Die Geschichte Basels in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zur Französischen Revolution gilt als auffallend ereignislos. Zugespitzt gesagt, man gewinnt den Eindruck von lauter Zuständen und keinem Geschehen. Die Zeit ab 1789 mit dem Ende des Ancien Régime bis zum Untergang der napoleonischen Ordnung ist demgegenüber stark von Krieg, Krise und Brüchen geprägt. Doch am Ende schafft die europäische Diplomatie eine neue Ordnung mit nationalen Grenzen, die im heutigen Dreiland immer noch gültig sind. Eine eigene Sicht auf das, was die Stadt in der Zeit vor 1789 bewegt, bietet sich, wenn man den Fokus von Ereignissen auf Akte der Kommunikation verlegt. Wichtig sind hier – nicht zuletzt geschlechtergeschichtlich von Bedeutung – die sozialen Treffpunkte: Familie, Strasse, Wirts- und Kaffeehäuser, Zünfte, Salons, weiter dann die später entstandenen, reformerisch orientierten Sozietäten.
An der Mauer
Die Marktfrauen stehen bereit und wissen, was kommt. Eine kleine Türe in der Stadtmauer geht auf. Ein Soldat tritt heraus, schaut sich in der Morgendämmerung um und erkennt die gewohnten Gesichter: Händlerinnen aus den zollfreien Dörfern mit ihren gefüllten Karren und Körben für die hungrige Stadt, Fuhrwerke von weiter oder ganz weit her. Sie warten darauf, durchs Spalentor eingelassen zu werden. Im Tagesverlauf wird das Bild bunter werden. Später kommen und gehen Reisende in Postkutschen, Bauerntöchter und -söhne, die fast noch Kinder sind und Arbeit suchen, Wagenladungen mit Fisch oder Bettwaren, fliegende Händler, Krämerinnen, Familien mit einem Gemüsegarten im Stadtgraben. Jetzt aber gibt der Soldat ein Zeichen. Das Stadttor öffnet sich, Basel erwacht.1 Die paar Harzpfannen der Stadtbeleuchtung sind ausgebrannt, die Menschen sind aus den Betten, das Klein- und Grossvieh macht sich in den zahllosen Hausställen bemerkbar. Durchs offene Tor dringt ein Stoss kühler Luft, der in den beengten Verhältnissen unmittelbar hinter den Stadtmauern besonders willkommen ist. Türen und Fenster werden aufgerissen, der Muff von Vortag und letzter Nacht soll raus. Inzwischen hat die Arbeit am Tor begonnen. Papiere werden geprüft, der Torzoll wird verlangt. Eine detaillierte, gedruckte Zollordnung von 1765 legt fest, wer wie viel wofür zu zahlen oder nicht zu zahlen hat.2 Basel orientiert sich dabei nicht ins eigene Hinterland. Zollfrei sind Waren aus zwei Dutzend Sundgauer, aber nur zwei Baselbieter Dörfern, Münchenstein und Muttenz. Juden zahlen als Einzige ein Kopfgeld und werden nur tagsüber in der Stadt geduldet.3 Vermeintliches Bettelvolk wird gleich arretiert, zuweilen verprügelt, und an die Kantonsgrenze geschafft. Die Bauernkinder werden vielleicht dauerhaft Arbeit finden und in der Stadt bleiben, aber niemals werden aus ihnen Basler, das Bürgerrecht ist exklusiv. Die Stadt bleibt unter sich; so ist es seit Menschengedenken, sicher seit den Unruhen von 1691. Basel in den letzten paar Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, das sind lauter Zustände und kein Geschehen, möchte man später meinen.
Diese Annahme zeugt von verzerrter Wahrnehmung und hat blinde Flecken. Sie entspringt dem scharfen Kontrast zu den folgenden Jahren, die – beginnend mit der Französischen Revolution 1789, kulminierend in der Helvetik 1798 bis 1803, retardierend in der Mediation 1803 bis 1815 – so vieles so viel anders machten. Wenn grosse Ereignisse der einzige Massstab sind, herrscht vorher tatsächlich Langeweile. Diese Ereignisse kommen aber nicht aus dem Nichts. Wer auch immer nach 1789 vom Kleinen ins Grosse agiert, wer inspiriert, war bereits da, wuchs hier auf, nahm wahr, was bewegte, und gab weiter. Die so statisch wirkende Stadt ist voll von Männern und Frauen, die für Bewegung sorgen und sorgen werden – daheim und am Arbeitsplatz, in den Läden und Werkstätten, in den Kontoren, in Wirts- und Kaffeehäusern, auf den Zünften, in den Salons, draussen auf der Strasse und unter den Stadttoren. Vor den Toren ist es nicht anders. Das Basler Umland ist ein Vielland. Geradezu fantastisch changierend mit vormodernen Staaten und beinahe noch mittelalterlichen Gebilden wie der Eidgenossenschaft, dem selbstständigen Mülhausen, dem Fürstbistum Basel, dem württembergischen Mömpelgard, Vorderösterreich, der französischen Monarchie. Aus dem Vielland wird innert zwei Jahrzehnten ein Dreiland, militärisch erzwungen, machtpolitisch klarer, präsenter, mit Frankreich, der Eidgenossenschaft und dem Grossherzogtum Baden. Das bringt eine neue Härte ins Verständnis von Grenzen und Territorien.4
Die vielen Brüche ab 1789 schaffen neue Verbindungen. Basel ist auf vielfältige Weise darin verstrickt. Die Stadt ist eine Drehscheibe für materielle und immaterielle, geschmuggelte und notverkaufte Güter aus den Kriegsgebieten. In den Handelskontoren, wo der Blick weit in die Welt hinaus geht, weiss man seit jeher um den Wert von Waren und Menschen. Informationen und Raubkunst werden gehandelt, Diplomaten und Spione quartieren sich ein, die europaweite Verschiebung der napoleonischen Massenheere geht auch durch Basel, eine Epidemie wird eingeschleppt. Zum Stresstest der Stadt gehört schliesslich, 1816 und 1817, eine Hungersnot. In das so wichtige religiöse, zunehmend pietistisch beeinflusste Leben kommt deutliche Bewegung durch die Katholiken des Birsecks; und die Etablierung der Basler Mission sowie die Massenaufläufe bei den Endzeitpredigten der Baronin von Krüdener sind Signale des gesteigerten individuellen Anspruchs auf religiöse Erfahrung und Praxis.
