Zur Einführung

Caroline Arni

In: Stadt an der Grenze in einer Zeit der Gefährdung. 1912 – 1966 | S. 11-17 | DOI: 10.21255/sgb-07.00-412331 | Lizenz: CC BY-NC 4.0

Dieser erste von zwei Bänden zur Geschichte Basels im 20. Jahrhundert umfasst die Zeit von 1912 bis 1966. Er beginnt mit dem Friedenskongress der Sozialistischen Internationale, zu dem sich die internationale Arbeiterbewegung in der Stadt einfand. Die Staatsoberhäupter sollten sich besinnen, damit keine Kriege mehr die Welt verwüsteten — das war die Hoffnung und auch die Forderung, die durch die Stadt tönte. Doch nur anderthalb Jahre später traf das Gegenteil ein. Von nun an gab der Krieg dem Jahrhundert den Takt vor. So bestimmend wurde er, dass Historikerinnen selbst Friedenszeiten nach ihm benennen sollten: Auf den Ersten Weltkrieg folgte die «Zwischenkriegszeit», die in den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust mündete, worauf die «Nachkriegszeit» einsetzte, in der sich der «Kalte Krieg» breitmachte und «heisse Kriege» zur Befreiung afrikanischer und asiatischer Länder aus der europäischen Kolonialherrschaft ausgefochten wurden. Immer war Krieg — aber nie in Basel. Oft genug jedoch lag die Stadt an der Grenze in der Nähe kriegerischen Geschehens, spürte die Gefährdung und traf Vorkehrungen für das Schlimmste. Und noch einmal wurde Basel Bühne für den Pazifismus: Im Frühling 1965 gelangte der erste Ostermarsch der Deutschschweiz auf eben dem Münsterplatz an, der ein halbes Jahrhundert zuvor schon Friedensbewegte empfangen hatte.

Die Jahre um 1912 standen nicht nur am Anfang einer neuen Zeit, die in der Fachliteratur das «kurze 20. Jahrhundert» genannt wird. Sie schlossen auch das vorhergehende «lange 19. Jahrhundert» mit seinen tiefgreifenden Transformationen ab: Industrialisierung, Urbanisierung, Demokratisierung, europäischer Imperialismus – all das trat jetzt als Zeichen einer neu «Moderne» genannten Epoche ins kritische Bewusstsein der Zeitgenossinnen. Als ‹unvollendete› Moderne erschien sie denen, die auf das immer noch nicht eingelöste Versprechen der Gleichheit und Freiheit aller pochten — so der Frauenbewegung, die politische Rechte einforderte, oder der Arbeiterbewegung, die für soziale Gleichheit kämpfte. Eine ‹übersteigerte› Moderne konstatierten jene, die die Menschen von wirtschaftlichen, technischen, kulturellen Revolutionen überfordert wähnten — so die vielen Reformbewegungen, die eine Entfremdung von Geschichte und Natur fürchteten. Diese Bewegungen sollten das ganze 20. Jahrhundert prägen. Wir setzen deshalb das Ende des hier behandelten Zeitraums im Jahr 1966, als in Basel das kantonale Frauenstimmrecht angenommen wurde: ein Meilenstein in der Bewegungsgeschichte und der politischen Verfassung der Stadt. Zugleich leitet dieses Ereignis zum anschliessenden Band 8 (‹Auf dem Weg ins Jetzt. Seit 1960›) über, setzt die dort behandelte Zeit doch mit einer Reihe von Protestbewegungen ein, die alte Anliegen auf neue Weise vorbrachten, aber auch neue Anliegen formulierten – so etwa die Umweltbewegung, die Frauenbefreiungsbewegung oder die Studentenbewegung. Das erste Kapitel spannt die Zeit von 1912 bis 1966 in ereignisgeschichtlicher Hinsicht auf und zeichnet die Chronologie des Zeitraums nach. Es handelt jedoch nicht nur von Ereignissen, sondern auch, wie die folgenden Kapitel, von charakteristischen Veränderungen in der Stadt. Als Grenzstadt wurde Basel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder auf das Lokale zurückgeworfen: seine Lage an der Landesgrenze, die die Stadt dem Weltgeschehen auf besondere Weise aussetzte. Die Kriege näherten sich ihr nicht nur, sie prägten sie auch: Wo vorher kein grosser Unterschied gemacht worden war zwischen jenen, die aus dem Badischen und dem Elsass und auch aus Italien kamen und jenen, die aus anderen Schweizer Kantonen zuzogen, wurden nun Grenzen zwischen In- und Ausland gezogen, markiert am Boden und befestigt durch Zäune in Kriegszeiten, polizeilich kontrolliert als Unterscheidung auch in Friedensjahren zwischen Hiesigen und «Fremden». Es begann die Zeit der «Grenzregimes» in Territorium und Recht, während die Konflikte und Katastrophen, die in Europa und der Welt wüteten, in die Stadt hineinwirkten. Eine Verständigung über Demokratie und Humanität wurde nötig und die Debatte darüber auch geführt – unter dem besonderen Vorzeichen der schweizerischen Neutralität.

