Seit den 1670er-Jahren wurde die Basler Wirtschaft und Gesellschaft endgültig Teil der europäischen Wachstumsökonomie. Kolonialismus, Globalisierung und die sogenannte Fleissrevolution hatten in England und den Niederlanden bereits seit Beginn des 17. Jahrhunderts zur Entstehung des Frühkapitalismus geführt. Wichtiger Treiber für diese Entwicklung war in Basel vor allem die Massenproduktion von Seidenbändern, aber auch von Seidenstrümpfen und Indienne-Stoffen. Die Umstellung auf die Verlags- und Manufakturproduktion führte zu langanhaltenden Konflikten um die Einführung technischer Innovationen, neuer Formen der Arbeitsorganisation und um die Freizügigkeit von Arbeitskräften. Im 18. Jahrhundert kam es zu einem säkularen Exportwachstum. Die Landschaft wurde zu einem wichtigen Produktionsstandort. Und es entwickelten sich neue Formen des (Luxus-)Konsums globaler Güter. Alle diese Prozesse führten dazu, dass die Integration der Basler Wirtschaft in den Weltmarkt markant zunahm, während gleichzeitig die gesellschaftliche Desintegration vor Ort wuchs.
Innovation und Transformation in der Textilproduktion
Vom Frühjahr 1666 bis zum Sommer 1667 kam es in Basel zu drei schicksalhaften Entwicklungen: Im April 1666 starb Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein, der die Basler Politik lange dominiert hatte. Nach seinem Tod kam Kritik an den bisher dominanten Strukturen von Familienherrschaft und Klientelismus auf. Etwa gleichzeitig etablierte sich mit dem Direktorium der Kaufmannschaft ein neues Gremium, das vor allem die wirtschaftspolitischen Interessen der zunehmend frühkapitalistisch agierenden Kaufleute und Bandfabrikanten vertrat.1 Knapp ein Jahr später kehrte Emanuel Hoffmann (1643–1702) nach einem längeren Aufenthalt bei seinen Amsterdamer Verwandten in den ersten Monaten des Jahres 1667 nach Basel zurück. Als Schmuggelgut brachte er aus Harlem einen neuartigen Webstuhl mit, der in den zeitgenössischen Quellen als ‹Kunststuhl› oder ‹Bändelmühle› bezeichnet wurde. Es handelte sich um eine technische Innovation, die für die Basler Wirtschaft in Stadt und Land weitreichende Folgen haben sollte, konnte ein Einzelner auf diesem neuen Webapparat doch bis zu sechzehn Bänder gleichzeitig herstellen und damit einen markanten Produktivitätsgewinn erreichen.2 Im Sommer desselben Jahres 1667 kam es in Basel, wie auch sonst in Europa, zur letzten grossen Pestwelle, in deren Verlauf in der Stadt ungefähr 2300 Menschen starben.3 Damit war das Ende des traditionellen demografischen Krisentypus erreicht, bei dem sich die Einwohnerzahl in einem Zickzackmuster zwischen etwa gleichbleibenden Minima und Maxima bewegte (vgl. S. 157). Nun setzte in der Stadt ein deutliches Bevölkerungswachstum ein, das während zweier Generationen anhielt, bevor es durch eine rigorose Einwanderungspolitik gestoppt wurde. Mit der Einführung der neuen Webtechnologie wurde Basel längerfristig zum europäischen Marktführer in der Seidenbandproduktion. Alle drei Ereignisse zusammen führten im Verlauf des 18. Jahrhunderts zu einem bislang nicht gekannten, ausserordentlichen Wachstum der Basler Exportwirtschaft. Kostbare Seidenstoffe und -bänder kamen bereits in der Antike aus China nach Europa. Auch im Mittleren und Nahen Osten, in Byzanz, in der arabischen Welt, im Osmanischen Reich, auf der Iberischen Halbinsel und in Sizilien hatte die Herstellung hochwertiger Seidenprodukte eine lange Tradition. Im 14. und 15. Jahrhundert entstand an vielen Orten auf der gesamten italienischen Halbinsel eine spezialisierte Seidenbandproduktion.4 Bänder dienten zur Befestigung von Kleidungsstücken und -teilen, zum Säumen von Stoffen, aber auch zur Dekoration von Kleidern und Möbeln. Im 17. Jahrhundert führte die Barockmode nicht zuletzt mit dem Aufkommen von Kniebundhosen und Strümpfen zu einer Massennachfrage nach modischen Accessoires wie Strumpfbändern, Borten, Besätzen und Kordeln aus Seide. Gleichzeitig vervielfältigte sich das Angebot an verschiedenen Mustern und Qualitäten, von den einfachen, aus günstiger Florettseide hergestellten Bändern bis zu kostbaren, gemusterten Seiden- und Moirébändern. Von Indien und Südostasien aus hatte sich der Markt für Textilien im Verlauf der Frühen Neuzeit allmählich globalisiert. Seit dem 17. Jahrhundert wuchs nördlich der Alpen die Zahl derjenigen Textilzentren, die Seidenstoffe und Seidenbänder für den europäischen (Luxus-)Konsum herstellten. Im 18. Jahrhundert nahm der Export auch in aussereuropäische Märkte zu. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts nahmen Basel, Krefeld und etwas später auch Coventry den italienischen Städten die führende Stellung im Massengeschäft der Bandwarenproduktion in Europa ab.5
Schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren kapitalstarke protestantische Migranten aus Flandern und Oberitalien nach Basel gekommen und hatten versucht, hier grosse Betriebe mit bis zu zweitausend Arbeitskräften für die Herstellung von Seidenstoffen aufzubauen. Diese frühen Versuche, Basel als Produktionsstandort für Seiden- und Samtweberei in eine neue, überregionale Dimension zu katapultieren, vergleichbar etwa mit Genua, Venedig oder Rom, scheiterten am gemeinsamen Widerstand der Geistlichen, die den Zuzügern keinen eigenen französischen Gottesdienst zugestehen wollten, und der Zünfte, die um ihre ökonomischen Privilegien fürchteten. In den Jahren nach 1600 gelang es städtischen Kaufleuten allmählich, den zünftigen Widerstand zu umgehen und zunächst in grenznahen Gebieten des Bistums Basel und später auch in stadtnahen Gemeinden des Baselbiets Landleute im Verlagssystem für sich weben zu lassen. Im Zuge dieser Entwicklung, die als Protoindustrialisierung bezeichnet wird, konnten kapitalkräftige städtische Bürger dank effizienterer Organisationsstrukturen mit billigen Arbeitskräften auf der Landschaft zu konkurrenzfähigen Preisen für den überregionalen Markt produzieren. Während des Dreissigjährigen Krieges kamen weitere vermögende Migranten aus dem Reich und aus Frankreich nach Basel. Dank ihrer finanziellen Mittel und ihrer europaweiten Handelsnetzwerke gelang es ihnen rasch, sich als erfolgreiche Textilhändler zu etablieren. Gleichzeitig verlagerte sich die Handelsroute mit ‹Pariser Waren› zwischen Frankreich und dem Reich ins neutrale Basel und der Handel mit ‹Holländer Waren› gewann an Bedeutung.6 In den Niederlanden war der ‹Kunststuhl› seit Anfang des 17. Jahrhunderts bekannt, sein Einsatz durch obrigkeitliche Regulierungen stark eingeschränkt und die Ausfuhr strikt verboten. Weil mit der neuen Technologie ein enormer Produktivitätsschub erzielt werden konnte, war es für die Basler Wirtschaftsentwicklung entscheidend, dass Emanuel Hoffmann im Jahr 1667 nicht nur einen solchen neuen Webapparat importieren konnte, sondern dass es ihm auch gelang, den Basler Rat davon zu überzeugen, die neue Technologie für die Produktion zuzulassen. Damit wurde die Position der Basler Fabrikanten-Verleger auf den internationalen Märkten entscheidend verbessert und der Aufstieg Basels zum europäischen Zentrum der Seidenbandproduktion eingeleitet. Rasch setzten auch andere Produzenten die neue Technologie ein, sodass nur drei Jahre später, 1670, bereits zweiundzwanzig neue Webstuhlkonstruktionen in Betrieb waren.
