Einleitung: Ein Berberaffe im Latrinenturm

Lucas Burkart

In: Stadt in Verhandlung. 1250 – 1530 | S. 11-19 | DOI: 10.21255/sgb-03.00-910023 | Lizenz: CC BY-NC 4.0

2020 wurde in einer archäologischen Grabung am St. Alban-Graben das Skelett eines Berberaffen aus dem 14. oder 15. Jahrhundert geborgen. Im weichen Sediment eines Latrinenturms hatten sich die Knochen zwischen Speiseresten, Hausrat und Bauschutt erhalten. Die Analyse legt nahe, dass dieser in Nordafrika heimische Affe in Basel als exotisches Haustier gehalten wurde.1 Die Entdeckung ist aussergewöhnlich. In ganz Europa sind nur wenige vergleichbare Funde bekannt, und die schriftliche Überlieferung weiss von tierischen Affen in Basler Haushalten der Zeit nichts zu berichten. Selbst der Konzilssekretär und spätere Papst Enea Silvio Piccolomini, zu dessen päpstlicher Haushaltung in Rom solche Tiere zählten, erwähnt in seiner Beschreibung Basels nichts Derartiges.

Für die Geschichtsschreibung zu Basel im Spätmittelalter bot aber gerade Piccolominis Text lange Zeit die Vorlage. Insofern bietet der Berberaffe für den vorliegenden Band einen willkommenen Anlass, Fragen zur städtischen Geschichte zu stellen und Aspekte zu beleuchten, welche die Forschung bisher weniger beschäftigt haben. Wie mag das Tier von Afrika nach Basel gelangt sein? In welchem sozialen Milieu war es damals üblich, ein exotisches Haustier zu halten, und wozu? Schliesslich, welches historische Verhältnis von Menschen zur Natur zeigt sich im Schicksal des Berberaffen, der ja nicht nur als Haustier gehalten, sondern nach seinem Ableben in einer Latrine entsorgt worden ist? Der Fund des Affen im Latrinenturm regt dazu an, jüngere Ansätze der Forschung für eine Geschichte Basels fruchtbar zu machen und dabei bewährte Vorstellungen und Narrative der Epoche des Spätmittelalters kritisch zu reflektieren und zu erneuern.

Diese Anliegen greift die hier vorgelegte Darstellung mit ihrem Titel ‹Stadt in Verhandlung› ebenso auf wie in ihrer Gliederung. Sie folgt keiner strengen Chronologie, sondern schafft in acht Kapiteln thematische Zugänge zur Basler Geschichte zwischen 1250 und 1530. Es wird damit die Vielfalt gesellschaftlicher Akteur:innen und geschichtswissenschaftlicher Perspektiven gegenüber der Vorstellung eines linearen Geschichtsverlaufs gestärkt. Für diese hat die ältere Forschung im Motiv der ‹Emanzipation› eine starke Erzählung gefunden. Dabei wurde Emanzipation durchaus vielfältig verstanden – politisch, religiös und wirtschaftlich –, jedoch zugleich mit Blick auf ein Erreichen vermeintlicher historischer Ziele der Basler Geschichte verwendet: die Emanzipation des städtischen Rats von der Bischofsherrschaft, die punktuelle und vorübergehende Überwindung der städtischen Ökonomie aus den Beschränkungen zünftischer Wirtschaftsordnungen, der Beitritt Basels zur Eidgenossenschaft 1501 oder schliesslich die Emanzipation der Gläubigen von der römischen Kirche in der Reformation.

So richtig einzelne Beobachtungen auch heute noch sein mögen, liegt ihnen dennoch keine allgemeine Gültigkeit, lineare Entwicklung oder vermeintliche Zielorientierung der Geschichte zugrunde. Doch in exakt diesem Sinn verstand die ältere Forschung ‹Emanzipation› und erhob sie zur ‹grossen Erzählung› der Basler Geschichte, die sich ihrerseits passend in ein allgemeines Modernisierungsnarrativ einschrieb. Der vorliegende Band bricht bewusst mit dieser historiografischen Tradition auch durch eine thematische Gliederung, die andere Erzählungen nahelegt. In derartigen Neuausrichtungen verliert möglicherweise auch der Fund eines Berberaffen im Latrinenturm den Status einer Kuriosität und eröffnet Fragehorizonte, die nicht mehr ausserhalb, sondern im Zentrum der Darstellung zu liegen kommen.

