In einer Zeit von oftmals umstrittener Herrschaft waren Kriege und Kriegsbedrohungen kein Ausnahmezustand, sondern Alltag. Nebst grossen Playern wie den aufkommenden Habsburgern und den Eidgenossen konnten auch kleine Fürsten, Städte und Adlige Truppen aufstellen und Kleinkriege führen, die prägender waren als die kriegerischen Grossereignisse. Frieden war in diesem Umfeld ein vergängliches Gut und musste in konstanter diplomatischer Kleinarbeit hergestellt werden. So schickte Basel Boten und Gesandtschaften und empfing selber Abgesandte mit gezielt festgelegten Geschenken. Die ausgehandelten Bündnisse hatten mit ihren kurzen Laufzeiten und wechselnden Konstellationen keine staatsbildende Funktion, sondern waren konkrete Reaktionen auf aktuelle Bedrohungslagen. Als sich Basel um 1500 der Eidgenossenschaft zuwandte, war noch nicht abzusehen, dass dieser spontane Entschluss so langfristige Folgen haben würde. Ohne mit dem Reich und der Region Oberrhein zu brechen, band man sich damit zunächst ins eidgenössische Söldnerwesen ein, das neue Einkommens-und Karrieregelegenheiten mit sich brachte.
Basels Stellung in Europa
Der Bischof und der Rat von Basel standen in vielfältigem Kontakt mit Herrschern, sei es in der Nachbarschaft, sei es mit Königen, Kaisern und Päpsten. Nebst dem Reich und Habsburg sowie den grösseren Städten der Region traten im 15. Jahrhundert zwei neue Akteure auf den Plan: die politischen Emporkömmlinge Burgund und Eidgenossenschaft.1 Während das Herzogtum Burgund unter Karl dem Kühnen nur vorübergehend von Bedeutung war – nach Karls Tod in der Schlacht von Nancy 1477 wurde das Herzogtum zerschlagen –, blieb Basel mit anderen in ständigem Kontakt. Seit dem 11. Jahrhundert gehörte Basel ins Heilige Römische Reich und blieb dies bis in die Frühe Neuzeit und auch nach dem Beitritt zur Eidgenossenschaft.2 Als Bischofsstadt gestaltete sich diese Zugehörigkeit zunächst mittelbar. Die Bischöfe standen in engem Kontakt mit dem Reich und profitierten beim Aufbau des Hochstifts. Immer wieder wurden Bischöfe zu kaiserlichen Räten ernannt und konnten so einflussreiche Stellungen aufbauen, prominent darunter Heinrich von Isny (Bischof 1275–1286), der Vertraute König Rudolfs von Habsburg.3 Im Gegenzug bot das Reich den Bischöfen Schutz – unter anderem vor dem städtischen Rat – und erlaubte die Gründung von Delsberg (Delémont), Pruntrut (Porrentruy) und weiteren Städten.4 Im 13. Jahrhundert wuchs der Einfluss des Reichs, so etwa 1275, als Rudolf I. einen Vertreter einsetzte, der als Reichsvogt die Blutgerichtsbarkeit innehatte.5
Obwohl formell immer noch unter dem Bischof als Stadtherrn, erwarb sich Basel im 14. Jahrhundert faktisch einen Status als reichsunmittelbare Stadt. Ab 1362 bezeichnete sich Basel genau wie Strassburg als Freistadt, was vor allem bedeutete, die Eigenständigkeit gegenüber Bischof und Kaiser zu betonen. Die römischen Könige und Kaiser hingegen benannten Basel als Reichsstadt und weigerten sich zunächst, den Titel ‹Freistadt› zu verwenden. Da sich die Unterschiede zwischen Reichsstadt und Freistadt nur bedingt an klaren Kriterien festmachen lassen, muss die Verwendung des Titels als Kommunikationsstrategie verstanden werden. Um die Unabhängigkeit zu betonen, bezeichnete man sich als Freistadt. Brachte die Nähe zum Reich Vorteile, sah man sich als Reichsstadt. Die begriffliche Unschärfe war also gewollt, und 1482 liess der Rat gar Nachforschungen zum Titel ‹Freistadt› anstellen.6 Als Kaiser Friedrich III. 1473 Basel besuchte und einen Treueeid verlangte, musste man sich, um den Eid zu umgehen, auf den Bischof als Stadtherrn beziehen. Alternativ versuchte der Rat 1488, ein kaiserliches Privileg über die städtischen Rechte zu erlangen, als der Kaiser Unterstützung für einen Feldzug in die burgundischen Niederlande anforderte. Der Basler Truppenführer Peter Offenburg bemühte sich hartnäckig und unter Einsatz beträchtlicher Geldmittel. Er war schliesslich im Sommer 1488 erfolgreich.7
Das Antwerpener Privileg bestätigte dem Rat Gerichts-, Gesetzgebungs-und Steuerrechte, die in die Rechte des Bischofs eingriffen. Es stellte Basel auch unter direkten Schirm des Kaisers und machte es so zur reichsunmittelbaren Stadt. Kaum hatte sich Basel dem Reich zugewandt, erlebte dieses einen starken Entwicklungsschub. Mit dem Wormser Reichstag von 1495 begann ein Prozess der Staatsbildung, der Elemente eines dauerhaften Landfriedens, einer Vereinheitlichung der Justiz und eines reichsweiten Steuersystems umfasste.8 Basel ging zunächst diesen Weg mit und bezahlte 1497 den Reichspfennig, eine im ganzen Reich zu bezahlende Steuer zur Finanzierung des Kriegs gegen die Türken.9 Nach 1501 jedoch wandte sich Basel wie die übrige Eidgenossenschaft von diesem Staatsbildungsprozess ab, ohne die Reichszugehörigkeit infrage zu stellen. Noch weit bis ins 17. Jahrhundert bedienten sich die eidgenössischen Obrigkeiten problemlos der Reichssymbolik, zum Beispiel des Reichsadlers, während der faktische Einfluss des Reiches klein war.10
Da sich Basel nur dreizehn Jahre nach dem Antwerpener Privileg der Eidgenossenschaft zuwandte, geriet dessen Charakter als eigentliches Stadtrecht später in Vergessenheit – das Privileg war ein klares Zeichen der Distanz zu den Eidgenossen. Peter Offenburg, der Verhandlungsführer in Antwerpen, war übrigens später enttäuscht über die geringe Wertschätzung seiner Arbeit. Vielleicht machte ihn dies zu einer treibenden Kraft für die Anbindung ans eidgenössische Bündnissystem.11 Zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert entwickelte sich ein lokales Grafengeschlecht mit Stammsitz im Aargau zu einem grossen europäischen Königsgeschlecht. Obwohl die Gebiete im Aargau 1415 an die Eidgenossen verloren gingen und sich die Hausmachtgebiete des Königsgeschlechts vermehrt nach Österreich und in die Residenzstadt Wien verlagerten, blieb Habsburg ein bedeutender Nachbar der Stadt. Im südlichen Elsass und Gebieten von Basel rheinaufwärts, bekannt unter der Bezeichnung ‹Vorlande›, bewahrten die Habsburger eine dominierende Stellung. Die linksrheinischen Habsburger Gebiete lagen im Bistum Basel, unterstanden also in geistlicher Hinsicht dem Basler Bischof. Das schlug sich in engen Beziehungen und wiederholten Konflikten nieder. Insbesondere im Domkapitel waren viele habsburgische Adlige vertreten, während Habsburg wiederum Domherren als seine Räte rekrutierte. Es war kein Zufall, dass sich das Domkapitel nach der Reformation im habsburgischen Freiburg im Breisgau niederliess.12
Als bedeutende und finanzstarke Stadt in unmittelbarer Nachbarschaft grosser Habsburger Territorien geriet Basel immer wieder ins Visier der habsburgischen Fürsten. Auf Phasen ausgeprägter Konflikte folgten Momente enger Zusammenarbeit. Diese ins mittelalterliche Machtgeflecht eingewobene Geschichte zeigt sich exemplarisch an der Königswahl Rudolfs I. von 1273.13 Als Graf verfolgte Rudolf von Habsburg die Interessen seines Hauses, als er den Basler Bischof Heinrich von Neuenburg daran hinderte, seine weltliche Herrschaft in Richtung Schwarzwald auszuweiten. 1273 befand sich der Konflikt in einer heissen Phase. Rudolf belagerte die Stadt Basel, als ihn die Kunde seiner Wahl zum römischen König erreichte. Diese überraschende Neuigkeit führte zum sofortigen Abbruch der Belagerung und zu einer umfassenden Wende. Als 1274 Heinrich von Neuenburg starb, ernannte Papst Gregor X. mit Heinrich von Isny14 einen engen Vertrauten des neuen römischen Königs zum Bischof von Basel. Rudolf wiederum besuchte Basel auffallend häufig, nämlich 26-mal in weniger als zwanzig Jahren Regierungszeit. Seit dieser Zeit gab es in Basel immer wieder Adlige, die habsburgische Lehen annahmen und sich teilweise von den Bischöfen abwandten.