Zur gleichen Zeit erschwerte Frankreich, der neue starke Nachbar im Westen, im Zuge seiner Expansionspolitik an den Rhein und in die spanischen Niederlande den Transithandel der Basler Kaufleute mit Modeartikeln, den ‹Pariser Waren›. Entsprechend interessant war für die Kaufleute der Einstieg in die Verlagsproduktion von Seidenbändern, die sie nun als Eigenproduktion ins Reich liefern konnten. Wenig überraschend klagten im gleichen Jahr die zünftisch organisierten Seidenbandweber gegen jene kapitalkräftigen Marchands-Fabricants (Kaufleute-Verleger), die auf den neuartigen Stühlen Seidenbänder weben liessen. Sie sahen ihre Existenz gleich doppelt bedroht: Neben der Konkurrenz durch die Seidenbandfabrikanten mit ihrem Kapitaleinsatz und ihren neuen Produktionsmethoden fürchteten sie mögliche Sanktionen gegen Basler Bänder, die im Reich als «verstümpelt», also minderwertig, galten und mit einem Einfuhrverbot belegt zu werden drohten.7 Der Rat dagegen, beraten vom neu gegründeten Direktorium der Kaufmannschaft, erkannte in der neuen, als ‹Manufactur› bezeichneten Produktionsweise grosses wirtschaftliches Potenzial für den Export. Nicht zuletzt spielte für seinen Entscheid der Vorschlag der Marchands-Fabricants eine wichtige Rolle, eine neue Exportsteuer auf die Bandmühlenprodukte zu erheben und so zusätzliche Zolleinnahmen zugunsten des Staatshaushaltes zu generieren.8 In den folgenden Jahrzehnten hörten die Konflikte trotz dieser Entscheidung nicht auf. In den 1680er-Jahren entwickelte sich Basel zum Marktführer für Seidenbänder im Reich und baute eine Monopolstellung auf.9 Als im Reich der Verkauf von Produkten, die auf Kunststühlen hergestellt worden waren, per kaiserlichem Erlass verboten wurde, kam es im Jahr 1685 in der Stadt zu neuen Konflikten, die sich diesmal innerhalb der Gruppe der Strumpf- und Bandfabrikanten selbst abspielten. Im Zentrum der Auseinandersetzung standen Franz und Adam Leisler, denen die übrigen Verleger vorwarfen, mit aggressiven Konkurrenzmethoden, Abwerbeversuchen von Arbeitskräften und Preisdumping auf Messen und Märkten eine Monopolstellung in der Basler Seidenbandproduktion anzustreben. Die beiden wurden als Vertreter der neuen Kapitalisten kritisiert und als ‹Zugewanderte› diskreditiert.10 Aber auch dieser Versuch, besonders kapitalkräftige Konkurrenten und deren gewinnorientiertes Geschäftsgebaren zurückzubinden, scheiterte. Vielmehr wuchs die Zahl derjenigen Kaufleute, die gleichzeitig überregional mit Stoffen, Seidenstrümpfen und Seidenbändern Handel trieben, sich regional als Verlagsherren in der Textilproduktion engagierten und darüber hinaus international als Banquiers im Geldverleih und -wechsel aktiv wurden.
Als es zwischen November 1690 und Herbst 1691 zur grössten politischen Krise der Stadt im Ancien Régime kam, ging es nicht zuletzt auch um Modernisierungskonflikte zwischen der Zunftbasis, der alten politischen Führungsgruppe und der neuen wirtschaftlichen Elite, den Marchands-Fabricants-Banquiers, die mit ihren Investitionen die wirtschaftliche Entwicklung Basels nachhaltig prägen sollten. Auch nach der Beilegung der Krise brachten in den folgenden Jahren potenzielle Modernisierungsverlierer immer wieder neue Klagen gegen kapitalkräftige Firmen vor. Ein letztes Mal spitzte sich dieser Konflikt im Jahr 1719 dramatisch zu, nachdem die Bortenwirker von Augsburg erfolgreich die Erneuerung des kaiserlichen Einfuhrverbots für auf Bandmühlen hergestellte Waren durchsetzen konnten. Das Direktorium der Kaufmannschaft sah das Ende «unserer fabriques» drohen und befürchtete die Verelendung von mehreren Tausend Menschen in der Stadt und auf dem Land, die «bitteren Hungers sterben» müssten.11 Das gleiche Schicksal prognostizierte man auch für die Armen auf der Zürcher, Berner und Luzerner Landschaft, die für ihr Überleben auf den Absatz des von ihnen gesponnenen und appretierten Florettgarns in Basel angewiesen waren. Nach wenig erfolgreichen diplomatischen Bemühungen am kaiserlichen Hof in Wien gelang es der Stadt schliesslich, eine vergleichsweise kostengünstige Lösung in Frankfurt zu erreichen und sich den Zugang zur dortigen Messe zu sichern, die für die Basler Händler von fundamentaler Bedeutung war.
Analog zur Seidenbandproduktion wurden auch in einem zweiten wichtigen Basler Exportgewerbe, der Strumpfstrickerei, ab den 1670er-Jahren neue mechanische Stühle eingesetzt. Vermutlich brachten Migranten aus dem Burgund, dem Aostatal und aus der Normandie die Technik des ‹Lismens› nach Basel. Bereits 1569 war ein erster sogenannter Hosenlismer Mitglied der Safranzunft. Und schon 1607 erwähnte die Handwerksordnung der Basler Stricker erstmals den von einem englischen Theologen erfundenen Strickstuhl. Zunächst wurden vor allem Stoffe für Mützen, Kappen und Handschuhe gestrickt. Im 17. Jahrhundert kamen Strümpfe für Männer, sogenannte Hosen, in Mode, für die sich der Strickstoff aus Wolle besonders gut eignete. Als Luxusartikel wurden ausgehend vom französischen Hof am Ende des Jahrhunderts nahtlose, auf Rundnadeln gestrickte Seidenstrümpfe modern. Mitte der 1670er-Jahre kam es zwischen der Basler Hosenlismerzunft und dem Grosskaufmann und Verleger Hans Heinrich Gernler zu ähnlichen Auseinandersetzungen wie bei den Seidenbandwebern. Anlass war Gernlers Angebot, für die Waisenkinder im ehemaligen Kartäuserkloster das Stricken auf Verlagsbasis einzuführen. Der Fabrikant erhielt schliesslich 1667 vom Rat die Erlaubnis, sowohl im Waisenhaus als auch auf der Landschaft verlagsmässig stricken zu lassen. Allerdings durfte er künftig mit seinen Strickwaren nur noch en gros und auf den Messen in Zurzach, Strassburg, Frankfurt oder weiter entfernt Handel treiben. Der Konflikt, an dem auch die beiden Meister Johannes Brenner und Johann Preiswerk beteiligt waren, endete damit, dass für die Hosenstricker der Weg in eine kapitalistisch organisierte Verlagsproduktion unter bestimmten Auflagen frei gemacht wurde. Anders als bei den Seidenbandwebern aber existierten künftig in Basel bei den Strumpfwirkern die handwerkliche und die verlegerische Produktionsweise weiterhin nebeneinander.12 Für die Konkurrenzfähigkeit der Seidenbandfirmen auf den internationalen Märkten wurde die Ausrüstung der Seide, die Qualität der Farben und der Umfang der Farbpalette nicht zuletzt wegen der wachsenden Bedeutung modischer Trends immer wichtiger. Im Unterschied zu den Posamentern konnten sich aber die Seidenfärber erfolgreich gegen die neuen protoindustriellen Produktionsformen zur Wehr setzen.13 Die Seidenbandfabrikanten unternahmen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwar immer wieder Versuche, sich von den zünftisch organisierten Färbern zu emanzipieren und den Färbeprozess in ihre Unternehmen zu integrieren. Gesamthaft scheiterten sie aber mit diesem Vorhaben am Widerstand der gut organisierten Färberdynastien. Das Seidenfärben war in Basel wie auch in den anderen eidgenössischen Städten zunächst stark durch italienische und französische Migranten geprägt. Seit 1655 wurde die Seidenfärberei durch eine eigene Zunftordnung reguliert, die Händlern oder Kaufleuten ohne zünftische Ausbildung die Beschäftigung von Gesellen und Lehrlingen untersagte. Damit waren die Konflikte mit den Verlegern vorprogrammiert. Immer wieder versuchten Seidenbandfabrikanten, bestimmte Farben – etwa Carmesin-Rot, haltbares Schwarz oder ‹Leibfarbe› – selbst zu färben. Noch in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts kritisierten Verleger wie Emanuel Hoffmann II., Hans Ulrich Passavant, Achilles Leisler und Markus Weiss, dass die Basler Seidenfärber nicht in der Lage seien, neue Modefarben wie ‹Ponceau› (tiefrot) in guter Qualität herzustellen, weshalb sie einen erheblichen Teil ihres Bedarfs an modisch gefärbtem Garn in Zürich, aber auch in Bern, in Oberitalien und sogar in Holland färben lassen müssten. Entsprechend erteilte der Rat einzelnen Firmen das Recht, ausgewählte Farben selbst zu färben. Das führte zu neuen Konflikten, bis schliesslich der Rat 1745 den Fabrikanten zugunsten der zünftigen Familienbetriebe das Färben mit nachhaltiger Wirksamkeit verbot. Offensichtlich gelang es den Färbereibetrieben in der Folge besser, sich an die Bedürfnisse der Seidenbandverlage anzupassen. Bis Ende des Jahrhunderts wurde wegen der stark wachsenden Nachfrage die erlaubte Anzahl Arbeitskräfte pro Meisterbetrieb deutlich angehoben und die Verleger hatten bei der Preisgestaltung für das Färben ein Mitspracherecht. Entsprechend sind aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch keine weiteren Klagen mehr bekannt. Als drittes Standbein neben der Seidenbandproduktion und der Strumpfstrickerei etablierte sich in der Basler Textilwirtschaft seit den 1720er-Jahren ein weiterer wirtschaftlicher Wachstumsmotor, die Indienne-Druckerei. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam es in Europa zu einem Boom für farbig bedruckte Baumwolltücher. Hatte man zuvor aus Indien handbemalte Baumwollstoffe importiert, nutzten nun die Europäer zunehmend ihre eigenen Kenntnisse aus dem Druckwesen und kombinierten sie mit indischem Wissen über Farben und Färbetechniken, um selbst mit Holzdruckmodeln neue Modestoffe herzustellen. Als ‹Indiennes› wurden sie rasch zu einem beliebten, zunächst noch luxuriösen Konsumartikel.
Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes im Jahr 1685, das den französischen Protestanten die freie Religionsausübung garantiert hatte, wanderten zahlreiche Indienne-Händler und -Drucker aus Frankreich nach Genf und in die Westschweiz ein. Dort eröffneten sie Manufakturen, in denen sie die Produktion der neuen Modestoffe – anders als dies in Indien der Fall war – arbeitsteilig mit Zeichnern, Graveuren, Druckerinnen, Färbern und Wäscherinnen organisierten.14 Schon 1669 hatten armenische Händler in Marseille und wenig später auch in Amsterdam Stoffdruckereien gegründet und die indischen Färbetechniken nach Europa gebracht.15 Zu beiden Hafenstädten unterhielten die Basler intensive Handelsbeziehungen. In Holland entstand rasch ein florierendes Kattungewerbe (niederländisch Katoen = Baumwolle), das vom Wissen der armenischen Gemeinde in Amsterdam profitierte.16 In diesem dynamischen Umfeld lernte der junge Basler Samuel Ryhiner (1696–1757) bei seinen Verwandten in Amsterdam das Indienne-Drucken kennen. Nach seiner Rückkehr richtete er 1717 die erste Manufaktur für Zeugdruck (farbig bedruckte Baumwollstoffe) in Basel ein. Ihre Produkte fanden rasch im europäischen Ausland und in Übersee Absatz und intensivierten die Integration der Basler Wirtschaft in die globalen Märkte.17 Samuel produzierte die ersten Indienne-Stoffe in der St. Johanns-Vorstadt neben dem elterlichen Handelshaus. 1731 nahmen er und sein Bruder Emanuel am Riehenteich vor der Stadt die Produktion auf. Dieser Industriekanal eignete sich dank des kalkarmen Wassers der Wiese besonders gut für die wasserintensive Herstellung der bedruckten Baumwollstoffe, die mit ihren vielfältigen Mustern vor allem für Kleidung und Möbel beliebt waren. Namen wie ‹Surates› und ‹Patnas› für bestimmte Krappstoffe erinnerten an die indische Herkunft der entsprechenden Muster.18 Bis zur Jahrhundertmitte blieben die beiden Ryhiner-Brüder die einzigen Indienne-Fabrikanten in der Stadt.19 Zusammen zahlten sie 1750 etwa gleichviel Pfundzollabgaben wie die grössten Steuerzahler unter den Seidenbandfabrikanten.20
Der Sohn des Firmengründers, Johannes Ryhiner (1728–1790), machte politisch Karriere: Er wurde 1777 zum Oberstzunftmeister und 1789 zum Bürgermeister gewählt. Wie Ryhiner waren auch andere Kaufleute und Fabrikanten an einflussreichen politischen Ämtern in der Regierung interessiert, um die Rahmenbedingungen für Textilproduktion und -handel vorteilhaft beeinflussen zu können.21 Johannes hinterliess umfangreiche Aufzeichnungen. Sein ‹Traité sur la fabrication et le commerce des toiles peintes› gibt Auskunft über den Umfang der Ryhiner’schen Produktion: Im Jahr 1766 waren in der Manufaktur 96 Personen beschäftigt, die pro Woche 756 Tücher mit unterschiedlichen Mustern und Farben herstellten.22 Gleichzeitig ist das Manuskript dank der Aufzeichnung zahlreicher Farbrezepte auch eine der wichtigsten Quellen für den globalen Wissenstransfer zur Herstellung von Indiennes in Basel, aber auch in ganz Europa geworden.23 Für die Weitergabe von Wissen spielte neben gelehrtem vor allem praktisches Handwerkerwissen eine wichtige Rolle: Über die bereits erwähnte armenische Diaspora in Marseille gelangten bedruckte Stoffe aus Konstantinopel, indisches Know-how und Farbrezepte für Türkisch-Rot nach Europa. Auf ihren Reisen informierten sich die Ryhiner bei holländischen Druckern und an den Auktionen der Niederländischen Ostindischen Kompanie über die neuesten Muster.24 Um auf den internationalen Märkten erfolgreich zu agieren, investierte die Firma in die Entwicklung aktueller Designs. So konnte sie die wechselnden Moden auf den amerikanischen wie auf den afrikanischen Märkten bedienen und dadurch höhere Preise erzielen. Im Unterschied zum zünftischen Handwerksbetrieb, der seine Qualitätssicherung durch die Produktion nach traditionellen Vorgaben und überlieferten Mustern sicherstellte, wurde die ‹Fabrique› zum Ort permanenter Innovation. Insbesondere die rasche Anpassung an wechselnde Moden und die Imitation fremder Herstellungsverfahren und Muster wurden zum Kennzeichen des neuen kapitalistischen Wirtschaftens.25
Neue Arbeitsformen und wachsende Ungleichheit
Das protoindustriell organisierte Verlagswesen führte zu neuen Organisationsformen im Arbeitsablauf und verschob im Vergleich zur Produktion im zünftischen Handwerksbetrieb das Gewicht von der Arbeit stärker zum Kapital. Damit entstanden neue Arbeitsorte und -geografien: Für die Produktion von Indienne-Stoffen wurden Manufakturen – sogenannte Fabriques – eingerichtet, die Verfahren aus dem Druckwesen in die Textilwirtschaft übertrugen. Bei der Seidenbandproduktion kam es dagegen zu einer neuen Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land. Die städtischen Seidenbandfabrikanten stellten den von ihnen verlegten Posamentern auf der Landschaft die Produktionsmittel – das vergleichsweise teure Seidengarn und die ebenfalls teuren Bandwebstühle – zur Verfügung. Dank ihrer ausgedehnten Handelsnetzwerke und ihres Kapitals konnten sich die Kaufleute-Verleger auf den internationalen Beschaffungsmärkten gut mit Rohstoffen versorgen. Vor Ort war für sie vor allem der Zugang zu einem ausreichenden Reservoir an günstigen Arbeitskräften wichtig. In der Stadt konnten die Verleger für Hilfsarbeiten wie Spinnen und Zwirnen auf Frauen aus der städtischen Unterschicht zurückgreifen. Zunächst musste die Seide verlesen, gereinigt und einzelne Fäden auf einer Spule von den schlecht bezahlten ‹Dopplerinnen› zusammengelegt werden. Anschliessend drehten die ‹Zwirnerinnen› mehrere solcher Fäden mithilfe einer kleinen Zwirnmühle zu Garn für den weiteren Produktionsprozess zusammen. Im nächsten Arbeitsschritt musste das Garn in den städtischen Zunftbetrieben gefärbt werden. Im Gegensatz zum Doppeln und Zwirnen handelte es sich dabei um eine angesehene und vergleichsweise lukrative Tätigkeit.26 Alternativ wurden bestimmte Garn- und Farbqualitäten auch aus Zürich, Bern oder von weiter her importiert. Das gefärbte Garn brachten ‹Botten›, die auf eigene Rechnung arbeiteten, zu den Webern auf die Dörfer. Dort übertrugen es ‹Winderinnen› und ‹Spulerinnen›, nicht selten Kinder, auf kleine Spulen, die in das Webschiffchen eingesetzt werden konnten. Anschliessend begannen die Weber und Weberinnen mit dem weitgehend mechanisch ablaufenden Webvorgang auf den Bandstühlen. Diese mehrgängigen, vergleichsweise komplizierten hölzernen Maschinen wurden von den Schreinern und Schlossern auf den Dörfern hergestellt und repariert. Die Protoindustrialisierung fand aber nicht nur vor Ort statt. Sie verband vielmehr deren regionale Akteure auch über Wissens- und Know-how-Transfers mit Europa und der Welt. Informationen zu Herstellungsverfahren und Mustern zirkulierten international, und die Beschaffung von Rohstoffen wie Seide, Baumwolle oder Färbehölzern erfolgte über global verknüpfte Kommunikations- und Handelsnetze. So stammte etwa das in den Ryhiner’schen Fabriken verwendete Gummi aus Senegal, Ägypten und China.27 Aber auch die Mobilität von Arbeitskräften spielte eine wichtige Rolle, wie das Beispiel der armenischen Drucker, aber auch die Wanderungen von Handwerksgesellen und die Ausbildung junger Kaufleute in der Fremde und ihre Reisen zeigen. Von diesem überregionalen und vermehrt auch globalen Wissenstransfer profitierten die Basler Marchands-Fabricants entscheidend. Gleichzeitig schränkte der Rat im Interesse ebendieser Verleger und Fabrikanten den Transfer von Wissen und die Migration von Arbeitskräften aus Basel und seinem Untertanengebiet ein. Als Folge der mittelalterlichen Leibeigenschaft durften die Untertanen nur mit obrigkeitlicher Erlaubnis auswandern und mussten eine sogenannte Abzugs- oder Manumissions-Gebühr bezahlen. Während sich Kaufleute und Fabrikanten als Bürger der Republik Basel Handelsprivilegien mit möglichst freien Beschaffungs- und Absatzmärkten zu sichern versuchten, setzten sie im Umgang mit den von ihnen abhängigen Arbeitskräften auf deren Untertanenstatus. Dabei ging es nicht nur um das Verbot, spezifisches Produktionswissen auszuführen oder ohne explizite obrigkeitliche Erlaubnis aus dem Land wegzuziehen. Vielmehr versuchten die Fabrikanten im Verlauf des 18. Jahrhunderts auch immer wieder, die freie Wahl des Arbeitgebers zu verhindern und so die Mobilität der Arbeiter und Arbeiterinnen einzuschränken und deren Position auf dem Arbeitsmarkt zu schwächen.
