Die Karolinger und die nachfolgenden Herrschergeschlechter stützten sich auf die kirchliche Administration und insbesondere auf die Bischöfe, um ihre Reiche zu verwalten. Dieser weltliche Einfluss auf den Klerus war zuerst unbestritten: Adlige gründeten Klöster, und führende Familien handelten aus, wer ein geistliches Amt erhalten durfte. Dabei spielte immer auch Geld eine Rolle. Diese Praxis geriet ab der Mitte des 11. Jahrhunderts unter scharfe Kritik seitens der Kirche. Der Kauf kirchlicher Ämter galt nun als Sünde. Die Entflechtung der ‹reinen› Kirche von der ‹schmutzigen› Welt wurde in der Folge immer stärker gefordert und betraf nun auch die Investitur, das heisst die Einsetzung von Bischöfen durch Könige und Kaiser. 1076 erreichte dieser Machtkampf einen ersten Höhepunkt: Der Papst löste die Untertanen von ihrem Treueeid gegenüber dem Kaiser; die Reichsherrschaft fiel in eine tiefe Krise. Erst nach fünfzig Jahren kam es zu einem Kompromiss. Geistlicher und weltlicher Bereich wurden nun von Rechts wegen getrennt.
Regeln für eine Gesellschaft im Aufbruch
Papst Leo IX. (reg. 1049–1054) war der erste und einzige Papst, der aus dem Elsass stammte.1 Er setzte sich entschieden für kirchliche Reformen ein und besuchte als Reisepapst verschiedene europäische Gebiete. Während seiner fünfjährigen Amtszeit war er beinahe vier Jahre unterwegs, und zwar in Nord- und Süditalien, im französischen Königreich und im heutigen West- und Süddeutschland. Er liess Krieg führen, setzte seine Machtfülle aber auch ein, um verschiedene ‹Gottesfrieden› durchzusetzen, die angesichts des schwachen Königtums notwendig geworden waren.2 Diese Erlasse sollten es der Bevölkerung erlauben, wenigstens zeitweise in Ruhe und ohne Gefährdung ihren Alltagsgeschäften nachzugehen. Kirchliche Oberhäupter unterstützten dieses Anliegen, da eine weltliche Rechtsprechung öfters fehlte. Dabei ging es nicht nur um die Ahndung vergangener Taten, sondern um deren Verhinderung in der Zukunft.
Ein entsprechender Erlass ist im Jahr 1051 auch für den Oberrhein überliefert; vielleicht geht er auf die Anwesenheit Leos IX. zurück.3 Er richtet sich an die Alsatienses, die Elsässerinnen und Elsässer, und bezieht sich auf ein Gebiet, dessen Grenzen wir allerdings nicht kennen. Der Gottesfrieden betrifft alle, er soll Priester, Frauen, Kaufleute, Jäger und Personen, die «um des Gebets willen unterwegs sind», schützen und auch für die Bauern gelten, «während sie auf den Feldern arbeiten oder aufs Feld ziehen oder von dort zurückkommen». Die Vorschriften folgen einem genau geregelten Plan und betreffen bestimmte Zeiträume, beispielsweise die Tage vom 1. Dezember bis zum 6. Januar und die gesamte Fastenzeit. Wer dagegen verstösst und diese Personen schädigt, verletzt oder tötet, wird mit dem Tod bestraft, falls er frei geboren ist; dem Unfreien (servus) wird die Hand abgeschlagen. Helfershelfern droht die gleiche Sanktion. Dieben und Plünderern wird beim ersten Mal die Kopfhaut abgezogen, im Wiederholungsfall die Hand abgehackt, und beim dritten Mal werden sie gehenkt. Wer diesen Gottesfrieden beschwört, kann auch für Strafaktionen aufgeboten werden. Schliesslich wird die Veröffentlichung geregelt: Insbesondere junge Leute sollen angeleitet oder auch gezwungen werden, den Text zu beschwören, und dies aufgrund der Tatsache, «dass man je jünger, desto nachlässiger ist». Daneben verkünden die Priester den Gottesfrieden an allen Festtagen, und wenn er an einem Mittwochabend beginnt, ertönen überall die Glocken. Dieser frühe Beleg eines Gottesfriedens zeigt den bis heute bestehenden Widerspruch, dass Frieden und Ordnung nur mit Gewalt durchgesetzt werden können. Die Bevölkerung ist verpflichtet, Vergehen zu melden und eine Bestrafung zu unterstützen. Wie sah die Strafpraxis aus? Sie bestand zuerst aus geistlichen Vergeltungsmassnahmen, beispielsweise dem Ausschluss aus der Kirche (Exkommunikation, Bann).4 Im westfränkischen Reich gelang es den Bischöfen, adlige Gruppen (Friedensmilizen) zu gewinnen, um ihre Anordnungen durchzusetzen.5 Ein entsprechendes Vorgehen ist für das damalige Elsass nicht überliefert. Die Gottesfrieden ebneten indessen den Boden für das spätere Strafrecht im geistlichen und weltlichen Bereich und bereiteten die Landfrieden im Reich vor. Sie waren die Vorläufer der hochmittelalterlichen ‹Rechtsrevolution› (vgl. S. 155).