Auf Heinrich von Isny folgten einige weniger habsburgfreundliche Bischöfe, die im 14. Jahrhundert oft aus Burgund stammten und unter dem Einfluss des seinerseits französisch beeinflussten Papsttums in Avignon standen.15 Es lag wohl an diesen Bischöfen, dass die habsburgischen Pläne, Basel zu einer Residenzstadt und damit zum Zentrum der Vorlande zu machen, im 14. Jahrhundert scheiterten. Habsburg markierte immer wieder Präsenz, um seine Ansprüche zu unterstreichen. Es fand hier Anschluss an die höfische Kultur und beteiligte sich insbesondere an Turnieren. 1375 übertrug der Basler Bischof Leopold von Habsburg Kleinbasel als Pfand; nur Monate später ging die Reichsvogtei an den Habsburger.
Nach dem als ‹böse Fasnacht› bekannt gewordenen Tumult von 1376 (vgl. S. 143) verfolgte der Basler Rat eine habsburgisch orientierte Politik, und auch das Bistum kam wieder stärker unter Habsburger Einfluss. 1386 nahm diese Ausrichtung ein abruptes Ende, als Leopold von Habsburg in der Schlacht von Sempach zu Tode kam – und mit ihm viele Basler Adlige, die ihm in die Schlacht gefolgt waren. Jedoch blieben Beziehungen zu den Habsburgern für die Basler Aristokratie weiterhin attraktiv. Nach der Armagnakenbedrohung von 1444 geriet die habsburgtreue Aristokratie unter massiven Druck, verschiedene Vetreter mussten sich vor dem Rat verantworten und wurden vorübergehend aus diesem verbannt.16
Der Schwabenkrieg von 1499 zwischen Habsburg unter Maximilian I. und den Eidgenossen – Basel blieb neutral und vermittelte den Frieden – war die letzte Auseinandersetzung um habsburgische Ansprüche im Gebiet der heutigen Schweiz. Obwohl der Krieg zu keinen nennenswerten territorialen Verschiebungen führte, stabilisierte er die eidgenössische Nordgrenze mit Bodensee und Rhein. Die Basler Anbindung an die Eidgenossenschaft von 1501 trug zu dieser Stabilisierung bei, und als die Habsburger mit der Erbeinung von 1511 definitiv auf territoriale Ansprüche in der Eidgenossenschaft verzichteten, galt dies auch für Basel.
Die wechselhafte Geschichte des Verhältnisses von Basel und Habsburg war einerseits geprägt von Ereignissen, bei denen Basel nicht oder nur am Rand involviert war. So hätte Rudolf ohne die Wahl zum König die Belagerung wohl nicht abgebrochen, und vielleicht wären ohne die Schlacht von Sempach Leopolds Pläne für Basel als Residenzstadt gediehen. Die Haltung Basels gegenüber dem Haus Habsburg war massgeblich geprägt von der Loyalität des Bischofs und auch davon, ob die habsburgtreue Aristokratie im Rat die Oberhand hatte. Aufgrund dieser Konstellation waren die Kontakte und Konflikte mit Habsburg auch Auslöser von innerstädtischen Unruhen und Auseinandersetzungen.17 Die Oberrheinregion, an deren südlichem Ende Basel liegt, war eine dichte Städtelandschaft auf der Grundlage einer starken landwirtschaftlichen Basis, die auch für Basels Versorgung vital war. Im Gebiet zwischen Basel und Strassburg waren die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen so dicht, dass man von einem Städtenetz sprechen kann.18 Der Rhein stellte keine Grenze, sondern eine Kontaktzone dar, in der viele Herrschaften Besitz auf beiden Seiten hatten.19 Das Verhältnis Basels zu den Städten des Oberrheins und zur Region überhaupt war gekennzeichnet durch eine kontinuierliche Zusammenarbeit in politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten. Für ländliche Siedlungen und kleinere Städte im Umland nahm Basel eine Zentrumsfunktion wahr. Das Verhältnis Basels zur Oberrheinregion war nicht von spektakulären Ereignissen geprägt – gerade Krisen wie die Armagnakeneinfälle und die Burgunderkriege lassen die Einbindung jedoch deutlicher hervortreten.
