In der dichter werdenden Überlieferung des 14. Jahrhunderts tritt der Reichtum der Stadt Basel hervor. Insbesondere der Fernhandel ermöglichte es einigen Kaufleuten, in kurzer Zeit beträchtliche Vermögen zu erwirtschaften; auch der städtische Haushalt konnte ansehnliche Einnahmen generieren. Das gewonnene Geld wollte gut angelegt sein, und so entwickelte sich Basel zu einer Drehscheibe für Kreditgeschäfte von Privaten und der öffentlichen Hand. Findige Basler Kaufleute nutzten die günstige Lage der Stadt, schlossen sich zu Handelsgesellschaften zusammen und versuchten, Monopole für Handelsgüter zu erlangen. Im Spannungsfeld zwischen gesicherter Versorgung und individuellem Gewinnstreben brachen Gegensätze zwischen Handel und Handwerk auf, welche die städtische Politik prägten. Geld als Münze und Wertmassstab setzte einen wichtigen Rahmen für wirtschaftliche Aktivitäten, war aber in seiner Stabilität – wie andere Geldformen auch – dauernd gefährdet. Entsprechend bildeten sich verschiedene Formen von Kapitalanlagen heraus.
Handel
Ans erste Basler Kaufhaus erinnert heute nur noch dessen Portal. Zwischen Freier Strasse und Gerbergasse gelegen, war das grosszügig angelegte und zentral platzierte Kaufhaus eine wichtige Drehscheibe des Basler Handels. Seine Eröffnung im Jahr 1378 markierte die zunehmende Kontrolle des Basler Rats über den Handel, nachdem dieser die Zoll- und Münzrechte vom Bischof übernommen hatte. Auswärtige Kaufleute mussten ihre Güter im Kaufhaus verzollen; Schreiber und Kaufhausherren sorgten für die Dokumentation der Geschäfte und eine eigene Gerichtsbarkeit. Dank Wechselstube und später dem Stadtwechsel war es auch ein zentraler Ort für Finanzgeschäfte.1 Dank ihrer Lage profitierte die Stadt Basel von der Intensivierung des Fernhandels seit dem Hochmittelalter. Ein bedeutender Anteil des Nord-Süd-Handels zwischen den prosperierenden Regionen in Flandern, den Niederlanden und Südengland sowie dem ebenfalls wirtschaftlich erstarkten Norditalien passierte Basel. Mit der Eröffnung des Gotthardpasses im 13. Jahrhundert und der zunehmenden Exportorientierung auch süddeutscher Gebiete verstärkte sich der Durchgangsverkehr zusätzlich. Eine eher regionale Bedeutung erlangte die West-Ost-Achse zwischen dem Bodensee und dem Burgund.2
Die Hauptachse von Basel in den Norden folgte dem Rhein, während sich die Handelswege in den Süden auffächerten, um über verschiedene Juraübergänge in die Städte des Mittellandes und schliesslich über den Gotthard zu führen. Ein wichtiger Verkehrsweg war der Rhein, der für den Transport zu Schiff geeignet war. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts verloren die Flussrouten wegen der wachsenden Zahl von Zollstellen an Bedeutung.3 Zuvor war der Rhein der herausragende Verkehrsweg gewesen, weshalb der bischöfliche Zoll ursprünglich auf den Rheintransit beschränkt war. Er wurde im Ballhof erhoben, dem Vorgänger des Kaufhauses; der Begriff bezieht sich auf die Lagerung der Warenballen.4 Der Ballhof lag anfangs am Rheinufer, später in der Gerbergasse (am Ort des heutigen Zunfthauses der Safranzunft).5 Die ersten überlieferten Zolltarife aus dem frühen 13. Jahrhundert erwähnen als wichtigste Herkunftsgebiete von Gütern die Lombardei und «Francia», also wohl die Champagne, wo die damals wichtigsten Messen stattfanden.6
Das Volumen des Transithandels lässt sich kaum abschätzen, weil die Zolleinnahmen zu ungenau dokumentiert wurden. Die Zolltarife lassen immerhin erkennen, welche Arten von Gütern man erwartete.7 Im Nord-Süd-Handel dominierten Textilien: Woll- und Baumwollstoffe aus der Lombardei, Samt und Seide aus dem Veneto, Wolltuche (darunter auch englische) aus Flandern. Nebst lokalen Spezialprodukten wie dem hochwertigen Stahl aus der Lombardei oder Glas-, Gold- und Silberwaren aus Venedig gelangten zudem Importe aus weit entfernten Gegenden via Italien nach Basel, etwa Mandeln, Feigen und Gewürze wie Zimt, Pfeffer und Ingwer, für deren Mischung die Krämer zunehmend Pulverstampfen in Betrieb nahmen.8 Reis, Qualitätsweine und Olivenöl aus dem Süden sowie die in grossen Mengen eingeführten, gesalzenen und geräucherten Meerfische aus dem Norden vervollständigen das Bild. Aus Südwesteuropa gelangten provenzalisches Buchsholz sowie spanischer Safran und katalonische Korallen nach Basel. Güter des West-Ost-Handels gab es in den Zolltarifen deutlich weniger. Aus dem Burgund kamen fast nur Salzlieferungen, während zu vermuten ist, dass Wachs und Felle ihre Herkunft im Osten hatten. Ebenfalls aus östlicher Richtung kamen Metallprodukte aus Schwaben und Nürnberg.
Basel war auch eine Drehscheibe für die Region, etwa für Leinwand aus der Bodenseegegend oder Seide aus Zürich. Elsässer und Breisgauer Weine wurden ins Gebiet der Eidgenossenschaft gehandelt. Aus dem Breisgau fanden ausserdem Silber und Blei ihren Weg nach Basel. Im Gegenzug gelangten Produkte aus der Eidgenossenschaft über Basel nach Norden; nebst Holz aus dem Jura und den Voralpen dominierten die Erzeugnisse der Viehhaltung: Leder, Schlachtvieh, Ziger und Käse.
Um die Qualität der Waren zu sichern, waren überall in Europa Kontrollen – sogenannte Warenschauen – eingeführt worden. Geprüfte Ware wurde mit einem Zeichen versehen, das nicht zuletzt die Herkunft des Stoffes kennzeichnete. Dieses System der Qualitätssicherung war aber hochgradig gefährdet, und zwar durch individuelle Betrugsversuche ebenso wie durch obrigkeitlich geduldete und geförderte Nachahmung. Besonders gut dokumentiert ist dieses Problem für Textilien. Auch Basel wirkte daran mit, indem man Barchentstoffe mit einem ‹B› zeichnete, das üblicherweise Stoffen aus Biberach vorbehalten war.9
Der Fernhandel bediente mit meist teuren Handelsgütern eine differenzierte Nachfrage in einem weiten Umkreis. Wie heute auch transportierten Kaufleute ähnliche Handelsgüter in beide Richtungen, um in vielen Städten Europas eine grosse Auswahl an Gütern zur Verfügung zu stellen. Der Fernhandel gründete also auf einem Bewusstsein für Warendiversität, aber auch auf der Tatsache, dass der Transport verhältnismässig günstig war. Im 15. Jahrhundert verteuerte etwa der Transport von Genua nach Nürnberg Pfeffer um lediglich 15 Prozent.10 Wichtig war, Leerfahrten zu vermeiden, und so handelten Kaufleute mit zum Teil beliebig wirkenden Waren.11 Viele Güter waren als Beihandelsgut unterwegs – für Basel wichtig war das Papier, das in relativ geringen Mengen gehandelt wurde und sowohl Import- als auch Exportgut war.12 Die Tätigkeit der Kaufleute beschränkte sich also nicht darauf, Produkte an Orte zu bringen, wo es diese nicht gab, und sie waren meist wenig spezialisiert.