Mit den Deutungsverschiebungen der jüngeren Forschung hat die Historiografie zu Basel Anteil an Tendenzen und Entwicklungen im Fach insgesamt. Dabei haben verschiedene Trends und Turns, Methoden und Theorien die Perspektiven bereichert. Zahlreiche Einzelstudien zur Stadtgeschichte, zu bischöflicher Herrschaft, zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, zur Geschlechter-, Kultur- und Objektgeschichte und zur Verflechtungsgeschichte haben Zugänge geschaffen, in denen sich das (Spät-)Mittelalter nicht nur in Basel neu beleuchten und untersuchen lässt. Für stadtgeschichtliche Untersuchungen haben sich Anregungen aus Nachbardisziplinen als besonders fruchtbar erwiesen. Neben den in Museen und Sammlungen verwahrten Kunstschätzen wurden vermehrt auch (Alltags-)Objekte als Teil der materiellen Kulturen des Spätmittelalters erforscht, an denen weite soziale Kreise teilhatten. Schliesslich fanden auch die zum Teil bereits länger bekannten Funde und Ergebnisse archäologischer Forschung Eingang in stadtgeschichtliche Untersuchungen. Für Basel gilt das in ausgeprägtem Masse.

Ein wesentliches Ergebnis dieser Entwicklung besteht darin, dass vermehrt neue Gruppen als im Geschichtsverlauf wesentliche Akteur:innen ausgemacht und beschrieben werden; damit geht eine Pluralisierung historischer Handlungs- und Interaktionsfelder einher, die intensiver untersucht werden. Insgesamt trägt dies zu einem differenzierteren Tableau von Ereignissen und Prozessen bei und verbessert das Verständnis des Zusammenwirkens von Handlung und Struktur in historischen Gesellschaften. Vermeintlich distinkte Bereiche, die als Dichotomien lange Zeit historiografisches Erzählen dominiert haben, werden so durchlässiger und fluider. ‹Kirche und Stadt› wird zu ‹Kirche in der Stadt› und befreit sich dadurch vom Ballast weitgehend moderner Vorannahmen, die sowohl den Blick auf die Bedeutung von Kirche und Religion etwa für die städtische Ratspolitik verstellen, wie sie die wirtschaftlichen Interessen und Teilhabe etwa eines Frauenklosters im städtischen Immobilienmarkt übersehen. In diesem Sinn ist der Titel des vorliegenden Bandes ‹Stadt in Verhandlung› programmatisch zu verstehen; er möchte die Arrangements einer spätmittelalterlichen Stadtgesellschaft in ihren inneren wie äusseren Funktions- und Wirkungsweisen als Aushandlungsprozess in vielfältigen Bereichen, von unterschiedlichen Kräften und hoher Dynamik verstehen und darstellen.

Der Bandtitel ‹Stadt in Verhandlung› stellt eine Denkfigur bereit, welche verschiedene Perspektiven, widerläufige Entwicklungen, Ambivalenzen und allgemein die Offenheit historischer Prozesse betont. In den Kapiteln werden die divergierenden Kräfte innerhalb der städtischen Gesellschaft sowie in ihren Aussenbeziehungen als Handlungen und Strukturen beschrieben, die immer aufs Neue Gegenstand von Verhandlungsprozessen waren: ‹Stadt› wurde sozial, wirtschaftlich, religiös und politisch ver- und ausgehandelt. Der Zeitraum zwischen 1250 und 1530 zeichnet sich auch dadurch aus, dass sich die Gruppen derjenigen veränderten, die an diesen Verhandlungen teilhatten; neue Akteur:innen kamen hinzu, andere verloren ihre Bedeutung in diesen Prozessen.

Schliesslich lässt sich mit dem Titel auch die doppelte Natur des historischen Forschungsprozesses fassen: als Auseinandersetzung mit den aus dem Untersuchungszeitraum überlieferten Quellen sowie als Verhandlung mit der bereits vorliegenden Forschung. Beide Aspekte sind miteinander verbunden und müssen dennoch immer wieder voneinander geschieden werden, um einen eigenen, neuen Blick auf die Vergangenheit gewinnen zu können.

Der vorliegende Band verhandelt die Geschichte Basels zwischen 1250 und 1530 in acht thematisch aufgebauten Kapiteln. Wurde in älteren Darstellungen Kirche, Frömmigkeit und vorreformatorischer Glaube als gleichsam mittelalterliches Relikt häufig in einem separaten Kapitel behandelt, beginnt der vorliegende Band bewusst mit diesem Themenkomplex. Dabei wird auch das enge Band in Erinnerung gerufen, das im Mittelalter zwischen ‹Glaube und Wissen› bestand. Wissen als Tradition und Innovation war gleichermassen untrennbar mit der Kirche und ihren Einrichtungen verbunden. In Predigt und Seelsorge fand die christliche Kosmologie weite Verbreitung und durchdrang alle Lebensbereiche. Auch jenseits der Theologie prägte die kirchliche Ideologie Wissensbereiche religiös. Dies gilt für neue Technologien in Agrarwirtschaft, Ökonomie und Energiegewinnung ebenso wie für die Begegnung der christlichen Mehrheitsgesellschaft mit anderen Religionen.