Bischof Burkhard von Fenis, ein Stadtherr für alle Fälle
Konflikte und Unrast prägen das ausgehende 11. Jahrhundert am Oberrhein. Glücklicherweise stand in diesen bewegten Zeiten ein geistlicher Oberhirte, Burkhard von Fenis (reg. 1072–1107), an der Spitze des Basler Bistums, der starken Rückhalt hatte und genügend lang regierte, um Auswege aus schwierigen Situationen zu finden. Der alte Bischof sei tot, sein Nachfolger gewählt, die Weihe sollte bald stattfinden: Als der Erzbischof von Besançon Anfang 1072 diese Mitteilung des Basler Domkapitels erhielt, fühlte er sich vermutlich von seinen Untergebenen überrumpelt. Die Einsetzung eines neuen Oberhirten lag eigentlich in seiner Kompetenz.6 Burkhard von Fenis (Vinelz am Bielerseee) besass aber offensichtlich besondere Qualitäten. Er entstammte dem Haus der Grafen von Neuenburg; die Ausbildung als Geistlicher führte ihn jedoch bald vom heimatlichen Bielersee weg.7 Seit 1069 amtete er als Verwalter (Kämmerer) des mächtigen Erzbischofs von Mainz, sodass er bei seiner Wahl in Basel vielleicht gar nicht persönlich anwesend war. Seine Basler Kollegen kannten ihn aber, da er zuvor bei ihnen als Vorsteher (Propst) des Domkapitels gewirkt hatte. Ihr Brief erwähnt überdies, dass die Mainzer Frauen und Männer den Gewählten ungern ziehen lassen würden. Er sei ein demütiger Mann von einfacher Lebensführung, und der königliche Hof schenke ihm Vertrauen, da er Ehrenhaftigkeit dem schnöden Nutzdenken vorziehe.
Inwiefern empfahl dies alles, Burkhard von Fenis zum Bischof von Basel zu ernennen? Mainz gehörte zu den wichtigsten Städten des Reichs, und es verfügte dank der florierenden jüdischen Gemeinde über ein weitgespanntes Beziehungs- und Handelsnetz.8 Die Nähe zum Königshof versprach eine Anbindung an das Entscheidungszentrum des Reichs; so weilte der im Folgenden erwähnte Heinrich IV. am häufigsten in Mainz.9 Als Kämmerer verfügte Burkhard über eine herausragende Machtposition und kannte sich in Administration sowie Wirtschaftsführung aus. Es gab also viele Gründe, die das Basler Domkapitel veranlassten, seine Wahl beim Erzbischof von Besançon entschieden einzufordern. Vier Jahre nach Burkhards Wahl erschütterte eine Revolution die abendländische Kirche. Es ging zuerst darum, ob der Kauf kirchlicher Ämter erlaubt sei (Simonie), was bislang häufig vorgekommen war. Überdies verlangten die kirchlichen Reformer, dass der König inskünftig die Wahl von geistlichen Führungskräften (Investitur) nicht mehr vornehmen dürfe.10 Letztlich aber stand die Frage im Raum, wer von den beiden Universalgewalten – Papst oder Kaiser – die höchste Entscheidungsinstanz sei. König Heinrich IV. aus dem salischen Herrscherhaus forderte 1076 in scharfen Worten, dass Papst Gregor VII. abdanke, und es war neben anderen Würdenträgern der Bischof von Basel, der den Brief persönlich nach Italien brachte.11 Der Papst seinerseits löste umgehend die königlichen Untertanen von ihrem Gehorsamseid.12 Sofort fielen die Mächtigen des Reichs von ihrem Oberhaupt ab, denn ein geschwächter König ermöglichte es ihnen, ihrerseits an Macht zu gewinnen.
In seiner Zwangslage reiste der König im bitterkalten Winter 1076 über die Alpen nach Canossa am Fuss des Apennin, um den Papst um Gnade zu bitten; dieser berühmte ‹Gang nach Canossa› ist als bittere Bussleistung seit dem 19. Jahrhundert sprichwörtlich geworden. Weniger bekannt ist, dass Bischof Burkhard ihn auf dieser Reise begleitete und im Januar 1077 bei der halbherzigen Versöhnung persönlich anwesend war.13 Der Bruch liess sich aber nicht kitten. Diejenigen Fürsten, die der salischen Dynastie feindlich gegenüberstanden, wählten Rudolf von Rheinfelden bereits im März 1077 zum Gegenkönig. Dieser war Herzog von Schwaben und Nachbar des Basler Bischofs. Anfang 1080 bestätigte auch Papst Gregor VII. die Wahl. Päpstliche und kaiserliche Anhänger führten in Süddeutschland und in Sachsen gegeneinander Krieg, ohne dass aber eine Entscheidung fiel. Die erhaltenen Quellen sprechen von grossen Heeren, in denen auch Nichtadlige kämpften.14 Die Auseinandersetzungen wurden mit aller Härte geführt. Politische Druckversuche, Beutezüge und Brandschatzungen prägten den Alltag am Oberrhein; gefangene Bauern wurden von ihren Gegnern kastriert.15 Unerwartete Naturereignisse schürten die Angst der Menschen, nachdem 1094 ein Blitz in das Basler Münster eingeschlagen und den Querbalken, auf dem das Kruzifix stand, zerstört hatte.16 Im Oktober 1080 starb Rudolf von Rheinfelden. In der Schlacht von Hohenmölsen (Sachsen) war ihm die rechte Hand abgehauen worden, die noch heute im Dom von Merseburg (Sachsen-Anhalt) gezeigt wird. Eine Kopie seiner künstlerisch herausragenden Grabplatte befindet sich in Rheinfelden.
