Auf was für eine Stadt sah man 1891 von Eduard Spelterinis Gasballon herab? Die Schwelle zur Grossstadt mit über 100 000 Bewohnerinnen und Bewohnern sollte bald überschritten sein, Basel war industrialisiert und urban. Kamine wuchsen in den Himmel, die Luft wurde schlechter. Wer sich erholen durfte, verliess die Stadt. Mehr Menschen in der Stadt bedeuteten mehr Verkehr und neue Verkehrsteilnehmer wie Velos und Strassenbahnen. Basel glich einer Grossbaustelle, Strassen, Brücken und Plätze entstanden. Neben dem neu gegründeten Warenhaus mit seinen modernen Verkaufstechniken boten Gemüsebäuerinnen aus der Umgebung ihre Waren feil wie eh und je. In wenigen Jahren wuchsen neue Quartiere, die alte Stadt wurde saniert. Die Werkstätten und Industrien des unteren Kleinbasel wurden Teil neuer Quartiere mit Kirchen, Gasthöfen und Schulhäusern, während Gärten und Landgüter verschwanden. Zeitgleich entstand eine Bewegung, die sich für den Erhalt der Heimat stark machte. Erholung von den Strapazen der modernen Stadt fanden Städterinnen und Städter in den Langen Erlen, wo sie in der gestalteten Natur spazierten, Tiere beobachteten und Waldfeste feierten.
Ballone, Luft und Hochbauten: Die vertikale Ausdehnung der Stadt
Umsonst waren die Menschen am Samstag, den 27. September 1891 nach Kleinbasel gepilgert, vergeblich warteten sie auf dem Kasernenareal, den Münstertürmen, den Brücken und weiteren Aussichtsplattformen: Der international bekannte Ballonfahrer Eduard Spelterini musste seinen ersten Flug über Basel aufgrund ungünstiger Witterung um zwei Tage verschieben.1 Als die ‹Urania›, sein 23 Meter hoher und 15 Meter breiter Gasballon aus gelber Seide, schliesslich am Montagnachmittag vom Hof der Kaserne abhob, war die Menge wieder versammelt und verfolgte «das ebenso seltene wie interessante Schauspiel». Begeistert berichtete der Journalist über den «kühnen und bewährten, das zuversichtlichste Vertrauen erweckenden Luftschifffahrer», die Aussicht auf die Alpen und davon, wie der Ballon «bei fast absoluter Windstille […] über dem Weichbild der Stadt schwebte». Die Fahrt endete nach rund 75 Minuten auf dem Bruderholz, wo die Ballonfahrer wiederum von viel Publikum in Empfang genommen wurden.2 Die Ballonfahrten Spelterinis waren ein Massenspektakel: Seit 1887 reiste er mit der ‹Urania› – mit Eisenbahn und Pferdefuhrwerken – durch die Welt und überflog die Städte Europas und gar Ägyptens. Seine Erfahrungen und Kenntnisse stellte er sowohl der Unterhaltung als auch der Wissenschaft zur Verfügung. Er überquerte mit einem Geologen die Alpen, liess sich von Medizinern auf verschiedenen Höhen den Puls messen und beriet Flugpioniere wie Graf Zeppelin.3 Spelterini blieb bis im Frühjahr 1892 in Basel. Er überflog Stadt und Region mehrmals mit wenigen, zahlenden Gästen. Wo die Reise hinführte, hing von den Luftströmen ab: Einmal landete die kleine Gesellschaft in Breisach im Elsass, ein anderes Mal auf einem Acker beim Bäumlihof.4
Bis zu seinem Lebensende stieg Spelterini rund 570 Mal in die Luft, mit ihm sahen 1237 Fahrgäste die Welt von oben.5 Das Staunen über die kleiner werdenden Städte und der Blick auf Felder und Wälder, die sich zu einem Gewebe verbanden, blieb nur wenigen vorbehalten. Um diesen Blick mit einem grösseren Publikum teilen zu können, fotografierte Spelterini auf seinen Fahrten. Kein einfaches Unterfangen: Mehrere Fotografen und Techniker berieten ihn, unter anderem Emil Suter, ein Spezialist für optische Apparaturen in Basel. In seinem Geschäft an der Feierabendstrasse stellte er die Expositionszeiten und Blenden der fünf Kameras so ein, dass Spelterini pro Flug zwischen achtzig und hundert gestochen scharfe Aufnahmen gelangen.6 In den folgenden Jahren dokumentierte er seine Flüge über Basel und andere Städte. Die Aufnahmen zeigte er anschliessend während seiner stets gut besuchten Vorträge. Abzüge dieser Fotografien konnten auch erworben werden. Die Bilder liessen die Menschen sehen, was zuvor nicht zu sehen gewesen war: die Stadt, detailgenau, aus der Vogelperspektive.7 Man konnte erkennen, wie der Rhein Basel durchquert, wie weisse Strassen und Plätze, Friedhöfe, Kirchtürme und Kamine dem Häusermeer Struktur verliehen und wo die Siedlung spärlicher wurde, die Stadt endete und in Promenaden und Felder überging. Mit seinen Luftreisen trug Spelterini zur Erschliessung des Luftraums bei.
In den Folgejahren entwickelte sich die Aviatik schnell, und es dauerte nicht lange, bis sich unter Experten die Kenntnis ihrer militärischen Bedeutung durchsetzte: 1911 begann Frankeich mit dem Aufbau einer Luftwaffe, 1913 folgten Grossbritannien und Deutschland.8 In der Schweiz sollte eine privat organisierte Sammelaktion den Aufbau einer militärischen Fliegerabteilung befördern. Zu diesem Zweck fanden in der ganzen Schweiz Flugtage statt. Von der Schützenmatte aus präsentierten an zwei Wochenenden im März 1913 mehrere Piloten vor einem zahlreich erschienenen Publikum ihr Können. Die ‹Nationale Flugspende› war mit einem Sammelresultat von 1,7 Millionen Franken zwar sehr erfolgreich, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte allerdings den geplanten Kauf von sechs Doppeldeckern. So standen der schweizerischen Luftwaffe im August 1914 lediglich acht Privatflugzeuge zur Verfügung. Spelterini und seine Flugreisenden blickten auf eine Stadt an der Schwelle zur Grossstadt. Oben war die Luft gut, unten stank die Abluft der Industriebetriebe, Kohle- und Holzheizungen. Die stickige und giftige Luft leistete der Verbreitung von Krankheiten Vorschub. Wer gesunde Luft brauchte, musste die Stadt verlassen. Im Zentrum der Stadt, beidseits des Rheins, war die Wohndichte hoch. Das Hochbautengesetz, das der Regierungsrat 1895 dem Grossen Rat vorlegte, sollte enge und düstere Wohnungen verhindern.17 Deshalb definierte es neben Feuersicherheit und der Solidität der Neubauten auch die Beschaffenheit von Wohnräumen mit Mindesthöhen, Lichteinfall pro bewohntem Quadratmeter und Luftraum pro Person (mindestens zehn Kubikmeter).18 Die Forderung nach Licht und Luft wurde zentral. Beides galt im Verein mit der Verbesserung hygienischer Verhältnisse und gesunder Nahrung als Prophylaxe im Kampf gegen Krankheiten. Für die Ausarbeitung des Gesetzes hatte man auch Ärzte konsultiert.
In der Schweiz wurde seit 1876 eine Statistik der Todesursachen geführt. Sie zeigte für Basel, dass um die Jahrhundertwende etwa jeder Fünfte an Tuberkulose starb – die häufigste Todesursache.19 Vor allem nach der Entdeckung des Erregers, des Mycobacterium tuberculosis 1882, geriet die Krankheit in den Fokus von Ärzteschaft und gemeinnützig orientierten Kreisen. Wobei den Zeitgenossen der Zusammenhang zwischen tiefen Einkommen, beengten Wohnverhältnissen und der Verbreitung der Krankheit durchaus bewusst war. Für Basel wies der Arzt Max Burckhardt die Korrelation zwischen Krankheit und beengten Wohnverhältnissen nach. Während die Todesfälle sich zwischen 1886 und 1891 in Gross- und Kleinbasel häuften, nahmen sie zwischen 1898 und 1903 an denjenigen Orten zu, wo die einkommensschwache Bevölkerung stark angestiegen war, etwa im besonders dicht bewohnten «Matthäus-Viertel».20 Burckhardt plädierte für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse, besonders im Wohnungsbau.