Im Jahr 1718 beschloss der Rat, künftig keine Landverleger mehr zu dulden. Damit wurde in Basel, anders als in Zürich, das Verlagswesen zum Privileg der Städter. Darüber hinaus erliess der Rat 1722 ein allgemeines Ausfuhrverbot von mechanischen Bandstühlen für die Landschaft. Städtische Fabrikanten durften dagegen weiterhin mithilfe auswärtiger Niederlassungen expandieren und entsprechend Kunststühle ausführen. Trotz dieser Verbote brachten Basler Untertanen immer wieder Wissen in andere Regionen. Bekannt ist der Fall von Hans Peter Thommen. Ursprünglich Landverleger in Münchenstein, hatte Thommen zu Beginn der 1720er-Jahre die selbstständige Produktion von Seidenbändern einstellen müssen und war als Handlungsdiener in die damals führende Basler Seidenbandfirma Leisler & Weiss eingetreten. 1731 liess er sich vom preussischen Manufakturinspektor Isaak d’Alençon anwerben und wanderte auf der Suche nach besseren Arbeits- und Einkommensbedingungen mit einer ganzen Gruppe von Baselbieter Webern nach Potsdam aus. Dort versuchte er, allerdings ohne grossen Erfolg, eine eigenständige Seidenbandfabrikation aufzubauen. Verschiedene Weber aus Basel und dem Baselbiet brachten seit den 1730er-Jahren ihr Wissen nach Marseille und Nîmes, wo sie am Betrieb von Bandmühlen beteiligt waren.28 Der Basler Kaufmann Johann Rudolf Faesch (1715–1785), der zuvor preussischer Agent in Amsterdam gewesen war, hatte sogar von 1750 bis 1777 eine massgebliche Position im Berliner Ministerium zur Förderung von Handel und Industrie inne.29 Besonders erfolgreich war der Wissenstransfer nach Wien. 1762 erhielt der Baselbieter Marx von Känel von Kaiserin Maria Theresia ein Privileg für die Errichtung einer «Schweizer-Bandfabrik» in Penzing bei Wien.30 Weil er nach seiner Handelslehre in der Firma Leisler & Weiss in der Aarauer Bandfirma Rothplez & Brutel gearbeitet hatte, war von Känel im Baselbiet inhaftiert worden. Es gelang ihm zu fliehen und in Penzing eine erfolgreiche Seidenbandfabrikation einzurichten. In den folgenden Jahren zogen immer wieder ganze Baselbieter Weberfamilien ohne obrigkeitliche Erlaubnis in die von Känel’sche Fabrik. Nicht zuletzt wegen der Konkurrenz durch die nach wie vor billigeren Basler Bänder machte die Firma 1769 fast Konkurs. Dennoch konnten von Känels Nachfolger die Fabrik erfolgreich weiterführen. Bis zum Ende des Jahrhunderts entwickelten sie die Seidenbandweberei zum wichtigsten Wiener Gewerbezweig und erschlossen sich Absatzgebiete auf dem Balkan und sogar in der Levante.
Im Jahr 1737 erliess der Rat ein generelles Verbot für alle Untertanen, die bei städtischen Bürgern in Eisenwerken oder in den «Fabriques» arbeiteten, in «fremde oder ausländische Dienste» zu treten. Bei Verstössen drohte der Verlust des Landrechts und die Konfiszierung von Hab und Gut.31 Später stellte der Rat auch das Abwerben oder die Vermittlung von Arbeitskräften in den Dienst auswärtiger Fabrikanten explizit unter Strafe und setzte für Denunzianten eine Belohnung aus.32 Besondere Bedeutung hatten diese Verbote für die Indienne-Industrie, denn dort wiesen die Arbeiter, wie traditionell im Druckergewerbe üblich, eine vergleichsweise hohe Mobilität auf. Das hatte ebenso mit Konjunkturschwankungen und dem dadurch bedingten Arbeitsmangel zu tun wie mit der ‹morte-saison›, dem strukturellen Arbeitsunterbruch während der Wintermonate, wenn die bedruckten Stoffe nicht zum Bleichen und Trocknen ausgelegt werden konnten. In solchen Zeiten versuchten Arbeiter verstärkt, Ort und Arbeitsstelle zu wechseln, um bessere Verdienst- und Arbeitsbedingungen auszuhandeln, während die Arbeitgeber solche Wechsel zu verhindern trachteten, weil sie die Mitnahme und Weiterverbreitung von Betriebsgeheimnissen wie Färberrezepte oder modische Musterkollektionen, aber auch das Entstehen neuer Konkurrenzbetriebe fürchteten. Diese Sorge war nicht unbegründet. Noch bevor Frankreich 1759 das Verbot der Indienne-Produktion aufhob, hatten 1746 bereits vier junge Unternehmer – Samuel Koechlin, Jean-Jacques Schmalzer, Jean-Henri Dollfus und Jean-Jacques Feer – in Mülhausen die erste Indienne-Manufaktur gegründet. Nach der Aufhebung des Verbots in Frankreich entwickelte sich die Indienne-Produktion jenseits der Grenze, in Lörrach und vor allem in Mulhouse, sehr dynamisch. Auch in Basel wuchs die Zahl der Zeugdruckmanufakturen bis 1789 von zwei auf sieben an. Im Sundgau waren Ende des 18. Jahrhunderts bereits vierzigtausend Arbeiter in der Indienne-Industrie tätig. Wie eng hier Wissenstransfer und Konkurrenz verbunden sein konnten, zeigt die Geschichte von Vater und Sohn Oberkampf. Philipp-Jakob Oberkampf (1714–1781) kam Ende der 1740er-Jahre aus Vaihingen nach Basel und brachte sein umfassendes Wissen über die Kunst des Blaufärbens in die Firma von Emanuel Ryhiner ein.33 Drei Jahre später verliessen beide die Stadt bereits wieder, um in Lörrach eine eigene Druckerei einzurichten. 1752 wanderten sie nach Aarau weiter, wo sich der Vater erfolgreich als Indienne-Drucker etablierte. Sohn Christoph-Philipp (1738–1815) zog 1758 nach Paris und gründete wenig später in Jouy-en-Josas bei Versailles eine äusserst erfolgreiche Textilfabrik, die ab den 1760er-Jahren in ganz neue Grössenordnungen der Produktion vorstiess.34
Angesichts der wachsenden lokalen, regionalen, aber auch überregionalen Konkurrenz blieb das Recht der Arbeiter auf Freizügigkeit umkämpft. 1753 drohte der Basler Rat mit der ‹Lex Ryhiner› vertragsbrüchigen Arbeitern, die sich abwerben liessen, «ernstliche» Strafen an.35 Das Mobilitätsverbot liess ein Arbeitskräftereservoir entstehen, das je nach Konjunkturgang flexibel und kostensparend einsetzbar war. Entsprechend blieben die Auseinandersetzungen um den Arbeitsmarkt auch in den folgenden Jahrzehnten virulent. Im Oktober 1794 kam es sogar zum ersten Streik der Basler Geschichte. Damals traten die dreihundert Drucker und Modelstecher aller Basler Indienne-Fabriken in den Ausstand und erklärten, dass «sie jede tiranney», der sie sich offensichtlich ausgesetzt sahen, «verabscheuen und die sklaverei vernichten wollten».36 Der Streik richtete sich gegen eine Absprache der Fabrikanten, die angesichts des ziemlich ausgetrockneten Arbeitsmarktes und der gleichzeitig herrschenden Lebensmittelteuerung die Abwerbung ihrer Arbeiter verhindern wollten. Damit allerdings waren die Fabrikherren vor der Fabrikkommission, die seit 1761 als Beschwerdeinstanz für alle Arbeiter diente, und vor dem Kleinen Rat nicht erfolgreich. Die Streikenden erhielten in der Sache Recht und die Fabrikanten mussten ihre Absprachen zurücknehmen.37 Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren Stadt und Land Basel Teil einer protoindustriellen Entwicklung geworden, die verschiedene Gewerberegionen in England, den Niederlanden, der Eidgenossenschaft und im Reich erfasst hatte. Im Verlauf dieses Prozesses entschieden sich immer mehr Menschen, bei gleichbleibenden Löhnen mehr zu arbeiten, um an der wachsenden Konsumentwicklung teilnehmen zu können. Am Ende des 18. Jahrhunderts arbeiteten Tausende von Heimarbeiterinnen und Heimarbeitern für rund zwanzig Basler Kaufleute und Bandverleger. Das Weben für den Verleger war meist mit dem Betreiben einer Kleinstlandwirtschaft verbunden und führte auf der Landschaft zu neuen Verdienstmöglichkeiten vor allem für die unterbäuerlichen Schichten.38 Daneben arbeitete in der Stadt eine wachsende Zahl von Arbeitern und Arbeiterinnen39 in den Manufakturen der Indienne-Fabrikanten. In beide Herstellungsprozesse wurden immer stärker auch Frauen und Kinder eingebunden.