Basel profitierte nicht einfach von seiner günstigen geografischen Lage, sondern förderte als städtisches Gemeinwesen den Handel durch die Stadt. Ob auch der Bau der Rheinbrücke (vgl. Stadt.Geschichte.Basel, Bd. 2, S. 242 f.) dazu zählt, lässt sich nicht abschliessend klären. Mit der Eröffnung des Gotthards hing ihr Bau kaum zusammen; die Brücke war vor allem für die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs wichtig. Trotzdem zog sie als einer der am weitesten rheinabwärts gelegenen Flussübergänge sicher einigen Verkehr an. Deutlicher lässt sich die für die Zeit typische Absicht, den Handel zu fördern und zugleich davon zu profitieren, im Fall der Strasse nach Kembs erkennen. Um die Wende zum 15. Jahrhundert entstand unter Aufsicht des Basler Rats eine neue linksrheinische Strasse dorthin, ‹neuer Weg› genannt, die sich zur wichtigsten Route nach Strassburg entwickelte.13 Zunächst nur ein Kostenpunkt in den Stadtrechnungen, war sie später eine regelmässige, wenn auch kleine Einkommensquelle. Die Gebühr wurde unabhängig vom Wert der Ladung und auch von Basler:innen erhoben und war somit kein Zoll, sondern eher eine Benutzungsgebühr analog zur Brückengebühr über die Rheinbrücke.14 Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts gab es in Basel nur einen bischöflichen Zoll. Die Zolleinnahmen des zunehmenden Durchgangsverkehrs lockten den erstarkenden Rat, der um 1360 zunächst gegen den Willen des Bischofs städtische Zölle einführte. Kaiser Karl IV. löste den Konflikt, indem er 1368 einen Reichszoll errichtete und ihn an die Stadt verpfändete. Schon 1373 übernahm der Rat den Bischofszoll und die Kontrolle des Salzhandels als Pfand für eine Summe von 12 500 Gulden. Damit hatte der Rat innert weniger Jahre die vollständige Kontrolle über die Zölle in der Stadt erworben. Im Verlauf der folgenden Jahrzehnte kamen weitere Zölle an den wichtigen Verkehrswegen ausserhalb der Stadt in seine Hand, etwa 1421 in Kembs fünfzehn Kilometer rheinabwärts oder 1433 ein Brückengeld bei der neu errichteten Brücke über die Wiese.15
Dem Zoll unterworfen waren in erster Linie Fremde, die Handelsgüter durch die Stadt führten oder in der Stadt en gros absetzen wollten. Um den Fernhandel von Basler Kaufleuten zu fördern, waren Basler Bürger beim Transithandel vom Zoll befreit. Der Detailhandel war innerhalb der Stadtmauern zollbefreit. Das galt insbesondere für Nahrungsmittel wie die Versorgung mit Brot und Fleisch. Auch Wein musste nur beim Export verzollt werden. Diese Regelungen vereinfachten den Import, doch waren Lebensmittel mit Verbrauchssteuern hoch belastet, sodass der Rat zwei Ziele verfolgen konnte: Versorgungssicherheit und städtische Einnahmen.16
Zollbefreiungen für Geistliche beruhten nicht auf wirtschaftspolitischen Überlegungen, sondern auf den zeittypischen Privilegien des Klerus; hingegen sind Zollbefreiungen auf der Grundlage von Vereinbarungen, etwa mit Österreich und der Markgrafschaft Baden, eher vor dem Hintergrund einer sicheren Versorgung der Stadt zu sehen. Aber auch wo ein Zoll vorgeschrieben war, hatten die Zöllner einen Spielraum. Sie konnten die festgelegten Tarife unterschreiten, um den Transit nicht zu gefährden, denn bei zu hoher Zollbelastung wichen die Kaufleute auf alternative Routen aus. Der älteste Stadtzolltarif erlaubte dies insbesondere bei Waren aus Venedig.17 Insgesamt folgte die Zollpolitik also nicht primär wirtschaftspolitischen Zielsetzungen, sondern wollte städtische Einnahmen sicherstellen, ohne die Versorgung der Stadt zu gefährden. Es gab in Basel einige Plätze, auf denen montags und freitags Wochenmärkte stattfanden, sowie mit dem Rindermarkt auch einen Strassenmarkt im nördlichen Teil der Gerbergasse, wo bis ins 19. Jahrhundert Vieh gehandelt wurde. Ein kleiner Teil des heutigen Marktplatzes beherbergte unter dem Namen Kornmarkt den Handel mit Getreide und Wein, Fische erwarb man auf dem Fischmarkt, der heute noch so heisst. Alles Übrige konnte man ursprünglich auf dem Münsterplatz erwerben, bevor der Markt 1356 nach den Erdbebenschäden auf den Barfüsserplatz wechselte. 1410 ordnete der Rat die Rückverlegung auf den Münsterplatz an, wo der Markt von alters her gewesen sei, was aber nicht von allen Händlern befolgt wurde. Zu Beginn des Konzils wurde dann endgültig der Barfüsserplatz zum Marktplatz. All diese Marktplätze waren durchwegs kleiner als die heutigen Plätze; der Kornmarkt wurde 1377 ein erstes Mal erweitert, alle anderen nach 1500.18
Wichtige Orte für den Transithandel waren zunächst die Herbergen, die ausser Kaufleuten auch grössere Warenmengen beherbergen konnten.19 1355 wollte der Wirt Konrad Sinze sämtliche Kaufleute aus Mailand dazu verpflichten, bei ihm abzusteigen, wie ein Schreiben der Mailänder Kaufmannschaft belegt: «Kaufleute und Leute aus Mailand und ihre Gesandten und Faktoren […] können und müssen zu Gast sein in eurem [Sinzes] Gasthaus.»20 Die Zollerhebung war durch diese Praxis erschwert, und so entstanden im 14. Jahrhundert zentrale Lagergebäude: der bischöfliche Ballhof und ebenso das vermutlich seit Beginn städtische Salzhaus an der Schifflände, wo nicht nur Salz lagerte.21 Wichtige Drehscheibe des Handels war die bis 1373 bischöfliche Fronwaage, wo alle Waren, deren Zoll gemäss Gewicht festgelegt wurde, gewogen werden mussten.22 Kurz nach der Übernahme von Zoll und Fronwaage liess der Rat das städtische Kaufhaus bauen. Nach dessen Eröffnung 1378 beschloss er, dass alle fremden Kaufleute «das güt furderlich in unser koufhus sollent füren und das da wyder legen und niergent anderswa»;23 er führte also einen Stapelzwang für auswärtige Kaufleute ein. Für Einheimische galt der Kaufhauszwang erst ab 1464 bei Gütern, die sie an Fremde verkaufen wollten, was sich aber nur unvollständig durchsetzen liess.24 Das Kaufhaus entwickelte sich so zu einem wichtigen Ort des Gross- und Detailhandels. Sein grosser Vorteil war die ausführliche Dokumentation. Der Kaufhausschreiber notierte den Ein- und Ausgang der Waren und jeden Verkaufsabschluss, worauf sich Kaufleute im Streitfall beziehen konnten.25 Als 1386 die Stelle des Aufsehers übers Kaufhaus neu besetzt wurde, berief der Rat Hartman Scherer und seine Frau, die das Amt in gemeinsamer Verantwortung wahrnahmen.26
Das Kaufhaus besass mit den seit dem späten 14. Jahrhundert eingesetzten, jährlich wechselnden Kaufhausherren ein eigenes Gericht, das über Streitigkeiten entschied und insbesondere die Verhandlung von Schulden ermöglichte – sofern die Kaufleute ihren Fall nicht vors Schultheissengericht brachten.27 Die Akten sind nicht überliefert. Jedoch hat der Kaufmann Ulrich Meltinger, dank seines erhaltenen Geschäftsbuchs der am besten untersuchte Basler Kaufmann seiner Zeit,28 in seinem Rechnungsbuch mehrere sich lange hinziehende Schuldfälle vor den Kaufhausherren dokumentiert.29 In den von Kriegen und Konflikten geprägten Jahren am Ende des 14. und im frühen 15. Jahrhundert kam es immer wieder vor, dass Basler Kaufleute überfallen und ihrer Güter beraubt wurden. Einen Transport von Basler Kaufleuten, die unter anderem eine bedeutende Menge Safran mit sich führten, überfiel 1374 Henman von Bechberg bei Balsthal. Er wollte sich damit schadlos halten für eine Forderung an seinen Lehensherrn, den Bischof von Basel. In der Folge belagerten und eroberten Berner und Basler Truppen seine Festung. Die Basler Kaufleute sahen sich trotzdem beraubt, denn die Eroberer hielten einigen Safran zurück, um ihre eigenen Kosten zu decken.30 Der als ‹Safrankrieg› bekannte Konflikt inspirierte noch 1902 Emil Schill, als er ein Gemälde für den grossen Saal im neuen Zunfthaus der Safranzunft entwarf.31 In einem anderen Fall, bei dem 1391 im elsässischen Beinheim ein Warentransport zur Frankfurter Messe geplündert wurde, versuchte Basel von den Tätern über Jahrzehnte an Gerichten und Reichstagen eine gewaltige Entschädigung im Umfang von bis zu 12 000 Gulden einzuklagen.32 Gemeinsam ist allen Angriffen auf Kaufleute, dass diese dabei Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen wurden, in denen es opportun erschien, dem Gegner möglichst grossen Schaden zuzufügen. Es wäre folglich unzutreffend, die Adligen, welche die Überfälle ausführten, als verarmte Raubritter zu bezeichnen.33 Im Gegenzug griffen auch Basler im Konfliktfall auf fremdes Handelsgut zu – Plündern und Rauben waren damals gängige Mittel in politischen Konflikten.34
Nebst Überfällen drohten Kaufleuten auch Unfälle. Ein prominenter Fall aus dem Jahr 1462 war ein Schiffsunglück in Rheinfelden. Sechzig Menschen ertranken, dreissig Zentner Stahl gingen unter. Einzig Nelken und Baumwolle konnte man retten, musste sie danach aber «sunnen».35 Wie auch bei Überfällen trugen die Kaufleute die Verluste, denn anders als bei Seetransporten im Mittelmeer existierte in Basel noch keine Versicherung.