Die Beziehungen Basels waren sehr vielseitig, unterstützt durch die Tatsache, dass das Oberelsass Teil des Bistums Basel war – und Basel oft als Teil des Elsass wahrgenommen wurde. Zumindest schrieb dies der Konzilssekretär Enea Silvio Piccolomini 1434: «Ea [Basel] es in Elsatica regione.»20 Entsprechend hatten kirchliche Institutionen, aber auch Basler Bürger dort viele Besitztümer.21 Besonders eng waren die Beziehungen zu Strassburg, als etwas grössere Bischofsstadt mit ähnlicher Geschichte eine Art Schwesterstadt (vgl. Stadt.Geschichte.Basel, Bd. 2, S. 182).22 Strassburg war die bedeutendste Bündnispartnerin Basels, ungezählte Bündnisse von kurzer Dauer schlossen sich fast lückenlos aneinander, und auch dazwischen blieb man in engem Kontakt.23 Quittungen aus der Zeit um 1400 belegen die gelegentliche militärische Zusammenarbeit.24
Ebenfalls in regem Austausch stand Basel mit den Städten der Dekapolis, eines 1354 von Karl IV. gebilligten Zusammenschlusses von zunächst zehn Reichsstädten im Elsass – in der Folge hielt sich der Name Dekapolis (d. h. zehn Städte), obwohl die Zahl der Städte schwankte. Wie Strassburg war Basel nicht Teil des Bündnisses, beide Städte standen aber in ständigem Austausch und trugen so zur Verflechtung der Städtelandschaft bei.25 Die Basel am nächsten gelegene Stadt der Dekapolis, Mülhausen, betonte wie Basel lange die Zugehörigkeit zum Reich, um sich gegen den Druck der Habsburger zu wehren, welche die Stadt in ihre Herrschaft in den Vorlanden integrieren wollten. Mülhausen wandte sich 1506 Basel zu und wurde 1515 zu einem zugewandten Ort der Eidgenossenschaft; es ging also einen ähnlichen Weg wie Basel.26 Es wandte sich damit auch von einem Bündnissystem ab, das letztlich scheiterte. Die Rede ist hier von grossen Landfriedensbündnissen als regionale Netzwerke aller Herrschaftsträger, um Konflikte vor Gerichten zu lösen und den Handel zu schützen. Am Oberrhein gab es im 14. Jahrhundert unter der Führung des Strassburger Rats und Bischofs mehrere Anläufe zur Bildung eines solchen Bundes, der jedoch nicht auf Dauer erhalten werden konnte – Basel war in diese Bünde ab 1378 mit reduzierten Rechten und Pflichten eingebunden.27 Allerdings verhinderten diese Versuche den Aufbau einer zentralisierten Territorialherrschaft, die auch die Städte einbezog, und so konnten die wirtschaftlichen Schwergewichte Strassburg und Basel ihren Einfluss auf die Region behalten.28 Für Basel spielten die eidgenössischen Orte zunächst eine untergeordnete Rolle. Im 14. Jahrhundert gab es vereinzelte kurzlebige Bündnisse, aber auch Konflikte, etwa in der Jahrhundertmitte mit Zürich oder als 1388 der Bischof die Burg und Stadt Nidau bei Biel an Bern verlor.29 Im 15. Jahrhundert ging der Basler Rat mit Bern und dessen Verbündetem Solothurn zwar längerfristige Bündnisse ein – die je auf zwanzig Jahre angelegten Bündnisse von 1400 und 1441 wurden aber nicht verlängert.30 Im Verlauf des 15. Jahrhunderts wuchs die Eidgenossenschaft zu einem bedeutenden Akteur in den europäischen Auseinandersetzungen heran. Entsprechend stellte sich für Basel die Frage nach dem Verhältnis zu ihr immer drängender. Die Schlacht von St. Jakob an der Birs 1444, in der immerhin Eidgenossen vor den Toren Basels gegen die Armagnaken gekämpft hatten, führte aber noch nicht zu einer Annäherung. Einerseits hatten Solothurn und Bern trotz Bündnis nichts unternommen, um Basel beizustehen, und andererseits lässt sich die Vorstellung der älteren Geschichtsschreibung, dass die sich aufopfernden Eidgenossen Basel vor der Einnahme geschützt hätten, nicht mehr halten.31
Zu einer engen militärischen Zusammenarbeit mit der Eidgenossenschaft kam es erst im Kontext der Burgunderkriege. Basel verbündete sich mit Strassburg, Colmar und Schlettstadt zur ‹Niederen Vereinigung›, die nach dem Einbezug des Basler Bischofs, der Eidgenossenschaft und Herzog Sigismunds von Habsburg zur antiburgundischen Liga wurde und den Herzog von Burgund, Karl den Kühnen, 1477 vernichtend schlug.32 Nur die Bedrohung durch den gemeinsamen Feind hatte eine so grossräumige Verbündung ermöglicht, bei der Basel zudem als Teil des Oberrheins beteiligt war – auf eine eindeutige Tendenz zur Eidgenossenschaft lässt sich daraus nicht schliessen. Überhaupt war in der Folge der Burgunderkriege unklar, ob und wie die Eidgenossenschaft eine Erweiterung überhaupt wollte. Nur nach längeren Auseinandersetzungen zwischen Land- und Stadtorten konnte sich die Eidgenossenschaft 1481 im sogenannten Stanser Verkommnis einigen, Freiburg und Solothurn aufzunehmen.33
1484 schloss der Basler Bischof ein Bündnis mit der Eidgenossenschaft, in welchem die Eidgenossen Schutz und Schirm für den Bischof versprachen, der sich gerade mitten in heftigen Auseinandersetzungen mit dem Rat befand. Der Rat reagierte, indem er das sonst übliche Zeremoniell für den Empfang von eidgenössischen Gesandtschaften auf das blosse Beschenken mit Wein reduzierte.34 Auch wenn das Bündnis keine langfristige Wirkung erzielte, so belegt es doch, dass noch wenige Jahre vor der Aufnahme Basels in die Eidgenossenschaft ganz andere Wege denkbar waren.
Nach Jahrzehnten von kleineren und grösseren Kriegen in unmittelbarer Nähe, die nicht zuletzt durch die Grenzlage Basels zwischen Eidgenossenschaft und Habsburg bedingt waren, erkannte der Basler Rat um 1500, dass die bisherige Bündnispolitik und die Position des Neutralen nicht mehr funktionierten. So wandte er sich nun der Eidgenossenschaft zu. Innerhalb weniger Monate kamen die Verhandlungen zu einem Abschluss, und am 9. Juni 1501 trat Basel der Eidgenossenschaft bei. Ein kurzfristiger Entschluss, entstanden aus dem Bedürfnis nach Schutz, welches die Eidgenossenschaft befriedigen konnte, führte zu einer nachhaltigen Neuorientierung der Stadt. Das gilt allerdings erst im Rückblick, denn zu Beginn des 16. Jahrhunderts war keineswegs klar, dass die Neuausrichtung dauerhaft Bestand haben sollte.35 ‹Turning Swiss› war auch eine Option für andere Städte im Süden des Reichs, neben Basel trat aber nur Schaffhausen bei.36
Der militärische Ruf der Eidgenossenschaft diente Basel nun in zweifacher Hinsicht. Einerseits konnte sich die Stadt dank der Rückendeckung in Verhandlungen durchsetzen, so etwa bei der Forderung nach Entschädigung für den Überfall auf einen Basler Kaufmann, der einen Strassburger Geleitbrief auf sich trug. Der Strassburger Bischof hatte sich zuvor geziert, zeigte sich aber unmittelbar nach dem Basler Beitritt sehr schnell bereit, die Entschädigung zu entrichten.37 Ebenso wichtig war die Tatsache, dass Basel nun auch in den Genuss der mit der Söldnerwerbung verbundenen Pensionszahlungen kam. Als wichtigster Allianzpartner, der eidgenössische Söldner bezog, hatte sich um die Jahrhundertwende Frankreich etabliert. So war das baslerische ‹Turning Swiss› auch ein ‹Turning French›, dank dem die Stadt sich eine Stellung als Finanzdrehscheibe der Eidgenossenschaft aufbauen konnte.38 Dies war für die neuen Bündnispartner wohl ebenso wichtig wie die Lage Basels, das sich in den Verhandlungen als Tor zum Elsass, Sundgau und Breisgau anbot.39 Der Preis, den Basel für die eidgenössische Protektion bezahlen musste, bestand in einem weitgehenden Verlust der politischen Eigenständigkeit, was aussenpolitische Angelegenheiten anging.
Eidgenössisch zu werden, galt in der Basler Nachbarschaft nicht gerade als ehrenhafte Entwicklung. Pointiert zirkulierten die Beschimpfungen der Eidgenossen als Kuhschweizer – womit ihnen sodomitische Neigungen nachgesagt wurden – in der Zeit des Schwabenkrieges.40 Basel begegnete diesen Vorwürfen nicht nur, indem es gegen Verleumdungen streng vorging, sondern auch mit einer religiösen Ausrichtung an eidgenössischen Besonderheiten. Deren wichtigstes Element war das in der Eidgenossenschaft seit geraumer Zeit übliche Beten mit «zertanen», also ausgestreckten Armen. Noch 1501 erging die Bitte an den päpstlichen Legaten, auch Basel diese eigenwillige religiöse Praxis zu gewähren.41
Für Rudolf Wackernagel bedeutete der Beitritt Basels zur Eidgenossenschaft einen völligen Bruch mit seiner oberrheinischen Einbindung, das Opfern einer halbtausendjährigen Vergangenheit.42 Während sich Basel politisch tatsächlich von langjährigen Verbündeten abwandte, blieb die Integration der Stadt ins Reich bis weit in die Frühe Neuzeit bestehen. Auch die wirtschaftliche Ausrichtung auf das Elsass als Korn- und Weinkammer war vom Beitritt kaum betroffen. Insofern ist die Betrachtungsweise vom völligen Bruch als überholt zu bezeichnen. Eine Wende stellten die Ereignisse von 1501 aber allemal dar. Die überraschend schnell eingegangene Zweckehe entwickelte sich mit der Zeit zur stabilen Zugehörigkeit.