Das zweite Kapitel richtet den Blick auf die Menschen, deren Gefüge zu einem Ganzen seit dem 19. Jahrhundert mit dem Neologismus «Gesellschaft» bezeichnet wird. Es ist kein Zufall, dass die Universität Basel just zu Beginn des hier behandelten Zeitraums, nämlich 1914, ihren ersten Lehrauftrag für Soziologie vergab. Auch in Basel stellte sich die Frage, wie sich ein Kollektiv von Menschen organisieren soll, die einen Raum miteinander teilen, aber nicht alle Rechte und Pflichten, die separate Gemeinschaften bilden, sich aber auch untereinander einigen müssen, die mitunter vieles trennt, die aber auch gemeinsam feiern – beispielsweise an der Fasnacht. All dies war Gegenstand der politischen Auseinandersetzung. Zugleich wurde die Gesellschaft zum Gegenstand behördlichen Handelns, was die Verwaltung um ein Doppeltes anwachsen liess. Die Stadt gab sich neue Pflichten gegenüber ihren Bewohnerinnen und Bewohnern — und griff auf neuartige Weise in deren Leben ein: Sie versorgte sie mit Bildung und disziplinierte ihr Verhalten mit Vorstellungen über geeignete Eheschliessungen oder gesunden Konsum, sie kümmerte sich um Arme, Arbeitslose und Kranke.

Im dritten Kapitel wird beschrieben, wie die Formen des Wirtschaftens von lokalen und zeitspezifischen Gegebenheiten geprägt wurden. Warenfluss ist hier keine Metapher: Am Anfang des Jahrhunderts stand der Bau eines Rheinhafens, der Basel als Knotenpunkt im Netz des Welthandels bestärkte. Von Kriegen und Krisen immer wieder zurückgeworfen auf das Lokale und Nationale, vergrösserte das unternehmerische Handeln im Gegenzug seine Reichweite: Firmen wurden global, gerade auch die chemisch-pharmazeutischen, und zugleich trugen sie dazu bei, den Charakter der Stadt als industrielles Zentrum zu bewahren. Dieses zog Arbeitskräfte an, aber was als Arbeit gelten sollte, war nicht selbstverständlich: Zunehmend zerfiel sie einerseits in bezahlte und von der Statistik erfasste, andererseits in unbezahlte und unsichtbar gemachte Arbeit. Am Ende dieser Phase stand Prosperität — eine Konsumgesellschaft nahm Konturen an, wenn auch zögerlich: Die Mangelerfahrungen der vergangenen Jahrzehnte waren noch nicht vergessen.

Das vierte Kapitel zeichnet die Umgestaltung des Stadtraums nach. Eine Grossstadt war Basel bereits seit der Jahrhundertwende, nun verwandelte es sich in eine «funktionale» Stadt, die räumlich das Wohnen vom Arbeiten und dieses von der Freizeit trennte und ein Netz von Infrastrukturen ausbreitete. Stetig, fast möchte man meinen: ungerührt von allem, was sich sonst ereignete, von den Kriegen und Katastrophen, vom Auf und Ab der Krisen und Konjunkturen, ordnete Basel sich neu. In die Höhe und in die Breite wuchs die Stadt, gegen aussen, so weit es ging, und gegen innen, wenn Landes- und Kantonsgrenzen erreicht wurden. Erst jetzt, wo die Stadt neu wurde, gab es eine «Altstadt», die erneuert wurde. Und jetzt, wo die Urbanisierung sich voll entfaltete, der letzte Bauernhof verschwand, intensivierten sich andere Formen der städtischen Naturerfahrung: Parks wurden umgestaltet und Gärten bewirtschaftet. Die Natur in der Stadt wurde zur Stadtnatur. Und das Verhältnis der Menschen zu den Tieren verkomplizierte sich: geliebt als Haustiere, bewundert im Zoo, verbraucht im Labor.

