Produzieren und Finanzieren

Kevin Heiniger, Walter Hochreiter, Yiğit Topkaya

In: Hinter der Mauer, vor der Moderne. 1760 – 1859 | S. 166-209 | DOI: 10.21255/sgb-05.06-612316 | Lizenz: CC BY-NC 4.0

Basel ist Teil der liberalen Weltwirtschaft. Die Stadt hat Beziehungen zum Osmanischen Reich, die sich ab den 1820er-Jahren verstärken. Seide wird aus der Levante günstig eingeführt und weiterverarbeitet. Dies trägt dazu bei, dass die lokale Textilproduktion sich im globalen Wettbewerb behauptet. Die Basler Finanzwelt ist eng verbunden mit dem badischen Raum und dem Südelsass. Im Elsass entsteht nahe der Stadt eine moderne Maschinenbauregion. Von dort aus wird Basel erstmals an die Eisenbahn angeschlossen. Eine wirtschaftliche Dimension hat auch die Basler Missionsgesellschaft. Der europäische Kolonialismus ist das Umfeld der Missionierung Westafrikas. Die Tätigkeit der Basler Mission im heutigen Ghana geschieht zwischen christlicher Glaubensverbreitung, Zurückdrängung der Sklaverei und Etablierung von Handelsbeziehungen.

Basels seidene Beziehungen zum Osmanischen Reich in Zeiten des liberalen Welthandels

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts prägen Handwerk und Handel, Zünfte und Kaufleute, der lokal-städtische wie internationale Markt Basels Wirtschaftsleben. In der grössten und wohlhabendsten Stadt der Deutschschweiz stellt die Textilindustrie die dominante Branche dar. Ihr wichtigster Zweig ist die vor allem von Glaubensflüchtlingen aus Antwerpen, Chiavenna sowie Lothringen und dem Elsass im 16. und 17. Jahrhundert eingeführte und ausgebaute Seidenbandindustrie.1 Daneben existieren die beiden «Hilfs- und Nebenindustrien»2, die Florettspinnerei und die Seidenfärberei, sowie die Strumpfstrickerei.

Seit dem 17. Jahrhundert produziert die exportorientierte und als Verlagssystem organisierte Seidenbandindustrie vor allem auf dem Lande und entzieht sich damit dem städtischen Zunftzwang, während sich die Handwerker, die für den lokalen Markt produzieren, an die strengen Gewerbereglemente und an die Handwerksordnung halten müssen. Zwar spielen die Handwerkerzünfte nach dem Zusammenbruch der Helvetik, als der Zunftzwang zwischenzeitlich abgeschafft worden war, wiederum eine bestimmende Rolle in der Politik. Allerdings gehören von den vierhundert aktiven Zunftbürgern rund vierzig Prozent der ‹Werbenden Hand›, also den Kaufmannszünften an. Ihre frühere Bedeutung erlangen die Handwerkerzünfte trotz der Rückkehr zu vorrevolutionären Verhältnissen auch deswegen nicht zurück, weil das neue Ratsherrenregiment zwischen alter und neuer Ordnung einen Mittelweg sucht und die Zünfte einiger ihrer vormaligen Zuständigkeiten, wie etwa in der Rechtsprechung oder im Vormundschaftswesen, verlustig gehen.3 Es zeichnet sich damit bereits ab, was im Verlauf des Jahrhunderts immer deutlicher zutage treten wird: Offiziell ist Politik Sache der Zünfte, aber praktisch lenkt die reiche Kaufmannselite die Geschicke der Stadt. Zwar verfügen die Zünfte über das Produktions- und Verkaufsmonopol innerhalb der Stadtmauern; die bereits stattfindende Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse, die mit der neuen Kantonsverfassung im Jahr 1875 ihren Abschluss finden wird, können sie jedoch nicht mehr aufhalten. Die Seidenbandfabrikanten hingegen agieren in internationalen Handelsnetzwerken und tragen so dazu bei, dass im Verlauf des 19. Jahrhunderts Basel zunehmend in den Weltmarkt eingebunden wird. Das Seidenband verschafft der Stadt zwar ihren Reichtum, ohne zum alleinigen und alles bestimmenden Wirtschaftszweig zu werden.4 Allerdings zahlt Basel im Zug infrastruktureller und industrieller Transformationsprozesse, die den Anschluss an neue Kommunikations-, Verkehrs- und mithin Handelsnetze ermöglichen, einen politischen und sozialen Preis. Das zeigt sich etwa an der Anbindung an die Eisenbahn: Trotz Widerstand des konservativen Flügels beschliesst der Kleine Rat 1859 die Schleifung der Stadtmauer zugunsten des Schienenverkehrs, wobei die intensive Einwanderung in den 1850er-Jahren die Öffnung des geschützten Marktes innerhalb der Stadtmauern und ihrer geschützten Gesellschaft für die Aussenwelt bereits ankündigt. «Der Durchbruch durch die Stadtmauer, der notwendig war, um das eiserne Pferd in die Stadt zu lassen, kündigte das Ende des alten Basel und das Ende ihrer hergebrachten Lebensverhältnisse an.»5 Die Auflösung der alten Ordnung im Verlauf des 19. Jahrhunderts ist eine Entwicklung, die in einer anderen Weltgegend ebenso zu beobachten ist, mit der man die Geschichte Basels zunächst kaum in Verbindung bringt: im Osmanischen Reich. Diese Gemeinsamkeit gründet mithin auf einer geteilten Geschichte, die in der Geschäftskorrespondenz zwischen Basler Seidenbandfabrikanten und Handelsunternehmen in Konstantinopel, Bursa und Smyrna (Izmir) überliefert ist.6 In diesen Briefen tauschen sich die Handelspartner regelmässig über lokale wie internationale Marktentwicklungen aus, informieren sich über die Auswahl und Qualität der Waren, über die Bedingungen des Transports und der Zahlungsabwicklung sowie über Devisen- und Wechselkurse in den wichtigsten Handelszentren. Die Briefe gewähren aus der Perspektive lokaler Schauplätze einen interessanten Einblick in die Geschäftsabläufe und Entwicklungen des internationalen Seidenhandels. Darüber hinaus vermitteln sie einen Eindruck vom globalen Wettbewerb, der eine Anpassung der Geschäftsbeziehungen erfordert und zunehmend Auswirkungen auf lokale Strukturen zeitigt.7 Die Anfänge dieser Entwicklung reichen indes weit zurück in Basels Seidenbandindustrie. Die Trennung der Seidenbandproduktion zwischen ländlicher Heimindustrie und städtischem Handwerk hat ihre Anfänge im 17. Jahrhundert. Im Jahr 1667 brachte der Basler Wollweber Emanuel Hoffmann heimlich die fortschrittlichste Textilmaschine seiner Zeit aus Holland in die Stadt. Mit dem Kunststuhl, auch ‹Bändelmühle› genannt, konnten dank einer mechanischen Schiffchenführung statt einem einzigen Band nun sechzehn gewoben werden.8 Für die städtischen Bandweber bedeutete die neue Technik allerdings eine Bedrohung ihres Lebensunterhaltes, sodass sie 1670 gegen die Einführung des Kunststuhls protestierten und vom Rat ein Einfuhrverbot verlangten. Der Rat entschied sich freilich für einen Kompromiss und verbot den Einsatz des Kunststuhls lediglich innerhalb der Stadtmauern, jedoch nicht auf der Landschaft, sodass sich das Verlagssystem auf dem städtischen Herrschaftsgebiet etablieren konnte. Damit verschaffte man sich zugleich einen Vorteil gegenüber den wichtigsten Konkurrenten in Krefeld, Lyon und St. Etienne, wo die neuen Webstühle verboten worden waren.9

Mit der Verlagerung der Produktion auf das Baselbiet konnte zwar der Interessenkonflikt zwischen Kaufleuten und Handwerkern friedlich gelöst werden; gleichwohl blieb die Beziehung zwischen ländlicher Heimindustrie und städtischer Bandweberei bis ins 19. Jahrhundert angespannt. Schliesslich bedeutete das Verlagssystem einen Einbruch in die von den Zünften geprägte städtische Wirtschaft,10 nicht zuletzt, weil sich die Bändelherren weder an das Verbot des Gewerbewechsels hielten noch sich auf ein einziges Gewerbe beschränkten. So betätigten sich die Seidenbandfabrikanten im 19. Jahrhundert sowohl als Verleger und Financiers als auch als Zwischenhändler und Bankiers. Der Wirtschaftsliberalismus dieser fabricants-marchands-banquiers stand zwar dem traditionellen Markt entgegen, welchen die Zunftverfassung schützte und streng regulierte; ihr internationales Geschäftsmodell blieb davon jedoch weitgehend unbeeinträchtigt.11 Gleichwohl übten liberale Stimmen der städtischen Elite Kritik an der Zunftverfassung. Einer der Ersten war Christoph Bernoulli, Professor der Naturgeschichte und der industriellen Wissenschaft an der Universität Basel. In seiner 1822 publizierten Schrift ‹Über den nachtheiligen Einfluss der Zunftverfassung auf die Industrie› plädierte Bernoulli entschieden für Freihandel und Gewerbefreiheit und löste damit heftige Reaktionen im konservativen Milieu aus. «Von den Angegriffenen wussten einige nicht anders zu antworten, als Bernoullis Landhaus zu beschmieren.»12 An der Zunftverfassung vermochte Bernoullis Intervention derweil nicht zu rütteln; so machten die Zünfte ihren Einfluss auf die städtische Politik und den lokalen Markt auch nach der Kantonstrennung 1832/33 geltend, als sie mit Erfolg vom Ratsherrenregiment verlangten, eine Gewerbesperre gegen die Landschaft auszusprechen. Doch dem zunehmenden wirtschaftspolitischen Druck konnte sich das hiesige Zunftsystem nicht dauerhaft entziehen. Dem nach der Gründung des schweizerischen Bundesstaates beschlossenen freien Warenverkehr hatten die hiesigen Zünfte ebenso wenig entgegenzusetzen, wie sie das alte Basel mit seinen geschützten Märkten nicht vor dem globalen Vormarsch der Handels- und Gewerbefreiheit bewahren konnten.13