Beziehungen pflegen
Die Beziehungen Basels zu seinen Nachbarn und zu wichtigen Akteuren auf der Bühne der europäischen Politik waren im ständigen Fluss. Phasen intensiver Kontakte wechselten mit Konflikten um Kontrolle und Einfluss, in einer Zeit instabiler Machtverhältnisse und aufkommender Territorialherrschaft sah sich die Stadt häufig von Kriegen bedroht. Frieden war nicht einfach die Abwesenheit von Krieg und somit ein gegebener Normalzustand – Frieden musste laufend erarbeitet und erhalten werden. Dafür betrieben die Zeitgenossen einen beträchtlichen Aufwand, der sich vor allem anhand der dichten Überlieferung der städtischen Finanzen, die im späten 14. Jahrhundert einsetzt, nachweisen lässt. Die Zeit von 1300 bis 1450 gilt als Hochphase der Bündnissysteme. Diese spiegelt sich in der Vielfalt von Vertragsformen, die sich kaum kategorisieren lassen – der Begriff Bündnis dient hier für alle Vereinbarungen.43 Die Formulierungen der Bündnisse bedienten sich einer Sprache der Freundschaft und wandelten sich nur langsam.44 Ihre zunehmende Länge entsprach einerseits dem zeitgenössischen Bedürfnis, mittels Aufzählungen Rechtssicherheit herzustellen; andererseits wurden die Verträge in der Tendenz ausführlicher.
Die Schwierigkeit der Kategorisierung zeigt eine Serie von Bündnissen auf, die um 1300 die Bischöfe von Lausanne und Basel mit Hochadligen der Region schlossen mit dem Ziel, den Einfluss von Savoyen einzuschränken. Als Offensivbündnis konzipiert, sah es im Kriegsfall die Bildung einer Truppe vor, die der direkten Kontrolle der Bündnispartner entzogen war, also nicht aufgehalten werden konnte. Es gibt keine Anzeichen, dass diese Bündnisse in die Tat umgesetzt wurden – vermutlich, weil die Grafen von Savoyen davon erfuhren und sich die beabsichtigte abschreckende Wirkung entfaltete.45
Viele der Bündnisse waren auf kurze Fristen von zwei bis fünf Jahren ausgelegt. Um eine gewisse Stabilität zu erlangen, bedurften sie der ständigen Bekräftigung und Neuverhandlung und wurden gleichzeitig der vorherrschenden Instabilität gerecht, in der Konflikte schnell zu militärischen Auseinandersetzungen eskalieren konnten.46 Tatsächlich finden sich unter den Basler Bündnispartnern einige Städte, mit denen immer wieder Bündnisse abgeschlossen wurden. Die Chancen auf eine dauerhafte Bündnisreihe verhielten sich umgekehrt proportional zur Anzahl der Beteiligten: je kleiner die Gruppe der Städte, desto wahrscheinlicher war eine erfolgreiche Fortsetzung. Eine Verfestigung grösserer Verbünde hingegen kam trotz wiederholter Bestrebungen deutlich seltener vor.47
Das Bündnis zwischen Strassburg, Basel und Freiburg vom 22. November 1322 war auf die Dauer von gut zwei Jahren angelegt. Zum gemeinsamen «nutz, notdorft, frieden und fromen» legten die Städte fest, in welchem Gebiet sie sich gegenseitig im Krieg beistehen wollten, im Süden bildeten der Hauenstein und Pruntrut die Grenze. Die Artikel regelten detailliert die Art des zu leistenden Beistands, die Anzahl aufzubietender Kämpfer – maximal «vierzig helme» – sowie die Finanzierung. Ausnahmen machte das Bündnis für Kriegsdienste für «kunige oder herren» sowie für die vorbehaltenen Partner, in Basel war das der Bischof.48 Das Bündnis war somit auf die Kleinkriege zwischen Städten und einzelnen Adligen in der Region ausgerichtet. Die Beistandsregelung sollte den Städten auch ermöglichen, Kriege erfolgreich zu führen, um die eigenen Bürger und Interessen zu schützen. Spätere Bündnisse setzten stärker auf rechtliche Wege der Konfliktregelung, indem sie Auseinandersetzungen vor Schiedsgerichte und städtische Gerichte verwiesen und sich so als Erweiterung von Landfriedensbündnissen präsentierten.49
Nach 1450 veränderte sich die Dynamik von Bündnissystemen allmählich. An die Stelle von kurzfristigen Bündnissen mit relativ weitreichenden gegenseitigen Verpflichtungen traten eher Abkommen, die bestimmte Aspekte wie die Nutzung von Gerichten oder das Prägen von Münzen regelten. Eigentliche Bündnisprojekte waren dagegen auf längere Frist angelegt, wie etwa der Entwurf eines fünfzigjährigen Bündnisses von 1468 zwischen Habsburg, dem Bischof und dem Rat von Basel und den Eidgenossen, der aber nicht umgesetzt wurde.50 Das 1474 zwischen Habsburg und den Eidgenossen geschlossene Vertragswerk, das eine Beschwörung alle zehn Jahre vorsah, erhielt nachträglich den Namen ‹ewige Richtung›, weil es die Beziehungen der zwei Konkurrenten auf lange Frist prägte und mit seinen Folgeverträgen bis zum Ende des Ancien Régime in Kraft war.51 Nur die Eidgenossenschaft konnte sich als Bündnissystem verstetigen und verdichten und blieb bestehen, während die Städtebünde im Reich an Bedeutung verloren und im frühen 16. Jahrhundert in den Reichskreisen aufgingen.52
Die ältere schweizerische Geschichtsschreibung zeigte angesichts des Fortbestandes der Eidgenossenschaft die Neigung, schon in den frühen Abkommen langfristige und staatstragende Bündnisse zu sehen. Tatsächlich aber waren die kurzfristig angelegten Bündnisse nicht mehr als die Folge einer vorübergehenden Konvergenz der Interessen – es fehlte der Rahmen eines nationalstaatlichen Denkens.53 Für die Zeitgenossen waren Bündnisse ephemere Friedensmittel, die erneuert, geändert, symbolisch inszeniert und vor allem dauernd bestätigt werden mussten.