Dennoch kann am Anfang wie am Ende dieses Zeitraums von fast sechzig Jahren beinahe dasselbe Bild vom Toreingang gezeichnet werden. Die Juden müssen kein Kopfgeld mehr zahlen, wenn sie eingelassen werden, aber die Abkapselung der Stadt ist wieder da. Die zweite Hälfte der knapp sechzig Jahre zwischen 1760 und 1817 ist auch ein Scheitern der Kräfte, die demokratische Ideale entwickeln, ihren Handlungsspielraum erweitern und doch wieder verlieren. Den Erfolgen einer aufgeklärt-reformerisch bis revolutionär eingestellten Interessengruppe stehen zunehmend ernüchternde Erfahrungen und eine konservative Gegenbewegung gegenüber. Nicht zuletzt fehlt es immer am Interesse, den Austausch mit der eigenen Landschaft gleichberechtigt zu gestalten. Eine Orientierung der Stadt auf das Baselbiet hin wird es kaum geben. Die ehemalige Zollordnung am Tor wirkt nachträglich wie ein böses Vorzeichen.
Am Rand der Schweiz, bedrängt in Europa
In den Jahren um 1760 kam es zu einer Debatte über Basel und seine Bevölkerung. Die Stadt war nach aussen geschützt durch zwei Mauerzüge um Gross- und Kleinbasel, sieben Tore, zehn Bollwerke und dutzende Türme. Und doch wandte sich 1757 das ‹Ladenamt›, vornehmlich zuständig für die innere Sicherheit, beunruhigt an die Regierung. Dies, weil in Basel immer mehr Fremde sich aufhielten und arbeiteten: Ursache sei ohne Zweifel die «Zunam der Fabriques und Manufacturen allhier», was der Stadt aber auch grössten ökonomischen Nutzen brächte, so das Ladenamt.5 Zur selben Zeit befasste sich der Basler Aufklärer Isaak Iselin ebenfalls mit der städtischen Bevölkerung. Mehr Baslerinnen und Basler starben, als geboren wurden. Iselin riet dazu, das Bürgerrecht wieder auch an Zugezogene zu verleihen. Das war seit Beginn des Jahrhunderts nicht mehr geschehen. Iselins Idee fand politische Unterstützung, doch nicht dauerhaft. Einer sehr zurückhaltenden Öffnung des Bürgerrechts im Jahr 1758 folgte dessen erneute Schliessung fünf Jahre später (vgl. S. 304–309). Rund 15 000 Menschen lebten in Basel um 1760. Nach dem Zunftaufstand von 1691 hatte die Stadtrepublik keine Unruhen mehr erlebt. Allerdings sah sie andernorts, wie fragil sie eigentlich war. Das 18. Jahrhundert war ein Kontinuum städtischer Revolten in der Eidgenossenschaft.6 In Solothurn, Genf, Bern und Zürich gab es zwischen 1698 und 1784 acht Aufstände. So klein die Bevölkerungszahlen waren, gab es doch nicht die eine städtische Gesellschaft, sondern eher soziale Räume mit gewaltigen Unterschieden: Patriziat und Zünfte, bürgerliche und unterbürgerliche Schichten, Einheimische und Zugezogene, Männer und Frauen. Das Ladenamt meinte die ‹gemeinen Aufenthalter›, wenn es sich wegen der Fremden sorgte. Diese waren eine Gruppe der Bevölkerung ohne Basler Bürgerrecht. Sie setzte sich aus Tagelöhnern, Mägden oder den Manufakturarbeitern zusammen und prägte die Stadtarmut. Ihr Alltag war erfüllt von der Sorge um Essen, Wohnen, Kleidung.7 Bei Hungersnöten litten diese Menschen am meisten. Andere Zugezogene lebten und verdienten als Fachkräfte in den Kontoren oder als Gelehrte und Künstler deutlich besser. Diese ‹Hintersassen› hatten einen besseren Rechtsstatus und genossen ein Niederlassungsrecht. Allen Zugezogenen war aber gemeinsam, dass sie keine politischen Rechte hatten. Ihre Leben verliefen nach den Regeln der Ständegesellschaft des Ancien Régime.