Zur Auflösung der alten Ordnung trugen im Weiteren die Einführung dampfbetriebener Webstühle und die steigende Zahl der Fabriken sowie der Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter ab Mitte des 19. Jahrhunderts bei. Die Industrialisierung forcierte die Zuwanderung von Menschen aus dem Baselbiet, aber auch aus anderen Kantonen sowie aus dem benachbarten Baden. Gleichzeitig stieg der Anteil der Nichtbürger. Mitte des Jahrhunderts besass gerade mal ein Drittel der Stadtbevölkerung das Bürgerrecht. Die restriktive Einbürgerungspolitik, die das Stadtregiment seit der letzten bedeutenden Einwanderung von Glaubensflüchtlingen während des Dreissigjährigen Krieges (1618−1648) praktizierte,14 begründete man damit, das Handwerk zu schützen. Auch Fabrikanten und Kaufleute unterstützten die sehr eingeschränkte Vergabe des Basler Bürgerrechts. Während die Stadt im 16. Jahrhundert noch rund 12 000 Neubürger aufnahm, kam die Einbürgerung im 18. Jahrhundert zum Stillstand. Ihre «Einbürgerungspforte»15 öffnete die Stadt derweil vor allem kapitalkräftigen Geschlechtern mit technischem Knowhow und internationalen Netzwerken. Diesen Neubürgern gelang es wiederum sehr schnell, zur führenden Kaufmannselite aufzusteigen. Während des Dreissigjährigen Krieges kam auch die Familie Forcart aus dem pfälzischen Frankental nach Basel, zu einer Zeit, als die ländliche Heimindustrie einen Aufschwung erlebte. Noch im Jahr der Einwanderung (1637) erwarb Dietrich Forcart das Bürgerrecht und trat der Safranzunft bei. Für den sozialen Aufstieg der Zugewanderten und ihre Integration in die städtische Elite spielte nicht zuletzt die Ehepolitik eine zentrale Rolle. Im Familienstammbaum der Forcarts sind denn auch so ziemlich alle wichtigen Basler Geschlechter zu finden. In wirtschaftlicher Hinsicht war aber vor allem die Heirat von Johann Rudolf Forcart mit Esther Weiss im Jahr 1774 entscheidend. Sie war die Tochter von Achilles Weiss, dem Inhaber des Württembergerhofs am St. Alban-Graben.16 Weiss hatte Johann Rudolf bereits 1773 zum Mitinhaber des Familienunternehmens ernannt. Nach dem Tod des Schwiegervaters 1792 führte Johann Rudolf Forcart-Weiss das Unternehmen allein, bis er im Jahr 1797 seine drei ältesten Söhne an der Firma beteiligte.17 Der Württembergerhof war fortan im Besitz der Familie Forcart-Weiss, die im 19. Jahrhundert zu den reichsten und angesehensten Geschlechtern der Stadt zählte und das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben Basels mitprägte.18 Während im Württembergerhof, dem Wohnsitz der Familie und zugleich Fabrikationsbetrieb innerhalb der Stadtmauern, hauptsächlich Vorbereitungsarbeiten geleistet wurden und rund fünfzig Personen eine Beschäftigung fanden, liess Forcart-Weiss den Grossteil der Seidenbänder im Baselbiet herstellen. Nebst der Bandfabrikation unterhielt man des Weiteren ein Handelshaus sowie Bank-und Spekulationsgeschäfte, wenn auch die Seidenbandproduktion das eigentliche Kerngeschäft blieb.19 Trotz der weltweiten Nachfrage nach Basler Seidenbändern – wobei die Stadt aufgrund der Revolutionswirren von der Krise der französischen Seidenbandproduktion profitiert hatte – waren Handel und Produktion um 1800 noch in die Wirtschaftsräume auf dem europäischen Kontinent eingebunden. Die Rohseide bezog man grösstenteils aus Norditalien und setzte die modischen Seidenbänder auf den französischen und deutschen Messen ab. Auch Forcart-Weiss besuchte regelmässig die Frühjahrs- und Herbstmessen in Frankfurt am Main, Leipzig oder Lyon, «Drehscheiben des internationalen Handels»20. Doch der Wirtschaftskrieg Napoleons, der aufkommende Protektionismus in Europa und die Mechanisierung und Industrialisierung der Seidenbandproduktion sowie Verschiebungen im internationalen Seidenhandel veränderten den Charakter der hiesigen Leitindustrie innerhalb weniger Jahrzehnte. Bereits vor dem Wirtschaftskrieg mit England, der sogenannten Kontinentalsperre (1806–1813), hatten die protektionistischen Massnahmen Napoleons auf die Schweizer Textilindustrie gezielt: angefangen mit dem Export- und Importverbot von Baumwollwaren im Jahr 1803 bis hin zum Verbot des Exports von piemontesischer Rohseide in die Schweiz im Jahr 1805, was die Basler Seidenbandindustrie besonders hart traf.21 Die Kontinentalsperre veranlasste die hiesigen Bandfabrikanten zudem, neue Transportwege für den Export der Seidenbänder zu erkunden.

Dem Sturz Napoleons 1815 folgte ein Aufschwung des Welthandels, während in Basel der Jacquard-Webstuhl eingeführt wurde, was wiederum die Produktion der Bänder sowie die Nachfrage nach Rohseide signifikant steigerte. Doch der Aufschwung währte in Europa nicht lange, und der Wirtschaftskrise (1826–1829) folgten – auch als Reaktion auf die englische Massenproduktion – die nächsten protektionistischen Massnahmen. Insbesondere mit der Gründung des Deutschen Zollvereins im Jahr 1834, der sich schnell ausdehnte,22 verlor ein zentraler Absatzmarkt für Basler Seidenbänder an Bedeutung. Gleichzeitig erfolgte die Suche nach neuen Absatzmärkten vor dem Hintergrund eines allgemeinen Anstiegs der weltweiten Handelsbeziehungen.23

Zu beobachten ist diese Entwicklung auch bei Forcart-Weiss: Ende der 1820er-Jahre baute das Unternehmen mittels Agenten ein eigenes Vertreternetz in Südamerika auf und erreichte bis zum Jahr der Kantonstrennung das bis dahin grösste Absatzgebiet.24 Paradoxerweise schufen also die protektionistischen Massnahmen europäischer Mächte die Voraussetzungen dafür, dass sich Basels Seidenbandindustrie in den entstehenden Weltmarkt integrierte. Das Überseegeschäft erwies sich dabei nicht nur als «Rettungsanker»25, sondern zugleich auch als eine Chance, neue Märkte zu erschliessen und damit den Handlungsspielraum auszuweiten. Bereits Mitte der 1830er-Jahre und insbesondere in den 1840er-Jahren gelangte rund die Hälfte der Seidenbandexporte in die USA, womit zunächst der Bedeutungsverlust des europäischen Seidenmarktes kompensiert werden konnte.26 Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts gelang es, Seidenbänder in grossen Mengen in alle Welt zu exportieren,27 begleitet von einem Aufschwung, der sich an der Zahl der Webstühle ablesen lässt: Waren wenige Jahre vor der Französischen Revolution knapp 2300 Webstühle in Betrieb, stieg ihre Zahl bis ins Jahr 1870 auf rund 9000 an, wobei mehr als 1500 mechanisch betrieben wurden.28 Für den Export von Basler Seidenbändern brach denn auch in der nachnapoleonischen Ära ein Goldenes Zeitalter an: «La demande de ruban est dans une période faste entre 1820 et 1870. Elle augmente quantitativement et qualitativement puisque le niveau de vie des consommateurs augmente dans les deux principaux marchés du ruban que sont les Etats Unis et l’Angleterre.»29

Anfang des 20. Jahrhunderts lag Basels Anteil am weltweiten Seidenbandexport vermutlich bei rund zehn Prozent.30 Der Reichtum, den die Basler Handels-und Industrieherren in dieser Zeit anhäuften, kam freilich nicht nur der Stadt und der Region zugute. So finanzierte Forcart-Weiss neben oberelsässischen Textilfabriken auch industrielle Unternehmen in Übersee mit.31 Nebst technologischen Entwicklungen und wirtschaftspolitischen Krisen waren auch natürliche Vorgänge für den ökonomischen Transformationsprozess im internationalen Seidenhandel verantwortlich. So löste die Pébrine-Krankheit – eine parasitäre Seidenraupenkrankheit, die sich in den 1850er-Jahren in Europa ausbreitete – eine Krise des Seidenanbaus aus. Infolgedessen orientierten sich Märkte und Handelsströme völlig neu, sodass sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Rohstoffmärkte in der Seidenindustrie von Europa nach Asien verlagerten.32 Profitieren konnte von der Raupenkrise auch die osmanische Rohseidenproduktion, die allerdings bereits zuvor das Interesse der europäischen Seidenindustrie auf sich gezogen hatte.33 Eine Diversifizierung und Internationalisierung des Seidenmarktes ist schon vor der Seidenraupenkrise zu beobachten. Frankreich, das von 1830 bis 1850 jährlich rund tausend Tonnen Rohseide importierte, bezog den Rohstoff nicht nur aus Italien, sondern ein Viertel bis ein Drittel aus dem Osmanischen Reich.34 Auch wenn der Anteil der Levante am weltweiten Export von Rohseide in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei 6 bis 11 Prozent lag – der Anteil Italiens belief sich zur gleichen Zeit auf 55 bis 65 Prozent35 –, richtete manch ein Basler Seidenbandfabrikant bereits zu Beginn des Jahrhunderts sein Augenmerk auf den osmanischen Markt. Dieses Interesse an einem eher kleinen Rohstofflieferanten macht deutlich, dass sich der globalisierte Rohseidenhandel trotz des hohen Integrationsgrades nicht nur auf Zentralmärkte, sondern auch auf Regional- und Lokalmärkte stützte.

Eine «wechselseitige Durchdringung von Globalem und Lokalem»36, wofür sich in der Literatur der Begriff ‹Glokalisierung› eingebürgert hat, kennzeichnet auch die auf Expansion ausgerichtete Geschäftstätigkeit von Forcart-Weiss. Im Zeichen der Eroberung neuer Märkte stand bereits die Auswanderung von Isaak Iselin nach New York im Jahr 1801. Iselin war der Enkel von Johann R. Forcart-Weiss’ Schwester Helene Iselin-Forcart, seine Auswanderung stellte den ersten «Brückenkopf für zukünftigen forcartschen Amerika-Handel»37 her. Die Suche nach neuen Absatz- und Liefermärkten richtete sich aber auch gegen Osten: Derweil dem Versuch, Bänder nach Russland zu exportieren, geringer Erfolg beschieden war, hielten sich die Geschäftskontakte zu Handelsunternehmen im Osmanischen Reich längerfristig. Davon zeugen die bereits erwähnten Briefe, die in der Geschäftskorrespondenz von Forcart-Weiss ab den 1820er-Jahren bis Ende des Jahrhunderts überliefert sind. Aber auch andere Basler Firmen pflegten Kontakte zu Händlern im Osmanischen Reich, wie dies aus der Geschäftskorrespondenz von J. S. Alioth & Cie. und Burckhardt-Wild & Sohn hervorgeht. Im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv sind für das gesamte 19. Jahrhundert rund vierhundert eingegangene Briefe erhalten, die etwa zur Hälfte an Forcart-Weiss adressiert sind. Dabei spielten die 1820er- und 1830er-Jahre eine historisch besondere Rolle, denn in jener Phase wurden die Weichen für die Integration des osmanischen Marktes in den Welthandel gestellt.38 Zwar existierten seit dem 15. Jahrhundert Kaufmannskolonien im Osmanischen Reich; doch europäische Kaufleute hatten bis 1838 nur zu wenigen Orten direkten Zugang, zu denen etwa die international bedeutende Hafenstadt Smyrna zählte.39

Aus Smyrna erreichten denn auch die ersten Briefe Forcart-Weiss. Abgeschickt hatte sie unter anderem das Handelshaus Dutilh Père fils & Co., das sich am 3. Juli 1820 das erste Mal an das Basler Unternehmen wendete.40 Dabei beschreibt Dutilh Smyrna als «ville principale de l’Asie Mineure» und als Umschlagplatz «aux riches productions de l’Asie». Zwar sei für den Transport der Landweg über Wien und Konstantinopel «la plus régulière»; allerdings kämen oft Schiffe aus verschiedenen europäischen Häfen an, sodass sich der Seeweg als gute Alternative anbiete: «Le moment actuel est très favorable pour faire des fonds à Smirne par Marseille, Gènes, Livornes, Trieste ou Vienne.» Zudem könne man in Smyrna Käufe von türkischen Produkten tätigen, vorausgesetzt, es handle sich nicht um seltene und sehr begehrte Waren.