Die Dynamik des Bündnissystems spiegelte nicht nur den Wandel der politischen Grosswetterlage, sondern führte auch zu komplexen Loyalitäten in Basel. Einzelne Bewohner:innen waren mit permanent entstehenden Mehrfachloyalitäten konfrontiert. Das galt besonders für die städtische Aristokratie mit ihren Verbindungen zu Habsburg und anderen Lehensherren sowie für Hochadlige mit ihren Sitzen in der Stadt. Zunehmend kamen neben der Ritterschicht auch Aufsteiger aus dem Achtburgertum und dem Kreis der Kaufleute in den Besitz von Lehens- und Pfandrechten und gerieten dadurch ebenfalls in Interessenkonflikte.54 In den Zünften waren Händler und Metzger betroffen, die ihr Vieh aus dem Umland bezogen, und nicht zuletzt auch all jene, die als Soldunternehmer tätig waren. Um Frieden herzustellen und zu sichern, setzten spätmittelalterliche Herrschaftsträger nebst Bündnisverträgen auch auf Vermittlung.55 Mitunter breit aufgestellte Schiedsgerichte wurden in akuten Konfliktsituationen eingesetzt, aber auch in Bündnissen als Instanz der Konfliktlösung festgelegt. Als Vermittler infrage kamen einerseits benachbarte Städte und adlige Herrschaften, also Akteure auf gleicher Ebene. 1368 etwa einigten sich der Basler Bischof Johann von Vienne und die Stadt Bern darauf, die Vermittlung durch die Städte des Elsässer Städtebundes für konkrete Streitigkeiten zu akzeptieren, und hielten gleichzeitig fest, das Verfahren auch bei neu aufbrechenden Auseinandersetzungen einzusetzen.56 Andererseits konnten Konflikte auch vor eine höhere Ebene gebracht werden. So trug etwa der Basler Rat 1466 seine Zollstreitigkeiten mit den Grafen von Thierstein vor Kaiser Friedrich III. Obwohl der Form nach als «appellacion» einem gerichtlichen Kontext zuzuordnen, wurde daraus doch ein Fall von Vermittlung, indem Friedrich eine ganze Reihe von Grafen aufbot, die ein Schiedsgericht bildeten.57
Die Bischöfe und der Rat von Basel nutzten Vermittlungsangebote nicht nur, sondern boten sich selbst als Schiedsrichter an, denn diese Rolle verschaffte auch eine Machtposition. Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts nahm Basel eine zentrale Vermittlerrolle für die Eidgenossenschaft ein, besonders prominent in der ‹ewigen Richtung› zwischen Eidgenossen und Habsburg von 1474.58 Dem Basler Rat wiederum waren die Basler Bischöfe als Vermittler sehr willkommen, wenn er etwa Konflikte mit Solothurn oder benachbarten Adligen zu klären hatte.59 In seiner Rolle als Lehensherr vermittelte der Basel Bischof zudem bei feudalrechtlichen Auseinandersetzungen seiner Untertanen.60 Die Pflege der Allianzen und drohende Konflikte bedingten einen kontinuierlichen Informationsfluss. Da eine eigentliche Post sich erst in der Frühen Neuzeit herausbildete, waren die Städte auf sich selbst gestellt und mussten entscheiden, in welcher Situation ein Bote mit einem Sendschreiben (auch Missive genannt) geschickt wurde und wo eine eigentliche Gesandtschaft vonnöten war. Die beiden Aspekte sind hier getrennt behandelt, obwohl die Übergänge fliessend waren und die Quellen beide Arten von Abgesandten als «botten» bezeichneten.61
Im 15. Jahrhundert hat der Basler Rat wohl rund zehntausend Missiven verschickt.62 Die vielen überlieferten Entwürfe dazu stammten sowohl von den städtischen Schreibern als auch aus der Feder der jeweils zuständigen Ratsherren. Die meisten waren an verbündete Städte in der näheren Umgebung Basels gerichtet, einzelne legten grössere Distanzen zurück, etwa nach Frankfurt oder an die Königshöfe. Der Austausch mit Österreich im späten 14. Jahrhundert zeigt, dass sich der Rat auch in Konfliktsituationen bemühte, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Eine Ausnahme bildet dabei die fünfzehn Monate dauernde Funkstille zwischen Bischof und Rat in einer besonders konfliktreichen Phase um 1374/75.65
Nebst bündnispolitischen Belangen waren Handel und Wirtschaft sowie die Interessen von Basler Bürger:innen weitere Themenkreise. Die Missiven wurden aber selten konkret, enthielten kaum Verpflichtungen und Versprechungen.66 Diese Zurückhaltung ist einerseits der Gefahr zuzuschreiben, dass Briefe abgefangen werden konnten, andererseits begleiteten mündliche Botschaften und Verhandlungen oft die Übergabe von Briefen.67 Entsprechend war es üblich, dass der Stadtschreiber persönlich vor der Ratsstube die Aufträge übergab; beispielsweise lief über Nikolaus Rüsch, der das Amt während der Burgunderkriege ausübte, fast die ganze aussenpolitische Kommunikation. Um detaillierte und heikle Informationen trotzdem schriftlich mitzuteilen, wurden diese auf Zettel geschrieben, die man in den versiegelten Brief einschob – daher der Name cedulae inclusae. Im Notfall konnte der Bote Zettel schnell entnehmen, ohne das Siegel zu brechen, und die Information vernichten oder zumindest dem Kontext entreissen, denn die cedulae enthielten keine Angaben zu Absender und Empfänger.68
Trotz der grossen Anzahl von Missiven, die zu befördern waren, stellte Basel nur drei bis vier «louffende botten» fest an. 1405 regelte eine Ordnung die Entschädigung der Boten, die nebst einer festen jährlichen Summe und dem Gewand eine Entschädigung pro gelaufene Meile, «er louff nachtz oder tags», sowie für Ruhetage am Zielort vorsah. Deutlich teurere berittene Boten spielten erst ab 1450 eine wesentliche Rolle in der Nachrichtenübermittlung. Ergänzend zu diesen Profis bot der Rat gelegentlich andere Amtsträger auf, meist aber Gelegenheitsübermittler, die beruflich unterwegs waren. Besonders häufig geschah dies in Krisenzeiten, wenn besonders viele Informationen in Umlauf gebracht werden mussten – man sandte auch Kundschafter aus, um über Truppenbewegungen unterrichtet zu sein.69 Die Städte verständigten sich darauf, Informationen jeweils an ihre Bündnispartner weiterzuleiten, was auch ermöglichte, Berichte aus grösserer Distanz zu kommunizieren. Vereinzelt richteten sie gar eigentliche Botenstafetten ein.70
Um einiges teurer als Boten waren Gesandschaften: Ihre Reisen dauerten länger, man reiste zu Pferd in kleinen Gruppen und hatte gehobene Ansprüche an Verpflegung und Unterbringung.71 Entsprechend schwankten in Krisenzeiten wie den Burgunderkriegen die Ausgaben für Gesandtschaften stärker als diejenigen für das Senden von Briefen. Die Kosten für Briefboten verdoppelten sich ab 1472/73, und während der Verhandlungen zur Bildung der Niederen Vereinigung erreichten die Kosten für Gesandtschaften gar ein Mehrfaches früherer Ausgaben.72
In der Zeit von 1371 bis 1386 stellten Ritter ein Drittel bis die Hälfte, Achtburger und Zünftler je maximal ein Drittel aller Gesandten. Es gab folglich eine deutliche Überrepräsentation von Rittern im Vergleich zu den Ratssitzen.73 Auch in den 1470er-Jahren waren hohe Amtsträger aus dem Kreis der Ritter und Achtburger in politischer Mission unterwegs, zusätzlich jedoch zunehmend Ratsherren aus den Handelszünften. Die Fernhändler waren viel auf der Strasse und dank ihres Reichtums auch abkömmlich. Als diplomatische Experten waren sie zudem auch in den Jahren auf Reisen, in denen sie aufgrund des Ämterturnus keine offizielle Funktion bekleideten.74 Nebst den offiziellen Kanälen setzten die Experten auch ihre privaten Beziehungen ein – informelle Kontakte und offizielle Politik gingen oft Hand in Hand.75 Wer auf diplomatischer Mission in einer Stadt eintraf, wurde mit Geschenken empfangen. Dieses Ritual drückte persönliche Wertschätzung aus und unterstrich zugleich die politische Bedeutung der Gespräche. Deshalb war es für die Stadt wichtig zu wissen, welche Geschenke ihre Gesandten erhielten. Gemäss der Botenordnung von 1405 mussten sie der Stadt melden, was sie erhalten hatten; für sie selbst waren die Geschenke ein wichtiger Teil der Entschädigung und ein Erfolgshonorar.78 Der Rat seinerseits führte sehr gründlich Buch über die Geschenke Basler Gäste. Eine eigentliche «Geschenkbuchhaltung»79 in den Wochenrechnungen diente der Selbstkontrolle und war nur einem kleinen Kreis von zu Verschwiegenheit verpflichteten Ratsherren zugänglich. Sie stellten sicher, dass die richtigen Geschenke ihre Adressaten erreichten.