Der Fluchtpunkt des fünften und letzten Kapitels ist die Entstehung der «Wissensgesellschaft» – ein Begriff, der in internationalen Zeitdiagnosen am Ende des hier behandelten Zeitraums auftauchte. Das Kapitel umreisst die Konturen einer eifrigen Suche nach Orientierung durch Weltanschauung, Glauben oder Wissen in einer Welt, in der Neu und Alt aus der Balance geraten schienen. Reform- und Schutzbewegungen griffen mit Ideen und Angeboten in das Geschehen ein, die Kirchen behaupteten sich, aber die Religion verlor an Überzeugungskraft, die Kunst übernahm von ihr rituelle Funktionen, beispielsweise auf Friedhöfen. Experten und Expertinnen vermittelten das zunehmend definitionsmächtige Wissen, Museen und Universität öffneten sich einer demokratischer gewordenen Stadt. Die Grenzlage Basels hat eine vielfältige und wechselhafte Geschichte. Mal zählte die Landesgrenze, ein andermal die kantonale, und manchmal stiessen die Pläne der Menschen auf topografische Bedingungen, die sie erfinderisch werden liessen. Mal waren Grenzen unsichtbar gezogen, mal deutlich markiert, nicht immer fielen sie ins Gewicht. In unserem Zeitraum spielten die politischen Grenzen in fast jeder Hinsicht eine Rolle: für die Wege, die Güter und Waren nahmen oder die für sie geschaffen wurden, für die Zugehörigkeiten der Menschen, für die Metamorphosen der gebauten Stadt. Die Landesgrenze insbesondere versetzte die Stadt auf wechselhafte Weise in ganz unterschiedliche Situationen: Sie verwob Basel mit den Nachbarstaaten durch wirtschaftlichen Austausch und isolierte es von der oberrheinischen Region in Kriegszeiten, sie verwies die Stadt auf einen nationalen Zusammenhang, in dem sie aufgrund ihrer Lage eine besondere Stellung einnahm.

Die Grenzlage war auch Grund für Gefährdung: Die Schweiz blieb verschont, aber Basel kamen die Kriege und Katastrophen sehr nahe. Doch in diesen Situationen und mehr noch zwischen den Kriegen stellte sich auch Normalität ein: Auch unter Gefahr galt es Lebensunterhalte zu bestreiten, wurde geliebt und getrauert und sich gelangweilt. Normalität war ein Anker, ein angestrebter Zustand in Zeiten des Aufruhrs und der Angst. Im 20. Jahrhundert war sie auch ein Ideal. Die Wissenschaften des vorangehenden Jahrhunderts hatten den «Durchschnittsmenschen» erfunden und ihre Bewertung von Menschen auf das «Normale» ausgerichtet; nun, im 20. Jahrhundert, lösten solche Vorstellungen allmählich frühere Messlatten des «Sittlichen» ab und definierten den Blick, mit dem zunehmend professionalisierte Akteure und Behörden Individuen betrachteten und Abweichungen ausmachten. Jede Geschichte der Stadt ist eine Erzählung. Sie verbindet Entlegenes, lässt anderes links liegen, zweigt hier, nicht dort ab, sammelt dies und nicht jenes. Und die Stadt selbst ist ein Schauplatz, an dem sich Dinge ereignen, die sich auch woanders abspielen könnten, und andere, die so nur hier möglich sind. Die Stadt ist ein Schauplatz, aber auch eine Akteurin, verkörpert in denen, die sie bevölkern und die sie zugleich überdauert, materialisiert in Stein und Grün, die sie ständig auswechselt. Die Stadt ist auch ein Geschehen, das nicht nur dort stattfindet, wo sie liegt: Was von ihr ausgeht oder sich an ihrem Ort miteinander verknüpft, führt auch an andere Orte – ins Berner Oberland zum Beispiel oder an die afrikanische Westküste.

Für das Schreiben der Geschichte Basels von 1912 bis 1966 stellte sich uns deshalb die Frage des Blickwinkels. Wir haben uns nicht für einen entschieden, sondern für viele: für ein Netzwerk an Perspektiven, die Ansichten erschliessen und Sehmöglichkeiten anbieten – auf Bekanntes und Vielgehörtes, auf Neues und noch Unentdecktes. Ein besonderes Augenmerk haben wir darauf gerichtet, verschiedene Handelnde zur Geltung kommen zu lassen: nebst vertrauten geschichtlichen Figuren wie Politikern, Philanthropinnen oder Wirtschaftsführern auch eine unbekannte zugezogene Italienerin, beflissene Reformbewegte, unbequeme Kinder oder ein geliebtes Tier. Auch haben wir uns bemüht, etablierte Ansätze wie die Politik-, Sozial-, Wirtschafts-, Geschlechter- und Kulturgeschichte mit neueren wie der Verflechtungs-, der Ressourcen-, der Migrations-, der Umwelt- oder der Wissensgeschichte zu verbinden.

Mit diesen Werkzeugen haben wir die für unseren Zeitraum reichlich vorhandene Forschungsliteratur gesichtet und in einer Vielzahl von Archiven geforscht, um daraus eine anschauliche Darstellung der Geschichte Basels von 1912 bis 1966 zu gewinnen. Unterstützt wird unsere Erzählung von Bildern, die mehr als Illustrationen sind: Sie erzählen selber Geschichten, die wir zum Sprechen bringen wollten. Nicht selten stand am Anfang einer Geschichte ein visueller Fund: eine Fotografie oder eine Grafik, die uns rätseln liessen, welches Geschehen in ihnen wohl seine Spur hinterlassen hat.