Ancien Régime ist die Bezeichnung für die Gesellschafts-, Staats- und Wirtschaftsform Europas vor der Französischen Revolution. Ihr Kern war der ‹Stand› eines Menschen. In den Stand wurde man geboren oder aufgenommen, und aus ihm leiteten sich unterschiedliche Rechte und Möglichkeiten ab. In den dreizehn Orten der republikanischen Schweiz fehlten zwar Adel und Klerus, die in den Monarchien dominierten. Aber die ständische Unterteilung war deutlich. In Basel hing alles am Bürgerrecht. Die Hälfte der Bevölkerung besass es. Zwar war auch innerhalb der Bürgerschaft die soziale Spanne weit: Weder die vielen Familien des Kleingewerbes noch die einfachen Staatsbediensteten und ihre Angehörigen waren per se vor einem kärglichen Leben gefeit. Doch nur, wer das Bürgerrecht hatte, war im Stand der persönlichen Freiheit mit allen ihren Privilegien: Befreiung von direkten Steuern, Unterstützung in Notlagen und für den Mann Zunftrecht sowie Wahlrecht – und die Erwartung, eines der vielen kleinen oder grösseren Ämter zu erhalten, die typisch für die Stadt im Unterschied zum Dorf waren. Dort war die unterste Ebene der ständischen Gesellschaft erreicht. Auf dem Land lebte das leibeigene Volk, über das die städtische Bürgerschaft herrschte. Mit bürgerlichen Vorrechten ausgestattet durften ihre Angehörigen damit rechnen, irgendwie ein Einkommen und eher als andere einen Platz im Leben zu finden. Dieses Wissen war für einen grossen Teil der Bürgerschaft eine Klammer über die sozialen Bruchlinien hinweg.
Wie die Menschen waren die Zünfte, denen die Basler Bürger angehörten, nicht gleich. Die untereinander verwandten Unternehmer und Kaufleute der ‹Herrenzünfte› waren vermögender als die Handwerker und erhielten die wichtigeren Staatsämter. Familiäre Verbindungen, Einfluss und Reichtum waren enorm wichtig. Es gab kein Wahlvolk, denn die Gremien bestimmten ihre Mitglieder selbst oder delegierten sich gegenseitig in die wichtigen Ämter. Die Basler Politik hatte ihre Keimzellen in den Zunftvorständen, die sich grösstenteils selbst erneuerten. Ihr Dreh- und Angelpunkt war aber der regierungsähnliche ‹Kleine Rat›. Der Kleine Rat war kein gewähltes Gremium, sondern eine Delegation. Er bestand aus je zwei Mitgliedern aller Zunftvorstände, dem ‹Zunftmeister› und dem ‹Ratsherrn der Zunft›, wobei der Ratsherr wiederum die Interessen des Grossen Rats in der Zunft vertrat. Auch in den parlamentsähnlichen ‹Grossen Rat› wurde niemand gewählt. Er war die Versammlung nicht nur zweier, sondern aller Mitglieder der Zunftvorstände. Dazu kamen Vertreter aus Kleinbasel und der Gerichte. Die Aufgabe des Grossen Rats war die Billigung wesentlicher Vorlagen und die Wahl in wichtige Ämter von Staat und Kirche. Er bestimmte die Bürgermeister und Oberstzunftmeister, welche die Sitzungen der Räte leiteten und die Beamten kontrollierten. Die Zuständigkeiten der politischen Organe stützten sich auf Ratserlasse ohne saubere Schnittstellen. Die Vermischung der drei Staatsgewalten gab dem Regieren einen erheblichen Spielraum gegenüber der Gesetzgebung und der Rechtsprechung.
Nicht die Presse, die erst im 19. Jahrhundert an Bedeutung gewann, war die ‹vierte Gewalt›, sondern die Religion. Sie war hochpolitisch und griff tief ins Alltagsleben ein. In Basel war seit der Reformation des 16. Jahrhunderts nur der protestantische Glauben anerkannt, er fand in der Staatskirche statt. Sittengerichte, Verordnungen und die Zensur bekämpften Abweichungen vom Glauben. Staat und Staatskirche verlangten ein ‹Stillsitzen› der Menschen und versprachen dafür ein friedliches Miteinander. Doch die Akzeptanz des staatlichen Christentums mit seinen erstarrten Glaubensbezeugungen schwand. Im Pietismus fanden Laien und Geistliche, Mittellose und Vermögende, Männer und Frauen zusammen. Ihr Verständnis von Christentum suchte das persönliche Erweckungserlebnis. Während der zweiten Jahrhunderthälfte etablierte sich der Pietismus in grösseren Vereinigungen wie der ‹Deutschen Christentumsgesellschaft› von 1779, privaten Zirkeln und Familien. In den pietistischen und den an sich reformorientierten Familien zeigten sich zuerst die Ansätze einer neuen Bürgerlichkeit. Nicht zuletzt in Tagebüchern und Briefen wurden die Spielregeln des Zusammenlebens im Privaten und in der Öffentlichkeit eingeübt und reflektiert. Schriftkultur und Gefühlsleben erhielten eine zentrale Rolle in der Entwicklung des bürgerlichen Selbstverständnisses (vgl. S. 46–69). Der Pietismus zeigte sich flexibel und verwarf nicht das vorgeschriebene kirchliche Leben. So öffnete sich pietistischer Religiosität ein Weg in die Staatskirche. Bekundungen innerlicher Frömmigkeit nahmen in ihr zunehmend Raum ein. Katholische Gläubige waren seit der Reformation eine Minderheit, und sie durften ihren Glauben nicht öffentlich zeigen. Katholische Gottesdienste konnten erst 1734 mit dem kaiserlichen Gesandten nach Basel zurückkehren, als dieser Messen in seiner privaten Kapelle abhalten liess. Zu den Messen versammelten sich so viele Leute, dass sie bis auf die Strasse hinaus anstanden und es zu Konflikten mit reformierten Gläubigen kam.8 Eine katholische Gemeinde mit einer ordentlichen Kirche wurde aber erst mit der Revolution von 1798 möglich (vgl. S. 238–259).