Eine andere Gefahr waren Fälschungen. Mit der steigenden Produktvielfalt trat an die Stelle einer individuellen Begutachtung durch die Kaufleute die städtisch organisierte Qualitätskontrolle und Kennzeichnung von Produkten. Schon im 13. Jahrhundert wurden diese Kontrollen unterlaufen und Markierungen gefälscht. Fälschungen verstärkten nicht nur das finanzielle Risiko für die Händler, sondern gefährdeten das System der Warenschauen an sich. Deshalb stellten städtische Autoritäten diese Vergehen unter schwere Strafen.36 Die Kaufhaus-Ordnungen etwa legten für das Tränken von Safran mit Öl, um ihn schwerer zu machen und somit teurer verkaufen zu können, die sehr hohe Busse von einer Mark Silber «one gnade» fest.37 In den Hausratsinventaren wohlhabender Handwerker finden sich beträchtliche Bestände von fertigen Produkten, die für den Verkauf auf dem Markt hergestellt wurden.38 Im Vergleich zu den restriktiven Vorgaben für Handwerksprodukte war der Handel viel weniger reguliert.39 Da er auch lukrativer war, versuchten viele Handwerker, mit dem Verkauf von Waren, die sie nicht selbst hergestellt hatten, ihr Einkommen zu steigern. Demzufolge sind die Gewerbeordnungen von Zünften und Rat voll von Handelseinschränkungen für Handwerker, denen insbesondere verboten wurde, mehr Rohstoffe einzukaufen, als sie selbst verarbeiten konnten, und dann weiterzuverkaufen. Die Gerber etwa konnten 1448 durchsetzen, dass Schuhmacher kein Leder im Detail verkaufen durften. Ausserdem durfte ausserhalb der Stadt gegerbtes Schafleder nur im Kaufhaus angeboten werden. Auf diese Bestrebungen der Gerber, ihre Stellung im Lederhandel auszubauen, reagierten prompt die Kaufleute, indem sie von Fremden ausserhalb der Stadt Leder kauften und es zollfrei ins Kaufhaus brachten. Als der Rat diese Käufe untersagte, beklagte sich die Schuhmacherzunft über das Ledermonopol der Gerber, die der Rat aber schützte. Damit bestätigte er zwei wichtige Prinzipien: erstens eine klare Abgrenzung der Zuständigkeiten von Zünften und zweitens den Schutz der Produkte, die in Basel hergestellt wurden, vor der Konkurrenz durch Import.40
Wer als Handwerker trotzdem mit Rohstoffen und fremden Produkten Handel betreiben wollte, konnte dies über den Einkauf in eine Handelszunft tun, also über die Mitgliedschaft in einer zweiten Zunft. Die Doppelzünftigkeit war ein wichtiges Mittel des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs, konnte aber auch etablierten Kaufleuten den Zugang zu weiteren Geschäftsfeldern eröffnen. Die Weberzunft etwa beklagte um 1500 die vielen Kaufleute, die sich in die Zunft einkauften, damit die Weber aus dem Detailhandel verdrängten und ihnen den Zugang zu Rohstoffen erschwerten.41
Wer mit der Aufnahme in eine Handelszunft Zugang zum Handel fand, vermochte zuweilen einen spektakulären Aufstieg hinzulegen. Das gelang etwa Peter Wolfer, einem schmiedezünftigen Messerschmied, der wie andere Handwerker wohl zuerst mit seinen Erzeugnissen Handel trieb, bevor er sich zusätzlich in die Schlüsselzunft einkaufte und zum Kaufmann und Wechsler wurde. Er war einer der vermögendsten Basler des 15. Jahrhunderts. Über sein Geschäft ist wenig bekannt, da er meist allein handelte. Wolfer konnte sein Vermögen zwischen 1446 und 1454, notabene in einer Krisenzeit nach den Armagnakeneinfällen, massiv steigern. Er handelte mit Getreide, Buchsholz, Wein und Tuch, war auf der von vielen Basler Kaufleuten genutzten Route Genf–Frankfurt, in Nürnberg und wohl auch in Italien anzutreffen. Das Getreide importierte er – untypischerweise – aus Savoyen, was ihm ermöglichte, 1444 im Auftrag des Rats zu liefern, als der Import aus dem Elsass unterbrochen war. Ebenfalls im Auftrag des Rats besorgte er 1467/68 in Nürnberg hundert Schusswaffen.42
Die meisten Kaufleute handelten mit ganz verschiedenen Gütern. Es ist deshalb fraglich, ob die Trennung zwischen Schlüssel- und Safranzunft, also zwischen den Tuchhändlern und den Krämern, je eindeutig war. Die bekannten Handelsgüter der Handelsgesellschaften und Kaufleute zeigen zumindest, dass dies im 15. Jahrhundert nicht der Fall war. Ebenso lässt sich keine Trennung von Detail- und Grosshandel beobachten, ganz im Gegenteil: Fast alle Basler Fernkaufleute verkauften Produkte auf dem Markt, was auch ihr Privileg gegenüber fremden Kaufleuten war.43 Das Bestehen dieser kaufmännischen Zünfte sollte jedoch nicht vergessen lassen, dass ein grosser Teil der städtischen Versorgung – Gross- und Kleinhandel – in den Händen anderer Zünfte lag: Rebleute, Gartner, Metzger, Fischer.44
Der steile Aufstieg von Peter Wolfer steht für die guten Verdienstmöglichkeiten im (Transit-)Handel.45 Nicht jedes Geschäft war jedoch erfolgreich. Nebst Fehleinschätzungen und Verlustgeschäften, die sich etwa im Fall von Ulrich Meltinger durchaus nachweisen lassen,46 drohte der Totalausfall durch Überfälle oder Schiffsunglücke. Um die Risiken des Handels besser tragen zu können, bildeten Kaufleute oftmals Gemeinschaften. Ganz offensichtlich war dieser Zusammenhang bei der Gemeinschaft von Hans Folz und Jan Zschanhie, die beschlossen, dass jeder für sich Handel treibe, man aber Gewinn und Verlust miteinander teile. Aktenkundig wurde die Gemeinschaft, weil der eine Partner die Beteiligung an einem Gewinn einklagte, den der andere erzielt habe. Da solche Streitigkeiten oftmals vor Gericht endeten, ist die Überlieferungslage bei Gesellschaften besser.47
