Die Sattelzeit entwickelt neue Massstäbe für Familie und Gesellschaft. Diese trennen nicht nur das öffentliche vom privaten Leben. Sie legen auch die Rollen der Geschlechter und Lebensalter fest. So gehört zum Erwachsenwerden bürgerlicher Jugendlicher, dass sie an der Schreibkultur von Briefen und Tagebüchern teilhaben. Das gehobene Bürgertum pflegt ein Familienideal, das es von anderen sozialen Schichten abgrenzen soll. Dies geschieht mittels einer ausgefeilten Geselligkeit oder der besonderen Aufmerksamkeit für gegenseitige Gefühle. Eine bürgerliche Existenz muss viele Erwartungen erfüllen. Im Gegensatz dazu steht das Leben von Niggi Münch und Bobbi Keller. Es zeigt, wie zwei nonkonforme Menschen sich gesellschaftlich einbinden. Dies findet statt, bevor die beiden zu ‹Stadtoriginalen› popularisiert werden. Sie verschwinden im Lauf des 19. Jahrhundert hinter ihrer Karikatur.
Aus guter Familie: Erziehung, Beziehungen und bürgerliche Tugenden
«Eine natürliche Folge der eigensinnigen Zusammenziehung der Familien eines kleinen Staats oder einer Stadt in ihren eigenen Kreis, ist gemeiniglich diese, dass sie bald alle mit einander verwandt oder verbunden werden. Der ganze Staat oder die Stadt machen gleichsam Eine einzige große Familie aus, die durch nähere oder entferntere Gelenke zusammen hängt.»1 Der Autor dieser Zeilen, der Publizist und Prinzenerzieher Christian Hirschfeld, hatte im Sommer 1784 oder 1785 Basel besucht und anschliessend eine kurze Beschreibung der Stadt und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner angefertigt. Seinem Bericht ist zu entnehmen, dass er in den besten Kreisen verkehrte, und so entging ihm nicht, dass die Familien der kleinen Basler Oberschicht durch enge verwandtschaftliche Beziehungen miteinander verwoben waren. Diese familiären Allianzen erwiesen sich in Basel jahrhundertelang als erstaunlich stabil und wurden von Generation zu Generation weitergeführt. Besonders gut lässt sich das anhand der Eheschliessungen nachvollziehen, aber Heiratsallianzen bildeten nur eine von vielen Beziehungsformen, die die Mitglieder der Basler Elite aneinanderbanden. Auch Patenschaften und besonders die gegenseitige Unterstützung bei der Kinderbetreuung halfen, die Familienbande zu festigen und mit Leben zu füllen. Die von Christian Hirschfeld am Ende des 18. Jahrhunderts beobachtete Konzentration der politischen und ökonomischen Macht in einem kleinen Kreis ratsfähiger Familien hatte schon deutlich früher begonnen. Im 18. und 19. Jahrhundert nahm die Verdichtung der verwandtschaftlichen Beziehungen sogar noch weiter zu. Nachdem in der Helvetik das Verbot einer Eheschliessung zwischen Cousins und Cousinen aufgehoben worden war, stieg die Zahl solcher Ehen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts merklich an.2 Aber auch schon vor der Legalisierung und trotz der damit verbundenen Sanktionen waren Hochzeiten unter ‹Geschwisterkindern› in der Basler Oberschicht hin und wieder vorgekommen. Auch bei der Wahl der Taufpatinnen und Taufpaten lässt sich eine Verdichtung der Verwandtschaftskreise beobachten: Zwar hatten schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts alle Kinder des Johann Jakob Iselin-Elbs mindestens einen Verwandten unter ihren Paten, er selbst war jedoch mit den meisten seiner Patenkinder nicht verwandt. Christoph Burckhardt-Bachofen hingegen notierte hundert Jahre später nur (Gross-)Neffen als Patenkinder.3
Für ihre eigenen Kinder wählten die Familien aus dem Basler Bürgertum ausschliesslich Patenschaften aus der gleichen sozialen Schicht, häufig aus dem engeren Verwandtenkreis; sie selbst standen jedoch weiterhin für die Kinder ihrer (ehemaligen) Angestellten in Haushalt, Kontor oder Fabrik als Patinnen und Paten zur Verfügung. In solchen Fällen bezeugten vielfach mehrere Personen einer Bürgerfamilie gemeinsam die Taufe des sozial inferioren Patenkindes. Mit wem man gemeinsam als Pate amtete, erscheint oft ebenso wichtig, wie für wen man es tat. Die ‹Mitgevatter› wurden in den Merkbüchern mancher Oberschichtsfamilien genauso gewissenhaft notiert wie der Wert des Taufgeschenkes.4 Weil sie nicht auf die materielle Unterstützung durch die Paten angewiesen waren, konnten sich die begüterten Familien auch leisten, ältere Menschen zu Gevatter zu bitten. Erziehung und Betreuung verwaister Kinder wurden auf anderen Wegen organisiert, bei denen Patinnen keine bevorzugte Rolle übernahmen. Hilfe bei der Kinderbetreuung wurde ohnehin nicht nur in Ausnahmesituationen benötigt, sondern war ein Bereich, in dem die familiären Beziehungen ganz praktisch gelebt wurden. In kinderreichen beziehungsweise Patchwork-Familien, die durch aufeinanderfolgende Ehen eines verwitweten Elternteils entstanden, bildeten die älteren Geschwister eine Art Zwischengeneration zwischen Eltern und jüngeren Kindern und waren für die Unterstützung der Eltern bei der Erziehung geradezu prädestiniert. Das trifft besonders für die jungen Mädchen zu; je nach Familienkonstellation bekamen aber auch Söhne Erziehungs- und Aufsichtsaufgaben übertragen. Der Sohn des Astronomen Johann Jakob Huber, der 18-jährige Student Johann Rudolf Huber brachte seinen jüngeren Schwestern nicht nur Lesen und Schreiben bei, wie er regelmässig in seinem Tagebuch vermerkte.5 Wenn jüngere Kinder zu Besuch kamen, verbrachte er auch ganze Nachmittage in der Kinderstube – was ihm jedoch offensichtlich nicht als sinnvolle Beschäftigung, sondern weit eher als sündhafter Müssiggang erschien: «Von 3 bis 4 blieb ich bey den Kindern von Oncle Laroche, die diesen Nachmittag bey uns waren. Von 4 bis 5 bey Mr. Petitpierre. Von 5-8 – zuerst as ich zu Abend, dann las ich bald im Cicero, bald war ich bei den Cousins Laroche in der Kinder Stube. Ach, nun mit dem Tage bin ich gar nicht zufrieden. […] O Müssiggang – u. Fresserey! Wenn ich euch nicht fliehe, so werde ich ganz wieder in mein voriges sündiges Leben verwickelt.»6
Die Verantwortung der Geschwister füreinander schrieb sich nach der Gründung eigener Familien fort, sodass auch Onkel und Tanten, vor allem aber Cousinen in der Kinderbetreuung halfen. Für junge Frauen scheint es beinahe ein Teil ihrer Ausbildung gewesen zu sein, eine Zeitlang in einer anderen Familie aus dem weiteren Verwandtenkreis mit zu wohnen und zu helfen. Ein Beispiel für die Flexibilität der Haushalte und Familienkonstellationen ist Catharina Veronica Paravicini, die nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1802 zunächst von einer Cousine väterlicherseits im Haushalt ihres Vaters, später bei Schwestern ihrer Mutter erzogen wurde und schliesslich ihrerseits einer dieser Tanten bei der Betreuung ihrer jüngeren Cousins und Cousinen half.7
Für beide Seiten war die Hilfe einer jungen Verwandten im Haushalt einer Schwester, eines Neffen oder Cousins ihrer Eltern ein Gewinn: Die junge Frau sammelte Erfahrungen, die nicht nur ihre Aussichten auf eine gute Partie erhöhten, sondern ihr vor allem helfen konnten, in den ersten Jahren als Ehefrau nicht zu sehr mit der Haushaltsführung überfordert zu sein. Ihre Eltern wiederum mussten nicht in einen längeren Internatsaufenthalt investieren und wussten ihre Tochter in guten Händen. Das Gleiche galt für die Gastfamilie, die ihre eigenen Kinder lieber einem Kindermädchen aus der Verwandtschaft als einer Magd anvertraute. In der Aufklärung mehrten sich die Stimmen, die Eltern davor warnten, ihre Kinder dem schlechten Einfluss der Dienstboten zu überlassen. Diese Stimmen wurden, wenn nicht immer befolgt, so durchaus gehört.
