In den 1840er-Jahren kehren progressiv-liberale Positionen in den öffentlichen Raum zurück. Basel bewegt sich wieder auf die Schweiz zu, ist aber keine treibende Kraft bei der Gründung des Bundesstaats. Politische Umwälzungen bleiben in der Stadt aus. Die massiven Veränderungen zeigen sich anderswo. Basel industrialisiert sich. Die wachsende Bevölkerung und der zunehmende Ressourcenverbrauch gestalten den Raum und die Lebenswelten um. Die Stadt erhält drei Bahnhöfe, wo die Beschleunigung des Lebens hautnah erfahren werden kann, Hygiene und Wohnungsnot sind Teil der zunehmenden sozialen Probleme, neuartiges Quartierleben entsteht im Gaslampenlicht. Die städtische Bevölkerung nähert sich der Moderne mit einer Vielfalt von Erfahrungen und Vorstellungen. Der Beschluss zur Erweiterung der Stadt mit dem dazu nötigen, lange aufgeschobenen Mauerabbruch fällt im Jahr 1859.
Am Stadttor
Der Torschreiber kann heimgehen. Seine Arbeit ist getan, das letzte Tageslicht steigt die Stadtseite des Bläsitors hinauf, unten macht sich das Halbdunkel breit. Es ist Mitte des 19. Jahrhunderts, und immer noch gibt es in Basel den abendlichen Torschluss.1 Doch es herrscht hektischer Betrieb. Jetzt greifen Torschlusspanik und Torschlussärger um sich.2 Gruppen und Einzelne versuchen am Tor noch ein paar Minuten herauszuschinden. Wortwechsel entspinnen sich, Ressentiments schwingen mit. Die Wachposten – Soldaten oder Polizisten – sind nicht von hier, sie gehören zu den vielen tausend Zugezogenen, die immer sichtbarer, aber bestenfalls geduldet sind. Es sind raue Gestalten, ehemalige Söldner, schnell mit groben Worten.3 Schon früher waren die Leute, die abends an die Tore kamen, nicht so fügsam wie gewünscht: Die einfachen Leute mit ihrem bescheidenen Leben im Gärtchen vor dem Stadttor oder gar im Stadtgraben, wo sie die Abendstunde bis zum letzten Moment ausnutzen, um Selbstversorgung mit Obst und Gemüse zu betreiben;4 aufgedrehte Jugendliche, die sich auswärts vergnügt haben und gerne gegen ein paar humorlose Uniformträger zündeln würden. Quengeln am Stadttor und Schimpfen gegen den Torschluss ist nichts Neues. Aber nun sind die Argumente gewichtiger geworden, und es sind auch Leute mit Einfluss, die sie in den Machtzirkeln vorbringen. Der jahreszeitlich wechselnde Zeitplan für den Torschluss ist den Fabrikanten ein Dorn im Auge, er hemmt einheitliche und längere Arbeitszeiten. Und das Sperrgeld, das ihre Angestellten bezahlen müssen, wenn diese die Tore nach den offiziellen Schliessungszeiten passieren, möchten sie in den Lohnausgaben einsparen.5 Nie zuvor zogen so viele Menschen in die Stadt. An den Ausfallstrassen vor den Toren entstehen die Vorläufer neuer Quartiere, während in der Stadt viel mehr Menschen mit verschiedenen Lebensweisen in gleich vielen Häusern und Wohnungen zunehmend Sorgen bereiten.6
Die vielen Basel vor und hinter der Mauer werfen Fragen auf. Es gibt provisorische, aber vielsagende Antworten. Seit den späten 1840ern lässt die Stadt die Sperranlagen nur noch aufs Nötigste unterhalten.7 Den ersten Bahnhof auf dem Schällemätteli holen 1844 noch eine eigene Erweiterungsmauer und eine repräsentative Toranlage in die Stadt. In den 1850ern müssen für die Wege zum Centralbahnhof und Badischen Bahnhof grob in die Stadtmauer gehauene Löcher mit Holztüre oder Eisengatter genügen.8 Gewöhnung und Auflösung allenthalben. Manchmal müssen Polizisten an die Tore abgestellt werden, weil dort Wachsoldaten desertiert sind.9 Der Bau der Arbeitersiedlung in der ‹Breite›, eine Pioniertat vor den Mauern, hat nur Sinn und Vorbildcharakter, wenn die Stadt sich öffnet. Gaslaternen ersetzen Öllampen. Neu daran ist auch, dass das ‹Sperrgeld› für verspäteten Toreinlass nicht mehr in die Stadtbeleuchtung fliesst. Erstmals gilt Strassenlicht nicht als notwendige Last, sondern als normale kommunale Aufgabe.10 Der Freisinn macht sich wieder bemerkbar, die Demokratisierung verläuft aber eher stockend. Die Verfassungsrevision 1847 kurz vor der Gründung des liberalen Bundesstaats von 1848 hat nichts Grundsätzliches, der gleichzeitige badische Aufstand findet bloss begrenzten Widerhall. Das Ratsherrenregiment mit mangelhafter Gewaltentrennung samt Abschottung und Bevorzugung von Bürgerschaft und Zünften wird sich noch fast drei Jahrzehnte halten. Das muss nicht Erstarrung bedeuten. Das beinahe babylonische Wirrwarr von kommunaler und kantonaler Verwaltung von 1834 wird – allerdings nur zögerlich – zugunsten des Kantons vereinfacht. Der Typus des städtischen Politikers mit Verbindung zur Parteipresse entsteht, zuerst im oppositionellen Freisinn.