Das häufigste Geschenk war ein flüssiges, eines zum Einschenken: Schankwein verlieh politischen Anlässen Legitimität – auch die eigene Bevölkerung und der Bischof kamen in den Genuss. Besucher (es handelte sich fast ausschliesslich um Männer) erhielten je nach Ansehen mehrere Kannen Wein geschenkt, hochrangige ganze Fässer. Unter den würdigen Empfängern fanden sich auch Exoten, etwa Sterndeuter oder weit gereiste Ritter. Die vielen Geschenke gingen ins Geld, sodass der Rat im frühen 16. Jahrhundert beschloss, nur noch Besucher mit offiziellem Auftrag zu beschenken. Hochadligen Gästen, insbesondere Fürsten und Königen, wurden wertvolle Goldbecher oder Silberschalen übergeben, oft noch gefüllt mit Geld. Ein Trinkgefäss für Kaiser Maximilian I. im Jahr 1493 enthielt vierhundert Goldgulden. Diese Geschenke waren, obwohl üblich und erwartet, nicht rituell oder durch die Tradition festgelegt; der Rat bestimmte aus politischen Erwägungen, was passend erschien.80
Geschenke waren also für die Zeitgenossen etwas, womit man rechnen, worauf man sich aber nicht verlassen konnte. Sie waren Botschaften eigener Art, und ebenso wie die Ausgaben für Gesandtschaften und Briefe erreichten diejenigen für Geschenke unmittelbar vor den Burgunderkriegen einen Höhepunkt. Indem Geschenke öffentlich überreicht und die Fiktion aufrechterhalten wurde, dass damit keine Erwartung einer Gegenleistung verbunden war, konnte der Vorwurf der Korruption vermieden werden. Die Grenzen zwischen Geschenk und Entgelt waren nämlich fliessend, auch sprachlich, wenn etwa Bischof Johann von Chalon 1327 an Albrecht von Habsburg für seine Hilfe im Kampf um den Bischofsstuhl eine grosse Summe gab und schenkte: «damus et donamus».81 «Schenk» als Begriff war ambivalent, und die politische Sprache der Zeit benannte die illegitime und heimliche Beeinflussung mit Geschenken seit dem 14. Jahrhundert als «miet».82
Stadt im Krieg
Verträge, Verhandlungen, Gesandtschaften und Geschenke prägten die Basler Bemühungen, friedlich mit den Nachbarn zu leben. Dass sie scheitern konnten, war eine reale Möglichkeit, die einerseits bedrohlich im Raum stand, andererseits auch beabsichtigt sein konnte.83 Angesichts der vielen involvierten und unterschiedlich motivierten Akteure konnten Konflikte eine Eigendynamik zur gewalttätigen Eskalation annehmen und die Stadt selbst in einen Krieg verwickeln. Abgesehen von wenigen Ausnahmen handelte es sich dabei um Kleinkriege: vom Kaufmann Lyrimann, der um 1425 wegen eines Streits mit einem Basler erfolglos versuchte, gegen die Stadt eine Fehde zu führen,84 über die Brüder Bischof, die 1482 auf ihre Verbannung wegen Aufruhr mit einer Fehde antworteten (vgl. S. 244), bis zu den Klosterfrauen von Klingental, die nach einer erzwungenen Reform die Stadt verliessen und über Verbündete eine Fehde ansagen liessen, um Verhandlungen und ihre Rückkehr zu ermöglichen.85 Krieg in unterschiedlicher Intensität war folglich ein Normalzustand, der jedoch nur selten in die Stadt hineingetragen wurde – Opfer war meist die Landbevölkerung. Die Basler Stadtmauern wurden in der hier untersuchten Zeit nie überwunden, obwohl der Konzilssekretär Piccolomini schätzte, dass die Befestigungen einem Angriff kaum standgehalten hätten.86 Wiederholt gelang es Basel, sich aus geografisch sehr nahen Konflikten herauszuhalten. Die Stadtmauer gewährte bei diesen Gelegenheiten auch Auswärtigen Schutz. Im Jahr 1444 schickte der französische König eine von ihm nicht mehr benötigte Söldnertruppe, die Armagnaken, in Richtung Elsass und Eidgenossenschaft. Dabei überwog für ihn die Gefahr fürs eigene Land, die von dieser plündernden Truppe ausging, gegenüber der Hilfe an Österreich im Konflikt mit den Eidgenossen. Basel war zwar nicht direkt Partei, aber seit 1441 mit Bern und Solothurn verbündet und fühlte sich bedroht. Als sich die Armagnaken Basel näherten, bereitete sich der Rat hektisch auf eine Belagerung vor. Er kaufte Schusswaffen und Munition, liess zusätzliche Schiessscharten in die Mauer brechen und das Gebiet vor den Stadtmauern freiräumen.89 Vor allem aber regelte er die Aufnahme der Landbevölkerung, die in grosser Zahl in die Stadt geflüchtet war. Diese Leute nahm man nur auf, wenn sie genügend Getreide mitbrachten und bereit waren, sich an der Verteidigung der Stadt zu beteiligen. Im Gegenzug konnten sie das Bürgerrecht erwerben. Auch wenn eine Umfrage in der Stadt zeigte, dass die Flüchtlinge mehr Getreide lagerten als die Basler:innen, so waren sie nicht nur gern gesehen. Der wohlhabende Basler Bäcker Hans Brüglinger etwa warf ihnen fehlende Loyalität vor und goutierte ihre Kritik an der Befestigung gar nicht.90
Die Stadtbefestigung wurde schliesslich gar nicht auf die Probe gestellt, denn Basel hielt sich aus der Schlacht zwischen den Armagnaken und einer eidgenössischen Truppe vor den Toren der Stadt heraus; ein Aufgebot der Stadt kehrte wieder um, weil es die Aussichtslosigkeit eines Entlastungsangriffs erkannte.91 Die Schlacht endete mit der Vernichtung der eidgenössischen Truppen beim Siechenhaus St. Jakob an der Birs. Anschliessend fanden Friedensverhandlungen statt zwischen dem französischen Thronfolger, der die Armagnaken anführte, den Eidgenossen und Basel, die schliesslich zum Frieden von Ensisheim und zum Abzug der Armagnaken führten. Was genau Frankreich geplant hatte, lässt sich nicht rekonstruieren. Auf jeden Fall erfüllte sich der Wunsch des habsburgfreundlichen Adels in der Region nicht, dass die Armagnaken für sie Basel erobern und entscheidend schwächen würden. Basel erkannte, dass es in grösseren Kriegen nicht alleine bestehen konnte, was sich in den Burgunderkriegen bestätigen sollte und massgeblich dazu beitrug, dass Basel 1501 der Eidgenossenschaft beitrat.
