‹Basel tickt anders›.1 Vierhundert Jahre lang lebten die Einwohner und Einwohnerinnen von Basel in einer eigenen Zeitzone. Bis zum Revolutionsjahr 1798 gingen die Uhren der Stadt im Unterschied zum Umland eine Stunde vor. Zwanzig Jahre zuvor war die Regierung noch mit dem Versuch gescheitert, Basel dem allgemeinen Zeitregime zu unterstellen.2 1783 las der deutsche Reisende Christian Hirschfeld bei seinem Besuch der Stadt die fünf Jahre vorher gescheiterte Zeitumstellung als Indiz für den gesellschaftlichen Konservatismus der in Handelsfragen durchaus weltoffenen Basler Bürger: «In einer Handelsstadt, die so sehr an dem Herkommen hängt, daß eine vorgeschlagene Veränderung der bekannten Einrichtung der Uhren, die eine Stunde früher schlagen, als alle andere[n] gute[n] Uhren in der Welt, nicht durchging, und beinahe Unruhe erregt hätte, sind Verbesserungen des Alten nicht so leicht zu erwarten.»3 Und Peter Ochs, der spätere Basler Revolutionär und Geschichtsschreiber, stellte im Rückblick die «Uneinigkeit unter den Bürgern zwischen der Partey der neuen Uhr, und der alten Uhr» als Kampf zwischen Alten und Jungen, Konservativen und Neuerern dar.4
Das Spannungsverhältnis zwischen Neuerung, Dynamik und Veränderung einerseits, Beharren und Rückgriff auf Tradition und vermeintlich bessere Zeiten andererseits brach im Verlauf der dreihundert Jahre zwischen der Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts und der Basler Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts immer wieder auf. Die Geschichtsschreibung hat das Schwanken zwischen Beharren und Fortschritt zur Signatur dieser Epoche in ganz Europa erklärt. Und auch Basel nahm trotz seiner abweichenden Uhrzeit als eidgenössisch-städtische Republik, die von Fürstentümern und Monarchien umgeben war, an den wesentlichen Veränderungen dieser Epoche teil: an den religiösen Aufbrüchen, den demografischen Mustern, den politischen Entwicklungen und Krisen, der frühkapitalistisch-protoindustriellen Wirtschaftsentwicklung und ihren zunehmend globalen Verflechtungen, an der Entstehung von Beamtentum und ersten Ansätzen einer modernen Verwaltung, aber auch an wiederkehrenden Momenten orthodoxer Verfestigung, Formen obrigkeitlicher Disziplinierung und Strukturen gesellschaftlicher Ungleichheit und ständischer Diskriminierung.
Mit guten Gründen hat die Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten die Frühe Neuzeit unter zwei grundsätzlich unterschiedlichen Perspektiven erforscht: Die einen begreifen die Zeit zwischen Reformation und ‹industrieller Revolution› als «Inkubationszeit» oder «Musterbuch der Moderne» und machen damit lange Entwicklungslinien über 1800 hinaus bis in die Gegenwart stark. Die anderen heben vor allem die Eigensinnigkeit und Andersartigkeit der ‹Vormoderne› hervor. Für sie liegt in der Fremdartigkeit dieser Epoche vor allem die Chance, kritisch über den vermeintlich linearen Entwicklungsweg in die Moderne nachzudenken und die Kosten der Modernisierung zu reflektieren.
Entsprechend ist die Geschichte von Basel in den drei Jahrhunderten zwischen dem Beitritt zur Eidgenossenschaft und der Reformation einerseits, der Aufklärung und Revolution andererseits nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen. Sie verlief vielmehr vielschichtig, mit zum Teil gegenläufigen Entwicklungen; Aufbrüche sind ebenso wie Krisen und Transformationen unterschiedlicher Geschwindigkeiten und Richtungen für die gesamte Epoche typisch. Blickt man auf konkrete Ereignisse, so lässt sich die Frage nach deren Charakter häufig nicht eindeutig beantworten. Das zeigt sich etwa am Beispiel der Basler Reformation. Ohne Zweifel war sie ein religiöser, intellektueller und gesellschaftlicher Aufbruch. Die krisenhaften Momente, die ihr in theologischen Fragen, aber auch als soziale Bewegung eigen waren, lassen sich aber kaum übersehen. Nicht ohne Grund erliess der Rat bis ins späte 18. Jahrhundert immer wieder erneuerte Reformationsordnungen und versuchte damit die Verchristlichung der Gesellschaft auf Dauer zu stellen. Besonders deutlich zeigt sich die Ambivalenz des historischen Prozesses bei der grössten politischen Krise der städtischen Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, dem sogenannten 1691er-Wesen. Grosse Teile der Bürgerschaft opponierten Ende des 17. Jahrhunderts gegen das herrschende oligarchische Klientelsystem und versuchten, auch gewaltsam, politische Reformen zu erzwingen. Es gelang der Protestbewegung, grundlegende verfassungsrechtliche Veränderungen durchzusetzen, nicht jedoch, die führenden Familien definitiv zu entmachten. Die Anführer der Protestbewegung wurden hingerichtet und die alten Machtverhältnisse des ‹Ancien Régime› im Wesentlichen wiederhergestellt.