Handelsgesellschaften konnten sich auf einzelne Geschäfte und Handelsgüter beschränken, wie zum Beispiel bei den kleineren Gemeinschaftsunternehmungen von Metzgern im Viehhandel.48 Solche kleinen, befristeten Partnerschaften waren der Regelfall. Andere Gemeinschaften waren langlebiger, umfassten viele Gemeinschafter und ein beträchtliches Kapital. Ein sehr kapitalkräftiges Unternehmen mit einem geschätzten Kapital von 40 000 bis 50 000 Gulden war die Gesellschaft um Werner von Kilchen und Heinrich Halbysen d. Ä., die um 1430 ihren Zenit erreichte.49 Werner von Kilchen reiste im Auftrag der Gesellschaft nach Barcelona, um dort grössere Mengen Safran zu kaufen und dessen Transport nach Augsburg, Nürnberg und andere Städte zu übernehmen, wobei sich durchaus Bestrebungen zur Monopolisierung dieses Handels erkennen lassen. Halbysen hingegen verantwortete eher den Handel nach dem Norden, war aber auch in Italien anzutreffen.50 Nicht jedes Handelsgeschäft war legal: Hans Gurlin, der als Angestellter auch an der Gesellschaft beteiligt war, klagte um 1450 und damit fast ein Vierteljahrhundert nach den Ereignissen, dass er mit Werner von Kilchen in Barcelona gewesen sei und dort in dessen Auftrag Gold aus der Stadt geschmuggelt habe, was streng verboten war. Im Gedränge der Stadt sei ihm jedoch das Gold, das er unter seinem Gewand trug, abhandengekommen. Offenbar versuchte nun Gurlin, sich für seinen Schaden bei Halbysen als dem noch lebenden Gesellschafter schadlos zu halten.51 In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war es die sogenannte Grosse Gesellschaft, die mit wechselnder Beteiligung und Bezeichnung über längere Zeit bestand. Ulrich Meltinger betrieb zahlreiche Geschäfte in ihrem Namen. Nebst dem Handel mit Tuch, Wolle und Wollstoffen zwischen Freiburg im Uechtland und Frankfurt – inklusive Verlagswesen im Basler Umland – handelte Meltinger mit Eisen, Fischen, Papier, Leder, Hanf, Safran und weiteren Gütern, beschränkte sich also als schlüsselzünftiger Kaufmann bei Weitem nicht auf den Tuchhandel. Auch andere Gesellschafter vertrieben eine breite Palette an Gütern sowohl en gros als auch en détail.55
Die Beteiligung von Frauen am Handel war offenbar üblich. Beim Überfall auf Basler Kaufleute von 1391 in Beinheim waren unter den 61 Betroffenen 37 Frauen, darunter eine Apothekerin.56 Die Schadensbeträge waren zwar kleiner als die der meisten Männer, aber die Liste bezeugt, dass Männer wie Frauen auf eigene Rechnung Handel trieben und das Spektrum der involvierten Summen sehr breit war. Agnes, die Frau des Kaufmanns Stephan Offenburg, wirkte ganz selbstverständlich im Laden ihres Mannes mit und führte den Wechsel.57 Eine Beteiligung von Frauen an Handelsgesellschaften lässt sich nicht belegen, aber auch nicht ausschliessen, denn gerade die stillen Teilhabenden waren meist nicht namentlich genannt. Stark verbreitet war zudem die Gütergemeinschaft in der Ehe. Dann kann nicht von Investitionen nur der Männer gesprochen werden. So waren Frauen zwar in vielen Rollen im Handel anzutreffen, aber deutlich weniger häufig als Männer und mit kleineren Investitionen und somit auch kleinerem Vermögenszuwachs.58
Bei den hier dargestellten Gesellschaften stammten die Teilhaber:innen aus ähnlichen sozialen Kreisen in der Stadt, waren einander aber, soweit erkennbar, nur geschäftlich verbunden. Doch gab es auch viele gemeinschaftliche Unternehmungen unter Verwandten, sei es unter Geschwistern oder zwischen Vater und Sohn.59 Risikoreiche geschäftliche Beziehungen wurden vorwiegend zu Nahestehenden geknüpft; ähnlich handhabte Ulrich Meltinger die Kreditvergabe.60 Je nach Geschäft konnte es sich lohnen, mit Fremden und nicht in Basel Ansässigen Gesellschaften zu bilden. Basler Kaufleute pflegten solche Geschäftsbeziehungen etwa nach Luzern, St. Gallen, Köln, Frankfurt oder auch Venedig.61
Besonders interessant waren solche Verbindungen in der Zeit des Konzils, weil die auswärtigen Kaufleute damit den Zoll umgehen konnten, den sie sonst für den Absatz in der Stadt bezahlt hätten. In Zeiten von gesteigertem und raffinierterem Konsum war dies besonders gefragt. Diese Umgehung mag auch erklären, weshalb die Zolleinnahmen während des Konzils nur unbedeutend anstiegen. Die Medici-Niederlassung am Basler Konzil gewährte Basler Kaufleuten Kredit, aber auch Metzgern, den diese einsetzten, um ihr Geschäft anzukurbeln und auf den zusätzlichen Konsumbedarf der Stadt zu reagieren.62 Und mit der Beteiligung an der Deckung des zusätzlichen Bedarfs liesse sich auch erklären, warum die Steuervermögen vieler Kaufleute in der Konzilszeit stark anstiegen. Entgegen der älteren Forschung ist also durchaus davon auszugehen, dass die Basler Kaufleute vom Konzil profitierten.63 Die Basler Kaufleute waren an den Messen in Europa regelmässige Gäste, zunächst an den Champagnemessen, später stand die Frankfurter Messe im Mittelpunkt. Diese war ein regelrechter Treffpunkt von Basler Kaufleuten, die dort nicht nur Waren handelten, sondern auch Schuldangelegenheiten regelten. Der Drucker Niklaus Kessler etwa versprach in den 1490er-Jahren wiederholt, seine Schulden an oder nach der Frankfurter Messe zu begleichen – wohl in der Hoffnung, dort viele Bücher zu verkaufen und damit zu Geld zu kommen.64 Auch für Ulrich Meltingers Tuchhandel war die Messe eine Drehscheibe. So erstaunt es nicht, dass nach dem Konzil die Bestrebungen zur Errichtung einer eigenen Messe intensiviert wurden. Papst Pius II., der ehemalige Konzilssekretär Piccolomini, stellte 1459 anlässlich der Universitätsgründung zugleich eine Aufforderung an Kaiser Friedrich III. aus, Basel die Gründung einer Messe zu gewähren.
