Der historische Wandel Basels zwischen 1250 und 1530 scheint augenfällig. Er zeigt sich als Entwicklung einer Bischofsstadt im Heiligen Römischen Reich hin zu einem territorial zwar kleinen, aber wirtschaftlich bedeutenden Stadtstaat am Oberrhein und Mitglied der Eidgenossenschaft. Doch dieser Blick bleibt oberflächlich und die Geschichte eindimensional. Denn wer genauer hinschaut, erkennt viele, auch widerläufige Entwicklungen einer Stadt im Wachstum – demografisch, wirtschaftlich, territorial und kulturell – und zugleich eines Gemeinwesens in vielfältigen Krisen und im Bemühen um deren Bewältigung. Eine lineare oder gar zwangsläufige Entwicklung lässt sich in dieser Dynamik höchstens im Rückblick behaupten. Zu oft wären ganz andere Entwicklungen denkbar gewesen, zu selektiv erscheinen die Aspekte, die für eine zielgerichtete Geschichte und ihren linearen Verlauf als ursächlich gelten. Zudem bleiben die von Historiker:innen geschaffenen Geschichtsbilder selbst wandelbar oder geraten gar in Vergessenheit. Ein treffendes Beispiel hierfür ist etwa die Nähe Basels zum Elsass. Obwohl die Verflechtungen und Beziehungen bis heute eng und vielfältig sind, hat sich die Stellung dieses nördlich vor den Toren der Stadt gelegenen Umlands im Geschichtsbild grundlegend gewandelt. Als zentrale Versorgungsregion war das Elsass über Jahrhunderte selbstverständlicher Teil der Stadt, während es im heutigen Imaginaire spürbar an den Rand oder gar darüber hinaus, hinter die Landesgrenze, gerückt ist.
Mit dem Titel ‹Stadt in Verhandlung› schlägt der vorliegende Band vor, die historische Dynamik zu fassen, in der sich unterschiedliche soziale Gruppen, divergierende Interessen, vielfältige Beziehungen und Verflechtung innerhalb wie ausserhalb der Stadt zeigen. Im Blick der Zeitgenossen auf die Welt und die Geschichte sowie die Stellung Basels darin lässt sich diese Dynamik ebenfalls ausmachen. Hier sollen deshalb, im Sinne eines Fazits, historische Vorstellungen von Basel als Stadt beleuchtet werden. Denn eine Geschichtsschreibung, die ein systematisches Interesse an Basel aufweist, ist überhaupt erst im 13. Jahrhundert entstanden.
Im Gegensatz zu anderen Städten am Oberrhein und in der Eidgenossenschaft entwickelte sich im spätmittelalterlichen Basel keine vom Rat in Auftrag gegebene Geschichtsschreibung. Umso reicher ist die Überlieferung jedoch an individuellen Zeugnissen, deren Blick auf Basel facettenreicher ist als eine amtliche Historiografie. Ein höfisches Lobgedicht gehört ebenso dazu wie die Chroniken bischöflicher Dienstleute und von Klerikern, aber auch das nach dem Erdbeben 1356 aus städtischen Akten gewonnene ‹Rote Buch›, das Städtelob eines Humanisten, das Tagebuch eines Münsterkaplans oder die Darstellung der Armagnakeneinfälle 1444–1446 aus der Hand eines Bäckermeisters. Historiografiegeschichtlich ist diese Heterogenität der Perspektiven und Darstellungsinteressen charakteristisch für Basel und sollte sich über die Reformation hinaus fortschreiben.1
Die Überlieferung setzt im 13. Jahrhundert ein. Bereits hier ist sie thematisch breit, auch wenn ihre Anzahl im Vergleich zur späteren Zeit noch gering bleibt. In einem Lobgedicht auf die rheinischen Städte von Konstanz bis Köln (wohl) aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wird Basel ausführlich behandelt.2 Mit starken Mauern und festen Türmen gut befestigt, zähle die Stadt mehr als fünfzig Ritter, die nie anders als siegreich zu Frau, Kindern und Gesinde heimkehrten. Das grösste Lob aber habe Basel davon, dass hier Partikel vom Kreuz und vom Blut Christi verwahrt und verehrt würden. Basel erscheint hier als sakrales Zentrum, an dem der lokale Ritteradel ein standesgemässes Leben führte. Hingegen werden der Bischof als Stadtherr und das städtische Gewerbe, welche die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen hierfür bildeten, mit keinem Wort erwähnt.
Aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert hat sich eine andere Sicht auf die Stadt erhalten. Von seiner Warte beschreibt ein namentlich unbekannter Dominikaner Basel als blühende Stadt, die an männlicher und weiblicher Geistlichkeit ebenso zugenommen habe wie an Wissen. Seine Chronik spiegelt jedoch keine exklusiv klerikale Sicht mehr. Vielmehr beleuchtet er die wechselseitig produktive Beziehung zwischen urbaner Lebensform und der Frömmigkeit der beiden grossen Reformorden des 13. Jahrhunderts. In diesem Sinn hält er alles aus seiner Sicht Wissenswerte fest: die Verbesserung der Befestigung, die Verwandlung von Wäldern in fruchtbare Felder, die Verbreitung neuer Tier- und Pflanzenarten sowie die Blüte, welche städtische Kaufleute und Handwerker erlebten. Die damit erzielten Gewinne flossen in Form frommer Stiftungen nicht zuletzt auch an die Bettelorden zurück und trugen damit zu deren anhaltendem Aufstieg bei.
Der historiografische Perspektivenwechsel, der mit dem Colmarer Dominikanerchronisten einsetzt, darf als charakteristisch gelten. Zunächst lässt sich ab etwa 1300 eine dichtere Überlieferung feststellen, die weitgehend aus der Hand von Klerikern kommt. Das Gros historischer Darstellungen entstand dann jedoch in der Zeit nach dem Erdbeben von 1356. Inhaltlich richten sie sich meist auf die Stadt selbst, wo der Aufstieg von Handwerk, Handel und Gewerbe sowie deren wachsende Teilhabe an der städtischen Ratspolitik dargestellt wird. Aussenpolitisch stehen die Beziehungen zu den die Stadt umgebenden politischen Kräften im Zentrum, mit denen Basel mal befreundet, mal verfeindet, jedoch über die Instabilität politischer Koalitionen hinweg vielfältig verbunden war und blieb.
Ein wiederum anderer, moderner Blick auf die Stadt erfolgte in der Mitte des 15. Jahrhunderts. «Basel soll vor 80 Jahren so gründlich zerstört worden sein, dass keine 100 Häuser diese Katastrophe überdauerten. Das heutige Bild der Stadt bestätigt dies: sie ist wie in einem Zuge erbaut, überall modern …».3 So lauten die ersten Zeilen einer Beschreibung Basels aus dem Jahr 1434, die mit ihrer Unterscheidung verschiedener Quellen ihrerseits modern wirkt. Der Verfasser unterscheidet für seine Darstellung zwischen Informationen und deren (quellen)kritischer Einordnung. Modern mutet auch an, wie sich die Schilderung elegant verbindet mit ästhetischer Wahrnehmung, funktionaler Erörterung und einem zwinkernden Blick auf Basler Traditionen. Kirchen und viele Häuser seien mit bunten, glasierten Ziegeln gedeckt, die im Sonnenschein wunderbar glänzten. Deshalb zeige sich die Stadt am schönsten, wenn man von oben auf sie blicke. Auf den Firsten nisteten unbehelligt Störche, denn die Basler glaubten, wenn man einem Storch ein Junges nehme, bringe er Feuer ins Haus.