Zu den Letzteren zählte bis ins Jahr 1825 beziehungsweise 1826 die osmanische Rohseide. So erreichten rund ein Dutzend Briefe von Sommer bis Herbst 1825 Forcart-Weiss, abgesandt von Kaufleuten mit Handelsniederlassungen in Konstantinopel und Smyrna. Gegenstand war der Kauf von Rohseide aus Bursa, Zentrum für die osmanische Seidenindustrie. Den Briefen ist zu entnehmen, dass Forcart-Weiss bereits in den Jahren zuvor an osmanischer Rohseide interessiert war,41 der Kauf jedoch aufgrund des bestehenden Ausfuhrverbotes nicht zustande gekommen war. Allerdings, so schreibt ein Händler aus Smyrna, vermochte der heimische Markt offenbar die produzierte Menge nicht zu absorbieren: «On a cru dans le principe que cette défense avait été motivée par les propres besoins du pays. Mais il est reconnu maintenant que le quart de la récolte de cette année suffit à la consommation du pays. Il en reste donc les trois quarts à exporter.»42 Man nehme daher an, dass der Export von Rohseide in absehbarer Zeit genehmigt werden würde, sodass einige Marktakteure «dans l’espoir d’expédier en Europe» bereits spekulative Käufe getätigt hätten.43 Für das im Brief erwähnte Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage waren mehrere Entwicklungen verantwortlich: Zum einen stieg der internationale Marktpreis für Rohseide ab 1815 bis Mitte des Jahrhunderts dramatisch an, während sich die Rohseidenproduktion in Bursa in derselben Zeit vervierfachte; bis dahin hatten staatliche Interventionen die Versorgung der osmanischen Seidenweberei, die sowohl für die Obrigkeit als auch für die breite Bevölkerung die beliebten Seidentücher webte, mit einheimischer Rohseide sichergestellt. Zum anderen hatte die Änderung der offiziellen Kleiderordnung hin zu westlicher Kleidung in den 1820ern für den abrupten Ausfall der einheimischen Nachfrage gesorgt.44 Die spekulativen Käufe, die im Brief erwähnt werden, sind nicht zuletzt Ausdruck einer Transformation des osmanischen Seidenmarktes, sodass bereits Ende November 1825 Forcart-Weiss Nachrichten über erste Ausfuhrerlaubnisse für Rohseide nach England und Frankreich erreichten, «un droit de sortie extraordinaire»45. Zwei Monate später war es dann auch für Forcart-Weiss so weit: In einem Brief von Januar 1826 teilte der levantinische Händler Jacques Glavany46 den Kauf von sechs Ballen (rund 150 Kilogramm) Rohseide mit.47 Der Gesamtpreis für die bestellte Ware inklusive Transport- und Zollkosten belief sich auf 30 240 Piaster, was gemäss Hauptbuch-Eintrag rund 10 000 Franken entsprach.48

Im Vergleich mit Norditalien, woher Basler Seidenbandfabrikanten ihre Rohseide hauptsächlich bezogen, lag Bursa nicht nur weiter entfernt, sondern produzierte wie erwähnt auch deutlich weniger. Zudem kam dem Osmanischen Reich für Schweizer Kaufleute nicht nur in geografischer, politischer und kultureller, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht keine gleichrangige Bedeutung zu.49 Was bewog dennoch Basler Seidenbandfabrikanten dazu, sich für Rohseide aus Bursa zu interessieren? Einen ersten Hinweis findet man in einem Brief von Forcart-Weiss an den Basler Bandfabrikantenverein, datiert vom 22. Januar 1823. Gegenstand ist eine Beschwerde über das Marktverhalten anderer Basler Fabrikanten, die sich weder «an die vereinbarten Ellenmasse» noch an die Preisbindungen hielten. Nebst einer Drohung, den Verein zu verlassen, fällt im Brief die Bemerkung auf, seit geraumer Zeit seien die Preise für italienische Rohseide kontinuierlich angestiegen.50 Bursa bot sich so gesehen als Alternative für den Kauf von Rohseide zu einem günstigeren Preis an. Ein Punkt, den der bereits erwähnte Glavany ebenfalls als Argument anführte: Es sei absolut notwendig, nach Alternativen zum italienischen Seidenmarkt zu suchen, «car les prix y sont trop élevés».51

Doch nicht nur Preisentwicklungen im internationalen Seidenhandel waren verantwortlich für das Interesse der Basler beziehungsweise der europäischen Seidenindustrie an der osmanischen Rohseidenproduktion. Ebenso sorgten technologische Entwicklungen sowie die globale Ausweitung der Handelsströme für die Einbindung des osmanischen Seidenmarktes in den internationalen Welthandel. So steigerte der lochkartengesteuerte Jacquard-Webstuhl in Basel nicht nur die Produktionsmenge und damit die Nachfrage nach Rohseide; möglich wurde auch eine Produktdifferenzierung. Mit den neuen Webstühlen konnten nebst glatten nunmehr ebenfalls gemusterte Bänder angefertigt werden, sodass die Diversifizierung des Angebots es erlaubte, «en privilégiant le ruban de consommation courante», ein spezifisches Kundensegment, den Mittelstand, anzusprechen.52 Die Produktionsumstellung, die eine Investition in die teure Technologie erforderte, setzte allerdings eine entsprechend grosse Nachfrage nach façonnierten Bändern voraus, die die Seidenbandfabrikanten insbesondere in den Vereinigten Staaten fanden, sodass «der Jacquardmechanismus […] in Basel somit wie gerufen»53 kam. Es überrascht daher nicht, dass die technische Entwicklung der Bandproduktion, die Suche nach aussereuropäischen Absatzgebieten sowie nach neuen Liefermärkten für Rohseide in den 1820er-Jahren konvergierten. Auch in anderen europäischen Ländern, insbesondere in Frankreich, stieg mit der mechanisierten Produktion die Nachfrage nach Rohseide. Und dass sich die Blicke unter anderem nach dem Osmanischen Reich richteten, ist darauf zurückzuführen, dass in Bursa seit dem 16. Jahrhundert Rohseide für die heimische Seidenstoffweberei hergestellt wurde.54 Allerdings veränderte das Engagement der europäischen Seidenindustrie, insbesondere das investierte Kapital in die Entstehung einer mechanisierten Rohseidenherstellung, den osmanischen Seidenmarkt grundlegend.55 «La ville de Brousse située à 25 lieues de Constantinople, dans une des plus fertiles endroits de l’Asie Mineure, au pied du mont Olympe et a six lieues de la mer de Marmara, s’occupe, ainsi que plus de vingt villages de ses environs, principalement de l’éducation des vers à soie.»56 Dieses Zitat von Emanuel Falkeisen stammt aus einem Zirkular aus dem Jahr 1836, das in der Geschäftskorrespondenz des Basler Fabrikanten Johann Siegmund Alioth überliefert ist. Falkeisen war ebenfalls ein Basler mit Handelsniederlassung in Bursa und Konstantinopel. Im Zirkular gibt Falkeisen wesentliche Informationen über den osmanischen Seidenmarkt preis, so etwa, dass die jährliche Rohseidenernte in Bursa zwischen 4000 und 6000 Ballen betrug. Im Allgemeinen, so Falkeisen, sei die Ware von hervorragender Qualität; allerdings würden die Agenten der einheimischen Handelshäuser die produzierte Rohseide nicht kategorisieren. Erst die Italiener hätten seit einigen Jahren damit begonnen, eine Auswahl nach Qualität und Sorte zu treffen und die Dörfer, in denen Rohseide produziert wurde, in Klassen einzuteilen. Des Weiteren erfährt man aus Falkeisens Schreiben, dass sich der Handel mit Seide von Smyrna nach Konstantinopel verschoben hatte und Letztere seit den 1830er-Jahren zur Drehscheibe «aux relations d’affaires de l’étranger avec Brousse»57 geworden war. Der Transport auf dem Seeweg «depuis le depart du navire de Constantinople jusqu’à la fin de sa quarantaine dans les ports de Trieste, Genes, Livourne et Marseille» dauerte gemäss Falkeisen «plus ou moins» drei Monate.58 Die Angaben Falkeisens beziehen sich auf Segelschifffahrten. Die Fahrtdauer von Triest oder Marseille nach Konstantinopel betrug drei bis vier Wochen, je nach Windverhältnissen auch mehr.59 Hinzu kamen Quarantänemassnahmen von dreissig bis vierzig Tagen, um Epidemien vorzubeugen.60 1837, also ein Jahr nach Falkeisens Schreiben, wurde erstmals eine Verbindung mit einem Dampfschiff zwischen Triest und Konstantinopel eingerichtet, wobei sich die Fahrtdauer auf zwei Wochen verkürzte. Allerdings transportierten die ersten Dampfschiffe «Münzgeld, Post und Passagiere», jedoch nicht Waren.61 Nicht nur für den internationalen Handel, sondern auch für das Postwesen kam Konstantinopel eine zentrale Rolle zu. Unverzichtbar war die osmanische Hauptstadt zudem für die internationale Zahlungsabwicklung, derweil Falkeisen Bursa als einen Ort beschreibt, «qui ne se prête ni à remboursements, ni à aucune facilité de se faire des fonds pour les achats des soies ou autres marchandises»62. Die Zahlungsabwicklung erfolgte mittels Vertreter, in der Regel ebenfalls Schweizer. Falkeisen nennt Charles Morell et Comp., «maison suisse fort respectable sous tous les rapports», als seinen Vertreter, der sich um die Versicherungsgeschäfte für Waren und Geld kümmerte. Im Gegenzug mussten die Basler Geschäftspartner ihre Bankiers in London, Paris, Wien, Marseille oder Triest angeben, «places avec lesquelles Constantinople a constamment change ouvert».63

Ein weiteres Indiz für die laufende Integration des osmanischen Seidenmarktes in den Welthandel ist der Preis. So teilt Falkeisen mit, dass er die Preise für die Rohseide aus Bursa nicht im Voraus kommunizieren könne, weil der lokale Seidenpreis vom internationalen Seidenmarkt, «particulièrement des marches d’Angleterre», abhängig sei.64 Dieser Hinweis ist insofern bedeutend, als nebst Frankreich Grossbritannien die Öffnung des osmanischen Marktes für den internationalen Handel forcierte und ebenfalls auf der Suche nach neuen und sicheren Quellen für Rohseide war.65 1838 respektive 1839 schloss das Osmanische Reich mit beiden Ländern Handelsverträge ab, welche die staatlichen Monopole und weitere protektionistische Hindernisse für europäische Kaufleute beseitigten.66

Dank ihres ausgeprägten Korrespondenznetzes waren die Basler Seidenbandfabrikanten auch über die allgemeinen Entwicklungen im Osmanischen Reich gut informiert. So schrieb Alex Autran, den Jacques Glavany als «notre voyageur»67 bezeichnete, in einem Brief an Forcart-Weiss aus dem Jahr 1827, dass sich das Osmanische Reich «à grand pas vers un état de civilisation et de stabilité» bewege, vor allem dank der «nouvelle organisation militaire»68. Gemeint war die Auflösung des Janitscharen-Korps im Jahr 1826, was nicht nur militär-, sondern ebenso wirtschaftspolitische Konsequenzen hatte. Schliesslich fungierte der Janitscharen-Korps als bedeutendste Schutzmacht des lokalen Handwerks, viele Janitscharen waren selbst als Handwerker in Gilden organisiert. Mit der Abschaffung des Korps wurde eines der mächtigsten Verbände und Verfechter des Protektionismus eliminiert. In dieser Phase des beginnenden free-trade liberalism erlebte die osmanische Textilindustrie eine grundlegende Transformation: «Between 1826 and 1870, the destruction of Ottoman industries was at its greatest, particularly in textile manufacturing.»69 Davon war insbesondere die einheimische Seidenstoffproduktion betroffen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgrund steigender Preise für Naturfarbstoffe und Rohseide sowie dank der stark sinkenden inländischen Nachfrage um bis zu achtzig Prozent zurückging.70 Gleichzeitig blühten jedoch neue Industriezweige, zu denen insbesondere die industrialisierte Rohseidenproduktion zählte. Diese wandelte sich bereits in den 1830er- und 1840er-Jahren rasch zu einem expandierenden Exportmarkt, wobei «die meisten Unternehmer in der Seidenindustrie in Bursa Europäer oder osmanische Minderheiten»71 waren.