Im internationalen Vergleich spät, nach Mitte des 18. Jahrhunderts, kam es zu ersten aufklärerischen Zusammenschlüssen in Basel. Auch für diese spielte das Christentum eine wichtige Rolle, doch wurden den religiösen Maximen weltliche an die Seite gestellt. Die eigene Vernunft sollte alle Bereiche des Lebens reformieren, soziale Unterschiede und Konfessionen sollten die Menschen nicht trennen. Insbesondere Naturrechte, gemeint waren für jeden Menschen gleiche Rechte, wurden diskutiert. Diese stellten die ständische Ordnung und deren rigide Machtmittel grundsätzlich infrage. Auch hier schaltete sich Isaak Iselin massgeblich ein. Vor allem dank ihm fand Basel Anschluss an anderswo bestehende Netzwerke, er gründete reformorientierte Gesellschaften oder ‹Sozietäten›. Die wichtigste Reformgesellschaft war die ‹Gesellschaft zur Beförderung des Guten und Gemeinnützigen› von 1777. Diese legte ein Schwergewicht ihrer Tätigkeit auf die allgemeine Armenversorgung, wo die staatlichen Mängel besonders augenfällig waren. Der Personenkreis um Iselin war auch nach dessen Tod aktiv, und immer mehr ins Zentrum rückte Peter Ochs. Ochs war der wichtigste Basler Aufklärer nach Iselin, was später von seiner politischen Tätigkeit vor und während der Revolution von 1798 überlagert wurde (vgl. S. 100–106). Sozietäten boten Raum für Dialoge, die in den Räten, der Staatskirche oder der provinziell gewordenen Universität nicht möglich waren. Sie zogen die Angehörigen einer jüngeren Generation der Oberschicht an, die gereist waren und erfahren hatten, welche Reformgedanken europaweit diskutiert wurden. Zwischen pietistischen und aufklärerischen Kreisen gab es infolge ihrer Reformwilligkeit viele Überschneidungen und Ähnlichkeiten. Dazu gehörten die formlosen, geschlechtergemischten Zusammenkünfte. In Konzerten und in der privaten Salonkultur öffnete sich eine Gegenwelt zu den traditionellen ‹Stuben› des Zunft- und Patriziatmilieus, die nur Männern zugänglich waren.9 Ein Beispiel war der literarische Salon der Salome Geymüller, wo der junge Isaak Iselin verkehrte. Die Basler Sozietäten blieben auf die Stadt fokussiert. Es fehlte an Aufmerksamkeit für die eigene Landbevölkerung, ähnlich wie das Baselbiet für die städtische Grundversorgung als nachrangig galt, da diese vom Elsass abhing. Ein wirksamerer Kanal des Stadt-Land-Austauschs war das Militär, wo die ‹Militärische Gesellschaft› von 1760 die Verbreitung von Reformideen förderte. In der Revolution von 1798 spielten höhere Unteroffiziere der landschaftlichen Artillerie eine auffällige Rolle.10
Trotz der internationalen Verbindungen von Pietismus und Aufklärung war die Stadtrepublik in erster Linie durch Handel, Bankgeschäfte und Industrie nach aussen vernetzt. Das für Basel so gewichtige Wirtschaftsgeschehen verlief in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Europa äusserst krisenhaft. Die Konjunkturzyklen waren stark ausgeprägt, Schutzzölle wurden eingeführt. Noch gravierender war die technologische Revolution. Mit der 1779 in England erfundenen Spinnmaschine setzte die industrialisierte Textilproduktion ein, mit Fabriken als Arbeitsorten, maschineller Herstellung und zentraler mechanischer Antriebskraft. Darunter litt vor allem die bereits geschwächte schweizerische Baumwollindustrie. Seidenartikel – die ja in Basel dominierten – waren weniger betroffen. Import und Export wurden auch von politischen Ereignissen beeinträchtigt, so vom Siebenjährigen Krieg der europäischen Grossmächte 1756 bis 1763 und vom Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zwischen 1775 und 1783. Immerhin schien das politische Geschehen um Basel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beruhigt. Jurabogen und Hochrhein zeichneten sich durch stabile Territorien aus. Frankreich hatte seine Expansion an den Rhein weitgehend abgeschlossen, Vorderösterreich im Breisgau und im Fricktal wahrte die habsburgischen Interessen, das rechtsrheinische Gebiet des Deutschen Reichs blieb ein bunter Flickenteppich mit zahlreichen kleineren und grösseren weltlichen und geistlichen Herrschaften. Einzig die Markgrafschaft Baden-Durlach verdoppelte dank eines dynastischen Erbgangs ihr Gebiet, was den Grundstein für ihren langen Aufstieg zum Grossherzogtum Baden legte. Das Fürstbistum Basel blieb bei seinem Doppelcharakter: Ein Reichsstand, dessen südliche Teile durch Schutzverträge als eidgenössisch galten. Eine grundsätzliche Neuerung brachte das französisch-österreichische Bündnis von 1756. Nicht ohne Grund sorgten sich schwächere Staaten, dass sie aufgeteilt und einverleibt werden könnten, wie es Polen 1772 zum ersten Mal widerfuhr. Grenzverschiebungen im Grossmassstab, die sich auch auf Basel auswirkten, folgten tatsächlich. Allerdings nicht nach dem Willen der aufgeklärten Absolutisten in Paris und Wien, sondern als Folge der Französischen Revolution. Die Französische Revolution begann als Finanzkrise. König Ludwig XVI. rief eine traditionelle Ständeversammlung von Klerus, Adel und Bürgertum zusammen, um das Steuerwesen neu zu ordnen. Die Debatten drehten sich bald um die grundsätzliche Unzufriedenheit mit dem Ständestaat, sie erfassten die Öffentlichkeit, und inmitten einer Teuerungswelle kam es zum Aufstand der Pariser Bevölkerung. Die Erzählung, dass der König nach dem Sturm der Bastille am 14. Juli 1789 fragte, ob das