Eng verbunden mit der wachsenden Produktion für internationale und sogar globale Märkte waren die sogenannte Fleissrevolution (‹industrious revolution›) und die Konsumrevolution. Sie beruhten ebenso auf dem Zusammenbruch ständischer Aufwandsgesetze in Europa wie auf der wachsenden Verfügbarkeit aussereuropäischer Rohstoffe (Seide, Baumwolle, Farbstoffe und Färbemittel) und Waren,40 etwa Tabak, Zucker, Tee, Porzellan und Kaffee, Seidenstoffe und -bänder sowie bedruckte Baumwollstoffe. Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde der Konsum dieser Waren von der Basler Geistlichkeit als sündhafte Verschwendung im Sinne der alten ‹Luxuria› verurteilt. Aber schnell setzten sich auch in Basel die Argumente der neuen, vor allem in England und Frankreich geführten Luxusdebatte durch, wonach der Konsum solch globaler Güter den allgemeinen Wohlstand fördere. Die Entstehung neuer Märkte und Konsumentengruppen beflügelte den Aufschwung der Basler Exportindustrie. Die damit wachsende Nachfrage nach modischen Exportartikeln wie Seidenbändern und Indienne-Stoffen liess diese «populuxe goods»41 für breitere Schichten erschwinglich werden und führte im Zuge des Transatlantikhandels auch auf den westafrikanischen, karibischen und amerikanischen Märkten zu wachsender Nachfrage.
All diese Entwicklungen hatten deutliche Auswirkungen auf die städtische Wirtschaft und Gesellschaft. Handelsumsätze und Export erlebten im 18. Jahrhundert ein säkulares, lang anhaltendes Wachstum. Die Konsumsteuerabgaben in der Stadt stagnierten dagegen langfristig oder gingen sogar leicht zurück. Von 1670 bis 1690 hatte sich die Anzahl der Bandmühlen von 22 auf 222 erhöht. Das 18. Jahrhundert aber begann schwierig; bis 1720 wuchsen die Handelsumsätze praktisch nicht und es kam zu einem drastischen Rückgang der Konsumsteuereinnahmen. Seit den 1740er-Jahren aber stiegen die Aussenhandelsumsätze in raschem Rhythmus. Die Zahl der Bandstühle verzehnfachte sich bis zum Jahr 1786 auf 2206. Von dieser Entwicklung profitierten in der Stadt vor allem die Grosshändler und Textilfabrikanten. Sie bildeten den Kern einer neuen, kaufkräftigen Elite für globale (Luxus-)Güter. Ein erheblicher Teil der Stadtbevölkerung konnte dagegen im Verlauf des 18. Jahrhunderts kaum an Kaufkraft gewinnen oder geriet sogar in zunehmend wirtschaftlich prekäre Verhältnisse.42 Nur gerade in den 1720er- und 1760er-Jahren verbesserten sich die wirtschaftlichen Bedingungen für alle sozialen Gruppen so deutlich, dass sich auch die Armen in der Stadt ausreichend ernähren konnten. Besonders dramatisch wurde die Lage während der grossen europaweiten Hungersnot von 1770/71. In Basel und seinem Herrschaftsgebiet kam es damals vor allem wegen Handelssperren für Korn zur grössten Teuerung des Ancien Régime. Damit verbunden waren Konjunktureinbrüche in der Textilwirtschaft, die zu einer eigentlichen Strukturkrise mit erhöhter Arbeitslosigkeit und verschärfter Armut führten.43 Intensiv diskutiert wurden im Zusammenhang mit der Armenfürsorge obrigkeitliche Zwangsarbeitsmassnahmen wie Baumwollspinnen, die Herstellung von Strohmatten und Packtuch oder das Raspeln von Hirschhorn und Farbholz.44 Auf der Landschaft kam es vor allem unter den Posamentern zu einer hungerbedingten Übersterblichkeit und in manchen Posamenterdörfern zu einer eigentlichen Auswanderungswelle.45 Noch am Ende des Jahrhunderts waren in der Basler Indienne-Industrie die Verdienstmöglichkeiten so gering, dass nicht nur die Frauen, sondern auch die Kinder ‹auf die Fabrik gehen› mussten, um das Überleben der Familien zu sichern. Das zeigt etwa die Volkszählung von 1787 für Riehen: Damals waren neben 29 Erwachsenen – mehrheitlich gelernte Drucker – auch 34 Riehener Kinder in den Basler Manufakturen beschäftigt.
Im Gesamtverlauf des 18. Jahrhunderts dagegen wuchs die Basler Wirtschaft insgesamt markant. Das führte zu deutlichen strukturellen Verschiebungen, ohne dass sich deswegen die Lage der Unterschichten und Armen entscheidend verbessert hätte. Vielmehr nahm die Ungleichheit zu.46 Anders als in der Stadt, wo aufgrund der restriktiven Einwanderungspolitik die Einwohnerzahl stagnierte, wuchs die Bevölkerung auf der Landschaft im Laufe des 18. Jahrhunderts vor allem in den Posamenterdörfern dank der Seidenbandweberei. Sie ermöglichte auch Kleinbauern ohne ausreichenden Landbesitz die Gründung einer eigenen Familie und eine bescheidene Existenz. So übertrafen schliesslich die Verbrauchssteuerabgaben der Landschaft ab 1762/63 regelmässig diejenigen der Stadt.47 In der Stadt manifestierte sich die neue Zeit und die wachsende Bedeutung der Seidenbandherren nicht zuletzt im Wandel des Stadtbildes. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts bauten drei Architekten – Carl Hemeling (1702–1736), Johann Jacob Fechter (1717–1797) und Samuel Werenfels (1720–1800) – im Auftrag der neuen Wirtschaftseliten Basel zur Barockstadt um. Schon 1705 hatte der Markgraf von Baden in der Neuen Vorstadt ein ‹Palais entre cour et jardin› in einer für Basel ausserordentlichen Grössenordnung nach Pariser Vorbild errichten lassen. Ab Ende der 1720er-Jahre bauten dann auch die reichsten Basler Bürger ihre Stadthäuser nach dem französischen Vorbild des adligen ‹Hôtel entre cour et jardin›. Damit entstanden Barockpalais, die der Stadt ein neues Aussehen gaben: der Ramsteinerhof an der Rittergasse, der Holsteinerhof in der Neuen Vorstadt, das Ensemble aus Rollerhof, Domherrenhöfen und Falkensteinerhof am Münsterplatz, das Blaue und das Weisse Haus am Rheinsprung, das Wildt’sche Haus am Petersplatz, der ‹Raben› in der Aeschenvorstadt, der Württembergerhof am St. Alban-Graben oder das neue Posthaus in der Nähe des Marktplatzes. Vor den Toren wurden barocke Sommerpalais errichtet und alte Landsitze modernisiert. Auf diese Weise begannen die Marchands-Fabricants das Stadtbild innerhalb der Mauern und das städtische Weichbild nachhaltig zu prägen.48 Sie entwickelten das Gebiet am Riehenteich, dem Industriekanal vor dem Riehentor, rasch zu einer intensiv genutzten Gewerbezone für die Indienne-Produktion und legten gleichzeitig in unmittelbarer Nachbarschaft neue, luxuriös ausgestattete Landsitze mit prächtigen Barockgärten an. Der neue Baustil und vor allem auch der neue Stil der Inneneinrichtung passte sich dem zunehmend kosmopolitisch ausgerichteten Luxuskonsum an, der sich zur gleichen Zeit auch in England, Frankreich und an verschiedenen deutschen Höfen etablierte. In ganz Europa integrierten die adligen und patrizischen Oberschichten in wachsendem Mass globale Güter, die von den kolonialen Handelsgesellschaften importiert wurden, in die Interieurs ihrer herrschaftlichen Häuser. Auch in Basel wurde die neue China-Mode von der Elite begeistert aufgenommen. Man richtete Chinazimmer mit original chinesischen Maulbeerbaumtapeten ein, wie sie heute noch in der ‹Sandgrube› zu sehen sind,49 oder stattete ganze Zimmer mit europäischen Chinoiserien aus, die spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts überall in Europa enorm beliebt waren.50 Für die Träger dieser neuen Konsumkultur – die Basler Fabrikanten, Kaufleute, führenden Beamten und Politiker – wurde Paris immer mehr zum Referenzpunkt in Modefragen.