Trotz dieser Schwächung konnte sich die päpstliche Partei behaupten. Bischof Burkhard blieb aber weiterhin an der Seite Heinrichs IV. Im Jahre 1084 reiste er mit ihm sogar nach Rom an die Kaiserkrönung, die vom Gegenpapst vollzogen wurde. Auch danach hielt der Basler Bischof seinem König bis zu dessen Tod 1106 die Treue. Beide kannten sich spätestens seit Canossa persönlich. Burkhard war auf tatkräftige, insbesondere militärische Hilfe angewiesen: Heinrich IV. und das Reich bildeten einen Orientierungspunkt und eine weltliche Ordnungsmacht. Sie sollten den Basler Bischof bei den Konflikten mit seinen oberrheinischen Gegnern unterstützen. Burkhard war mit seiner Parteinahme nicht allein, denn sein Bruder als Bischof von Lausanne und der Bischof von Strassburg standen ebenfalls auf der königlich-kaiserlichen Seite, desgleichen der Abt von St. Gallen. Es dauerte Jahrzehnte, bis mit dem Wormser Konkordat 1122 ein vorläufiger Ausgleich zwischen den beiden Universalgewalten gefunden werden konnte.17 In der Folge entwickelten die Kontrahenten ein schriftlich fixiertes Regelsystem, um die Balance zwischen den beiden Mächten aufrechtzuerhalten. Auf der einen Seite stand das Kirchenrecht, das in erster Linie die privaten Verhältnisse der Menschen regelte: Taufe, Ehe, Tod und Erbschaft. Im Gegenzug definierten die Juristen in kaiserlich-königlichen Diensten die Grundlagen der weltlichen Herrschaft, die heute zum Staatsrecht gehören: Regalrechte, öffentliches Recht und Strafrecht. Im 11. und 12. Jahrhundert fand somit eine regelrechte ‹Rechtsrevolution› statt, die uns bis heute prägt.18
Bischof Burkhards Grosstat: Basels erste Stadtmauer
Als geistlicher Hirte war der Basler Bischof dazu verpflichtet, in kriegerischen Zeiten seine Herde zu schützen. Deshalb erhielt Basel während Burkhards Regierungszeit die erste Stadtmauer (vgl. Karte auf S. 76). Damit gehört die Stadt zu den sehr früh befestigten Städten im Umfeld der Schweiz; einzig in Genf dürfte sie ebenfalls ins 11. Jahrhundert zurückgehen.20 Auch im Rheinland konnten sich Bischofsstädte aus römischen Befestigungen entwickeln. So wurden in Strassburg rudimentäre Grabenanlagen aus dem späten ersten Jahrtausend entdeckt, in Speyer wurde um 1000 eine turmbewehrte Ummauerung des Dombezirks nachgewiesen, wie auch Worms, Mainz, Köln und Trier in dieses Umfeld gehören.21
Die Existenz der ersten Basler Stadtmauer wurde erst nach 1975 archäologisch bestätigt. Bis dahin wurde das Bild der Stadtbefestigungen durch die Vogelschauansichten von Matthäus Merian dem Älteren aus dem frühen 17. Jahrhundert geprägt. Sie zeigen die Äussere Stadtmauer, die seit dem späten 14. Jahrhundert Stadt und Vorstädte schützte, und die Innere Stadtmauer, welche die Innenstadt entlang der ‹Graben›-Strassen (vom St. Alban-Graben zum Leonhards- und Petersgraben) umgab, sowie diejenige von Kleinbasel. Diese Innere Stadtmauer betrachtete Peter Ochs in seiner Stadtgeschichte als diejenige von Bischof Burkhard.22
Im Gründungsbericht des Klosters St. Alban wird beiläufig von «murorum compagines» (etwa: Zusammenfügungen von Mauerteilen) gesprochen, um das segensreiche Wirken des Stadtherrn zu belegen.23 Gemeint war damit eine Stadtmauer, die in kriegerischen Zeiten vor Herzog und Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden und seinen nächtlichen Überfällen schützte. Später wurde die im Merianplan sichtbare Innere Mauer als jüngerer Befestigungsbau erkannt; Burkhards Mauer musste also anderswo gesucht werden.24 Und doch lag Peter Ochs nicht weit daneben: Die abgebildete Innere Stadtmauer ersetzte Burkhards Mauer, indem sie wenige Meter vor dieser zu stehen kam und die ältere Befestigung zum Verschwinden brachte. Die längst nicht mehr sichtbare Mauer Burkhards wurde erstmals 1975−1977 bei Ausgrabungen in der Barfüsserkirche entdeckt − konserviert ist sie bei der Theaterpassage −, und die Fundstelle Leonhardsgraben 43 erbrachte 1982 den ersten Befund links des Birsig. Das war der ‹Startschuss› für die Erforschung der ältesten, heute gut bekannten Basler Stadtmauer.25 Diese Stadtmauer war für die damalige Zeit ein riesiges Projekt. Wer sich der Stadt von aussen näherte, erblickte hinter dem Graben weder Häuser noch Dächer, sondern über der Mauer höchstens die Türme des Münsters oder denjenigen der Peterskirche. In der Mauer selbst waren einfache Tore und dazwischen vereinzelte vorstehende Türme sehen.