Medikamente gegen Tuberkulose blieben bis zur Verbreitung des Antibiotikums Streptomycin nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend wirkungslos. Heilung zumindest im frühen Stadium der Krankheit versprach ein längerer Aufenthalt in ruhiger, luftiger und sonniger Höhe, fernab der hektischen Stadt.21 Allerdings lag für Arbeiterinnen und Tagelöhner, Ladeninhaber, Hausangestellte und Verkäuferinnen ein Kuraufenthalt in einem Sanatorium im Gebirge ausserhalb der Möglichkeiten. In den späten 1880er-Jahren formierte sich eine Bewegung für sogenannte Volksheilstätten. Treibende Kraft in Basel war der sozialreformerisch orientierte Arzt Adolf Hägler. Er hatte sich auf Epidemien und sogenannte Volkskrankheiten spezialisiert und interessierte sich dafür, wie Arbeitskraft und Gesundheit über längere Zeit erhalten und gepflegt werden konnten.22 In den 1870er-Jahren setzte er sich für die Sonntagsruhe ein. Sie schien ihm wegen der generellen Beschleunigung des Lebens zentral.23 Mit anderen Ärzten gründete er ab 1884 mehrere Kindererholungsheime und das auf Knochentuberkulose spezialisierte Sanatorium für Kinder in Langenbruck im Baselbieter Jura.24 Im Dezember 1896 eröffnete die Bewegung für Volksheilstätten die ‹Basler Heilstätte für Brustkranke› in Davos.25 Finanziert hatten den Bau wohlhabende Basler Bürgerinnen und Bürger. Dort mussten Krankenkassen und die städtische Poliklinik für die ärmsten Patientinnen und Patienten nur einen reduzierten Tarif bezahlen. In der Regel übernahmen die Krankenkassen auch den krankheitsbedingten Verdienstausfall. Zwar war die Mitgliedschaft in einer Krankenkasse seit 1890 für die untersten Einkommen Pflicht, dennoch blieben viele unversichert. Für mittellose Erwachsene blieb es weiterhin schwierig, einen Kuraufenthalt zu organisieren.26
Neben den Initiativen zur Bekämpfung der Tuberkulose entstanden gegen Ende des Jahrhunderts ähnliche gesundheitsfördernde Organisationen, etwa die Kommission für Ferienversorgung armer und erholungsbedürftiger Kinder.27 Der Aufenthalt ausserhalb der Grossstadt versprach Erholung vom Mangel an Luft, Zeit und Platz. Allmählich setzte sich die hygienisch begründete Idee von Gesundheit und Erholung durch. Sie steht am Anfang des Konzepts von Ferien als Gesundheitsvorsorge.28
In der Stadt wurde die Luft auch in den neuen Aussenquartieren zum Gegenstand von Sorgen und Klagen, denn hier siedelten sich grössere Industriebetriebe an. Als 1883 der Bau einer ‹Cichorienfabrik› in der Nähe des ersten Badischen Bahnhofs geplant wurde, befürchteten die Behörden, dass das Rösten der Zichorienwurzel für die Nachbarschaft Geruchsbelästigungen zur Folge haben könnten. Die Herstellung des Kaffeeersatzes rieche unangenehm, bestätigte Jules Piccard, Professor für Chemie an der Universität Basel, aber die Emissionen seien nicht gesundheitsschädigend. Er befürwortete den Bau, denn die Fabrik biete einen neuen, interessanten Industriezweig.29 Weniger harmlos war die Abluft aus den Kaminen der chemischen Fabriken. Aus der Umgebung der ‹Gesellschaft für chemische Industrie› im unteren Kleinbasel häuften sich nach der Jahrhundertwende Klagen über Kopfschmerzen, Atemprobleme und Übelkeit. Blumenkohl und Wäsche hätten sich verfärbt, sogar von erodierenden Grabsteinen war die Rede. Oskar Geisel, ein junger Chemiker, der in seinem Elternhaus an der Horburgstrasse 50 wohnte, zweifelte an der Ungefährlichkeit der Abluft. In einem Brief an das Sanitätsdepartement betonte er, dass er die Luft für ein Gemeingut halte, es gebe ein Recht auf «möglichst reine, giftfreie Luft».30 Die Verwaltung wiegelte ab: Wer in der Nähe einer chemischen Fabrik lebe, müsse sich damit abfinden. Bloss konnte, wer arm war, seinen Wohnort nicht frei wählen und musste die Gefährdung seiner Gesundheit in Kauf nehmen. Auch die wohlhabende Familie Geisel blieb bis zum Tod des Vaters 1918 in ihrem stattlichen Haus an der Horburgstrasse wohnhaft. Erst dann zogen Tochter und Mutter ins elegantere Grenzach-Viertel, oberhalb der Wettsteinbrücke.31 Als der Regierungsrat und ehemalige Kantonsbaumeister Heinrich Reese an der Jahresversammlung des Schweizerischen Ingenieur- und Architekten-Vereins 1897 auf die bauliche Entwicklung Basels zurückblickte, sprach er von einer «offenen Stadt», die sich ihrer Mauern entledigt habe.32 Ihre Ausdehnung allerdings bereitete ihm Kummer, denn sie bestehe in den neuen Quartieren nur aus vielen kleinen Häusern, was sie etwas eintönig, gar langweilig mache.33 Diese Entwicklung komme das Gemeinwesen zu teuer, erfordere zum Beispiel viele neue Strassen, wodurch sich die Arbeitswege verlängerten. Reese wünschte sich deshalb, die Stadt möge ein- oder zwei neue Stockwerke höher werden.
Tatsächlich entstanden in allen neuen Quartieren zunehmend höhere, drei-, vier-, auch fünfgeschossige Mietshäuser.34 Die meisten dieser Neubauten waren für die mittleren und unteren Einkommensschichten gedacht, allerdings tüftelten Architekten und Bauunternehmer auch an neuen Wohnformen für das wohlhabende Publikum. Für Aufsehen sorgte beispielsweise das Etagenwohnhaus am Viadukt von Rudolf Linder. Von ihm, einem Architekten und Bauunternehmer, stammen sowohl die kleinen Arbeiterhäuser an der Pfeffelstrasse als auch repräsentative Geschäftshäuser an der Freien Strasse.35 1901 musste er sich vor Gericht für den Einsturz eines fast fertig erstellten Hotels in der Aeschenvorstadt und den Tod von sieben Bauarbeitern verantworten (vgl. ‹Bauen ohne Rücksicht›, S. 247). Zwischen 1911 und 1915 baute er eine zweiflügelige Wohnanlage im Südwesten der Stadt oberhalb des Zoologischen Gartens. Seine stattliche «Miethausgruppe» wurde in Fachkreisen als «sehr interessanter Beitrag zur Frage der neuzeitlichen Mietswohnungen» gelesen, denn die repräsentativen zweigeschossigen Wohneinheiten kombinierten das Einfamilien- mit dem Mehrfamilienhaus.36 Ausgestattet mit praktischen Einrichtungen wie Etagen-Zentralheizungen und elektrischen Waschmaschinen, galten sie bei ihrer Präsentation 1913 als Inbegriff der Modernität. Allerdings blieb diese Art des gediegenen Wohnens in grossstädtisch anmutenden Mietshäusern die Ausnahme.