Der Mauerabbruch wird – nicht mehr überraschend – 1859 beschlossen. Dazu startet die planvolle Stadterweiterung. Basel ist eine Industriestadt, die ausgreift. Das bisher Selbstverständliche, die klare Abgrenzung vom Umland, entfällt. Die wachsende Bevölkerung und der zunehmende Ressourcenverbrauch verändern schon längere Zeit die nahen und fernen Zuliefergebiete. Der Mauerabbruch steht auch dafür, dass bereits die frühindustrielle Stadt ein jahrhundertelang etabliertes Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt beendet. Die Menschen benötigen mehr Platz, und die agrarische Tier- und Pflanzenwelt der Stadt beginnt zu verschwinden. Gleichzeitig steigert sich das Wissen über Natur und Umwelt in den Bildungs- und Vermittlungseinrichtungen und in der Industrie. Hygiene wird notgedrungen zum Thema; an der Cholera sterben 1855 in der überbevölkerten Innenstadt mehrere Hundert Menschen. 1859 ist auch das Jahr, als die Chemiefarbenproduktion für die Basler Textilindustrie beginnt.
Am Stadttor, von Natur aus ein Nadelöhr, verdichten sich die grundsätzlichen Fragen zur Stadt.11 Immer weniger geht es um feste Mauern und enge Tore als militärischen Schutz. Polizeiarbeit und Verkehrsmanagement rücken in den Vordergrund. Beides resultiert aus den Zwängen der rasant wachsenden, vielgestaltigen Bevölkerung, aus neuen Erscheinungen und Bewegungen im städtischen Leben. Die verschiedenartigen, die kleingewerblichen, grossbürgerlichen oder proletarischen Erfahrungs- und Vorstellungswelten positionieren sich zur Moderne.
Im Hier und Anderswo – Die endliche Mauer und die vielen Basel
Als 1841 das neu erbaute Versammlungshaus der drei Kleinbasler Ehrengesellschaften aufging, erhielt es einen Namen, unter dem es heute nicht mehr bekannt ist. Was sich später als ‹Café Spitz› etablierte, trug den Namen ‹Café National›.12 Das Café National trat in Konkurrenz mit anderen modernen Gaststätten wie Sommer-und Stadtcasino. Es warb um eine neubürgerliche Klientel, die in der Stadt immer präsenter wurde und sich mit ihrem Lebensstil vom Althergebrachten des Patriziats und der Zünfte unterscheiden wollte. Der Name des Cafés hatte wie die im selben Jahr gegründete, freisinnige ‹National-Zeitung› einen Stachel, denn seit der Kantonstrennung 1832/33 waren Basel und die Eidgenossenschaft einander entfremdet. Als charakteristisch baslerisch galt es, sich «der Stadt, nicht der Nation»13 verbunden zu fühlen. Dies traf für das konservative Milieu und das breite liberalkonservative ‹Juste Milieu› zu, nicht aber für den Radikalliberalismus des Freisinns, der einen geeinten und starken Nationalstaat wollte. Es überraschte nicht, dass sich in einem Restaurant mit dem klingenden Namen ‹National› eine freisinnige Klientel traf. Ihr erster Anführer Karl Brenner war als ‹Bierdemagoge› bekannt, weil er durch die Lokale zog und zu den Menschen sprach, um für seine Sache zu werben.14 Die Zeitungen und das Parlament, dessen Verhandlungen 1843 öffentlich wurden, waren die Bühnen der freisinnigen Politik, die Gaststätten ihr Maschinenraum. Eine Generation später formulierte sie ihr sogenanntes Klingentalprogramm. Mit diesem übernahm sie 1875 die Macht in Basel und gab dem Kanton die wesentlichen Staatsstrukturen, die auch noch 150 Jahre später gültig sind.15 Das freisinnige oder radikale Bürgertum hatte sich ein rundes Jahrzehnt still verhalten. Zu sehr waren seine demokratischen Ideale auch die der Baselbieter Revolutionäre gewesen. Ab den 1840er-Jahren änderte sich dies. Der Freisinn wollte Aufmerksamkeit erregen und griff auch Unzufriedenheiten der unterbürgerlichen Schicht auf. Eine solche entlud sich im Januar 1843 in einem Tumult vor dem Stadtcasino.16 Anlass dazu gab die einseitige Kulturpolitik. Der frühabendliche Vorstellungsbeginn und das seit 1656 bestehende Theaterverbot am Sonntag schlossen die Haus- und Fabrikangestellten vom städtischen Unterhaltungsangebot aus. Die freisinnige Presse und überhaupt die junge Basler Zeitungslandschaft trugen viel zur darauffolgenden Polemik bei (vgl. S. 157–163). Emanuel Scherb, der Redaktor der ‹National-Zeitung›, musste eine Gefängnishaft absitzen und wurde nach seiner Entlassung im Café National gefeiert. Gleichsam eine Wiederholung davon bildeten die Vorgänge um den ‹Käppisturm› von 1845. Hier war es die Unzufriedenheit des städtischen Artilleriekorps über den Tschako, den altmodischen Militärhut, die Karl Brenner als neuer Redaktor der ‹National-Zeitung› aufgriff. Er verglich die schwere Kopfbedeckung statt des modernen, leichteren