Eine Umrechnung der Arbeitsleistung in heutige Zahlen zeigt die enorme Leistung, die erbracht wurde. Wenn ein einzelner Arbeiter mit Aushub und Beseitigung 1 Kubikmeter pro Tag leisten kann, bräuchten 100 Arbeiter um die 600 Tage oder mindestens 2 Jahre, wenn man Winterpause, Sonntage, kirchliche Feiern und sonstige Unterbrüche einbezieht. Doch damit ist erst der Graben ausgehoben, weder ist das Steinmaterial beschafft, noch sind die Maurer-, Zimmermanns- und weiteren Arbeiten ausgeführt. Wie viele Leute mitarbeiteten und wie lange es dauerte, ist nirgends überliefert, aber mit zehn bis zwanzig Jahren wird man rechnen müssen, zumindest wenn man die 40-jährige Bauzeit der ungleich längeren Äusseren Stadtmauer bedenkt. Der Bau der Mauer begann mit dem Aushub des Stadtgrabens, kam doch die Mauerbasis in den Graben zu liegen. Die Breite des Stadtgrabens auf der Feindseite bleibt unbekannt, denn er wurde beim Bau der jüngeren (Inneren) Mauer vom neuen Graben gewissermassen verschluckt. Der Grabenaushub enthielt grösstenteils Kies, also Baumaterial, lässt sich daraus doch Sand für die Mörtelherstellung gewinnen, sowie Kiesel und Kieselwacken für die Mauerfront und als Fundamentsteine und Füllmaterial fürs Mauerinnere. Der Aushub ging wohl mehr oder weniger im Mauerwerk auf. Allein das Gewicht des benötigten Bruchsteinmaterials beträgt gegen 3500 Tonnen. Umgerechnet auf einen Sack modernen Bauzements à 25 Kilogramm gibt das eine riesige Menge von Traglasten, die von der Steingrube aufs Baugerüst befördert werden mussten. Damalige Schubkarren fassten etwa 20 Liter.26
Eine derartige Grossbaustelle war auf viele Arbeitskräfte angewiesen. Das galt auch für die folgenden Mauerringe Basels und sei hier an der Burkhardschen Stadtmauer exemplarisch dargestellt. Es werden deshalb auch jüngere Belege herangezogen, um den Aufwand für ein derartiges Monumentalwerk zu dokumentieren. Zunächst mussten vorhandene Steinbrüche ausgebeutet und neue erschlossen werden. Dafür benötigte man Holzfäller und Erdarbeiter, Steinhauer, Steinmetzen und Schmiede. Diese verfertigten und schärften die Werkzeuge; für die dafür benötigte Holzkohle waren sie auf Köhler angewiesen. Mörtelmischer lieferten den Mauermörtel für die Maurer; Zimmerleute erstellten Baugerüste und Kranen, Frauen und Männer schleppten das Material herbei.27 Ausgabenbücher aus Basel illustrieren ein mögliches Vorgehen: Sie führen im Winter 1361/62 Ausgaben für den Kauf von Schanzwerkzeug für den Grabenaushub an, damit man im Frühling 1362 mit dem Bau der jüngeren (äusseren) Stadtmauer hat beginnen können. Der Betrag dafür war spürbar kleiner als beispielsweise der damalige Preis eines Pferdes. Allerdings waren die Kosten des Grabens insgesamt so hoch, dass man dafür mindestens 150 Pferde hätte kaufen können.28 Eine Bauleitung musste letztlich auch Ernährung, Unterbringung und Verarztung Verletzter organisieren. Dabei mussten neue Vorgehensweisen erprobt werden, denn in Basel gab es damals ausser einigen Sakralbauten eher wenige Steinhäuser. Viele, zumeist wohl auswärtige Handwerker mussten herangezogen, organisiert und bezahlt werden. Dies geschah wohl im Rahmen der erst aus späteren Zeiten näher bekannten ‹Bauhütte›: dies bezeichnet neben dem Werkraum der Steinmetzen die Organisation der Mitarbeitenden einer Grossbaustelle.29 Jüngere Quellen dokumentieren die Ausführung solcher Bauten.30 Archäologische Befunde lassen die Bauweise erkennen.31 Die Mauer wird von mehreren Bautrupps in überschaubaren einzelnen Baulosen errichtet, an die weitere Baulose angehängt werden. Die Höhe eines aufgemauerten Abschnittes betrug jeweils um die 60 Zentimeter. Der Mörtel musste während Wochen aushärten, bevor die Mauer weiter aufgestockt werden konnte. Dadurch lassen sich auch Bauetappen in der Vertikalen unterscheiden. Während eine Etappe ruhte, arbeitete der Bautrupp in einem andern Baulos weiter – die Stadtmauer wuchs von mehreren Stellen aus, sich verlängernd und erhöhend rund um die Stadt, bis sie vollendet war. Während der kalten Wintermonate wurde der Bau eingestellt, und die Tage waren ohnehin kürzer, aber an Unterhalts-, Nach- und Vorbereitungsarbeiten wird es den Handwerkern in dieser Zeit nicht gefehlt haben. Der Bau muss Jahre gedauert haben.32