Auch die öffentlichen Gebäude wuchsen in die Höhe, so erhielten etwa das Rathaus oder auch die Bahnhöfe Türme. Als 1896 der Bau der Matthäuskirche abgeschlossen war, besass sie mit 74 Metern den damals höchsten Kirchturm der Stadt: vom «himmelanstrebenden Turm», der über das «Gewirre von Wohnstätten vielgeplagter Menschenkinder» zum «Vaterhause droben» weise, sprach der Münsterpfarrer und Präsident des Kirchenrates während des Einweihungsgottesdienstes und fügte die Frage an, was die Stadt ohne Kirchen anderes wäre als «ein unheimlicher, wachsender Steinhaufen?»37 Am Ende des Jahrhunderts erhielt auch das Rathaus einen stattlichen Turm und damit eine prominente Stellung im Stadtbild. Die aus dem Dächermeer hervorragenden Türme waren nicht nur Schmuck, sie erleichterten auch die Orientierung im Stadtraum. Konkurrenziert wurden sie durch die ebenfalls wachsenden Kamine der Industrie.38
Viel mehr Verkehr! Der Aeschenplatz entsteht
Wie alle europäischen Städte war Basel bis in die 1890er-Jahre eine Fussgänger-und Pferdestadt.39 Mit dem Aufkommen von Velos, der Strassenbahn und ersten Automobilen veränderte sich der Stadtverkehr, er nahm zu und wurde schneller. Zudem verbaute man unter den Strassenbelägen neu Infrastrukturen für Abwasser, Elektrizität und Telefon. Dies brachte einerseits Innovationen im Strassenbau, andererseits gab es aufgrund der neuen Nutzungen der Strasse vermehrt Konflikte. 1893 beschrieb der Basler Architekt Johann Jakob Stehlin-Burckhardt, auch Stehlin der Jüngere genannt, den Abriss des Aeschentors als «kritischen Punkt» der Stadterweiterung: Das historische Monument, durch welches die Basler auf dem Weg zur Schlacht bei St. Jakob aus der Stadt hinausgeschritten seien, hätte erhalten werden müssen. Doch das Stadttor hatte «den unverzeihlichen Fehler, dem Verkehre von der Aeschenvorstadt nach dem neu angelegten Centralbahnhofe hinderlich zu sein».40 Auch die Regierung argumentierte, der «an sich zwar nicht unschöne Thurm» passe nicht «in eine vollständig modernisierte Umgebung».41 Stehlin, Sohn des einflussreichen, von 1853 bis 1872 amtierenden Basler Bürgermeisters Johann Jakob Stehlin-Hagenbach, hatte in seiner über dreissigjährigen Tätigkeit als Architekt mit der Hauptpost (1853), dem Gerichtsgebäude (1859), der Kaserne (1863), dem Missionshaus sowie den Kulturbauten am Steinenberg wichtige Akzente gesetzt.42 Dass dieses moderne Basel nicht auch einen bedeutenden Stadteingang erhalten sollte, irritierte ihn.43 Zusammen mit der 1862 gegründeten Basler Baugesellschaft errichtete er Anfang der 1880er-Jahre mit den Häusern an der Aeschenvorstadt 72 und 77 zwei repräsentative Kopfbauten als Stadteingang.44 Damit war in seinen Augen die Neugestaltung des Aeschenplatzes abgeschlossen.45 Seine Mitstreiter und er hätten «die Befriedigung (…) einen Zustand verhindert zu haben, welcher sowohl den lebenden Generationen als auch den Nachkommen ein Aergerniss gewesen wäre».46 Stehlin hatte herrschaftlich und auf Repräsentation bedacht gebaut, doch taugte der neue Platz für den Verkehr? Dass dieser gerade am Aeschenplatz in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts signifikant zunahm, hatte mehrere Ursachen, die eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung zusammenhängen. Der Ausbau der alten Handelsstrasse vom Aeschenplatz durchs Baselbiet in Richtung Unterer Hauenstein erwies sich als entscheidend für die Entwicklung der dezentral in Heimarbeit organisierten Seidenbandproduktion.47 Um 1900 ratterten im Kanton Basel-Landschaft über viertausend Heimwebstühle, die über einen konstanten Fuhrverkehr mit den Seidenbandfirmen in der Stadt verbunden waren.48
Zudem expandierte um die Jahrhundertwende die basellandschaftliche Fabrikindustrie, besonders im stadtnahen Bezirk Arlesheim.49 Im Gebiet Neue Welt in Münchenstein etwa liessen sich Industriebetriebe wie die Portlandzementfabrik Brentano oder die Maschinenfabrik Alioth nieder.50 Die ‹Basellandschaftliche Zeitung› berichtete 1898, dass die Münchensteinerstrasse über den Aeschenplatz die «am meisten frequentierte von allen nach Basel führenden» sei. Bis zu hundert Fuhrwerke und «Fussgänger, Droschken und andere Gefährte» in grosser Zahl verkehrten nun täglich zwischen Münchenstein und Basel.51 Auch die Lage der Basler Bahnhöfe auf beiden Seiten des Rheins trug zur deutlichen Steigerung des innerstädtischen Verkehrs über den Aeschenplatz bei.
Was die Zusammensetzung des Strassenverkehrs betrifft, so gingen immer noch die meisten Menschen zu Fuss. Die Zunahme von Pferdefuhrwerken und Droschken ist schwer quantifizierbar. Einen Hinweis gibt die Verdoppelung des Pferdebestands von 1120 Tieren im Jahr 1866 auf 2284 im Jahr 1906.52 Damit wies Basel hinter Genf die grösste Pferdedichte pro Quadratkilometer auf.53 Die erste Verkehrszählung führte das Baudepartement im Jahr 1901 durch, 1909 wurde sie wiederholt. Neben der Verkehrsdichte listet die Zählung die Verkehrsteilnehmer auf. Die grosse Anzahl von Fuhrwerken, Droschken und Pferdeomnibussen veränderte das Leben in der Stadt. Klappernde Hufe, ratternde Räder, Peitschenknallen, Unfälle und Staus zu Stosszeiten gehörten zum Alltag und machten die Strasse zu einem gefährlichen Ort. Diesem Zustand sollten Strassenverkehrsordnungen entgegenwirken. Bereits 1856 war die Fahr- und Reitgeschwindigkeit reduziert, der Rechtsverkehr eingeführt und das Freihalten der Fusswege zum Schutz der Fussgängerinnen und Fussgänger angeordnet worden.54 1869 verboten die Behörden aus Sicherheitsgründen das neuerdings verbreitete Radfahren. In schneller Abfolge hatte sich das Velo im 19. Jahrhundert von der Draisine über das Hochrad zum «Sicherheits-Niederrad» entwickelt. Das ab 1885 mit Tretkurbel, Luftreifen und Kettenantrieb ausgestattete Gefährt war zunächst wenigen sportbegeisterten Männern vorbehalten. Als bürgerliches Vergnügen war das Velofahren im 19. Jahrhundert ein städtisches Phänomen. In Vereinen trafen sich die Radpioniere, erhielten Unterricht im «Bicycle-Fahren» und unternahmen Ausfahrten ins nahe Umland. Als das Fahrradfahren immer beliebter wurde, forderte 1892 der ‹Radfahrer Verein Basel› in einer Petition, Velos in der gesamten Inneren Stadt, mit Ausnahme des I. Stadtbezirkes, zuzulassen. Der Regierungsrat erkannte die Zeichen der Zeit und erliess 1894 eine Radfahrverordnung.55 Aber nach wie vor war das Velofahren in einigen wenigen Strassen der Innenstadt und auf der Mittleren Brücke verboten. Theo Gubler, Lehrer und Vorkämpfer für ein «modernes schweizerisches Strassennetz», verlangte 1905 in einem Zeitschriftenartikel: «Das Fahrrad hat aufgehört, ein Luxusfuhrwerk zu sein. Darum ist die Freigabe der ganzen Stadt für den Radfahrer längst eine Forderung, mit deren Gewährung den Verkehrsinteressen einer Grossstadt nach Fug und Recht Genüge getan würde.»56 Doch erst 1912 war Velofahren in ganz Basel zugelassen.57 Die Radfahrverordnung regelte auch deren Zulassung für den Verkehr: Ab 1890 musste eine Radfahrerkarte und eine Velonummer gelöst werden.58
In diesen vom Polizeidepartement geführten Veloverzeichnissen findet man nun auch einige wenige Damen und «Fräulein». So löste beispielsweise die Hebamme Anna Maria Müller-Leimgruber 1896 eine Velonummer.59 1889 hatte die Firma Rover eine Damenversion des Sicherheits-Rades auf den Markt gebracht. Bis zur Jahrhundertwende gab es auch vermehrt radfahrende Frauen. Zu den Basler Velopionierinnen gehörten etwa die Medizinstudentin Serena Bangerter-Buser, sie soll bereits um 1890 mit dem Fahrrad unterwegs gewesen sein. Die junge Charlotte Burckhardt (später Staehelin-Burckhardt) nahm 1898 ihr Velo gar mit nach London, um dort gemeinsam mit ihrem Schwager Touren zu unternehmen.60 Die radelnden Frauen wurden in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert.61 Die Fasnachtsclique ‹Alt Amazonen-Club Basel› beispielsweise dichtete 1902:
Velofahren, ach wie zierlich
Sitzt das Mädchen auf dem Rad,
Zeigt den Männern ganz manierlich
Wie sie runde Waden hat.