Viele der Männer, die in philanthropischen Gesellschaften über die Verbesserung der Gesellschaft diskutierten, engagierten sich auch stark in der Erziehung der eigenen Kinder und erteilten ihnen – dem Ideal des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau folgend – selbst Unterricht, wenn ihre Zeit es zuliess.8 Diejenigen, die sich bei der Erziehung eng an Rousseaus Bildungsroman ‹Emile› orientierten, wandten sich davon wegen der unbefriedigenden Ergebnisse sehr bald wieder ab.9 Aber auch das Erteilen von fachlichem Unterricht überstieg die zeitlichen Ressourcen der meisten Väter. Umso eifriger wurde der Ausbau des Schulwesens gefördert. Die Generation der um 1800 geborenen Männer scheint – womöglich auch aufgrund der Erfahrung mit dem Unterricht durch den eigenen Vater – kaum noch Ambitionen gehabt zu haben, die eigenen Kinder regelmässig zu unterrichten. Dagegen waren es im 19. Jahrhundert zunehmend die Mütter, denen die Erziehung und zumindest die Kontrolle der Schulausbildung der Kinder oblag. Reisepläne und Aktivitäten der Mütter wurden immer stärker der Ausbildung der Kinder untergeordnet, ohne dass jene dabei den Unterricht selbst durchführten: «Frau Merian wird nicht nach Interlaken reisen, weil sie nicht ohne ihre drei Kinder wegfahren möchte, der Rudolf aber keinen Unterricht mehr versäumen darf, weil er schon im Stoff zurück ist», schrieb Elisabeth Vischer im Februar 1811 an ihre Schwester.10 Diese wiederum begründete einige Jahre später das Ende ihres Besuchs bei ihrer Herkunftsfamilie in Basel mit den vielen Abwesenheiten und daraus entstandenen Unterrichts-Versäumnissen ihrer Tochter.11
Auch das Ehepaar Bruckner-Eglinger war hier keine Ausnahme. Es war Ursula Bruckner-Eglinger, die mit den Kindern buchstabierte, bevor sie in eine öffentliche Schule geschickt wurden. Aufgewachsen als Pfarrerstochter in Benken, heiratete Ursula Eglinger im Jahr 1819 Abraham Bruckner, der ebenfalls auf der Landschaft (in Binningen) als Pfarrer tätig war. Die Pfarrer waren nicht nur Repräsentanten der städtischen Führungsschicht auf dem Land, sie waren mit der städtischen Oberschicht auch verwandtschaftlich verbunden.12 Sowohl für die Berufskontinuität über mehrere Generationen in manchen Pfarrfamilien wie auch die Vernetzung mit der bürgerlichen Oberschicht spielten die Frauen eine zentrale Rolle.13 Mit der Verteilung der Geschlechterrollen, mit ihrem bürgerlichen Selbstverständnis und Bildungsstreben war diese Familie typisch für ihr Milieu und ihre Zeit. Typisch erscheint auch, dass Ursula Bruckner-Eglinger ihr Verhalten gegenüber den Kindern in ihrem Tagebuch öfters in kritischer Selbstanklage reflektierte. Das entspricht einerseits einer pietistischen Schreibtradition, die Selbstprüfung wurde jedoch auch von Aufklärern und Philanthropen als Mittel zur eigenen Verbesserung empfohlen.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts finden sich in Selbstzeugnissen immer häufiger Äusserungen von Zweifeln hinsichtlich der eigenen Erziehungskompetenz. Besonders Frauen bedauerten in ihrer Selbstreflexion immer wieder, zu streng, zu ungeduldig und zu wenig liebevoll gegenüber den Kindern gewesen zu sein.14 Ursula Bruckners grösste Sorge war jedoch, die Kinder zu frommen Menschen zu erziehen: «Ach dass uns der liebe hlg. Geist recht erleuchten möchte, wie wir uns in Hinsicht der Erziehung unserer Kinder zu benehmen haben, dass wirs doch nicht verkehrt angreiffen. Ach wenn sie nur Dein sind o lieber Heiland, so wird’s so übel nicht gehen, o lass mich insonderheit keine Mühe noch Anstrengung gereuen sie Dir zuzuführen».15
Die im Binninger Pfarrhaus vermittelten Ideale und Moralvorstellungen entsprachen dem bürgerlichen Wertekanon von Sauberkeit, Ordnung, Selbstdisziplin und Leistungsbereitschaft. Letztere manifestierte sich insbesondere in guten schulischen Leistungen. Schlechte Zeugnisse wurden so zum Ausdruck fehlgeschlagener Erziehungsbemühungen, also letztlich Ergebnis familiären Versagens, dem die Eltern mit strengen Strafen zu begegnen suchten. Der hohe Stellenwert, den Bildung für die Familie hatte, zeigt sich auch in den Freizeitvergnügen, von denen das Tagebuch ebenfalls berichtet. Gemeinsam wurde vorgelesen und gesungen, Ursula Bruckner-Eglinger lernte Gitarre spielen, besuchte Ausstellungen und Konzerte.