Auch Schweizer beziehungsweise Basler beteiligten sich an diesem Transformationsprozess. Zu ihnen zählte der bereits erwähnte Emanuel Falkeisen, der 1844 gemeinsam mit dem lokalen armenischen Kaufmann Ohannes Tasciyan die erste dampfbetriebene Seidenhaspelei in Bursa errichtete.72 Falkeisen war seit den 1830er-Jahren als Händler im Osmanischen Reich tätig und verfügte alsbald über ein Netzwerk, das bis in die oberste Führungsetage reichte: «Par suite du Firman obtenu de la Sublime Porte, nous jouissons aussi, tant auprès du Pacha de cette ville, que du Directeur Général du Commerce des Soyes, de la plus entière protection.»73 Den Briefen Falkeisens ist im Weiteren zu entnehmen, dass er sich nicht allein um die Beschaffung von Rohwaren für die Schweizer Industrie kümmerte, sondern ebenso mit Kaufleuten aus anderen europäischen Ländern Handelsgeschäfte trieb und sich als Transithändler im internationalen Zwischenhandel betätigte.74

Dass Kaufleute aus der Schweiz im Osmanischen Reich Handel trieben, war nichts Neues. Das Besondere war, dass sich die Handelsbeziehungen von Schweizer Kaufleuten mit Handelsunternehmen im Osmanischen Reich nicht auf zwischenstaatliche Handelsabkommen abstützten. Stattdessen engagierten sich schweizerische Unternehmer auf verschiedenste Weise: beim Postwesen, bei Handelsverträgen mit europäischen Staaten oder in der Diplomatie in Welthandelsstädten wie Konstantinopel oder Shanghai. Nach der Bundesstaatsgründung scheiterten alle Initiativen, in Konstantinopel ein Handelskonsulat einzurichten. Mächtige Wirtschaftskreise, insbesondere das St. Galler Direktorium, wehrten sich dagegen.75 Eine weitere, entscheidende Rolle spielte die Praxis der Schutzgenossenschaft, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem Frankreich ausübte: Dabei erlangten französische Unterhändler von der Pforte die Zusicherung, dass schweizerische Waren gleich behandelt würden wie französische.76 Ein handelspolitisches Abkommen zwischen der Schweiz und dem Osmanischen Reich beziehungsweise dem Nachfolgestaat, der Türkischen Republik, kam erst 1927 zustande.77 Nebst rechtlichen Rahmenbedingungen war für das Funktionieren der internationalen Handelsbeziehungen die permanente Geschäftskorrespondenz essenziell. Aus dem regen Briefwechsel zwischen Basler Fabrikanten mit Handelsunternehmen im Osmanischen Reich kristallisiert sich ein Netzwerk heraus, das für die Zeit bezeichnend war. Wer es sich leisten konnte, unterhielt eigene Vertreter und sogenannte Reisende, um an lokale Marktinformationen zu gelangen. Dabei beruhte das internationale Geschäftsnetz vor allem «auf der Solidarität gemeinsamer Herkunft, die eher lokal als familial verstanden wurde»78. Mit anderen Worten spielten soziale Kontexte auch in Zeiten des globalen Freihandels eine entscheidende Rolle bei der Wahl von Partnerschaften. Dies gilt auch für das Beziehungsnetz von Forcart-Weiss. So sind unter den Handelshäusern im Osmanischen Reich, mit denen das Basler Unternehmen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts korrespondierte, ausschliesslich Levantiner und Schweizer zu finden, während muslimische Händler fehlen. Dank der regelmässigen Korrespondenz waren Basler Seidenbandfabrikanten über Entwicklungen und Veränderungen sowohl im lokalen als auch im internationalen Marktgeschehen informiert.

Wie sehr sich der Seidenhandel im 19. Jahrhundert zu einem globalen Warenmarkt entwickelte, wird unter anderem aus der Geschäftsbeziehung von Forcart-Weiss mit Heinrich Flubacher, ebenfalls ein Basler,79 deutlich. Flubacher war für Forcart-Weiss ab 1835 und bis zur Fusion mit Burckhardt-Wild im Jahr 1845 der mit Abstand wichtigste Partner für den Rohseidenkauf im Osmanischen Reich. Er unterhielt ab den 1830er-Jahren sowohl in Konstantinopel als auch in Bursa Handelsniederlassungen, um «sich hauptsächlich mit dem Ankauf inländischer Producte [sowie] dem Verkaufe für Freundes Rechnung von ausländischen Waaren [zu] befassen»80. Nebst dem Rohseidengeschäft auf Kommissionsbasis spielte Flubacher für Forcart-Weiss auch im Hinblick auf die Informationsbeschaffung aus internationalen Märkten eine wichtige Rolle. So hielt er sich Ende der 1830er-Jahre mehrfach in London auf, um seine Basler Geschäftspartner über den Zustand des hiesigen Seidenmarktes zu informieren. Gegenstand seines Interesses waren vor allem die Magazine. Er berichtete, dass die Seidenfabriken sehr aktiv waren, sie im Juni 1503 Ballen für ihren Bedarf aus den hiesigen Magazinen gezogen hatten und der Vorrat für weitere vier Monate reichte. 1839 fielen Flubacher die leeren Magazine auf, die nur bis zur Hälfte, manchmal gar nur bis zu zwanzig Prozent ihrer Kapazität ausgelastet waren, während sie bei seinem ersten Besuch zwei Jahre zuvor voll gewesen waren. Daher schloss Flubacher, dass die Seidenpreise um 20 bis 25 Prozent steigen würden und empfahl Forcart-Weiss, in London chinesische oder bengalische Rohseide einzukaufen und mit dem Weiterverkauf zuzuwarten. Er ermutigte damit seinen Basler Geschäftspartner zu einem Spekulationshandel und begründete den Vorschlag mit den sehr vorteilhaften Wechselkursen. Da er in London nicht etabliert war, schlug Flubacher zudem vor, sich für die Geschäftsabwicklung «an Häuser von anerkannter Solidität» zu wenden.81 Gemeint war die Zuverlässigkeit und Rechtschaffenheit eines Handelshauses. Für einen guten Ruf im Handel war die Zufriedenheit der Geschäftspartner entscheidend. Eine zuverlässige Zahlungsmoral trug ebenso dazu bei wie die rechtzeitige Lieferung hochwertiger Waren.82 Nebst dem gesellschaftlichen Ansehen waren finanzielle Lage und Wohlstand wichtige Kriterien für die Einschätzung der Solidität eines Handelshauses.83 Der Brief Flubachers aus London ist insofern bezeichnend, als die Stadt Mitte des Jahrhunderts den Weltmarkt für Rohstoffe beherrschte, so auch jenen für Rohseide.84 Flubachers Empfehlung, asiatische Seide zu Spekulationszwecken zu kaufen, zeigt zudem an, wie gut die Basler Seidenbandfabrikanten über den internationalen Seidenmarkt informiert waren. Denn der Preis der asiatischen Seide lag trotz des englischen Zwischenhandels um etwa 30 Prozent unter dem Niveau in Europa. Den Höhepunkt seiner Marktdominanz sollte London 1862 erreichen, als der asiatische Anteil an Rohseide rund 97 Prozent betrug.85 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überholte China, bedingt durch die bereits erwähnte Raupenkrankheit, Italien als weltweit führender Rohseidenexporteur.86 Als Forcart-Weiss im Jahr 1845 mit Burckhardt-Wild, einem weiteren Basler Unternehmen, das Handelskontakte zum Osmanischen Reich pflegte, fusionierte, arbeiteten in der ländlichen Heimindustrie rund zehntausend Personen für die Basler Bandproduktion. Basel war weiterhin die wohlhabendste Stadt der Deutschschweiz, und die Stadtmauern standen – noch. Hinter ihnen verbarg sich derweil eine Stadt, die sich nach der bereits zwölf Jahre zurückliegenden Kantonstrennung den Ruf als «Inbegriff des politischen Konservatismus»87 eingetragen hatte. Gleichwohl hatte sich seit der Gründung von Forcart-Weiss & Söhne sowohl in Basel als auch auf der internationalen Bühne einiges geändert. Mechanisch betriebene Bandfabriken waren entstanden, die in Basel rund 1500 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigten.88 Und seit vier Jahren fuhren wöchentlich Dampfboote zwischen Konstantinopel und Gemlik (Vorort von Bursa), um die Waren innerhalb von fünf Stunden in die osmanische Hauptstadt zu transportieren.89 Dampfbetriebene Webstühle sollten auch in Basel die Bandfabrikation in den kommenden Jahren beherrschen. Die erste mit Wasserkraft betriebene Schappespinnerei hatte Johann Siegmund Alioth, der bei Forcart-Weiss seine Lehrjahre absolviert hatte, im Jahr 1824 an der Hammerstrasse gegründet, jedoch 1830 nach wenigen Jahren die Produktion nach Arlesheim verlegt. Schappeseide wird aus Seidenabfällen, die nicht zu einem langen Faden abgehaspelt werden können, hergestellt; ein aufwendiger Prozess, der viele Arbeitsschritte erfordert.90 Den Rohstoff bezog Alioth unter anderem aus Bursa.91 Aus der Firma ging nach mehreren Fusionen 1881 die Industriegesellschaft für Schappe hervor, die zu den vier führenden europäischen Schappeindustrien zählen sollte.92 Der Gründung der Industriegesellschaft für Schappe ging von 1850 bis 1873 eine Hochkonjunktur in der Basler Seidenbandindustrie voraus, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die ganze städtische Industrie massgeblich prägte.93 Gemäss der Fabrikzählung von 1870 existierten in Basel 28 Seidenbandfabriken, die mit Wasser- oder Dampfkraft betrieben wurden und in denen insgesamt über fünftausend Personen arbeiteten, wobei der Frauenanteil bei 92 Prozent lag.94 Basel war zu jener Zeit längst in den rasant wachsenden Welthandel integriert, dessen Volumen sich zwischen 1850 und 1913 mehr als verzehnfachte.95 Die damit einhergehende weltweite Einbindung von lokalen und regionalen Märkten liess sich daran erkennen, dass sich im Lauf des Jahrhunderts die Preisniveaus global anglichen, sowohl aufgrund der fallenden Transportkosten als auch dank dem Abbau von Zollschranken.96 Angenähert hatte sich auch die Stadt am Rheinknie jenem wirtschaftsliberalen Idealbild, das Bernoulli in der bereits erwähnten Streitschrift 1822 gezeichnet hatte, nämlich durch «höhere Industrie, fabrikmässige(n) Betriebe und Maschinen»97 international konkurrenzfähig zu werden. Zu dieser Entwicklung hatten die Handelsbeziehungen zum Osmanischen Reich, die sich bis Ende des 19. Jahrhunderts hielten, nicht unwesentlich beigetragen.

Basler wirtschaftliche Aktivitäten in Südbaden und im Südelsass

Basler Kapitalbesitzer beschränkten ihre wirtschaftlichen Aktivitäten nicht auf das Gebiet des Kantons oder der Eidgenossenschaft, sondern gingen auch über die Grenze in das benachbarte Elsass und nach Südbaden. Ihre Handlungsfelder waren dort die Anstellung von Heimarbeitern wie in der Seidenbandweberei, die Finanzierung von Unternehmen bis zur Gründung und Leitung eigener Firmen.