Die Widersprüchlichkeit und Doppelsinnigkeit bestimmter Ereignisse, die hier aufscheint, spiegelt sich in der Gegenläufigkeit der damit verbundenen Entwicklungen wider: Die reformiert-orthodoxe Sittenstrenge, deren Durchsetzung die genannten Reformationsordnungen dienten, ist für das frühneuzeitliche Basel ebenso charakteristisch wie religiöse Pluralität und Toleranz. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wurde in Ehe- und Kleiderordnungen festgeschrieben und entfaltete situationsbezogen doch immer wieder eine hohe Variabilität und Dynamik. Die Prägung auch der städtischen Gesellschaft durch Garten- und Landwirtschaft überdauerte den frühkapitalistischen Aufbruch. Die Dominanz der Zünfte konnte die Herausbildung abhängiger Lohnarbeit nicht verhindern, verschwand aber auch nicht einfach. Die Regionalität von Lebenswelten bestand auch dann fort, als globale Verflechtungen Basel schon mit weiten Teilen der Welt verbanden. Nicht zuletzt ist aus Sicht der Moderne die selbstverständliche Akzeptanz grundsätzlicher rechtlicher Ungleichheit innerhalb der Stadt und zwischen Stadt und Land besonders auffällig. So viele Phänomene und Entwicklungen es auch gibt, die in Richtung unserer Gegenwart weisen, so fremd und andersartig erscheinen uns heute zahlreiche Lebensformen, Wertehorizonte und Wahrnehmungsweisen.
Blickt man auf die lange Forschungsgeschichte zu Basel in der Frühen Neuzeit, so zeigt sich – wie andernorts auch –, dass sich die Leitperspektiven und Erkenntnisinteressen in der Regel aus den Problemstellungen und Herausforderungslagen der jeweils eigenen Gegenwart ergaben: Die achtbändige, fakten-und detailreiche ‹Geschichte der Stadt und Landschaft Basel› von Peter Ochs (1752–1821), der die Umbruchszeit um 1800 nicht nur miterlebte, sondern auch an entscheidender Position mitgestaltete, kreiste um die Frage, wie sich politische Zusammenhänge und Kräftekonstellationen entwickelten und dauerhaft gesichert wurden. Damit verfolgte sie einen Ansatz, der sich in der Geschichtsschreibung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts allgemein durchzog. Das Interesse der Arbeiten galt, neben den Biografien einflussreicher Männer sowie lebensweltlichen Miniaturen, der Politik- und Verfassungsgeschichte der Stadt. Zeitlich konzentrierten sich die Autoren – in der Regel Männer aus dem Bildungsbürgertum – auf die Geschichte der mittelalterlichen Stadt. Hier und nicht in der Frühen Neuzeit schienen die entscheidenden Weichenstellungen in Basels Geschichte erfolgt zu sein. Die Frühe Neuzeit galt demgegenüber als Epoche des Übergangs von der mittelalterlichen zur ‹modernen› Stadt, der keine eigene Signatur zuerkannt wurde. Auch die dreibändige, zwischen 1907 und 1924 erschienene Stadtgeschichte des Basler Archivars und Historikers Rudolf Wackernagel (1855–1925) endete, obwohl bis zur Gegenwart konzipiert, mit der Reformation.5 Erst die 1942 erschienene ‹Geschichte der Stadt Basel von der Reformation bis zur Gegenwart› von Paul Burckhardt (1873–1956) schloss als erste ‹moderne› Überblicksdarstellung diese Lücke. Burckhardts Darstellung lag ein lokalgeschichtlich-patrimoniales Interesse zugrunde.6 Die Geschichte der Stadt Basel wurde als Geschichte ihrer wichtigen Ereignisse und Institutionen (Reformation, Zünfte, Buchdruck, Universität) und der ‹Söhne› der Stadt geschrieben, die als Gelehrte oder Politiker überregionalen Ruhm erlangten.7 Auf diese Weise setzte sich für die Geschichte der Frühen Neuzeit in Basel das wirkungsmächtige Narrativ von der Emanzipation des Bürgertums durch.