In den eng vernetzten Familien der gebildeten Oberschicht in Basel wurden die verwandtschaftlichen Beziehungen durch Heiratsallianzen, Patenschaftsbeziehungen und praktische Unterstützung bei der Kinderbetreuung beständig aktualisiert und stabilisiert. Die Kinder dieser Familien hatten dadurch die besten Voraussetzungen, Teil dieser Oberschicht zu bleiben und an den sozialen Status ihrer Eltern anzuknüpfen. Das allein reichte aber nicht. Ebenso notwendig war es, dass die jungen Menschen sich bestimmte fachliche Kompetenzen und Umgangsformen aneigneten, die ihr wirtschaftliches Fortkommen und ihre Integration in die Kreise der besseren Gesellschaft garantierten. Dazu gehörte, die Söhne in einen Beruf einzuführen, die Töchter hingegen auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorzubereiten. Mädchen keine angemessenen Bildungschancen einzuräumen, betrachteten immer mehr Leute als fahrlässige Gefährdung für Charakter und Lebensglück künftiger Staatsbürger (nämlich der später von diesen Frauen zu erziehenden Kinder). Die Mädchen verbrachten daher wie ihre Brüder häufig einige Zeit im sogenannten ‹Welschland›, also in der Westschweiz oder grenznahen frankophonen Gebieten. Wenn Mädchen zugunsten der Pflege jüngerer Geschwister auf eigene Bildungsgelegenheiten verzichten oder diese aufschieben mussten, wurde das zunehmend erklärungsbedürftig.16
Trotzdem war für die Eltern die Erziehung ausserhalb Basels ambivalent. Der Möglichkeit, Freundschaften fürs Leben zu knüpfen, und der Charakterbildung stand immer auch die Gefahr schlechter Einflüsse gegenüber, sodass der Aufenthalt im Internat im 19. Jahrhundert neben dem Aspekt eines gewissen Privilegs auch den Beigeschmack einer Disziplinarmassnahme bekam. «Böse Gesellschaft verderben [sic!] gute Sitten, und das riskiert man in den Pensionen, wohin man oft eben die Kinder versorgt welche daheim nicht gut gethan haben», heisst es in einem Brief der Salome Hess-Vischer an ihre Schwester.17
Tatsächlich bewegte sich ein Teil des Erziehungsprogramms auf einem schmalen Grat zwischen gesellschaftlicher Notwendigkeit und moralischer Gefährdung. Neben französischer Konversation und Korrespondenz, Geschichte, eventuell Religion, Naturkunde und – im Fall der Mädchen – Nadelarbeiten standen auch Musik-, Zeichen- und Tanzunterricht auf dem Lehrplan der Jugendlichen.18 Tanzunterricht diente dem Erwerb einer aufrechten und angemessenen Körperhaltung, während der ausgiebige Besuch von Tanzveranstaltungen als charaktergefährdend und verwerflich betrachtet wurde. Dennoch scheint gerade der Erwerb von usage du monde, eines gewandten gesellschaftlichen Auftretens, eine Hauptmotivation für die Ausbildung ausserhalb der Heimatstadt gewesen zu sein.19 Die Jugendlichen mussten also teils widersprüchliche Anforderungen an Frömmigkeit auf der einen und dem Beherrschen der bisweilen recht oberflächlichen gesellschaftlichen Umgangsformen auf der anderen Seite irgendwie zusammenbringen. Eine Spannung, die die Menschen in Basel ein Leben lang begleitete. Am 19. März 1828 begab sich das Ehepaar Bruckner-Eglinger nach Basel. «Er um endlich seine Neujahrs Visiten ab dem Hals zu schaffen», während seine Frau erst einen Krankenbesuch absolvierte und eine hochschwangere Freundin besuchte, bevor sie sich «in die Visite» zu einer entfernten Verwandten verfügte, wo neben ihrer älteren Schwester und einer ihr nahestehenden Cousine der Mutter auch «alle jungen Frauen aus der Familie waren».20 Das Ehepaar Bruckner hatte ein ausgiebiges soziales Programm zu bewältigen. In ihrem Tagebuch berichtet Ursula Bruckner-Eglinger beinahe täglich von Einladungen oder spontanen Besuchen. Als Pfarrfrau und Angehörige des Basler Wirtschafts- und Bildungsbürgertums war Ursula Bruckner-Eglinger in ein weites Beziehungsgeflecht eingebunden, das auch auf einer ausgeprägten Besuchskultur basierte. Festtage oder biografische Übergänge waren mit Pflichtbesuchen verbunden, denen man sich kaum entziehen konnte, wie beispielsweise Kindbettbesuche oder die Vorstellungs- und Dankesvisiten rund um die Hochzeit. Für manche dieser Visiten mussten anschliessend wiederum Gegenbesuche abgestattet werden.
Viele ungeschriebene Regeln bestimmten, wer mit wem interagieren und wie er oder sie sich dabei zu verhalten habe. Zwar verlor die alte Ordnung der ständischen Gesellschaft in Aufklärung und revolutionärer Epoche fortwährend an Kraft. Desto wichtiger wurde das Erschaffen und Beherrschen neuer, bürgerlicher Spielregeln für die Oberschicht. Dazu gehörten beispielsweise standesgemässe Tischsitten und das Wissen, wann und wie Trinkgelder zu geben waren. Manche dieser Verhaltensnormen waren in ganz Europa verbreitet, andere waren sehr regional und galten als althergebrachte Basler Sitte. Obwohl – oder gerade weil – sich ein Grossteil des gesellschaftlichen Lebens in Basel unter Verwandten abspielte, blieb die Interaktion oft sehr förmlich. Bei einer Hochzeit wurden die Geschenke als Ausdruck der Nähe zwischen Beschenkten und Gebenden betrachtet, und es konnte sehr peinlich sein, wenn der Wert der Gabe nicht dem entsprach, was die Gegenseite erwartete. Eine besondere Herausforderung bestand jedoch darin, dass das Trinkgeld an die überbringende Magd in einem bestimmten Verhältnis zum Wert des Geschenkes zu stehen hatte. Die Schenkenden liessen sich das Trinkgeld zeigen und konnten daraus ihrerseits darauf schliessen, ob die Empfänger das Geschenk (und damit auch den Grad der wechselseitigen Verbundenheit) richtig eingeschätzt hatten.21 In weniger ausgefeilter Form und weniger öffentlich zelebriert scheint diese Praxis auch für Kindbettgeschenke üblich gewesen zu sein. Darauf deuten jedenfalls die Notizen der Ursula Merian-Burckhardt hin, die sich 1777 nicht nur notierte, was sie ihrer Schwägerin an Kindbettgeschenken geschickt hatte, sondern auch, wie viel Trinkgeld ihre Magd dafür bekommen hatte. An gleicher Stelle findet sich auch eine Notiz über die ihrerseits empfangenen Kindbettgaben und das entsprechend erwiderte Trinkgeld.22
Die verschiedenen Zusammenkünfte und Begegnungen innerhalb des Basler Bürgertums weisen verschiedene Grade der Vertraulichkeit und der Organisation auf. Es gab Soireen, Diners oder Tanzveranstaltungen in den stattlichen Häusern der Seidenbandfabrikanten und Kaufleute. Zu solchen Anlässen kamen in der Regel nur geladene Gäste. Auch die 1824 gegründete Stadtcasinogesellschaft veranstaltete Konzerte und Tanzveranstaltungen, die nur Gesellschaftsmitgliedern oder Abonnenten beziehungsweise eingeführten Gästen offenstanden.23 Solche Anlässe bildeten ein kontrolliertes Umfeld für die ‹richtige› Wahl einer Ehepartnerin oder eines Ehepartners, wie es auch Ausflüge und Schlittenfahrten mit Verwandten und Verschwägerten oder die regelmässigen Familientage waren.
Auf diese Weise pflegte das Bürgertum soziale Kontakte und damit die eigene gesellschaftliche Stellung. Geselligkeit gehörte zu einer standesgemässen Lebensführung und war durchaus mit materiellem und physischem Aufwand verbunden. In vertraulichen Briefen oder Tagebüchern klagen die Menschen manchmal über die Zeitvergeudung und Langeweile; die Grenze zwischen angenehmer Musse und tadelnswertem Müssiggang war fliessend. Gleichzeitig gewannen sie über die Teilnahme an gesellschaftlichen Anlässen durch den Austausch von Informationen und neu erworbene oder aufgefrischte Kontakte Zugang zu wichtigen Ressourcen des sozialen und gesellschaftlichen Lebens wie Unterstützung, Anerkennung, Wissen und Verbindungen.
Junge Männer besuchten vereinsähnliche Treffen, in denen sie sich gegenseitig eigene Texte vorlasen oder über gemeinsame Lektüre sprachen; die Frauen trafen sich in Visiten bei Verwandten oder in ‹Kränzchen› von Freundinnen, deren Zusammensetzung teilweise über sehr lange Zeit stabil blieb. Ursula Bruckner-Eglinger erwähnt in ihrem Tagebuch immer wieder ihre Lektüren, in der Familie wurde in verschiedenen Konstellationen vorgelesen – ob sie das Gelesene auch mit Freundinnen in grösserer Runde besprach, darüber schweigen ihre Aufzeichnungen.
