Konservative Kontinuitäten: Das Patriziat zwischen Bewahren und Erneuern

Urs Hafner

In: Die beschleunigte Stadt. 1856 – 1914 | S. 164-209 | DOI: 10.21255/sgb-06.04-716861 | Lizenz: CC BY-NC 4.0

Das alte Grossbürgertum hielt sich in keiner Schweizer Stadt mit Ausnahme Berns so lange an der Macht wie in der Stadtrepublik Basel. Die Patrizierfamilien gewannen ihren Reichtum vor allem mit Seidenbandindustrie und Handel. Dank der Kantonstrennung von 1833 konnten sie ihre politischen Vorrechte bis 1875 bewahren, als der Freisinn das ‹Ratsherrenregiment› beseitigte und eine demokratische Verfassung einführte. Umso mehr entfaltete das Patriziat nun seinen kulturellen und philanthropischen Einfluss. Indem es sich bürgerlichen Aufsteigern öffnete, gelang es ihm, Basel wirtschaftlich und kulturell weiterhin an der Spitze zu halten. Der sogenannte Daig bildete eine so reaktionäre wie avantgardistische Spielart des Konservatismus aus, der vom Pietismus durchtränkt war. Dieses Biotop liess vielen Grossbürgern und Grossbürgerinnen, darunter auch einigen intellektuellen Querköpfen, ungeahnte Freiräume. Die Lebenswelten des Grossbürgertums und sein Interesse an Religion, Wissenschaft und Kunst prägten zwischen 1850 und dem Ersten Weltkrieg die Sozialgeschichte der Stadt stärker als vorher und nachher. Die Kultur des Patriziats war allgegenwärtig, sogar in den Almosen für die Armen.

Anatomie einer Klasse

Der Winter 1868/69 brachte der Stadt Basel ungewohnte Auseinandersetzungen. Plötzlich streikten die Arbeiter und Arbeiterinnen. Ausgerechnet in der Seidenbandindustrie, die traditionell in der Hand des Altbasler Grossbürgertums lag, formierte sich die Bewegung. In der Bandfabrik Johann De Bary & Söhne sprach ein Arbeiterführer beim Fabrikanten vor, der schlicht perplex war: «Die Sprache u. der Ton […] war von verletzendster Art, u. bis jetzt unerhört in unserer Fabrik», notierte August De Bary.1 Die Streikenden verlangten die Begrenzung der Arbeitszeit und das Verbot der regelmässigen Nachtarbeit. Die florierende Handelsstadt Basel kannte keine Regelung der Arbeitsverhältnisse. Im Grossen Rat war zwar über eine obligatorische Krankenversicherung debattiert worden, doch passiert war nichts.2 Bislang war die Stadt mit der freiwilligen Fürsorge von oben gut gefahren, jedenfalls in den Augen der Grossbürger. Die Streiks aber beunruhigten sie. Also luden Ratsherr Adolf Christ-Sarasin, Unternehmer Karl Sarasin-Vischer(-Sauvain) und Pfarrer Ernst Staehelin-Hagenbach 1869 zur ‹Konferenz zur sozialen Frage› ins Christliche Vereinshaus am Nadelberg. Das Treffen bildete den Gegenpol zur Versammlung der Internationalen Arbeiterassoziation, die in der Stadt im selben Jahr zusammenkam.

Die drei Altbasler sahen die Lösung der Krise im christlichen Glauben und in der Eigenverantwortung der Arbeiter. Sie waren je in ihrer Domäne tonangebend: Christ im Politischen (und daneben im Religiösen und Ökonomischen), Sarasin im Ökonomischen (und auch im Politischen und Religiösen), Staehelin im Kirchlichen.3 Zudem waren sie alle ‹Patrizier› oder ‹Aristokraten›, wie die Zeitgenossen sagten, also Angehörige und Abkömmlinge der tonangebenden Klasse der alteingesessenen Bürgergeschlechter, welche die Stadtrepublik seit der Reformation politisch, ökonomisch und kulturell prägten. Die Männer und Frauen dieser Klasse schrieben sich mit Doppelnamen, also mit dem Namen der angeheirateten Person. Dies erleichterte den Bürgerinnen und Bürgern nicht nur die gegenseitige genealogische Identifizierung, sondern auch, sich voneinander zu distinguieren, denn innerhalb ihrer Grossgruppe bestand wiederum ein hierarchisches Gefälle. Wer Burckhardt-Burckhardt hiess, stand symbolisch am höchsten, wer sich mit einer Familie mit weniger Prestige verbunden hatte, vielleicht sogar mit zugezogenen Neureichen, wurde tiefer platziert. Die Burckhardt: Zwischen 1653 und 1914 sassen nicht weniger als zweiundvierzig ihrer Mitglieder in Basels Regierung, die Merian brachten es immerhin auf elf. Um die fünfzig Familien hatten damals den Regierungen angehört.4 Die ‹Herren›, wie die Opponenten zu sagen pflegten, waren die wohlhabendsten der Grossbürger. Sie waren nicht deckungsgleich mit den ältesten regimentsfähigen Familien. Von diesen hatten manche den ökonomischen Aufstieg nicht geschafft. Sie verblieben zünftische Handwerksmeister und bildeten den unteren Rand des Grossbürgertums oder gehörten gar zum breiten Stadtbürgertum.5 Der Übergang war fliessend. Die Burckhardt, Christ, Faesch, Merian, Sarasin, Stähelin, Vischer und andere mehr waren primär in der Fabrikation und im Handel tätig. Am Anfang ihres Reichtums standen die Seidenbandproduktion und der Handel, später kamen Eisenbahnen, Versicherungen und Banken dazu.6

Das Leben drehte sich um Arbeit und Sparsamkeit, um Religion, Kultur und Erziehung.7 Man blieb unter sich mit eigenen, ungeschriebenen Regeln. Wer über genug Kapital verfügte, konnte sich einheiraten, Aufsteiger wurden aufgenommen. Freilich gab man ihnen zu verstehen, dass sie nicht wirklich dazugehörten.8 Ein rechtliches Unterscheidungsmerkmal wie für die Berner Burger bestand für diese Klasse aber nicht. Der Jurist Paul Speiser-Sarasin(-Sarasin), der in das Patriziat eingeheiratet hatte, behauptete in seinen 1935 publizierten Erinnerungen gar, im Vergleich mit Bern habe Basel weder Aristokratie noch Patriziat besessen.9 Das war aristokratisches Understatement, das Speiser sich angeeignet hatte. Das Basler Patriziat war eher mit den führenden Handelsfamilien von Boston zu vergleichen.10 Wie diese zeigte es seinen Reichtum nicht, lebte sparsam, sprach seinen Soziolekt und heiratete unter sich. Das Leben im Grossbürgertum war sozial: Man sah sich oft, vorzugsweise an den Familientagen, an denen die weitläufige Verwandtschaft zusammenkam und den Familiengeist kultivierte. Gedichte und Schnitzelbänke wurden vorgetragen. Man erfuhr, wer mit wem eine Verbindung eingegangen war oder sich zerstritten hatte.11 Das Leben verlief geprägt von Regeln und Ritualen. Eines seiner Höhepunkte war die Heirat – die Verbindung zweier ehrwürdiger Geschlechter. Der Ablauf des Akts, der mit der Verlobung einsetzte, war bis ins Detail vorgegeben. Vor dem Hochzeitstag fand der ‹Gabetag› statt: Verwandte und Bekannte überbrachten den Brautleuten die Geschenke, wobei für jedes Geschenk ein Trinkgeld von ungefähr zehn Prozent des Wertes erstattet wurde. Gab man zu wenig, brüskierte man den Schenker; jedoch auch, wenn man ihm zu viel spendierte, da man ihm so bedeutete, er hätte ein wertvolleres Geschenk geben müssen.12

Der ‹Gabetag› erlaubte dem neuen Paar, sich in der Hierarchie und im Geflecht der Verwandt- und Bekanntschaft zu positionieren. Es sollte das Gleichgewicht im Grossbürgertum bewahren. Es erfuhr, wie viel es wem wert war, und zeigte, inwiefern es imstande war, seine Stellung angemessen auszuüben. Der Hochzeitstag wurde vom ‹Hofmeister› zelebriert. Die Trauung fand meist im Münster, in der Pauluskirche oder im St. Jakobskirchlein statt, die Feier im Stadtcasino oder im Sommercasino, im Hotel Drei Könige oder in den grossen Hotels beim Centralbahnhof. Von 1891 ist ein Hochzeitsmenu überliefert, das nicht weniger als fünfzehn verschiedene Speisen umfasste.13 Als Charlotte Louise 1877 zur Welt kam, trug sie den Namen Burckhardt. Ihr Vater war der Kaufmann Eduard Burckhardt-Burckhardt, ihre Mutter Elise Burckhardt-Burckhardt. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie im Kreis der Familie und ihrer Freundinnen. Schier endlos ist die Reihe der Familienfeiern und ‹Visiten›, die man sich gegenseitig abstattete.14

Neben der Familie bewegte sich Charlotte Louise im ‹Vereinli›, einem Pendant zu den bürgerlichen Knabenvereinen, allen voran den Kadetten.15 Es wurde von den Müttern zusammengestellt. So verkehrte also Lolly, wie Charlotte Louise genannt wurde, mit Lisi, Pravy, Välly, zwei Rosys, Lukas (auch ein Mädchen), Emmy und anderen – deren Eltern Passavant, Paravicini, Koechlin, Von der Mühll und Burckhardt hiessen, aber auch Ehinger, Gruner und Tobler; Letztere gehörten nicht zum Daig.16 Unterrichtet wurde das Mädchen von einem Privatlehrer, mit sechzehn Jahren besuchte es ein Westschweizer Pensionat, wo es Französisch lernte und in die Leitung eines grossen Haushalts eingeführt wurde. Die Mädchen des Grossbürgertums besuchten meist Privatschulen, etwa die von Emma Oser und Rosa Preiswerk, die ‹Französische Repetirschule›, die ‹Freie evangelische Volksschule› oder die ‹Töchterschule Emma Pauly›.17 Zuweilen waren diese Institutionen, wie das berühmte ‹Montmirail›, pietistisch ausgerichtet.18

Nachdem Charlotte Louise den frisch promovierten Mediziner August Staehelin, genannt Guggy, geheiratet hatte, wurde sie zur Hausfrau, war jedoch oft ausser Haus. Dann beaufsichtigten Bedienstete die Kinder. Die leidenschaftliche Bergsteigerin reiste mit ihrem Mann durch ganz Europa. Dennoch war die ausserbürgerliche Welt weit weg. In ihrem Tagebuch äusserte sie sich nur einmal politisch: als Kaiserin Sisi 1898 in Genf niedergestochen wurde. Die 21-Jährige echauffierte sich über den Mörder, dieses «wilde Tier», über das man die Todesstrafe verhängen müsse.19 Als sie ihre Schwester, die einen englischen Diplomaten geheiratet hatte, in London besuchte und mit der Kutsche ein Arbeiterviertel durchquerte, war sie entsetzt ob der lärmenden Menschenmassen, die sie durch die Fenster ihrer Kutsche erspähte.20

Albert Emanuel kam 1826 zur Welt. Sein Vater war der Kaufmann und ‹Seidenherr› Emanuel Hoffmann-Preiswerk, der Güter und Liegenschaften im Thurgau, in Zürich und Baselland besass. Zunächst besuchte Albert Emanuel eine Privatschule, dann das Gymnasium am Münsterplatz, das Pädagogium, schliesslich absolvierte er eine Kaufmannslehre im Büro der väterlichen Seidenbandfabrik mit Aufenthalten in Mailand, Cerano und Görlitz. 1860 heiratete er Amélie (Amy) Burckhardt, deren Vater Bürgermeister war; die Mutter, eine Ryhiner, galt als Mittelpunkt der Basler Gesellschaft. Der Kunsthistoriker Jacob Burckhardt soll über sie gesagt haben, ihre Augen verschönerten die Rittergasse.21 Dort lebte das Paar.