Zunehmende Verflechtung und beginnende Globalisierung
Als Handels- und Buchdruckzentrum ebenso wie als Universitätsstadt war Basel seit langer Zeit in die europäischen Kommunikations- und Transportnetzwerke eingebunden. Hier kreuzten sich wichtige Verkehrswege für die internationalen Handels- und Transitströme. Basler Kaufleute vermittelten Waren zwischen Nord-und Südeuropa sowie von Frankreich, Burgund und Lothringen nach Süddeutschland, in den Bodenseeraum und von dort weiter nach Osten.53 Seit Mitte des 17. Jahrhunderts gewannen die Strassen auf Kosten der Rheinschifffahrt zunehmend an Bedeutung. Dazu trug der Ausbau des Post- und Fuhrwesens wesentlich bei. So wurden die beiden Strassen, die Basel mit dem für die Stadt besonders wichtigen Messeplatz Frankfurt verbanden, ab 1717/18 von Frankreich linksrheinisch und von Baden und Österreich rechtsrheinisch ausgebaut, um stärker von den Zolleinnahmen aus dem Transithandel zwischen der Schweiz, Italien und den Niederlanden profitieren zu können.54 Auf diese Weise war Basel im 18. Jahrhundert mit allen wichtigen Absatzgebieten in Europa und über die Küstenhäfen auch mit den globalen See- und Landtransportsystemen verbunden. Bereits im 17. Jahrhundert hatten sich dank der Einwanderung kapitalkräftiger Kaufleute als Folge des Dreissigjährigen Krieges die internationalen Handels- und Finanznetzwerke verdichtet. Die Einführung der protoindustriellen Herstellung von Seidenbändern und Baumwolldrucken erhöhte die Präsenz der Basler auf den internationalen Märkten. Entsprechend beteiligten sich die Basler im 18. Jahrhundert zunehmend am transatlantischen Dreieckshandel, was die globale Verflechtung der städtischen Wirtschaft weiter verstärkte. Daran hatten nicht zuletzt auch diejenigen Basler Anteil, die in ausländischen Armeen oder Kolonialgesellschaften dienten und erfolgreich Karriere machten. Eine bedeutende Rolle für die überregionale Vernetzung spielte auch der Finanzsektor. Seit dem 16. Jahrhundert hatte der Basler Stadtwechsel als öffentliche Bank eine zentrale Funktion für die Kapitalströme zwischen der Eidgenossenschaft und Frankreich, aber auch Süddeutschland übernommen.55 Zunehmend flossen Bündnis- und Pensionengelder in die Eidgenossenschaft. Basel wurde zum wichtigsten Finanzplatz am Oberrhein, und zwischen Lyon, Genf, Basel, Strassburg und Frankfurt entstand ein Raum intensiven Kapitalaustauschs. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts und dann vor allem im 18. Jahrhundert kam es mit dem Aufstieg der Privatbankiers zu einem Systemwechsel. Von den neuen, frühkapitalistisch agierenden Bankiers und Anlegern wurde der Stadtwechsel wegen seiner strengen Kontrollen, dirigistischen Züge und seiner mangelnden Flexibilität mit Blick auf Spekulationsgeschäfte zunehmend boykottiert. Zuletzt war er nur noch für das lokale Kleinkredit- und Pfandkreditgeschäft zuständig und wurde in den Jahren 1744 bis 1746 ganz liquidiert. Für diese Kleingeschäfte folgte am Ende des Jahrhunderts die Gründung neuer Spar- und Leihkassen in Bern (1787), Genf (1789), Basel (1792) und Zürich (1805).56
Dank der Emigration protestantischer Kaufleute aus Frankreich hatte sich schon im Laufe des 17. Jahrhunderts die ‹Banque protestante› als kapitalstarkes neues Finanznetzwerk etabliert.57 Seine Teilnehmer beeinflussten seit dem Ende des 17. Jahrhunderts von Genf aus zunehmend die europäischen Finanzströme.58 In der Eidgenossenschaft führten die Einkünfte aus den fremden Diensten, aus der Protoindustrialisierung und aus dem wachsenden Binnen-, Aussen- und Transithandel zu einer Anhäufung von Kapital, das im Inland keine ausreichenden Anlagemöglichkeiten fand. Die entsprechende Anlagetätigkeit im Ausland übernahmen mehr und mehr Handelsbankiers aus Genf, St. Gallen, Zürich, Bern, Basel, Neuenburg und Lausanne. Privatbankiers wie die Battier, Burckhardt, Heusler, Leisler, Merian, Mitz, Ochs oder Sarasin ermöglichten ihren Kunden in Basel den Zugang zum internationalen Zahlungsverkehr, aber auch Auslandsinvestitionen in Renten, halbstaatliche Industrie-, Handels- und Schiffbauunternehmen oder Banken. Öffentliche Gelder vermittelten sie vorzugsweise an Staatsobligationen in Österreich, Deutschland, Savoyen, Frankreich, Dänemark, in den Niederlanden, Schweden, England und später auch in den Vereinigten Staaten.59 Am Ende des 18. Jahrhunderts spielten insbesondere Genfer Privatbankiers in Frankreich und England eine wichtige Rolle im Bankgeschäft. Berühmt wurden die Necker und Thellusson aus Genf, die in Paris und London Filialen unterhielten und auch familiäre und geschäftliche Beziehungen nach Basel pflegten. Eine ähnliche Funktion im Ausland wie Pierre-Isaac Thellusson, seit 1762 englischer Staatsbürger und später sogar Direktor der Bank of England, hatten zeitweise die Brüder Ochs aus Basel als Bankiers am Wiener Hof inne.
Schon seit dem frühen 18. Jahrhundert beteiligten sich risikoaffine Privatbankiers an den Kolonialgeschäften der Niederländer und Franzosen und investierten unter anderem in die ‹Compagnie des Indes› und die Mississippi- und Südseegesellschaft. Als 1720 die Spekulationsblasen mit den Aktien dieser Gesellschaften in London und Paris platzten, gingen auch viele Schweizer Banken, allen voran diejenigen aus Bern, bankrott. Dagegen machte der Basler Bürger Johann Deucher, Kommanditist in der Pariser Bank Labhardt & Cie, mit den Mississippi-Aktien hohe Gewinne und finanzierte daraus den Kauf und aufwendigen Umbau des Weiherschlosses Bottmingen im Stil des französischen Frühbarocks.60 Im 18. Jahrhundert bot die niederländische Karibik als Raum zwischen den grossen Imperien Spanien und Grossbritannien besondere wirtschaftliche Gewinnchancen. Das scheint vor allem diejenigen angezogen zu haben, die in Europa aus dem einen oder anderen Grund in Schwierigkeiten geraten waren. Dem Basler Isaak Faesch (1687–1758) jedenfalls gelang es besonders gut, das Potenzial der Karibik und ihrer kolonialwirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu nutzen. Sein Beispiel macht darüber hinaus den engen Zusammenhang von militärischer (Führungs-)Erfahrung, wirtschaftlichem Erfolg und politisch-administrativer Karriere deutlich, der nicht nur unter kolonialen Bedingungen, sondern auch zu Hause in Basel generationenübergreifend die materielle Basis der Familie und ihre Zugehörigkeit zur städtischen Elite sichern half. Als Sohn des Stadtschreibers Johann Jacob Faesch-Burckhardt (1638–1706) machte Isaak nach seiner Kaufmannslehre zunächst in französischen und niederländischen Diensten Karriere und brachte es im Verlauf des Spanischen Erbfolgekrieges (1701–1714) bis zum Major in einem niederländischen Regiment. Gegen Ende des Krieges trat er in die Handelsfirma seines Bruders in Amsterdam ein, welche französische und niederländische Textilien nach Westindien exportierte. Nach dem Tod des Bruders führte er das Geschäft zusammen mit der Witwe erfolgreich weiter. Als 1720 die Spekulationsblase mit Aktien der Südsee- und Mississippi-Gesellschaft platzte, verlor er sein Vermögen und trat in den Dienst der niederländischen ‹West-Indischen Compagnie› ein. 1737 wurde er Gouverneur der kleinen Karibikinsel St. Eustatius und damit Teil der niederländischen Kolonialverwaltung. 1740 wechselte er als Gouverneur nach Curaçao, das damals als Hauptstadt und Zentrum der niederländischen Westindien-Kompagnie die Drehscheibe für den Schmuggel zu Lande und zu See und den Handel mit Sklaven für den amerikanischen Kontinent war.61 Diplomatisch geschickt konnte Faesch die heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der kolonialen Elite um die Zulässigkeit von Privathandel beruhigen62 und selbst zusammen mit seinem Neffen Johann Jacob Hoffmann als Kommissionäre für holländische Kaufleute sowie auf eigene Rechnung Textilien importieren und Rohrzucker, Kaffee, Tabak und Kakao, aber auch Färbhölzer aus Südamerika exportieren. Die beiden Basler partizipierten erfolgreich am verbotenen Handel mit den Waren französischer Händler von den Antillen nach Amsterdam, betätigten sich als Makler im Versicherungsgeschäft mit Schiffen und waren im Schmuggelhandel mit dem amerikanischen Festland ebenso wie im Sklavenhandel engagiert.63 Wie andere Mitglieder der Familie besass Isaak Faesch selbst Sklaven für die Plantagenarbeit. Als Gouverneur verschärfte er 1745 angesichts wachsender Widerstände und Ordnungsprobleme die (Körper-)Strafen für Sklaven. 1750 liess er während eines Aufstands 47 Sklaven hinrichten. Etwa zur gleichen Zeit hatte sich Faesch, der die Verbindung in die Heimat immer aufrechterhielt, 1745 in Abwesenheit als Hosenlismer in die Safranzunft eingekauft. Er starb als reicher Mann 1758 in Curaçao. An seinem beträchtlichen Erbe partizipierten nach holländischem Recht auch seine Basler Familienangehörigen.64