Vergleichbar präsent war für die städtische Gesellschaft die Frage nach Ressourcen, ihrer Beschaffung sowie entsprechender Regimes geteilter Nutzung. In dieser Perspektive endet die Stadt weder am Mauerring noch an der Bannmeile, sondern zeigt sich als tief in die lokalen Ökologien und transregionalen Güterströme eingebettet und mit diesen verflochten. Für Basel erweisen sich die Wasserläufe von Rhein, Wiese, Birs und Birsig bereits topografisch und damit auch mit Blick auf die urbanistische Entwicklung als besonders prägend. Zugleich blieb das Verhältnis zur Natur und ihren Ressourcen anfällig für Störungen und Katastrophen; Missernten, Erdbeben, Fluten, Brände und Seuchen bedrohten städtisches Leben häufig existenziell. Das Kapitel ‹Ressourcen für die Stadt› beleuchtet, wie solche Krisen nur in gemeinschaftlichen Regimes zu bewältigen waren, wie auch die Ausscheidungen des Stadtkörpers eine anhaltende Herausforderung für das Gemeinwesen darstellten.

Im Anschluss taucht die Darstellung in die kleinste Einheit städtischer Lebensformen ein: die Haushalte. Diese ebenso sozialen wie ökonomischen Formationen banden materielles und symbolisches Kapital gleichermassen. Dabei zeigt sich im Wohlstand eine weit geöffnete Schere. In ‹Haushalt, Unterhalt, Konsum› ist der Blick in die Häuser und ebenso auf deren Ausstattung gerichtet; neben der erhaltenen Bausubstanz geben archäologische Funde ein Bild vom städtischen Alltag, auch wenn der Grossteil der Überlieferung das Leben sozialer Eliten spiegelt. Im Haus wurden schliesslich auch Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen gelebt, wobei die Obrigkeit hierfür einen rechtlichen Rahmen vorgab. Schliesslich galt es für den Erhalt eines Hauses zu sorgen, wofür Eheschliessungen und Erbschaften die wichtigsten Instrumente darstellten.

Ihr stadträumliches Pendant finden die Haushalte in den ‹Orten der Stadt›. Zunächst bestimmte die Topografie den Charakter der Siedlung; zweigeteilt durch den Rhein, verbunden durch die Rheinbrücke, seit 1392 auch politisch eine Einheit mit anhaltenden (feinen) Unterschieden. Zudem griff städtisches Leben bald über den Mauerring hinaus: die Vorstädte entstanden. Zur Stadt wurde der physische Raum aber erst durch Vergesellschaftung. Zünfte und Gesellschaften organisierten das Leben und bildeten mit ihren Trinkstuben städtische Orte aus. Für Feste, Prozessionen, Turniere und Wettkämpfe bot der Stadtraum die Bühne, auf der sich die städtische Gesellschaft inszenierte – für sich selbst ebenso wie für ein auswärtiges Publikum. Bei solchen Gelegenheiten wurde aber nicht nur städtische Zusammengehörigkeit beschworen, sondern auch soziale Distinktion reproduziert und mancher Konflikt ausgetragen. In der physischen Stadt wurde schliesslich auch Raum für die ‹Anderen› geschaffen, teils durchlässig, teils klar markiert.

Die beiden folgenden Kapitel untersuchen die wirtschaftliche Grundlage und Entwicklung Basels im Spätmittelalter. Unter den Stichworten ‹Hand-Werk und Lohn-Arbeit› und ‹Handel und Kapital› behandeln sie allgemeine Phänomene wie die zunehmende Monetarisierung, die gesteigerte Arbeitsteilung oder die dynamische Entwicklung des Fernhandels. Diese bildeten den Rahmen für eine Analyse der städtischen Wirtschaft in ihren lokalen Ausprägungen und überregionalen Netzwerken. Wie jede Stadt wies auch Basel hoch diverse Formen des Wirtschaftens auf; sie reichten von Bettel und Taglöhnerei bis zu Hochfinanz und Handel, mit dem der Reichtum erwirtschaftet wurde, der Basel von anderen Städten unterschied. Flankiert von einer geschickten Wirtschaftspolitik wurde dieser Reichtum weiter vermehrt. Dies kam der Ansiedlung kapitalintensiver Wirtschaftszweige wie dem Buchdruck ebenso zugute, wie es Basel am Ende des 15. Jahrhunderts zum wichtigsten Finanzplatz am Oberrhein machte. Doch am Aufschwung der städtischen Wirtschaft partizipierten längst nicht alle – und schon gar nicht alle gleich. Die Entlöhnung für Arbeit war oft gering, häufig musste der Lohn vor Gericht erstritten werden. Der wirtschaftliche Aufschwung verstärkte auch ökonomische Ungleichheit.