Albert Emanuel Hoffmann-Burckhardt gestaltete das öffentliche Leben seiner Stadt mit. Er war konservativer Grossrat und Zunftmeister, betätigte sich philanthropisch und war Mitglied zahlloser Vereine, darunter des Jagdclubs und des Schweizerischen Alpen-Clubs SAC, dessen Sektion Basel er 1863 mitbegründete. In seinem Tagebuch notierte er, dass er in Genf an einem Bankett neben General Dufour gesessen habe.22 Über seine Geschäftstätigkeit äusserte er sich kaum, vielmehr machte er sich Sorgen um seine Kinder, die sich nicht standesgemäss banden. Immer wieder adressierte er den Allmächtigen: «Gott gebe, dass ich als Gatte, Vater und Bürger meine Pflicht stets recht brav erfülle und dereinst meinen Kindern einen geachteten Namen hinterlasse.»23

Im Alter wurde der Kaufmann schwermütig. Immer öfter hielt er sich in Bad Boll in Württemberg auf, einem Sitz der Pietisten. Einmal lief er aus einer Vorlesung des Theologieprofessors Franz Overbeck, da ihm der Inhalt nicht passte. Besser gefielen ihm die katholischen Passionsspiele in Oberammergau; seine tiefe Religiosität liess ihn die konfessionelle Grenze überwinden. Er lehnte die Bundesverfassung von 1874 ab, welche die Einführung der von den Freisinnigen forcierten Kantonsverfassung von 1875 beschleunigte: Sie führe in die «demokratische Tyrannei».24

Die Leben, die Charlotte Staehelin-Burckhardt und Albert Emanuel Hoffmann-Burckhardt führten, sind typisch für die Angehörigen ihrer Klasse. Das heisst aber nicht, dass alle die gleichen Leben führten unter dem Signum des konservativ-christlichen Glaubens. Das Patriziat war kein homogener Block. Es war kulturell konservativ und zugleich ökonomisch innovativ. Der streng religiöse Christoph Merian-Burckhardt, zu seiner Zeit der reichste Grundbesitzer der Schweiz, bewirtschaftete seinen gewaltigen Landbesitz mit modernen Anbaumethoden. Die Patrizier bildeten den Kern des Grossbürgertums, aber ihm gehörten auch Aufsteiger und Zugezogene an. Es war eine sehr wohlhabende und schmale Schicht. Der Historiker Philipp Sarasin hat für das Jahr 1896, als die Stadt rund 110 000 Einwohnerinnen und Einwohner zählte, knapp 540 männliche Individuen als Grossbürger identifiziert.25 Davon waren rund hundert Millionäre.26 Nicht alle waren im Seidenhandel tätig und nicht alle pietistisch. Auch Patrizier konnten verarmen; sie wurden dann vom Familienfonds unterstützt.27 Die wohlhabenden Familien lebten in Stadtpalais in der Altstadt um den Petersplatz und in der St. Alban-Vorstadt. Als Basel ab 1859, nach dem Beschluss zum Abriss der Stadtmauer, massiv wuchs, zogen viele Grossbürger ins südöstlich vor der Stadt gelegene, bislang fast unbebaute ‹Gellert›. Hier entstand durch die Planung von Bürgermeister Johann Jakob Stehlin-Hagenbach und Ratsherr Karl Sarasin-Vischer(-Sauvain) ein Villenviertel. Viele der neuen Häuser wurden von Stehlins Sohn Johann Jakob Stehlin-Burckhardt gebaut, ferner von Emanuel La Roche-Heusler, der den auf seine Stilvorliebe anspielenden Spitznamen Larococo trug, sowie von Eduard Vischer-Sarasin, der zugleich Grossrat war.28

Die Villen waren im historistischen Stil gehalten, als dessen Theoretiker Melchior Berri galt, der Schwager des Althistorikers Jacob Burckhardt. Der Star unter den Architekten erklärte den Spätklassizismus als mit dem baslerischen Wesen kongruent.29 Das Bauwesen wurde von Vertretern des Patriziats dominiert, sodass die Stil- und Lebensvorstellungen von Bauherren und Architekten sich meist deckten. Die Räumlichkeiten waren reich, aber nicht protzig ausgestattet. Sie bildeten einen Kompromiss zwischen Repräsentationsbedürfnis und zeitgemässem Wohnkomfort. Klassizismus, englische und italienische Renaissance sowie französischer Barock dominierten.30 In der Epoche von Industrialisierung und Technisierung, als die Moderne in Basel Einzug hielt, baute sich das Grossbürgertum Tudorschlösschen, Palladio-Villen und Klein-Versailles-Paläste.31

In den Sommermonaten hielten die Familien sich auf dem Land auf, meist in Baselland. Wenn sie nicht ältere Landgüter besassen, deren barocke Architektur sie historisierend überformten, errichteten sie sich neue Villen. Die Gutsbetriebe wurden von Pächtern besorgt. Johann Rudolf Geigy-Merian liess Klein-Riehen durch Stehlin-Burckhardt ausbauen. Hier fanden Anlässe der Firma, Jahresversammlungen der Naturforschenden Gesellschaft und Familientage statt. 1890 rückte die Feuerwehr aus, die einen Brand vermutete, doch Geigy hatte bloss bengalische Feuer abgebrannt.32 Die in Kleinbasel gelegene ‹Sandgrube› wurde von Johann Heinrich Merian-Von der Mühll zum festen Wohnsitz umgestaltet. Unangetastet blieb das Chinazimmer mit seinen aus Maulbeerbaumpapier gefertigten Tapeten, das der erste Besitzer der Sandgrube, der Seidenbandfabrikant Achilles Leisler-Hoffmann, eingebaut hatte.33 Das war exquisiter Luxus.

Das Grossbürgertum realisierte nur wenige Jugendstilbauten. 1898 liess der Künstler Hans Sandreuter, ein Schüler des Malers Arnold Böcklin, in Riehen die Atelier-Villa ‹Zur Mohrhalde› bauen.34 Sandreuter stammte nicht aus einer alten Basler Familie, war jedoch wohlhabend. Zuvor hatte er den Saal der Schmiedezunft mit Wandgemälden ausgeschmückt und die Fassade des Zunfthauses der Hausgenossen mit historisch-allegorischen Figuren bemalt.35 Da der Bau keinerlei Zierelemente aufwies, dürfte der Künstler seine Vorstellungen durchgesetzt haben. Damit wandte er sich von den überladenen Salons mit ihrem Stuck ab.36

Das Grossbürgertum hatte neben seinen Lebensorten auch seine Begräbnisstätte: den 1872 eingeweihten Friedhof Wolfgottesacker, der in Form eines Kirchengrundrisses angelegt wurde.37 Der erste Plan stammte von Bauinspektor Amadeus Merian, das Land wurde zunächst von der Besitzerin Margaretha Merian-Burckhardt gepachtet.38 Die heute unter Denkmalschutz stehende Nekropole beherbergt vor allem Familiengräber mit Grabmälern, die als kulturhistorisch wertvoll gelten; einige stammen von älteren Friedhöfen.39

Republikanischer Konservatismus

Die patrizischen Familien hatten ihren Sitz in Basel, aber über ihre geschäftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen waren sie mit den wirtschaftlichen und politischen Zentren in ganz Europa, ja der ganzen Welt vernetzt.47 Diese internationalen und kolonialen Verflechtungen wurden ab 1859 durch die Basler Mission noch intensiviert, und das Patriziat partizipierte an der westlichen Beherrschung von Teilen Asiens, Afrikas und Amerikas.

Das Patriziat war nicht unangefochten, es wurde durch die erstarkenden Freisinnigen und dann die Sozialdemokraten in die Defensive gedrängt. Die Verfassung von 1875 schränkte seine politische Macht ein. Die meisten Altbasler aber sahen ein, dass dieser Schritt notwendig war. Das «Untier der Demokratie», wie sich der Rechtshistoriker Andreas Heusler-Sarasin ausdrückte, war nicht mehr aufzuhalten.48 Einige Patrizier waren sogar im linksfreisinnigen Lager zu finden, wie der ‹rote› Bürgermeister und Nationalrat Karl Burckhardt-Iselin, der die Verfassungskommission von 1875 präsidierte.49 Und manche scherten aus. Die 1891 geborene Helene Stähelin promovierte in Mathematik und schloss sich der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit an. Sie blieb unverheiratet.50 Nonkonformismus bedeutete indes noch lange nicht den Bruch mit der Familien- und Klassentradition.51 1875 ging für das Patriziat eine Welt zu Ende – und begann eine neue. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die ‹Herren› den Kanton in einer Weise regiert, die eher an das Ancien Régime denn an die moderne Demokratie erinnert, welche die Schweiz 1848 mit der Bundesverfassung einführte. Unter dem ‹Ratsherrenregiment› besassen bei Weitem nicht alle männlichen Einwohner der Stadt, sondern nur die in den Wahlzünften organisierten Stadtbürger das Stimmrecht. Sie machten mit den Bürgerinnen etwa einen Drittel der Stadtbewohner aus.52 Die neue Verfassung von 1875 wurde vom Freisinn durchgesetzt, der von Zuzügern gestärkten «Partei des Fortschritts».53 Im Grossbürgertum sprach man von der «Parteienherrschaft».54