Käppis mit staatlicher Unterdrückung und wanderte wie Scherb ins Gefängnis, aus dem er gewaltsam befreit wurde. Eine zumindest latente Gewaltbereitschaft war innerhalb des Basler Bürgertums bezeichnend für die 1840er-Jahre. Sie war nicht auf den Freisinn beschränkt. Der konservative Metzgermeister Samuel Bell konnte eine handgreifliche Hilfstruppe zusammenrufen. Am Tumult vor dem Stadtcasino waren ebenfalls diese ‹Bellianer› beteiligt, die zusammen mit der Polizei gegen die Demonstranten vorgingen. Nach der Stagnation des Biedermeier mündete die politische Entwicklung von der Regeneration der 1830er-Jahre in einem dynamischen Anpassungs- und Transformationsprozess in den modernen Staat. Die auf nationaler Ebene noch heftigere Konfrontation zwischen freisinnigem Staatsumbau und konservativem Dagegenhalten fand ihre Echos auch in der Stadt, und einige städtische Politiker, darunter auch Brenner, bezogen militant Stellung, als sie sich Ende 1844 und Anfang 1845 den radikalen, zweimal gescheiterten Freischarenzügen gegen das klerikalkonservative Luzern anschlossen. Im Bund vertrat Basel-Stadt zwar auch konservative und föderalistische Positionen wie die katholischen Kantone. Doch diese entfremdeten sich ihm, als sie ihre Innenpolitik an die Präsenz der Jesuiten banden und so den unaufhaltsamen Sog in Richtung Bürgerkrieg mit den mehrheitlich liberalen und protestantischen Kantonen erzeugten. Am Rand der Schweiz gelegen blieb Basel-Stadt nichts anderes übrig, als ein gehorsamer Teil der Eidgenossenschaft zu bleiben und sich dem Feldzug gegen den separatistischen katholischen Sonderbund von 1847 anzuschliessen. Das Basler Kontingent beschränkte sich allerdings auf eine Artillerieeinheit. Von deren Soldaten konnte man seit dem ‹Käppisturm› ausgehen, dass sie auf Seiten des Liberalismus standen.
Die gegenläufigen Ereignisse der Jahre 1848/49 – die Gründung des liberalen Schweizer Bundesstaats und das Scheitern der liberalen europäischen Bürgerrevolutionen – prägten die Basler Politik langfristig. Auf nationaler Ebene hatte der Freisinn seine Kernziele erreicht: einen starken Staat, gleiche Rechte für alle Männer, Niederlassungsfreiheit, keine Binnenzölle. Damit ging auch der Basler Freisinn in eine ruhigere Phase über. Seine Interessen waren wirtschafts-, bundes-und rechtspolitischer Natur. Sozialpolitisch nahm er sich zurück. Der Konservativismus war hierbei durch sein patrizisches Selbstverständnis stärker engagiert, wie auch die politisch rechtlosen Frauen. Dass die kantonale Verfassungsrevision von 1847 für wenige politische Neuerungen sowohl das Ratsherrenregiment als auch den lokalen Zunftzwang gesichert hatte, war ärgerlich, aber zu verkraften. Die Tätigkeit des 1845 als Speerspitze des Basler Freisinns konspirativ gegründeten ‹Patriotischen Vereins› verflachte. Politik wurde zu Geselligkeit mit der Beschränkung auf Blechmusik, Turnen, Leseabende.17 Auch in den proletarischen Schichten trug die gute Konjunktur der 1850er-Jahre zur «politischen Windstille» bei.18 Zudem entkoppelte sich die Basler Politik von ihren internationalen, insbesondere deutschen Bezügen. Bis 1848 bestand zwischen der organisierten deutschen Arbeiterschaft und den liberalen Politikern in Basel ein starker Austausch. Die Ereignisse in Baden und Frankreich während den europäischen Revolutionsjahren 1848 und 1849 wurden mit Besorgnis aufgenommen. Eine eigene tatkräftige Begeisterung für die liberalen Aufständischen in den Nachbarstaaten stellte sich allerdings nicht ein. Nach dem Scheitern der Revolution gab die Schweiz dem diplomatischen Druck nach und wies 1850 die deutschen Arbeitervereinigungen aus, darunter auch rund sechzig Mitglieder der Basler Sektion.
Die konservativen Kreise Basels blickten auf eine lange Vormachtstellung zurück. Während die Kantonstrennung noch eine allgemein traditionalistische, der Eidgenossenschaft entfremdete Gesellschaft gefördert hatte, brachte der Aufstieg der freisinnigen Opposition und dann insbesondere der freisinnige ‹Genfer Putsch› von 1846 den Anstoss dazu, die politischen Beharrungskräfte überlegter zu organisieren. Die Kerngruppe der Altkonservativen um Andreas Heusler wahrte noch lange ihren Einfluss in Regierung und Parlament, sowohl auf kantonaler als auch kommunaler Ebene. Erst Ende der 1850er-Jahre machte sich eine jüngere Gruppierung Konservativer bemerkbar, die sich für Reformen offen zeigte.19 Die Liberal-Konservativen verstanden es, die Machtübernahme der Freisinnigen bis Mitte der 1870er-Jahre hinauszuzögern.