Jakob Merian und Rudolf Burckhardt betrieben schon 1686 in Albbruck am badischen Hochrhein ein Eisenwerk. Andere Basler Unternehmer folgten ihnen in der Eisenproduktion. Basler Kaufleute besassen in Kandern und in Lörrach früh Papierfabriken. Die ersten Pioniere der Textilherstellung waren elsässische, die jedoch aus der Schweiz heraus agierten: 1756 Christoph Kiefer und Heinrich Link im unteren Wiesental und 1780 Philipp Jacob Frank in Lörrach, beide aus Mülhausen.98 Andere Manufakturbesitzer hatten ihren Stammsitz in Basel oder anderen Schweizer Kantonen, liessen aber in grossem Stil in badischen Filialen produzieren. Zu Letzteren gehörte der Seidenfabrikant Jakob Thurneysen, der in Basel eine Weberei betrieb und im Kanton Bern Seidengarn herstellen liess. Er beschäftigte im österreichischen Schwarzwald zeitweise bis zu fünftausend Menschen in der Heimweberei. Die ausbrechende Französische Revolution und die napoleonischen Massnahmen des Wirtschaftsboykotts wirkten sich fatal auf sein Unternehmen aus, das auf weniger als die Hälfte seiner Grösse schrumpfte.99

Basler Verleger und ihre Kommissionäre, die Fergger, liessen seit den 1750ern im gesamten Wiesental produzieren; Basler Kaufleute investierten und beteiligten sich an der Textilproduktion im Schwarzwald und im Wiesental. Ungefähr fünfzehn Betriebe arbeiteten dort zu dieser Zeit. Eine industrielle Produktion mit zentralen Antriebsquellen und Maschinen griff noch nicht um sich. So bot sich um 1780 im Wiesental, am Hochrhein, im Schwarzwald und im Markgräfler Land das Bild einer Gewerbelandschaft von textiler Heimarbeit im Verlagssystem und auch etlichen Manufakturen. Die Gewerbeförderungspolitik des Badener Markgrafen Karl Friedrich und des Lörracher Landvogts Gustav Magnus von Wallbrunn, inspiriert durch den Merkantilismus, hatte die Textilunternehmer der Schweiz und Basels nach Baden gelockt. Während sich im (badischen) unteren Wiesental schon einige Fabriken etabliert hatten, dominierte im oberen (österreichischen) Wiesental die Hausindustrie im Verlagssystem.

Einige wenige Pioniere wagten auch bereits den Sprung über die Grenze zu einer Gründung statt einer blossen Beteiligung an einem Unternehmen im badischen Ausland. Der Berner Indiennefabrikant Friedrich Küpfer, ein politischer Flüchtling, siedelte sich 1753 in Lörrach an, um eine Fabrik aufzubauen, finanziert vom Basler Handelshaus Merian. Die Firma Küpfer scheiterte an den wirtschaftlichen Folgen der Revolution und der napoleonischen Zeit, und die Basler Bankiers Johann Jakob und Christoph Merian in Kooperation mit den Textilfabrikanten Nicolas und Peter Koechlin aus Mülhausen übernahmen das Unternehmen. Sie brachten es mit dem Einsatz von Rouleaux-Druckmaschinen100 auf den aktuellen technischen Stand, und aus ihm entwickelte sich das Weltunternehmen KBC, das bis heute existiert. In Zell, Steinen und Schönau errichteten die Koechlins weitere Webereien und initiierten damit den industriellen Take-off im Wiesental. Basler sowie weiteres Schweizer Kapital und Mülhauser Unternehmergeist hatten zu einer fruchtbaren Symbiose gefunden.

In der Stadt selbst war 1717 die Stoffdruckerei eingeführt worden. Aber erst ab 1755 fand sich hier eine Baumwolldruckerei, und diese ging auf den Anstoss durch Mülhauser Fabrikanten zurück. Ihre Zahl erhöhte sich bis Ende des Jahrhunderts nur mässig auf sieben Indiennedruckereien, während das einheimische Kaufmannskapital im Badischen in eben diese Textilsparte investierte. Die Basler wie auch andere Schweizer Baumwollfabrikanten verlagerten ihre Produktion sozusagen komplett in das Wiesental und den Schwarzwald, während man in der Stadt selbst auf die protoindustrielle Seidenbandherstellung setzte. Mit Koechlin, Schmaltzer & Cie. hatte auch in Mülhausen 1746 die industrielle und nicht mehr protoindustrielle Fabrikation von Indiennes eingesetzt. Das Kapital dafür stammte vorerst noch von einem reich gewordenen Mülhauser Bürgertum und nicht aus Basler Quellen. Basel mit seiner Heimindustrie von Seidenbändern wirkte zu dieser Zeit im Vergleich zu den industriell aufblühenden Zentren Mülhausen und Wiesental fast rückständig.

Neun schweizerische Textilunternehmen arbeiteten nach dem Beitritt Badens zum deutschen Zollverein 1836 im badischen Webland, wie es nun genannt wurde. Die Zollgrenze führte zu Gründungen Schweizer Unternehmen in Südbaden. Schweizer und Basler Investitionen verliehen der Industrialisierung des Wiesentals enormen Schub. Die Anzahl der Webstühle verdoppelte sich. Das Wiesental wurde zum textilindustriellen Zentrum des Grossherzogtums Baden, mit einem Gründungsboom schweizerischer und baslerischer Fabriken. In Stetten (heute Teil von Lörrach) entstand die Seidenbandweberei J. Jenny, in Haagen (ebenso Lörrach) die Baumwollspinnerei Sarasin & Häusler aus Basel oder die Spinnerei Bölger (Niederschönthal) in Zell, um nur einige bedeutende zu nennen.

Weitere Gründe für die Basler Investitionen lagen in dem niedrigeren Lohnniveau, einem durch die Heimarbeit bereits qualifizierten Arbeiterstamm und der Wasserkraft des Flusses Wiese als Antriebsquelle. Die Anziehungskraft des wichtigen deutschen Textilmarkts und auch die Nähe zur Schweiz dürften zusätzliche Argumente gewesen sein. Es waren aber nicht nur die eidgenössischen Fabriken, sondern auch grosse Elsässer Textilunternehmen, die sich neu ansiedelten. Die Mülhauser Schlumberger, Grosjean & Cie. wie auch Dollfuss, Mieg & Cie., die legendäre DMC, investierten in Fabriken im Wiesental. Das Wiesentäler Zentrum Lörrach verzeichnete 1861 fünf Fabriken mit über zwanzig Arbeitern und fast tausend Arbeitsplätzen. Weitere Handwerksbetriebe und Dienstleister ergänzten diesen textilen Cluster. Die Textilhistorikerin Brigitte Heck beurteilt rückblickend die Einbindung südbadischer Betriebe in den Welthandel durch Schweizer Textilunternehmen als herausragenden wirtschaftlichen Erfolg.101

Die Industrialisierung des Dreilands, also des Gebiets zwischen Freiburg, Basel und Mülhausen, hatte ihren Ursprung im elsässischen Mülhausen. Erste Textilmanufakturen blühten dort bereits Mitte des 18. Jahrhunderts auf. 1746 wurde die Indiennemanufaktur Koechlin, Schmaltzer & Cie. gegründet, die den Startimpuls für das Textilzentrum setzte. Die Familie Koechlin, schweizerischen Ursprungs, besass enge familiäre und Informationsverbindungen nach Basel. Weitere Gründungen von Manufakturen folgten mit Jean Michel Hartmann 1752 und Anthes und Feer zwei Jahre darauf. Im Jahr 1770 existierten schon fünfzehn Stoffdruckereien auf dem Stadtterritorium, und eine Zulieferindustrie von Spinnereien und Webereien hatte sich in der Folge ebenfalls etabliert. In diesem Jahr beschäftigte die Mülhauser Indienneindustrie 2250 Arbeiter. Seit dem Beginn mit Koechlin, Schmaltzer & Cie. hatten die Unternehmen in den vierzig folgenden Jahren 12 000 Arbeitsplätze in 23 Fabriken geschaffen. In Basel existierten zu diesem Zeitpunkt im Vergleich nur 6 Indiennemanufakturen.102

Mülhausen war eine freie Stadtrepublik und zugewandter Ort der Schweiz, also nicht Teil des französischen Staats. 1759 war in Frankreich das Importverbot für Indiennes aufgehoben worden, was der Mülhauser Textilindustrie gute Absatzchancen verschaffte. Doch 1785 erliess die französische Regierung erneut ein Verbot des Imports von Indiennewaren, um die einheimischen Textilbetriebe zu schützen. Die Mülhauser Stoffwaren mussten sich ihren Weg nach Frankreich nun illegal über den Schmuggel suchen, und Basel bot sich dafür an. Die Probleme der Zollgrenze zum französischen Absatzgebiet hob aber erst der Beitritt von Mülhausen zu Frankreich 1798 auf, der wesentlich dadurch inspiriert war. Ab 1802 griff auch die Mechanisierung in den elsässischen Webereien und Spinnereien: Nicolas Koechlin, André Koechlin, Nicolaus Schlumberger, Bourcart und Dollfus-Mieg – allesamt Familien mit Bezug zu Basel – eröffneten grosse Fabriketablissements mit Spinnmaschinen und maschinell betriebenen Webstühlen in Mülhausen oder benachbarten Orten in den Vogesentälern. Die elsässische Leitindustrie der Textilherstellung stellte im Jahr 1837 ungefähr 50 000 Arbeitsplätze bereit. Die Phase zwischen 1800 und 1830 kennzeichnet den eigentlichen Beginn der Industrialisierung im Elsass, die Entstehung einer der führenden Textilregionen Europas mit dem Zentrum Mülhausen als dem ‹Manchester Frankreichs›. Die Finanzierung dieser Unternehmen erfolgte ursprünglich nicht durch Basler Kapital, sondern durch Darlehen von der Stadt Mülhausen, weil die Zinssätze Basler Kreditanbieter mit fünf bis sechs Prozent zu dieser Zeit sehr hoch lagen. Auch griff man auf einheimische Kapitalgeber wie Samuel Koechlin und J. J. Feer, einen Kaufmann, zurück.103 Die ersten Basler Finanzierungen datieren von 1795, als sich die Frères Merian mit 30 000 Livres an Peter Risler & Cie. und Christoph Burckhardt mit 70 000 Livres an Engel & Cie. beteiligten. In der Phase der Revolution und der napoleonischen Zeit, geprägt durch Terror, Kriege und Wirtschaftskrisen, litten auch die Mülhauser Unternehmen und konnten nur durch finanzielle Unterstützung Basler Financiers und Handelshäuser aufrechterhalten werden. Es fanden sich verschiedene Beteiligungsformen, mit denen Basler Kapital die Unternehmen unterstützte: die Ausgabe von Anleihen, die Gewährung von Krediten, die Beteiligung an einer Kommanditgesellschaft und die Gründung von Filialen.

Unter den Kommanditären finden sich Basler Namen wie La Roche, Gemuseus, Merian, Preiswerk, Bourcart (Burckhardt) und Wenk.104 Schlumbergers Baumwollweberei gewann Felix Sarasin & Heusler als Kommanditär und Kapitalgeber. Vor allem die Frères Merian, die Brüder Johann Jakob und Christoph Merian, verlegten den Schwerpunkt ihrer Geschäftstätigkeit ab 1810 vom Spekulationshandel auf Bankgeschäfte. Zuvor waren sie vor allem im Handel mit Rohbaumwolle, Seide und Baumwolle tätig gewesen und sie kooperierten eng mit der Handelsgesellschaft Christoph Burckhardt & Cie. sowie Bourcart Fils & Cie.105 Während Christoph Merian wirtschaftlichen Erfolg mit Anlagen in die elsässische Baumwollindustrie verbuchte, hielt Christoph Burckhardt am Handelsgeschäft fest und blieb sehr skeptisch gegenüber umfangreicheren und langfristigen industriellen Investitionen.