Natürlich stellt sich auch die Frage, wie ‹Bauen unter Kriegsbedingungen› funktionieren kann. Die damalige Kriegsführung bestand weniger aus Belagerungen und grossen Schlachten. Vielmehr fanden «nächtliche Überfälle» statt, wie im St. Albaner Gründungsbericht steht (vgl. S. 166). Ein so grosses Bauvorhaben liess sich damit allenfalls stören, jedoch kaum verhindern. Geologische Maueruntersuchungen zeigen je nach Aufmauerungsetappe und Baulos andere Zusammensetzungen des Steinmaterials.33 Muschelkalk dominiert, und viele Steine zeigen eine von fliessendem Wasser erzeugte Politur. Auch beim selteneren Tüllinger Süsswasserkalk sieht man da und dort einen solchen Abschliff. Anderswo dominiert Buntsandstein, und es kommt auch Liaskalk vor. Im Fundamentbereich wurden meist Kieselwacken verwendet. Die Mauerzusammensetzung hängt also sehr von den Materiallieferungen ab und damit auch von der damaligen Erschliessung der Steinbrüche.
Somit lässt sich die Herkunft der Steine bestimmen: Die wasserüberschliffenen Tüllinger Süsswasserkalke kamen vom Grenzacher Rheinufer, die ungeschliffenen können auch vom Tüllinger Hügel stammen und via Wiese verschifft worden sein. Der Muschelkalk steht am Rheinufer bei Grenzach und bei der Schweizerhalle an, aber auch am Dinkelberg und oberhalb von Rheinfelden. Der Liaskalk kann oberhalb Münchensteins und am Wartenberg bei Muttenz abgebaut werden, Buntsandstein bei Degerfelden, aber auch am Rheinufer unterhalb von Rheinfelden. Dass für Buntsandstein die Überreste römischer Ruinen bei Augst verwendet wurden, ist eher unwahrscheinlich, weil wiederverwendete Architekturteile bislang fehlen. Diese Steinbrüche belegen, dass in die lange Handwerkerliste auch Schiffer einzutragen sind, wird doch der Schiffstransport dem mühsamen Landweg vorgezogen. Das Steinmaterial kam somit aus der näheren Umgebung in die Stadt.
Der Mauerring und die Stadt
Beim Amtsantritt Bischof Burkhards beschränkte sich die eigentliche, von früher her wohl eher schlecht als recht befestigte Stadt auf den Münsterhügel im Bereich des spätantiken Kastells, dessen wiederhergestellte Wehrmauer hinter dem spätkeltischen Graben die städtische Siedlung (oppidum) vom südwestlichen Vorland abgrenzte. Vor Burkhard gab es ausserhalb des Münsterhügels jedoch im unteren Bereich der Talstadt bis etwa zur Höhe des Marktplatzes und noch etwas in Richtung der Zugangsachse Spalenberg bereits so etwas wie eine Vorstadt. Von der rechten Birsigseite ist in der Talebene so gut wie nichts bekannt, und das Vorfeld vor der alten Befestigungslinie Bäumleingasse war unbesiedelt. Burkhard zog einen äusserst grosszügigen Mauerring mit sehr viel Wachstumspotenzial um die kleine, nun deutlich erweiterte Stadt – er hatte grosse Absichten! Die Mauer wurde von der alten Befestigungslinie an der Bäumleingasse (vgl. Stadt. Geschichte.Basel, Bd. 1, S. 214) über hundert Meter bis zum heutigen St. Alban-Graben vorgeschoben, von dort zur Hälfte den Steinenberg hinunter, schräg zur Einmündung der Streitgasse an den Birsig, denn sie orientierte sich an einer kleinen Geländekante auf der Höhe der Streitgasse, wo der Birsig etwas abfiel und südlich davon eine sumpfige Niederung lag. Auf der anderen Birsigseite führte sie zum Fuss des Leonhardkirchsporns und auf dessen Sporn hinauf. Dieser trichterförmige Verlauf war zweifellos den Hochwassern des Stadtflüsschens Birsig geschuldet. Von da an begleitete die Mauer den Spornrand nach Norden zum Leonhards- und Petersgraben bis zum Rhein, wo sich die Spur der Mauer oben am Blumenrain verliert.34 Wo liess sich die Stadt betreten? Am Ende der Rittergasse, der Freien Strasse, wahrscheinlich beim Barfüsserplatz; oben am Spalenberg und am Blumenrain standen wohl einfache turmlose Mauertore. Weiter sind Vierecktürme nachgewiesen und zum Teil zu vermuten.35 Sie standen der Stadtmauer im Graben vor und erlaubten einen flankierenden Beschuss allfälliger Angreifer. Beispielhaft zeigt sich das im ‹Teufelhof› (Leonhardsgraben 47/49) mit den eingangs genannten Baulosen und -etappen.36 Überhaupt ist dort ein ungewöhnliches Vorgehen dokumentiert: Eine dem Bauverkehr dienende Öffnung in der Mauer wurde in Etappen verschlossen und mit einem Turm überbaut.