Allerdings brach die Verfassung die Macht der Patrizier nicht vollständig, auch nach 1875 waren sie unter den Regierenden vertreten. Erst 1905 beendete die Einführung des Wahlproporzes die patrizische Dominanz in der kantonalen Regierung und Verwaltung. Mit der Akzeptanz der Verfassung passte das Patriziat sich den neuen Verhältnissen an. In der neuen Bürgergemeinde entfaltete es sein Wirken besonders auf sozialpolitischem Gebiet. Die konservative ‹Allgemeine Schweizer Zeitung› schrieb: «Gönne man der Bürgergemeinde Basel eine würdige Existenz, schätze man sie nicht nur als Magd, die keinen eigenen Willen haben darf, aber sorge dafür, dass der Wille nicht ein ängstlich befangener, sondern ein weitherziger, wahrhaft liberaler sei, der ihre Mittel zum wahren Wohl der Bürgerschaft und der Stadt verwendet.»55

Die Bürgergemeinde umfasste alle in der Stadt niedergelassenen Personen, die das Basler Bürgerrecht hatten. Ihr gehörten das Stadthaus, Liegenschaften und Land sowie die Armenanstalten, sie beaufsichtigte patrizische Stiftungen, Waisenhaus, Pfrundhaus und Bürgerspital sowie die Zünfte.56 Zudem bestimmte sie über die Aufnahme neuer Bürger. Der Basler Wirtschaftshistoriker Fritz Mangold bemerkte 1905, die «Vermischung aller staatlichen und kommunalen Verwaltungselemente» bewirke, dass «für die Bürger und Einwohner Basels die Begriffe Staat und Stadt und selbst Bürger- und Einwohnergemeinde etwas Unbekanntes» seien. «Sie wissen nie, was des Staates Kompetenzen sind, und dass die Stadtgemeinde Bedürfnisse hat, für die der Staat aufkommen muss, und begreifen nicht, wieso die genannten bürgerlichen Anstalten keine Staatsinstitutionen sind.»57

Auch im langjährigen Kampf um das neue Schulgesetz von 1880 blieben die Konservativen vorne. Das Bildungswesen wurde nach dem Machtwechsel 1875 heftig umkämpft.58 Der freisinnige Regierungsrat Wilhelm Klein hatte den «Ständeschulen», darunter dem vor allem von Patriziersöhnen besuchten Pädagogium, dem 1589 gegründeten Gymnasium am Münsterplatz, den Kampf angesagt, um die soziale Ungleichheit zu verringern.59 Am Ende aber verhinderte der liberal-konservative Jurist Paul Speiser-Sarasin(-Sarasin) die «Verproletarisierung der Mittelschulen», wie er formulierte. Der Rektor des Pädagogiums, Karl-Friedrich Burckhardt-Brenner, habe ihn als Experte unterstützt.60 Zwar wurde der Unterricht nun auf allen Stufen unentgeltlich, doch die Gegner der ‹Gleichmacherei› hatten erfolgreich argumentiert, das geplante Schulsystem würde die christlichen Werte und humanistische Tradition Basels zerstören.61 Die patrizische Elite öffnete sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts gegenüber neuen Ideen und erfolgreichen Zuzügern und Aufsteigern. Die Familie Geigy, die für den wirtschaftlichen Aufschwung im Bankenwesen und der Chemie steht – etwa Karl Geigy-Hagenbach und Johann Rudolf Geigy-Merian –, gehörte nicht zum Daig, sondern stieg durch Heiraten ins Patriziat auf. Als Teil des Grossbürgertums machte es Basel zu einem international führenden Zentrum der Kultur und Wirtschaft. Paul Speisers Vater Johann Jakob war Bankier und ein Homo novus. Durch die konsekutiven Heiraten mit zwei Sarasin-Schwestern wurde der Rechtsprofessor, wie der von Alfred Sarasin-Iselin 1937 verfasste Nachruf festhielt, ein Dalblemer. «Radikale Neuerungssucht» sei ihm zuwider gewesen. Speiser trat für die Abschaffung des Ratsherrenregiments ein, aber für ihn gehörten Arbeiterkinder nicht an das Gymnasium und er bedauerte die 1910 erfolgte Trennung von Kirche und Staat.62

Paul Speiser stieg auf, indem er vom Patriziat assimiliert wurde, seine Kinder heirateten alle in den Daig. Noch fulminanter verlief die Laufbahn von Charles Auguste Veillon-Burckhardt. In der Jahrhundertmitte begann er als zwanzigjähriger Zugezogener in der Arlesheimer Seidenspinnerei J. S. Alioth & Cie. 1861 heiratete er Johanna Burckhardt, kurz darauf gründete er mit zwei patrizischen Compagnons sein Unternehmen Veillon, Miville & Cie. zur Herstellung von Garn. Um 1880 rief er die ‹Industriegesellschaft für Schappe›, also für minderwertige Seide, ins Leben. Veillon-Burckhardt wohnte nun im Albanquartier an der Gartenstrasse.63

Der Seidenhändler Adolf Krayer bereitete seinen Nachfahren den Boden für den Aufstieg ins Patriziat. Jahrelang bereiste er China und Japan, die er in seinen Briefen gegen westliche Vorurteile verteidigte. Zu Wohlstand gekommen, heiratete er 1870 eine Deutsche, mit der er im Gellert eine neu gebaute Liegenschaft bezog. Von den fünf Kindern des Paars heirateten vier in den Daig. Einer seiner Schwiegersöhne war der Philologieprofessor Eduard Hoffmann-Krayer, Sohn des Textilfabrikanten Albert Emanuel Hoffmann-Burckhardt. Er gründete die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde.64

Noch am Ende des 19. Jahrhunderts war die Textilindustrie Basels wichtigster Wirtschaftszweig, gefolgt vom Baugewerbe und von der chemischen Industrie. Dadurch erhielt die Handelsstadt ihr industrielles Zentrum. In der Textilindustrie und im Bankenwesen war das Patriziat tonangebend. Die ‹Seidenbourgeoisie› führte meist Familienbetriebe mit Fabriken in der Stadt und Heimarbeit im Umland. Während die Männer mit ihrer Berufswahl für die Kontinuität des Familienstatus verantwortlich waren, indem sie den väterlichen Textilbetrieb fortführten, oblag den Frauen die Aufgabe, mit Heirat und Kindern die verschiedenen Gruppen des Grossbürgertums zu verbinden und ökonomische und politische Interessen auszugleichen. Oft ehelichten die Töchter der Textilherren Gelehrte und Professoren. Sie verbanden so das Wirtschafts- mit dem zahlenmässig weit geringeren Bildungsbürgertum. Aufnahme ins Patriziat fand nur, wer wohlhabend war oder über Bildungstitel verfügte.65

Die neue Elite war meist im Wohnungs-, Energie- oder Lebensmittelsektor tätig, die im Gefolge des massiven Bevölkerungswachstums boomten.66 Sie zeigte sich offener im Heiratsverhalten und beachtete die mit den ‹richtigen› Namen zu wahrende Tradition der Familie weniger andächtig. Der rechtsfreisinnige Anwalt Paul Scherrer, ein Aufsteiger aus dem Thurgau, eröffnete seine Lebenserinnerungen mit dem ironischen Satz: «Mit einem sog. Stammbaum kann ich meiner Nachkommenschaft zu meinem Bedauern nicht dienen.»67 Er heiratete zweimal, aber keine Patrizierin.

Das Patriziat grenzte sich von den Aufsteigern ab. Dennoch hat es sowohl die Demokratisierung der Stadt als auch deren Transformation in eine industrielle Handelsstadt mitgestaltet. Denn die kulturelle Distinktion hat das Patriziat nicht daran gehindert, aus pragmatischen Gründen seine Klassengrenzen aufzuweichen, wobei die aufsteigende Chemie- und Pharmabranche nicht seine Domäne war. Führend waren französische und elsässische Unternehmer – und Fritz Hoffmann-La Roche. Innovationsgeist bewiesen auch die Seidenunternehmer, obwohl sie den Niedergang ihrer Branche auf lange Sicht nicht verhindern konnten. Sie stiegen auf die Immobilienbranche um und führten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Marketingmethoden ein, die international übernommen wurden, etwa die Kooperation mit Modezeitschriften und das Engagieren von Stars aus der Theater- und Filmbranche.68 1873 fanden sich im Haus des Rats- und Bändelherrn Adolf Christ-Sarasin, des Patriarchen des Basler Pietismus, drei Männer ein: Pfarrer Eduard Bernoulli-Holzach, Eduard Preiswerk-Burckhardt, der Leiter der Basler Handelsgesellschaft, und der Rechtshistoriker Andreas Heusler-Sarasin (‹Heusler II›). Heusler wurde der Spiritus rector der ‹Allgemeinen Schweizer Zeitung› (ASZ), welche die Herren gründeten. Sie wollten mit dem neuen Periodikum den politischen wie theologischen Freisinn bekämpfen. Die ASZ bildete fortan das meinungsführende Zentrum, um das sich die Konservativen scharten. Die ersten dreissig Abonnenten waren alle Altbasler. Nur der Redaktor der Zeitung, der Berner Lehrerssohn Arnold Joneli, war kein Patrizier.69

Um 1880 wurde die ASZ in rund 1300 Basler und 2900 Haushalte in der ganzen Schweiz verschickt. Flankiert wurde die Zeitung vom Eidgenössischen Verein (EV), dessen treibende Kraft neben Andreas Heusler-Sarasin der Historiker Wilhelm Vischer-Heussler, genannt Vischer der Jüngere, war.70 Ausser in Basel verfügte der Verein über Sektionen in Zürich, Bern, Neuenburg und Schaffhausen. Der EV lehnte nicht nur die Basler Verfassung von 1875, sondern auch die Bundesverfassung von 1874 ab: Diese führe in eine «demokratische Monarchie», und die Bundesversammlung sei eine «über den Volkswillen erhabene Oligarchie».71

Mit der ASZ und dem EV verfolgte der konservative Teil des Basler Patriziats das Ziel, mit einer eidgenössischen Allianz zum einen kantonale Oppositionen und den Föderalismus zu stärken und zum anderen den vom Freisinn dominierten Bund zu schwächen. 1888 polemisierte die ASZ gegen Emil Frey, den aus Biel kommenden freisinnigen Redaktor der Basler ‹National-Zeitung› (und späteren Bundesrat), und gegen die liberale ‹Neue Zürcher Zeitung›.72 Die NZZ unterstützte Frey in der Debatte, die er mit seiner Rede am St. Jakobsfest ausgelöst hatte,73 als er dazu aufrief, das Wort Neutralität «aus unserem nationalen Lexikon» zu streichen, denn im Kriegsfalle werde sie nichts nützen, wenn sich der Angreifer nicht daran halte. Sie sei festgelegt worden vom Wiener Kongress, an dem die Schweiz nicht einmal mitgewirkt habe.74

