Eine zunehmende Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land und innerhalb der Stadt begleitete im Spätmittelalter einen Aufschwung des Handwerks. Dieses löste sich zunehmend vom Bischofshof. Noch unter Aufsicht des Bischofs entstanden nach dem Modell von Bruderschaften Vereinigungen von Berufsgruppen, die später beträchtlichen Einfluss auf die städtische Wirtschaft ausübten. Neue Rohstoffe und Techniken setzten sich durch, etwa im Bereich der Textilproduktion, bei der Papierherstellung und im Buchdruck. Mit diesen Neuerungen entwickelten sich auch kapitalintensivere Produktionsformen, die von Unternehmern und Investoren finanziert wurden. Nebst selbstständigen Handwerksmeistern übten viele Lohnarbeiter:innen ihr Handwerk im Auftragsverhältnis aus – mit oder ohne Mitgliedschaft in einer Zunft. So wandelten sich in einer dynamischen Zeit konkrete Arbeitsverhältnisse ebenso wie die sozialen und politischen Rahmenbedingungen von Arbeit.
Basel als Handwerksstadt
Die Zeit zwischen 1250 und 1530 war geprägt von einer massiven Erweiterung der Basler Bausubstanz. Die Kernstadt im Bereich der inneren Mauer füllte sich, und schon im 13. Jahrhundert wuchsen Vorstädte entlang der Ausfallachsen. Entsprechend zahlreich waren die Bauhandwerker – beziehungsweise die Angehörigen der Spinnwetternzunft – in den Steuerlisten des 15. Jahrhunderts. Eine grosse Zahl von Handwerkern war in der Lederverarbeitung tätig und vielfältig waren auch die Produkte, welche von den verschiedenen metallverarbeitenden Berufen der Schmiedezunft hergestellt wurden. Beide Gewerbezweige produzierten nicht nur für die Stadt, sondern für die Versorgung der Region. Daneben waren viele Baslerinnen und Basler in agrarisch geprägten Berufen tätig, wie die zahlreichen Mitglieder der Rebleute- und der Gartnerzunft zeigen. Eher kleiner war die Zahl der Bäcker und Metzger, die für die Versorgung der Stadt mit Brot und Fleisch vital waren. Die Organisation von Berufsgruppen in Zünften war das vielleicht auffälligste Charakteristikum der Zeit. Im Verlauf des 13. Jahrhunderts löste sich das Handwerk vom bischöflichen Hof, und dies in mehrfacher Hinsicht. Einerseits räumlich, weil Handwerker nun seltener beim Bischofshof auf dem Münsterhügel, sondern vor allem im Tal des Birsigs in der unteren Stadt siedelten, wo sich ein neuer Stadtteil entwickelte, nicht zuletzt dank Zuwanderung (vgl. Stadt.Geschichte.Basel, Bd. 2, S. 79–83).1 Andererseits rechtlich, indem der Bischof den Handwerkern das Recht gewährte, auf dem Markt zu verkaufen. Auch die Gründung von neuen Zünften – zwar noch unter bischöflicher Aufsicht – gehört zur rechtlichen Emanzipation. Die Praxis des Zusammenschlusses von Handwerkern in Körperschaften war älter als die Gründungsurkunden der Zünfte. Schon unter den bischöflichen Ministerialen waren einzelne Gewerbe in sogenannten Offizien vereinigt und Regulierungen unterworfen.2
Wie ein Blick in die frühen Zunfturkunden3 zeigt, erlaubten und privilegierten die Bischöfe als Stadtherren in einer ersten Phase (1226–1256) bereits bestehende Bruderschaften von Handwerkern desselben Berufsfelds und erlaubten später die Bildung neuer Bruderschaften. In der Bestätigung der Kürschnerzunft von 1226 – der ältesten erhaltenen Zunfturkunde – ist geregelt, dass Bussgelder zu einem Drittel an die Bruderschaft gehen sollen, die volkssprachlich «zhunft» genannt werde und zu Ehren der Jungfrau Maria errichtet sei. Hier erscheint der Begriff ‹Zunft› zum ersten Mal in den Basler Quellen, und er bezeichnet ausdrücklich die Bruderschaft, das heisst die religiös-soziale Verbindung der Handwerker. Der gewerblich-politische Zusammenschluss hingegen wird condictum genannt, was so viel wie Vereinbarung oder Vertrag bedeutet. Die Gründungsurkunde der Schneiderzunft von 1260 argumentiert, dass alle diejenigen in der Stadt, welche die artes mechanicas ausübten, also die «hanndtwerchlute», «zúmffte» genannte Bruderschaften hatten. Entsprechend nahm die Regelung der religiösen Aspekte mehr Raum ein als diejenige der gewerblichen. Die Zunfteinahmen sollten dazu verwendet werden, Lichter im Münster4 brennen zu lassen; beim Tod eines Zunftgenossen sollte die Zunft ihm die letzte Ehre erweisen – und falls er ausserhalb der Stadt starb, sogar den Transport nach Basel übernehmen. Möglicherweise dominierte das Religiöse in den Urkunden, weil dieser Bereich die Schnittstelle zum Bischof darstellte.
Eine zeitlich nicht genau bestimmte Begriffsverschiebung führte dazu, dass zwischen Bruderschaft (auch ‹Seelzunft› genannt) und Zunft unterschieden wurde.5 Deren Mitgliederkreise deckten sich nicht vollständig, und es gab spezielle, tiefere Tarife insbesondere für diejenigen, die sich nur in die Bruderschaft einkaufen wollten. Die Zünfte waren für beide Geschlechter zugänglich, für Frauen orientierte sich die Zugehörigkeit aber stark über den Mann. 1271 regelte die Zunfturkunde der Bauhandwerke die Aufnahme von Frauen. Sie durften Mitglied sein mit ihrem Mann und nach dessen Tod, solange sie Witwen waren – bei einer Wiederverheiratung sollten sie wohl der Zunft des Mannes beitreten.6
Für die Ausübung eines Handwerks zentral war der Zunftzwang. In den früheren Urkunden wurde geregelt, dass Nichtzünftigen der Zugang zum Markt verwehrt wurde, spätere erlaubten den Zünften gar, in die Zunft zu zwingen, wer «diz antwerk kan und das tribet».7 Im Verlauf des 14. Jahrhunderts rückt in der Überlieferung die gewerbliche Funktion der Zünfte immer stärker in den Vordergrund. Die Weberzunft etwa beschränkte die Produktion, indem sie eine Maximalzahl von Webstühlen pro Werkstatt festlegte, und regulierte auch die Menge der Jahresproduktion. Der Eintrittsrödel der Weberzunft enthält für das 15. und 16. Jahrhundert auch einige Zunftausschlüsse, welche die Durchsetzung von Vorschriften belegen. Für den Verkauf an eine nicht persönlich bekannte Kundschaft waren die Qualitätskontrollen durch die Zünfte insbesondere mittels Warenschauen von grosser Bedeutung, und die Zünfte schufen diverse Ämter für die Beaufsichtigung des rechten Verhaltens im Beruf. In der Safranzunft waren es 69, wobei viele Zünfter mehrere Ämter innehatten.8
Während viele der heute als typisch angesehenen Zunftvorschriften, wie der Zwang zur Gesellenwanderung, Vorschriften zur Ausbildung oder das Erstellen eines Meisterstücks, im Mittelalter noch keine Rolle spielen, waren die Aufnahmegebühren ausführlich geregelt. Schon die erste erhaltene Urkunde gab Neumitgliedern Rabatt, wenn auch deren Eltern Zunftmitglieder waren. Doch machten solche Fälle um 1500 nur rund ein Viertel der Zunftkäufe aus, denn viele Handwerker wechselten irgendwann den Wohnort oder wählten einen anderen Beruf als ihr Vater.9 Umso grösser war das Gewicht der Zünfte bei der Ausbildung von Handwerkern.10 Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts stiegen in der ganzen Oberrheinregion die Aufnahmegebühren mit dem jeweiligen Prestige und politischen Gewicht der Zünfte. Das dürfte die Berufswahl stark mitbestimmt haben und hatte zur Folge, dass ärmere Zunftmitglieder über lange Zeit Raten abstottern mussten.11
Die Gruppierung von Berufsfeldern zu Zünften beruht zum Teil auf ähnlichen Tätigkeitsfeldern, zum Teil wohl auf der gemeinsamen Rohstoffbeschaffung. Neu entstehende Berufe wurden bestehenden Zünften angegliedert, bei der Safranzunft waren es oft Hersteller von Produkten, die zuvor von den Krämern importiert wurden.