Im Jahr 1471 und damit im europäischen Vergleich sehr spät verlieh der Kaiser Basel schliesslich zwei Messeprivilegien, eines mit Termin im Frühling, eines für den Herbst. Um für die Messen Werbung zu machen, schickte der Rat Abschriften der kaiserlichen Urkunde in die umliegenden Lande und organisierte Wettkämpfe sowie in den ersten drei Jahren eine Lotterie. Der Losverkauf für letztere fand im Rathaus statt, wo auch der ‹Glückshafen› aushing, der ihr den Namen gab.65 Die Teilnehmenden wurden vom Rat in einer Art Gästebuch notiert, das wohl mit dem Zweck angelegt wurde, sich einen Überblick über Herkunft und Zusammensetzung der Messebesucher:innen zu verschaffen. In den erhaltenen Listen sind insgesamt rund 24 000 Personen aufgeführt, davon über die Hälfte Nichtbasler:innen, was auf eine rege Beteiligung hinweist. Es zeigt sich, dass die Messe durchaus Kaufleute anzog, aber vor allem Leute von der Landschaft und den kleinen Landstädten im näheren Umfeld von Basel; rund 54 Prozent der Auswärtigen kamen aus weniger als dreissig Kilometern Entfernung – eine Bestätigung von Basels Rolle als regionales Zentrum. Im Westen bildete die Sprachgrenze den Rand des Einzugsgebiets der Messe.66 Gegen die Konkurrenz der Zurzacher Messen und Strassburgs konnten sich die Basler Messen nicht durchsetzen, und so beschloss der Rat schon bald, einen Messtermin zu streichen. Ab 1495 fand nur noch die Herbstmesse statt, die auch heute noch einen Fixpunkt im Basler Kalender darstellt.67 Gemessen an den Einnahmen von den Standgebühren, die ab 1495 bis 1520 eine deutliche Aufwärtstendenz zeigen, war diese Massnahme erfolgreich.
Mit ihrem Charakter als regionale Handwerksmärkte waren die Messen für die Basler Kaufleute wenig interessant. Von ihnen profitierten eher findige Handwerker, indem sie die Messefreiheit nutzten, die ihnen den zollfreien Handel erlaubte. 1475 wurde das Haus ‹zur Mücke› als zusätzlicher Lagerraum für Tuche in Betrieb genommen; dies bedeutete die erste Erweiterung des Kaufhauses.68 Das Bedürfnis für zusätzlichen Lagerraum mochte daher stammen, dass sich neue Kreise der Bevölkerung am Textilhandel beteiligten. Auf jeden Fall beklagten sich 1478 die Krämer, dass die Weber Stoffe, die sie während der Messe – und unter dem Vorzeichen der Messefreiheit – eingekauft hätten, über das ganze Jahr verkauften.69
Münzen, Geld und Kapital
Handel, Konsum und die Ansammlung von Kapital waren auf eine Möglichkeit angewiesen, mehr oder weniger stabil Werte zu bemessen. Das Währungssystem der Vormoderne beruhte auf einer Münzreform Karls des Grossen im 8. Jahrhundert und hatte gut ein Jahrtausend Bestand.70 Als Münze geprägt wurde fast ausschliesslich der denarius (Pfennig), eine leichte Silbermünze, von der zwölf einen Schilling ergaben. Zwanzig Schilling wiederum entsprachen einem Pfund. Pfund und Schilling war Rechnungswährungen, keine Münzen. Das Recht der Münzprägung wurde in der Folge stark zersplittert, indem die Könige und Kaiser es an regionale Herrschaftsträger verliehen, so auch an den Basler Bischof. Dieser verfügte dank der kaiserlichen Schenkung von Silberbergwerken im Breisgau im Jahr 1028 auch über die notwendigen Ressourcen.71 Erst im 15. Jahrhundert wurden in Basel Münzen geprägt, deren Wert ein Mehrfaches des Pfennigs aufwies.72
Ab dem 13. Jahrhundert kamen nach einer jahrhundertelangen Pause wieder Goldmünzen in Zirkulation, die auf Goldimporten aus Afrika basierten. 1252 nahm die Handelsmetropole Florenz die Prägung auf, bald darauf wurden am Rhein dem floren nachempfundene Gulden geprägt.73 Dieser wurde die für höhere Zahlungen übliche Währung, insbesondere im Fernhandel, bei Beteiligungen an Handelsgesellschaften, für grössere Rentengeschäfte sowie Eheausstattungen und Erbabfindungen. Die Stabilität der Währungen beruhte auf dem Metallwert der Münzen, also ihrem Feingehalt. Vor allem die Pfennige standen unter einem konstanten Abwertungsdruck durch die vielen Inhaber von Prägerechten, weshalb der Gulden, der ursprünglich einem Pfund entsprochen hatte, laufend an Wert dazugewann.
Die Diskrepanz zwischen der Rechenwährung (Pfund) und den zirkulierenden Münzen führte dazu, dass anders als heute die Gleichsetzung von Nennwert und Münze nicht funktionierte. Pfennig war nicht gleich Pfennig, denn der Feingehalt schwankte je nach Münzherr und Prägedatum. Sämtliche zirkulierenden Münzen mussten deshalb zur Rechnungswährung in ein jeweils auszuhandelndes Verhältnis gesetzt werden. So glich das Münzgeld allen anderen Werten, die mithilfe der Rechnungswährung bemessen wurden, darunter insbesondere Naturalien, aber auch Arbeitsleistungen und Schulden. Metalle für die Münzprägung waren teuer. Münzherren, die knapp bei Kasse waren oder ihre Schuldenlast reduzieren wollten, waren daher versucht, den Feingehalt herunterzusetzen, wenn sie neue Münzen prägten und die alten ‹verriefen›, das heisst zum Zweck der Einschmelzung einzogen. Sie gerieten auch unter Druck, wenn andere Münzherren den Feingehalt herabsetzten, da Münzen über die Herrschaftsgrenzen hinweg wanderten. Dann drohte die Gefahr, dass die bessere Münze gehortet oder eingeschmolzen wurde.79 Die Basler Bischöfe lösten ihre ständigen finanziellen Probleme wiederholt mit Münzverrufung und Neuprägung, bis Johann von Vienne 1373 das Prägerecht für Silbermünzen an den Rat verpfändete, wo es in der Folge verblieb. Schon davor hatte sich der Rat vorübergehend (1344–1362) eine gewisse Mitbestimmung über die Münze verschafft, um deren Stabilität zu garantieren und ihre Verwendung im weiteren Umland der Stadt zu sichern.80
Der Rat nahm nun aber 1373 selbst eine Wertreduktion vor; ein Zeichen dafür, dass sich seine Interessen wandelten, als er selbst das Münzrecht übernahm. Schon zwei Jahre später liess er allerdings neue Pfennige mit höherem Silbergehalt prägen.81 Ab 1377 beteiligte er sich an mehreren regionalen Abkommen und Bemühungen um Stabilisierung. Die Formulierung der Verträge und der Kreis der Beteiligten lehnte sich an die Landfriedensbünde am Oberrhein an; zeitweise waren auch Städte der Eidgenossenschaft involviert. Zentral war die Beteiligung der österreichischen Herrschaft im Elsass, die mit den Münzbündnissen allerdings vor allem ihren politischen Einfluss sichern wollte. Auch deshalb erreichten die Münzabkommen nur bedingt ihr Ziel. Obwohl sich Basel stark engagierte, blieben Exportverbote, welche die Silberversorgung sichern sollten, und auch die Stabilisierung der Münzen prekär.82 Der Wertverlust der Basler Silbermünzen gegenüber dem Gulden war im 14. Jahrhundert beträchtlich. In den fünfzehn Jahren zwischen 1361 und 1376 verloren sie rund fünfzig Prozent ihres Werts. Etwas abgemildert setzte sich dieser Schwund bis zum Konzil fort; ab diesem Zeitpunkt stabilisierte sich die Währung, um ab der Wende zum 16. Jahrhundert wieder stärker unter Druck zu geraten.83