Der Eindruck des Modernen ist kein Zufall, stammt das Zitat doch von einem ‹modernen› Mann, dem humanistisch gebildeten Italiener Enea Silvio Piccolomini, der 1432 zum Konzil nach Basel gekommen war. In seiner Beschreibung verbindet Piccolomini Augenzeugenschaft geschickt mit politischer Patronage; nicht zuletzt widmete er den Text seinem Dienstherrn, auf dessen Gunst er angewiesen war. Damit offenbart die Schilderung das humanistische Paradigma einer Verzahnung von Ästhetik und Politik als Perspektive der eigenen Wahrnehmung. Architekturtypologische Konzepte, die ihm als italienischem Humanisten bekannt waren, leiten den Blick des Konzilssekretärs bei seiner Beschreibung des städtischen Raums, seiner Gebäude und sozialen Funktionen – der Kirchen, der Bürgerhäuser, der Gassen und Plätze. Um Zweckmässigkeit und Ästhetik dieser Anlagen kreisen Beschreibung und Lob.
Die physische Erscheinung der Stadt war ein Mass ihrer Schönheit und gab Kunde vom sozioökonomischen und politischen Zustand des Gemeinwesens. Die ‹Modernität› dieser Perspektive liess sich mit älteren Traditionen verbinden. Auch Piccolomini begann die Beschreibung der Basler Gebäude mit den Kirchen, den «Tempeln der Heiligen». Auch er erwähnte das fruchtbare Umland, das über seine Versorgungsfunktion hinaus kaum der Rede wert war. Schliesslich behandelte auch er die dominierenden sozialen Gruppierungen der Stadt und hielt eigens die Rechte des Adels fest. Dennoch bleibt sein Blick spürbar derjenige eines Auswärtigen. Die Innenwahrnehmung, die für die Historiografie noch für Jahrhunderte dominant bleiben sollte, war um 1500 jedoch noch weitgehend anderen Modellen verpflichtet. So zeigt sich im Zeremonienbuch des Kaplans Hieronymus Brillinger von 1517, wie stark die städtische Gemeinschaft um das sakrale Zentrum von Münster und Heiligenkult kreiste sowie auf die von der Geistlichkeit verwahrten Schätze und ihre liturgische Inszenierung hin ausgerichtet war.4 Selbst das häufig angespannte Verhältnis zum Bischof unterminierte die Gewissheit dieser Jenseitsorientierung nicht; längst war das Domkapitel, dem auch zahlreiche Mitglieder angesehener Ratsfamilien angehörten, zur städtischen Hüterin des spirituellen Kapitals avanciert. In Prozessionen, die das ganze Jahr hindurch stattfanden und dem liturgischen Kalender folgten, organisierte sich die Stadt als fromme urbane Gemeinschaft, der Laien und Kleriker gleichermassen angehörten.
Die gegenseitige Durchdringung von Stadtgesellschaft, Ratsherrschaft, Klerus und christlicher Jenseitserwartung spiegelt sich beispielhaft in einem Dokument aus der Zeit um 1500. Dieses hält bis ins kleinste Detail fest, wie eine Kerzenspende an die Besucher:innen der Messe zum Fest der Epiphanie (6. Januar, Erscheinung des Herrn) zu erfolgen habe. In Grösse, Gewicht und Machart der Kerzen spiegelt sich der soziale Status und das Prestige von Personen und Amtsträgern. Diese Quellennotiz muss als einseitige Wahrnehmung der bischöflichen Kirche verstanden werden; dennoch zeigt sie zwei Dinge. Erstens bestätigt sich darin, dass die Teilhabe der Stadtgesellschaft an der Seelenheilsökonomie der Kirche nicht nur der Phantasie klerikaler Autoren entsprang. Zweitens wirft sie ein Schlaglicht auf die ‹feinen Unterschiede› innerhalb der Stadtgesellschaft. Hunderte von Personen erhielten eine Kerze; die grösste von einem Pfund ging an den Bischof, die kleinsten wurden als Schülerkerzen bezeichnet, gingen also an die Studenten der Universität. Zugleich eröffnet das Dokument auch einen Blick auf politische Konkurrenz: ausgerechnet der städtische Rat wird nicht erwähnt. Denn aus Sicht der Bischofskirche ruhte die städtische Herrschaft weiterhin auf dem Dienst, den alle Amtsleute dem Bischof unterschiedslos schuldig waren. So boten Kerzenspende und Kirchgang eine Gelegenheit, diesen Anspruch wirkmächtig in Szene zu setzen. Die alleinige Verfügung über die spirituellen Güter sowie deren Vermittlung in Reliquienkult, Abendmahl und Liturgie erlaubten es der Kirche, die realen Herrschaftsverhältnisse derart offen nicht zu anerkennen.