In den 1970er- und 1980er-Jahren fand eine Abkehr von der bürgerlichen Helden- und Emanzipationsgeschichte statt. Der zeitgenössischen Neuorientierung der internationalen Geschichtswissenschaft folgend, rückte auch die Basler Geschichtsforschung wirtschafts- und sozialgeschichtliche Themen in den Mittelpunkt. Methodisch orientierten sich die Historikerinnen und Historiker an den quantitativ arbeitenden Sozialwissenschaften. Dementsprechend nahmen sie sich grosser Datensätze an, um sie statistisch auszuwerten. Viele dieser Arbeiten – etwa zur Agrargeschichte, zur Demografie, zum städtischen Finanzhaushalt, zu den Interdependenzen zwischen Stadt und Land und zu den unteren sozialen Schichten insbesondere auf der Basler Landschaft – sind noch immer grundlegend.8
Seit den 1990er-Jahren versuchten kulturgeschichtliche und historisch-anthropologische Forschungen, Alternativen zu modernisierungstheoretischen Ansätzen zu entwickeln.9 Sie schöpften aus der enormen Dichte an Quellen, zu der neben den staatlichen Dokumenten Familien- und Privatarchive, aber auch die reichhaltigen Sammlungen der städtischen Museen und der Universitätsbibliothek gehören. Der Blick auf die Erfahrungen und Deutungen der zeitgenössischen Akteure, auf ihre Geschlechterbeziehungen, auf politische und soziale Rituale, auf Klientelismus und spezifische Formen der Vernetzung eröffnete die Möglichkeit, die Spezifika der frühneuzeitlichen städtischen Lebenswelt zu thematisieren: die Ungleichheit, auf der die frühneuzeitliche Stadtgesellschaft wesentlich beruhte, ein von Glauben und Religion geprägter Alltag, eine Gesellschaft, in der der Tod allgegenwärtig war.
Der vorliegende Band der Stadt.Geschichte.Basel zur Frühen Neuzeit schliesst an die jüngsten Entwicklungen an, nimmt die Ergebnisse der umfangreichen wissenschaftlichen Forschung zu Basel auf und versucht, von deren Erkenntnissen ausgehend die Geschichte der Stadt in einem Gesamtüberblick neu zu perspektivieren. In acht Kapiteln erzählt das Buch die Geschichte Basels zwischen 1510 und 1790 als Geschichte von Aufbrüchen, Krisen und gegenläufigen Entwicklungen. Neben fünf Kapiteln, die chronologisch-ereignisgeschichtlich aufgebaut sind, umfasst der Band drei Kapitel, die ein bestimmtes Feld im epochalen Gesamtzusammenhang in den Blick rücken.
Den Beginn der Frühen Neuzeit markiert auch in der Basler Geschichte die Reformation. Sie stellte ebenso wie der zwei Jahrzehnte vorher erfolgte Eintritt in die Eidgenossenschaft eine epochale Weichenstellung für die Stadt dar. Besonderer Wert wird im ersten Kapitel ‹Politische Neuorientierung und reformatorischer Aufbruch (1510–1580)› auf die Eigenheiten Basels als Ort des Humanismus und des Buchdrucks gelegt. Auch der spezifisch eigenständige Verlauf der Reformation zwischen Luthertum und Zwinglianismus unterschied Basel von anderen Städten. Erst gegen Ende des Jahrhunderts erfolgte eine Annäherung an die Entwicklungen in anderen eidgenössischen Orten. Diesen Zeitraum rückt das zweite Kapitel ‹Regulierter Alltag, vernetzte Elite und die Suche nach Freiräumen (1570–1620)› in den Mittelpunkt. Es thematisiert den – spannungsreichen – Versuch von Obrigkeit und reformierter Orthodoxie, ein strenges Sittenregiment zu errichten, aber auch das Bedürfnis nach und die Durchsetzung von Freiräumen.