Im öffentlichen Bereich ist die geschlechtsspezifische Geselligkeit noch stärker zu beobachten. Von den Zunftstuben über philanthropische Sozietäten bis hin zu wissenschaftlichen Gesellschaften, in denen bürgerliche Männer sich zusammenschlossen, um zum Wohl des Gemeinwesens beizutragen und Bildung und Wohlstand zu fördern: Die Aktivitäten der Frauen blieben weitgehend auf den karitativ-religiösen Bereich beschränkt. Auch die im 19. Jahrhundert in grosser Zahl neu gegründeten bürgerlichen Vereine waren in der Regel Männersache.
Bei häuslichen Konzerten oder privaten Hausmusiken dagegen waren Frauen so selbstverständlich beteiligt wie Männer. Ein Instrument zu lernen, gehörte im gebildeten Bürgertum zur Ausbildung der Kinder dazu.24 Beiden Geschlechtern gemeinsam war auch die Beziehungspflege in unangekündigten Besuchen und spontanem Vorbeischauen. Solche Treffen waren sehr häufig und konnten recht ungezwungen und fröhlich sein, ein Spontanbesuch konnte die Hausfrau aber auch in Verlegenheit bringen. Im Tagebuch der Ursula Bruckner-Eglinger lässt sich beobachten, wie die kollektive Arbeits- und Nachbarschaftsgeselligkeit der frühen Neuzeit immer stärker durch familiär-verwandtschaftliche Beziehungen verdrängt wurde. Wobei auch in diesem Kreis die gegenseitige Unterstützung, wie bei der grossen Wäsche, immer wieder ein Grund des Besuchs gewesen ist. Neben den verschiedenen Pflichtbesuchen, die zum Teil aus ihrer Rolle als Pfarrfrau resultierten, verbrachte Ursula Bruckner-Eglinger viel Zeit in Versammlungen der Herrnhuter Brüdergemeine, besuchte Gemeindemitglieder oder traf sie in Singstunden, Gottesdiensten und an festlichen Anlässen wie dem Missionsfest.25
Zwischen all diesen Aktivitäten boten vor allem Spaziergänge und Bewegung in der Natur Ursula Bruckner-Eglinger Momente der Entspannung, in denen sie Kraft tanken konnte. Gern begleitete sie Besucherinnen und Gäste ein Stück des Weges, nach langen arbeitsreichen Tagen war auch die Runde durch den eigenen Garten eine Wohltat und willkommene Gelegenheit für vertrauliche Gespräche zwischen den Ehegatten. In vielen Selbstzeugnissen findet sich der Spaziergang als Möglichkeit der Beziehungspflege und des besseren Kennenlernens zwischen Eheleuten, die vor der Verlobung kaum Gelegenheit zu persönlichem Gespräch unter vier Augen hatten. Wenn auch später der bürgerliche Spaziergang etwas sehr Förmliches und Steifes bekommen haben mag – auf dem Land war das Spazierengehen selbst für die Kinder eine angenehme Aktivität. Das lässt sich zumindest aus dem Umstand schliessen, dass ihre Söhne Ursula Bruckner-Eglinger nicht begleiten durften, wenn sie unfolgsam gewesen waren.26 Das pietistische Pfarrhaus bildete keine Gegenwelt zur Gesellschaft, sondern war auch in den 1830er-Jahren noch ein ‹offenes Haus›,27 in dem Freunde und Verwandte auf informelle Weise ein- und ausgingen, in dem Gäste empfangen wurden und zwei bis drei Mägde fest zum Haushalt gehörten. Zwar finden sich in dieser Zeit schon Hinweise auf moderne Vorstellungen von Familie und Elternrollen, die Zusammensetzung der Haushalte war davon jedoch noch wenig beeinflusst. Die bürgerliche Kleinfamilie setzte sich erst deutlich später als Norm durch.
Die frühneuzeitlichen Haushalte waren geprägt von einem paternalistischen Verhältnis von Herrschaft und Angestellten, der Hausvater war für Bedienstete wie die eigenen Nachkommen (und für ihr Verhalten in der Öffentlichkeit) juristisch verantwortlich. Das ‹Haus› war nicht nur ein Gebäude, sondern bezeichnete auch die darin wohnende Gemeinschaft ohne Bezug zur biologischen Verwandtschaft. Am Ende des 18. Jahrhunderts begannen die Menschen stärker zwischen Haushalt und ‹Familie› zu unterscheiden. Nach und nach wurde die Familie mit ganz besonderen emotionalen Bindungen assoziiert und Erziehung zu ihrer zentralen Aufgabe.28 Die Dienstmädchen und andere Angestellte waren im Lauf des 19. Jahrhunderts immer weniger in das Familienleben der Dienstherrschaft eingebunden,29 dennoch unterlagen auch sie weiterhin einem mehr oder minder ausgeprägten erzieherischen Anspruch der Herrschaften. Viele Konflikte zwischen Arbeitgeberinnen und Mägden entzündeten sich daran, dass sich das Personal den Erziehungsmassnahmen – etwa dem Verbot, in der Freizeit tanzen zu gehen – nicht fügte.
Das Tagebuch der Ursula Bruckner-Eglinger erlaubt uns, die Interaktion zwischen Hausfrau und Mägden ein Stück weit nachzuvollziehen. Das Leben und Arbeiten im Binninger Pfarrhaus ähnelte in vielem noch sehr dem, wie es hundert Jahre zuvor gewesen wäre. Ein Grossteil der Nahrungsmittel wurde selbst angebaut und verarbeitet, Brot gebacken, Kraut eingelegt und Wäsche gewaschen. Die Arbeitsteilung stand zwar im Wesentlichen fest, je nach Wetterlage, Gesundheitszustand der Beteiligten und anstehenden Aufgaben konnte sie jedoch jederzeit flexibel gehandhabt werden. Wenn die Hausarbeit es zuliess, schickte die Pfarrfrau ihre Mägde in die ‹Kinderlehre›, den Gottesdienst oder auch ins Bad.30
Wie ihre Arbeitgeberin standen auch die im Pfarrhaus tätigen Mägde mit ihren Herkunftsfamilien in Kontakt und bekamen nicht nur für Krankenbesuche oder Begräbnisse von Familienmitgliedern frei. Wenn die Verwandten in der Nähe lebten, konnten die Mägde hin und wieder einen Tag dort verbringen. Die Kindermagd aus Biel besuchte im Sommer 1824 für drei Wochen ihre Eltern. Auch Ausflüge mit der Herkunftsfamilie waren im Prinzip möglich, und zumindest am Sonntag konnten die Mägde auch spontan frei bekommen: «Damit Henriette nicht den ganzen Tag zu Hause bleiben musste, hütete ich während dem Nachmittagsgottesdienst die Kinder, ich hatte mich zuvor auf diese Stunde der Einsamkeit gefreut; allein kaum war man in der Kirche kam eine Freundin von H, die ich doch nicht wohl ganz allein lassen konnte.»31