Für die ASZ missachtete der Aufruf die «unentbehrlichsten Grundlagen unserer staatsrechtlichen Stellung». Sie fügte die Schweiz mit Verweis auf den Westfälischen Frieden und den Wiener Kongress in das monarchische Europa ein, das die junge Republik unter Druck setzte, weil sie Flüchtlinge aufnahm.75 Die Radikalen und Liberalen dagegen wünschten sich eine stark bewaffnete Nation, die im Konzert der Grossen selbstbewusst auftrat und ihre Interessen verteidigte. Das Vergangene interessierte sie wenig, die Zukunft um so mehr. Die Debatte macht die Grundzüge der konservativen und liberalen Ideologie sichtbar. Letztere war in ihrer radikalen Ausrichtung fortschrittsfroh, veränderungswillig, staatsfreundlich und religionsskeptisch. Der Konservatismus dagegen suchte sein Heil in der Vergangenheit, als die Menschen organisch in ihren Stand eingebunden gewesen seien. Der Konservatismus vertrat ein «Bedingtheitsbewusstsein». Das konservativ geprägte Erleben der Wirklichkeit fühlte sich durch die liberalen Ideen provoziert.76 In Basel wurden die beiden Begriffe liberal und konservativ fast synonym verwendet.77 Ab 1875 kämpfte die Partei der Liberal-Konservativen, bestehend aus dem antifreisinnigen alten Bürgertum, gegen die Radikalen – und gegen den sozialreformerischen Flügel der Religiös-Konservativen.78 Für die Liberalkonservativen hatte der stimmberechtigte Bürger nicht nur ein Mann, sondern selbstständig zu sein, also entweder Wirtschafts- oder Bildungsbürger.79 Damit wies der Basler Konservatismus ein aristokratisch-republikanisches Moment auf: Seine Stütze war der politische, rechtlich privilegierte Stadtbürger. Beide, die ASZ wie der EV, versuchten indes keine Breitenwirkung zu entfalten, die Mitglieder blieben unter sich. Der EV wurde in allen Kantonen, in denen er vertreten war, von Patriziern dominiert. Sie wollten keine Volkspartei sein. Der EV war zwar mit Referenden gegen die zentralistische Bildungspolitik erfolgreich, ging dann aber wie die ASZ in den 1890er-Jahren ein. Beide wurden vom international tätigen Handelspatriziat kritisiert. Die ASZ sprach sich noch 1893 als einzige Basler Zeitung erfolgreich für das bundesweite Schächtverbot aus, das antisemitisch motiviert war. Nach der verheerenden Wahlniederlage von 1902 formierte sich der altbaslerisch geprägte Konservatismus 1905 neu in der Liberal-Konservativen Partei (heute LDP), mit der er die Annäherung an den Freisinn vollzog.86

Eine weitere konservative und zugleich elitäre Publikation war die im gleichen Jahr gegründete Wochenschrift ‹Der Samstag›. Ihr ging es weniger um Politik denn um die «Veredelung und Verfeinerung der Gesellschaft» mittels einer als bürgerlich-intellektuell und zunehmend rassistisch definierten Kultur. Redaktor war unter anderen der Theologe und Nietzscheforscher Carl Albrecht Bernoulli-Heydenreich. Der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Paul Schmitz alias Dominik Müller etablierte sich dank seiner Redaktortätigkeit als Privatdichter für Patrizierfamilien.87 Dabei gab er antisemitische Töne von sich.

Das Vergangene kultivieren

Nach der Annahme der Verfassung von 1875 beschloss die neue, freisinnig dominierte Regierung, den Posten eines Staatsarchivars zu schaffen – die erste vollamtliche Archivstelle der Schweiz. Der konservative Regierungsrat Gottlieb Bischoff einigte sich mit den Professoren Andreas Heusler-Sarasin und Wilhelm Vischer-Heussler überraschend gegen die besser qualifizierte Konkurrenz auf den erst 22-jährigen Juristen Rudolf Wackernagel-Burckhardt.88

Der Entscheid sollte sich als richtig erweisen. Der junge Mann war tüchtig und erfolgreich. Er reorganisierte das Archiv und tat sich als Autor der grossen dreibändigen ‹Geschichte der Stadt Basel› hervor.89 Das Werk verdichtete zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Geschichtsbild des Patriziats und brachte seinen Machtanspruch zur Geltung, indem es dessen Bedeutung für die Entstehung des reformierten Stadtstaats in der Renaissance überhöhte.90 Der Entscheid für Wackernagel-Burckhardt war denn auch politisch motiviert, wie Staatsarchivar Andreas Staehelin-Wackernagel am Ende des 20. Jahrhunderts festgehalten hat: Wackernagel habe man als Verwandten des Regierungsrats Karl Sarasin-Vischer-(Sauvain) und des Professors Andreas Heusler-Ryhiner den Liberal-Konservativen zugerechnet.91

Basel und andere Städte wandten sich in der zweiten Hälfte des ‹historistischen› 19. Jahrhunderts der Vergangenheit zu. In diese Zeit fallen nicht nur die Konstruktion der eidgenössischen Urgeschichte mit dem Startpunkt 1291 und die wachsende Begeisterung für die Bauern- und Befreiungskriege gegen die Habsburger, sondern auch der Aufstieg und die Verwissenschaftlichung der Historiografie.92 Eine am Liberalismus orientierte Geschichte sollte der konfessionell gespaltenen Bevölkerung der Schweiz eine kollektive Identität verschaffen.93 Unter den national ausgerichteten Historikern waren indes keine Basler.

Letztere fokussierten auf die Geschichte und einstige Grösse der Stadt und ihrer führenden Familien. Aus der historisch-humanistischen Kultur, die am Anfang der ‹Stadtrepublik› stand, sollten die Staatsbürger Bildung und Selbstbildung beziehen. Das Vergangene wurde der als defizitär erlebten Gegenwart vorgezogen, die vom kulturellen Niedergang kündete. Der Kult der Tradition zeigte sich nicht nur in der Historiografie, sondern auch in Malerei, Architektur und Literatur.94 Treibend waren die Zünfte, in denen sich die Eliten versammelten. Diese Verbände hatten zwar ab 1880 keine öffentliche Funktion mehr, entdeckten aber umso intensiver den Geschmack am Historischen und an ihrer «Zunftherrlichkeit».95 Man kultivierte die Brüderlichkeit im schon im Mittelalter entstandenen Männerbund mit seinen Gesängen und Ritualen. 1906 monierte der ‹Vorwärts›, das Organ der Sozialdemokratischen Partei Basels, die «Aristokratie» nehme nicht am St. Jakobsfest teil, weil sie sich nicht mit dem gemeinen Volk vermischen wolle. Lieber beäuge sie die Feier in sicherer Entfernung vom Sommercasino aus.96 In der Tat: Der St. Jakobstag war ein Basler Volksfest, eine «baslerische Landsgemeinde», wie der freisinnige Regierungsrat Wilhelm Klein formulierte.97 Da erstaunt es nicht, dass die Grossbürger auf Distanz gingen, auch wenn sie sich mit dem Inhalt des Gedenkens identifizierten: der heroischen Rettung der Stadt im Spätmittelalter.

Die sich auf die Schlacht bei St. Jakob stützende Erinnerungskultur verdankte sich denn auch patrizischen Bestrebungen. 1859 trieben Stadtratspräsident Achilles Bischoff-Respinger, Ratsherr Amadeus Merian, Architekt Christoph Riggenbach-Sulger und der Historiker Jacob Burckhardt die Ausschreibung zu einem neuen Denkmal voran.98 Im Rennen waren Entwürfe der Maler Ernst Stückelberg-Brüstlein (eigentlich Stickelberger, einer der führenden Historienmaler) und Arnold Böcklin, doch am Ende sprachen sich Johann Jakob Im Hof-Forcart, Präsident der Künstlergesellschaft, und Architekt Johann Jakob Stehlin-Burckhardt für Ferdinand Schlöth aus.99

Die Basler Historiker und Altbürger idealisierten die Geschichte ihrer Stadt als kleinräumige aristokratische Republik mit staatlichem Gepräge. Das zeigte sich auch baulich: 1892 wurde das Historische Museum in der Barfüsserkirche eröffnet, 1896 das Staatsarchiv erbaut, der erste Archivzweckbau der Schweiz, und 1904 das Rathaus historistisch erweitert. Stets war Staatsarchivar Rudolf Wackernagel-Burckhardt führend beteiligt.100 Den wuchtigen Rathausturm bekämpfte ein von Andreas Heusler-Sarasin angeführtes Komitee erfolglos. Es befürchtete, der Koloss werde den Marktplatz «auf ewige Zeiten aus dem Gleichgewicht» bringen.101

Ein grosses Anliegen war dem Patriziat der Erhalt der mittelalterlichen Stadtteile, deren rückwärtsgewandte Konservierung es sich einiges kosten liess. Es trug so zur ‹Erfindung der Altstadt› bei. Führend war der unter anderem von Albert Burckhardt-Finsler 1890 gegründete Basler Verkehrsverein (heute Basel Tourismus). Der freisinnige Regierungsrat und Professor für Schweizergeschichte prägte auch die Heimatschutzbewegung mit.102

1892 feierte die Stadt das 500-Jahr-Jubiläum der Vereinigung von Gross- und Kleinbasel. Am grossen Festspiel setzte sich das Patriziat in Szene.103 Carl Koechlin-Iselin ritt als Herzog Leopold von Österreich «auf seinem feurigen Rosse der in die Schlacht ziehenden Ritterschar» voran.104 Mitglieder der Familien Sarasin, De Bary, Passavant, Vischer, Von der Muehll, Burckhardt, Koechlin, Hoffmann, Iselin und Bischoff folgten. Die ideale Stadt, wie Basels Vergangenheit sie bot, konnte man sogar im ‹Ursprung der deutschen Stadtverfassung› finden, wie der Rechtshistoriker Andreas Heusler-Sarasin befand, Redaktor der ‹Allgemeinen Schweizer Zeitung›. Hier, nicht in den Landsgemeinden, sei der Gedanke der «staatsbürgerlichen Freiheit» entstanden, welche die Grundlage des modernen Staats bilde.105

Die ideale Stadt liess sich auch in der Antike finden. Die Konservativen sahen die Entwicklung Basels zur Grossstadt als Verlust der von Gelehrten geprägten Polis.106 In der posthum publizierten ‹Griechischen Kulturgeschichte›, die Jacob Burckhardt zwischen 1872 und 1886 vortrug, entwarf er das Panorama einer besseren Welt, die in ihr Verderben schlitterte. Seine Blütezeit fand Athen, als es eine Aristokratie war, von edlen Geschlechtern und Hochbegabten regiert wurde und die Zahl von zehntausend Bürgern nicht überschritt.107 Dort fühlte sich der Adel als «höherer Stand der Nation» und gab dieser die moralischen und ästhetischen Massstäbe vor. Seinen Reichtum hatte er sich durch eigenen Erwerb verschafft.108 In der Demokratie dagegen schröpfe der «launenhafte und begehrliche Demos» die Wohlhabenden, dozierte Burckhardt. Der Staat zwang diese, die «Kunstgenüsse» des Volkes zu finanzieren. Zu viele Prachtbauten entstanden in Athen, zu viele Bürger wurden in die Politik einbezogen. Man schuf Stellen und Kommissionen für alles Mögliche, «man zeigte sich liberal».109 Burckhardt fand in der Vergangenheit das Drama der Gegenwart. Daher liebäugelte er gar mit der Monarchie.110 Er sah nicht nur die Geschichte Basels, sondern die «Weltgeschichte» als fortschreitenden Zerfall einer göttlichen Ordnung, deren Träger das Patriziat gewesen war.111