eine Revolte sei, und zur Antwort bekam, das sei eine Revolution, offenbarte das Geheimnis des späten Ancien Régime: Dass die staatliche Ordnung nun auf und von der Strasse gemacht werden konnte. Die Nachrichten aus Paris erreichten Basel, als sich die revolutionären Unruhen auch im Elsass verbreiteten. Diese griffen zwar nicht über, aber die Schlagworte der Französischen Revolution kamen im politischen Alltag Basels an.12 Im Herbst 1789 wurde im Grossen Rat der Antrag auf Abschaffung der Leibeigenschaft gestellt. Fast ein Jahr verstrich, bis die Beratungen begannen. Im Dezember 1790 stimmte der Grosse Rat zu. Er liess den Beschluss erst im Mai 1791 veröffentlichen, weil er befürchtete, die Landbevölkerung könne sich zu noch weiterreichenden Forderungen angespornt fühlen. Die Rechtsungleichheit und die Feudallasten wie Zehnten oder Frondienste bestanden weiterhin. Ein Streik von Textilarbeitern im Jahr 1794 hielt sich zwar an die traditionellen Formen des Gesellen- und Arbeiterprotests. Die Furcht vor revolutionären Neigungen der Streikenden kam trotzdem auf.13 Die Meinungsbildung über die Revolution im Nachbarland schärfte die Weltanschauungen in den reformorientierten Kreisen und führte zur Trennung von Pietismus und Aufklärung. Politisiert wurden beide Reformbewegungen. Auf der einen Seite gewannen die säkularisierenden Züge die Oberhand, auf der anderen das Prinzip des Staatskirchentums.
Im April 1792 erklärte Frankreich Österreich den Krieg, weil es ihm die Unterstützung revolutionsfeindlicher Kreise vorwarf. Andere Staaten des Deutschen Reichs und ein Grossteil der übrigen Monarchien Europas verbündeten sich mit Österreich. Der erste ‹Koalitionskrieg› gegen Frankreich hatte begonnen. Das Fricktal und das Breisgau waren österreichisch, die nördlichen Teile des Fürstbistums Basel mit Birseck und Laufental von Frankreich besetzt. Die Militärs beider Seiten mussten die französische Festung Hüningen in ihre Planungen einbeziehen. Die Gefahr bestand, dass eine der Kriegsparteien über Basler Boden angreifen würde. Eine eidgenössische Truppe kam nach Basel, um die neutrale Grenze zu schützen. Jedoch beschränkten sich die kriegerischen Aktionen bei Basel auf Scharmützel. Über Basel liefen vielmehr Spionage und Propagandaschriften. Eine besondere Lage ergab sich für die Basler Wirtschaft. Sofort nach 1789 traten erhebliche französische Zollerhöhungen in Kraft, und in den 1790ern verhängte die Regierung in Paris ein komplettes Einfuhrverbot für Baumwollwaren. Umgekehrt beteiligte sich Basel an der Wirtschaftssperre gegen das revolutionäre Frankreich. Basler Händler beschuldigte man dennoch, am Zwischenhandel vor allem mit Waffen beteiligt zu sein.14
Als Ende Juli 1794 gemässigte Kräfte in Frankreich die Macht übernahmen, nutzte Preussen die Kontakte von Stadtschreiber Peter Ochs nach Paris und begann geheime Verhandlungen. Im April und Juli 1795 schloss Frankreich mit Preussen und Spanien den ‹Basler Frieden›.15 Der Friedensschluss für ferne Fronten fand bei der Basler Bevölkerung wenig Beachtung. Die Hoffnungen auf einen Gesamtfrieden erfüllten sich nicht, und zum ersten Mal fanden bei Basel eigentliche Kriegszüge statt. Die französische Armee setzte im Sommer 1796 über den Rhein, musste sich aber schon im Herbst bis auf zwei Brückenköpfe bei Kehl und Hüningen zurückziehen. Erbitterte Kämpfe fanden unmittelbar bei Basel statt. Die militärische Entscheidung fiel aber anderswo. General Bonaparte, der herausragende Militär Frankreichs, eroberte Norditalien und rückte weiter vor. Im Oktober 1797 musste Österreich Frieden schliessen. Zum Friedensschluss gehörte, dass Österreich alle linksrheinischen Besitzungen aufgab. Dazu gehörte das Fricktal, das ein französisches Protektorat wurde. Bonaparte reiste zu weiteren Verhandlungen ins Deutsche Reich und nahm den Weg durch die Eidgenossenschaft. Am 24. November 1797 machte er in Basel einen Zwischenhalt und sprach mit der Stadtregierung. Bonapartes Besuch war einschneidend. Peter Ochs, 1796 als Oberstzunftmeister im Regierungskollegium angekommen, hatte die Schlüsselrolle bei den ‹Patrioten›, wie sich die reform- und revolutionsbereiten Gruppen nannten. Sie waren keine Randerscheinung der städtischen Politik mehr und nahmen an Zahl zu. Ochs wurde im Dezember nach Paris gerufen, wo man ihm klarmachte, dass eine französische Invasion samt Revolutionierung der Schweiz nur noch eine Frage der Zeit war. Die beharrenden Kräfte, als ‹Aristokraten› bezeichnet, wussten um ihre Schwäche, die Gegenseite sah ein, dass sie sich beeilen musste, wenn sie die Veränderungen noch mitgestalten wollte. Die städtischen und ländlichen Patrioten sprachen sich ab. Die Basler Revolution begann an der Jahreswende mit einem Forderungskatalog der Landschaft, der im Kern die Gleichstellung der Kantonsbevölkerung verlangte. Die städtischen Patrioten machten ebenfalls klar, dass sie grundsätzliche Veränderungen anstrebten und keine Verzögerung mehr hinnahmen. Ab Mitte Januar brachen die Machtstrukturen auf der ganzen Landschaft zusammen. Eine gewaltsame Unterdrückung des Aufstands war illusorisch, Frankreich hätte sofort eingegriffen. Der Grosse Rat konnte nur noch nachvollziehen, was bereits geschehen war. Er beschloss am 22. Januar 1798 das Ende der städtischen Herrschaft über das Land und rief die allgemeine Rechtsgleichheit aus.