Konflikte mit den Mägden deutete Ursula Bruckner-Eglinger in ihrem Tagebuch in der Regel nur an, manchmal wechselte sie an diesen Stellen ins Französische.32 Offenbar konnten manche der Mägde Deutsch lesen. Nur wenn die Sache zu sehr hochkochte, waltete der Gatte Abraham Bruckner als oberste Instanz und hielt dem Personal eine Strafpredigt.33 Sonst trat er in der Familie selten, noch viel weniger aber in Haushaltsbelangen in Erscheinung. Entgegen der Darstellung in der bürgerlichen Erinnerungsliteratur, in der vor allem von langjährigen Arbeitsverhältnissen berichtet wird,34 war die Fluktuation unter den Hausangestellten in Basel hoch. Als Wunschvorstellung war das Ideal der langjährigen, loyalen und irgendwie zur Familie gehörenden Bediensteten im Basel des 19. Jahrhunderts sehr präsent. In Einzelfällen kam man diesem Ideal auch ziemlich nah: Als Charlotte His-Vischer 1852 im Sterben lag, wurde sie liebevoll von ihrer Magd Nane gepflegt, die bereits seit 22 Jahren bei ihr diente. Auch in der Familie Schorndorff gab es in den Jahrzehnten um 1800 offenbar langjährige, treue Bedienstete, die an Freud und Leid der Familie teilhatten.35 Die Regel war das jedoch nicht. Einige Angestellte wechselten auch bei den Schorndorffs in manchmal sehr kurzen Abständen, wie die Briefe von Magdalena Schorndorff-Iselin an ihre Tochter Lene zeigen. Die Tagebücher und Briefe bürgerlicher Frauen vermitteln den Eindruck, dass diese ständig auf der Suche nach neuem Personal seien. Gerade auch in der Kinderbetreuung kam es teilweise zu sehr raschen Wechseln.36 Womöglich waren in diesem Bereich die Anforderungen der Arbeitgeberinnen besonders streng. Ohnehin betrachteten die Eltern mit gewissem Argwohn, wenn die Kinder zu einer anderen Bezugsperson eine besonders innige Beziehung entwickelten. Im 19. Jahrhundert findet sich immer häufiger eine emotionale Konkurrenz um die Zuneigung der Kinder, die in der frühen Neuzeit viel weniger eine Rolle gespielt zu haben scheint. Befriedigt notierte Ursula Bruckner-Eglinger am 17. Mai 1827 in ihr Tagebuch: «Mir war unterdessen um und um wohl mit meinen Kindern allein zu seyn. Seit etwas Zeit werde ich etwas an ihnen gewahr das mich unbeschreiblich freut weil nemlich die Salome d. Art nicht hat ihr Vertrauen recht zu gewinnen, so habe ich ihre Herzen ganz ungetheilt, sie lieben mich mit voller Zärtlichkeit.»37 Im späten 18. Jahrhundert hatten Gefühle einen neuen Stellenwert in der bürgerlichen Gesellschaft bekommen, die Menschen reflektierten viel stärker über ihre Emotionen und fanden in einem empfindsamen Vokabular neue Ausdrucksformen für ihre Gefühle. Auch Männern wurde ein hohes Mass an Emotionalität zugestanden. Die Liebe zu den eigenen Kindern wurde immer mehr als grenzenlos wahrgenommen und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern in einer Weise idealisiert, dass die Menschen des 19. Jahrhunderts glaubten, «dass sie die Erfinder der Elternliebe und alle vorhergehenden Generationen bar jeder Elternliebe gewesen seien».38 Das neue Narrativ interessenloser Elternliebe wurde von bürgerlichen Autorinnen und Autoren nicht nur zur Abgrenzung gegen die früheren Generationen genutzt, sondern bildete auch ein wichtiges Mittel der Distinktion gegenüber anderen sozialen Schichten. Gleichzeitig entstand damit eine gesellschaftliche Erwartungshaltung, die bürgerliche Eltern durchaus unter Druck setzen konnte, wenn sie fürchteten, ihre Kinder nicht genug oder ‹falsch› zu lieben.39 Die Vorstellung davon, wie sich insbesondere Mutterliebe zu verhalten habe, hatte viele Facetten. Ein besonders konfliktträchtiges Thema war hier das Stillen der Kinder durch Ammen. Schon in der Antike hatten Gegner dieser Praxis den Müttern Pflichtvergessenheit vorgeworfen. Dieser Diskurs erreichte am Ende des 18. Jahrhunderts einen Höhepunkt und traf die Frauen nun besonders tief, weil gleichzeitig Mutterschaft – und besonders, eine ‹gute› Mutter zu sein – zum zentralen Kern weiblichen Selbstverständnisses stilisiert wurde. Andererseits warnten die behandelnden Ärzte bürgerliche Frauen oft vor der zu grossen Anstrengung des Stillens und stürzten sie damit in ein Dilemma. Sicher war es daher auch psychologischer Selbstschutz bürgerlicher Eltern, das schlechte Gewissen auf die Ammen zu projizieren. Eine Frau, die ihre eigenen Kinder vernachlässigte, um für Geld andere zu stillen, könne keine gute Mutter sein, hiess es. Eine Schlussfolgerung, die schnell allgemein auf die unterbürgerlichen Schichten übertragen wurde, wie ein Brief des Basler Arztes Johann Rudolf Burckhardt-Socin zeigt, den er im Juni 1815 an seine Frau schrieb: «Das ist der Baselbieter Bauerncharackter! Stirbt das Kind, ja nun so hat es Gott so gewollt, u das Kind zu sich genommen, und man tröstet sich mit Gottes Willen, das Kind, heisst es, ist versorgt, und man ist eine Sorge los. Und man hat nichts auf dem Gewissen, denn man hat sich nicht vorzuwerfen, etwas gethan zu haben, dass an dem Tode schuld seÿn konnte. Ob man aber etwas unterlassen habe, das fichtet einen nicht an, denn wer will etwas hindern, das Gott thut. […] O, wäre es ein Stückchen Vieh, ein Öchslein oder eine Kuh, das würde alles anders lauten.»56
Die fehlende Mutterliebe war nicht nur im zeitgenössischen Diskurs über Ammen ein wichtiger Topos, der auf die ‹Bauern› und das ungebildete Volk übertragen wurde. Auch den anderen für die Kinderbetreuung angestellten Personen hielten die bürgerlichen Frauen immer wieder ihre ‹Lieblosigkeit› gegenüber den ihnen anvertrauten Kindern vor.57 Damit konnte wirkliche Grobheit, aber auch Nachlässigkeit in Bezug auf das leibliche und geistige Wohl der Kinder gemeint sein: «Ich hatte etwas Verdriessliches Salome vorzuhalten. Trotz dem Verbot von Marie gab sie dennoch dem Eduard Kirschen zum Abendbrod, da er doch so sehr den Husten hat, lässt ihn ins Feuchte hinaus gehen sogar Morgens ohne Schuhe laufen, ich bemerkte ihm dass ich auf solche Weise nicht mit ruhigem Herzen fortkönne wenn nicht besser Sorge zu ihm getragen würde», lautet ein Tagebucheintrag von Ursula Bruckner-Eglinger aus dem Sommer 1829.58 Auch wenn im Binninger Pfarrhaus die Kinderbetreuung auf verschiedene Personen verteilt war: Die letzte Verantwortung lag bei der Mutter. Eine Rollenerwartung an bürgerliche Frauen, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer dominanter werden sollte.
Übung macht die Bürgerin: Sozialisation in die bürgerliche Schriftkultur
Emma Vischer, die jüngste Tochter des Basler Ratsherrn Peter Vischer-Sarasin, verbrachte 1809/10 ein Jahr in einem Genfer Mädchenpensionat. Madame Martin, die Anstaltsleiterin, berichtete dem Vater regelmässig über die Fortschritte seiner Tochter und legte ausserdem ihre Abrechnung vor, in der im Dezember 1809 ein auffällig hoher Posten für Schreibfedern auftauchte, denn «euer Fräulein Tochter hat einen Verbrauch an Federn, der selbst den eines Kaufmannes übertrifft. Das erklärt sich aus dem Umstand, dass sie sich selbst ihre Federn zuschneidet – was eine sehr gute Gewohnheit ist – doch da sie es erst lernt, schneidet sie sehr viele, ehe ihr ein paar verwendbare gelingen».59 Die technischen Fertigkeiten für die Teilhabe an der bürgerlichen Schriftkultur mussten mühevoll erworben werden. Dazu gehörte neben dem eigentlichen Schreibenlernen auch Übung darin, einen Brief mit Siegel zu verschliessen, ohne dass er Feuer fing, das Wissen, wie er zu adressieren war und wie man die Feder als Schreibgerät zuschnitt.