Wichtig ist der Lohnhof-Eckturm am Kohlenberg, denn er steht in einer Wechselbeziehung zum Bau der Leonhardskirche und zeigt, wie während des Baus der Stadtmauer flexibel vorgegangen wurde. Die Kirche ist etwas früher anzusetzen als die Mauer (um 1060/1080): Sie wurde auf dem bisher unbebauten Sporn errichtet.37 Die Bauzeit von Kirchen konnte recht lange dauern. Begonnen wurde wohl vom Chor her. Während der Planung oder dem Bau des Langhauses muss der Stadtmauerbau eingesetzt haben, wie die Lageverschiebung des Eckturms nahelegt. Er steht – sozusagen beiseitegeschoben – bereits halb im Abhang, und die ganz auf der Terrasse oberhalb des steilen Abhangs zum unteren Kohlenberg liegende Stadtmauer nähert sich von Osten in ungewöhnlich kurzen, sogar die Flucht ändernden Baulosen, bis das letzte Teilstück von wenigen Metern Länge die Lücke schliesst. Dass der Turm nach Süden verschoben wurde, ist aus dem übergeordneten Willen nach einem grösseren Langhaus erklärbar: Gotteshaus und Stadtmauer standen in einem konkurrierenden Wechselspiel. Die Kirche verdrängte die Mauer!
Über die Gestalt von Stadtmauer und -türmen ist wenig bekannt. Die Mauerhöhe lag etwa 9 Meter über der Grabensohle, und ein Zinnenfenster neben dem Eckturm beim Lohnhof zeigt ein Wehrelement an.38 Die Türme werden wohl nur wenig höher gewesen sein. Ein feiner Putzmörtel bedeckte bloss die Zwischenräume zwischen den Steinen und hob diese durch mit der Maurerkelle gezogene Linien hervor, eine damals übliche Verputzweise (sogenannte pietra rasa mit ‹Fugenstrich›). Damit wurde ein qualitätvolles Quadermauerwerk angedeutet, wie es ähnlich auch in der ottonischen Münsterkrypta vorhanden ist.
Die Gründung des Klosters St. Alban
Die Gründung eines Cluniazenser Reformklosters durch den Basler Bischof Burkhard von Fenis, den standhaften Anhänger Kaiser Heinrichs IV. im Investiturstreit hat der Geschichtswissenschaft viele Fragen aufgeworfen. Die Überlieferung ist durchwoben mit Legenden und Fälschungen.39
Parteinahme für den Kaiser und Förderung der Cluniazenser schlossen sich nicht aus. Abt Hugo von Cluny vertrat im Investiturstreit eine eher vermittelnde Position. Im Gründungsbericht über St. Alban von 1102/03, der das Stichdatum 1083 für die sich sicher über Jahre hinziehende Errichtung des Klosters gibt, fehlt jede Anspielung auf Cluny. Die Datierung des Textes ist indessen bezweifelt und nahe an das Jahr 1083 gerückt, die Verschriftlichung um 1100 angesetzt worden.40 Als Motiv des Bischofs gibt der Verfasser an, Burkhard habe schon lange das Versäumnis seiner Vorgänger korrigieren wollen, in Basel («nicht der geringsten unter den vorzüglicheren Städten Alamanniens») ein Kloster zu errichten. Während es in den anderen Städten der Provinz drei oder mehr monastische Einrichtungen gebe, hätten sie sich in Basel wie in einer armseligen Siedlung mit bloss einer Kanonikergemeinschaft zufriedengegeben, womit das Domkapitel gemeint war. Burkhard sei aber von seinem Vorhaben durch den Aufstand des Herzogs Rudolf von Rheinfelden gegen seinen Herrn, den Kaiser Heinrich IV., davon abgehalten worden. Er habe in diesen kriegerischen Zeiten die Sache seines Herrn getreu und energisch verteidigt. Die Stadt habe er durch eine Mauer gesichert.41 Eine friedfertige, kompromissbereite Distanzierung von Burkhards entschiedener, ja kriegerischer Parteinahme für Heinrich ist hier nicht formuliert.