Die Basler Revolution gelang ohne Blutvergiessen. Mit der Gleichstellung der Landschaft war die patriotische Agenda aber noch nicht umgesetzt. Es gab keinen Staat, zu dessen Wesenskern Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit, Volksbildung, nationale Souveränität und demokratische Institutionen gehörten. Im Februar 1798 wählte der ganze Kanton die ‹Nationalversammlung›. Die Nationalversammlung beriet laufende Geschäfte und entwarf eine neue Kantonsverfassung. Sie war das erste Parlament in Basels Geschichte. Die Macht ihrer Mitglieder ging vom Volk aus, die Sitzungen konnten öffentlich verfolgt werden.16 Anhänger der alten Ordnung und engagierte Revolutionäre sassen darin. Die Revolution griff in der ganzen Schweiz um sich. Frankreich schickte dennoch eine Invasionsarmee, warf allen Widerstand blutig nieder und erzwang die Annahme einer in Paris ausgearbeiteten schweizerischen Verfassung, als deren Autor fälschlicherweise Peter Ochs galt. Die ‹Helvetische Republik› wurde am 12. April 1798 in Aarau ausgerufen. Der lose eidgenössische Staatenbund – Ende des 18. Jahrhunderts ein politisches Museum des Spätmittelalters – wich einem Einheitsstaat. Die bisher souveränen Kantone wurden zu blossen Verwaltungseinheiten. Die Basler Nationalversammlung war zu einer verfassungswidrigen Institution geworden und musste sich auflösen.
Die Helvetische Republik war in vielem eine moderne Demokratie. Ihre Gesetze brachten Rechtsgleichheit, Religionsfreiheit, Niederlassungs- und Gewerbefreiheit. Doch sie war ein französischer Satellitenstaat. Durch ein Militärbündnis an Frankreich gekettet, wurde die Schweiz 1799 zum europäischen Kriegsschauplatz. Die Republik konsolidierte sich nie, es gab nicht weniger als vier Staatsstreiche. Ochs selbst konnte sich nur bis 1799 in der Zentralregierung halten. Der Staat entfremdete sich dem Staatsvolk durch Krieg, wirtschaftliche Not, Beibehaltung der Feudallasten zur Finanzierung der Staatsausgaben und endlose Parteikämpfe. In Basel kam es zu mehreren Revolten in der Stadt und auf dem Land, gegen die das Militär vorging. Im Juli 1802 anerkannte Frankreich die Forderungen des Auslands, die Neutralität der Schweiz wiederherzustellen. Die französischen Truppen verliessen die Schweiz. Wie ihr Einmarsch im Jahr 1798 die alte Eidgenossenschaft überraschend schnell beseitigt hatte, so liess ihr Abmarsch die Helvetische Republik zusammenbrechen. Das Chaos war wohl von Bonaparte erwartet.17 Es zeigte, dass es in dem Unruheherd nicht ohne Frankreich ging. Die französischen Truppen kehrten zurück, und Bonaparte liess als französischer Regierungschef am 19. Februar 1803 der Schweiz eine neue Verfassung inklusive Kantonsverfassungen übergeben.18 Diese ‹Mediationsakte› beanspruchte, zwischen konservativen und revolutionären Interessen zu vermitteln. Zwar behielten die ehemaligen Untertanen ihre Rechtsgleichheit, und die in der Helvetik neugeschaffenen, gleichberechtigten Kantone blieben bestehen; aber der Zentralstaat verschwand, und die Kantone erhielten eigene Verfassungen, in denen vorrevolutionäre Begriffe zurückkehrten. Basel hatte wieder Grossen Rat, Kleinen Rat und Bürgermeister. In Basel stellte die Landschaft gemäss Bevölkerungszahl mehr Parlamentarier (82 von 135 Grossräten), doch für die Regierung gab es kein Quorum – hier kamen 17 von 25 Kleinräten aus der Stadt. Die Zünfte kehrten zurück und setzten eigennützige Schutzbestimmungen durch. Das Steuerwesen bevorzugte das Handwerk massiv gegenüber Handel und Industrie, 1805 wurden wieder Tor-und Warenlagerzölle eingeführt. Das Angebot Frankreichs, dem Kanton Basel das herrenlose Fricktal als neuen Bezirk zu geben, wurde von den konservativen Kreisen in der Stadt abgelehnt. Ihre Gründe dafür waren der Wille, das ländliche Element im Kanton kleinzuhalten, und die Ablehnung eines katholischen Bezirks. Im Bildungs- und Sozialwesen hielten sich die spät- und nachaufklärerischen Kreise um Peter Ochs. Dieser war ab 1803 ein von der Landschaft gewähltes Mitglied des Kleinen Rats und dort als ‹Deputat› zuständig für das Kirchen-, Schul- und Armengut. Er konnte für eine gewisse Kontinuität bei dem sorgen, was die Helvetik angedacht oder in Ansätzen schon verwirklicht hatte. Der wichtigste Erfolg war die Schulordnung von 1808, die festhielt, dass der nun staatlich beaufsichtigte Unterricht ‹vernünftig› sein sollte, worauf auch Prüfungen in Lesen und Schreiben abzielten.