Für die meisten Baslerinnen und Basler spielte das eigene Lesen und Schreiben auch im 19. Jahrhundert wohl keine Rolle im Alltag. In den bürgerlichen Haushalten hingegen war das Schreiben eine professionelle und soziale Notwendigkeit und im Familienleben allgegenwärtig. Besonders (wenn auch keineswegs ausschliesslich) in pietistisch geprägten Kreisen gehörte die schriftliche Selbstreflexion in Tagebüchern und Lebensbeschreibungen zur Identitätsbildung. An der familiären und freundschaftlichen Korrespondenz hatten die Frauen entscheidenden Anteil, in der Überlieferung sind Texte von Frauen jedoch stark unterrepräsentiert.
Das Schreiben beschränkte sich in der bürgerlichen Lebenswelt keineswegs nur auf Briefe, die mit entfernt lebenden Freundinnen oder Verwandten ausgetauscht wurden. Ebenso konstitutiv für die gegenseitige Bindung waren kurze Billets, mit denen innerhalb der Stadt kommuniziert oder Verabredungen für Besuche getroffen wurden. Solche schriftliche ‹Mikrokommunikation› war auch bei besonderen Anlässen wichtig: In den Familienarchiven finden sich vielerlei kleine Zettelchen, die häufig Geschenke begleiteten – so etwa Taufzettel oder Hochzeitsglückwünsche – und die als Erinnerung aufbewahrt wurden, obwohl das Papier oft nur wenige Worte oder sogar nur einzelne Buchstaben enthält. Auch an Trauerkränzen hingen schriftliche Abschiedsgrüsse. Weitere Schreiborte, die der Vergesellschaftung im bürgerlichen Milieu dienten, waren Poesiealben und Stammbücher und nicht zuletzt das eigene Tagebuch. All diese verschiedenen Schreibanlässe waren jeweils eigenen Stilvorgaben und Normen unterworfen, mit denen die Schreibenden angemessen umgehen mussten, um in ihren Kreisen anerkannt zu werden.60
Bis aus den ersten mühsam abgemalten Buchstaben richtige Briefe und eigenständig komponierte Texte wurden, durchliefen die Schreibversuche der Kinder zahlreiche Zwischenstufen, die sich in der Zusammenschau von Kinderbriefen aus verschiedenen Basler Privatarchiven gut rekonstruieren lassen. Die Briefe, die Grosseltern und Eltern zu wichtigen Anlässen wie Neujahr oder zu einem Geburtstag von Kindern oder Enkeln als ein besonderes Geschenk bekamen (und voller Stolz sorgfältig aufbewahrten), wirken zunächst sehr steif und formell. Die Kinder formulierten hier nicht selbst, sondern schrieben einen Text, den eine Lehrperson ihnen vorformuliert hatte, in ihrer schönsten Schrift ab. Auf dem wachsenden Markt für Lehrwerke und Ratgeberliteratur fanden sich für jeden Anlass gedruckte Vorlagen, häufig in Versform. Anscheinend wurden solche Vorlagen auch in der Familie Burckhardt benutzt. Unter den Briefen, die Dorothea Burckhardt-Merian von ihren Enkeln bekam und aufbewahrte, finden sich daher mehrere wörtlich gleichlautende Schreiben.61
Trotz solcher Nachlässigkeit in der Wahl der Vorlage waren diese Briefe wichtig für die Beziehungspflege innerhalb der erweiterten Familie. Dabei ging es nicht allein darum, sich der gegenseitigen Zuneigung zu versichern und so die Beziehung zwischen Enkeln und Grossmüttern zu stabilisieren, die durch die Materialität des Briefes in jeder Hinsicht ‹greifbar› wird. Entscheidend ist vielmehr, dass diese Briefe ein wichtiger Teil der moralischen und emotionalen Erziehung der jungen Menschen waren. Das wird in den Briefen deutlich, in denen die jungen Absenderinnen und Absender versprechen, in Zukunft gehorsamer, fleissiger und insgesamt ‹besser› zu werden. Durch das wiederholte Niederschreiben von bisherigen Verfehlungen und guten Vorsätzen verinnerlichten die Kinder die Praxis der beständigen Selbstprüfung, die pflichtbewusste Bürger und fromme Bürgerinnen gleichermassen auszeichnete. Was die Erwachsenen in ihren Tagebüchern – und oft noch adressiert an den himmlischen Vater – wenigstens anlässlich der Jahreswechsel praktizierten (nämlich Vorsätze für die eigene Verbesserung zu formulieren), das taten die Kinder und Jugendlichen also zunächst in Briefen an die eigenen Eltern und Grosseltern. Ähnlich formell und steif wie die (abgeschriebenen) Neujahrsbriefe sind auch die ersten Briefe, die sich Geschwister oder Cousins untereinander schrieben. Dieser Eindruck entsteht besonders dann, wenn in französischer Sprache korrespondiert und daher auch unter Teenagern gesiezt wurde.
Neben der Klaviatur brieflicher Umgangsformen und -formeln wurde den Jugendlichen auch ein natürlicher, abwechslungsreicher und eleganter Stil empfohlen. Dieser gelingt besonders leicht, wenn es etwas zu erzählen gibt, das auch in der eigenen Wahrnehmung von besonderem Interesse ist, wie etwa das Bombardement Basels von der Festung Hüningen aus (1815), oder wenn von Ausflügen und anderen Unternehmungen berichtet werden kann. Das war häufig (aber nicht zwingend) nach einem Ortswechsel der Fall, wenn Söhne und Töchter zu Ausbildungszwecken oder für Besuche Basel verliessen.
Briefe zwischen Jugendlichen und älteren Verwandten hatten nicht nur emotionalen Wert, sondern sowohl auf technischer wie moralischer Ebene eine erzieherische Funktion. Eltern und andere Erziehende konnten sich aus den empfangenen Briefen auf der Basis von Schriftbild, Wortschatz und Stil ein Bild der sprachlichen Fortschritte und technischen Fertigkeiten ihrer abwesenden Kinder machen. Und sie zögerten nicht, die jungen Adressaten auf Fehler aufmerksam zu machen. Besonders die Väter achteten streng auf scheinbare Details wie angemessene Abschiedsformeln oder vergessene Datumsangaben. Immer wieder insistierten die Väter in Basel, dass sie französisch geschriebene Briefe erwarteten, und gingen in diesem Punkt häufig mit gutem Beispiel voran. Manche von ihnen beliessen es nicht allein bei einer Korrektur der erhaltenen Briefe, sondern schickten ihren Kindern besondere Übersetzungsaufgaben.62 Die Klagen der Väter über ausgelassene Wörter, unklare Formulierungen, formelhaftes oder ganz unterlassenes Schreiben finden sich in erstaunlich gleichförmiger Weise in der Korrespondenz zwischen Eltern und Kindern des 18. wie 19. Jahrhunderts. Noch häufiger und zeitunabhängiger sind elterliche Ermahnungen zu sittsamem Betragen, Sparsamkeit und guter Verwendung der Zeit. Die Kinder wiederum konnten durch regelmässiges Schreiben an die Eltern Pflichtgefühl und Fleiss unter Beweis stellen.