Die Ankündigung des Konzils führte 1429 zur Gründung einer Reichsmünzstätte in Basel, deren Prägung von Goldmünzen fürs Konzil wichtig war. Jedoch gelang es dem Rat bis zur Schliessung der Reichsmünzstätte im Jahr 1509 nicht, diese unter seine Kontrolle zu bringen. Erst 1516 erlangte die Stadt von Kaiser Maximilian das Recht, selbst Goldmünzen zu prägen.84 Bis zu diesem Zeitpunkt fehlte Basel also die Kontrolle über die wichtigste und wertstabilste Münze im Umlauf. Nicht alle hatten gleichen Zugang zu den verschiedenen Münzen. Für die städtischen Eliten aus Aristokratie und Handel war der Besitz von Goldgulden eine Selbstverständlichkeit. Mittlere Schichten brauchten die Goldwährung vor allem bei Liegenschaftstransaktionen, wobei es oft der Verschuldung bedurfte, um an die benötigten Goldmünzen zu gelangen.85 Für ärmere Basler:innen hatte es absoluten Seltenheitswert, einen Goldgulden in der Hand zu halten. Sie mussten sich mit den weniger wertstabilen kleinen Silbermünzen begnügen, die wegen des tiefen Silbergehalts oft schwarz verfärbt waren.86
Die Vielzahl zirkulierender Münzen machte einen funktionierenden Wechsel unabdingbar, eine anforderungsreiche und gewinnträchtige Arbeit. Die Wechsler waren, als im Jahr 1289 die Zunft zu Hausgenossen gegründet wurde, dem bischöflichen Münzmeister unterstellt. Mit dem Übergang des Münzrechts an den Rat löste sich die enge Verbindung zwischen Zunft und Wechsel. Nun durften auch Kaufleute Wechselgeschäfte betreiben, was mit entsprechenden Kompetenzstreitigkeiten verbunden war.87
Auch die Stadt war für ihre Finanzen auf Wechsler angewiesen, wenn die Bezahlung grösserer Geldsummen anstand. Städtische Abrechnungen mit Basler Wechslern um 1500 zeigen, dass ihr jährlicher Umsatz im Dienst der Stadt gut 2000 Gulden erreichen konnte.88 Alternativ konnte der Rat direkt den Münzmeister anweisen, Zahlungen zu tätigen.89 Der Rat versuchte gegen Ende des 15. Jahrhunderts, einen eigenen Wechsel zu etablieren. Ein erster Versuch scheiterte 1474/75 an den betrügerischen Aktivitäten der eingesetzten Stadtwechsler, die unter anderem schlechte Münzen ausgaben.90 1504 wurde im Kaufhaus ein Stadtwechsel eingerichtet, indem der Rat eine Gemeinschaft mit den Wechslern Heinrich David und Andreas Bischof einging.91 Diese handelten auf eigene Rechnung und die Stadt beteiligte sich am Gewinn, was keine grosse Umstellung zum vorherigen System darstellte. Das 1533 beschlossene Monopol wurde schon 1552 wieder abgeschafft.92
Basel war von der allgemeinen Münzknappheit der Epoche betroffen, die dazu führte, dass geschäftliche Transaktionen oft formlose Kredite umfassten, etwa Vorschüsse, die dann abgestottert wurden. Die kolportierte Klage der Krämer, dass auf zehn Borgkäufe nur eine Barzahlung komme, war deshalb nur bedingt übertrieben.93 Die Zirkulation von Waren war weitgehend entkoppelt von der Zirkulation der Münzen, die in der Regel den Haushalt schnell wieder verliessen. Doch gab es schon lange andere Möglichkeiten der Bezahlung. Man zahle «mit Pfand oder Pfennig», hiess es in Zahlungsversprechen oft, wobei die Pfänder – Hausrat, Textilien, Arbeitsleistungen – in Geldbeträge umgerechnet wurden. ‹Geld› war also nicht bloss eine Münze, sondern auch und primär ein Bewertungsmassstab.94 Das galt im städtischen Alltag ebenso wie im Fernhandel, wo die Kaufleute sich nicht auf die in Italien üblichen Wechsel und Banken stützten, sondern auf Warenkredite und die zeitversetzte Abrechnung und Verrechnung auf den Messen, vor allem in Frankfurt. Auf diese Weise wurde die real zirkulierende Geldmenge oft wesentlich kleiner gehalten als die verbuchte.95 Diese Praxis bedingte regelmässige Treffen von Geschäftspartnern oder ihren Vertretern, was auch ausserhalb Basels geschehen konnte. Und sie brauchte Mittel zur Dokumentation, gerade auch im alltäglichen Handeln. So finden sich in Gerichtsquellen neben schriftlichen Belegen in Geschäftsbüchern und auf formlosen Zetteln auch Kerbhölzer – Holzleisten, oft in zweifacher Ausführung erstellt, auf denen mittels eingeschnittener Kerben Geld, Getreide oder anderes gezählt wurde.96 Wer über Vermögen verfügte, versuchte dieses mehr oder weniger sicher und gewinnbringend anzulegen. Ohne die Vermittlung einer Institution, die wie eine heutige Bank funktioniert hätte, unterschieden sich die Geldanlagen von heutigen Finanzinstrumenten zwar stark in der Form, nicht jedoch im Inhalt.
Die am weitesten verbreitete Form der Geldanlage war die Rente. Da die kirchliche Wucherdoktrin Gelddarlehen gegen Zins verbot, entwickelte man im 13. Jahrhundert das Instrument der Rente, das darin bestand, dass Gläubiger:innen ihr Geld nicht verliehen, sondern damit das Recht auf eine jährliche Geldzahlung kauften (vgl. S. 38 f.).97 In Basel lassen sich an Liegenschaften gekoppelte Rentenverkäufe ab der Mitte des 13. Jahrhunderts nachweisen. Zuweilen wurden Immobilien dabei als Pfand an kirchliche Institutionen übergeben, das sich nutzen liess. Ein Kloster konnte ein so erworbenes Haus gegen Zins wieder verleihen und aus den Einkünften fromme Zwecke finanzieren.98 In dieser Form ermöglichten Renten Stiftungen an Kirchen und Klöster. Mit zunehmender Bekämpfung der Übertragung von Liegenschaften an die sogenannte Tote Hand verloren sich diese Renten im 14. Jahrhundert. Die Liegenschaften blieben nun in der Hand der Kreditnehmenden und wurden zur reinen Sicherheit, die Gläubiger:innen im Fall der Säumnis an sich ziehen konnten.
Renten waren nicht nur auf Liegenschaften abgestützt, sie prägten auch deren Handwechsel. Beim Verkauf ging die Rentenbelastung meist auf die neuen Besitzenden über; zuweilen war diese so hoch, dass das Haus gar nichts mehr kostete. Die Überschuldungsproblematik wurde auch vom Rat beklagt, betraf aber bei Weitem nicht alle Häuser. Vielfach war der Handwechsel selbst Anlass für die Einrichtung einer Rente, wenn der Käufer oder die Käuferin nicht den vollen Kaufpreis aufbringen konnte. Vor allem für ältere Ehepaare bot sich die Möglichkeit einer Altersvorsorge, wenn sie ihr Haus gegen eine Rente verkauften.99 Solche Transaktionen sind gute Beispiele für Wertflüsse, bei denen wenig oder gar kein Bargeld zum Einsatz kam und das Geld vor allem als Wertmassstab diente.
Auf landwirtschaftlich genutzten Liegenschaften lastende Renten sahen oft eine Rentenzahlung in Naturalien, meist Getreide, vor – man sprach dann von ‹Korngeld›. Maria Zscheckenbürlin legte wie viele Wohlhabende einen Teil ihres Vermögens so an.100 Eine Auswertung ihres «kornzins rödelin» für die Jahre 1511–1513 zeigt Kornzinse im Umfang von ein bis sieben Viernzel Dinkel pro Jahr. Der Sollertrag belief sich 1512 auf 30 Viernzel, ein Volumen von 8220 Litern.101 Umgerechnet entsprach das investierte Kapital 720 Pfund und ergab jährliche Erträge im Umfang eines Handwerkerlohnes.102 Die Schuldner waren wiederholt in Zahlungsverzug, lieferten aber in guten Jahren nach. Mit den vier dokumentierten Bardarlehen an die Rentenschuldner ermöglichte Zscheckenbürlin den Bauern wohl, Notsituationen zu handhaben, was wiederum ihr Renteneinkommen sicherte.