Die Ängste des Bürgertums nahmen zu, dass die unterbürgerlichen Schichten die Macht übernehmen würden. Dies war einer der Gründe für die sehr zurückhaltende Verfassungsreform von 1847. Kommunistische Überzeugungen und Antriebe waren eher Fremdwahrnehmung als Substanz. Wo es zu Aufbegehren kam, war dies punktuell und nicht nachhaltig organisiert. Der erste Industriearbeiterstreik von 1847 wurde schnell gebrochen. Eine politische Arbeiterbewegung gab es in Basel noch nicht. Proletarische Anliegen wurden durch den Radikalliberalismus vertreten, für den Wilhelm Klein stand, der ab den 1850er-Jahren die führende Rolle im Basler Freisinn übernahm. Da der Freisinn allerdings erst wieder in den 1860er-Jahren prononcierter auftrat, gewannen die eigenen Organisationsformen der Arbeiterschaft an politischer Kraft.20
Die politische Geschichte Basels der 1840er-Jahre erscheint davon bestimmt, dass der Freisinn kämpferisch auftrat und die Konservativen erfolgreich verharrten. Dabei gerät das breite ‹Juste Milieu› ausser Acht, dessen Haltung in den 1850er-Jahren weitere politische Aufregung in der Politik unterband. Radikalliberale, grundsätzliche Unzufriedenheiten lagen ihm fremd. Es gab den Entwicklungen nach, sobald diese unvermeidbar waren. Meist setzte es auf die gefestigten Strukturen, die den Konservativen heilig waren; seine Beweglichkeit erlaubte es ihm aber auch, mit dem Freisinn gemeinsame Sache zu machen.
Der Nationalstaat und nationalstaatliches Denken waren zwar wichtig. Aber auch bestehende, informelle Netzwerke formten die neue Staatlichkeit, in die sie eingepasst wurden. Baselstädtische Politiker nahmen bei Währung, Post und Eisenbahn entscheidende Weichenstellungen vor. Sie bewegten sich dennoch entlang der traditionellen Verbindung von öffentlichen und privaten Interessen. Wenn wie im Fall des ehemaligen Generalpostdirektors Benedikt La Roche der Bundesrat die Annahme zweier ausländischer Orden zum Problem machte, folgte ein Austritt aus der Tätigkeit für den Bund. Der Machtstreit zwischen Konservativen und Freisinnigen brach in den 1850er-Jahren nicht mehr so ereignisreich in das Alltagsleben hinein wie zuvor.21 Wirkungsmächtiger als Ideologien erscheint im Rückblick das Geschehen, welches das künftige Leben in der Stadt ahnen oder gar spüren liess.22
1850 lebten in Basel 27 000 Menschen. Seit Ende des 18. Jahrhunderts, als es 15 000 waren, hatte die Bevölkerungszahl also deutlich zugenommen. Bis 1860 folgte ein noch intensiverer Schub auf 38 000.23 Möglich geworden war er dank einer geringeren Kinder- und Säuglingssterblichkeit aufgrund verbesserter Ernährung und noch mehr dank der Zuwanderung. Die führenden Kreise blieben zwar protestantisch, aber 1860 war knapp ein Viertel der Baslerinnen und Basler katholisch. In bemerkenswertem Kontrast dazu ging der ohnehin schon sehr geringe jüdische Bevölkerungsanteil von einem halben Prozent leicht zurück. Sich einbürgern zu lassen, gelang den wenigsten. Es wirkte sich kaum aus, dass der Bundesstaat von 1848 beim Christentum alle Schranken beseitigt hatte. Bis 1866, als auch der jüdische Glauben kein Hindernis mehr war, wurden bloss 22 katholische Bewerbungen um das Bürgerrecht akzeptiert. Damit kontrastierten hunderttausend Aufenthaltsbewilligungen, die Basel in den 1860er-Jahren erteilte (vgl. S. 304–309).24
Die meisten Zugezogenen stammten infolge der besseren Verkehrsverbindungen aus einem grösseren Umkreis als früher. Dieser ging freilich noch nicht über den der benachbarten Grossregionen hinaus: die Deutschschweiz, Süddeutschland und das Elsass. Die Migration war ländlich und proletarisch geprägt. Die Volkszählung von 1847 ergab 2500 Arbeiterinnen und Arbeiter und 4000 Hausangestellte, von denen die wenigsten das Bürgerrecht hatten.25 Die Arbeitsverhältnisse blieben bis zum Fabrikgesetz von 1869 ungeregelt. Ein Erwerbsleben in Basel war nicht gleichbedeutend mit der Niederlassung in Basel. Ungleich dem bereits lange ansässigen kleinbürgerlichen Milieu änderte die unterbürgerliche, proletarische Bevölkerung oft den Wohnort. Basel war dann nur eine weitere Station im Lebenslauf einer Fabrikarbeiterin oder eines Dienstboten, die sich an stark schwankenden Verdienstmöglichkeiten orientieren mussten. Schon im Jahr 1841 war die Rede von 6000 Gelegenheitsbeschäftigten in der Stadt.26 Berufliche Identifikation mit dem Betrieb oder der Familie, die Arbeit gaben, stellte sich unter solchen Umständen selten ein, bisweilen musste kleinkriminelles Verhalten die Existenz sichern (vgl. S. 272–291 und S. 292–303). Neue, eindrückliche Stadthäuser entstanden nur für die kleine Oberschicht, die Gesamtzahl der Häuser (etwas über zweitausend) änderte sich kaum gegenüber dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. Die Zahl der Menschen vor allem in der Unterschicht hatte sich Mitte des 19. Jahrhundert beinahe verdoppelt.27 Diese Unterschicht lebte immer beengter, und der Mietzins für eine Wohnung stieg so sehr an, wie deren