Das Jahrzehnt der ‹Mediation› wirkte ruhiger als die fünf Jahre der Helvetik. Das hatte viel damit zu tun, dass Bonaparte – ab 1795 General, ab 1799 Erster Konsul, seit 1804 Kaiser Napoleon – seine Schlachten immer weiter weg schlug. Die Abhängigkeit von Frankreich blieb aber, und dessen Kriege fanden in anderen Facetten in der Schweiz und in Basel statt. Die ‹Kontinentalsperre›, das kriegsbedingte Importverbot für britische Waren in Frankreich und mit ihm verbündeten Staaten, lastete schwer. Aufgrund von Unsicherheit und Geldmangel kam das Bauwesen zu einem Stillstand, bis 1820 war es eine Zeit der bloss «gedachten Architektur».19 Viele Fabrik- und Heimarbeiterfamilien fanden keine Beschäftigung mehr. Die Erwerbslosen passten zu Napoleons Plänen. Sie liessen sich leichter für die Schweizer Kontingente in den französischen Armeen rekrutieren.20 Basel war von einem Grossteil des Welthandels abgeschnürt, der Textilindustrie gingen die Rohstoffe aus. Einen gewissen Ersatz boten Lieferungen aus der Levante, sodass sich die Handelsbeziehungen zum Osmanischen Reich vertieften (vgl. S. 168–187). Auch wurden durch den Boykott englischer Waren Chancen auf Märkten eröffnet, auf denen Basler Handelswaren bisher nicht mit den billigeren englischen hatten konkurrenzieren können. Einige Handelsfirmen eröffneten Filialen auf französischem Territorium. Andere Basler Firmen versuchten, weit entfernte Märkte zu erschliessen wie die russischen oder überseeische Gebiete. Grosse Handelshäuser wie die Frères Merian umgingen die Kontinentalsperre durch Schmuggel. Basel galt in der Sicht der französischen Behörden als das Schleichhandelszentrum der Schweiz und wurde ständig kontrolliert. Als der Warenstrom trotzdem nicht verebbte, richtete Frankreich scharfe diplomatische Noten an die Schweiz. Dem Basler Rat blieb nichts übrig, als die Waren exorbitant zu verzollen. Das zog den Konkurs von siebzehn, aber nicht allen Basler Handelsgesellschaften im Jahr 1811 nach sich. Die Wirtschaftslage in der Mitte des Jahrzehnts zeigte Scheitern und Resilienz. Die Basler Indiennedruckerei war am Ende, doch die Bankhäuser und Handelsfirmen waren bald schon zu Investitionen im Dreiland bereit und damit zur europaweit erstmaligen finanziellen Beteiligung an ausländischen Industrieunternehmen (vgl. S. 188–196).21
Wirtschaftliche und politische Spannungen verleiteten Napoleon zum desaströsen Russlandfeldzug von 1812. Russland, Österreich und Preussen griffen im Jahr darauf gemeinsam an und verdrängten die französischen Armeen aus Mitteleuropa. Im Dezember 1813 hatten die Alliierten den Rhein erreicht und begannen die Invasion Frankreichs. Die Schweiz konnte ihre Neutralität nicht aufrechterhalten und musste einen alliierten Vorstoss über ihr Gebiet in Richtung Jura und Burgund zulassen. Ab dem 21. Dezember 1813 durchquerten 80 000 Mann Basel, 18 000 mussten einquartiert werden. Flecktyphus brach aus, ungezählte Soldaten und mehrere Hundert Einheimische starben. Wegen der Nähe der Festung Hüningen kam es 1814 und 1815 zu Artillerieduellen bei Basel. Die Stadt wurde davon in Mitleidenschaft gezogen, wenn auch nicht schwer. Fernab von diesen lokalen Ereignissen kamen die europäischen Mächte im Wiener Kongress zusammen und verhandelten 1814/15 Europas gegenrevolutionäre Nachkriegsordnung. Der Kongress legte Grenzen fest und brachte abgesetzte Dynastien zurück an die Macht. 1815 schlossen sich die Monarchen Europas zur ‹Heiligen Allianz› zusammen. Sie erklärten Gottesgnadentum und Christentum zum Fundament aller Machtausübung und verpflichteten sich zur gegenseitigen Hilfeleistung gegen neue Revolutionen. Kaiser Napoleons Zeit endete 1815 mit seiner Niederlage bei Waterloo, die Epoche nach ihm, die ‹Restauration›, hatte mit den militärischen und politischen Ereignissen seit 1814 aber bereits begonnen. Die Epochenbezeichnung führte der Berner Patrizier Karl Ludwig von Haller ein. Er begriff darunter die Wiedereinsetzung einer gottgewollten Ordnung gegen die «Chimäre des künstlich-bürgerlichen» Zustands.22 So grundsätzlich war die Kehrtwendung nicht, wie es das Wort vorgab. In der Rückschau wirkte die Mediation wie eine ‹kleine Restauration›.23 Doch die ‹grosse Restauration› ab 1814 konnte die Welt des 18. Jahrhunderts auch nicht zurückbringen. Die aus den Basler Zünften heraus vorgebrachte Forderung, die Leibeigenschaft wieder einzuführen, war illusorisch.24