Nur nicht kochen, putzen, flicken,
nur nicht häkeln, nähen, sticken,
Ach das hielte sie nicht aus,
ihr Herz, das ist ein Bienenhaus.62 Die Frauen liessen sich von den Spötteleien nicht bremsen, blieben aber in den Sportvereinen die Ausnahme. Das Verzeichnis des ‹Bicycle Club Basel› von 1895 enthält einen einzigen Hinweis auf ein weibliches Mitglied.63 In Sportlerkreisen war man der Meinung, dass Radfahren für die Frau aus gesundheitlichen Gründen durchaus sinnvoll sei, «stecken aber, wenn auch erst in zweiter Reihe, Emanzipationsgelüste, Eitelkeit oder Gefallsucht dahinter, dann soll sie […] es bleiben lassen».64
Dank Massenproduktion wurde im 20. Jahrhundert das Velo zum Alltagsfahrzeug der breiten Bevölkerung, auch der Arbeiterschaft. Sogar der ansonsten modernisierungskritische Basler Kulturhistoriker Jacob Burckhardt sah im Fahrrad Vorteile. Für das Velo spreche «das geringe Capital das in diesen Stahlrädern steckt im Vergleich mit dem Ankauf der Pferde, ungerechnet deren Bedienung, Rossdoctor, Heu und Hafer».65
Kurz vor der Jahrhundertwende löste das Automobil das Velo als neuestes Wunder der Technik ab. Die ab 1896 vereinzelt in Basel auftauchenden ‹Motorfahrzeuge› wurden kurzerhand der Radfahrverordnung unterstellt und ihre Geschwindigkeit in der Innenstadt auf sechs Stundenkilometer beschränkt. Gedacht waren die «Dampfkutschen» sowieso nicht für die Stadt, sondern für die Ausfahrt aufs Land. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Auto zu einem Massenphänomen, das die Stadt massgeblich veränderte. Als sich die Basler Motorwagenbesitzer 1899 polizeilich registrieren mussten, belief sich ihre Zahl gerade einmal auf 31, bis 1914 stieg sie auf 375. Ein Randphänomen also, ähnlich wie die ersten Velos, das Männern und vereinzelten Frauen aus der Basler Oberschicht vorbehalten war. Sie konnten sich neben dem edlen Gefährt auch einen Chauffeur leisten, da die Handhabung des Vehikels als für Laien zu kompliziert galt.66 Zu den Pionieren der Schweizer Autoproduktion gehörte der aus Bayreuth stammende und ab 1894 in Basel wohnhafte Deutsche Lorenz Popp. Der Ingenieur baute in der Basler ‹Maschinenfabrik und Eisengiesserei Aemmer› 1898 und 1899 zwei Automobile.67 Der Bau neuer Strassen und deren Unterhalt wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einer wichtigen, aufwendigen und vor allem teuren Staatsaufgabe. Die bisherige Pflästerung mit halbierten Rheinkieseln erwies sich für das neue Verkehrsaufkommen als ungeeignet. Da die halbrunden Steine sich unterschiedlich stark abnutzten, wurden die Strassen uneben und waren für Fuhrwerke und Droschken nur schwer befahrbar. Anwohnerinnen und Anwohner von stark frequentierten Strassen fühlten sich vom Lärm der über das Steinpflaster rollenden Fuhrwerke und Kutschen mit ihren eisenbeschlagenen Holzrädern gestört.74 Nach einem ersten Versuch mit Steinen aus dem Elsass begann man die Strassen in den neuen Quartieren zu makadamisieren, sie also im Schichtenprinzip mit unterschiedlich gekörntem Schotter zu belegen.75 Das Lärmproblem in der Innenstadt blieb aber bestehen. Auf eine Petition der Anwohner hin wurde 1888 in der Greifengasse ein erster Versuch mit dem akustisch dämpfenden Holzpflaster durchgeführt. Dabei verlegte man imprägnierte Holzwürfel auf einer Schicht Beton und goss die Zwischenräume mit Bitumen aus.76 Es zeigte sich schnell, dass Holzpflaster teurer und weniger belastbar war als Steinpflaster. Als 1891 der Grosse Rat die Wahl des Basler Strassenpflasters reglementieren wollte, entschied er deshalb, Holzpflaster ausschliesslich in besonders lauten Strassen verlegen zu lassen und nur, wenn sich die Hausbesitzer an den Mehrkosten beteiligten.77 Der Regierungsrat wollte mit diesem Beschluss die Diskussion beenden, doch tatsächlich nahm sie jetzt erst richtig Fahrt auf. Als 1891 die Aeschenvorstadt mit Holz gepflastert werden sollte, verweigerten die Hausbesitzer eine finanzielle Beteiligung: Aufgrund der starken Nutzung der Strasse durch den Fuhr- und Strassenbahnverkehr sei dieses Problem dem Staate anzulasten.78 Die von ihnen lancierte Volksinitiative wurde im November 1901 vom Stimmvolk angenommen, das Pflaster aus der Staatskasse finanziert.79
Neu wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Strasse auch zur Trägerin von Infrastruktur; den Anfang machten im Jahr 1852 Gasleitungen. Es folgten Abwasserkanäle, Zuleitungen für Wasser, später auch für Elektrizität und ab 1880 Telefonkabel. 1900 wurden, sehr zum Leidwesen der Bevölkerung, über 1400 Aufgrabungen bewilligt, Tendenz steigend.80
Das Warenhaus und der Marktplatz: Konsumieren in der Grossstadt
Als Julius Brann am 8. April 1905 sein neu erbautes Warenhaus am Marktplatz 1 und 3 eröffnete, hatte das Regierungs- und Geschäftszentrum der Stadt eine jahrzehntelange, politisch umstrittene Modernisierung und Vergrösserung hinter sich. Wo zuvor recht viel, teilweise günstiger Wohnraum vorhanden war, standen nun elegante Geschäftshäuser. Das Warenhaus verkörpert beispielhaft eine neue Form des Konsums in der Belle Époque. Als Gebäude einzig zu diesem Zwecke konzipiert und gebaut, wurde es zum Zeichen und unverzichtbaren Bestandteil der modernen Stadt.81 Die präsentierte Warenfülle stand für wirtschaftlichen Aufschwung; elektrisches Licht, Lift und Telefon kündeten vom technologischen Fortschritt; die inszenierten Konsumwelten vom Vergnügen, in einer Welt des vermeintlichen Überflusses zu leben. Der Basler Warenhauspionier war Sally Knopf. 1895 eröffnete er an der Freien Strasse 65 das erste Basler und wohl auch das erste Schweizer Warenhaus.82 Knopfs Familie betrieb Warenhäuser in zahlreichen Städten am Oberrhein, von Frankfurt bis Strassburg. Die Eröffnung der Basler Filiale wurde zur Initialzündung. Bereits zwei Jahre später standen am Marktplatz zwei weitere Warenhäuser: das ‹Zürcher Engros Lager› von Julius Brann und daneben, an der Eisengasse 21, das ‹Warenhaus Gebrüder Loeb›. Julius Loeb hatte das ehemalige Woll- und Merceriegeschäft, die erste Filiale des im süddeutschen Raum ansässigen Familienunternehmens Loeb, anlässlich seines 25-jährigen Bestehens zum Warenhaus mit Lift umgebaut.83 Der erst 21-jährige Kaufmann Julius Brann eröffnete mit dem Basler Geschäft bereits sein zweites Warenhaus in der Schweiz. Der Jungunternehmer aus dem preussischen Rawitsch war 1896 von Berlin nach Zürich gezogen und hatte dort im gleichen Jahr sein erstes Warenhaus eröffnet. Drei Monate später hatte er bereits einen Mietvertrag für die Liegenschaft am Marktplatz 1 unterschrieben und mit dem Aufbau der Basler Filiale begonnen.84
Loeb, Brann und Knopf, alle drei jüdische Immigranten aus Deutschland, brachten die Warenhausidee nach Basel. Wobei der Unterschied zwischen Warenhäusern und Detailhandelsgeschäften lange Zeit diffus blieb. Eine Eigenheit der Warenhäuser war die Vielfalt des Sortiments, dies zeigt der Blick in die Inserate der lokalen Zeitungen.85 Sämtliche Waren des täglichen Gebrauchs sollten bei einem Einkauf in einem Geschäft erhältlich sein, von Hosenträgern über Damenunterröcke und Suppenlöffel bis zur Schokolade. Die Idee hatte Erfolg, alle drei Warenhäuser florierten, die Ladenlokale konnten mehrmals um- und ausgebaut werden.