Qualität abnahm. Die erschreckenden Lebensumstände, die daraus resultierten, waren kein Geheimnis. Die Arbeiterfamilien wurden zur Beachtung von «Luft, Licht, Reinlichkeit und Ordnung» ermahnt, der Zusammenhang von Bevölkerungsdichte und Hygiene wurde als Problem benannt.28 Eine rechtzeitige Stadterweiterung hätte entlastend gewirkt. Vor der Eröffnung des ersten Bahnhofs von 1844 erwog der Grosse Rat, neben diesem ein neues Stadtquartier zu erbauen. Im Prinzip hielt man es für wünschenswert, in der Realität lehnte man es ab. Entscheidend waren die hohen Ausgaben für die Befestigung. Ein Stadtteil ohne Mauer wurde offenbar nicht erwogen, die freie Ansiedlung als Sicherheitsrisiko betrachtet.29 Auch Melchior Berris zukunftsweisendes Projekt eines Wohnquartiers am Steinenberg versandete. An den Ausfallstrassen vor den Toren entstanden nur vereinzelte Bauten. Die von 1851 bis 1856 errichtete, nicht ummauerte Arbeitersiedlung in der ‹Breite› (drei Häuser mit 31 Wohnungen) blieb ein philanthropisches Schaustück, angelehnt an ausländische Beispiele wie die ‹Cité ouvrière› in Mulhouse. Ihre Lage war wohl nicht zufällig. Im nahen, ausserkantonalen Birsfeld wuchs bereits eine andere Siedlung heran, die als Zwischenstation vor der Arbeits-und Wohnungssuche in Basel diente. Zudem war das ‹Breite-Areal› weitestmöglich von der Landesgrenze entfernt, woher die grösste soziale und politische Unrast zu drohen schien. Zum Projekt gehörte die Idee einer ‹Entproletarisierung›; die Arbeiterfamilien sollten langfristig nicht zur Miete wohnen, sondern die Wohnungen kaufen.30
Die 1840er-Jahre waren das verlorene Jahrzehnt für die Stadtplanung ausserhalb der Mauer und einen Wohnungsbau, der den breiten Bevölkerungsschichten gedient hätte. Anders sah es bei den baulichen Anstrengungen für Wirtschaft und Verkehr aus. Unter dem Eindruck der Kantonstrennung wurden industrielle Produktionskapazitäten aus der Landschaft abgezogen, und es entstanden erstmals grosse Fabriken in der Stadt. Der Tendenz zur Verengung des Wohnraums stand die Ausweitung des Verkehrsraums gegenüber. Das Rheintor bei der Rheinbrücke war bereits 1839 abgerissen worden, es folgte bis 1842 die Begradigung der anschliessenden Eisengasse. Die Beseitigung des Aeschenschwibbogens am oberen Ende der Freien Strasse schloss 1841 die innerstädtische Hauptachse besser an das Aeschen- und Steinenquartier und damit an die südlichen Überlandstrassen an. Der Verkehr mit der Aussenwelt wurde in vielerlei Hinsicht intensiviert: Zehn öffentliche Briefkästen ergänzten bis 1845 die ersten sechs von 1839. Ab 1852 war Basel der Knoten zwischen schweizerischem und badischem Telegrafennetz. Eine neue innerstädtische Verbindung war die Fähre, die ab 1854 die Rheinbrücke entlastete. Rheinabwärts bestand schon 1840 bis 1843 der Dampfschiff-Eildienst Basel – Strassburg – Mainz, die Eisenbahn schloss Basel ebenfalls an Strassburg an, als 1844 die Strecke St-Louis – Basel eröffnet wurde. Basel betrat das Eisenbahnzeitalter allerdings mit zwei Schritten vor und einem zurück. Der Bahnhof wurde ummauert, blieb nachts und während des sonntäglichen Gottesdiensts aber abgeschlossen, und die Strecken in eine nächste Schweizer Stadt sowie ins Grossherzogtum Baden liessen bis 1854/55 auf sich warten. Die Dampfschifffahrt, die Eisenbahn und der weiterhin unverzichtbare Postkutschendienst brachten nicht bloss Güter, Arbeitskräfte und Geschäftsleute in die Stadt. Der repräsentative Neubau des Hotels ‹Drei Könige› nahe dem Grossbasler Brückenkopf entsprach ganz den Erwartungen und Bedürfnissen des Tourismus, der eine wirtschaftliche Grösse wurde. Repräsentativität war aus mehrerlei Gründen ein wichtiges Thema der Architektur. Die 1857 begonnene und 1864 fertiggestellte Elisabethenkirche ahmte den Baustil des Spätmittelalters nach. Sie und viele weitere historisierende Bauten waren der steingewordene Ausdruck für die Selbstverankerung der protestantischen Führungsschicht in der geschichtlichen Tiefe Basels – und daraus abgeleitet für ihren Führungsanspruch. Repräsentativität strebte auch das 1844 bis 1849 erstellte Museum an der Augustinergasse an. Als Subskriptionsbau des Basler Bürgertums hatte es darüber hinaus höchste Bedeutung für dessen kulturelles, geistiges und gemeinschaftliches Selbstwertgefühl. Im Raumprogramm mit den Naturaliensammlungen, dem physikalischen und anatomischen Kabinett sowie einem Chemielaboratorium kamen die Ergebnisse einer längeren Bildungsreform dank Wissenschaftlichkeit, aber ohne Preisgabe der eigenen Bibelfestigkeit zum Ausdruck: hin zu mehr Wissen über die Natur und über die Bewältigung und Verdrängung von Natur – einem Hauptmerkmal der Industrialisierung. Die Stadt verlor mehr und mehr von der Stadtnatur und dem Naturgeschehen, die sie während Jahrhunderten bestimmt hatten. Noch war der Bestand an Gross- und Kleinvieh sowie an Geflügel eindrücklich. In Basel fehlte es weder an Ställen noch an Misthaufen. Viehhaltung war überall möglich, der verwahrloste Spitalfriedhof bei der alten Elisabethenkirche war auch eine Viehweide.32 Im Vorfeld der 1854 drohenden Cholera, die 1855 ausbrach und besonders um den Birsig zahlreiche Todesopfer forderte, wurde der Nutzviehbestand erhoben. 