Zünfte vereinigten verschiedene Berufe und waren ohnehin keine homogenen Gruppen. Drastisch zeigt das ein Blick auf die Lage der Gesellen, jener Handwerker, die noch nicht als Meister einen eigenen Betrieb führten. Seit mindestens der Mitte des 14. Jahrhunderts lassen sich in Basel Gesellenbruderschaften nachweisen, die in Konkurrenz zu den Zunftbruderschaften standen. 1399 schlichtete der Rat zwischen Schneidergesellen und der Zunft in einer sehr zentralen Frage, nämlich der nach dem Lohn. Der Rat lehnte eine fixe Lohntaxe ab, weil «einem guoten nützlichen knecht me lones ze gebende ist, denne dem, der nit werken kan als er».12 Trotz dieser Ablehnung anerkannte der Rat die Organisation der Gesellen grundsätzlich und legitimierte sie damit. In der Folge aber versuchte er, die Rolle der Gesellenvereinigungen auf die Bruderschaft zu beschränken und unter die Kontrolle der Zünfte zu stellen, indem diese immer mit einem Meister vertreten sein mussten. Immerhin blieben vielfachen Konflikten zum Trotz die seit dem 15. Jahrhundert etablierten selbstständigen Gesellschaften der Gesellen in Basel geduldet, im Gegensatz etwa zu Strassburg und Konstanz. Wie die Zünfte hatten sie eine soziale und religiöse Rolle. Die Gesellschaft der Müllergesellen etwa unterhielt ihren Altar im Kloster Klingental, was angesichts der Nähe von Klingental zu den Kleinbasler Mühlen kaum Zufall war. Die Hufschmiede- und Messerschmiedegesellen kauften sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Basler Spital ein, sodass kranke Kollegen dort gepflegt werden konnten.13
Die überlieferten Listen der Schlosser- und Gerbergesellen aus dem frühen 15. Jahrhundert belegen, wie viele Gesellen zu dieser Zeit schon den Geburtsort verliessen. Zugewanderte machten über 95 Prozent der Aufnahmen aus. Einheimische Gesellen begnügten sich wohl meist mit der Mitgliedschaft in der Bruderschaft der Zunft. Die Herkunft der in Basel aufgenommenen Schlossergesellen streute über einen sehr weiten Bereich im ganzen deutschsprachigen Raum. Die Gerbergesellen waren im Schnitt etwas weniger weit gewandert. Im Vergleich mit den anderen Basler Neubürgern legten auch sie deutlich längere Wege zurück. Nebst der Notwendigkeit des Wanderns aufgrund von mangelnden Arbeitsmöglichkeiten ist auch der Aspekt der Erfahrung, die man auf der Wanderung gewinnen konnte, nicht zu unterschätzen, und vermutlich trug das Lohngefälle seinen Teil dazu bei.14 Dass auch Frauen weite Strecken zurücklegten, zeigen die Mägde im Basler Spital, die aus dem Umland von Basel, aber auch aus weiter entfernten Orten migriert waren – und oftmals nach kurzer Zeit das Spital und vielleicht auch Basel wieder verliessen. Auch aus Basel selbst stammende Gesellen wanderten. Das weisen, wenn auch nicht systematisch, Untersuchungen zu anderen Städten nach.15
Angesichts der grossen Mobilität von Handwerksgesellen lag es nahe, sich überlokal zu organisieren. Genau das war 1407/08 das Hauptziel eines Gesellentages in Schlettstadt (Sélestat FR, rund achtzig Kilometer nördlich von Basel).16 Einzelnen Gesellengruppen gelang der regionale Zusammenschluss, darunter den Hafnern, die 1435 den Basler Kaufmann und Bankier Henman Offenburg als ihren Schirmherrn wählten. Dieser bagatellisierte gegenüber dem Basler Rat die Parallelen zum Gesellentag von 1407 – und damit die Gefahr für die Basler Zünfte.17 Die ältere Forschung hat den Einfluss der Zünfte in der städtischen Wirtschaft eher kritisch gesehen, weil sie die vielen Vorschriften zu Produktion und Preisen als innovationshemmend wahrnahm. Während dies für die spätere Zeit gültig sein mag, konnten Zünfte in der Frühphase durchaus auch Innovationen begünstigen, wenn sie etwa durch Qualitätskontrollen Produkte standardisierten.18 Die städtische Politik verfolgte jedoch Ziele in anderen Dimensionen. Die Vorschriften für Bäcker und Metzger etwa dienten nicht der beruflichen Absicherung der Handwerker, sondern der ausreichenden Versorgung der Stadt mit bezahlbaren Lebensmitteln von gesicherter Qualität. Erst die von den Zünften durchgesetzten Produktionsbeschränkungen des 14. und vor allem des 15. Jahrhunderts lassen sich eher dem sogenannten Nahrungsprinzip zuschreiben, das Gewinnstreben und Innovationen Einzelner beschränkte, um allen Zunftmitgliedern ein Einkommen zu sichern. Die Zünfte sicherten ihren Mitgliedern so einen Vorteil, der zulasten der gesamten Wirtschaft ging. Sie standen dabei auch untereinander in Konkurrenz, sodass nicht alle Zünfte ihren Mitgliedern im gleichen Ausmass Vorteile verschaffen konnten. Insbesondere den Handelszünften gelang es, ihre Privilegien im lukrativen Handel gegenüber den Handwerkern zu verteidigen. Obwohl die einzelnen Zünfte sehr einseitige Interessenvertreter waren, konnten sie sich im Verteilkampf um Ressourcen und Einkommen lange behaupten – auf Kosten etwa der Landbevölkerung, die sie von Arbeitsmöglichkeiten ausschlossen.19 Während für die Zeit vor der Mitte des 14. Jahrhunderts wenig Konkretes über Löhne zu erfahren ist, gilt die Zeit bis ungefähr 1500 als goldenes Zeitalter der Lohnarbeit. Nachdem die Löhne nach den Pestepidemien gegen Ende des 14. Jahrhunderts angestiegen waren, weil Arbeitskräfte fehlten, blieben sie bis ins 16. Jahrhundert sehr stabil. Auf der Gegenseite verharrten die Preise bis um etwa 1470 auf eher niedrigem Niveau. In den folgenden Jahrzehnten führten Missernten zu Teuerungsjahren, die vom Lohn Lebende in Bedrängnis brachten, was der Rat mit Getreidekäufen aufzuwiegen versuchte. Ab 1500 stiegen die Preise dauerhaft und die Situation der von Lohnarbeit Abhängigen wurde vollends prekär.20
Viele Basler und Baslerinnen waren auf regelmässige Lohnzahlungen angewiesen. Dienstmägde, Knechte und Handwerksgesellen wurden von ihren Arbeitgebern aber regelmässig und zum Teil über Jahre hingehalten. Das war ein Mittel, sie an sich zu binden, und Ausdruck des sozialen Gefälles in Haushalten und Werkstätten.21 Am besten dokumentiert ist die Lohnarbeit im städtischen Bauwesen. Mit dem Bau der Stadtmauer im 14. Jahrhundert und stetigen Ausbesserungen und Ausbauten der Befestigung war die Stadt eine attraktive Arbeitgeberin für Spezialisten der Bauhandwerke, insbesondere Steinmetze und Zimmerleute.22 Der Bauhaushalt verschlang zwischen 1450 und 1550 knapp zwölf Prozent des gesamten städtischen Budgets. Dabei erwies sich die Aufteilung der Kosten auf rund sechzig Prozent für Löhne und vierzig Prozent für Material als relativ konstant. Der Werkhof beschäftigte um 1500 rund dreissig, 1520 schon rund fünfzig Arbeiter – der Stadtbau war klar männlich dominiert.23 Obwohl auch der Samstag ein Arbeitstag war, führten die vielen kirchlichen Feiertage im Durchschnitt zu einer Fünftagewoche. Die tägliche Arbeitszeit hingegen war lang. Während sich eine Regelung für Maurer und Zimmerleute von 1422 noch die Sonnenscheindauer zum Massstab nahm und damit im Sommer deutlich längere Arbeitszeiten vorsah als im Winter, richteten sich die 1481 für den städtischen Schmiedemeister festgelegten Arbeitszeiten ganzjährig nach Uhrzeiten: Die Arbeitszeit begann um 5 Uhr morgens und endete um 8 Uhr abends. Im Gegenzug war auch der Lohn im Winter gleich wie im Sommer. Diese Umstellung – und der damit verbundene Verzicht auf Begriffe wie ‹ungefähr› – war nur möglich dank der Beleuchtung der Werkstatt.