Isaak Faesch war keineswegs der einzige Basler Sklavenbesitzer. Zwei seiner Neffen aus Amsterdam, Johannes und Johann Jakob, kamen in den 1750er-Jahren durch Heirat in den Besitz von vier Plantagen mit Sklaven in Surinam. Dort hatte kurz zuvor ein Versuch stattgefunden, eine ganze Gruppe von Baslern am ‹Oranjeweg› in einem Dorf anzusiedeln, das als Wehrsiedlung gegen Angriffe entflohener Sklaven, sogenannter Maroons, dienen sollte. Im Auftrag des Gouverneurs von Paramaribo, Johann Jacob Mauritius, warb Louis De Bussy, der Direktor des dortigen Spitals, 1747 in Basel protestantische Familien für sein Auswanderungsprojekt an. Er war mit einer Empfehlung der Amsterdamer Regierung nach Basel gekommen und agitierte hier mit offizieller Erlaubnis des Rats. Im folgenden Jahr machten sich zehn Familien mit insgesamt dreiundneunzig Personen in die niederländische Kolonie auf und erreichten via Amsterdam am 19. Oktober 1748 Paramaribo.65 Für ihre Ansiedlung wurden ihnen Land, Lebensmittel, Werkzeug, Zuchttiere und zehn Sklaven pro Familie versprochen. Schnell erwiesen sich die Versprechungen vom ‹fruchtbaren Paradies› als haltlos. Einer der Siedler, Heinrich Degen, beklagte sich bereits Ende Dezember beim Basler Rat über Hunger, fehlenden Gottesdienst und Religionsunterricht für die Kinder und bat die Obrigkeit um Hilfe: «Sie wollen doch auff angsterdam schreiben das wird wieder aus dem land kommen können.»66 Wegen seiner Proteste in Kettenhaft gelegt, musste er nach seiner Entlassung Zwangsarbeit auf dem Fort leisten. Noch einmal schrieb er im Herbst 1749 an den Basler Bürgermeister: «Wir sind gehalten wie Sklaven.»67 Eine Affäre mit der jungen Basler Kolonistin Esther Pertschen wurde etwa zur gleichen Zeit Direktor De Bussy zum Verhängnis. Er hatte mit Esther, die er in seinem Haushalt beschäftigte, ein uneheliches Kind, das er immerhin anerkannte und taufen liess. Seine Kritiker brachten ihn vor Gericht, weil er angeblich in Basel bereits eine andere Frau geheiratet hatte, bevor er die junge Kolonistin schwängerte. Er wurde wegen Ehebruch verurteilt, musste die Kolonie verlassen und endete als Bettler in New York. Im Verhör sagte Esther auf die Frage, warum De Bussy sie in seinem Haushalt aufgenommen habe: «Um in seinem Haus zu dienen und die Neger kochen und waschen zu lehren und auch stricken und nähen.»68 In den folgenden Jahren wurde die Siedlung von entflohenen Sklaven überfallen und ausgeraubt. Der grösste Teil der Basler Auswanderer starb bald aufgrund der schlechten Lebensbedingungen und an Tropenkrankheiten. Bereits 1753 war die Basler Siedlung wieder verschwunden.69 Auch wenn die Siedlung kein Erfolg war, zeigt ihre Geschichte doch deutlich, wie weit ins europäische Hinterland hinein der ‹Dutch Atlantic› – das von den Niederlanden dominierte atlantische Wirtschaftssystem – reichte70 und wie intensiv Basel an den entsprechenden globalen Netzwerken partizipierte. Im Zuge der Protoindustrialisierung konnten und mussten sich die Basler Fabrikanten neue Märkte innerhalb und ausserhalb Europas erschliessen.71 Die damit einhergehende Globalisierung der Basler Absatzmärkte lässt sich exemplarisch am Beispiel der Basler Indienne-Manufaktur Ryhiner ab 1717 verfolgen. In den ersten Jahrzehnten exportierten die Ryhiner vor allem nach Frankreich, wo Produktion und Konsum von Indiennes verboten waren und dennoch die Nachfrage nach dem beliebten Modeprodukt anhaltend hoch blieb. Wegen der Importverbote spielte Schmuggel eine besondere Rolle. Die Ryhiner nutzten dafür die Grenzlage von Basel systematisch.72 Ihre für Paris, aber auch die Überseehäfen an der Atlantikküste bestimmten Waren folgten den aktuellen Modetrends. Als Vermittler für den Weiterverkauf nach Übersee spielten Zwischenhändler wie der Reeder Timothée Lichigaray aus Bayonne eine wichtige Rolle. Von ihnen erhielten die Ryhiner Informationen über die Ankunft von Schiffen nach Afrika und Amerika, aber auch darüber, welche Muster auf den Märkten in Übersee besonders nachgefragt wurden.73 Schmuggelware für die amerikanischen Kolonien und die afrikanischen Sklavenmärkte wurde über Hamburg nach Bayonne und von dort weiter nach Übersee verschickt.74 Die Ryhiner pflegten auch zu weiteren Händlern in anderen französischen Hafenstädten Kontakte, wie etwa zu den Weiss, Verwandten des damals grössten Basler Seidenbandfabrikanten Markus Weiss. Sie hatten sich als Basler Bürger in La Rochelle niedergelassen und waren bereits Mitte des 18. Jahrhunderts in die Finanzierung und Versicherung von Sklavenschiffen involviert.75 Durch den Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) geriet der Frankreich- und Überseehandel für Indiennes ins Stocken. Nach der Aufhebung des französischen Produktionsverbots im Jahr 1759 sahen sich die Basler Fabrikanten gezwungen, weitere Absatzmärkte im Reich und in Norditalien zu erschliessen.76 All das verstärkte die Integration der Basler Wirtschaft in die globalen Märkte. Dabei spielten auch in Basel jene Netzwerke eine zentrale Rolle, die Zugang zu internationalen Händlern, Kolonialgesellschaften und Reedern vorzugsweise in den Atlantikhäfen, aber auch in den Mittelmeerhäfen boten. Geradezu prototypisch für die Möglichkeiten, die Kolonialgesellschaften und transatlantische Netzwerke einem ambitionierten Marchand-Fabricant-Banquier eröffnen konnten, steht Reinhard Iselin (1714–1781), der es vom Basler Kaufmannslehrling zum Direktor der dänischen Ostasiatischen Kompanie brachte. 1740 trat der junge Iselin in Kopenhagen in die Firma Fabritius & Wever des Hofagenten Michael Fabritius ein und wurde schnell für den Überseehandel zuständig.77 Nachdem er 1748 in Abwesenheit Mitglied der Basler Safranzunft geworden war, erhielt er im folgenden Jahr auch die Mitgliedschaft in der Innung der Kopenhagener Grosskaufleute. Um 1750 gründete Iselin in Kopenhagen ein Bank-und Handelshaus, mit dem er während des Siebenjährigen Krieges im Fracht- und Kommissionsgeschäft grosse Gewinne erzielte. Die rasch wachsende Firma war an zahlreichen Fahrten in die Karibik und an der Finanzierung von Plantagen in Übersee beteiligt. 1755 wurde Iselin sogar Direktor der neu gegründeten dänischen Afrikakompanie (‹Afrikanske Kompagni›) und gehörte in den Jahren 1759 bis 1769 dem Direktorium der dänischen ‹Asiatisk Kompagni› an. Seine Führungsrolle ermöglichte ihm lukrative Schmuggelgeschäfte mit Tee und amerikanischem Silber von der Karibik über Cádiz nach Asien.78 In Dänemark ergänzte er seine globale Handelstätigkeit mit der Gründung einer Kattunfabrik und einer Zucker-Raffinerie. Ob Iselin selbst direkt in den Sklavenhandel der dänischen Kolonialhandelsgesellschaften involviert war, ist unklar. Sicher war er aber indirekt an entsprechenden Geschäften beteiligt. So nutzte er seine Beziehungen in die Heimat, um für die Zürcher Staatsbank Leu Investitionskredite in karibische Plantagen zu vermitteln. Damit unterstützte er jene Bank, die 1755 von Privatbankiers mit dem Ziel gegründet worden war, Kapitalüberschüsse aus der Protoindustrialisierung im Ausland anzulegen und damit der Inflationsgefahr im Inland vorzubeugen.79