165 Stück Geflügel zählte man allein am Birsig, in der ganzen Stadt nebst etlichen Rindern, Ziegen und Schafen über 600 Pferde und 330 Schweine. Einzelne Strassen sahen «oft selbst wie Ställe» aus.33 Die Verdrängung der Nutzviehhaltung sollte Jahrzehnte dauern. Sie setzte mit dem Beschluss von 1855 ein, keine neuen Schweineställe in der Stadt mehr zu erlauben,34 und endete erst mit den letzten, unrentabel gewordenen Pferdefuhrwerken im 20. Jahrhundert. 1853 zählten die Behörden 1163 Hunde, neun Jahre später waren es 1419, und die Gesetzesvorlage zur Erhöhung der Hundesteuer meinte, dass damit «Basel wohl alle Städte des Occidents von ähnlicher Grösse übertreffen dürfte».35 Auch die Anzahl Pferde nahm zu, bevor der motorisierte innerstädtische Verkehr um 1900 einsetzte. Der Widerspruch zwischen der Welt ausserhalb der Stadt, wo der Verkehr mittels Dampfkraft bereits revolutioniert wurde, und der Welt innerhalb, wo das allgegenwärtige Pferd ‹das Mittelalter› fortsetzte, war nur scheinbar. Eine derartige Menge an Pferden für ein Verbundsystem von Eisenbahn und Fuhrwerk/Postkutsche zur Feinverteilung des «zehnfach gesteigerten Verkehr[s]»36 hatte es nie zuvor gegeben.
Der Hunger der Stadt befeuerte die Produktion von Landwirtschaftsgütern. Die Erstkultivierung der Brüglinger Schwemmebene, die der vorausschauende Kaufmannssohn Christoph Merian im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts in Angriff nahm, lohnte sich nun. Basel bot einen Absatzmarkt für die zusätzlichen Produkte von dort. Doch die Stadt griff noch viel weiter aus, da regionale Produktion und lokale Nachfrage je länger je weniger im Einklang standen. Die Transportleistungen der Fuhrwerke hatten bereits zugenommen, und dank Dampfschifffahrt und Eisenbahn waren Lieferungen aus grosser Entfernung keine Seltenheit mehr. Der weite Horizont der Nahrungsmittelbeschaffung eröffnete die Möglichkeit, sich von den lokalen und regionalen Witterungsverhältnissen unabhängig zu machen. Die schlechte Ernte des Jahres 1846 brachte eine krisenhafte Teuerung der Grundnahrungsmittel mit sich, aber nicht mehr einen existenziellen Mangel. Auch 1854 blieb es bei einer Teuerung, die zudem weniger stark ausgefallen wäre, hätte nicht der Krimkrieg Getreidelieferungen aus dem Russischen Reich verhindert.37
Natur wurde für die Stadt neu geschaffen, geordnet und nutzbar gemacht. Der zoologische Garten für die ‹exotische› Tierwelt und der Tierpark in den Langen Erlen für einheimisches Wild wurden erst ab den 1860er-Jahren realisiert, aber bereits Jahre zuvor angedacht. Basel hatte zwar viele Grünanlagen, doch waren diese meist im Privatbesitz des Grossbürgertums. Sie verbargen sich hinter dessen Palais in Basel und erschienen um dessen Landsitze vor Basel: als barocke Gärten und ab der nachnapoleonischen Zeit auch als weitläufige englische Parks (Gellertgut); dazu koloniale und weltläufige Einsprengsel wie Orangerien mit exotischen Pflanzen (Brüglingergut) oder chinesische Pavillons (Württembergerhof ). Angesichts der Enge, in der die übrigen Menschen in der Stadt hausten, wurden ab den 1850er-Jahren öffentliche Grünanlagen eine Dringlichkeit. Petersplatz und Pfalz genügten nicht mehr, auch nicht die Spazierwege vor und auf der Stadtmauer. 1860 lag eine Expertise vor, welche die Erstellung von Promenaden auf den Flächen plante, die durch den Abbruch der Stadtmauer frei wurden.38 Den Promenaden wohnte ein erzieherischer Wille inne. Sie boten sich bestens zum Erlernen des bürgerlichen Spaziergangs an, durch den die Lebensgestaltung der Unterschicht gehoben und angepasst werden sollte. Ein Ort egalitärer Gesellschaftsvorstellungen waren sie dennoch nicht. Sie waren gedacht für die Menschen, die nicht mit Kutschen auf ihre Landsitze fahren konnten, um dort ‹Luft und Licht› zu geniessen.39
Dem künstlichen Licht kam in der Gestaltung von Urbanität eine besondere Rolle zu. Ab 1829 schienen zweihundert Öllampen bis drei Uhr nachts in der Stadt. Der Plan dazu hatte 65 Jahre lang in der Schublade gelegen, er ging auf einen misslungenen Vorstoss im Grossen Rat von 1764 zurück.40 Der industrielle Sprung kam mit der Gasfabrik am Steinentor, die ab Ende 1852 über 17 Kilometer Leitungsnetze mehrere Hundert Gaslaternen und Gaslampen in den Strassen, Fabriken, in Stadttheater und Stadtcasino versorgte.41 Das Gaslicht machte von der Sonne unabhängig, auch von den Jahreszeiten, die bisher die Arbeitstage länger und kürzer sein liessen. Schon vor der Gasbeleuchtung beklagte die Polizei, dass sie es nachts vor allem mit Arbeitern und Handwerksgesellen zu tun habe.42 Die lange Fabrikarbeit unter Kunstlicht und die späten Feierabende verschoben privates Leben in die Nacht, die dank demselben Kunstlicht