Die Löhne für Bauarbeiter waren nach Qualifikation gestuft und im 15. und 16. Jahrhundert stabil. Mit einem schwer abzuschätzenden Anteil an Naturalien waren es gute Löhne. Die Stadt war als Arbeitgeberin ausserdem attraktiv, weil sie bei Unfall und Krankheit einsprang und für verdiente Mitarbeiter gar eine Art Rente bezahlte. Das galt besonders für die Meister, während Gesellen und Handlanger mit geringerer Sicherheit rechnen mussten. Die Benachteiligung subalterner Angestellter erwies eine Untersuchung des Rats im Jahr 1494. Dabei kam heraus, dass die Knechte den Werkmeistern täglich eine Art Provision auf ihren Lohn bezahlen mussten. Trotzdem dürfen die städtischen Angestellten unter den Bauhandwerkern als privilegiert gelten. Ihre anderweitig beschäftigten Kollegen gehörten meist zu den ärmeren städtischen Kreisen.24
Welche Berufszweige und Zünfte eher mit hohen Vermögen verbunden waren, zeigen die überlieferten Steuerlisten des 15. Jahrhunderts auf. Dabei ist zu beachten, dass das soziale Gefälle innerhalb der Zünfte bisweilen beträchtlich war.25 Der Rat erhob die ausserordentliche Vermögenssteuer von 1429 zunftweise. Tabelle 64 zeigt den prozentualen Anteil der zünftischen Haushalte in den zwei untersten Vermögenskategorien von total vier Kategorien.26 Unter den nichtzünftischen Haushalten war der Anteil der Habenichtse am grössten, aber dass die Ausübung eines zünftischen Handwerks nicht vor Armut schützte, zeigt sich bei den Rebleuten und Webern. Deren Einkünfte reichten nur knapp, um kleine Reserven anzulegen, die in einer Notlage schnell aufgebraucht waren. Damit erklären sich viele Fälle von Weberinnen, die Rohstoffe oder Garn unterschlugen und wegen Diebstahls verfolgt wurden.27 Handwerksbezeichnungen in Strassennamen haben die Vorstellung genährt, dass sich die Haushalte der Handwerker berufsweise konzentrierten. Das traf jedoch nur in Einzelfällen zu. Die meisten Gerber wohnten tatsächlich am Birsig und am Rümelinbach, wo sie das notwendige Wasser zur Produktion vorfanden, ohne jedoch die einzigen Handwerker an diesen Orten zu sein.28 Auch die Weber oder Fischer wiesen berufsbedingte Standorte auf, erstere konzentriert in der Steinenvorstadt an Hanglage, zweitere entlang des Rheins. Die meisten Handwerke und Zünfte hingegen verteilten sich über die ganze Stadt, etwa die Bauhandwerker der Spinnwetternzunft. Grossbasler Metzger durften ihre Produkte zwar nur an der School am heutigen Marktplatz verkaufen, hatten ihre Häuser aber eher an der Ausfallachse in Richtung Elsass. Die Rebleute hingegen wohnten ausschliesslich in peripheren Lagen, was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass viele von ihnen zugewandert und arm waren. Nebst den ärmeren Zünftlern lebten viele nichtzünftische Arbeiter und Tagelöhner in den Vorstädten.29 Ab 1460 erliess der Rat Weisungen an bestimmte Berufsgruppen, dass sie in den Vorstädten zu produzieren hatten. Dazu zählten Bäcker, Lebkucher, Ziegler und Hafner – deren Öfen eine Feuergefahr darstellten – sowie die Glockengiesser.30 Diese Vorschrift betraf aber nur den Produktionsstandort, denn noch 1497 waren die Haushalte dieser Berufsgattungen in der ganzen Stadt verstreut.
Die Einordnung der Haushalte nach der Zunftzugehörigkeit des Haushaltsvorstands verdeckt, dass innerhalb eines Haushalts verschiedenen Erwerben nachgegangen wurde. Nur knapp sechzehn Prozent der einer Zunft zugeordneten Haushalte der Steuerlisten von 1429 hatten Frauen als Haushaltsvorstand – oft wohl Witwen, die das Handwerk des Mannes weiterführten, oder Krämerinnen, die selbst keine Produkte herstellten.31 Über die anderen Frauen ist wenig bekannt, nur im Ausnahmefall ist die Mitarbeit im Berufsfeld des Mannes zu fassen, etwa als die Weberzunft 1488 einen Stubenmeister mitsamt seiner Frau anstellte.32 So selbstverständlich vielerorts die Mitarbeit der Frau in der Werkstatt des Mannes gewesen sein mag, so erweist die Textilarbeit vieler Frauen, dass alle Mitglieder des Haushalts nach Möglichkeit versuchten, zum Gesamteinkommen beizutragen.
Omnipräsent und prekär: Textilarbeit
Textilien waren in der spätmittelalterlichen Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Tuche verschiedenster Herkunft wurden auf Märkten und Messen gehandelt, und auch in Basel wurden verschiedene Rohstoffe verarbeitet. Obwohl Basel am Rand einer Exportregion lag, entwickelte sich hier keine nennenswerte Exportproduktion, dafür aber eine Spezialisierung in einem Luxussegment. Textilarbeit war keine lukrative Tätigkeit, sondern für viele Haushalte eine Möglichkeit, das Einkommen aufzubessern. Ein grosser Teil dieser Arbeit wurde ausserhalb der Zünfte und teils in Konkurrenz zu diesen geleistet. In vielen Hausratsinventaren waren die dazu nötigen Werkzeuge wie Kämme und Spindeln, aber auch Rohstoff-Vorräte aufgeführt.33 Von der Alltagskleidung der Basler:innen sind nur wenige Stücke erhalten geblieben. Diese schlechte Überlieferungslage ist nicht nur auf die Tatsache zurückzuführen, dass Textilien relativ schnell zerfallen, sondern auch darauf, dass Kleidung so lange wie möglich genutzt wurde. Kleidung zirkulierte auf einem regen Gebrauchtwarenmarkt. Und wenn das Recycling als Kleidungsstück oder Haushaltstextilie nicht mehr möglich war, blieb zumindest bei Leinenstoffen immer noch die Verarbeitung zu Papier.34
Wie heute auch, folgte die Kleidung Modebewegungen und drückte sozialen Status aus. In einer ständisch geprägten Gesellschaft sollten Kleiderordnungen die Sittlichkeit wahren und luxuriöse Exzesse verhindern, aber vor allem gewährleisten, dass die Kleidung dem jeweiligen Stand entsprach und bestimmte Stoffe und Techniken den gehobenen Schichten vorbehalten blieben. Die wechselnden Moden konnten sich auch wirtschaftlich auswirken. Das Aufkommen des Baretts im späten 15. Jahrhundert führte etwa dazu, dass die Basler Hutmacher immer weniger Einkommen fanden und durch Barettmacher verdrängt wurden.35
Die reichen Bürgerhaushalte und Klöster der Stadt Basel besassen viele wertvolle Textilien, darunter importierte Seidenstoffe. Im Gegensatz zu Zürich hatte Basel keine eigene Seidenherstellung, nur einige Seidennäherinnen und -sticker. Basel war allerdings ein wichtiger Produktionsstandort von gewirkten Bildteppichen, sogenanntem Heidnischwerk. Zusammen mit Strassburg dominierte Basel die Produktion der Oberrheinregion und stand kaum hinter den Bildteppichen französischer Produktion zurück. Der Begriff Heidnischwerk, für Basel erstmals 1358 überliefert, bezieht sich auf die ‹heidnische› Herkunft der Technik aus dem Orient. An einem stehenden Webrahmen wurden die Querfäden einzeln in Handarbeit eingezogen, und zwar nicht auf ganzer Breite, sondern nur jeweils so weit, wie das Motiv es verlangte. Die Bildvorlage im Massstab 1:1 wurde dabei hinter dem Webrahmen aufgestellt. Verarbeitet wurde gefärbte Wolle, aber auch Seide, zu Fäden verarbeitetes Silber und Gold und sogar menschliches Haar.36 Die Höhe der Arbeiten war durch den Webrahmen vorgegeben und belief sich in Basel auf 90 bis 120 Zentimeter.