Den Band beschliessen zwei Kapitel zur sozialen, politischen und kriegerischen (Un-)Ordnung der Stadt und ihrer Einbettung in die überstädtischen Kontexte von Allianzen, Bündnissen, Konkurrenzen und Konflikten. Die Verdichtung, die eine Stadt in vielerlei Hinsicht darstellt, erfordert Ordnung, die stets aufs Neue zu schaffen ist, während sie tagtäglich infrage gestellt wird. ‹Ordnung und Aufruhr› sind die Pole, zwischen denen städtischer Alltag dauerhaft oszillierte. Normative Vorgaben, physische Gewalt und symbolische Kommunikation kollidierten dabei ebenso häufig, wie sie gemeinsam dazu beitrugen, Ordnung zu verhandeln. In diesen Prozess war die gesamte Bevölkerung involviert, waren doch zahlreiche Lebensbereiche von Ordnungsvorstellungen geprägt. Im Untersuchungszeitraum stellte aber nicht nur der Erhalt der Ordnung eine dauerhafte Herausforderung dar, sondern es wandelten sich auch die Zuständigkeiten. Gerade im Innern existierten lange Zeit verschiedene Machtpole, die stets in Bezug zum Bischof standen. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts kristallisierte sich zunehmend der Rat als derjenige Ort heraus, der in unterschiedlichen Lebensbereichen als Obrigkeit auftrat und Ordnungsanspruch erhob. Dies betraf zunehmend auch kirchliche Belange, sodass Kirche und Stadt vermehrt im Gegensatz zueinander auftraten, dessen Kulminationspunkt in der Vertreibung des Bischofs als weltlicher Herr 1521 einerseits und der Reformation 1529 andererseits erreicht wurde.

Mit ‹Krieg und Frieden› blickt der Band zum Schluss auf die politischen Aussenbeziehungen der Stadt. Dabei gelten auch für das Spätmittelalter kriegerische (Klein-)Konflikte als der Normalzustand, anders als es die westeuropäische Erfahrung heutiger Generationen nahelegt. Umgeben von zahlreichen politischen Akteuren – Reich, Habsburg, Eidgenossenschaft, Burgund und lokale Adelsherrschaften –, die selbst dynamischen Entwicklungsprozessen unterlagen, fusste die städtische Aussenpolitik auf einem Geflecht komplexer Bündnisse und Abkommen. Dessen Grundlage war bis 1521 das Bischofsrecht, mit dem der Bischof als weltlicher Fürst von Basel einst vom Kaiser ausgestattet worden war. Hinzu trat am Ende des 13. Jahrhunderts die ‹Handfeste›, mit welcher der städtische Rat als politischer Faktor Profil gewann. An den grossen kriegerischen Ereignissen des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts nahm Basel meist als Verbündeter eidgenössischer Orte teil: St. Jakob, Burgunderkriege oder Marignano. Krieg konnte aber nicht nur Leid, Schmerz und Tod bedeuten, sondern auch Triumph und Gewinn; er war bereits im Spätmittelalter ein lukratives Geschäft.

Die thematische Gliederung des Bandes betont nicht nur die Vielfalt an Akteur:innen, Lokalitäten, Perspektiven und Erfahrungen, sondern versucht, die untersuchten Aspekte in ihren Tiefendimensionen für die Stadt zu beleuchten. Um Fernand Braudels berühmte Metapher aufzurufen und sie zugleich zu modifizieren: Selbst die kriegerischen Ereignisse der Schlusskapitel werden in diesem Band weniger als Gekräusel auf dem Wellenkamm denn als Teil der tieferliegenden und langsameren Bewegungen des Wassers im Meer der Geschichte verstanden.2 Insofern steht auch der Fund eines Berberaffen im Latrinenturm paradigmatisch für die in diesem Band eingenommene Forschungsperspektive auf die Geschichte Basels im Zeitraum zwischen 1250 und 1530. Antworten auf die Fragen, die mit dem Fund des Affen aufgeworfen sind, liegen in einer Darstellung, welche die städtische Gesellschaft eingebettet in vielfältige Bezugssysteme schildert, die nach innen und aussen gleichermassen wirkten und historischen Eigenlogiken folgten. Damit lässt der vorliegende Band eine Sicht hinter sich, welche das Spätmittelalter darauf reduziert, den Kern späterer Entwicklungen in sich zu tragen.

Anmerkungen

  1. Schernig Mráz; Allemann 2021.
  2. Braudel 1992.