Die Unterstellung der Stiftung unter Cluny ist erst in einer später gefälschten, zweiten Urkunde mit demselben Datum vorgesehen. Sie wurde unter Benützung des vorangehenden Gründungsberichtes hergestellt.42 In dieser in Ich-Form abgefassten Urkunde, die im Kloster St. Alban vielleicht erst um die Mitte des 12. Jahrhunderts geschrieben wurde, berichtet Bischof Burkhard angeblich selbst, er habe das Kloster der Aufsicht des Abts von Cluny übertragen, und zwar so, dass jeder vom Abt eingesetzte Prior ohne Einsprüche vonseiten der Brüder sein Amt versehen solle. Später folgt indessen der gegenteilige Satz: «… die Brüder dieses Ortes sollen sich aus den Ihren einen Prior wählen, der vom Abt Clunys ohne Widerspruch eingesetzt werden muss.» Die Forschung vermutet, Burkhard habe für seine Gründung zunächst eine freie Abtwahl vorgesehen und später sei diese unterdrückt worden. Die Änderung sei mit der erst nachträglich erfolgten rechtlichen Eingliederung des Klosters in den cluniazensischen Verband zu verknüpfen. Cluniazensisch geprägte Klöster, die aber nicht in rechtlicher Abhängigkeit von Cluny standen, waren zahlreich. Erst im Verlauf des 60-jährigen Abbatiats Hugos von Cluny (reg. 1049−1109) wurde bei cluniazensischen Reformen zunehmend auf ein rechtliches Verhältnis der betreffenden Klöster gedrängt.43 Dass der Bischof bloss die Hilfe Clunys in der Anfangszeit der geplanten Abtei beabsichtigte und nicht eine formelle rechtliche Eingliederung unter einem Prior, wäre durchaus einleuchtend. Neuerdings wird die gefälschte zweite Urkunde auch mit einem Konflikt betreffend Rechte des Klostervogts in Beziehung gesetzt.44 Gemäss einer dritten, ins Jahr 1105 datierten und nur abschriftlich überlieferten Urkunde soll Burkhard St. Alban sogar erst damals Hugo von Cluny übergeben haben.45
Die Gründung erfolgte an der Stelle einer wahrscheinlich bereits bestehenden Albankirche ausserhalb der von Burkhard errichteten Stadtmauer. Die ältere Basler Kirche verfügte offenbar bereits über Güter und Einkünfte, die nun zusammen mit der Ausstattung an die Neugründung übergingen.46 Hinzu kamen neue Schenkungen, die aus Adelsfamilien stammten, die die Kirchenreform förderten und auf der Seite des Papstes standen; sie waren mit dem Kloster St. Blasien im Schwarzwald eng verbunden. Gleichzeitig gehörte dieses zum Einflussbereich des kaisertreuen Basler Bischofs.47 Ein ähnliches Vorgehen − Förderung von St. Alban und Gegnerschaft zur Kaiserpartei − lässt sich bei anderen führenden Geschlechtern beobachten, die im heutigen Kanton Basel-Landschaft lebten.48 Die kaisertreuen Bischöfe Burkhard und sein Bruder Cuno, Bischof von Lausanne, förderten die Reform auch, als sie Mönche aus St. Blasien ins Kloster St. Johannsen in Erlach beriefen.49 Zudem gab es Kontakte zwischen dem Basler Bischof und dem cluniazensischen Reformer Ulrich, Abt des Klosters Zell im Schwarzwald.50 Für die Bildungsgeschichte Basels ist die Gründung St. Albans von grosser Wichtigkeit. Im Bistum Basel waren bislang Klöster, die überwiegend auf dem Land angesiedelt waren, Träger der Kultur, wie das Beispiel von Moutier-Grandval zeigt. Nun werden auch die Städte zu intellektuellen Zentren.51
Die Güter, mit denen das Kloster bei seiner Gründung beschenkt wurde, steckten bereits den endgültigen Rahmen seines wirtschaftlichen Gebietes ab.52 Das Hauptgewicht kam von allem Anfang an dem Besitz im Elsass zu. Hier wurden Unterpriorate in Enschingen und Biesheim errichtet. Das Kloster ging schon im Verlauf des 12. Jahrhunderts überall zu einer rein besitzständischen, defensiven Güterpolitik über; nur in seinem wirtschaftlichen Kerngebiet, dem Sundgau, betrieb es eine milde und unsystematische Expansion. In der Mitte des 12. Jahrhunderts ergriff das Kloster die Initiative zum Bau eines Gewerbekanals aus der Birs ins Albantal − Grundlage für die Entstehung einer Gewerbesiedlung.53 Der sicher seit 1284 als «tich» oder ähnlich bezeichnete Gewerbekanal wurde wohl 1152−1154 vom Kloster veranlasst.54 Der Kanal wurde bei St. Jakob von der Birs abgeleitet. Er verzweigt sich hinter dem Mühlegraben in zwei Arme und ergiesst sich oberhalb von St. Alban in den Rhein.55 Die frühesten Mühlennennungen des Jahres 1284 liegen an den beiden Teicharmen.56 Insbesondere die Mühlen von St. Alban werden im Spätmittelalter zu Zentren des Druckgewerbes.57
Zum Bau der Brücke über den Rhein muss sich Bischof Heinrich II. von Thun (1216?–1238) mit dem Kloster St. Alban verständigt haben, denn die zugleich geplante Anlage des rechtsrheinischen Kleinbasel erfolgte in jenem Gebiet, in dem das Priorat seit der Stiftung durch Bischof Burkhard über umfangreichen Grundbesitz samt der Kirche St. Theodor in Nieder-Basel, der künftigen Pfarrkirche Kleinbasels, verfügte. In einem Kompromiss über die Pfarreirechte in Grossbasel, die das Domkapitel dem Priorat bestritten hatte, wurde dem Kloster 1259 die Pfarrei der kleinen Stadt indessen entwunden.58 In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts setzten wirtschaftliche Probleme ein.
