äusserten die Befürchtung, die Einführung des Lizentiats werde Qualitätseinbussen nach sich ziehen.147 Dennoch machte das Beispiel Schule. Es folgten 1962 das sozialwissenschaftliche Lizentiat, 1968/71 die restliche Philosophisch-Historische Fakultät und Mitte der 1970er-Jahre die Philosophisch-Naturwissenschaftliche sowie die Theologische Fakultät.148 Die Universität vollzog damit nach, was sich im Bereich der Berufsbildung bereits im frühen 20. Jahrhundert abgezeichnet hatte. Auch die Berufslehren und -abschlüsse waren zunehmend reglementiert worden – in Basel seit 1920 durch kantonale Verordnungen, seit 1930 ausserdem durch das erste eidgenössische Berufsbildungsgesetz.149 Formalisierte Bildungsnachweise waren gefragt, eine «Beilage von Zeugnisabschriften» bei vielen Bewerbungen erbeten.150
Reflektiert wurde der Wert von Bildungsabschlüssen schliesslich an der Universität selbst. Die Wirtschaftswissenschaften begannen in der Hochkonjunktur, qualifiziertes Personal als einen Faktor ökonomischen Wachstums anzusehen. Der Wirtschaftsprofessor Gottfried Bombach stieg zu einem international gefragten Experten in Bildungsökonomie und Bildungsplanung auf; das von ihm mitbegründete Wirtschaftsforschungsunternehmen ‹Prognos› wurde auf dem Feld führend. Von Basel aus wurden so – zunächst für das benachbarte Westdeutschland – umfassende Hochrechnungen des zukünftigen Bedarfs an Universitätsabsolventinnen und -absolventen und dazugehöriger Bildungsinvestitionen durchgeführt.151 Auch die sich eben etablierende Soziologie widmete sich dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Bildungsexpansion, sie verband damit aber eine Forderung nach mehr Chancengleichheit. Die in Basel verfasste Studie ‹Ungleichheit der Bildungschancen› von 1966 beklagte die unausgeschöpften «Begabungsreserven» unter «begabten Arbeiterkindern».152
Als in den 1960er-Jahren im internationalen Diskurs der Begriff der «Wissensgesellschaft» aufkam, war er in Basel noch nicht im Gebrauch – die damit beschriebenen Erscheinungen aber waren Teil des Alltags. Zum einen war wissenschaftlich-technisches Wissen unter den Bedingungen der Säkularisierung und des hohen Ansehens und grossen Einflusses von Expertise zu einer wichtigen Instanz der Welterklärung und von Handlungsorientierung geworden. Zum anderen war der Bildungsausbau in vollem Gange und die in ihn gesetzten Hoffnungen gross. Die einen verbanden damit ein weiteres Vorankommen in gesellschaftlicher, technologischer und ökonomischer Hinsicht – gerade in einem Land wie der Schweiz, das über wenig natürliche Ressourcen verfügte. Andere glaubten an eine gerechtere Verteilung von Wissen als Kapital. Inmitten des konjunkturellen Höhenflugs wurde ein weiterer Aufwärtstrend jedenfalls gemeinhin angenommen.