Der Bedrohung durch die Armagnaken fiel in eine ausgedehnte Auseinandersetzung Basels mit dem umliegenden österreichischen Adel in Form eines typischen Kleinkrieges ohne offene Feldschlacht, den Adelskrieg.92 Streitgegenstand waren Zollrechte, die Gewährung des Geleits sowie Gerichtszuständigkeiten – und vor allem die Tatsache, dass Basler Gerichte Personen aus den habsburgischen Gebieten zitierten. Die Eskalation des Konflikts, der schon 1443 begonnen hatte, erklärt sich wohl durch die heftige Ablehnung der habsburgischen Parteigänger (in der Stadt und ausserhalb), weil die Armagnaken vom Habsburger Friedrich III. gerufen worden waren. Mit hoher Intensität führten die Basler Raub- und Plünderungszüge durch. Im August 1445 etwa unternahmen die Basler einen Plünderungszug im Breisgau, brannten einige Dörfer nieder, forderten Herzog Albrecht von Habsburg erfolglos zur Schlacht heraus und zerstörten auf dem Heimweg die Burg Adalbergs von Bärenfels – Burgen waren beliebte und lohnenswerte Ziele von Kriegen.93 Vom Feldzug kamen die Basler «also mit wolgemuotem hertzen heim» – die Beschreibung erweckt den Eindruck einer Volksbelustigung.94 Parallel zu den Kriegszügen liefen Verhandlungen unter der Vermittlung des Basler Bischofs, die 1449 endlich von Erfolg gekrönt waren. Dieser sogenannte Adelskrieg war kein Krieg zwischen Habsburg und Basel und schon gar kein grundsätzlicher Antagonismus. Die habsburgische Herrschaft war kaum involviert, der Krieg eher auf das eigenmächtige Handeln der Adligen zurückzuführen, die mit dem Friedensvertrag zugunsten der habsburgischen Landesherrschaft zurückgebunden wurden – was durchaus in Basels Interesse war.
Die Burgunderkriege waren die grösste militärische Auseinandersetzung mit Basler Beteiligung. Als sich im Konflikt zwischen der Niederen Vereinigung und dem Herzogtum Burgund ein Krieg abzeichnete, stiegen in Basel nicht nur die Ausgaben für die Diplomatie, sondern der Rat besorgte ab 1473 auch Geld für die Kriegsvorbereitungen und verschuldete sich unter anderem beim Domkapitel sowie in Mailand.95 Basel war hinter Bern eine treibende Kraft in der Feindseligkeit gegen Karl den Kühnen, der schliesslich in drei Schlachten vernichtend geschlagen wurde. In Grandson (1476) erzielten die siegreichen Eidgenossen eine gewaltige Beute, in Murten (1476) zerschlugen sie sein Söldnerheer und in Nancy (1477) fand Karl den Tod. Die politischen Profiteure der Zerschlagung des Herzogtums waren weder die Eidgenossen noch Basel, sondern der französische König und das Haus Habsburg. Die siegreichen Schlachten markierten aber den Aufstieg der Eidgenossen zur Militärmacht, deren Soldaten nun in ganz Europa begehrt waren.96 Die Burgunderkriege blieben in Erinnerung dank der Beute von Grandson, die weit über das hinausging, was gewöhnlich auf dem Schlachtfeld zu erbeuten war: Waffen und Ausrüstung, Geld und allenfalls Pferde. Im gut ausgestatteten Feldlager der Burgunder fanden die Eidgenossen und ihre Verbündeten kostbare Gewänder, Schmuck und Kleinode. Dem Ausmass der Beute standen Bestrebungen gegenüber, ihre Verteilung zu kontrollieren, indem die Stadtschreiber Beutelisten verfassten und dabei den Wert des Erbeuteten schätzten. In Basel reichten die Zünfte ihre Beutelisten ein und der Stadtschreiber prüfte sie – nicht immer zu seiner Zufriedenheit; den Zettel der Schneider hielt er für «gouckel werck», also Betrug.97 Nach der Rückkehr von der Obrigkeit befragte Soldaten gaben an, keine oder nur geringe Beute gemacht oder sie gleich weiterverkauft zu haben. Einer berichtete gar, das erbeutete Geld sei ihm in den Rhein gefallen. Während besonders auffällige, wertvolle oder auch symbolisch bedeutsame Beutestücke eher in die gemeinsame Beute kamen, erfassten die Bemühungen der Obrigkeit wohl einen grossen Teil der Beute nicht. Das galt besonders für die freiwilligen Soldaten, die nicht von der Verteilung der Beute (oder des Verkaufsertrags) auf die Zünfte profitierten.98
Für Soldaten, egal ob von der Stadt aufgeboten oder als Söldner engagiert, war Beute ein wichtiger Teil des Einkommens. Erbeutete Verpflegung und Bewaffnung wurden direkt in den Krieg reinvestiert. Was Söldner nicht für sich brauchen oder gut transportieren konnten, versuchten sie schnell weiterzuverkaufen. Pferde etwa wechselten oft unter dem Preis die Hand, denn während des Feldzugs waren ihre Pflege und Versorgung aufwendig.99 Ein grosser Teil der Kriegsbeute wurde deshalb noch auf dem Feld oder kurz nach der Schlacht zu Geld gemacht. Nach der Schlacht von St. Jakob an der Birs 1444 entstand ein Beutemarkt vor der Burg von Pfeffingen.100 Dort kauften professionelle Händlerinnen und Händler – oftmals auch Frauen aus dem Tross – sowie die militärischen Anführer Beutestücke. Letztere konnten so mehr nach Hause bringen (lassen), als sie erbeutet hatten. Überhaupt waren die Beutemärkte Situationen von vielseitigen Wertflüssen, denn das Verflüssigen von Beute war oft auch ein günstiger Moment zum Begleichen von Schulden. Dagegen war es für die Obrigkeit von besonderer Bedeutung, erbeutete Trophäen vorweisen zu können; Fahnen und Feldzeichen wurden öffentlich präsentiert. Auch die Basler versuchten, besondere Beutestücke wie Karls Hosenbandorden zu Geld machen.101 Kriege waren deshalb nie nur politische, sondern ausgesprochen wirtschaftliche Ereignisse. Zum einen verschlang die Kriegsführung enorme Ressourcen, zum anderen brachten Beutezüge Güter und Geld in Umlauf. Bei einem drohenden Angriff, aber auch für Basler Feld- und Raubzüge versammelte der Rat das städtische Aufgebot – oder Teile davon.102 Stadtbürger wurden zunftweise aufgeboten, die einzige Entschädigung bestand aus möglicher Beute. Die Zünfte sorgten auch für die Bewaffnung. 1443 etwa kaufte die Weinleutezunft in Frankfurt für über hundert Gulden komplette Panzerungen für zwanzig Soldaten.103 Zunftmitglieder, die nicht selbst aufbrechen wollten, konnten Söldner als Ersatz stellen, die sie selbst bezahlten. Das Zunftaufgebot wurde ergänzt durch von der Stadt gedungene Söldner sowie Hintersassen, denen man die Erteilung des Bürgerrechts in Aussicht stellte. Schliesslich konnten je nach Aussicht auf Beute weitere Freiwillige mitziehen. Auf die Ressourcen der Stadtbewohner war die Basler Kriegsführung nicht zuletzt für den Transport angewiesen – auf dem Rückweg auch für allfällige Beute. Zu diesem Zweck mussten die Basler Pferde und Fuhrwerke stellen. Die Entschädigungen für im Kriegsdienst verendete Pferde stellten eine regelmässige und teure Ausgabe dar; ein Pferd konnte zwanzig bis vierzig Gulden kosten. Auch wer aus dem städtischen Aufgebot zu Schaden kam, konnte mit Schmerzensgeld oder Übernahme der Kosten für die Pflege beim Bader rechnen. Ein Zimmergeselle, dem 1425 vor Héricourt die Hand abgeschossen worden war, erhielt ein Pfund – eine im Vergleich zum Ersatz von Pferden sehr geringe Summe.104
Gerade für Kriegseinsätze in grösserer Distanz von Basel, oftmals gemeinsam mit Bündnispartnern unternommen, kamen Söldner zum Einsatz, deren Anführer sich aus dem regionalen Niederadel rekrutierten. 1427 etwa engagierte Basel den Habsburger Lehensmann Burkhard von Mansfeld und seine Soldaten zum wiederholten Mal, diesmal für einen Einsatz zugunsten von Strassburg. Der Vertrag regelte nebst der Verpflichtung, die Feinde «an libe und gute ze schedigende und ane ze griffende», die Bezahlung von einem Gulden pro Tag und drei Berittenen und hielt fest, dass mit dieser Summe sämtliche Risiken abgedeckt waren ausser dem Ersatz von Pferden und Rüstung.105 Soldaten mussten zu jeder Zeit damit rechnen, nach einer Gefangennahme zu Geld gemacht zu werden; in der Regel musste man sich selbst schätzen, um das Lösegeld festzulegen. Der Soldvertrag sah eine Soldfortzahlung für gefangene Söldner vor – das Lösegeld hingegen ging zulasten des Söldners.106 Wenn die Söldner selbst Gefangene machten, so mussten sie diese der Stadt abliefern, deren Habe aber durften sie behalten. Die Kosten für die Söldner wurden in den Wochenausgabenbüchern separat aufgelistet, was für ein besonderes Interesse des Rats an diesen Ausgaben spricht.107
Angeführt wurden die städtischen Truppen, Aufgebot und Söldner gleichermassen, von Hauptleuten, die aus den Kreisen der Aristokratie stammten. Bei den fünfzig Reitern, die 1420 zur Unterstützung des Reichs in den Hussitenkrieg zogen, war es der Ratsherr und Ritter Burkhard zu Rhein; im gleichen Jahr im Feldzug zur Unterstützung von Strassburg, der von der Partnerstadt finanziert wurde, Ritter Konrad von Eptingen.108 Somit waren breite Kreise der (männlichen) Stadtbevölkerung am Kriegswesen beteiligt, ob als Anführer, Aufgebotener oder Söldner.