Gläubiger konnten Rentenansprüche weiterverkaufen, Schuldnerinnen Renten gegen Erstattung der Kaufsumme zunehmend ablösen. So entwickelten sich Renten zu einem flexiblen und dominanten Finanzinstrument. Die Rentenbriefe wurden selbst zu einer Sicherheit, die Schuldner hinterlegen konnten, um an Kredite zu gelangen.103 In den reicheren Schichten dienten sie dazu, Vermögen in Form von Ehesteuer und Morgengabe in die Ehe einzubringen. So liess sich die in diesen Kreisen übliche Gütertrennung gut umsetzen und das Frauengut zumindest versuchsweise vor dem Zugriff durch den Ehemann schützen.104
Der Kaufmann, Ratsherr und Bürgermeister Ludwig Kilchmann legte sein Vermögen in Renten an und verzeichnete diese in einem Schuldbuch, das überliefert ist.105 In Kilchmanns Schuld standen nicht nur einzelne Personen aus der Region Basel, sondern auch Institutionen, darunter prominent Städte und die Kirche, vor allem Basler Klöster. Wichtig für Kilchmanns Investitionen waren zudem Aristokraten aus der Basler Region, darunter Hochadelige wie die Herzöge von Württemberg und der Markgraf von Niederbaden.
Viele Basler Reiche legten wie Kilchmann ihr Kapital in Renten an, in der Stadt oder auf auswärtigen Rentenmärkten.106 In Zürich stellten die Basler Gläubiger um 1400 fast die Hälfte aller Darlehensgeber von Hausbesitzern.107 Eine 1497 in der Herrschaft Rötteln verfasste Liste der Zinsen, die Basler Privatpersonen und Institutionen geschuldet waren, liest sich wie ein Who’s who der Basler Eliten.108 Bei der Vergabe von sehr grossen Darlehenssummen an häufig zahlungssäumige Fürsten schlossen sich Basler oftmals zu Gelegenheitsgesellschaften zusammen, um das Risiko besser zu verteilen.109 Die Renten, die der Basler Rat verkaufte, fanden viele Abnehmer:innen in der Stadt selbst. So zeigt ein Abgleich mit einer Steuerliste von 1454,110 dass dreizehn der zwanzig reichsten Basler Haushalte zwischen 1450 und 1471 insgesamt vierundzwanzig Renten bei der Stadt kauften und dabei total rund 14 000 Gulden einbrachten. Die Stadt hatte offenbar einen guten Ruf als sichere Schuldnerin, sodass Wohlhabende grosse Beträge anlegten. Der Rat verkaufte nur hochpreisige Renten und verunmöglichte damit ärmeren Einwohnerinnen und Einwohnern den Kauf.111
Gestützt auf beständige Werte wie Liegenschaften, Ackerland oder die städtische Verwaltung, waren Renten eine konservative Anlage – sogar im Fall der Papiermühlen, die ihren hohen Investitionsbedarf häufig mit Renten bei städtischen Kaufleuten und anderen wohlhabenden Baslern, vor allem aber bei Klöstern deckten.112 Renten konnten vereinzelt zwar auch eigentliche Investitionskredite darstellen, doch wählte man dafür eher andere Formen. Grössere Summen liessen sich als stiller Teilhaber bei Handelsgesellschaften anlegen, indem man sich anteilsmässig am Geschäftserfolg beteiligte, ohne selbst Handel zu betreiben. Die Namen dieser Personen sind kaum überliefert; häufig erwähnen die Quellen nur, dass ihre Anteile schon ausbezahlt worden seien.113 Die Beteiligung der städtischen Aristokratie lässt sich aber indirekt an der Bestimmung der Gewerbeordnung von 1526 ablesen, die den ‹Müssiggängern› der Hohen Stube verbot, Kapital in verschiedene Handelsunternehmungen zu investieren.114
Vermutlich war die Teilhaberschaft nur mit grösseren Geldeinlagen möglich. Wer kleinere Beträge einschiessen wollte, tat dies «in wechsels wyse», wie die vier namentlich bekannten Anleger der Gesellschaft von Stephan und Henman Offenburg. Darunter war ein Bäcker, der 38 Gulden anlegte. Damit war er nicht am Gewinn beteiligt, sondern erhielt einen festen Zins, einem Bankkonto nicht unähnlich – mit entsprechend kleinerem Risiko.115 Die Formulierung «in wechsels wise», also nach Art eines Wechsels, zeigt die Verwandtschaft zur Geldanlage gegen Zins bei Wechslern. Akten im Gerichtsarchiv aus den 1490er-Jahren belegen, dass es durchaus üblich war, Geldbeträge von einigen Dutzend oder gar einigen Hundert Gulden so anzulegen. Die Wechsler nutzten diese Beträge wohl nicht nur für den Betrieb ihrer Wechselstuben, sondern für den Handel, den sie oft parallel betrieben.116
Über das Risiko der Anlagen im Handel ist wenig bekannt. Sie waren wohl ähnlich risikoreich wie die Investition in Bergwerke im Breisgau und im Burgund, an der sich einige reiche Basler Familien beteiligten. Vom Drucker Michael Wenssler ist bekannt, dass er eine Beteiligung von 350 Gulden an einem Bergwerk abschreiben musste.117 Detaillierte Abrechnungen, die den wechselnden Erfolg dieser Investitionen nachvollziehen lassen, haben sich von Hieronymus Zscheckenbürlin erhalten. In ähnlicher Form wie die Bergwerksanteile waren die Kredite an Buchdrucker (vgl. S. 191) riskante Investitionen in neue Produktionsformen, die sich als Vorläufer des Kapitalismus interpretieren lassen. Dabei überlappten sich Anlageform und Charakteristik der Investition grossenteils, aber nicht vollständig. Die städtischen Rechnungsbücher sind ab 1360 überliefert.118 Der städtische Haushalt speiste sich aus indirekten Steuern, aus Zöllen und aus unregelmässigen Ergänzungen, vor allem Anleihen und direkten (Vermögens-)Steuern. Auch wenn die Zahlen mit Vorsicht zu geniessen sind, weil die damalige Buchführung keine Gesamtüberblicke über das städtische Budget offenbaren wollte,119 zeigen Stichproben aus dem 14. und 15. Jahrhundert, dass die beiden indirekten Steuern, nämlich das Wein- und das Mühlenungeld, die über die ganze Zeit einheitlich notiert wurden, die wichtigste Finanzquelle darstellten. An zweiter Stelle folgten die Anleihen, die ab Mitte der 1380er-Jahre gehäuft eingesetzt wurden. Insgesamt machten die direkten Steuern nur einen sehr kleinen Teil aller Einnahmen aus. Wichtiger waren die Einnahmen aus verschiedenen Zöllen sowie Stapel- und Weggebühren, unter anderem im Salz- und im Kaufhaus, die im 15. Jahrhundert allerdings an Bedeutung verloren. Die Einnahmen aus den Anleihen waren meist Gulden, diejenigen aus Umsatzsteuern und Zöllen erfolgten in kleinen Silbermünzen. Daraus resultierte eine eigentliche Pfennigflut, die aufwendig in der Handhabung war.120 Der Rat verkaufte seine Renten zumeist im Elsass – sehr häufig in Strassburg – und in Süddeutschland, allerdings mit im 15. Jahrhundert abnehmender Tendenz, weil er sich mit Vorteil auf dem heimischen Markt mit Geld versorgte.121 Anleihen gab der Rat vor allem aus, um in Krisenzeiten und für besondere Ausgaben schnell zu Geld zu kommen: Ersteres um die Mitte des 15. Jahrhunderts und während der Burgunderkriege in den 1470er-Jahren, Zweiteres insbesondere bei Krediten an den Bischof. Der resultierende Schuldendienst betrug mitunter bis zu fünfzig Prozent der städtischen Ausgaben. Obwohl die Kriegsausgaben insgesamt etwa nur acht Prozent der Ausgaben ausmachten, schlugen sie sehr viel bedeutendere Löcher in den Haushalt, weil durch sie die Schuldenlast zunahm.122 Wenn die Zinsen für Anleihen fielen, nutzte dies der Rat, um mittels Umschuldung die Belastung zu senken.123 Bei zu stark anwachsender Schuldenlast erhob die Stadt Vermögenssteuern; ein im 15. Jahrhundert sehr deutliches Muster. 1400/01 stellte die Stadt den Schuldendienst sogar gänzlich ein, ging also quasi bankrott. Die prompt neu erhobenen Steuern von 1401 lösten Unruhen aus. Dabei wurde die Forderung laut, die Rententitel zu zerstören und auf diese Weise die Kosten der Finanzschwierigkeiten denjenigen aufzubürden, die jahrelang vom Renteneinkommen profitiert hatten.124
Das einzige positiv auf den städtischen Haushalt wirkende Grossereignis war das Konzil. Der vermehrte Konsum liess die Einnahmen aus dem Weinungeld massiv ansteigen, und der Rat führte ein zusätzliches Ungeld für den Konsum in Wirtshäusern ein. Nach 1436/37 sanken die Ungeldeinnahmen bald ab und erreichten um 1440 wieder das vorherige Niveau. Das Konzil sorgte also nur für eine kurze Blütezeit, die sich aber umso mehr abhebt, als ab circa 1450 eine eigentliche Krisenzeit begann.