Die farbenfrohen und detailreichen Wirkarbeiten wurden in Kirchen und Klöstern als Altartücher und Wandbehänge eingesetzt, mal dauerhaft, mal zu besonderen Anlässen. In Privathaushalten dienten sie ebenfalls als Wandbehänge (mit isolierender Wirkung, die im Winter geschätzt wurde), aber auch als Bettüberwürfe und in kleineren Formaten als Kissenbezüge. Dem venezianischen Konzilsgesandten Andrea Gattaro waren während einer Prozession die farbigen Stoffe aufgefallen, die überall in der Stadt in den Fenstern hingen, womit wohl Bildteppiche gemeint waren.37 Die Textilwirtschaft war ein Bereich der vormodernen Wirtschaft mit besonders weiträumiger Verflechtung. Schon die Rohstoffe legten teils beträchtliche Wege zurück. Während Leinen und die billigere Wolle meist lokal verfügbar waren, stammte die feine Wolle aus England. Baumwolle, in Basel das erste Mal 1367 in einem Zolltarif erwähnt, wurde gar aus dem Orient, meist aus Syrien, über Venedig in die Regionen nördlich der Alpen gebracht. Die Baumwolle kam wohl eher nicht über Basler Händler in die Stadt. Auf dem grössten Baumwollmarkt, nämlich in Venedig, hat sich nur ein Basler Kaufmann nachweisen lassen, während ganze dreissig Nürnberger auftraten.38 Trotz ferner Herkunft war Baumwolle relativ billig, einfach zu verarbeiten und dank ihrer Saugfähigkeit angenehm zu tragen. Sie konnte sich im 14. Jahrhundert schnell als Massenware auf dem Textilmarkt etablieren – anders als die ebenfalls importierte Seide, die teuer und den Eliten vorbehalten war.
Die Verarbeitung der Rohstoffe konzentrierte sich regional. Das erste Zentrum der Baumwollverarbeitung war Norditalien, bevor die Technologie über die Alpen importiert wurde und im süddeutschen Raum eine eigentliche Barchentregion entstand, an deren Rand sich Basel befand. Barchent war die Bezeichnung für ein Mischgewebe, bei dem Ketten aus Leinen mit einem Schuss aus Baumwolle verwoben wurden. Weil sich neue Rohstoffe, Techniken und Produkte sehr schnell verbreiteten, blieb die europäische Textillandschaft insgesamt dynamisch.39
Die verschiedenen Ebenen der Verflechtung von Textilproduktion und -handel zeigen sich im Geschäftsbuch des Basler Kaufmanns Ulrich Meltinger, das den Zeitraum von 1468 bis 1493 abdeckt. Meltinger war in der Region des Oberrheins, aber auch darüber hinaus aktiv. Er handelte mit Wolle und fertigen Tuchen, war teils im Textilverlag tätig. Er setzte in der Region sowohl regionale als auch importierte Produkte ab, und die Gebiete, in denen er Stoffe an- und verkaufte, deckten sich teilweise. Das weist darauf hin, dass in den spätmittelalterlichen Städten ein breites Angebot sowohl regional hergestellter als auch importierter Stoffe bestand, um den vielseitigen Geschmack und die finanziellen Möglichkeiten der Kundschaft abzudecken. Entsprechend finden sich in den Quellen sehr viele verschiedene Stoffe, die meist ihre Herkunft im Namen trugen, etwa Schwarzer Arras, weisser Fridberger, Brauner von Worms, Strassburger, blauer Fayot.40 Die Konjunkturen des Textilhandels, beeinflusst durch die Produktion ebenso wie durch die Nachfrage, lassen sich auch in Basel nachweisen. Der in Basel schon im 14. Jahrhundert hergestellte Baumwollstoff wurde Schürlitz genannt. Die Produktion orientierte sich an den Qualitätsvorschriften in anderen Städten und stand unter obrigkeitlicher Förderung. Ab 1409 richtete der Rat als Qualitätskontrolle eine Schürlitzschau ein, anlässlich derer die Qualitätszeichen von Biberach, in absteigender Reihenfolge der Ochse, der Löwe oder die Taube, vergeben wurden. Es waren wohl meist Leinenweber:innen, die sich im neuen Feld der Baumwollverarbeitung versuchten. Die geringen und bis 1460 sinkenden Erträge der Schau zeigen zugleich das eher bescheidene Niveau der Basler Produktion, auch wenn der Rat noch in den 1450er-Jahren den Schürlitz-Weberinnen und -Webern finanziell unter die Arme griff.41 Ab ungefähr 1460 wurde in Basel der Vogelschürlitz hergestellt, vermutlich mit einem Muster, das aussah wie ein Vogelauge. Diese Technik benötigte einen Webstuhl mit acht Schäften, der Weber oder die Weberin musste also acht Tritte bedienen, um verschiedene Fäden der Kette anzuheben, damit das Muster entstand – was beträchtliche handwerkliche Fertigkeiten bedingte.42 Auch der ausschliesslich aus Baumwolle bestehende Vogelschürlitz erreichte ein gewisses Fertigungsvolumen, konnte sich aber international nicht durchsetzen.
Wollstoffe produzierten in Basel schon seit dem 12. Jahrhundert die sogenannten Grautucher, und zwar in eher grober Qualität und wenigstens teilweise für den Export. Diese Produktion geriet aber im 15. Jahrhundert in eine Krise, die Zahl der Grautucher nahm ab. Ausdruck der Krise waren auch die wechselnden Zunftzugehörigkeiten der Teilzunft der Grautucher. Sie löste sich 1453 von der Rebleutenzunft und wechselte zur Zunft der Tuchhändler. Die strikte Trennung der beiden Tuch produzierenden Gewerbe wurde erst 1506 aufgehoben, als sich die Grautucher der Weberzunft anschlossen. Nach diesem Zusammenschluss konnte sich das Gewerbe dank einer angepassten Produktion erholen. Die Grautucher produzierten fortan mit importierter, feinerer Wolle und für den lokalen Markt statt für den Export. Es gelang ihnen sogar, eine dominante Stellung in der Zunft einzunehmen.43 Die Haushalte von zünftischen Handwerkern waren von der Produktion geprägt, die über die eigentlichen Werkstatträume hinausgriff und sich oft im ganzen Haus verteilte, wie Haushaltsinventare zeigen. Nebst ihrem eigentlichen Handwerk stellten viele Haushalte auch Textilien her.44 Dass dies ein Mittel sein konnte, die ärgste Armut zu lindern, sah auch der Rat, als er 1392 an arme Baslerinnen Baumwolle zum Verspinnen verteilte.46 Katharina Metzger, die Frau eines Webers, unterschlug 1392 vermutlich genau diese Baumwolle und wurde aus der Stadt verbannt. Der Betrugsversuch ist wohl am ehesten mit materieller Not zu erklären.47 Die bei beiden Geschlechtern weit verbreitete Textilherstellung war im Gegensatz zum Textilhandel wenig lukrativ. Das ganze 15. Jahrhundert hindurch gehörten die Mitglieder der Weberzunft zum ärmsten Teil der Bevölkerung. Ein grosser Teil der Textilarbeit war gar unzünftische Arbeit und damit noch prekärer.
Die Textilproduktion und insbesondere die Herstellung von Baumwollstoffen trug bereits moderne Züge. Die Produktion stützte sich auch auf maschinelle Arbeitsschritte, das Verlagswesen war die vorherrschende Betriebsform und die Produkte waren stark standardisiert.48 Die Arbeitsteilung und Modalitäten der Lohnarbeit lassen sich am Fall zweier Basler Frauen, Elisabeth von Basel und Adelheid Dachs, aufzeigen.