Solange sie bei den Eltern wohnten, wurden Heranwachsende regelmässig auch zum Abschreiben von Texten, Noten oder Briefen herangezogen. Einer Schwester oder dem Vater einen Brief oder das Kopieren eines Textes abzunehmen, gehörte zu den Gefälligkeiten, die man sich innerhalb der Hausgemeinschaft regelmässig erwies. Damit liess sich keineswegs nur in der Kernfamilie Beziehung stiften – auch im Freundeskreis oder unter Verlobten konnte das Abschreiben ein Geschenk sein: «Als man von einem Gedicht sprach, das Herr David Hess von Zürich über die Störche der Stadt Basel gemacht, und ich äusserte, es gefalle mir, bracht er mir dasselbe abgeschrieben schon am frühen Morgen des nächsten Tages», erinnert sich Valeria Thurneysen an die «Attentionen» ihres Verlobten.63
Dass die Familienmitglieder sich beim Schreiben gegenseitig vertraten, ist einer der Gründe, warum das Schreiben von Briefen auch im 19. Jahrhundert noch als eine gewissermassen ‹öffentliche› Angelegenheit zu verstehen ist.64 Emma Vischer solle sich keine Sorgen machen, wenn sie nicht dazu komme, jeden Brief ihrer zahlreichen Geschwister einzeln zu beantworten, meinte ihr Vater: «Sie wissen es wohl, dass du nicht Zeit dazu hast, und wenn du an eines nach Hause schreibst, so ist es so viel als wenn es an alle wäre.»65 Die Briefe waren nicht nur eine Angelegenheit zwischen Absenderin und Empfänger, sondern wurden vorgelesen, herumgereicht und weitergeschickt. Die väterliche Kritik am Briefstil der Kinder konnte sich deshalb sogar auf Briefe an Dritte beziehen. Doch so ungezwungen die Briefe innerhalb der Verwandtschaft noch kursieren mochten: Ein Bedürfnis nach Privatheit der Korrespondenz ist nicht zu übersehen und wurde auch den abwesenden Jugendlichen ans Herz gelegt. Peter Vischer beispielsweise wurde sofort hellhörig, als seine Tochter einmal den Empfang seines Briefes nicht erwähnte. Aufgrund seines Verdachts, sein Brief sei von der Pensionsleiterin gelesen und Emma deshalb verspätet ausgehändigt worden, bat er seine Tochter, dass sie ihre Briefe, die sie Sendungen der Madame Martin beilegte, künftig vorher versiegeln möge.66
Es war ein zentraler Teil des Erwachsenwerdens für junge Bürgerinnen und Bürger, sich die zahlreichen Regeln und Fertigkeiten anzueignen, die für eine souveräne Teilhabe an der bürgerlichen Schriftkultur notwendig waren. Dazu gehörte es auch, Mittel und Wege zu finden, ungewollte Leserschaft möglichst auszuschliessen. Passagen, die etwa die eigenen Hausangestellten betrafen, wurden häufig durch einen Wechsel der Sprache verschlüsselt, wenn nicht sowieso auf Französisch korrespondiert wurde. Hier erweist sich die bürgerliche Schriftkultur als Distinktionsprogramm. Ihre Bildungsmöglichkeiten erlaubten bürgerlichen Familien, ihre Kommunikation von anderen Kreisen oder Schichten abzugrenzen und sich damit von diesen abzuheben. Das stärkte einerseits die eigene Identität, beinhaltete umgekehrt jedoch einen unausgesprochenen Zwang, mithalten zu können, um nicht selbst aussen vor zu bleiben.
Aus dem Rahmen gefallen – Die ‹Stadtoriginale› Niklaus Münch und David Keller
Die ambivalenteste populärkulturelle Karriere des 19. Jahrhunderts machten in Basel nicht etwa Schlüsselfiguren aus Politik, Gesellschaft oder Kultur mit gebrochenen Lebensläufen wie Peter Ochs, Emilie Linder oder Friedrich Nietzsche. Es waren zwei körperlich und geistig beeinträchtigte Männer aus dem Pfrundhaus des Bürgerspitals, deren Behinderungen wohl auf eine Mangelernährung in Kindertagen zurückzuführen waren. Die breite Popularität von Niklaus (Niggi) Münch und David (Boppi) Keller verdankte sich dem Basler Maler Hieronymus Hess.67 Die beiden dienten ihm spätestens ab 1831 als Vorlage für Karikaturen, zunächst Hand in Hand in der Spalen- und der St. Johanns-Vorstadt. Zahlreiche Varianten an verschiedenen Standorten und in unterschiedlichen Rollen folgten.68 Als Terrakotten, Postkartensujets und sogar auf Lampenschirmen fand das auffällige Paar Jahrzehnte über den Tod hinaus weite Verbreitung und entwickelte sich zu einem Basler ‹Maskottchen›.69 Hess und seine Epigonen wiesen mit ihren Darstellungen der beiden Männer bereits auf die spätere Cartoonkunst der Massenmedien hin. Aus den Spottversen der Kinder, die sie selbst noch zu hören bekamen, wurde das volkstümliche Fasnachtssujet hundert Jahre später.70 Aus heutiger Sicht befremdet es, dass zwei Randständige so unverhohlen der öffentlichen Unterhaltung preisgegeben wurden. Auch wenn es sich um einen wohlwollenden Blick auf Nonkonformität handelte, so ist er nach heutigen Massstäben diskriminierend. Interessant ist ausserdem die Frage, ob die öffentlich wahrgenommene Unangepasstheit des Paars sich lediglich durch dessen Beeinträchtigungen definierte oder auch dadurch, dass es sich um zwei Männer handelte, die sich offenbar zugetan waren und sich buchstäblich die Narrenfreiheit nahmen, dies zu zeigen. Die Rezeption und Verortung der beiden Männer, die ungefragt zu einem Aushängeschild ihrer Heimatstadt gemacht wurden, kamen bislang nicht über das Anekdotische hinaus.71 Eine Revision ist angezeigt. Zwar sind die Spuren, welche die beiden Männer zu Lebzeiten hinterliessen, dürftig. Sie finden sich in Geburts- und Sterberegistern, Adressbüchern und einzelnen Akten des Bürgerspitals.72 Dennoch lässt sich ein differenzierteres soziales Profil skizzieren, als es in bisherigen Publikationen der Fall war. (Johann) Niklaus Münch wurde am 26. März 1775 in der St. Alban-Kirche getauft.73 Er war das elfte und jüngste Kind von Lukas Münch und Gertrud Hüglin. Mindestens sieben Geschwister starben im Kleinkindesalter. Von drei weiteren – Gertrud, Elias und Christian – ist nicht bekannt, ob sie das Erwachsenenalter erreichten. Auch wenn bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kindersterblichkeit in der Schweiz wesentlich höher lag als heute,74 ist diese Zahl erschreckend. Sie könnte in Zusammenhang stehen mit der vermuteten Mangelernährung und möglicherweise einem – zumindest zeitweiligen – sozialen Abstieg der Familie Münch. Die Münchs waren eine alteingesessene Bäckerfamilie. Der Vater trug diese Berufsbezeichnung bis in die 1760er-Jahre, später, ab etwa 1770, war er als ‹Spänner›, also Anspanner tätig, dem die Pflege der Pferde oblag. Der Wohnort war eine Liegenschaft (Nr. 1401) am Spitalberg,75 in unmittelbarer Nachbarschaft zum Domhof. Bei Letzterem handelte es sich um ein baufälliges spätgotisches Verwaltungsgebäude, das sich damals noch im Besitz des Basler Bischofs befand.76 Vielleicht war dies der Arbeitsort von Lukas