Johann Jakob und Christoph Merian waren als Kommanditäre bei der Dollfus, Mieg & Cie. DMC engagiert. In den 1840er-Jahren konzentrierte sich Nachfolger Christoph Merian-Burckhardt auf dieses führende Unternehmen. Auch Nicolas Koechlin Frères hatte 1812 bei Frères Merian eine Anleihe von 1,2 Millionen Franken getätigt. Zwischen 1807 und 1811 flossen mehrere Millionen Franken für die Modernisierung der Mülhauser Textilindustrie als Kommanditen (stille Teilhabe) oder mittelfristige Darlehen von Basler Handels- und Bankhäusern an die Mülhauser Unternehmen; es waren laut Bolliger im Zeitraum 1811 bis 1839 mindestens 39 Darlehen.106 Auch profitierten die Mülhausener Textilfabriken davon, dass in der Zeit der Kontinentalsperre aus Basel der unentbehrliche Rohstoff des englischen Garns nach Mülhausen geschmuggelt wurde. Erst nach 1830 waren die Betriebe wieder in der Lage, sich durch Eigenkapital oder das anderer Elsässer Unternehmen zu finanzieren.107 Hans Bauers Aussage, dass die «Industrialisierung im Oberelsass weitgehend […] ein Gemeinschaftswerk von Mülhauser Initiative und Basler Finanzkraft» gewesen sei, ist deshalb weitgehend zuzustimmen.108

Die in Basel dominierende heimindustrielle Bändelmacherei spielte in Mülhausen und im Südelsass eine deutlich geringere Rolle. Hier herrschte eindeutig das Bedrucken der Baumwollstoffe im industriellen Massstab und daraus folgend die Baumwollspinnerei und -weberei vor. Dennoch siedelten einige Basler Seidenbetriebe nach Mülhausen oder in die angrenzenden Vogesentäler über, oder es beteiligten sich Basler Financiers an diesen Unternehmen. 1804 errichteten De Bary & Bischoff ein Werk in Gebweiler, um die französischen Zölle zu umgehen. 1832 verlagerte sich De Bary wieder zurück nach Basel. Lucas Preiswerk gründete aus denselben Gründen 1806 eine Seidenbandfabrik direkt in Mülhausen, die er 1812 nach Sulz im nördlichen Elsass verlagerte. Später datieren einige Fabriken, die sich der Schappespinnerei widmeten. Im Jahr 1856 entstand in Sulzmatt im ‹Vallée Noble› die Baumwollspinnerei Simon & Schouller, die schliesslich in die Arlesheimer Schappe-Gesellschaft überging.

Durch den Bedarf der elsässischen Textilfabriken an Textilmaschinen entwickelte sich eine einheimische Maschinenbauindustrie, die sich auf Spinn- und Webmaschinen sowie weiteres Fabrikinventar spezialisierte. So entstanden am Eingang der Vogesentäler bedeutende Firmen des Maschinenbaus: In Cernay Risler & Dixon, in Gebweiler Schlumberger & Cie. und in Thann Leopold Müller. Am bedeutendsten war die Maschinenfabrik von André Koechlin in Mülhausen selbst, die mithilfe von Darlehen Basler Banken, unter anderen der Bank Ehinger, 1826 gegründet wurde. Koechlin spezialisierte sich schon bald auf den noch jungen Lokomotivbau, gründete dafür die SACM (Société alsacienne de constructions mécaniques), an der wiederum ein Basler Bankensyndikat wesentlich beteiligt war. Nicolas Koechlin, der Vetter Andrés, initiierte das Projekt einer Eisenbahnverbindung von Strassburg nach Basel, das wiederum unter Beteiligung von Basler Financiers in der Höhe von 20 Millionen Franken realisiert wurde. Die Schifffahrtsgesellschaft, die das Projekt einer durchgehenden Verbindung von Strassburg nach Basel verfolgte, wurde von Christoph Merian-Hoffmann von Frères Merian als Geldgeber mit unterstützt. Auch das Nouveau Quartier in Mülhausen, ein Wohnquartier der neuen industriellen Elite,112 unterstützte Merian-Hoffmann mit 1,6 Millionen Franken. Sein Sohn Christoph Merian-Burckhardt konzentrierte seine Mülhauser Beteiligungen über lange Jahre an der Dollfus, Mieg & Cie. DMC. Dies sind nur einige herausragende Beispiele des massgeblichen Einflusses von Basler Kapital auf die weitere industrielle Entwicklung des Elsass. Die enge familiäre Verflechtung zwischen südlichem Elsass und Basel, für die beispielhaft etwa der Name Koechlin steht, schlug sich auch in einer engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit nieder. Die Investitionen Basler Händler und Bankiers im Elsass und in Baden gelten als das erste europäische Beispiel einer Beteiligung an ausländischen Industrieunternehmen.113

Missionskolonien an der Goldküste

Der Traum von einem bibeltreuen Leben, frei von den «sozialen Krankheiten»114 des industrialisierten und säkularisierten Europas, endete für die Missionare, die für die Basler Mission in den 1820er- und 1830er-Jahren in Westafrika im Einsatz waren, allzu oft tödlich. Ein Schicksal, das beinahe auch den dänischen Missionar Andreas Riis ereilt hätte. Riis war seit 1832 an der Goldküste, im heutigen Ghana, für die Basler Mission tätig. Diese versuchte ab 1828 eine Missionsstation aufzubauen. Die hohe Mortalität unter den Missionaren, die in der Regel wenige Monate nach Ankunft Krankheiten wie Malaria oder Gelbfieber erlagen, liess aber die Missionierungsversuche wiederholt scheitern.115 Von den ersten sieben Missionaren, welche die Basler Mission an die Goldküste schickte, war Riis der einzige Überlebende – auch dank der Hilfe eines einheimischen Heilers.

Die Gründung der Evangelischen Missionsanstalt im Jahr 1815 ging auf die Initiative der Deutschen Christentumsgesellschaft zurück, deren Zentrum sich seit dem Jahr 1780 in Basel befand.116 Bereits in ihren Anfängen hatte die Basler Mission Fehlschläge zu verzeichnen, so etwa im Kaukasus, in Sierra Leone oder in Liberia. Doch weder der wiederholte Misserfolg noch die Gefahren für ihre Zöglinge konnten die Missionsleitung davon abhalten, beharrlich an ihren Missionsbestrebungen festzuhalten: «Wir hätten es für eine Schmach des Namens Christi geachtet, um der Todesgefahren willen gegen den Jammer und Hilferuf der armen Neger [sic] in Afrika unsere Herzen und Ohren zu verschliessen», hielt der erste Inspektor der Basler Mission, Christian Gottlieb Blumhardt, im Missionsmagazin im Jahr 1827 fest. Blumhardts Worte richteten sich gegen europäische Sklavenhändler, die auf «räuberische» Art Menschen in Afrika erbeuteten, ohne dabei «die Gefahren eines Leben verzehrenden Klimas» zu scheuen.117 Die Kritik des Inspektors am Sklavenhandel ist Ausdruck der ideologischen Nähe der Basler Mission und mithin des Pietismus zur Abolitionsbewegung, die sich für die Befreiung der Sklaven und gegen den Sklavenhandel engagierte.118 Deutlich wird dies vor allem in der Zusammenarbeit mit der Church Missionary Society in London, die «personell und ideologisch eng mit der britischen Abolitionsbewegung verflochten war»119. Für die Church Missionary Society bildete die Basler Mission bis Mitte des Jahrhunderts über hundert Schweizer und deutsche Missionare aus.120 Mit der abolitionistischen Haltung der Basler Mission ging ein pietistisches Verständnis von legitimem Handel als Mittel der Zivilisierungsmission einher, während der Sklavenhandel als ein unmoralischer, lasterhafter Zivilisationsimport nach Afrika121 abgelehnt und als Hindernis für den Erfolg der Missionsarbeit erachtet wurde: «In Africa, evangelical strategy prescribed legitimate commerce as the means of extirpating the slave trade.»122 In dieser Betrachtungsweise stellte das Evangelium eine Ware von übernatürlichem Wert dar, mit der sich die Pietisten nicht nur vom Sklaven- und Opiumhandel abgrenzten, sondern zugleich ihre Missionsarbeit legitimierten. Dabei bekannte sich die protestantische Missionsbewegung zu den allgemeinen Menschenrechten, hielt aber weiterhin an der Unterscheidung zwischen Christen und Heiden und am Gegensatz von zivilisiert und wild fest. Gleichheit vor Gott bedeutete also nicht, dass alle Menschen am zivilisatorischen Fortschritt gleichermassen teilhatten. Mitleid, insbesondere mit dem Schicksal der Versklavten, konnte man so mit der Zuversicht auf die Vorsehung und mit dem Anspruch auf den Heilsuniversalismus des Evangeliums vereinbaren.123

Den christlichen Glauben einer «unzählbaren Schar von Heiden in den entfernten Welttheilen» zu vermitteln und sie so am «Genuss der seligmachenden Lehre» teilhaben zu lassen, betrachteten die Gründer der Basler Missionsgesellschaft daher als ihre moralische Pflicht.124 Überzeugt, dass als Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Heidenmission «kein schicklicherer Ort […] als Basel» existierte, wo «Frömmigkeit und Gottesfurcht ihren Werth noch nicht verloren» hätten, warben sie im Jahr 1815 für die Gründung einer neuen Missionsanstalt. Für Basel als Gründungsort einer Missionsanstalt sprach ebenfalls der Umstand, dass hier nebst Personal aus Wirtschaft und Theologie auch ausreichende finanzielle Ressourcen zur Verfügung standen und die politische und wirtschaftliche Elite der Stadt das Projekt unterstützte.125 Eine erfolgreiche Mission setzte nebst personellen und finanziellen Ressourcen auch den Aufbau einer dauerhaft funktionierenden Missionsstation voraus. Doch von den vier Missionaren, welche die Basler Mission als erste Gruppe im Dezember 1828 an die Goldküste sandte, verstarben drei kurz nach Ankunft, der Vierte Ende 1831. Noch vor Bekanntwerden der Hiobsbotschaft schickte man eine zweite, dreiköpfige Gruppe als Verstärkung auf den Weg, wobei Riis als Einziger das erste Jahr überlebte.126 Nebst den krankheitsbedingten Todesgefahren erschwerten zudem die grosse Entfernung sowie die Kommunikationsbedingungen ein rasches und zielführendes Handeln: Eine regelmässige Schiffs- und Postverbindung zwischen der Goldküste und der europäischen Heimat wurde erst in den 1850er-Jahren eingerichtet. Auch danach dauerte es vier Wochen, bis ein Brief aus Aburi in Basel ankam. Zudem mussten ab 1851 erkrankte Missionare zunächst bei der Missionsleitung die Erlaubnis für die Rückreise einholen. Für viele kam die Antwort aus der Heimat zu spät.127

Nachdem seine Missionierungsbestrebungen in der Küstenregion in den ersten drei Jahren erfolglos blieben, fasste Riis den Entschluss, es landeinwärts in den Akuapem-Bergen zu versuchen.128 Freilich war er nicht der erste Europäer, der auf das Plateau von Akuapem stiess. Ende des 18. Jahrhunderts hatte bereits der dänische Arzt und Botaniker Paul Erdmann Isert Kontakte zum Kleinstaat geknüpft. Isert war Gegner der Sklaverei gewesen und hatte sich für die Ansiedlung ehemaliger Sklaven in Afrika eingesetzt. Er hoffte so, das Unrecht der Versklavung wiedergutzumachen. Aufgrund seines plötzlichen Todes hatte er seine Idee nicht realisieren können. Fast fünfzig Jahre später nahm Riis die Idee des Landmannes wieder auf.129