Handel gegen Handwerk?
Die günstige geografische Lage und eine dem Handel meist dienliche Politik hatten aus Basel eine mittelgrosse Handelsstadt gemacht, die Einheimischen und Zugezogenen teils steile Karrieren ermöglichte. Viele Aufsteiger orientierten sich an aristokratischen Lebensweisen, und als im 15. Jahrhundert die alte Aristokratie vermehrt an Einfluss verlor und teils die Stadt verliess, machten Kaufleute einen bedeutenden Teil der städtischen Elite aus. Diese Entwicklung verlief nicht ohne Reibungen. Vor allem die Bestrebungen von Handelsgesellschaften, für gewisse Güter ein Monopol zu errichten, stiessen auf Gegenwehr. Während das Safranmonopol der Halbysen-Gesellschaft um 1430 die Bevölkerung noch wenig betraf, kam der Rat ab den 1460er-Jahren wiederholt unter Druck. 1464 beschloss er, dass drei Kaufleuten nicht gestattet werden dürfe, sämtlichen Stahl vom Bergwerk Gonzen bei Sargans zu kaufen, weil dies «gemeiner Nutz nit sye».127 1474 entlud sich der Volkszorn gegen die Gesellschaft der Bär, Zscheckenbürlin und Irmy, die ein Monopol ausübten, indem sie alle Baumwolle, Wolle, alles Leder und alle Häute zusammengekauft hatten. Die Gesellschafter wurden vorübergehend verhaftet, einer entzog sich gar durch Flucht.128 1491 regelte der Rat den Grosshandel neu – er durfte nur noch im Kaufhaus und somit unter Kontrolle stattfinden – und beschloss, dass die Grosse Gesellschaft ihren Kleiderverkauf im Kaufhaus schliessen musste. 1495 beschränkte er den Fortbestand von Gesellschaften auf kleinere und verbot die «grossen gesellschaft, dadurch der gemeyn man mergklichen beschwert worden». Der Wind drehte sich. Nicht länger sollten grosse Gesellschaften zünftische Beschränkungen und Regulierungen umgehen dürfen.129 Gut ablesen lässt sich der Stimmungsumschwung an aufsehenerregenden Einzelfällen. 1493 brachte der Vorwurf der Veruntreuung von Vermögen des Siechenhauses St. Jakob dessen Verwalter, den Basler Kaufmann und Ratsherrn Ulrich Meltinger, zu Fall. Nur mit einem Schuldeingeständnis konnte er eine längere Haftstrafe abwenden.130 Ähnlich erging es wenig später dem Färber, Verleger, Kaufmann und Oberstzunftmeister Heinrich Rieher (vgl. S. 244 f.).
Die 1490er-Jahre waren eine Zeit der intensiven Auseinandersetzung um die Stellung des Handels. 1491 verbot der Rat die Doppelzünftigkeit, um damit eine Trennung zwischen Handwerk und Handel durchzusetzen, krebste aber schon 1495 wieder zurück.131 Im 16. Jahrhundert wurde erneut verhandelt, 1523 die Doppelzünftigkeit wieder verboten. Das Verbot der Doppelzünftigkeit war eine zweischneidige Massnahme. Es schützte einerseits die Kaufleute vor Konkurrenz aus anderen Zünften, andererseits verhinderte es, dass sich Vertreter der Handelszünfte in Handwerkszünfte einkauften, weil sie dort leicht politische Karriere machen konnten. Ganz allgemein wurde weniger der Handel an sich bekämpft als vielmehr die Konzentration von Marktmacht in den Händen Einzelner und grosser Gesellschaften. Anders lässt sich nicht erklären, warum die Zeit der vermeintlichen Handelsfeindlichkeit mit der Gründung der Messe zusammenfiel, die weiteren Kreisen der Stadt den Zugang zum Handel ermöglichte. Das Gleiche gilt für den Aufschwung von Papierproduktion und Buchdruck, die sich zur selben Zeit als Exportindustrien etablierten und sich in diesem Aufstieg auf das Kapital und die Kontakte der Kaufleute stützen konnten. Diese Auseinandersetzungen dürfen auch nicht verwechselt werden mit der Durchsetzung des Zunftregiments im 16. Jahrhundert, das stark von den Handelszünften geprägt war: Nicht zufällig war der erste nichtadlige Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen ein Wechsler, hausgenossen-, weinleuten- und schlüsselzünftig.132 Insofern ist der oft verwendete Begriff des ‹Handwerksregiments› hinfällig.133
Als Handelsstadt profitierte Basel vom Transit. Zugleich war Basel, gut erkennbar am Einzugsgebiet der Messe, ein regionales Marktzentrum. Erfolgreiche Händler wandten sich oft dem Bereich der Finanzen zu, wie Beispiele aus den Familien Offenburg und Kilchmann zeigen; inwiefern die Tätigkeit als Anleger selbsttragend war oder einfach der Verwaltung von im Handel erworbenem Vermögen diente, ist unklar.134 Klar ist aber, dass aristokratische Ideale wie Müssiggang, politische Tätigkeit, Feudalisierung des Vermögens135 viele Kaufleute andere Lebensweisen anstreben liessen und die Bildung eigentlicher Handelsdynastien verhinderten. Die Geldanlagen dieser Kreise und die Kompetenz in Geldangelegenheiten machten Basel schon im 15. Jahrhundert zur Finanzstadt. 1425 liess sich Winterthur bei einem Rentengeschäft vom Basler Konrad zem Haupt beraten. 1456 wandte sich Luzern an Basel, um den Kontakt zwischen seiner Gesandtschaft nach Rom und einem lombardischen Wechsler in der Stadt herzustellen.136 Im 16. Jahrhundert wurde Basel dann zur herausragenden Finanzdrehscheibe der Eidgenossenschaft.137
Die Auseinandersetzungen um die Dominanz des Handels zeigen – in einer Linie mit der Zollpolitik und anderen Aspekten der Wirtschaftspolitik –, dass die Leitlinien der Handelsordnung zuallererst den Interessen der Einheimischen folgten, der Basler Konsument:innen und Gewerbetreibenden, deren möglichst günstige Versorgung mit Lebensmitteln und Rohstoffen gewährleistet sein sollte. Krisen der Getreideversorgung, denen der Rat mit Verboten des spekulativen Zwischenhandels und des Exports begegnete, bestätigen das zur Genüge.138 Eine obrigkeitlich geleitete, langfristig orientierte Wirtschaftspolitik im Sinne der Förderung gewisser Zweige gab es nicht. Solche Konzepte, die eine entsprechende städtische Buchhaltung zur Wissensgrundlage machten, wurden erst später entwickelt.139