Diese Quellen zeigen eine Stadt, die weiterhin stark von der Kirche geprägt war. In der damaligen Vorstellung waren die gemeinschaftlichen Aufgaben überhaupt nur so zu meistern. Hob bereits der namentlich unbekannte Dichter zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Reliquien vom Kreuz und Blut Christi als für Basel besonders lobenswert hervor, so vermochte Basel noch am Vorabend der Reformation darauf nicht zu verzichten. Doch erscheint in dessen Lobgedicht die Stadt noch als ritterliche Feste (castrum), erweist sie sich in der Notiz zur Kerzenspende unverkennbar als Bürgerstadt (civitas). Gerade in der Kontinuität von lokalem Heiligenkult und spätmittelalterlicher Frömmigkeit zeigen sich die Transformationen der Stadt und ihrer Gesellschaft besonders deutlich. Mit Humanismus und Renaissance etablierten sich schliesslich auch in der bildenden Kunst neue Sichtweisen auf die Stadt. Diese gaben sich als realistische Darstellung aus, ob in Planveduten oder wie hier in naturalistisch wirkender Ansicht. Die sparsam kolorierte Handzeichnung ist dem Basler Conrad Morand zugeschrieben worden und dürfte um 1530 entstanden sein. Von einem über dem Rhein schwebenden Standpunkt aus lenkt der Zeichner den Blick auf die Rheinbrücke, hinter der sich die Bebauung der Grossbasler Rheinhalde perspektivisch verdichtet, überragt von Münster, Augustinerkirche und St. Martin. Links davon kontrastieren stille Rebgärten mit der steinernen Silhouette Kleinbasels. Rechts zieht sich in die Grossbasler Schauseite über die gesamte St. Johanns-Vorstadt bis zum Thomasturm. Standort, Perspektive und Format verstärken den Eindruck einer sich weithin erstreckenden, dicht bebauten Stadt mit kühn über dem Wasser aufragenden Häusern. Nur mit scharfem Auge oder Lupe zu erkennen sind die flüchtig angedeuteten Menschen, die an den Rheinzugängen der Stadt friedlich ihren Alltag leben.
Geschichtsschreibung ist selbst stets Teil der Geschichte und kann als trüber Spiegel ihrer eigenen Entstehungszeit gelesen werden. Als eigenständiger Blick auf die Stadt entstand sie in Basel erst im Spätmittelalter. Trägt man sie als historische Vorstellungen von Basel als Stadt zusammen, ergibt sich eine Sammlung schillernder Bilder, die sich jeder Eindeutigkeit verweigern. Je nach Blickweise steht anderes im Zentrum. Eine amtliche Historiografie hat sich zwischen 1250 und 1530 nicht etabliert, sodass für Basel die Vielfalt an Perspektiven und Darstellungsinteressen charakteristisch bleibt. Wie die Geschichte selbst, zeigt auch die Geschichtsschreibung eine ‹Stadt in Verhandlung›, zu deren (Selbst-)Wahrnehmung und Weiterentwicklung sie selbst beiträgt.
Es mag Basel gegenüber anderen Städten auszeichnen, dass in diesem Schillern unterschiedlicher Sichtweisen die Stadt aber dennoch stets überraschend deutlich erkennbar bleibt. Obwohl sich seit damals so gut wie alles verändert hat, fällt es auch nach knapp fünfhundert Jahren nicht schwer, in dieser Zeichnung Basel zu erkennen. Diesen Effekt nicht als Ergebnis eines geradlinigen Verlaufs der Geschichte misszuverstehen, sondern ihn in seiner Bedeutung für die eigene Gegenwart zu verhandeln, bleibt Reiz und Herausforderung im Umgang mit der Geschichte Basels, seiner Gesellschaft und der natürlichen Bedingungen, in die sie eingebettet sind.