Als sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der europäische Sklavenhandel nochmals deutlich intensivierte, waren daran auch verschiedene Basler Kaufleute wie die Burckhardt, Merian, Riedy & Thurninger, Thurneisen oder Wirz beteiligt. Zur gleichen Zeit liessen sich weitere Basler Kaufleute und Fabrikanten in französischen Atlantikhäfen nieder, welche eine besonders aktive Rolle im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika spielten. So finanzierten beispielsweise Weiss & Fils in La Rochelle zwischen 1783 und 1790 mindestens zehn Sklavenschiffe mit 3302 Sklaven.80 Intensiv in die globale Wirtschaft verflochten war auch das Handelshaus Burckhardt & Sohn, in dem die beiden Brüder Leonhard und Christoph ab 1766 vor allem Grosshandel mit Rohbaumwolle, Baumwollgarnen und -tüchern, aber auch mit Kolonialwaren, importierten Textilien aus Indien und China, Eisenwaren und landwirtschaftlichen Produkten betrieben. Besonders wichtig war der Handel mit Indiennes, deren Produktion die Firma Rosenburger im Kleinbasel übernahm. Seit den frühen 1770er-Jahren zeichneten die Brüder Burckhardt Aktien an Schiffen nach China, Ostindien, Westafrika und den französischen Kolonien in der Karibik. Von 1774 bis 1789 waren sie an über siebzig solcher ‹expéditions› beteiligt.81 1790 eröffnete Christoph Burckhardt-Merian (1740–1812) seine eigene Firma Burckhardt & Cie. im Segerhof und richtete sich ganz aufs internationale Geschäft aus. Im gleichen Jahr gründete sein Sohn Christoph jr. (1766–1815) in Nantes, dem Zentrum des französischen Sklavenhandels, eine eigene Firma unter stiller Beteiligung seines Vaters und weiterer Basler Verwandter, unter ihnen die ‹Frères Merian›. Von 1783 bis 1792 hatten sich die Burckhardt an insgesamt 21 Sklavenfahrten beteiligt, die etwa 7350 Afrikaner gewaltsam in die Karibik verschifften.82 Anders als die Vertreter der früheren Generationen engagierte sich Christophe Bourcard, wie er sich nun nannte, als Reeder direkt im Sklavenhandel. Ende 1791 rüstete er das Sklavenschiff ‹Intrépide› aus. Die Reise verlief katastrophal. Fast ein Drittel der 240 an der afrikanischen Westküste gekauften Sklaven starb bereits vor der Weiterfahrt. Noch während der Atlantiküberfahrt verbot die französische Regierung am 7. Juli 1793 den Sklavenhandel. Es kam zu einem raschen Preiszerfall und Bourcard verlor den grössten Teil seines Vermögens. Nach der Aufhebung des Sklavereiverbots unter Napoleon investierte Bourcard, der in anhaltenden finanziellen Schwierigkeiten steckte, erneut in riskante Sklavenfahrten. Am Ende der Koalitionskriege, im Frühling 1815, beschlagnahmten schliesslich die Engländer die beiden Sklavenschiffe ‹Cultivateur› und ‹Petite Louise›, in die er einmal mehr investiert hatte. Bourcard glaubte sich daher finanziell ruiniert und nahm sich in Nantes das Leben.83 Mitte des 18. Jahrhunderts waren Basler – wie andere Schweizer und Deutsche auch – nicht nur im Transatlantikhandel engagiert, sondern nahmen auch aktiv an verschiedenen Kolonialkriegen teil. Wie eng verflochten dabei der Krieg in Übersee und die heimische Wirtschaft sein konnten, wird beispielhaft an jenen Basler Männern deutlich, die während der Karnatischen Kriege (1744–1763) als Offiziere in Indien kämpften. Für diese Kriege rekrutierte die englische ‹East India Company› zum ersten Mal systematisch Truppen in Kontinentaleuropa.84 Im Juli 1751 beauftragte sie Sir Lukas Schaub (1690–1758), einen Basler Diplomaten in englischen Diensten, mit der Rekrutierung von vier Schweizer Kompanien. Schaub war bereits 1721/22 am Wiener Hof im Konflikt zwischen den Basler Seidenbandfabrikanten und dem Kaiser beratend tätig gewesen. Nun nutzte er seine familiären Verbindungen in der Heimat, um gegen den Willen der Basler Regierung Truppen zu rekrutieren, die sein Neffe nach Holland führte, wo sie sich in Amsterdam nach Madras einschifften.85
Vor allem zwei Männer aus der Region zeichneten sich in Indien militärisch aus. Georg Friedrich Gaupp (1719–1798) aus Efringen war 1757 in der Schlacht von Palashi unter Robert Clive als Hauptmann der Madras-Infanterie entscheidend am englischen Sieg beteiligt.86 Der Basler Daniel Frischmann (1728–1808) trat als Kadett in ein Schweizerregiment ein und brachte es schliesslich 1769 bis zum Kommandanten von Madras und der Zitadelle St. George. Nach seiner Rückkehr nach Basel machte er während der Helvetik und Mediationszeit als Fruchtkommissär, Kommandant der Basler Kavallerietruppe und Grossrat politisch Karriere. Neben Gaupp und Frischmann waren auch Johann Heinrich Schaub, Friedrich Gürtler, Johann Franz Beck und Rudolf Wagner als Offiziere in der britischen Indien-Armee am Kampf um die Vorherrschaft auf dem Subkontinent beteiligt. Nach ihrer Rückkehr aus Indien reintegrierten sich die Basler Offiziere als reiche Männer gesellschaftlich und politisch ebenso rasch wie erfolgreich. Der Basler Stadtschreiber und Revolutionär Peter Ochs bezeichnete Frischmann, Beck und Gürtler explizit als «das wohlthätige Kleeblatt» und betonte, dass sie nicht nur «den Armen Gutes thaten», sondern mit ihrem (Luxus-)Konsum auch «den Gewerbsleuten Nahrung verschafften».87
Noch viel direkter war der globale Transfer von Know-how und Kapital im Fall von Georg Friedrich Gaupp, der einen Teil seiner Kriegsbeute in die Lörracher Indienne-Industrie investierte. Schon vor seiner Abreise nach Indien hatte der Lörracher Amtmann Wallbrunnen Gaupp gebeten, sich in Indien mit dem gesamten Herstellungsprozess für Indiennes vertraut zu machen, um die Wirtschaftspolitik des badischen Markgrafen zu unterstützen. Etwa zur gleichen Zeit erhielt 1753 der Berner Indienne-Drucker Johann Friedrich Küpfer, der als gescheiterter Verschwörer ins Exil gehen musste, vom Markgrafen ein Privileg zur Gründung einer Indienne-Manufaktur in Lörrach, die bald schon zweihundert Mitarbeiter hatte. Von Peter Merian & Comp. aus Basel finanziert, konnte sich die Firma schnell im europäischen Exportgeschäft etablieren. Weil Küpfer den Firmengewinn in erfolglose alchemistische Experimente investierte, zog Merian nach einigen Jahren sein Geld zurück. In dieser schwierigen Situation trat der eben mit einem erheblichen Kriegsgewinn aus Indien zurückgekehrte Gaupp als Investor auf und rettete so die Lörracher Manufaktur, die noch jahrzehntelang erfolgreich weiterbestand.88 Der Efringer brachte aus Indien nicht nur ein Vermögen, sondern auch einen Haussklaven, Pascal, mit, der allerdings nach einiger Zeit floh und in ein französisches Regiment eintrat.89 Gaupp verliess die Firma bereits nach einem Jahr wieder. Als Küpfer bald darauf starb, übernahm sein Sohn die Manufaktur und baute sie erfolgreich aus.90 Erst in den Koalitionskriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts geriet sie erneut in Schwierigkeiten, sodass schliesslich die Frères Merian, Financiers aus Basel, und die Koechlin, Indienne-Produzenten aus Mülhausen, das Unternehmen zu günstigen Bedingungen von der badischen Regierung übernehmen und zur KBC (Koechlin, Baumgartner & Cie), einem globalen Player in der Textilproduktion, weiterentwickeln konnten.91 Basel hatte sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts zu einer wirtschaftlich prosperierenden, zunehmend global vernetzten Stadt entwickelt. In den Worten des bekannten Basler Aufklärers Isaak Iselin klang das im Dezember 1781 in einem Brief an seinen Freund Nicolai in Berlin folgendermassen: «Für eine Stadt von 15 000 Einwohnern ist, deucht es mir, schon ziemlich viel Betriebsamkeit da.» Auf Bitten des Berliner Aufklärers Nicolai schilderte Iselin seinen Eindruck «von der eigentlichen Beschaffenheit des Baseler Handels». Er wies darauf hin, wie international der Basler Handel mit eigenen Manufakturwaren, aber auch im Transithandel mit Spezereiwaren und Textilien in ganz Europa von Frankreich über Holland, England, Nordeuropa bis nach Italien agiere. Es werde darüber hinaus auch mit ostindischen Waren, mit Wolle und Baumwolle aus der Levante, Ungarn, Polen und Böhmen gehandelt. Auch seien die Basler Kaufleute auf den globalen Märkten präsent, was sich laut Iselin zuletzt daran zeigte, dass im Handelskrieg zwischen England und den Niederlanden im Februar 1781 auch Basler Handelswaren vom englischen Admiral Rodney auf der Karibikinsel St. Eustache beschlagnahmt worden waren. Bemerkenswert fand Iselin auch die auswärtigen Anlagen der «hiesigen Capitalisten» in Zürich, Genf und Mülhausen ebenso wie in Frankreich und England, und ihre Investitionen in die Ausrüstung von «Schiffen (armements) in den Seehäfen». Er schloss mit einem Hinweis auf den Plantagenbesitz von Faesch in Surinam und Thurneisen in Grenada.92 Damit fasste Iselin in wenigen Worten die ausserordentlich dynamische wirtschaftliche Entwicklung zusammen, welche die Basler Wirtschaft im Zeichen des Frühkapitalismus bis zum Ende des 18. Jahrhunderts durchlaufen hatte. Sie war gekennzeichnet durch ein säkulares Wachstum des internationalen, zunehmend auch globalen Handelsvolumens, die ausserordentlich erfolgreiche Etablierung protoindustrieller Produktionsprozesse, neue Möglichkeiten des Konsums, aber auch wachsende Ungleichheit innerhalb der städtischen Gesellschaft und in der globalen Wirtschaft.