Im Landesinneren war das Klima im Unterschied zur Küstenregion milder und die Gefahr, an Malaria oder Gelbfieder zu erkranken, geringer. In Akropong, Hauptort des Kleinstaates Akuapem, gelang es 1835 Riis, mit Einverständnis des lokalen Herrschers Nana Addo Dankwa I. die erste Inlandstation zu gründen. Doch auch hier blieb der Erfolg zunächst aus, sodass Riis, ohne einen einzigen Einheimischen zu bekehren, 1840 von der Missionsleitung nach Basel zurückgerufen wurde.130 Auf dem Rückweg nahm Riis in London an der von britischen Anti-Sklaverei-Gesellschaften organisierten ‹Conference on Africa teil›.131 Diskutiert wurde die Idee, auf den karibischen Inseln ehemalige Sklaven mit ihren Angehörigen, die sich zum Christentum bekehrt hatten, für die Mission in Afrika anzuwerben. Sie sollten der afrikanischen Bevölkerung als vorbildhafte Familien dienen und gleichsam beweisen, dass das Evangelium nicht nur die Religion der Weissen, sondern aller Menschen war. Die Missionsleitung in Basel unterstützte die von Riis aus London mitgebrachte Idee und entschied sich am 17. Februar 1841 für eine Ausdehnung ihrer Mission an der Goldküste.132 Daraufhin reiste Riis in die Karibik und warb 24 Menschen, überwiegend aus Jamaika, für die Mission in Akropong an. Mit den Siedlern schloss die Basler Missionsgesellschaft einen Vertrag ab, in dem sie sich verpflichtete, in den ersten zwei Jahren für alle Ausgaben aufzukommen sowie Land und Häuser zur Verfügung zu stellen, während die Siedlerfamilien in den ersten beiden Jahren ausschliesslich für die Mission zu arbeiten hatten. Nach fünf Jahren konnten die Siedler entscheiden, ob sie bleiben oder zurückkehren wollten.133

Als Riis mit seinen Begleitern aus der Karibik im April 1843 in Akropong eintraf, war die Station zum Teil zerstört, und die meisten Häuser waren unbewohnbar.134 Dank den handwerklichen Fertigkeiten der Siedler, worauf Riis bei der Auswahl Wert gelegt hatte, gelang es der Gruppe, die Station wieder aufzubauen: Unter ihnen waren nebst je einem Zimmermann, Böttcher, Rumdestillateur sowie zwei Lehrern auch Landarbeiter. Eine Reihe von Familien widmete sich der Landwirtschaft und brachte eine Vielzahl von Samen und Pflanzen wie Mangos, Coco-Yams und Kaffee sowie Werkzeuge und landwirtschaftliche Geräte nach Akropong. So begann mit der Ankunft der karibischen Christen eine der erfolgreichsten Missionen.135 Sie sollte rund ein Jahrhundert andauern.136

Das Vorhaben war eine von mehreren Ansiedlungen, die von protestantischen Missionskirchen und der Anti-Sklaverei-Bewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen wurden.137 Aus Sicht der abolitionistischen Bewegung fungierte die Sklaverei auf der Karibik «als Norm im breiten Spektrum sozialer Unfreiheit»138. Dies spielte wohl für die Entscheidung der Basler Missionsleitung, Jamaikaner für die Erlösung Afrikas anzuwerben, eine nicht unwesentliche Rolle. Für die Zusammenarbeit sprach auch der Umstand, dass in christlichen Gemeinden, die nach der Abschaffung der Sklaverei auf den karibischen Inseln in einer Vielzahl entstanden waren, die Vorstellung einer ‹Rückkehr nach Afrika› sowie die Idee einer christlichen Missionierung und die damit verbundene Vermittlung westlicher Bildung starke Verbreitung gefunden hatten.139 Afrika christlich zu bekehren und europäisch zu zivilisieren, war so gesehen eine Utopie, die die jamaikanischen Siedler mit den Basler Missionaren teilten.

Auch der zweite Anlauf, Einheimische in Akropong zu missionieren, verlief zunächst harzig. Daraufhin richteten die Missionare ihre Arbeit auf ‹Hausknaben› aus, also auf junge Männer aus Familien sowohl freier als auch unfreier Herkunft. Unter den ersten Taufanwärtern befanden sich nicht nur Sklaven und Freie in finanziellen Notlagen, sondern auch Söhne lokaler Herrscher. Da in Akropong die Erbfolge der mütterlichen Linie folgte, hatten sie keinen Anspruch darauf, die Ämter ihrer Väter zu übernehmen.140 Mit den Siedlern aus der Karibik bildeten sie hingegen die Elite der Missionsgemeinde.141 «Die Mission ist eine Macht geworden», schrieb Inspektor Joseph Josenhans in den Jubiläumsbeiträgen, die im ‹Heidenboten›, dem zentralen Organ der Basler Mission, 1865 publiziert wurden. Man könne die Mission «nicht mehr so leicht, wie früher, mit Stillschweigen übergehen». Überall greife sie «in die Geschichte der Völker» ein, «sowohl in den aussereuropäischen Ländern als in der europäischen Heimat».142 Die Macht der Basler Mission spiegelte sich nach Josenhans auch in Zahlen wider: Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung verzeichnete sie 137 Missionare, die in insgesamt 27 Missionsstationen in Westafrika, Indien und China tätig waren und bis zum Jahr 1864 insgesamt 4462 Einheimische bekehrt hatten.143 Bedenkt man, dass Mitte der 1830er-Jahre noch keine einzige dauerhafte Station existierte, zeugten die von Josenhans präsentierten Zahlen von einer expansiven Entwicklung. Diese entsprach dem generellen Trend des ‹Missionsjahrhunderts›, während dem sich pietistische Missionsbewegungen in Asien und Afrika erfolgreich auszubreiten vermochten.144

Mächtig geworden war die Basler Mission jedoch nicht allein aufgrund der deutlich gestiegenen Zahl der Missionare, Missionsstationen und Konvertierten. Auch der Handel spielte eine zentrale Rolle. Dabei richtete sich die pietistische Handelsethik nicht zuletzt gegen den aufklärerisch-säkularen Zeitgeist, der sich gemäss Josenhans gegen jede Religion gewendet hatte und «viel wirksamer und ausgiebiger durch Handel und Eroberungen, mittelst Baumwolle, Opium und Branntwein» missionierte.145 Diesem unlauteren Handel stellte man in ideologischer Hinsicht den christlichen Handelsbetrieb entgegen, der religiös und unternehmensethisch Verantwortung übernahm. Eine 1864 erlassene Geschäftsordnung sollte dies garantieren. Sie stellte neben die Geschäftsrendite moralisch-religiöse Absichten.146

An der Südwestküste Indiens etwa unterhielt man seit den 1840er-Jahren Werkstätten und Webereien, um den bekehrten und kastenlos gewordenen Mitgliedern Arbeit und Verdienstmöglichkeiten anbieten zu können.147 Handel betrieb die Mission alsbald auch an der Goldküste: So eröffnete der in Diensten der Basler Mission stehende Hamburger Kaufmann Hermann Ludwig Rottmann in Christiansborg im Jahr 1854 einen Laden, in dem Zucker, Tee, Kaffee und Reis angeboten wurden. Von Beginn an erwirtschaftete man satte Gewinne, sodass Rottmann vorschlug, auch in riskante Handelsgeschäfte einzusteigen. Das Missionskomitee entschied derweil, das Handelsgeschäft von der Missionstätigkeit in finanzieller Hinsicht klarer zu trennen. Ab 1858 wurde der Laden in Christiansborg über einen speziellen Fonds finanziert, während man die Kontrolle einer eigens dafür gebildeten Handlungskommission übergab. Diese trat im Februar 1859 erstmals zusammen und übernahm nur wenige Monate danach auch die Verantwortung für die Geschäfte in Indien. Im April desselben Jahres entschied die Handlungskommission, eine Aktiengesellschaft zu gründen, um die nötigen finanziellen Mittel für die Geschäfte in Indien und Afrika zu generieren. Die Betriebe seien «zu einer solchen Grösse herangewachsen, dass man neue finanzielle Mittel benötige, die aber nicht den zu Missionszwecken gespendeten Geldern der Basler Mission entnommen werden dürften».148 Die Aktionäre der neu gegründeten und von der Missionsgesellschaft getrennten Missions-Handlungs-Gesellschaft stammten aus dem Basler Grossbürgertum. Grösste Aktionärin war allerdings die Missionsgesellschaft mit einem Aktienanteil von fünfzehn Prozent. Die Missions-Handlungs-Gesellschaft sollte sich zu einem Welthandelsunternehmen entwickeln, das sich innerhalb der kolonialen und globalen Wirtschaft erfolgreich zu bewegen wusste.149 Im selben Jahr, in dem die Missions-Handlungs-Gesellschaft gegründet wurde, verabschiedete die Basler Missionsgesellschaft eine für alle Missionsgebiete verbindliche Gemeindeordnung. Das Hauptanliegen bestand darin, die Lebensverhältnisse in den Missionsgemeinden Afrikas und Asiens gleichförmig zu regeln, worunter Ehe, Kinder, Dienstboten und Erwerb fielen.150 «Durch Vorführung christlicher Vorbilder», so Josenhans, und «unter Aufsicht und Anleitung europäischer Christen» sollten sich die Einheimischen «an die Ausübung aller bürgerlichen Christentugenden» gewöhnen. «Dies ist der Ursprung der Missionskolonien.»151

Dass die Vorführung christlichen Lebens- und Handelsideals in Afrika auch dank der Zusammenarbeit mit Christen aus der Karibik erfolgreich realisiert worden war, erwähnte Josenhans in der Jubiläumsschrift nicht. Denn die Basler Mission war bereits Jahre zuvor zum Schluss gelangt, dass das Ansiedlungsprojekt ein Misserfolg gewesen sei. Zwar sei der Plan, «durch die lebendige Anschauung einer wahrhaft christlichen Negergemeinde [sic]» alle Zweifel der Einheimischen am Evangelium zu beseitigen, «vortrefflich» gewesen. Die in die Siedler gesetzten Erwartungen seien jedoch nicht erfüllt worden: Einige hätten bald Heimweh gehabt, andere sich von «lähmenden und finsteren Einflüssen der sie umgebenden Heidenwelt» verführen lassen und damit «der Mission eher Schande als Ehre» gebracht.152

In der Tat war die Zusammenarbeit zwischen Siedlern und Missionaren keineswegs reibungslos verlaufen. Wiederholt hatten sich die Siedler bei der Missionsleitung über Riis’ brutales Verhalten ihnen gegenüber beschwert. Sie warfen Riis vor, sie bei der Verteilung der ihnen vertraglich zustehenden Decken, Kleidung, Möbel und Werkzeuge betrogen und öffentliche Körperstrafen vollzogen zu haben.153 Zwar enthob die Missionsleitung daraufhin Riis von seinem Posten. An ihrem negativen Urteil über das Ansiedlungsprojekt hielt sie gleichwohl fest und zog damit die koloniale Utopie des bibeltreuen Lebens der afrikanischen Realität vor.