nutzbar wurde. Die Abnabelung der Stadt von der Natur war nicht nur eine Sache der Verdrängung und Neugestaltung von Stadtnatur. Der einzelne Mensch und ganze Gesellschaftsgruppen lösten ihren Lebenswandel und Lebensrhythmus aus den natürlichen Gegebenheiten und banden sich stattdessen an Uhr und rationale Zeiteinteilung. Das Ereignis, das für die städtische Entwicklung Basels so entscheidend war, weil es so spät kam, geschah 1859. Jahrhundertelang waren Befestigungen für Städte etwas Selbstverständliches gewesen.43 Europäische Stadtallegorien trugen in der Regel eine Mauerkrone auf ihren Köpfen, und die ‹Basilea› machte keine Ausnahme dabei.44 Basel war nach Mitte des 19. Jahrhunderts als letzte grosse Schweizer Stadt ringsum befestigt. Militärisch gesehen war die Basler Stadtmauer weitgehend bedeutungslos. 1856, während des drohenden Kriegs mit Preussen im ‹Neuenburgerhandel›, verschanzten sich die Schweizer Truppen bei Basel nicht in der Stadt, sondern hinter Feldbefestigungen. Der Publizist Theodor Streuber hatte zwei Jahre zuvor die Unterscheidung gemacht, Basel sei «eine befestigte Stadt», aber «nicht eine Festung im eigentlichen Sinne».45 Immer noch versprach die Mauer, das städtische Leben auch im zivilen Alltag zu schützen und die städtischen Eigenheiten nach aussen abzugrenzen – letztlich also Sicherheit. Der Glaube daran verfestigte sich nach der Kantonstrennung ein letztes Mal in konservativem Patriziat und Kleinbürgertum. Beiden war das Jahr 1833 nebst der Kriegsgewalt als Höhepunkt einer geistigen Auseinandersetzung und Selbstbehauptung erschienen. Für sie stand die gegen aussen befestigte Stadt für die im Innern gefestigte Stadt. Während und nach der Mauererweiterung für den Bahnhof von 1844 gewann diese Vorstellung sogar an Bedeutung. Ab Mitte der 1840er-Jahre flutete die Basilea mit Mauerkrone geradezu den öffentlichen Raum: Sie erschien 1845 auf den 100-Franken-Scheinen der Bank in Basel, ab 1846 als Titelvignette des ‹Tagblatts› der Stadt Basel oder 1849 im Fries des Museums an der Augustinergasse. In den Diskussionen zur Verfassungskrise von 1846/47 stand die Stadtmauer wie selbstverständlich für Basel und seine bürgerliche Ordnung.46
Andernorts, wo sich Staat und Gesellschaft ländlichen Kreisen geöffnet hatten, waren Stadtmauern als Inbegriff früherer Abgrenzung und undemokratischer Vorherrschaft der Stadt politisch untragbar. In Zürich, Bern und Genf wurden sie bereits ab den 1830er-Jahren abgebrochen. In Basel aber verlängerte die Abgrenzung von Landschaft und ländlicher Bevölkerungsmehrheit – die Reduktion auf den Stadtstaat – die Existenz der Mauer. Die Debatte über Sinn und Zweck der Mauer begann um 1850, als sich die Bautätigkeit entlang der verkehrsreichen Ausfallstrassen verstärkte. Sie zog sich fast ein Jahrzehnt lang hin. Die Sicherheitsdiskussion vermengte sich mit einer Mobilitätsdiskussion, bei der Risiken und Chancen des Ein und Aus von Menschen und Waren eine Neubewertung erfuhren.47 Im Jahr 1859 machte der Grosse Rat mit seinem Stadterweiterungsgesetz48 der Stadtbefestigung ein Ende. Mit der Stadterweiterung beschloss er gleichzeitig den Mauerabbruch, der sich bis 1889 hinzog. Ganz abgetragen wurde die Stadtmauer nicht, zu viel Bürgerstolz hing mit ihr zusammen. Drei Stadttore wurden beibehalten, durch neue Strassenführungen umfahren und nicht zuletzt historistisch umgestaltet.49
Die politische Mehrheit für den Mauerabbruch hatte sich seit Mitte der 1850er-Jahre gebildet. Die Cholerakrise von 1854/55 vermochte zwar noch nicht, dem Mauerabbruch den entscheidenden Anstoss zu geben.50 Doch sobald es um kleinere Schritte ging, verflogen die Bedenken. Als in denselben zwei Jahren vor der Stadt das Provisorium der Centralbahn und der Badische Bahnhof gebaut wurden, schlug man Breschen in die Mauer, um den Weg aus und in die Stadt zu erleichtern. Weitere Beschleunigung kam in die Debatte kurz danach. 1853 hatten geopolitische Spannungen den Krimkrieg ausbrechen lassen. Grossbritannien und Frankreich kämpften für das Osmanische Reich, das von Russland angegriffen worden war und die Kontrolle über den Bosporus zu verlieren drohte. Um ihre Verluste auszugleichen, warben diese zwei Mächte ab 1855 ausländische Soldaten an, so auch für eine französische und eine englische ‹Schweizerlegion›.51 Die Basler Kantone stellten bald fest, dass auf ihrem Gebiet mit jungen Männern gefüllte Omnibusse über die Grenze fuhren.52 Rasch verdichteten sich globale und lokale Phänomene: Smyrna, das bereits der Seidenhandel mit Basel verbunden hatte, war Standort der englischen Schweizerlegion vor dem Einsatz. In ihr dienten auch ehemalige Soldaten der Basler Standestruppe, die vor allem Mauern und Tore bewachte. Diese ‹Stänzler› waren innert Kürze in solcher Zahl zu den nahen Werbebüros in Huningue und St-Louis desertiert, dass die Truppe bald nicht mehr einsatzfähig gewesen wäre. Der Kanton kam dem zuvor und löste sie 1856 auf. Auch die Torsperre wurde aufgehoben.