Die politische Ordnung und der Alltag, die in den ersten zwei Kapiteln immer wieder angesprochen werden, werden in den Kapiteln drei und vier vertiefend und in zeitübergreifender Perspektive thematisiert. Hier stehen die Kontinuitäten im Mittelpunkt. Die politisch-rechtliche Ordnung war, wie das dritte Kapitel ‹Regieren und Entscheiden (1500–1800)› zeigt, geprägt durch die geltende Ratsverfassung und die Herrschaft weniger Familien. Verwandtschaftliche Netzwerke und ungleiche politische Chancenverteilung überdauerten die Revolution von 1691 und prägten den gesamten Zeitraum. Ebenso zeichnete sich das alltägliche Leben, das im vierten Kapitel ‹Urbane Orte und Rhythmen (1500–1800)› thematisiert wird, durch dauerhafte Strukturen aus, die sich sowohl aus der baulichen Gestaltung des Stadtraums wie aus der Naturgebundenheit von Lebenszyklen ergaben. Kriege und Krankheiten, die häufig epidemische Formen annahmen, verhinderten allerdings existenzielle Sicherheiten.
Das 17. Jahrhundert als besonders kriegs- und krisenbelastete Zeit steht im Zentrum des fünften Kapitels ‹Kriege, Krisen und Profit (1580–1700)›. Vom Dreissigjährigen Krieg (1618–1648), der sich zum Teil in unmittelbarer Nähe der Stadt abspielte, war Basel vor allem durch Flüchtlingsströme und Versorgungsengpässe betroffen. Im Schweizerischen Bauernkrieg (1653) engagierte sich die Stadt gegen die eigenen Untertanen. Auch die Spannungen und militärischen Auseinandersetzungen der europäischen Mächte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts belasteten die Stadt. Gleichzeitig profitierten die Basler Kaufleute von den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Kriegssituation, und die Stadt insgesamt nutzte durch eine geschickte Politik immer wieder ihre Chancen. Wie sich diese Stadt als Gesellschaft formierte, ist Gegenstand des sechsten, wiederum epochenumfassenden Kapitels ‹Unterschiede machen und Einheit herstellen: Die soziale Ordnung der städtischen Gesellschaft (1500–1800)›. Die Einheit der Stadt war im Selbstverständnis der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen kein Widerspruch zur strukturellen sozialen Ungleichheit. Neben den wahlberechtigten Bürgern, die mit ihren Familien nur eine Minderheit der Bevölkerung ausmachten, lebten Hintersassen und Untertanen innerhalb der Stadtmauern, die zum Teil rechtlos waren. Ungleichheit war aber auch in anderer Hinsicht ein Wesenskern der frühneuzeitlichen Stadt: Differenzen wurden zwischen den Geschlechtern, den Einheimischen und Fremden, Recht- und Andersgläubigen, Reichen und Armen gezogen und in Ordnungen und Mandaten immer wieder reproduziert. Soziale Dynamiken, die es durchaus gab, fanden nicht jenseits, sondern in diesem Rahmen statt.
Das zeigt sich auch und vor allem mit Blick auf den ökonomischen Aufbruch, der im ausgehenden 17. Jahrhundert begann. Im siebten Kapitel ‹Aufbruch in den Kapitalismus (1670–1810)› wird die entsprechende wirtschaftliche Dynamik, die von der Seidenband- und später auch der Indienne-Industrie getragen wurde, beschrieben. Sie ging einher mit der Einführung neuer Produktionstechniken und einer Arbeitsorganisation, die insbesondere das Leben auf der Landschaft veränderten. Wesentlich gefördert wurden frühkapitalistische Produktionsverhältnisse durch die Exportorientierung und zunehmende globale Vernetzung der Basler Wirtschaft. Die Basler Kaufleute-Verleger wurden zur führenden Schicht, die Exportwirtschaft wuchs markant, während sich die gesellschaftliche Ungleichheit vergrösserte. Wie eng Aufbruch, Krise und Kontinuität zusammenhängen, zeigt auch das achte und letzte Kapitel ‹Neue Regierungspraktiken und zivilgesellschaftliche Veränderungen (1690–1790)›. Anders als die Wirtschaft veränderten sich viele Bereiche im 18. Jahrhundert nur langsam. Auf dem Feld der Politik blieb die Machtverteilung gleich, während sich Regierungspraxis und Verwaltung wandelten und modernisierten. Die Kirche wurde durch pietistische Strömungen herausgefordert, die sie jedoch auf längere Sicht integrieren konnte. Und die Aufklärung als europaweite Reformbewegung konnte nur wenig Wirkung entfalten, auch wenn sie in Isaak Iselin einen herausragenden Vertreter hatte. Iselin selbst irritierte das kaum. Letztlich war er als Basler davon überzeugt, dass das, was die Stadtrepublik in die Waagschale zu werfen hatte, für die Freiheit und Entwicklung der Menschheit nicht wenig war.10