Münch. Die erste Gattin, die Mutter von Niklaus Münch, starb im Oktober 1781. Bereits drei Monate später heiratete der Vater Maria von Mechel und ein knappes Jahr nach deren Ableben Anna Catharina Rahm77 aus dem schaffhausischen Unterhallau. Sie gebar ein paar Wochen nach der Hochzeit den Sohn (Jakob) Heinrich, der später als Schlosser und Standesreiter seinen Lebensunterhalt verdiente.78 Zu Lebzeiten des Vaters wohnte Niklaus Münch wohl bei seiner Familie. Später war eine Lebensgemeinschaft mit der Stiefmutter und dem Halbbruder offenbar nicht mehr möglich oder erwünscht. Die Aufnahme im Basler Bürgerspital erfolgte im Oktober 1797, vier Monate nach dem Tod des Vaters, als Niklaus Münch 22 Jahre alt war.79 Bis an sein Lebensende 46 Jahre später war er als ‹Pfründer› ein Pflegling des Spitals, der vom ererbten Vermögen zehrte. Vielleicht wurde er auch weiterhin von der Stiefmutter und dem Halbbruder finanziell unterstützt. Einen ganz ähnlichen sozialen Hintergrund hatte David Keller. Auch seine Familie war alteingesessen, der Vater (Johann) David Weissbäcker. David Keller war das Jüngste von drei Kindern und wurde am 12. September 1771 in der Leonhardskirche getauft. Sein älterer und relativ früh verstorbener Bruder Rudolf übte den gleichen Beruf aus wie der Vater. Die ältere Schwester Catharina Margarethe war ebenfalls pflegebedürftig. Die Familie Keller wohnte eingangs der Spalenvorstadt (Liegenschaft Nr. 354) in einem Eckhaus. Die Mutter Maria Magdalena Keller-Streckeisen starb im September 1810, der Vater knapp zwei Jahre später. Mit dem Tod der Eltern war die Versorgung der Geschwister nur noch notdürftig gewährleistet: «Diese elenden Kreaturen», so der Aufnahmeantrag an das Bürgerspital, «haben ihr Leben so elend als mögl[ich] durchgebracht».80 Zwischenzeitlich waren sie Kostgänger bei einem Bruder der Mutter, dem Zinngiesser Emanuel Streckeisen und seiner Frau Salome Streckeisen-Pack. Nach Letzterer Tod im September 1816 bedurfte es eines neuen Versorgungskonzepts. Der Vormund (Vogt) der Geschwister war Caspar Henz, wie Vater Keller Weissbäcker von Beruf und damit ein Zunftgenosse. Vormundschaftliche Angelegenheiten regelten bis 1875 nach wie vor die Zünfte.81 Henz wohnte zudem in unmittelbarer Nähe (Liegenschaft Nr. 351) der Familie Keller. Er beantragte im Juni 1817 die Aufnahme der Geschwister Keller ins Pfrundhaus des Bürgerspitals, was diesen «Bedauernswürdigen» gewährt wurde. Nicht alltäglich war offenbar eine Bedingung: «Auf eine nicht gewöhnliche Weise an einander anhänglich, wünschten sie, nicht getrennt zu werden», so der Antrag. Ob die gemischtgeschlechtliche Unterbringung von Bruder und Schwester möglich war, ist fraglich. Über das Alltagsleben im Pfrundhaus jener Jahre ist wenig überliefert. Die Räumlichkeiten befanden sich im vorderen Spital, zwischen der oberen Freien Strasse und heutigen Barfüssergasse gelegen. In rund dreissig Stuben lebten hier etwa 175 Menschen, wobei eine konsequente Trennung der Gesunden von ansteckenden Kranken nicht immer gewährleistet war.82 Bei der Aufnahme wurden Münch (1797) und Keller (1817) jeweils gemäss dem mitgebrachten Vermögen zugeordnet: Münch gehörte mit seinen 1000 [Franken?] zu den «Ordenary Pfrunder», also den gewöhnlichen Pfründern, und erhielt einen Platz in einer «Gesunde Mannen Stuben».83 David und Catharina Margarethe Keller wurden mit ihren insgesamt 4000 Franken zu den «Mittel Pfründer» gezählt, was wohl die gleiche Kategorie war.84 Daneben gab es noch die «Reichen Pfründer». Wenngleich die Verhältnisse im Pfrundhaus bescheiden waren, so waren sie doch besser als im hinteren Spital, dem sogenannten ‹Almosen›, wo Menschen mit stärkeren psychischen Störungen und ohne Vermögen untergebracht waren. Im Gegensatz zu diesen Internierten konnten sich die Pfründer frei bewegen, auch im öffentlichen Raum. Catharina Margarethe Keller starb im Juni 1827. Gut möglich, dass sich die Freundschaft zwischen David Keller und Niklaus Münch in der Folgezeit entwickelte. Die erste Karikatur von Hess datiert von 1831. Ob und wie die plötzliche Popularität Auswirkungen auf ihr Leben hatte und ihnen beispielsweise in Form finanzieller Zuwendungen zugutekam, ist nicht bekannt. Zu David Keller findet sich lediglich noch eine Notiz, dass er sich im Herbst 1837 im Siechenhaus St. Jakob wegen Krätzebefalls einer mehrwöchigen Kur unterziehen musste.85 Er starb am 28. Oktober 1839 im Bürgerspital an der Freien Strasse. Drei Jahre später, im Oktober 1842, fand der Umzug des Bürgerspitals an den neuen Standort im Markgräflerhof an der Hebelstrasse statt. Dies war eine dringliche sanitarische Massnahme und eine der ersten Erneuerungen der öffentlich-städtischen Strukturen. In diesem Zusammenhang steht Kellers Krätzebehandlung exemplarisch für die schlechten hygienischen Verhältnisse im alten Spital und lässt den überlieferten Kindervers auf Münch als realistischen Kommentar auf die dortigen Lebensverhältnisse erscheinen: «Dr Niggi Münch im Spittel het Lys und Fleh im Kittel.»86 Den Pfründern wurden anlässlich des Umzugs 1842 zwei Wurstweggen, ein Semmelbrötchen und ein Extraschoppen «Competenzwein» kredenzt.87 Niklaus Münch dürfte noch in diesen Genuss gekommen sein. Er erlag einige Monate später, am 3. September 1843, einem «Stickfluss», also einem Lungenödem.88
Keller und Münch stehen mit ihren Biografien exemplarisch für den Umgang der bürgerlichen Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts mit randständigen, beeinträchtigten und gebrechlichen Menschen. Das Bürgerspital diente in beiden Fällen in dem Moment als Auffangnetz, als die privaten Versorgungskonzepte zu versagen drohten. Münch verbrachte mit 46 Jahren mehr als zwei Drittel seines Lebens als Spitalpfründer, Keller kam auf immerhin 22 Jahre. Diese Zeitspannen verweisen auf die Multifunktionalität des Spitals, das gleichzeitig als Heim für physisch und/oder psychisch Beeinträchtigte sowie für Bejahrte diente und so einen jahrzehntelangen Aufenthalt in derselben Institution erlaubte. Einzigartig ist die Popularität, die das Duo erlebte. Diese ist ambivalent, da sie sich als sympathiebezeugendes Amüsement manifestierte. Der Akt, die Randständigen ins Bild zu setzen, in vervielfältigter und zahlreich abgewandelter Form in den gesellschaftlichen Fokus zu holen und sie schliesslich als Illustrationen zu Hause aufzuhängen, hat eine integrative Komponente. Allerdings geschah dies als Karikatur ihrer Normabweichung. Diese Hervorhebung und Verzerrung stellten schliesslich in zweifacher Hinsicht eine Diskriminierung dar.