Elisabeth von Basel und Adelheid Dachs waren Teil eines Verlagssystems, das von einem Kaufmann und Junker aus Colmar namens Konrad zem Rüst betrieben wurde. Sie kamen aber nicht in direkten Kontakt mit Rüst, sondern eine Mittelsfrau lieferte Garn – und besorgte auf eigene Kosten zusätzliches Garn, als die Lieferung nicht ausreichte. Sie beauftragte danach auch das Einnähen von Falten in den Stoff. Diese Weiterverarbeitung lässt auf einen hochwertigen Stoff schliessen; nur eine kaufkräftige Kundschaft konnte sich Kleider leisten, die ein Mehrfaches der eigentlich notwendigen Stoffmenge benötigten. Schliesslich holte die Mittelsfrau den Stoff ab, rechnete mit den Arbeiterinnen ab und entlohnte sie, die Weberin vermutlich in barer Münze, die Näherin mit der Lieferung von Garn. Weber:innen arbeiteten vermutlich schon seit dem 14. Jahrhundert als Lohnarbeiter:innen im Auftragsverhältnis und setzten ihre Erzeugnisse nicht selbst auf dem Markt ab, wie das Schuhmacher, Metzger oder andere selbstständige Handwerker taten. Frauen führten in der Textilproduktion oft auch nur einen Arbeitsschritt aus. Der Herstellungsprozess war personell und räumlich verteilt und folglich weit entfernt von geläufigen Vorstellungen über einen vollständigen Herstellungsablauf in einer Werkstatt bis zum Verkauf. Lohnarbeit war für weite Kreise der städtischen Gesellschaft eine Realität, insbesondere, aber nicht nur unter nichtzünftischen Tagelöhnern und Dienstboten.
Elisabeth von Basel und Adelheid Dachs erhielten keinen Stundenlohn, sondern wurden für den ausgeführten Produktionsschritt bezahlt, indem eine bestimmte Summe pro Elle festgelegt wurde, was nur dank der Standardisierung des Produkts möglich war, wenn also Qualität und Breite bekannt waren. Elisabeth von Basel wusste anfangs nicht, dass die Mittelsfrau nicht auf eigene Rechnung wirtschaftete. Als ihr das klar wurde, ärgerte sie sich, nicht den doppelten Lohn verlangt zu haben. Dies weist auf die soziale Einbettung von Lohnvereinbarungen hin, denn offenbar war die Lohnforderung nicht nur von der auszuführenden Arbeit, sondern auch von persönlichen Beziehungen abhängig. Die Modalitäten der Anstellung ermöglichten es den Frauen, die Produktion in ihre übrigen Pflichten einzubinden. Das war ein typisches Muster für Frauenarbeit, die in guten Zeiten gerne genutzt, in schlechten Zeiten aber als unqualifiziert an den Rand gedrängt wurde.49
In einer ähnlichen Lage wie die Weberinnen waren die Schneider. Wer ein neues Kleid brauchte, kaufte beim Tuchhändler oder Krämer den entsprechenden Stoff. Den brachte er zum Schneider, der ihn für einen Macherlohn verarbeitete. Ein Fall aus dem Jahr 1495 zeigt das Verhältnis von Material- und Lohnkosten. Der Stoff in «drye farben rott wiss unnd himelblöw», den ein gewisser Schweinfurter beim Tuchmann Hans Hiltbrand kaufte, kostete etwas über vier Pfund. Der Schneider Lorenz Jacklin nähte daraus für ein Pfund ein «kleid». Dessen Herstellung schlug folglich nur mit einem knappen Fünftel zu Buche. Schneider arbeiteten meist im Auftrag, oftmals gar im Haushalt des Kunden, und wurden schlecht bezahlt.50 Die beiden Textilarbeiterinnen waren vermutlich keiner Zunft zugehörig, die Schneider hingegen schon. Prekär war die Lohnarbeit für sie alle.
Im obigen Fall der Baumwollherstellung im Verlagssystem waren abgesehen vom Colmarer Kaufmann alle Beteiligten Frauen. Offenbar konnten diese ohne Einschränkungen durch den Ehemann Aufträge annehmen. Während Frauen zu allen Zeiten ohne spezifische Ausbildung im Handwerksbetrieb des Mannes und im Nebenerwerb arbeiteten, gab es nur wenige Frauen, die selbstständig ein zünftisches Handwerk betrieben. Diese Möglichkeiten wurden im 16. Jahrhundert stark eingeschränkt, was jedoch nicht dazu verleiten soll, die Stellung der Frau im Handwerk des 14. und 15. Jahrhunderts zu überschätzen. Die Steuerlisten des 15. Jahrhunderts zeigen, dass die Verdrängung aus der Weberzunft schon zu dieser Zeit im Gange war.
Vor allem die einträglichen Arbeiten, das ‹Meisterwerk›, behielten sich die Zünfte und damit die Männer vor.51 Ausserhalb der Zunft wurde die Produktion von Schleiern (und allgemein Tüchern für die Kopfbedeckung von Frauen) geduldet. Auch wenn dies immer wieder zu Konflikten mit der Zunft führte, unter anderem weil diese Stoffe auch anders genutzt wurden, so konnte sich diese Weberei doch behaupten und ermöglichte den Frauen, ein gewisses Mass an Organisation aufzubauen. So wurde 1484 eine eigene Schau für die Schleier errichtet, und als Schiedspersonen im Konflikt mit den Webern setzte der Rat die städtischen Schaumeister als neutrale Instanz ein.52 Die Verdrängung der Frauen aus der Weberzunft bedeutete also, dass deren Textilarbeit weniger sichtbar wurde und ihnen der Zugang zu qualifizierter Ausbildung und Arbeit versperrt war. Um 1500 begann ausserdem die Verdrängung der Frauen aus der Werkstatt, wie sich anhand bildlicher Darstellungen von Werkstätten zeigen lässt. Das stützte sich auch auf den Ehrdiskurs der Handwerksgesellen, die ihre Ehre durch die Zusammenarbeit mit Frauen in der Werkstatt als gefährdet darstellten. Als Nische für handwerkliche Produktion neben der Schleierweberei blieben bis zur Reformation die Klöster. Die der Weberzunft daraus erwachsende Konkurrenz war ein wichtiger Faktor für die aktive Rolle der Weber in der Reformation.53
Eine besondere Nische für Frauen-Handwerk war das Heidnischwerk. Die Auftraggeber:innen stammten aus den reichsten Patrizierkreisen der Stadt. Die von bürgerlichen Vorstellungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert geprägte Forschung vermutete, dass adlige Frauen selbst die aufwendigen Textilarbeiten durchführten. Schon länger ist aber klar, dass spezialisierte Fachkräfte die Basler Wirkteppiche herstellten – was nicht immer einfach zu erkennen ist, da sehr oft die Auftraggeber:innen das Material, das Werkzeug sowie den Raum zur Verfügung stellten. In Inventaren finden sich gerade bei Wohlhabenden viele Hinweise auf Material, das für Heidnischwerk gebraucht wurde.54 Von der Kaufmannswitwe Margaretha Brand ist bekannt, dass um 1454 eine Heidnischwerkerin namens Barbara Langenstein bei ihr wohnte und in ihrem Auftrag arbeitete. Brand stiftete dem Kloster Klingental ein Altartuch, das wohl in ihrem Auftrag entstanden war.55
Heidnischwerkerinnen tauchen übers ganze 15. Jahrhundert in Steuerlisten und Gerichtsakten auf, konnten sich also behaupten. Das ist im Kontext einer vielerorts zu beobachtenden Professionalisierung in der Herstellung von Luxustextilien nicht selbstverständlich, denn die Schaffung von spezialisierten Werkstätten ging oftmals mit einer Verdrängung der Frauen einher, wie etwa das Beispiel englischer Stickerei zeigt.56 Einige Heidnischwerkerinnen konnten offenbar von dieser Arbeit einen Haushalt finanzieren, wenn sie auch nicht reich wurden. Von einer Wirkerin heisst es, sie habe sich nach der Hochzeit «allein gesetzt und heidnisch wergh gearbeytt», sich also selbstständig gemacht.57 Dass es sich dabei um professionelle Handwerkerinnen handelte, zeigt sich nicht zuletzt an zwei Wirkerinnen, die auch den Bildner, das heisst die Arbeitsvorlage, selbst herstellten. Dazu mussten sie die meist kleinere, von einem Künstler gelieferte Vorlage vergrössern und die Umsetzung mit verschiedenen Garnen planen.