Anmerkungen

  1. Mottu-Weber 2020. Stolz; Bühler 1979, S. 72−73. Roth 1959, S. 125−132. Alder u. a. 2003, S. 16 ff.
  2. Staehelin 1957, S. 102.
  3. Winkler 1994, S. 32 ff. Gossman 2005, S. 47.
  4. Sarasin 1997, S. 51. Troxler 1973, S. 44.
  5. Gossman 2005, S. 51.
  6. Ausführlich zu den Handelsbeziehungen zwischen Basel und dem Osmanischen Reich siehe Topkaya 2023.
  7. Vogl 2020, S. 57.
  8. Alder u. a. 2003, S. 18.
  9. Gossman 2005, S. 42.
  10. Staehelin 1957, S. 108.
  11. Sarasin 1997, S. 58. Gossman 2005, S. 65−66.
  12. Winkler 1994, hier S. 42.
  13. Franc 2021, S. 49. Gossman 2005, S. 51.
  14. Gossman 2005, S. 37.
  15. Gossman 2005, S. 38.
  16. Für den Neubau des Kunstmuseums 1932 abgebrochen.
  17. Troxler gibt als Gründungsdatum von Forcart-Weiss & Söhne den 1.1.1800 an, siehe Troxler 1973, S. 27. Gegründet wurde die Firma jedoch bereits 1797, siehe von Steiger 2012, S. 253.
  18. Degen u. a. 2017.
  19. Troxler 1973.
  20. Troxler 1973, hier S. 44.
  21. Fankhauser 2008. Franc 2021, S. 33−34.
  22. Franc 2021, S. 40.
  23. Troxler 1973, S. 62.
  24. Troxler 1973, S. 60−61.
  25. Franc 2021, S. 53.
  26. Stolz 1981, S. 83; vgl. auch Bowring 1837, S. 115.
  27. Alder u. a. 2003, S. 8.
  28. Mottu-Weber 2020.
  29. Von Steiger 2012, S. 195.
  30. Wild 2012, S. 290.
  31. Alder u. a. 2003, S. 32.
  32. Brötel 2002, S. 113 ff.
  33. Läser 2017, S. 65.
  34. Brötel 2002, S. 115.
  35. Brötel 2002, S. 144.
  36. Brötel 2002, S. 118.
  37. Troxler 1973, S. 56.
  38. Eine kritische Diskussion des historischen Integrationsprozesses des Osmanischen Reiches in den Welthandel bei Wallerstein 1987.
  39. Smyrnelis 2005, S. 4−5.
  40. Siehe zum Folgenden SWA, HS 258 U 5 155: Dutilh Père fils & Co., 3.7.1820.
  41. Die ausgehenden Briefe sind erst ab den 1830er-Jahren überliefert.
  42. «Man nahm grundsätzlich an, dass das Verbot im eigenen Landesbedarf begründet war. Nun hat man aber erkannt, dass ein Viertel der diesjährigen Ernte für den Eigenbedarf des Landes reicht. Es bleiben also drei Viertel für den Export übrig.»
  43. SWA, HS 258 U 59 2143: Burnens & Co., 3.10.1825.
  44. Quataert 1994, S. 891.
  45. SWA, HS 258 U 61 2240: Hayes La Fontaine & Co., 25.11.1825.
  46. Zum Begriff des Levantiners allgemein sowie zu Glavany siehe Schmitt 2005.
  47. SWA, HS 258 U 70 2631: Glavany Jacques Fils & Co., 10.1.1826. Das Handelshaus wurde 1814 in Konstantinopel gegründet, siehe Dodis Diplomatic Documents of Switzerland: Glavany fils & Cie. https://dodis. ch/R20668, abgerufen am 31.1.2024.
  48. SWA, HS 258 A 3.
  49. Witschi 1987, S. 2.
  50. Brief zitiert nach: Troxler 1973, S. 51−52.
  51. SWA, HS 258 U 2223: Glavany Jacques Fils & Co., 10.3.1825.
  52. Von Steiger 2012, S. 245.
  53. Stolz 1981, S. 83.
  54. Cizakaya 1980, S. 142−152.
  55. Baleva 2017, S. 45−46.
  56. SWA, HS 345 M 1178: Falkeisen & Comp., 8.6.1836. «Bursa liegt in einem der fruchtbarsten Gegenden Kleinasiens, am Fuße des Olymp, sechs Meilen vom Marmarameer und 25 Meilen von Konstantinopel entfernt. Die Stadt beschäftigt sich, gemeinsam mit mehr als zwanzig Dörfern in der Umgebung, hauptsächlich mit der Aufzucht von Seidenraupen.»
  57. SWA, HS 345 M 1178: Falkeisen & Comp., 8.6.1836.
  58. SWA, HS 345 M 1178: Falkeisen & Comp., 8.6.1836.
  59. Abulafia 2013, S. 704. Carrière 1973, S. 612− 613. Masson 1896, S. 488. Ich danke André Salvisberg sowie Laurent Burrus für die Hinweise.
  60. Panzac 1986, S. 47.
  61. Abulafia 2013, S. 705.
  62. SWA, HS 345 M 1178: Falkeisen & Comp., 8.6.1836.
  63. SWA, HS 345 M 1178: Falkeisen & Comp., 8.6.1836.
  64. SWA, HS 345 M 1178: Falkeisen & Comp., 8.6.1836.
  65. Rothstein 2003, S. 793.
  66. Inalcik 1994, S. 763−764.
  67. SWA, HS 258 U 2223: Jacques Glavany & fils, 10.6.1825.
  68. SWA, HS 258 U 76 2893: Alex Autran, 10.7.1827.
  69. Inalcik 1994, S. 889.
  70. Inalcik 1994, S. 908.
  71. Läser 2017, S. 64.
  72. Baleva 2017, S. 10.
  73. SWA, HS 345 M 1178: Falkeisen & Comp., 10.9.1836. «Aufgrund des von der Erhabenen Pforte erhaltenen Dekrets genießen wir sowohl beim Pascha dieser Stadt als auch beim Generaldirektor des Seidenhandels den vollsten Schutz.»
  74. Haller 2019, S. 18−19.
  75. Witschi 1987, S. 13 ff.
  76. Witschi 1987, S. 11.
  77. Witschi 1987, S. 2; zum Handelsabkommen siehe SWA, H XI 2b.
  78. Osterhammel 2013, S. 1031.
  79. «Heinrich Flubacher, Sohn» wird im Jahresbericht 1839 der Gesellschaft zu Beförderung des Guten und Gemeinnützigen (heute GGG) im Verzeichnis der Mitglieder, neben Achilles Forcart-Iselin, aufgeführt, Basel 1840, S. 120.
  80. SWA, HS 255 B 48 3936: Heinrich Flubacher, 1.5.1835.
  81. SWA, HS 258 U 169 6926: Flubacher & Co., 25.7.1839. SWA, HS 258 U 6352 2: Mehrere Briefe Flubachers an Forcart-Weiss & Söhne aus London, Liverpool und Manchester im Jahr 1837.
  82. Limbach 2018, S. 162.
  83. Limbach 2018, S. 162.
  84. Brötel 2002, S. 118.
  85. Brötel 2002, S. 118.
  86. Brötel 2002, S. 144.
  87. Gossman 2005, S. 16.
  88. Sarasin 1997, S. 51.
  89. Brief von Falkeisen an Forcart-Weiss & Söhne, in: SWA, HS 258 U 181 7432: Falkeisen & Co., 18.3.1841.
  90. Siehe dazu Regenass 1993, S. 18−22.
  91. Bonvin 2017, S. 120.
  92. Fridrich 2007. Sarasin 1997, S. 63. Burckhardt-Sarasin 1950, S. 112.
  93. Sarasin 1997, S. 52.
  94. Sarasin 1997, S. 52.
  95. Dejung 2013, S. 18.
  96. Osterhammel 2013, S. 1036−1037.
  97. Bernoulli 1822, S. 25.
  98. Heck 2006, S. 45, Anm. 17.
  99. Waldschütz 1928, S. 7 ff.
  100. Walzendruck mit eingravierten Mustern.
  101. Heck 2006, S. 59.
  102. Nach Bolliger 2011, Kap. 3.
  103. Bolliger 2011, Kap. 3, S. 5. Während Bauer 1981 meint, die Unternehmen hätten sich zu dieser Zeit in Basel finanziert.
  104. Bauer 1981, S. 283.
  105. Vgl. dazu Stettler; Haenger; Labhardt 2004.
  106. Bolliger 2011, Kap. 6, S. 3.
  107. Bolliger 2011, Kap. 4, S. 3−4.
  108. Bauer 1981, S. 283.
  109. Janner 2015, S. 290.
  110. Schorno 1996, S. 209.
  111. Kantonales Laboratorium Basel-Stadt 2018.
  112. Nicht zu verwechseln mit der 1853 in Mülhausen erbauten Arbeitersiedlung ‹Cité Ouvrière›.
  113. Bergier 1990, S. 212−213. Landes 1983.
  114. Haenger 1997, S. 23.
  115. Zur Basler Mission an der Goldküste siehe Füllberg-Stollberg 2014 und Schweizer 2002. Generell zur Geschichte der Basler Mission siehe Christ-von Wedel; Kuhn 2015 sowie Schlatter 1916.
  116. Christ-von Wedel; Kuhn 2015, S. 12.
  117. Missionsmagazin 1827, hier zitiert nach: Schweizer 2002, S. 26. Siehe auch Schlatter 1916, S. 10.
  118. Zur pietistischen Bewegung in Basel siehe Hebeisen 2005.
  119. Haenger 2015, S. 102. Zur Zusammenarbeit mit der Church Missionary Society vgl. auch Schweizer 2002, S. 23 und Brassel-Moser 2004, S. 355−356. Zu historischen Wechselwirkungen zwischen protestantischer Missions- und britischer Abolitionsbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts siehe Tyrell 2004, S. 26.
  120. Brassel-Moser 2004, S. 355.
  121. Vgl. dazu auch die missionarische Kritik am Imperialismus, Purtschert 2012, S. 43.
  122. Stanley 1983, S. 80.
  123. Tyrell 2004, S. 25−26. Zum Problem des Sklavenbegriffs und der europäischen Beschreibung der afrikanischen Sklaverei beziehungsweise der «Domestic Slavery» im 19. Jahrhundert siehe Haenger 1997, S. 14−25.
  124. Aus dem Protokollbuch der Basler Mission September 1815, zitiert nach: Staehelin 1974, S. 299.
  125. Christ-von Wedel; Kuhn 2015, S. 18.
  126. Schweizer 2002, S. 28.
  127. Brassel-Moser 2004, S. 383−384.
  128. Füllberg-Stollberg 2014, S. 35.
  129. Schweizer 2002, S. 29−30.
  130. Ein weiterer möglicher Grund für den Abbruch der Missionierung war wohl die politisch angespannte Situation zwischen zwei verfeindeten Lagern in Akuapem, siehe dazu Haenger 1997, S. 36.
  131. Füllberg-Stollberg 2014, S. 37.
  132. Füllberg-Stollberg 2014, S. 37.
  133. Füllberg-Stollberg 2014, S. 44. Zur Ansiedlung der Jamaikaner siehe auch Schweizer 2002, S. 72−75.
  134. Füllberg-Stollberg 2014, S. 45.
  135. Füllberg-Stollberg 2014, S. 45.
  136. Schweizer 2002, S. 27.
  137. Füllberg-Stollberg 2014, S. 37.
  138. Haenger 1997, S. 14.
  139. Haenger 1997, S. 34.
  140. Haenger 1997, S. 37.
  141. Haenger 1997, S. 37.
  142. Heidenbote 1865, S. 45.
  143. Heidenbote 1865, S. 45.
  144. Tyrell 2004, S. 26−27.
  145. Heidenbote 1865, S. 44.
  146. Christ 2015, S. 12−13.
  147. Über die Arbeit der Basler Mission in Indien im kolonialen Kontext Jenkins 1998; zu den Anfängen siehe Christ 2015, S. 37−38.
  148. Christ 2015, S. 42.
  149. Christ 2015, S. 26.
  150. Christ-von Wedel; Kuhn 2015, S. 34.
  151. Heidenbote 1865, S. 17.
  152. Heidenbote 1856, S. 37, hier zitiert nach: Füllberg-Stollberg 2014, S. 50.
  153. Füllberg-Stollberg 2014, S. 46.