Die Patrizier setzten die Geschichte der Stadt mit jener ihrer Geschlechter gleich.112 Die Stähelin, Burckhardt, Preiswerk und Vischer riefen Familienstiftungen ins Leben, die Geschichtspflege betrieben. Um 1880 gaben Vertreter der Familie Stähelin einen gigantischen Stammbaum in Auftrag. Als Stammvater wurde ein Hans gesetzt, vage aber auch ein Ritter, der vom König von Frankreich in den Adelsstand erhoben worden sei.113 1903 schuf Felix Stähelin-Schwarz, künftiger Professor für Alte Geschichte und Jacob Burckhardts Grossneffe, das seither laufend ergänzte ‹Familienbuch›. Auf moderner Quellenkritik fussend, schloss es Adlige als mögliche Urväter aus.114 Weiterhin aber setzte der Stammbaum auf die patrilineare Logik, bezeugte das hohe Alter der Familie, die herausragenden Taten ihrer Mitglieder und die verwandtschaftlichen Beziehungen zu anderen hervorragenden Familien. 1913 richtete die Familie ihr Archiv ein.115 Es liegt heute wie viele andere alte Familienarchive im Staatsarchiv Basel.116 Kaum vertreten sind dort Sammlungen zu Familien, die nicht zu den regierenden zählten oder neu eingebürgert worden waren.117

Die Patrizier legten Verzeichnisse «Alter Basler Geschlechter» an, die über zweihundert Familien aufzählen.118 Das reich geschmückte ‹Wappenbuch der Stadt Basel› von 1880 versammelt 78 Tafeln, die 927 Wappen nicht nur einzelner Familien, sondern auch ehemaliger Landvogteien, Zünfte und Gesellschaften aufführen. Die Zeit sei reif für diese Sammlung, weil «die zahlreich anströmenden neuen Elemente, die ausserordentlich zunehmende Aufnahme neuer Bürger eine Arbeit wie die unsere erschweren, ja geradezu unmöglich machen». Dagegen gelte es, «den Sinn und die Liebe für die Vaterstadt aufrecht zu halten».119 Die Sammlung wurde im Ersten Weltkrieg fortgeführt vom Genealogen Wilhelm Richard Staehelin.120 Das Interesse an den führenden Geschlechtern reichte über die politischen Lager hinaus. 1880 porträtierte die radikale Tageszeitung ‹Schweizerischer Volksfreund›, die nicht müde wurde, gegen die ‹Allgemeine Schweizer Zeitung› zu polemisieren, in ihrer Serie ‹Basler Familienbilder› mehrere patrizische Geschlechter.121 Basels führende Vereine waren patrizisch dominiert. Sie vertraten eine elitäre Kultur, die den Fokus auf ‹ihre› Stadt richtete, aber dem gesamten Bürgertum, ja der Bevölkerung zugutekommen sollte. Die bürgerliche Kulturaffinität enthielt das illusorische Versprechen, jeder Einzelne könne sich, wenn er nur ausreichend Talent besitze und sich genügend anstrenge, selber bilden und emporarbeiten.122 Für die Geschichtskultur prägend war die Historische und Antiquarische Gesellschaft zu Basel, die 1875 aus der Fusion der Historischen Gesellschaft mit der Antiquarischen Gesellschaft hervorging. Ihr Mitgliederverzeichnis von 1902 liest sich wie ein Who’s who des Patriziats. Allein achtzehn der knapp hundertfünfzig männlichen Mitglieder trugen den Namen Burckhardt in Kombination unter anderen mit den Namen Bischoff, Brenner, Burckhardt (dreimal), Finsler, Heusler, Merian (dreimal), Vischer.123 Das Publikationsorgan war die ‹Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde›. Um 1900 waren ihre führenden Autoren Theophil Burckhardt-Biedermann, Rudolf Wackernagel-Burckhardt, Eduard Preiswerk-Burckhardt, Daniel Burckhardt-Werthemann, Ernst Alfred Stückelberg-Riggenbach und Karl Stehlin.124

Die bürgerliche Gesellschaft stützte sich auf ihre Vereine. Die von beruflich ‹selbständigen› Männern und ihren Frauen getätigten Zusammenschlüsse bekämpften die Armut und pflegten die Kultur. Dabei ging es um mehr als ‹nur› um den unmittelbaren Zweck des Vereins: Die Mitglieder vervollkommneten sich und das Gemeinwesen.125 Die Statuten des Basler Gesangvereins (BGV) besagten: «Wenn in grössern, namentlich monarchischen Staaten von der Regierung oder vom Hofe aus für die Pflege der Kunst gesorgt wird, so bleibt diese […] besonders in Republiken gemeiniglich den Bürgern überlassen und kann nur durch deren Sinn und guten Willen, nur durch freiwillige Anstrengung und Opfer einzelner erzielt werden.»126 Der BGV gehörte zu den wichtigsten kulturellen Institutionen der Stadt.127 In den 1870er-Jahren besass er die beachtliche Zahl von 230 aktiven und 330 passiven Mitgliedern128 und war noch um 1900 patrizisch geprägt. Die meisten seiner Mitglieder wohnten im Gellert und in der Altstadt; nur zwei Sängerinnen kamen aus Riehen, eine Frau Doktor wohnte in Birsfelden. Auch Frauen traten dem Verein bei, sie verliessen ihn allerdings wieder, wenn sie heirateten. Wer am geselligen Programm des BGV interessiert war, musste es sich leisten können. 1861 fuhr man nach einer «Matinée musicale» und einem «Gabelfrühstück» im Stadtcasino mit dem Zug nach Pratteln, spazierte zur Schauenburg, genoss Quartettgesang und kehrte zum Nachtessen ins Sommercasino zurück.129

Grossbürgerliche Kultur und Geselligkeit entfalteten sich besonders in der Basler Lesegesellschaft. Ihre Räumlichkeiten besass sie – und besitzt sie noch immer – am Münsterplatz. Sie brachte Altbürger und wohlhabende neue Wirtschaftsbürger zusammen. In der Leitung waren Patrizier tonangebend, nicht aber die pietistischen. Ihnen dürfte die in der Gesellschaft aufliegende Lektüre zu weltlich gewesen sein. Ebenfalls kaum vertreten war der Freisinn.130 Viele der über tausend Mitglieder der Lesegesellschaft gehörten zugleich der Künstlergesellschaft, der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft und der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) an. Fest im Patriziat verankert, war die GGG der kulturell, philanthropisch und fürsorgerisch bedeutendste Verein der Stadt.131 Ihr Neujahrsblatt widmete sich vorwiegend historischen Themen, zunächst vor allem dem Mittelalter und der Renaissance, dann auch dem 19. Jahrhundert.132 Von 1898 bis 1910 schrieb August Bernoulli-Burckhardt fast ununterbrochen über Basel im Burgunderkrieg und im Dreissigjährigen Krieg, 1911 lieferte Wilhelm Vischer-Bilfinger postum eine Geschichte der Universität Basel, 1912 bis 1914 verfasste Paul Burckhardt-Lüscher eine Geschichte der Stadt Basel von der Kantonstrennung bis zur Gründung des Bundesstaats.133

Ihren unübersehbaren Ausdruck gewann die Kulturstadt Basel in ihrer ‹Kulturmeile›. Der Architekt Johann Jakob Stehlin-Burckhardt erbaute Anfang der 1870er-Jahre die Kunsthalle, das Theater und den Musiksaal am Steinenberg, dazu das Bernoullianum. Finanziert wurden die Bauten durch Patriziat, Akademische Gesellschaft, Museumsverein und GGG.134 Die historistische Architektur demonstrierte nicht Luxus und Prunk, sondern bürgerlichen Bildungseifer.135 Sie atmete den Geist der Vergangenheit, wie auch andere öffentliche Gebäude. Das Bernoullianum war im Neobarock gehalten, ebenso die 1892 erbaute Universitätsbibliothek. Das Staatsarchiv trat in einer Mischung aus Neogotik und Neorenaissance auf.136 Seine Architektur zeigte an, dass die Stadt im Humanismus wurzelte. Die Stadt unterhielt seit der Kantonstrennung von 1833 eine innige Beziehung zu ihrer Universität.148 Hätten sich die Radikalen allerdings 1851 im Parlament durchgesetzt, wäre die 1460 gegründete Institution mit ihren Studienangeboten für Theologen, Mediziner, Juristen und Gymnasiallehrer abgeschafft worden. Doch der Versuch wurde vom Patriziat abgeschmettert. 149 Mehr noch, die Universität wurde zum Hort einer neuhumanistischen Bildung, die in die Stadt ausstrahlen sollte. Als Zentrum der Geisteswissenschaften betrieb die Hochschule Persönlichkeitsbildung, wie Jacob Burckhardt es sich wünschte: Dem Zeitalter fehle es nicht an spezialisiertem Wissen, sondern an Augenmass und ausgewogenem Urteil. Beides vermittle das Geschichtsstudium.150

Viele Professoren stammten aus dem Patriziat.151 Sie hatten nicht nur ihren wissenschaftlichen Aufgaben nachzukommen, sondern der städtischen Gesellschaft zu dienen, indem sie in Kommissionen einsassen, für das breite Publikum Vorträge hielten und Aufsätze schrieben.152 Die Professoren prägten die historischen Sammlungen und die Stadtgeschichtsschreibung. Für sie waren das göttliche Recht, der Staat und die Religion eng aufeinander bezogene «Potenzen», wie Burckhardt sich ausdrückte.153 Zu den Antrittsvorlesungen der Professoren wurde das Bürgertum geladen.154 Sie fanden wie die Vorlesungen in der Aula im Museum an der Augustinergasse statt, im vornehmsten Bau der Stadt. 1883 stellte man im Museum Büsten ‹verdienter Männer› auf. Fast alle kamen aus den alten Familien.155 Die Universitätsrektoren waren hoch angesehen. Sie sollten in ihrer Person wissenschaftliche Kultur, staatspolitisches Geschick und den Basler Bürgergeist vereinen.156 Ein Professor hatte immer auch Popularisator der Wissenschaften zu sein. Daneben war er verpflichtet, am Pädagogium zu unterrichten, das die Bürgersöhne auf die Universität vorbereitete.157 Es legte den Schwerpunkt auf Latein, Griechisch und Hebräisch. Um 1890 zählte der 15-köpfige Lehrkörper des Pädagogiums vier Burckhardt (darunter den Rektor Fritz Burckhardt), einen Stähelin und den Altphilologen Johann Jakob Oeri, Burckhardts Nachlassverwalter.158