Heute gilt Heidnischwerk als Textilkunst, doch die Trennung von Kunst und Handwerk war im 15. Jahrhundert noch nicht ausgebildet; der lateinische Begriff ars bezeichnet beides. Erst mit der Renaissance bildete sich die Figur des Künstlers als eigenständiger Schöpfer von Kunst heraus. Für die Zeitgenossen der Wirkerinnen galten diese wahrscheinlich ebenso als Kunsthandwerkerinnen wie die Kunstmaler. Die bürgerlichen Ideale späterer Zeiten hingegen sahen in den Textilkünstlerinnen Vorbilder für die Hausfrau, die sich in ihrer freien Zeit Textilarbeiten widmete.58 Die Umwälzungen im europäischen Textilhandel waren auch in Basel spürbar. Jedoch blieben die Baumwollverarbeitung und die Entwicklung des Vogelschürlitz als eigener Spezialität immer in einem kleinen Rahmen und zeigen die Grenzen von Wirtschaftspolitik und unternehmerischen Versuchen auf. Die Charakteristik der sich bildenden Textilregionen bestand nämlich darin, der Importabhängigkeit beim Rohstoff eine exportorientierte Produktion von Standardprodukten gegenüberzustellen. Diese Aspekte lassen sich auf eine gezielte Wirtschaftspolitik zurückführen.59 In Basel kann man eine obrigkeitliche Förderung mit ähnlicher Zielsetzung in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts beobachten. Die Konkurrenz war allerdings gross, und auch in anderen Städten, etwa Augsburg, durchlief die Textilproduktion im 15. Jahrhundert eine Krise.60 Spätere Versuche von Privaten, eine grössere Produktion aufzuziehen, scheiterten ebenfalls. 1474 floh ein Weber aus der Stadt, weil er sich dabei finanziell übernommen hatte. Das zurückgelassene Inventar umfasste verschiedene Webstühle und insgesamt 23 Schemel!61 Auch der Kaufmann Balthasar Irmy hatte 1492 mit seinem Versuch einer Grossproduktion von sechs Tuchen pro Woche kein Glück. Die Zünfte beharrten auf den Vorschriften, welche die Anzahl Webstühle eines Webermeisters limitierten.62
Die ältere Forschung sah das Scheitern einer Basler Exportproduktion im Widerstand der Weberzunft begründet. Insbesondere konnte diese verhindern, dass im ländlichen Umfeld der Stadt Verlagsweberei entstand, wie das in den Exportgebieten der Fall war. Dass die Einschränkung von kaufmännischer Tätigkeit den Export entscheidend bremsen konnte, zeigt der Niedergang des Leinwandexports in Konstanz, nachdem der dortige Rat den Handel mit Rohstoffen begrenzt hatte.63 Für die Zeit vor 1470 lagen die Gründe allerdings woanders. Eine starke Kaufmannschaft als wichtigste Voraussetzung für die Entwicklung einer exportorientierten Textilwirtschaft war in Basel zweifellos vorhanden.64 Gerade in der Zeit der obrigkeitlichen Förderung, also vor 1450, blühten die Basler Handelsgesellschaften. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sich die Kaufleute schlicht in lukrativeren Geschäften engagierten als im Vertrieb lokal hergestellter Textilien.
Kapital und Handwerk: Papier und Buchdruck
Im Jahr 1472 eröffnete in Basel die dritte Druckwerkstatt, auch Offizin genannt. Das Geschäft von Michael Wenssler aus Strassburg erlebte einen raschen Aufschwung; in den 1480er-Jahren führte er die grösste Druckerei Basels mit über zwanzig Angestellten. Dann aber bedrängten ihn zunehmend finanzielle Schwierigkeiten. 1487 konnte er den Konkurs noch knapp vermeiden, 1491 nicht mehr. Wenssler floh aus Basel, liess seine schwangere Frau zurück, kehrte kurz zurück und verstarb später in Lyon. Seine umfangreiche Buchproduktion – es sind rund 160 Auflagen erhalten – war inhaltlich eher traditionell ausgerichtet. Scholastische Literatur, Gesetzestexte und kirchliche Gebrauchsliteratur wie Breviere (bistumsspezifische Gebetsbücher) machten den Hauptteil aus. Als sich die Finanzlage verschlechterte, setzte Wenssler verstärkt auf die Gebrauchsliteratur, weil die Kirche vermeintlich einen sicheren Abnehmerkreis darstellte. Das rettete ihn jedoch nicht.
Wensslers Fall hat mit den typischen Risiken des Druckergewerbes zu tun. Der Buchdruck bedingte hohe Investitionen. Das Papier machte rund die Hälfte der Gesamtkosten aus, dazu musste vom Herstellen der Lettern bis zum Setzen ein hochgradig arbeitsteiliger Produktionsprozess finanziert werden, bevor das fertige Buch verkauft und der Erlös eingestrichen werden konnte. Drucker brauchten also einen langen Atem. Wie die meisten Basler Drucker war auch Wenssler auf die Geduld der Angestellten angewiesen – sie klagten wiederholt ihren Lohn ein – und auf fremdes Kapital. Seine Investoren gehörten zur wirtschaftlichen und politischen Elite der Stadt, darunter viele Kaufleute.66 Der wichtigste war sein Papierlieferant Jakob Steinacher, der 1490 die beträchtliche Summe von 660 Gulden einforderte. Wenssler verpfändete dafür seine wertvollsten Kleider und übergab seine ganze Werkstatteinrichtung an den Gläubiger. Steinacher mischte sich fortan in die Produktion ein und hielt sich damit schadlos. Auch im Konflikt mit den Angestellten sah das Gericht nun Steinacher als Leiter der Offizin und entschied, dass Steinacher diese entlohnen musste.67 Sowohl die Papierherstellung als auch der Buchdruck haben sich in Basel früh etabliert, und in beiden Bereichen entwickelte sich die Stadt schnell zu einem bedeutenden Standort. Migration spielte dabei die entscheidende Rolle. Die erste Basler Papiermühle errichtete zwar ein Einheimischer, die Technologie stammte jedoch aus Italien. Der Kaufmann Heinrich Halbysen d. Ä. hatte sie dort oder auch in Nürnberg kennengelernt.68 Der Transfer des Know-hows ist wohl auch der Präsenz von italienischen Gesandten am Basler Konzil zu verdanken. Der Papierbedarf des Konzils stellte zumindest einen indirekten Anreiz dar, als Halbysen die Allenwindenmühle ausserhalb von Kleinbasel zwischen 1433 und 1440 zur Papiermühle umbaute.69 Offensichtlich ist die zentrale Rolle der Migration bei der zweiten bedeutenden Gruppe von Papierherstellern, den Gebrüdern Galliziani aus dem Piemont, die um 1450 nach Basel kamen und in der Folge die lokale Papierherstellung prägten. Im 15. Jahrhundert waren in Basel acht Papiermühlen aktiv, zwei ausserhalb der Stadttore, ganze sechs im St. Alban-Tal.