1902 begann Julius Brann mit der Planung eines Neubaus am Marktplatz. Bei der Eröffnung im April 1905 feierte die lokale Presse den Jugendstilbau der Architektengemeinschaft Alfred Romang und Wilhelm Bernoulli als «Wahrzeichen des modernen Handels».86 Bereits zwei Jahre später verkaufte Brann sein Geschäft an Heinrich Burkhardt-Schuppisser, einen Zürcher Bankier und Besitzer der ‹Globus-Warenhäuser›.87 Dieser liess das Geschäftshaus erneut vergrössern. Anlässlich der Wiedereröffnung 1910 stellte ein Journalist fest, «dass auch das Warenhaus in Form monumentaler Bauten Kunstwerke erzeugt, hat es nicht nur in den Weltstädten, sondern neuerdings auch in Basel bewiesen».88
Nicht alle waren ob der neuen Möglichkeiten des Konsumierens begeistert. Kritik kam von den Detailhändlern, die sich konkurrenziert fühlten, obschon Warenhäuser nur einen geringen Anteil am Detailhandelsumsatz erreichten.89 In der eidgenössischen Betriebszählung von 1905 sind in Basel lediglich fünf Warenhäuser mit 235 Beschäftigten verzeichnet, während beispielsweise der Textilbereich 320 Handelsbetriebe mit über 1500 Beschäftigten aufwies.90 Der Sekretär des kaufmännischen Vereins Basel-Stadt betonte zwei Jahre später denn auch, dass die Schweizer Warenhäuser nicht mit denjenigen in Weltstädten vergleichbar seien und «der Kleinhandel (…) nicht durch die grossen Betriebe gedrückt» werde, sondern durch ihre «eigene anormale Vermehrung». Die Grossbetriebe, zu welchen er auch den Allgemeinen Consum-Verein (ACV) zählte, hätten sicherlich ihre Berechtigung, da sie «der Allgemeinheit grosse Dienste leisten».91 Die Warenhäuser, in der Zeit auch ‹Konsumtempel› genannt, faszinierten und zogen mit fixen Preisen, freiem Eintritt ohne Kaufzwang und neuartigen Werbemethoden die Konsumentinnen und Konsumenten in Scharen an. Das Einkaufen wurde zu einem Erlebnis, das mit einem Museumsbesuch vergleichbar war. Die Kundschaft flanierte durch die grosszügigen Räume, studierte selbstständig das Angebot und informierte sich über unterschiedliche Qualitäten und Preise. Die unglaubliche Warenfülle war Teil des Warenhauserlebnisses. Auch in Basel ziehe dieses viel Publikum an, «welches zu gewissen Zeiten die mit den Verkaufsgegenständen vollgepfropften Räumlichkeiten total ausfüllt und sich in den mit Waren ebenfalls verstellten Treppen und Gängen bis in das oberste Stockwerk hinauf drängt», bemerkte die Regierung 1899 in einem Ratschlag zu feuerpolizeilichen Regelungen.92 Tiefe Preise waren anfänglich das Hauptargument für den Einkauf im Warenhaus. Der Basler Schriftsteller Hermann Kurz beschreibt in seinem Roman von 1913, wie einer seiner Protagonisten in den «Ramschbasar ‹Globus›» ging, «allwo er sich für wenig Geld die Geschenke erwarb, ebenso blitzend und glitzernd wie in den Juwelierläden […].»93 Diese sogenannten Schleuderpreise erreichte man freilich nicht nur durch geschickten En-gros-Einkauf, sondern auch durch die tiefen Löhne der meist weiblichen Angestellten.94
Damit das Einkaufserlebnis für das Publikum interessant und neu blieb, wurde es regelmässig neu gestaltet und Sortiment sowie Dekoration den jahreszeitlichen Anlässen angepasst. An Weihnachten verkaufte das Warenhaus Loeb etwa Spezialitäten wie Orangen, Mandarinen, Anisbrötli, Likörringe und Bienenhonig. Zur Fasnacht gab es in der «Grossen Carneval-Ausstellung in der II. Etage Masken-Artikel grösster Auswahl, Waggis-Blusen und Clown-Perücken».95
Loeb und Brann gehörten zu den ersten Abnehmern von Elektrizität in Basel, und professionelle Dekorateure verwandelten die elektrisch beleuchteten Schaufenster in vielbestaunte Traumwelten. Auch Kinder wurden mit auf sie zugeschnittenen Verlockungen als Kunden angesprochen: «Alle Kinder in Begleitung Erwachsener erhalten ein schönes Bilderbuch oder eine Düte Bonbons gratis», hiess es beispielsweise zu Weihnachten in grossformatigen Zeitungsinseraten.96 Mit solchen und anderen Werbemassnahmen versuchte man, die Distanz zwischen Kundschaft und Produzenten zu überwinden. Dies war ein neues Phänomen der Konsumgesellschaft und der Massenproduktion. Die Werbung steht am Anfang eines professionalisierten Basler Grafikgewerbes, das seit der Jahrhundertwende, insbesondere im Bereich der Plakatgestaltung, einen internationalen Ruf erlangte. Mit ihren prachtvoll inszenierten Verkaufsschauen wurde das Warenhaus auch zu einem Ort der Kulturvermittlung. Im Schaufenster des Warenhauses Brann konnte man etwa sehen, wie Weihnachten zu feiern sei, was man zu Ostern essen und welche Kostüme man zur Fasnacht tragen sollte. Sogar die Einführung der farbigen Confetti an der Fasnacht, der kleinen, bunten Papierschnipsel, welche die bis anhin genutzten gröberen Räppli aus Karton ersetzten, geht nach dem Basler Volkskundler Eduard Hoffmann-Krayer auf das Warenhaus zurück: «Im Jahr 1892 oder 1893 hatte das Warenhaus Knopf in Basel die Confetti aus Paris eingeführt. Als sie am ersten Tag nicht gekauft wurden, liess Knopf sie durch seine Ladenmädchen auswerfen. Am zweiten Tag fanden sie reissenden Absatz […]».97 Neben den modernen Warenhäusern machte vor allem der Wochenmarkt den Marktplatz zum Basler Geschäftszentrum. Hier versorgte sich die gesamte Stadtbevölkerung mit frischem Obst und Gemüse von Produzentinnen mit Gärten im Klybeck oder der Lehenmatte und Gemüsegärtnerinnen und -gärtnern aus dem Elsass, Badischen und Baselbiet. Das auf kleine Verkaufsmengen und kurze Anlieferungswege ausgelegte Versorgungssystem stiess indes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an seine Grenzen. Die Nachfrage nach Obst und Gemüse stieg proportional zur Wohnbevölkerung, sodass die regionale Produktion bald nicht mehr ausreichte. Immer mehr Händlerinnen verkauften importiertes Obst und Gemüse auf dem Markt. Im Spätsommer war der Marktplatz zudem mit teilweise mehr als sechshundert Verkäuferinnen überfüllt.98
Zu einer Verschärfung der Situation hatte die Einführung der Gewerbefreiheit beigetragen, die den ‹Fürkauf› wieder erlaubte, also den Aufkauf von Ware zum Wiederverkauf. Diese Praxis führte während Jahren zu Konflikten unter den Marktfrauen. Der Regierungsrat versuchte mehrmals, die Situation mittels einer Revision der Marktordnung zu entschärfen, doch sämtliche Massnahmen scheiterten: die zeitliche Beschränkung des Fürkaufs, die Schaffung weiterer Märkte in den Quartieren und speziell die Einführung eines eigenen Marktes für Wiederverkäuferinnen auf dem Barfüsserplatz.99 Letzteres beklagten die Marktfrauen auf dem Barfüsserplatz als unhaltbar: «Dieser Zustand schadet uns sehr, denn der grösste Teil der Stadt macht seine Einkäufe zuerst auf dem Marktplatz, weil ihm der Barfüsserplatz zu abgelegen ist.»100
Erst anlässlich der Ausarbeitung der neuen Marktordnung 1909 konstatierte der radikaldemokratische Vorsteher des Polizeidepartements Heinrich David, dass es keine staatlichen Regulierungen für den Obst- und Gemüsemarkt mehr brauche: «Die Vermehrung der Bezugsgebiete und die Verbesserung der Transportmittel, schliesslich auch die Ausbildung des Genossenschaftswesens werden für die Ordnung der Marktverhältnisse zurzeit besser sorgen, als es polizeiliche Gebote im Stande sind.»101 Bei der Sicherung der Lebensmittelversorgung würde also der Markt sich selbst regulieren und sich dank neuer Vertriebsnetze und wirtschaftlicher Organisationsformen weiterentwickeln. Tatsächlich nahm die 1906 eröffnete Centralhallen AG am Barfüsserplatz die Idee des Shoppingzentrums mit verschiedenen selbstständigen Geschäften unter einem Dach vorweg. Dort verkauften sieben Firmen mit je eigenem Bedienungsstand Frischwaren, etwa die Metzgerei Samuel Bell Söhne, der Gemüsehändler Ernst Dreyfus oder die Käsefirma Oesterlin & Cie. Die mittlerweile in der ganzen Stadt verbreiteten Filialen des ACV hingegen spielten beim Verkauf von frischem Obst und Gemüse noch keine Rolle.102 Der Marktplatz genügte der sich ausdehnenden Stadt, der wachsenden Zahl von Konsumentinnen und Händlerinnen, den neuen Anforderungen des Verkehrs und vielem anderen nach 1874 nicht mehr. Sollte nun der Markt vergrössert werden? Oder eignete sich der Platz gar für den Bau einer Markthalle? 1889 beschlossen die Basler Stimmbürger zunächst die Vergrösserung und 1891 die Freihaltung des Platzes.103 Im Zuge dieser baulichen Veränderungen, die rund zwanzig Jahre dauerten, entwickelte sich die Gegend um den Marktplatz vom Wohn- und Handwerkerquartier zum Geschäftszentrum. Parallel zur Entstehung neuer Aussenquartiere wurde die alte Innenstadt neu gebaut. Ziel war eine hygienische, vor allem aber eine «Schöne Stadt Basel».104 Der Schutz der Altstadt war denn auch von Anfang an die Sorge der 1905 gegründeten Sektion Basel der Schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz.105