1866 trat das von Ratsherr Wilhelm Vischer-Bilfinger vorbereitete neue Universitätsgesetz in Kraft, das die Institution mit den Universitäten von Zürich und Bern konkurrenzfähig machen sollte. Die neu gegründeten Institutionen, darunter auch das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich, die heutige ETH, etablierten sich erfolgreich als liberal-freisinnige Denkfabriken, an denen oft ausländische Flüchtlinge lehrten. Basel drohte ins Hintertreffen zu geraten. Seine Universität besass kaum Labors und Messgeräte und war noch keine Forschungsinstitution.159 Die Studentenzahlen waren bescheiden; 1870 waren 116 Studenten eingeschrieben, die Mehrheit davon angehende Theologen.160 Frauen wurden erst 1890 zugelassen, im schweizerischen Vergleich spät, und fassten an der Institution nur zögerlich Fuss.161 Die allererste Studentin, Emilie Louise Frey, war eine Stadtbaslerin, aber nicht aus dem Daig.162 Die angehende Ärztin war die Tochter eines Seidenhändlers. Mit dem neuen Gesetz wurden die Fakultäten mit mehr Ordinarien ausgestattet und zudem deren Besoldung um einen Drittel erhöht.163 Manche Professoren unterrichteten noch immer unentgeltlich – sie konnten es sich leisten.164

Besonders die Medizin wurde modernisiert, ab 1867 erfolgte die Gründung diverser Kliniken, darunter der Psychiatrie.165 Daneben holte man junge Wissenschaftler an die Universität.166 Einer davon war der Altphilologe Friedrich Nietzsche. Seine Vorlesungen waren selten gut besucht, dafür war sein Unterricht am Pädagogium begeisternd.167 Der Ausbau der Universität war nur möglich dank der Finanzierung durch die Freiwillige Akademische Gesellschaft, die von Ratsherr und Rechtsprofessor Andreas Heusler-Ryhiner ins Leben gerufen worden war.168 1890 wurden sechzehn Prozent der Basler Professuren von privater Hand finanziert, 1914 waren es gar vierzig Prozent.169

Das neue Gesetz änderte indes nichts an der Dominanz der Altertumswissenschaften, Altphilologie und Rechtsgeschichte. 1891 besass die philosophische Fakultät dreizehn, die theologische fünf, die medizinische sieben und die juristische Fakultät vier Lehrstühle.170 Auch die Doktordiplome zeugten von der Vorliebe für das klassische Bildungsideal. Sie waren in Latein verfasst, mit Grossbuchstaben wie auf alten römischen Inschriften. «Gut, günstig, glücklich und gesegnet sei …» – mit diesen Worten Ciceros hob Felix Stähelin-Schwarz’ Diplom an. Es stand im Zeichen des ‹Senatus populique Basiliensis›, der Basler Regierung und des Volks.171

Das in den 1870er-Jahren errichtete Bernoullianum, benannt nach der bedeutenden Mathematikerfamilie, wurde zum Zentrum der Naturwissenschaften. Prägend war der erste Direktor, der Physiker und Verfechter des Proporzverfahrens Eduard Hagenbach-Bischoff, wie ein Zeitzeuge festhielt: Er sah in den Bernoullianumsvorträgen «nicht nur ein Mittel zur Verbreitung allgemeiner Bildung, sondern vor allem auch einen Weg, auf dem die Lehrer der Hochschule einen Teil der Dankesschuld gegenüber der Bürgerschaft für manches der Universität gebrachte freiwillige Opfer abtragen können».172 Nach 1900 wandelte sich der nur der Naturerkenntnis dienende Gelehrte zum industrienahen Professor. Chemiker untersuchten nun für den Staat die neuen Produktionsanlagen der Farbenindustrie.173 Die Zeit des Professors, der einem Priester gleich seine Wahrheit verkündete, die er in heiligen Texten gefunden hatte, ging dem Ende entgegen.

Die Philanthropie der Grossbürgerinnen

Die Basler Sozialpolitik war privat und kirchlich geprägt. Um die Fürsorge kümmerten sich jeweils das protestantische, daneben auch das katholische und jüdische Milieu. Erst die Kantonsverfassung von 1889 definierte das ‹Armenwesen› als staatliche Aufgabe. Es blieb indes weiter in der Hand der Bürgergemeinde und der wohltätigen Vereine, wenn auch unter Mitwirkung des Staats.174 Das protestantische Milieu zählte insgesamt rund 75 Vereine, vom Abstinentenverein der Evangelischen Gemeinschaft Basel bis zum Zwingliverein Basel. Fast 1100 Personen waren leitend aktiv, viele darunter waren Pfarrer.175

Das konservativ-religiöse Patriziat war dominant. Es führte sein Verantwortungsgefühl für ‹seine› Stadt vor und hielt die Prinzipien der Ehrenamtlichkeit und Freiwilligkeit hoch, die seit der neuen Verfassung von 1875 nicht mehr galten.176 Auch die Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1911 änderte nichts daran, dass orthodoxe Protestanten und Pietistinnen in der Sozialpolitik einflussreich blieben. Letztlich hiess das: Bedürftige erhielten Almosen von Wohlhabenden, denen sie zu danken hatten, und die Elite kompensierte ihren politischen Machtverlust karitativ. Mit den sozialen Institutionen, die das Patriziat schuf, verhinderte es wohl die Eskalation der sozialen Konflikte. Obschon die Klassendifferenzen gross waren, blieben Klassenkämpfe bis 1918 aus.

Die Sozialpolitik funktionierte nur, weil zahllose Gattinnen und Töchter des Patriziats ehrenamtlich tätig waren. Sie stifteten Institutionen, sammelten Geld und beteten, sie liessen nähen und stricken oder taten dies selber. In der Armenpflege gewannen die bürgerlichen Baslerinnen einen Handlungsspielraum, der 1912 eingeschränkt wurde, als die private Fürsorge unter staatliche Aufsicht kam. Ihre Leitungspositionen wurden nun von Männern besetzt.177 Um 1900 waren drei Viertel der Frauenvereine in Armenpflege und Fürsorge tätig. Die pietistischen Vereine waren selbstständig, sie wirkten ohne männliche Aufsicht.178 Maria De Bary war neben Margaretha Merian-Burckhardt die grosse Wohltäterin in Basel.179 Sie wuchs im Internat der Herrnhuter Brüdergemeine auf. Ihr Vater war der Seidenbandfabrikant Johann De Bary-Sarasin. Für seine Arbeiterinnen und Arbeiter in St. Jakob, wo seine Fabrik stand, liess er durch Johann Jakob Stehlin-Burckhardt kleine Reihenhäuser bauen. Zu jeder Wohnung gehörte ein Stück Pflanzland, das die Bewohner kultivieren sollten. 1860 gründete Maria De Bary eine Kinderschule und eine «Flickschule» für die Fabrikarbeiterinnen. Auf ihre Anregung hin wurde 1873 eine Diakonissin nach St. Jakob berufen. Sie übernahm die Krankenpflege der Arbeiterinnen und Arbeiter.

Jahrzehntelang war Maria De Bary Mitglied des Frauenkomitees des Diakonissenhauses in Riehen, daneben hatte sie Einsitz in den Komitees des Hauses der Barmherzigkeit, des Vereins Freundinnen junger Mädchen, des Missionswerks, der Stadtmission und der Stadtschwestern.180 Als sie 1913 starb, bedachte sie in ihrem Testament über dreissig Vereine, Spitäler, Schulen und Heime mit ihrem Vermögen.181 Gemessen an ihrer sozialpolitischen Bedeutung ist über De Barys Leben wenig bekannt. Sie besass einen Landsitz in Grenzach und war befreundet mit Susette Spittler, der Adoptivtochter von Christian Friedrich Spittler, dem umtriebigen Sekretär der Deutschen Christentumsgesellschaft in Basel.182 Er hatte 1852 das Diakonissenhaus gegründet. In der klosterähnlichen Gemeinschaft beteten und wirkten Frauen unter der Führung einer Oberin «zum Heil der leidenden Menschheit».

Margaretha Merian-Burckhardt war die Gattin des Grossgrundbesitzers Christoph Merian-Burckhardt, der Basel die Elisabethenkirche schenkte. Sie intensivierte ihre philanthropische Tätigkeit nach dem Tod ihres Mannes 1858, der seine Frau und nach ihr die «liebe Vaterstadt» zu seiner Haupterbin eingesetzt hatte. Bis zu ihrem Tod 1886 lebte sie zurückgezogen mit Köchin und Zimmermädchen auf ihrem Landsitz in Brüglingen.183 Margaretha Merian-Burckhardt betreute unter anderen die Legate für: Bürgerspital, Bürgerliches Waisenhaus, Almosenamt, Armenkollegium, Armenhilfsverein, Gesellschaft gegen den Hausbettel, Suppenanstalt, Altersasyl für bedürftige Niedergelassene, landwirtschaftliche Armenschule, Kinderheim Beuggen. Besonders unterstützte sie die Frauenvereine und die Kleinkinderschule bei der Elisabethenkirche, ferner die Missionsgesellschaft, die Stadtmission, die Vereinskapelle und den Christlichen Verein. Zudem förderte die tatkräftige Witwe den Aufbau einer evangelischen Schule. Über die religiös orthodoxe Ausrichtung der von ihr mitfinanzierten Organisationen wachte sie peinlich genau.184

Auch aus dem Leben dieser Wohltäterin, die kinderlos blieb, ist nur wenig bekannt. Ihre Grossnichte Valérie Riggenbach-Burckhardt notierte, dass die Frau sparsam, aber königlich im Schenken gewesen sei: «Stets nach grossen Familientagen, wo gutes Essen in Fülle da war, lud sie auf die Resten alle Kinder zu sich ein. […] Für sich selbst brauchte sie nichts […]. In Brügglingen [sic] gehörte ihr das ganze Dorf mit seiner Mühle und Landwirtschaft als ‹leibeigen›. Sie trat ungeklopft wie eine Mutter überall ein. Alles gehorchte ihr auf’s Wort.»185 Aus dem Willen des Ehepaars Merian-Burckhardt ging unter anderem die Chr. Merian’sche Stiftung (CMS) hervor, deren Zweck laut dem Testament des Stifters die «Linderung der Noth und des Unglücks» ist. Die für die Entwicklung der Stadt Basel bedeutende und sehr finanzkräftige CMS nahm ihre Tätigkeit nach dem Tod von Margaretha Merian-Burckhardt auf. Sie unterstützte primär die Basler Bürgergemeinde sowie den Kanton als Vertreter der Einwohnergemeinde bei sozialen Einrichtungen und prominenten Bauprojekten.186 1902 bis 1905 baute die Stadt mit dem Geld der CMS die Mittlere Brücke neu.187