Auch die ersten Buchdrucker waren fast ausschliesslich Migranten. Der erste, Berthold Ruppel, stammte aus Hessen und war vermutlich identisch mit einem Mitarbeiter von Johannes von Gutenberg mit demselben Namen. Wie dieser druckte er als Erstes eine Bibel, die jedoch nicht genau zu datieren ist; sie erschien zwischen 1468 und 1471. Bis zum Jahr 1500 zählte Basel siebzig Drucker in rund fünfundzwanzig Offizinen.70 Die Kunst des Druckens hat zwar Mainz erfunden, aus dem Dreck gezogen hat sie jedoch Basel – «Artem pressurae quanquam Moguncia finxit / E limo traxit hanc Basilea tamen»: So hiess es schon 1472 im Vorwort eines Buches aus der Werkstatt von Michael Wenssler.71 Papierherstellung und Buchdruck beruhten nicht nur auf technischen Errungenschaften, sondern brachten auch neue Arbeitsformen mit sich. Beide Gewerbe waren geprägt von einem langen Arbeitsprozess mit vielen Schritten und ausgeprägter Arbeitsteilung. Die Bezeichnung Papiermühle verweist auf den mechanisierten Arbeitsschritt des Stampfens, der mittels Wasserkraft angetrieben wurde und in Basel den Umbau bestehender Mühlen auslöste. Dabei wurden die Lumpen – Stoffreste aus Leinen, die zuerst einem Gärprozess ausgesetzt wurden – mindestens 36 Stunden mit nagelbesetzten Hämmern bearbeitet. Der entstandene Faserbrei wurde anschliessend verdünnt und in eine Bütte geleitet, wo der Schöpfer mit einem Drahtsieb das Papier schöpfte. Ein Leger nahm ihm das Papier ab und legte es fürs Pressen auf einen Filz. Stapelweise wurde das Papier mehrfach gepresst und anschliessend zum Trocknen aufgehängt. Im letzten Verarbeitungsschritt wurde das Papier geleimt, damit es nicht zu viel Tinte aufsog. Man verwendete dazu Leim aus eingekochten Schlachtabfällen. Abschliessend wurde das Papier mit einem Stein glattgestrichen. Nebst Schöpfer und Leger gab es Fachkräfte für die Bedienung der Stampfe. Wenig qualifizierte Arbeiten beim Sortieren und Zerreissen der Lumpen sowie beim Trocknen und Glätten des Papiers verrichteten oft Frauen und Kinder.72
Auch beim Buchdruck arbeiteten verschiedene, zum Teil hoch qualifizierte Fachkräfte zusammen. Das begann beim Schneiden der Buchstabenvorlage, was oft Goldschmiede übernahmen, und setzte sich fort beim anschliessenden Giessen der Lettern. Dann kam der Setzer ins Spiel, der in der Lage sein musste, die Vorlage fehlerfrei in den Seitenspiegel zu übertragen. Nach der Korrektur der Fahnen (d. h. eines Probedrucks) folgte der eigentliche Druckvorgang in der Presse. In der Frühzeit des Buchdrucks wurden die Seiten oft manuell nachbearbeitet, mit gemalten Initialen und farbigen Buchstaben (Rubrizierung), um neue Abschnitte oder wichtige Wörter hervorzuheben. Die Bücher verliessen die Druckerei in der Regel als lose Blätter und wurden erst vom Käufer gebunden, oft zusammen mit anderen Texten.73 Entsprechend lassen sich in Basel etliche Buchbinder nachweisen. Arbeitsteilung kam auch in anderen Handwerksbetrieben vor. Doch in Druckereien und Papiermühlen entstand eine Arbeitsteilung, bei der sich mehrere Produktionsschritte in Serie an einem Ort konzentrierten. Papiermühlen und mehr noch Druckereien bildeten die Frühformen von Manufakturen.
Die städtischen Kanzleien verwendeten schon seit Längerem immer häufiger Papier anstelle von Pergament; ab 1371 ist in den städtischen Rechnungsbüchern der Kauf von Papier nachweisbar. Im 14. Jahrhundert stammte das Papier fast ausnahmslos aus Italien. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts verdrängte französisches Papier das italienische, und Basler Papier vor allem aus den Mühlen der Galliziani kam auf. Letzteres konnte aber nur bedingt in die etablierten Vertriebskanäle eindringen. Anders war dies beim Buchdruck, wo vor allem die grossformatigen Folio-Drucke sehr oft Galliziani-Wasserzeichen aufweisen. Aber auch der Buchdruck stützte sich auf Importpapier, was vor allem auf die Verfügbarkeit nachgesuchter Formate zurückzuführen ist. Im Gegenzug dazu finden sich die Wasserzeichen der Basler Papiermühlen in einer grossen Region, die sich von Basel aus vor allem in nordöstlicher Richtung erstreckt. Papier und Bücher waren das wichtigste Basler Exportprodukt in einem Markt, der Spezialisierung – hier in Bezug auf Qualität und Format des Papiers – und Lieferbarkeit höher gewichtete als die Kosten, die beim Transport entstanden.74
Die Abnehmerkreise für Bücher waren je nach Werk unterschiedlich. Theologische und andere Lehrwerke in lateinischer Sprache konnten in ganz Europa abgesetzt werden, liturgische Gebrauchsliteratur in der jeweiligen Diözese. Die Drucker richteten ihre Produktion auf die Absatzmöglichkeiten aus. Ein Geleitbrief des Basler Rats von 1489 belegt, dass Michael Wenssler Bücher bis nach England schicken liess. Die Lieferung umfasste vier Fässer und einen kleineren Behälter.75
Die wichtigste Institution zum Verkauf von Büchern war die Frankfurter Messe. Während die Drucker andernorts Vertretungen unterhielten, waren sie in Frankfurt in der Regel selbst vor Ort. Die Bedeutung dieser Messe lässt sich auch daran ablesen, dass sich in den Gerichtsquellen immer wieder Drucker finden, die ihre Gläubiger auf die Rückkehr aus Frankfurt vertrösten, weil sie sich erhoffen, nach einem guten Absatz dort wieder flüssig zu sein.76 Der Buchdruck war von Anfang an auf einen überregionalen Markt ausgerichtet, der heimische Markt wäre deutlich zu klein gewesen. Im frühen 16. Jahrhundert mehren sich die Einträge zu Büchern in den Haushaltsinventaren. Ein einfacher Schuhmacher besass mehrere Bücher, ein Goldschmied über zwanzig und ein Amtmann gar über sechzig. Das zeigt, dass auch die Stadt selbst für den Verkauf von Büchern nicht völlig unbedeutend war.77 Auch die Abnehmer:innen von kleinen Gelegenheitsdrucken sind in Basel zu suchen. Zu diesen sogenannten Akzidenzdrucken gehörten Kalender und Einblattdrucke wie Ablassbriefe und Verlautbarungen für kirchliche Auftraggeber.