Was in Basel im Kleinen scheiterte, gelang auch nicht im Grossen. Der Kanton Bern forderte die Waadt und den Unteraargau als ehemalige Gebiete aus der Zeit vor 1798 zurück; dort machte man sich bereit, die Unabhängigkeit zu verteidigen. Die europäischen Mächte sahen sich während des Wiener Kongresses gezwungen, einen drohenden Schweizer Bürgerkrieg zu verhindern. Sie garantierten nicht nur die Neutralität der Schweiz, sondern auch den Staatenbund aus souveränen, gleichberechtigten Kantonen. Sie blieben bei der Antwort, die Napoleon bereits 1803 auf die Schweizer Frage gegeben hatte. Arrondierte Kantone waren im Interesse der schweizerischen Stabilität. Als dazu nötig erachtete der Kongress die Einverleibung des ehemaligen Fürstbistums Basel in die Schweiz und dessen Aufteilung auf Bern und Basel. Basel erhielt das bis an die Stadt reichende katholische Birseck 1815 als neuen ländlichen Bezirk. Anders als zwölf Jahre zuvor beim Fricktal lehnte Basel nicht ab, sondern bemühte sich sogar darum.25
Die Übergangszeit der frühen Restauration endete mit einer nochmaligen Krise, die nicht mehr menschengemacht war. Im Jahr 1815 brach der Vulkan Tambora bei Java aus und stiess gewaltige Aschewolken in die Atmosphäre aus. Diese führten 1816 zu einem ‹Jahr ohne Sommer›. Anhaltende Kälte und Regen brachten Ernteausfälle mit sich, 1816/17 wurde die Versorgungslage prekär und die Nahrungsmittelpreise nahmen sprunghaft zu. Dass Menschen an Hunger starben, konnte knapp verhindert werden. Der Kanton erhob eine Sondersteuer, um Hilfsmassnahmen zu finanzieren, und stellte eine Befragung der Bedürftigen an, um sich ein Bild von der Not zu verschaffen. Dauerhafte Lösungen der Armutsproblematik gelangen aber hier ebenso wenig wie vorher in Ancien Régime, Helvetik und Mediation (vgl. S. 82–99). Die pietistischen Kreise deuteten Naturkatastrophe und menschliche Not als Aufruf zur gesellschaftlichen Erneuerung. Für sie wurde die weltweite Missionierung ein zentrales Anliegen. Im Randbereich des Pietismus entwickelte sich ein grosses Interesse an den Erweckungspredigten der Baronin von Krüdener, die sich 1817 in und um Basel aufhielt. Das geistige Klima der Stadt, wie man es in der Öffentlichkeit wahrnehmen konnte, hatte sich weit von den kurzlebig aufgeflammten Idealen der Aufklärung und Revolution entfernt.
Zu diesem Zeitpunkt lag die gesellschaftliche und nicht zuletzt die politische Dynamik bereits länger klar bei den restaurativen Kräften. Der Grosse Rat hatte am 4. März 1814 eine neue Verfassung beschlossen. Sie brachte der Stadt bis zu Beginn der 1830er-Jahre wieder Vorrechte gegenüber der Landschaft. Mit der Begründung ihrer besseren Bildungsanstalten und ihres höheren Steuerertrags erhielt die Stadt drei Fünftel der 150 Sitze im Grossen Rat zugesprochen, obwohl sie nur knapp zwei Fünftel der Kantonsbevölkerung ausmachte (rund 17 000 von 45 000 Menschen).26 Wer einmal ins Parlament gewählt worden war, konnte nicht abgewählt werden, und es gab auch keine Erneuerungswahlen. Die landschaftlichen Ratsmitglieder behielten also ihre Sitze, wurden aber bei Rücktritt oder Todesfall in Nachwahlen so lange durch städtische Vertreter ersetzt, bis diese die Mehrheit von drei Fünfteln erreicht hatten. Wahlen wurden damit zu einer städtischen Angelegenheit. In Nachahmung des monarchischen Prinzips erhielt die Regierung zudem die Rolle der wichtigsten Staatsgewalt. Die Verfassungsänderung gelang, weil viele der landschaftlichen Grossräte bei der entscheidenden Abstimmung fehlten. Sie waren vom Eindruck der alliierten Truppen eingeschüchtert. Kein Baselbieter Politiker wollte sich bei der Abstimmung exponieren.27 Wie am Anfang der Basler Revolution unterstützte fremde Militärpräsenz den politischen Machtanspruch einer Gruppe. Der Groll darüber, dass es der restaurativen Ordnung an demokratischer Legitimation fehlte, setzte den Grundstein für die kommende Kantonstrennung (vgl. S. 138–156).