Eine weitere im Sozialwesen engagierte Grossbürgerin war Maria Suter-Christ. Die Tochter des Ratsherrn Adolf Christ-Sarasin, des Präsidenten der Basler Mission, stand 1873 mit 28 Jahren als Witwe mit vier Kindern da. Fortan engagierte sie sich im Frauenverein St. Theodor und in der Krippe im Bläsistift, rief den Verein der Freundinnen junger Mädchen ins Leben und war Mitglied des Komitees des Kinderspitals, dessen Gründung sich dem Engagement von drei Frauen der Familie Vischer verdankt. 1888 trat Suter-Christ der im Bernoullianum gegründeten Basler Sektion des Schweizerischen Roten Kreuzes bei, in dessen Dienst sie zeitlebens stand, ohne je ein Amt zu bekleiden.188 Die Sektion bildete nicht nur Samariterinnen aus, sondern sammelte auch Geld für Bedürftige, so für die Opfer der Hungersnot in Russland, des Burenkriegs, des Erdbebens von Messina und der Balkankriege. Professoren hielten Vorträge über Epidemien und Hygiene, das Damen-Comité organisierte Bazare.189 Ohne die Patrizierinnen hätte die Sektion nicht floriert. Die bereits 1815 gegründete Evangelische Missionsgesellschaft zu Basel bildete ein schier weltumspannendes Netz, das die Zirkulation von «Baumwolle und Bibeln» antrieb. Sie förderte den Glauben und die Wirtschaft. Die Basler Mission gedieh in der frommen Handelsstadt bestens: Die Synthese von Pietismus und Handel ermöglichte Basel und seinen führenden Familien, neben den Kolonialmächten und sogar vor ihnen in Asien und Afrika zu agieren.190 Mit der Mission exportierte das Patriziat seine Kultur und profitierte von der Ökonomie der imperialistischen Mächte.191

1859 rief die Basler Mission die Basler Missions-Handlungs-Gesellschaft ins Leben, welche die Geschäfte in Indien und an der Goldküste übernahm.192 Die rasch wachsende Organisation wurde zum ökonomischen Arm der Basler Mission. Sie diente der Ausbildung christlicher Missionare, die das Evangelium im Kaukasus, in Westafrika, Indien und China verkündeten.193 Daneben versorgte sie auch andere Institutionen mit Missionaren, etwa die anglikanische Kirche.194 Das Parallelunternehmen war Teil des imperialen Kolonialismus. Zwar hatte sich die Mission die Bekämpfung der Sklaverei auf ihre Fahnen geschrieben, doch noch um 1860 besassen in ihrem Tätigkeitsgebiet an der Goldküste einheimische Christen rund zweihundertfünfzig Sklavinnen und Sklaven. Dort schuf die Handelsgesellschaft 1900 mit anderen europäischen Firmen ein Kartell, um den Kakao von den einheimischen Lieferanten möglichst günstig zu erhalten.195

Die Macht, die das Patriziat in der Stadt besass, übte es auch in seiner Missionsorganisation aus.196 Das ehrenamtliche Komitee, das aus Geschäftsherren und Pfarrern bestand,197 führte die Aufsicht über die Stationen mit mehr als vierhundert Missionaren, wenigen Missionarinnen und mehr als zweitausend indigenen Mitarbeitenden. Es ergänzte sich selbst und wurde von niemandem kontrolliert. Das Komitee sagte von sich, dass in seinem Willen der Wille Gottes erkennbar sei.198

Bis 1877 hiess der Präsident der Basler Mission Adolf Christ-Sarasin, auf ihn folgten weitere Patrizier. Während die Komiteemitglieder aus Basels Patriziat stammten, kamen die Inspektoren aus der pietistischen Elite Württembergs.199 Auch die Lehrer und Missionare wurden aus dortigen Bauerndörfern rekrutiert.200 Die Mission unterhielt sogar Verbindungen zur Theologischen Fakultät der Universität Basel, die ab 1910 mit der Dozentur für ‹Missionswissenschaft› intensiviert wurden.201 Umstritten war, ob Frauen missionieren dürften. 1879 wurde die sogenannte Frauenmission eingeführt.202 Die meisten Akteurinnen waren Töchter von Missionaren, Hebammen und Lehrerinnen. Eine wichtige Funktion hatten die Ehefrauen der Missionare, die vor Ort oft das Vertrauen der Indigenen gewannen. Ärztinnen liess das Komitee trotz Vorstössen von Frauen keine zu.203

Die kolonialen Verstrickungen Basels und deren Bedeutung für die Stadt sind beispielhaft ersichtlich an den Biografien der beiden Naturforscher Fritz und Paul Sarasin. Nach ihren Forschungsreisen nach Indonesien, wo sie ihr «Rassenwissen» der niederländischen Kolonialmacht zur Verfügung stellten, stiegen sie um 1900 zu internationalen Stars der Naturwissenschaften auf. An vorderster Front beteiligten sie sich an der Debatte um die von Charles Darwin aufgeworfene Frage nach der evolutionären Abstammung des Menschen. Mit den aus den Tropen mitgebrachten Tieren, Pflanzen und Totenschädeln prägten die Vettern das kulturelle und wissenschaftliche Leben der Stadt und der Schweiz. Sie leiteten das Naturhistorische Museum, gründeten das Völkerkundemuseum, präsidierten den Zoo und die Naturforschende Gesellschaft der Schweiz (heute: Akademie der Naturwissenschaften). Als frühe Anhänger der Naturschutzbewegung riefen sie den Schweizerischen Nationalpark ins Leben, der das «Natürliche» auch in der Schweiz bewahren sollte. Ihr Ideal waren die «unberührten» Tropen.204 In der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) spielten die grossbürgerlichen Frauen eine wichtigere Rolle als in der Basler Mission, auch wenn sie im Schatten ihrer Männer agierten. Die GGG war einer der grössten Basler Vereine und dazu die wichtigste karitative Einrichtung der Stadt, unter deren Dach zahlreiche Organisationen tätig waren. Treibend für die GGG war der Gedanke, wie der Basler Wirtschaftshistoriker Fritz Mangold 1904 beobachtete, dass die «Selbsthilfe» und die «Assoziation der Kräfte in Form der Genossenschaft» sich zu einem System entwickelten, das keiner Staatshilfe bedürfe und das Selbstvertrauen der Bedürftigen wecke.205

Von Spenden lebend, wurde die GGG vom konservativen Stadtbürgertum dominiert. Noch um 1910 rekrutierte sie ihre Mitglieder zu zwei Dritteln aus alteingesessenen Familien, die ihr Bürgerrecht vor 1800 erworben hatten, darunter viele reformierte Pfarrer und Pietistinnen.206 Ab 1850 hatten die Patrizier die GGG in Reaktion auf ihren Machtverlust und auf den Aufstieg von Freisinn und Arbeiterbewegung zu einer grossbürgerlichen Plattform für ihre Sozial- und Bildungspolitik umgebaut.207 Die Frauen waren wichtige Gönnerinnen der GGG. So vermachte Adèle Merian-Iselin der Gesellschaft 100 000 Franken zur Errichtung der heutigen Merian Iselin Klinik. Einige der Vereine und Einrichtungen, die der GGG angehörten, wurden von Pietistinnen geführt, etwa die Kleinkinderschulen und die Frauenarbeitsschule.208 1880 publizierte der ‹Schweizerische Volksfreund›, Basels freisinnig-radikale Tageszeitung, eine Glosse über ‹Sonderbare Käuze›, von denen in Basel offenbar besonders viele lebten, und zwar in der St. Alban-Vorstadt. Das rühre von der exzessiven Frömmigkeit und den vielen Heiraten innerhalb der alten Geschlechter her.209 Das ‹fromme Basel› war pietistisch geprägt, und als Hort des Pietismus galt das Patriziat, wobei dessen exklusiver Teil stets unter dem Verdacht stand, nicht fromm genug zu sein.210 Durch das konservative Bürgertum war schon um 1860 ein Ruck gegangen, ausgelöst von den Ratsherren und Unternehmern Adolf Christ-Sarasin und Karl Sarasin(-Vischer)-Sauvain. Beide arbeiteten darauf hin, dass religiöse Überzeugungen vermehrt in die Politik Einzug hielten, insbesondere in die Sozialpolitik.211 Die Basis ihres Vorhabens fanden sie in der 1859 gegründeten Evangelischen Gesellschaft für Stadtmission und im 1864 eröffneten Christlichen Vereinshaus. Beide Institutionen hatten wie rund vierzig andere ihre Wurzeln in der 1780 vom Pietisten Christian Friedrich Spittler gegründeten Christentumsgesellschaft.212 Stadtmission wie Vereinshaus dienten dazu, die stetig zuwandernden Menschen zu missionieren, die Kirchengemeinschaft auf die nichtbürgerliche Bevölkerung auszudehnen und den theologischen Liberalismus einzudämmen. Die grössten Erfolge verbuchten die Pietisten nach 1870, als ihre Pfarrer in kirchlichen und ausserkirchlichen Vereinen stark präsent waren. Obschon sie im konservativen Bürgertum eine Minderheit bildeten, gelang es ihnen, die konfessionelle Staatsschule zu erhalten.213 1871 gründeten Christ-Burckhardt und seine Freunde den Schweizerischen Evangelisch-kirchlichen Verein, der sich gegen jede Kirchenreform richtete.214 Nach 1880 radikalisierte sich die jüngere Generation des konservativen Stadtbürgertums gar, trennte sich von der Landeskirche und schloss sich der Erweckungsbewegung an.215

Der Pietismus emotionalisierte und radikalisierte den Glauben. Er versprach spirituelle Wiedergeburt dank intensiver Lektüre der Heiligen Schrift, persönlicher Askese und Disziplin sowie Mission und Evangelisierung.216 Zunächst eine separatistische Bewegung, wollte der Pietismus den Protestantismus aus einem urchristlichen Geist heraus erneuern.217 Er näherte sich dem ‹positiven›, orthodoxen Flügel der Staatskirche an. Eine einzigartige pietistisch-politische Szene entfaltete sich. Die Häresie wurde sozusagen Teil der Orthodoxie. Für Frauen waren die religiösen Bewegungen besonders attraktiv, weil sie ihnen, obschon sie patriarchal geprägt waren, neue Handlungsräume boten.218

Wenn zwischen Pietismus und Staatskirchentum auch Spannungen bestanden, so gingen sie doch in der Verteidigung des rechten Glaubens einig. Als der Münsterpfarrer und Kirchenratspräsident Arnold von Salis 1909 an der Fünfzig-Jahr-Feier der Stadtmission sprach, erinnerte er daran, dass diese am Anfang der damals noch einheitlichen Bekenntniskirche als verdächtig gegolten habe. Zunehmend aber sei die Stadtmission kirchenfreundlich aufgetreten und habe sich das Verhältnis gebessert.219 Die Organisation betätigte sich rein geistlich, sie betrieb keine soziale Fürsorge. Die eigentliche Missionsarbeit an der Basis wurde nicht von Patriziern geleistet.220

Pietistisch inspiriert war auch der 1901 gegründete konservative ‹Basler Frauenverein zur Hebung der Sittlichkeit›. Seine erste Präsidentin war Lily Zellweger-Steiger, deren Weltanschauung im württembergischen Bad Boll von einem Pietisten geprägt wurde. Ihr Mann war der Pfarrer Otto Zellweger, Chefredaktor der ‹Allgemeinen Schweizer Zeitung›.221 Sie forderte den Staat auf, die Fürsorge in sein Budget aufzunehmen, und kritisierte wohlhabende Bürgersfrauen, weil sie nur ein schönes Leben führten und ihren Angehörigen das Leben angenehm machten, während Hunderttausende von Frauen «im Angesicht ihres Schweisses Brot verdienen müssen».222 Lily Zellweger-Steiger gehörte nicht mehr zum städtischen Patriziat. Nach ihrem Tod 1914 beschleunigte sich die Erosion der pietistisch-protestantischen Kirchlichkeit, um in der Mitte des Jahrhunderts einen Höhepunkt zu erreichen, der sich in zahlreichen Kirchenaustritten äusserte. Die Säkularisierung erreichte das einst so fromme Basel im Vergleich mit anderen Städten spät, aber umso heftiger.223 Auch politisch sollte die Stadt kippen, ab 1935 war die einst patrizische Republik sogar tiefrot. Das hätten sich Pietistinnen und konservative Patrizier vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht einmal in ihren Alpträumen ausmalen können.