Die Forschung zum Basler Buchdruck hat die Rolle Basels in der humanistischen Gelehrtenkultur betont. Ein Blick auf die bis 1500 gedruckten Werke zeigt zwar, dass dieser Bereich nur einen kleinen Teil der Produktion ausmachte. In Basel lassen sich aber schon früh qualitative Neuerungen feststellen, die in einer humanistischen Tradition standen. So war Johannes Amerbach einer der bedeutendsten Herausgeber humanistischer Literatur und druckte schon 1478 mit griechischen Lettern, während andere noch Lücken liessen für die manuelle Ergänzung griechischer Ausdrücke. Er war es auch, der 1486 als Erster mit einer neuartigen, aus Italien kommenden Schrift druckte, der Antiqua. Die humanistisch ausgerichteten Drucker als Unternehmer bemühten sich, in einem Markt mit zunehmender Konkurrenz zu bestehen, indem sie ihre Bücher sorgfältig ausarbeiteten und reich illustrierten. Insgesamt war es jedoch nicht der Humanismus, der den Buchdruck zur Blüte brachte, sondern eher der blühende Buchdruck, der Humanisten nach Basel lockte.78
Auch der Zusammenhang zwischen Buchdruck und Universität war anfangs lose. Einige der frühen Drucker, darunter Michael Wenssler, sind zwar in den Matrikellisten der Universität zu finden. Aber erst als der Druck etabliert war, bildete sich eine enge Verbindung von Bildung, Forschung und Buchdruck heraus. Jeweils relativ unabhängig von den anderen Faktoren entstanden, verbanden und beflügelten sich schliesslich in Basel die drei Faktoren Universität, Papierherstellung und Buchdruck. Viele Fälle von anderen Städten zeigen, dass das Blühen eines Zweiges keineswegs abhängig war vom Bestehen der anderen, deshalb sticht diese enge Verbindung besonders heraus.79 Papierherstellung und Buchdruck bedingten eine bestimmte Betriebsgrösse, um funktionieren zu können, und bei beiden machten sich die Investitionen nicht sofort bezahlt. Genau wie Michael Wenssler konnten die meisten Papiermacher und Drucker den Kapitalbedarf nicht selbst decken. Im Fall der Papiermühlen lässt sich das fehlende Eigenkapital meist beim Erwerb der Mühlen erkennen, der fast durchgängig mit der Aufnahme von Hypotheken in Form von Renten verbunden war. Dies führte dazu, dass Papiermühlen zu den wertvollsten städtischen Liegenschaften gehörten und sehr hoch mit Renten belastet waren. Bei den Druckern hingegen waren weniger die Anfangsinvestitionen von Belang als vielmehr laufende Investitionen vor allem für den Kauf von Papier, was sich nicht zuletzt in der Verschuldung bei Papiermachern äussert. Die neuen Technologien stellten somit ein unternehmerisches Risiko dar, das sich oft auszahlte – aber nicht immer. Anton Galliziani etwa legte einen steilen Aufstieg zum Kaufmann hin. Anderen erging es wie Michael Wenssler. Um ihren finanziellen Einsatz zu begrenzen, arbeiteten viele Drucker im Auftrag von Kaufleuten, die das Risiko trugen – und zwar anders als Wenssler freiwillig.80
Buchdruck und Papierherstellung unterstanden als freie Künste keiner Kontrolle durch die Zünfte. Das ermöglichte erst die dafür nötigen grossen Werkstätten. Viele Drucker und Papierer wurden trotzdem Mitglied einer Handelszunft, weil sie ihre Produkte selbst vertreiben wollten. 1487 forderte die Schlüsselzunft den Buchhändler Andreas Helmut auf, der Zunft beizutreten oder aber seine Tätigkeit einzuschränken. Bei den Papiermachern zeigt sich, dass fast durchweg safranzünftig war, wer selbst einen Betrieb führte. Neben wirtschaftlichen Motiven mochte auch die Integration in die städtische Gesellschaft beim Zunftbeitritt eine Rolle spielen. Die neuen Gewerbe waren zwar der Migration zu verdanken, wurden aber schnell in die städtische Wirtschaft eingebunden. Die Basler Kaufleute erkannten den Vorteil der Zunftbefreiung und investierten bereitwillig und in grossem Stil, was den Aufschwung erst ermöglichte.81
Eine gezielte städtische Förderung lässt sich nicht nachweisen, sie geschah eher durch Duldung, insbesondere der Immigration. Zollermässigungen erhielten der Papier- und Buchhandel erst gegen Ende des Jahrhunderts, als sie bereits etabliert waren.82 Es gab einige wenige städtische Eingriffe, darunter das auf zehn Jahre angelegte Verbot von 1471, im St. Alban-Tal neue Papiermühlen in Betrieb zu nehmen – was aber nicht die Papierherstellung einschränken, sondern die Versorgung mit Mehl sicherstellen sollte. Erste Ansätze zur Zensur zeigten sich im Jahr 1500, als der Rat im Kontext des Schwabenkrieges verbot, «Schmach und Spott» zwischen der Schweiz und Österreich weiter anzuheizen.83
Die Betreiber der Papier- und Druckbetriebe waren kaum noch Handwerker, sondern Unternehmer und Händler geworden. Von den neunundvierzig namentlich bekannten Papiermachern bis 1500 waren neunzehn italienischer Herkunft. Die eigentlichen Arbeiter:innen in den Betrieben, seien es qualifizierte Handwerker oder Handlanger:innen, sind viel schwieriger zu fassen. Gemäss Steuerlisten umfassten Haushalte von Basler Papiermühlenbetreibern durchschnittlich sieben bis acht Mitarbeiter – dazu kamen all jene, die zwar als Gesellen oder Hilfskräfte angestellt waren, aber in einem eigenen Haushalt lebten. Vom grössten Teil dieses Personals ist nicht einmal ein Name überliefert, nicht zuletzt deshalb, weil sie eben keiner Zunft zugehörig waren. Das traf für drei Viertel aller Handwerker und Handlanger:innen in der Papierherstellung zu. Noch mehr namenlose und unzünftische Angestellte waren im Buchdruck engagiert. In den 1470er-Jahren lebten zwischen fünfzig und fast siebzig Druckergesellen in den Haushalten der Drucker. Später wurden die Haushalte kleiner, wohl weil viele Druckergesellen nicht mehr bei ihren Arbeitgebern wohnten.84
Über die konkreten Arbeitsbedingungen all dieser Angestellten lässt sich kaum etwas erfahren. Man vermutet, dass die Löhne eher hoch waren.85 Wie andere auch, waren ihre Meister mit der Lohnzahlung oft im Verzug, und sie mussten diese gerichtlich einfordern. Ob sie als Nichtzünftige einen geringeren Schutz vor schlechter Behandlung hatten, ist nicht zu klären, zumindest konnten sie sich in Arbeitskonflikten an das Stadtgericht wenden. 1471 vermittelte dieses einen Vergleich zwischen den «meistere, so die büchere trucken» – gemeint waren damit wohl Bernhard Richel und Berthold Ruppel, die wie viele Drucker gemeinschaftlich arbeiteten86 – und «iren knechten». Letztere sollten «uff hüt wider an ir werk gon», dieses den Meistern «nutzlich» und «erlich» ausführen und auch «kein büntnis under inen selbs machen». Im Gegenzug sollten die Meister ihre Gesellen angemessen behandeln «mit essen, trinken oder anderm». Wer künftig nicht zufrieden sei, könne den Vertrag auflösen, wobei dem Knecht der Jahreslohn anteilsmässig geschuldet war.87 Die Druckergesellen traten ähnlich wie die Schleierweberinnen vor Gericht als Gruppe auf und hatten auch gemeinsam die Arbeit niedergelegt. Der Konflikt um Essen und Trinken kann darauf verweisen, dass die Knechte Teil des Druckerhaushalts waren, muss jedoch auch vor dem Hintergrund interpretiert werden, dass Verköstigung im Spätmittelalter häufig ein sehr wichtiger und vor Teuerung geschützter Lohnbestandteil war. Auf den ersten Blick erstaunlich ist das Verbot eines Bündnisses. Dieses ist jedoch nicht als Verbot von zunftähnlichem Zusammenschluss zu lesen, sondern diente zur Verhinderung einer Verschwörung – die letztlich als gegensätzlich zum Zunftprinzip wahrgenommen wurde.
Zünfte und neue Arbeitsformen
Die Rolle der Zünfte war vielfältig und nicht auf die Wirtschaft beschränkt, wie ihre religiösen und sozialen Aufgaben zeigen. Ihre wirtschaftliche Bedeutung war zweischneidig: einerseits schützten sie ihre Mitglieder vor Konkurrenz, andererseits dominierten Regulierung und Kontrolle. Es ist wohl kein Zufall, dass die innovativen Exportprodukte (Papier und Bücher) in nicht zünftisch kontrollierter Produktion entstanden. Die Kaufleute, die beides vertrieben, waren aber in der Regel Mitglied einer Handelszunft. Im Bereich des Handels erwiesen sich die Zünfte eher als innovativ. Zünfte waren die zentralen Institutionen im Verteilkampf um Arbeitseinkommen. Die Abgrenzung von nichtzünftischer Konkurrenz konnte aber nicht verhindern, dass auch viele zünftische Lohnarbeiter:innen in prekären Verhältnissen lebten. Die Zünfte waren eben nicht einheitlich, es gab wie beschrieben ein grosses Gefälle innerhalb der Vereinigungen, aber auch zwischen ihnen – mit einer klaren Dominanz der reichen Angehörigen von Handelszünften.
Während nach wie vor viele Handwerke alle Arbeitsschritte der Produktion ausführten und ihre Erzeugnisse selbst vermarkteten, stieg der Anteil an Personen, die in stark arbeitsteiligen Prozessen involviert waren. Frauen, die Lumpen zerrissen oder Falten einnähten, und Männer am Schöpfbottich oder an der Druckpresse führten nur noch einen kleinen Arbeitsschritt aus und verloren damit den Überblick und auch die Kontrolle über einen Herstellungsprozess. Dieser geriet immer stärker in die Hände von Kaufleuten, die als Investoren zu frühkapitalistischen Unternehmern wurden. Deren Angestellte waren oft Teil der grossen Gruppe von städtischen Working Poor,88 zu denen auch die vielen nichtzünftischen Tagelöhner:innen und Dienstboten gehörten.