Das untere Kleinbasel – von vielen belebt und gestaltet
1881 erhielt der Bauunternehmer und Spekulant Gregor Stächelin die Genehmigung, im unteren Kleinbasel eine Strasse zu bauen. Damit konnte er die Planung von Mehrfamilienhäusern und den Ausbau seines Werkhofs an die Hand nehmen. Die Markgräflerstrasse, wie sie genannt wurde, war nur eine von vielen neuen städtischen Strassen. Insbesondere das untere Kleinbasel wuchs von einer lose bebauten Gegend mit Landgütern, grossen Gärten und einigen Industriebetrieben zu einem dicht bewohnten und vielfältig genutzten Stadtteil. Gestaltet wurden die neuen ‹Wohnviertel›, wie sie um 1910 genannt wurden, ‹das Matthäus› oder ‹das Klybeck› zum Beispiel, nicht nur durch staatliche Projekte wie Schulhäuser, eine Kirche oder einen Friedhof, sondern auch durch das Engagement von Frauen und Männern, Vereinen und Unternehmern. Der landwirtschaftlich genutzte Boden dem Rhein entlang und um die ehemaligen Landsitze hingegen verschwand. In Kleinbasel war wie in Grossbasel der alte Stadtkern nach dem Abbruch der Mauern zu einem Geschäftszentrum geworden. Wer Modewaren oder Accessoires wie Kunstblumen kaufen wollte, wurde bis in die 1880er-Jahre in den Verkehrsachsen Greifengasse und Clarastrasse fündig.111 Wer einen Fotografen suchte, hatte 1885 an der Clarastrasse gar die Wahl zwischen zwei Geschäften. Banken eröffneten hier ihre ersten Filialen: die Handwerker-Bank Ende 1894, der Schweizerische Bankverein um 1907.112 Mit dem Wachstum Kleinbasels und durch den Konkurrenzdruck im Zentrum entstanden um 1890 weitere Einkaufsstrassen ausserhalb des alten Stadtkerns, im unteren Kleinbasel etwa die Feldbergstrasse.113 Bis 1888 hatte sie vom Erasmusplatz lediglich bis zur Klybeckstrasse gereicht. Ihre Fortsetzung Richtung Norden wurde erst mit der Anlage des Horburg-Gottesackers an die Hand genommen, denn dieser machte in den Augen des evangelisch-reformierten Kirchenvorstandes den Neubau einer Kirche – der Matthäuskirche – für das untere Kleinbasel unumgänglich. Beerdigungen drohten sonst zu «höchst ermüdenden und zeitraubenden Wanderungen» zu werden.114 Mit der Fertigstellung von Kirche (1896) und Feldbergstrasse erhielt das neue Wohnviertel Matthäus ein eigenes Zentrum.115 Aus den ehemals zwei Kleinbasler Quartieren waren bis 1912 insgesamt acht sogenannte ‹Wohnviertel› geworden. Gerade das ehemalige ‹Bläsiquartier› war enorm gewachsen und umfasste, nebst dem zum Wohnviertel gewordenen Dorf Kleinhüningen, nun ‹Klybeck›, ‹Matthäus› und ‹Rosenthal› (sic!). Kleinhüningen war zuvor schon in den Strudel der Verstädterung geraten. 1893 hatte die Stadt dessen Gemeindegeschäfte übernommen, 1907/08 war schliesslich die Eingemeindung erfolgt (vgl. auch die Grafik auf S. 294).116
Im Zentrum des Kleinbasel war das Nebeneinander von Fabrikbetrieben, Geschäften und Wohnen schwierig geworden. Bereits Mitte der 1860er-Jahre hatten sich emissionsreiche Betriebe an den Stadträndern niedergelassen. Der Zug der Industrie Richtung Peripherie findet sich in den meisten Städten, denn Fabriken als architektonisches Element liessen sich kaum ins dichte Gefüge einpassen.117 Alexander Clavel-Oswald etwa fand für seine Farbfabrik im Klybeck neben einem anderen Teerfarbenhersteller am Rheinufer Platz. Ganz in der Nähe befand sich die Guano-Fabrik, die sich auf Herstellung von Kunstdünger spezialisiert hatte.118 Weitere Grossbetriebe folgten, so etwa die Aktienmühle. Der gigantische Neubau – mit Gleisanschluss – erinnert an ein neobarockes Schloss.119
Ganz in der Nähe bewohnte der ehemalige Landwirt und Gutsbesitzer Carl Abt-Wenk mit seiner Frau das Klybeckschlösschen. Zu seinem Besitz gehörte auch die vorgelagerte Klybeckinsel, eines von vielen grosszügigen Landgütern zwischen Kaserne und Kleinhüningen. Doch die schönen Wohnlagen ausserhalb der Stadt wurden durch die Industrie zunehmend verdrängt. Die Industriellen vertrieben sich gewissermassen selber und zogen stattdessen in das elegante neue ‹Alban-Viertel›.120 An die Stelle ihrer Landsitze traten zu Ende des Jahrhunderts mehrstöckige Blockrandbebauungen, die sogenannten ‹Mietskasernen›. Mit diesem Begriff bezeichnete ein Statistiker die in seinen Augen armseligste Form städtischen Wohnens, stellte er die Mietskaserne doch als äusserstes Extrem dem prunkvollen Landhaus gegenüber.121 Im Matthäusquartier etwa gruppierten sich zwanzig bis fünfunddreissig Reihenhäuser um einen Freiraum, in dem sich nebst Waschhaus, Stallungen und kleineren Werkstätten bis zum Ende des Ersten Weltkriegs meist auch Gärten befanden.122 Während die mächtige Blockrandbebauung zur Strasse hin städtisch wirkte, haftete dem Leben in den Hinterhöfen mit Gemüsegärten und Kleintierhaltung etwas Ländliches an. Für die Planung einer Strasse oder einer Anlage wie den Horburg-Gottesacker musste die Regierung mit privaten Landeigentümern handelseinig werden. Wie hoch durfte zum Beispiel die Entschädigung für den Wegfall einer grossen Scheune sein? Gegen Ende des Jahrhunderts mehrten sich Enteignungsverfahren, denn die Landeigentümer wehrten sich oft gegen den Verkauf. Meist schien ihnen der gebotene Preis zu niedrig.
Die Kosten für die Erstellung wichtiger Strassen mitsamt der Anlage von Dohlen für das Abwasser und später auch der Kanalisation trug die Regierung. Anders lag der Fall beim Bau von Quartierstrassen im Erweiterungsgebiet der Stadt, wo die Kosten meist von den ‹Spekulanten› getragen wurden, die das Bauland erworben hatten. So entstanden unter Aufsicht des Kantons mit privaten Mitteln neue Quartiere: eine Lösung, für welche Basel von anderen Städten bewundert wurde.131 Für die Erschliessung eines neu erworbenen Areals an der Horburgstrasse etwa legte der Bauunternehmer Gregor Stächelin 1880 mit der Markgräflerstrasse einen neuen Zugang an. Als mittelloser Maurergeselle vom badischen Istein Anfang der 1870er Jahre nach Basel gekommen, gelang Stächelin hier ein steiler Aufstieg.132 Mit seinen Bau- und Immobiliengeschäften wurde er zum Millionär, zügelte von Klein- nach Grossbasel und liess sich zunächst für den Freisinn, später für die Katholische Volkspartei und ab 1918 für die Bürger- und Gewerbepartei in den Grossen Rat wählen. Im sozialkritischen Roman ‹Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn› beschreibt ihn Hermann Kurz zynisch-bissig als Treiber und Schlüsselfigur des Wandels.133 Dieser sieht bereits bei seiner ersten Wanderung von Kleinhüningen in die Stadt hinein in den «Wiesen und Äckern abgesteckte Linien, schnurgerade, und Makadamstrassen, Häuserblock an Block und ein ganzes Quartier Häuser, Häuser, Häuser – – ein Meer, eine Stadt! Und Fabriken baute des Gregori Geist, aus Beton, Stein und Eisen und Sand, billig, luftig, gross, gesund. Menschen liefen durch die Strassen, arbeiteten – die Seele des Gregori jubelte.»134