Ludwig Rudolf Maring, Direktionsarchitekt der Schweizerischen Centralbahn, verband beispielhaft den Wandel in Stadtplanung, Gesellschaftskonzepten und Sicherheitsdenken. Er präsentierte 1857 mit dem einflussreichen ‹Generalplan zur Erweiterung der Stadt› sein Bild eines zukünftigen Basel, das den Zustrom von Menschen und Waren verkraften sollte. Marings Interesse lag jenseits der abbruchreifen Stadtmauern. In seinem ‹Generalplan› bleibt die Altstadt das verwirrende, verdichtete Knäuel aus Strassen und Gebäuden. Die neuen Aussenquartiere hingegen zeigen Ordnung. Zwischen ihren regelmässigen Strassenverläufen erheben sich Blockrandbebauungen, in deren weiten Innenhöfen Platz für Licht und Luft ist. Der Halt, den die Mauer gab und an dem sich die bürgerliche Ordnung orientierte, erhält eine andere Form. Die Häuser sind nahtlos zu Karrees aneinandergefügt, sodass auf dem Plan der Eindruck einer Stadt aus vielen, aufeinander bezogenen Burgen entsteht, in denen sich neues Bürgertum bildet.
Die Realität sah anders aus und brachte nicht die erhoffte Verbürgerlichung der neu Zugezogenen. Die Innenstadt füllte sich vorerst nur noch mehr; und in den Aussenquartieren, besonders im nördlichen Gross- und Kleinbasel, standen Wohnblocks oft wie Solitäre an noch wenig erschlossenen Strassen. Die bisherige Stadt zerfaserte in ihre Aussenquartiere und fand in den Neubauten nicht den erhofften Halt wie früher an und hinter der Mauer. Die Politik musste sich damit auseinandersetzen, dass das vertraute ‹Hier› verlorenging und sich vor allem die bisher bodenständige Bevölkerung in einem ‹Anderswo› wiederfand, wie es Theodor Meyer-Merians Kleinbürgerepos ‹Die Nachbarn› schon fünf Jahre nach Beginn der Erweiterung beschrieb: Der Handwerker sieht «fremdes Gefolge, Menschen mit anderer Meinung und anderes neues Bedürfnis» mit der Eisenbahn eindringen und als Zugspassagier selbst weit ausserhalb der Stadt die neuen Landsitze der Oberschicht, die den Wandel auf ihre Art nutzt.53
1859 ist das Jahr vor der ‹Basler Moderne›. Viele ihrer Merkmale sind vorhanden oder absehbar: Die Mauer wird Vergangenheit werden, Mobilität und Lebensbeschleunigung verbreiten sich; die Ländlichkeit in und um Basel wird zugunsten von Fabrikarealen, Neubauquartieren und Grünanlagen weniger, die Stadtbevölkerung vor allem durch das Industrieproletariat mehr; nicht zuletzt hat die chemische Industrie, die Basel in der Zukunft prägen wird, ihren Anfang 1859, als Alexander Clavel an der Rebgasse erstmals synthetische Farbe aus Teer herstellt. Vieles ist da, aber nicht alles: Später Selbstverständliches wie Kanalisation und Strom fehlt; für eine Grossstadt, wie sie die Statistik definiert, müssen die gegen 40 000 Menschen in Basel noch um weitere 60 000 anwachsen; und Basel verspätet sich bei der Politik als einem Geschäft der unruhigen Menge und der direktdemokratischen Beteiligung.54 Von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist Etabliertes – Netzwerke und Strukturen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – nicht abgelöst, sondern dynamisch in Anderes übersetzt und angepasst worden.55 Die Moderne, die künftige Grossstadt Basel, ist ein Geschehen. Ein neues Verständnis von Stadt wird in den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg entlang neuer urbaner Bedingungen und Bewegungen ausformuliert werden.