Das Patriziat sah sich als Zentrum und Motor der wohlhabenden Handelsstadt, nicht zuletzt, weil es nach dem Abstieg der Textilindustrie die wirtschaftlichen Aufsteiger integrierte und so auch Fuss in der Chemie fasste. Für das Grossbürgertum war Basel eine durch und durch bürgerliche Stadt. Das war sein blinder Fleck. Ihm entging, dass auch nicht-bürgerliche Menschen die Basler Ökonomie am Laufen hielten, wenn auch nicht so prominent und einträglich. Beim Bahnhof stand das Luxushotel Univers, doch daneben vermieteten zahlreiche kleine Pensionen ihre bescheidenen Betten an Menschen, die einen günstigen Schlafplatz brauchten. Die vielen Frauen, die für andere wuschen und putzten, auch für das Grossbürgertum, hielten Basels Infrastruktur und damit die Stadt aufrecht und in Gang. Dass sie für ihre Arbeit schlecht entlohnt wurden und in prekären Zeiten um Almosen betteln mussten, hatten nicht sie bestimmt.

Anmerkungen

  1. Amstutz; Strebel 2002, S. 68.
  2. Wecker 2000, S. 211.
  3. Stähelin-Schwarz; Stähelin-Bachmann; Staehelin-Wackernagel 1903/1995, S. 138. Zu den Biografien siehe Raith, Michael: Christ, Adolf, in: Historisches Lexikon der Schweiz; Wichers, Hermann: Sarasin, Karl, in: ebd.
  4. Kriemler 2017, S. 218.
  5. Sarasin 1997, S. 13.
  6. Kriemler 2017, S. 188 und 194.
  7. New England Historical Society 2021.
  8. Gossman 2005, S. 56–58.
  9. Speiser-Sarasin 1935, S. 109.
  10. Gossman 2005, S. 57.
  11. Staehelin-Burckhardt 2003, Bd. 2, S. 22.
  12. Haegler-Passavant 1930, S. 53.
  13. Ebd., S. 55 ff.
  14. Staehelin-Burckhardt 2003, Bd. 2, S. 22.
  15. Vischer 1915, S. 4.
  16. Staehelin-Burckhardt 2003, Bd. 2, S. 365.
  17. Schmid 2022, S. 39.
  18. Piguet o. D.
  19. Staehelin-Burckhardt 2003, Bd. 1, S. 168.
  20. Ebd., Bd. 1, S. 266.
  21. Hoffmann 1998, Bd. 1.
  22. Ebd., Bd. 2, S. 63.
  23. Ebd., Bd. 2, S. 38.
  24. Ebd., Bd. 2, S. 107, 134 und 146.
  25. Sarasin 1997, S. 96.
  26. Schmid 2022, S. 24.
  27. Ehrenbold; Hafner 2020, S. 157.
  28. Brönnimann 1978, S. 8 zu Emanuel La Roche-Heusler und seinem Spitznamen.
  29. Zitiert in Brönnimann 1982, S. 16.
  30. Brönnimann 1973. Schulz-Rehberg 2015. Huber 2014. Stroux.org, Genealogie der Familien Stroux-Speiser und Patrizier-Familien Basel: www.stroux.org/patriz_f/stVi_ f/ViR_r.pdf, Ast Jakob Eduard Vischer.
  31. Brönnimann 1973, S. 45.
  32. Bühler 1972, S. 45.
  33. Herren-Oesch; Burghartz 2021, S. 125–159.
  34. Brönnimann 1982, S. 107.
  35. Schmid 1903, S. 110. Schürch 2020. Siehe www.hausgenossen.ch, abgerufen am 14.04.2024.
  36. Brönnimann 1978.
  37. Huggel 1997, S. 268.
  38. Wikipedia, Artikel ‹Wolfgottesacker›, abgerufen im Juli 2023.
  39. Huggel 1997, S. 271.
  40. Raulff 2015, S. 40.
  41. Haegler-Passavant 1930, S. 51 f.
  42. Zitiert in Burckhardt-Vischer 1944, S. 195.
  43. https://www2.unil.ch/elitessuisses/index. php?page=detailPerso&idIdentite= 88446.
  44. Burckhardt-Vischer 1944, S. 198.
  45. Sarasin 1997, S. 146.
  46. Basler Stadtbuch, Chronik vom 07.06.1896.
  47. Ehrenbold; Hafner 2020, Kap. 2.
  48. Roth 1988, S. 12.
  49. Sarasin, Philip: Burckhardt, Karl, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
  50. Stähelin-Schwarz; Stähelin-Bachmann; Staehelin-Wackernagel 1903/1995, S. 126.
  51. Ehrenbold; Hafner 2020, S. 200.
  52. Pernet 2015, S. 249; Wecker 2000, S. 218; Degen, Bernard; d’Aujourd’hui, Rolf; Meyer, Werner u. a.: Basel-Stadt, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
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  55. ASZ, 1876.
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  60. Speiser-Sarasin 1935, S. 24 und 143.
  61. Wecker 2000, S. 222. Grieder-Frick 1980, S. 129.
  62. Sarasin-Iselin 1937, S. 11 und 22.
  63. Schmid 2022, S. 21 f.
  64. Krayer 1995, S. 22 f.
  65. Sarasin 1997, S. 111 f.
  66. Ebd., S. 117 f.
  67. Zitiert in ebd., S. 242.
  68. Wild 2010.
  69. Roth 1988, S. 13.
  70. Moser, Daniel V.: Eidgenössischer Verein, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
  71. Zitiert in Roth 1988, S. 12 und 23.
  72. BAR, E2#1000/44#524*.
  73. Basler Stadtbuch, Chronik vom 26.08.1888.
  74. BAR, E2#1000/44#524*. Jorio 2023, S. 169.
  75. Portmann-Tinguely, Albert; Cranach, Philipp von: Flüchtlinge, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
  76. Mannheim 1995, S. 199 f.
  77. Janner 2012, S. 34.
  78. Kriemler 2017, S. 195. Janner 2012, S. 34.
  79. Kriemler 2017, 195.
  80. Bachofen 1861.
  81. Hafner 2018, S. 2.
  82. Kittsteiner, Heinz-Dieter: Die undehnbare Vergangenheit. Nietzsche unter den Historikern, in: NZZ, 26./27.08.2000, S. 87.
  83. Peter, Niklaus: Theologie und Antitheologie. Zum 100. Todestag von Franz Overbeck, in: NZZ, 25.06.2005.
  84. Hafner 2023.
  85. Gossman 2005.
  86. Roth 1988, S. 16 f. und 105.
  87. Kury 2013, S. 614 f.
  88. Staehelin-Burckhardt 2003, S. 91.
  89. Janner, Sara: Wackernagel, Rudolf, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
  90. Janner 2012, S. 530.
  91. Staehelin-Burckhardt 2003, S. 92.
  92. Buchbinder 2002.
  93. Ebd., S. 231.
  94. Sarasin 1997, S. 276.
  95. Janner 2012, S. 26–27. Speiser-Sarasin 1935, S. 27.
  96. Zitiert in Sarasin 1997, S. 282.
  97. Zitiert in ebd., S. 286.
  98. Burckhardt 1939, S. 110 ff.
  99. Stickelberger 1923, S. 112. Burckhardt 1939, S. 125.
  100. Janner 2012, S. 530.
  101. Stohler, Martin: Die Geschichte des Basler Rathausturms. In: TagesWoche, 18.08.2014.
  102. Barth 1912, S. 30–32.
  103. Sarasin 1990, S. 448–451.
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  106. Mooser 2009, S. 251.
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  108. Ebd., S. 136 f.
  109. Ebd., S. 170 ff.
  110. Bauer 2001, S. 206.
  111. Janner 2012, S. 527.
  112. Vicent 2022, S. 156.
  113. Ehrenbold; Hafner 2020, S. 18.
  114. Stähelin-Schwarz; Stähelin-Bachmann; Staehelin-Wackernagel 1903/1995.
  115. Ehrenbold; Hafner 2020, S. 18.
  116. StABS, PA 182, Familienarchiv Stähelin.
  117. Janner 2015, S. 130.
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  119. Meyer-Kraus 1880, S. 3.
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  180. Schäfer-Schmidt 1915, S. 31 und 37 ff.
  181. Amstutz; Strebel 2002, S. 48 f. und 50 f.
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  189. Ebd., S. 20 und 31 f.
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  195. Kreis 2023, S. 159–165.
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  200. Jenkins 1989, S. 10 f.
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  212. Staehelin 1970, S. VII.
  213. Janner 2012, S. 515 f., 522 und 526.
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  215. Janner 2012, S. 521.
  216. Miller 1994, S. 12 f.
  217. Hebeisen 2005, S. 71 ff. und 83 ff. Schweizer 2002, S. 13 f.
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  219. Anstein 1909, S. 3.
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  221. Ludi, Regula: Zellweger-Steiger, Lily, in: Historisches Lexikon der Schweiz. Fuchs, Thomas: Zellweger, Otto, in: ebd.
  222. Zellweger 1915, S. 105 f.
  223. Hofmann 2013, S. 157 ff.
  224. Suter 1985, S. 35.
  225. Labhardt 2011, S. 240.
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  227. Labhardt 2011, S. 243.
  228. Janner 2012, S. 526.