Ganz so geordnet und sauber dehnte sich die Stadt allerdings nicht aus. In der Nähe der Fabriken war sie trostlos und armselig. Für die Kinder, die im unteren Kleinbasel in rundum prekären Verhältnissen aufwuchsen, war kaum Platz vorhanden: «Keine Parkanlagen, keine prächtigen Schaufenster, keine Herrschaftshäuser beleben dies qualvolle Einerlei, wohl aber einige unbebaute Plätze und viele Fabrikschlote», notierte etwa ein Lehrer um 1918.135 Gegen Ende der 1860er-Jahre engagierten sich deshalb vermehrt gemeinnützig orientierte Frauen und Männer aus dem Basler Bürgertum für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter und Arbeiterinnen im unteren Kleinbasel. Zusammen mit den sich neu formierenden staatlichen Institutionen waren sie wichtige Träger der Armenpolitik.136 Das Ehepaar Ehinger-Sarasin zum Beispiel gründete früh die erste Kinderkrippe, die 1890 in das von der GGG errichtete ‹Bläsistift› zog. Hier liessen Arbeiterinnen, deren Lohn für die Familie unentbehrlich war, ihre Kleinkinder werktags von Diakonissen und ihren Helferinnen betreuen.137 Andere, wie etwa die Mitglieder des ‹Frauenvereins zur Hebung der Sittlichkeit› oder der GGG, richteten im Quartier Bibliotheken, alkoholfreie Speiseanstalten und Cafés ein.138
Zu einer prägenden Kraft avancierte der 1865 gegründete Allgemeine Consum-Verein Basel (ACV). Er war der genossenschaftlichen Selbsthilfe verpflichtet. Als 1895 an der Müllheimerstrasse 143 im äusseren Bläsiquartier (später ‹Matthäus›) eine Filiale eröffnet wurde, betrieb die Einkaufsgenossenschaft bereits 32 Läden mit Waren des täglichen Gebrauchs sowie ein Schuhgeschäft. Bis 1914 erhöhte sich die Zahl der ACV-Geschäfte – mit Birsfelden und Riehen – auf 83, zusätzlich führte die Genossenschaft 26 Läden für Fleisch- und Wurstwaren, in sechs weiteren Lokalen wurden Schuhe verkauft und repariert. Die meisten Läden befanden sich in den Aussenquartieren der Mittel- und der Unterschicht. Der ACV eröffnete jungen Frauen im Verkauf neue Berufsfelder. Von den beiden Verkäuferinnen an der Müllheimerstrasse sind allerdings nicht viel mehr als die Namen bekannt: «Jungfrau Jos. Müller» und «Jungfrau M. Keller».139
Das ausgehende 19. Jahrhundert gilt als ‹goldenes Zeitalter der Vereine›. Schätzungen zufolge entfielen in der Schweiz um 1900 auf tausend Einwohnerinnen und Einwohner zehn Vereine.140 Diese wurden auch für die Ausgestaltung des Quartierlebens zu wichtigen Akteuren. Zu ihnen zählen politisch motivierte Zusammenschlüsse wie der sozialdemokratische Quartierverein Horburg-Kleinhüningen, der sich für die Eröffnung einer Postfiliale einsetzte oder die Neuansiedlung einer Apotheke im Quartier anzuregen versuchte.141 Als gesellschaftlich integrierende Kraft im unteren Kleinbasel wiederum galten Sportvereine wie der Turnverein Horburg (Gründungsjahr 1897), in dem ab 1913 nicht nur Männer, sondern auch Kinder und Jugendliche trainierten. Ihre jährlich durchgeführten Feste mit Tanz, Gesang und Theater im Restaurant Greifenbräu Horburg trugen zum Zusammenhalt innerhalb des Quartiers bei. Bevor der Verein 1908 einen Turnplatz in den Langen Erlen erhielt, fanden die Trainings auf einem Platz neben dem neuen Horburg-Gottesacker statt, inmitten einiger verbliebener Äcker, deren Betreten den Turnern strengstens verboten war.142 Dass sich in den neuen Stadtteilen «die Stände […] viel schärfer scheiden» als in den alten, bemerkte der Statistiker Karl Bücher schon 1891 in seiner Wohnungs-Enquête. Er führte die Differenzen auf die unterschiedliche Planung der Quartiere zurück.143 So war zum Beispiel das neue Villenviertel ‹Alban› im Osten der Stadt explizit für die wohlhabende Einwohnerschaft der Stadt vorgesehen. Möglich wurde die zunehmende räumliche Trennung nach sozialen Schichten durch die ebenfalls zunehmende Trennung von Wohnen und Arbeiten. Aufgrund des Ausbaus der Verkehrsinfrastruktur konnten beispielsweise Industrielle neu in grösserer Distanz zu ihrem Unternehmen wohnen.144
Im Kommentar zur Volkszählung von 1910 wurde die soziale Segregation nicht nur bestätigt, sondern von den Beamten sogar gesucht, indem sie die Quartiere nach wirtschaftlichen und sozialen Kriterien charakterisierten und damit neue Grenzen schufen.145 Beispielsweise lösten sie «das Arbeiterviertel ‹Breite›» aus dem als «unnatürlich» empfundenen Zusammengehen mit dem Villenviertel ‹Alban›, im Kleinbasel galten das ‹Zentrum› und das vorstädtische ‹Clara› als Geschäftsviertel, ‹Grenzach› als Viertel des Mittelstandes. Das ‹Rosenthal› (sic!) erschien aufgrund der Grossbaustelle für den neuen Badischen Bahnhof noch unfertig und daher nur schwer zu fassen. Als ‹Arbeiterviertel› galt das ‹Matthäus›, wobei es mit den Einfamilienhäusern auch Wohnlagen für den Mittelstand aufwies. «Mit steigender Entfernung vom Rheinufer nimmt die Zahl der Räume pro Wohnung ab» und die Wohndichte zu.146 Das ‹Klybeck› hingegen erhielt das Etikett ‹Industrieviertel›, weil Platz für Neubauten vorhanden war und der «Typus der Mietskaserne» vorherrschte. ‹Kleinhüningen›, das noch dörflich geprägt war, wurde ebenfalls den Arbeitervierteln zugerechnet.147 Diese Charakterisierungen waren folgenreich: Sie schlugen sich in den späteren Bauzonen nieder und legten so zum Beispiel fest, dass in einem Wohnviertel wie dem Klybeck nicht die gleichen «Ansprüche an Stille und landschaftliche Schönheit» gestellt werden konnten.148
Ein Stadtwald für alle – die Langen Erlen
Im Nordwesten Basels an der Grenze zu Deutschland, zwischen Riehen und Kleinhüningen, liegen die Langen Erlen, das einzige zusammenhängende Waldstück auf städtischem Boden. Sie bilden die Überreste eines ausgedehnten und bis ins 19. Jahrhundert land- und forstwirtschaftlich stark genutzten Waldes. Durch die Langen Erlen fliesst die Wiese, die bis zu ihrer Begradigung 1836 zwischen Riehen und Basel eine ausgeprägte Auenlandschaft entstehen liess. Nach der Kantonstrennung 1833 wurden die Basler Waldungen den Bürgergemeinden zugewiesen, die rund 79 Hektar grossen Langen Erlen, etwas mehr als drei Prozent des Stadtgebiets, fielen der Stadt zu.149 In der Folge wurden sie zu einem Waldpark umgestaltet, der sich in kürzester Zeit zu einem beliebten Naherholungsgebiet entwickelte.150 Die Basler Wälder unterstanden seit 1882 der Stadtgärtnerei. Die für die Bewirtschaftung verantwortlichen kantonalen Forstbeamten achteten auf eine gestufte Altersstruktur der Bäume, liessen das meiste Holz liegen, insbesondere Totholz, und forsteten regelmässig auf.151 Holz hatte im ausgehenden 19. Jahrhundert grosse wirtschaftliche Bedeutung, nahm doch der Brenn- und Bauholzverbrauch stetig zu. In Basel musste es aus dem Baselbiet, dem Jura oder dem Schwarzwald importiert und über Birs, Wiese und Hochrhein in die Stadt geflösst werden. Der immense Holzhunger der industrialisierten Städte und der Ausbau der Eisenbahn – Eisenbahnschwellen sind aus Eichenholz – bedeuteten für den Wald nichts Gutes. So wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwa gleichviel Primärwald zerstört wie in den hundertfünfzig Jahren zuvor. Gleichzeitig fand in forstwirtschaftlichen Kreisen ein Umdenken hin zur geregelten Forstwirtschaft statt. Das Hauptanliegen dieser internationalen Bewegung war eine nachhaltige Waldnutzung.152 In der Schweiz führte dies zum eidgenössischen Forstpolizeigesetz von 1876.153 Es galt auch für die baselstädtischen Waldungen und damit für die Langen Erlen.154 Das Engagement der Naturforscher Fritz und Paul Sarasin für die Gründung eines Nationalparks im Engadin ist in diesem Kontext zu sehen, denn auf ihren Forschungsreisen im indonesischen Celebes, heute Sulawesi, hatten die zwei Basler Einblick in die niederländische Forstpolitik erhalten. Nach Jahren der Abholzung waren dort die Wälder wieder aufgeforstet und unter Schutz gestellt worden.155 Paul Sarasin wollte nun auch die alpinen Landschaften der Schweiz wieder herstellen und vor menschlichen Eingriffen schützen – die Nationalparkidee war geboren.156 So sind sehr verschiedene Orte wie der Basler Stadtwald, der schweizerische Nationalpark in Graubünden und die Wälder in Indonesien durch die Idee der nachhaltigen Forstwirtschaft miteinander verbunden.