In den Kriegszügen nach 1500 vermischen sich zunehmend städtische Feldzüge, Solddienst für fremde Fürsten und kaum kontrollierte Auszüge unter Soldunternehmern. Das gleiche Personal, das mit der Stadt auszog, war auch auf Kriegszügen unterwegs, die sich der obrigkeitlichen Kontrolle entzogen. Es fühlte sich eher zeitgenössischen Vorstellungen von Kriegführung und Kriegerehre verpflichtet als obrigkeitlicher Lenkung; entsprechend waren solche Truppen schwierig zu führen und zu disziplinieren. Sie konnten im Kriegsverlauf eine unkontrollierbare Eigendynamik entwickeln, sei es beim Plündern und Brandschatzen, sei es beim Entscheid zur Schlacht. Das beste Beispiel dafür ist die Schlacht von St. Jakob an der Birs, wo die Verteidigung der Kriegerehre die eidgenössischen Soldaten ins Verderben laufen liess.109
Zur zentralen Figur im Kriegswesen entwickelte sich der Soldunternehmer, dessen Rolle zwischen militärischer Dienstleistung und eigener Kriegführung oszillierte. Ein früher Basler Söldnerführer war Hüglin von Schönegg, der sich Mitte des 14. Jahrhunderts in Italien engagieren liess, wie viele andere deutsche Söldner auch.110 Hüglin war vermutlich der Sohn eines Malers und verliess in jungen Jahren Basel. Er machte als Söldnerführer eine Karriere vom Mitglied der Palastgarde in Avignon (1354) bis zum Ritter und Marschall im Kirchenstaat (1376). Eine Rückkehr nach Basel lässt sich nicht nachweisen. Hüglin von Schöneggs steiler Aufstieg trotz seiner Herkunft als Handwerker nimmt die Karrieren der eidgenössischen Soldunternehmer des 15. und 16. Jahrhunderts vorweg, auch hinsichtlich des dabei erworbenen Reichtums. Anders als in der Zeit Hüglins versuchten nun die Obrigkeiten, das Geschäft unter ihre Kontrolle zu bringen, indem sie Aufbrüche in den Solddienst ihrer Bewilligung unterstellten – was wiederum dazu führte, dass die Fürsten mittels Verträgen und längerfristiger Allianzen versuchten, exklusiven Zugriff auf die eidgenössischen Söldner zu erhalten. Das wichtigste Mittel waren regelmässige Zahlungen, sogenannte Pensionen, die entweder an die Obrigkeit selbst oder an eine einflussreiche Persönlichkeit bezahlt wurden. Vor allem die als ‹geheim› bezeichneten Pensionen an Individuen waren in der Eidgenossenschaft um 1500 stark umstritten. Der Solddienst war eine wichtige Einnahmequelle städtischer Politik geworden, als Basel der Eidgenossenschaft beitrat und sich in ein bestehendes System einklinkte.111
Seine Einsätze als Söldnerführer und Pensionszahlungen ermöglichten dem Wechsler und späteren Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen eine schillernde Karriere. Zunächst französischer Parteigänger, wurde er später zum Bezüger mailändischer Pensionen, führte aber auch für Kaiser und Papst Truppen ins Feld. Sein Versuch, im Rat das Verbot privater Pensionen zu umgehen, scheiterte 1512 angesichts der Pensionenunruhen in der ganzen Eidgenossenschaft. Als sich die Lage beruhigt hatte, erhielt er aber stillschweigend seinen Anteil an den mailändischen Pensionszahlungen. Die politischen Debatten zum Umgang mit Pensionen waren begleitet von heftiger Polemik und mannigfachen Klagen wegen ehrverletzender Aussagen gegen die Pensionennehmer. 1521 erklärte Meyer die Annahme von Privatpensionen für legal, was prompt zu Strassenkämpfen zwischen französischen und kaiserlichen Parteigängern in Basel führte. Schliesslich schloss ihn der Rat mit fünf weiteren Pensionenempfängern aus, weil er private Pensionen empfangen und weiterverteilt hatte – Letzteres war ein wichtiges Mittel, um in der Stadt an Einfluss zu gewinnen. Anders als etwa Hans Waldmann, dessen Karriere in Zürich ähnlich verlaufen war, oder Pensionenempfänger in Bern und Luzern 1513 wurde Jakob Meyer nicht hingerichtet, sondern nur seine politische Karriere beendet. Entgegen der älteren Forschung war dieses Ereignis kein ‹Pensionensturm›, der die Haltung zu Pensionen grundsätzlich änderte, sondern eher eine Umverteilung der Macht innerhalb der führenden Basler Schichten. Private Pensionen waren von nun an verboten, für den städtischen Haushalt blieben die Pensionen aber eine wichtige Einnahmequelle (vgl. Stadt.Geschichte.Basel, Bd. 4, S. 26–28, 189).112
Der goldene Baselstab
Der Staatsarchivar und Stadthistoriker Rudolf Wackernagel beschrieb im Basel des frühen 16. Jahrhunderts einen «Zug der Grösse».113 Die Stadt befand sich im Aufbau eines Untertanengebiets und beteiligte sich nach der Zuwendung zur Eidgenossenschaft an der Kriegspolitik in Italien. Das vom Rat gestiftete Fenster im Chor der Kirche St. Leonhard steht exemplarisch fürs neue Basler Selbstbewusstsein. Nach der für die Eidgenossen siegreichen Schlacht von Pavia 1512 erteilte Papst Julius II. das Privileg, den Baselstab im Wappen in Gold zu führen. Prächtig umgesetzt hat dies Anton Glaser im Jahr 1519, also noch vor der Absetzung des Bischofs als Stadtherr. In einer Kirche liess der Rat seine Grösse mit dem Symbol des Bischofs darstellen! Nach der Reformation wurde der Baselstab zwar wieder schwarz – aber als Wappen der Stadt ganz selbstverständlich beibehalten.