Wichtig war der Schutz des Waldes auch im Kontext der Nutzung der Langen Erlen für die baselstädtische Wasserversorgung. Diese kam durch die Herausforderung des raschen Bevölkerungswachstums Ende des 19. Jahrhunderts an ihre Grenzen. Während der Wasserverbrauch 1860 pro Kopf noch rund sieben Liter betrug – die Baslerinnen und Basler bezogen das Nass ausschliesslich an Brunnen –, wurde der Wasserhahn in den 1870er-Jahren zum Gradmesser der Zivilisation: Bereits 1874 hatten über fünfzig Prozent aller Basler Haushalte einen Wasseranschluss in der Küche.157 Insbesondere im Kleinbasel nahm die Nachfrage nach sauberem Wasser stetig zu, sodass die bisherige Versorgung mit Grellinger Wasser nicht mehr ausreichte.158 Auf Anregung des Anatomieprofessors Karl Johann Rütimeyer wurde in den Langen Erlen ein Grundwasserpumpwerk gebaut und 1882 eingeweiht. Vier Jahre später musste es bereits um einen weiteren Brunnen vergrössert werden.159 Neben dem Anstieg der Bevölkerung machte insbesondere auch der fortschreitende Ausbau der Kanalisation diesen Schritt notwendig.160 Der gut gepflegte Wald war wichtig als Schutz für das Grundwasser. Rund um die Pumpwerke entstanden deshalb Grundwasserschutzzonen, die der wirtschaftlichen Nutzung und der Bebauung entzogen waren. Diese Zonen mussten im Verlauf der Jahre parallel zum Verbrauchsanstieg laufend vergrössert werden. Bis 1910 war der Wasserbedarf so gross, dass bewaldete Versickerungsflächen zur künstlichen Anreicherung des Grundwassers angelegt werden mussten.161 Sei es für das «Grümpel-Rennen» des Radfahrverbands, eine Kutschenfahrt oder einen Spaziergang mit dem Verlobten: die Langen Erlen boten den geeigneten Platz.162 Es gab eine Sommerwirtschaft, wo sonntags zum Tanz aufgespielt wurde, und auf der ‹Spielmatte› führten die Kleinbasler Vereine regelmässig Waldfeste durch.163 Hier störte man keine ruheliebenden Nachbarn.164
Bereits 1870 hatten wohlhabende Basler Bürger versucht, auf der linken Seite der Wiese «einige Thiere (…) zu verpflanzen».165 Wenige Monate später jedoch waren ein Schwan und einige weitere Vögel von unbekannter Hand getötet worden. Um die restlichen Tiere zu erhalten, gründete Albert Lotz-Holzach, Besitzer einer Seidenfärberei und Mitglied des Kleinen Rates, 1871 den Erlen-Verein und eröffnete 1871 in den Langen Erlen, im «Lieblingsausflugspunkt für […] Familien», den ersten Basler Tierpark.166 Trotz weiter Entfernung von der Stadt sei die Lage wegen dem grossen «Wald- und Wassercomplex» ideal. Die Initianten wollten «die Thiere in ihrer Freiheit» zeigen, um dem «populärwissenschaftlichen und unterhaltenden Zweck» zu genügen.167 Der Tierpark mit seinen weissen und schwarzen Schwänen, Edelhirschen, verschiedenen Gänsen, Enten, Affen, Wapitihirschen, Flamingos, Lamas und Antilopen, Steinböcken, Pfauen und Fasanen war eine weitere Attraktion, um die Langen Erlen zum stadtnahen Ausflugsziel zu entwickeln. Der Wald war aber nicht nur zum Feiern und Staunen da, er sollte sich auch positiv auf die Gesundheit auswirken. «Wie mannigfach sind die Schädigungen, welche das städtische Leben mit sich bringt», klagte der Basler Arzt Robert Vogel zur Jahrhundertwende. Als kostengünstige «moderne Krankenversorgung» schlug er eine «Walderholungsstätte» vor, wo die «Geschwächten und Erholungsbedürftigen […] durch den Umgang mit der Natur von den Schäden des Kulturlebens befreit werden […]»174 Solche hatten sich in Grossstädten Deutschlands, Österreichs und der Vereinigten Staaten von Amerika etabliert. Auf Empfehlung des Basler Stadtgärtners, der verhindern wollte, dass «Eltern und Kinder aus den dicht bevölkerten Industriequartieren Kleinbasels» durch die Anwesenheit der Lungenkranken vom Besuch der Langen Erlen abgehalten wurden, erhielt die Walderholungsstätte, die erste der Schweiz, ein Areal im leicht vorgelagerten Egliseeholz.175 Nachdem sie 1912 ihren Betrieb aufgenommen hatte, konnten bereits im ersten Jahr über hundert Patientinnen betreut werden.176 Die meisten stammten aus ärmlichen Verhältnissen und wurden von der Poliklinik oder der Tuberkulose-Fürsorgestelle zugewiesen. Die Kosten von 1,20 Franken pro Tag übernahm die Poliklinik und ab 1914 die Öffentliche Krankenkasse. Viele Patientinnen kehrten nach dem vierwöchigen Kuraufenthalt wieder in den Arbeitsalltag zurück. Für die öffentliche Hand war die Walderholungsstätte als wirkungsvolles und kostengünstiges Angebot ein voller Erfolg.177 Und auch die Patientinnen und Patienten profitierten, nicht zuletzt von den regelmässigen Mahlzeiten. Da erstaunt es nicht, dass der Bedarf nach einem Aufenthalt in der Walderholungsstätte während des Ersten Weltkriegs und der damals herrschenden Lebensmittelknappheit besonders gross war.
Weniger erfolgreich war das Projekt einer Waldschule für kranke und schwächliche Kinder. Die Initianten aus den Reihen der Pestalozzi-Gesellschaft waren überzeugt, dass «frische Luft in Verbindung mit einer rationellen Ernährung am besten geeignet seien, erholungsbedürftige Schüler wieder leistungsfähig zu machen».178 In einer Umfrage nannten die Lehrerinnen und Lehrer der Primar-und Sekundarschulen rund vierhundert Kinder, zwei Drittel davon Mädchen, die aufgrund ihres Gesundheitszustandes von der Waldschule profitieren würden.179 Doch das Projekt hatte auch Gegner: Regierungsrat Richard Zutt war der Meinung, dass die Luftverhältnisse in den Langen Erlen wegen des Rauchs der nahe gelegenen chemischen Fabriken und der ‹Cichorienfabrik› nicht optimal seien. Und Albrecht Burckhardt, Professor für Hygiene an der Universität Basel, befürchtete gar, die Waldschule könnte die Ausflügler abschrecken, denn der Anblick von so vielen leidenden Kindern sei «nicht eben erfreulich».180 Es waren letztlich wohl finanzielle Überlegungen, die gegen die Waldschule den Ausschlag gaben. Ähnliche Einrichtungen in Deutschland mussten wegen der «unverhältnissmässig hohen Betriebskosten» schliessen.181 Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte die Pläne endgültig zunichte.
Allerdings erfuhr das Gesundheitsangebot in den Langen Erlen 1911 mit dem Bau des Volksbads Egliseeholz eine wichtige Ergänzung.182 Dieses trug zur hygienischen Grundversorgung der Bewohnerinnen und Bewohner der Quartiere rechts des Rheins bei, war zugleich Sportstätte und mit seinem Sonnenbad lebensreformerische Kuranstalt. Man habe am Beispiel des Sonnenbades auf dem Binninger Margarethenhügel gesehen, dass solche Einrichtungen beliebt seien, auch sei es sehr kostengünstig, schrieb der Regierungsrat in seiner Begründung 1907.183 Das Binninger Sonnenbad war 1903 vom Naturheilverein Basel eröffnet worden. Es war Teil der internationalen Lebensreformbewegung, die mit neuen Ernährungsformen wie dem Vegetarismus, selbst entwickelten Heilverfahren sowie der Freikörperkultur eine Erneuerung der Lebensführung anstrebte.184 In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Langen Erlen an ihrem Südende ein letztes Mal verkleinert, obwohl ihr Nutzen als Naturraum unbestritten war. Grund war der Ausbau der Badischen Bahn. Die Verlegung des Bahnhofs und der Ausbau der Badischen Bahn auf Basler Boden hatten sich schon seit Längerem angekündigt. Die Gleise führten mittlerweile durch dicht bebautes Wohngebiet und schlossen die Stadt ab, was die weitere Bautätigkeit behinderte. Zudem wollte die Badische Bahn ihre Kapazitäten vergrössern und den Basler Rangierbahnhof mit der benachbarten Leopoldshöhe auf deutschem Boden verbinden. 1907 musste der Tierpark in den Erlenpark hineinversetzt werden, da die Schienen und der Güterbahnhof Land beanspruchten. Nach der Verlegung des Personenbahnhofs wurde diese Verbindung 1909 mittels einer um den Tierpark herumführenden Gleisschlaufe beschlossen. Trotz heftiger Proteste der Basler Stadtbewohnerinnen-und -bewohner gegen den hohen Bahndamm räumte die Regierung dem Ausbau der Bahn höhere Priorität ein als dem Erholungsbedürfnis der Basler Bevölkerung. 1913 wurde der neue Badische Bahnhof an der Schwarzwaldallee eröffnet. Nur ein Jahr später wurde er jedoch bereits wieder geschlossen; in Europa war der Erste Weltkrieg ausgebrochen.