St. Leonhard, eine Kirche für alle
Die Beteiligung der Bevölkerung wird im Fall der Kirche von St. Leonhard erwähnt, deren zweiter Patron der volkstümliche St. Bartholomäus war.59 Ezelinus, ein Mitglied des Domkapitels, soll die Kirche vor 1082 gegründet haben, wie ein – allerdings später überliefertes – Dokument festhält. Hier ist die Rede vom «Volk der ganzen Stadt», aber auch von den «edleren Bürgern der ganzen Stadt», ohne dass eine Institution wie der spätere Rat erwähnt wird.60 In der Folge wurde St. Leonhard der Regel der Augustiner-Chorherren unterstellt. Diese Gemeinschaft von Geistlichen stand zwischen dem abgeschirmten cluniazensischen Ordenshaus von St. Alban, das sich ausserhalb der Stadtmauer befand, und den sich frei bewegenden Priestern der bereits bestehenden Kirchgemeinden. In der Folge entwickelte sich die Kirche von St. Leonhard und Bartholomäus zu einem religiösen Anziehungspunkt für grössere Bevölkerungsschichten und bildete damit auch ein Gegengewicht zu Bischof und Domkapitel. Das verrät nicht zuletzt die Wahl von St. Bartholomäus als Patron, denn er war der Schutzheilige der Gerber, die unterhalb des Petersbergs entlang des Birsig ihr Handwerk betrieben. In der Talstadt entstand – wohl unter Bischof Burkhard – in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts am heutigen Andreasplatz eine Kapelle, die dem gleichnamigen Heiligen geweiht war.61
Die Talstadt: Steinerne Mauern schützen steinerne Häuser
Neben den frühen Holzbauten im alten ‹Pompierarsenal› kamen in der Schneidergasse 4/6 auch Fundamente eines frühen Steinhauses aus der Zeit um 1100 zum Vorschein. Erhalten sind allerdings nur diese steinernen Fundamente. Eine Binnenmauer könnte einen Hof von einem überbauten Wohnteil, vielleicht einem Fachwerkbau, abgegrenzt haben. Zwei Mauerreste definieren ein grösseres, die heutigen Adressen Schneidergasse 4−10 oder 12 umfassendes Areal mit Holzbauten.62 Auch in der Schneidergasse 2 hat sich hinter der Böschungsmauer das Fundament eines kleinen Steingebäudes aus dieser Zeit erhalten. Einen Steinwurf entfernt kamen zwischen Stadthausgasse und Birsig (heute Marktgasse) ebenfalls Reste von drei Steinbauten zum Vorschein.63 Das Erdgeschoss war wahrscheinlich eingetieft. Durch Anheben der Umgebung wurden die Erdgeschossräume später zu Kellern. Reste einer Areal- oder Hofmauer wurden nur beim südlichsten Gebäude festgestellt, doch auch dort darf man grössere, abgegrenzte Areale annehmen. Die drei Steinhäuser lagen wie an der Schneidergasse von der Gasse abgesetzt. Diese ‹Kernbauten› waren die Zellkerne, aus denen sich durch An- und Aufbauten sowie durch Aufteilung der breiten Parzellen die ganze heutige Häuserzeile entwickeln sollte. Diese steinernen Kernbauten liegen oft in der Parzellenmitte, während sich strassenseitig meist noch Holzgebäude befinden.64 Ihre Entstehung setzen wir in die Zeit um 1100.
Das regelmässige Bild von Steinhäusern des ausgehenden 11./12. Jahrhunderts, die in einem gewissen Abstand die Schneider- und Stadthausgasse begleiten, ergibt sich durch ihre Lage zwischen Talhang und Birsig. Diese ermöglicht vorne und hinten einen ebenen Streifen Landes. Für die längst zerstörten Bereiche unter-und oberhalb dieses Gebiets nehmen wir ein ähnliches Siedlungsbild zumindest links des Birsig an. Auch im Umfeld des Andreasplatzes konnten viele Häuser untersucht werden.65 Hier liegen jedoch mehrere Kernbauten bereits im Talhang. Auch sie entstanden um 1100, und ebenfalls entwickelt sich daraus ein ganzer Gebäudekomplex. Ausgangspunkt ist zum einen der länglich-schmale, vollständig erhaltene Grundriss eines Hauses. Seine nördliche Fassade wurde vom neuzeitlichen Haus übernommen, was für einmal das mögliche Aussehen eines solchen Vorgängerbaus verrät.66 Zum andern stand wenig südlich ein isolierter Kernbau; dazwischen füllte sich die Lücke mit weiteren Häusern. Die Lage abseits der Gasse ermöglichte eine freiere Anordnung, und auch das wollen wir als mögliches Entwicklungsmuster für die tiefer gelegenen, unbekannten Bereiche des Talhangs beidseits des Andreasplatzes postulieren. Zweifellos waren diese Bauten von hölzernen, nur im Einzelfall nachweisbaren Nebenbauten begleitet.
Zurück zur Schneidergasse. Auch hier ging die Entwicklung nach 1100 weiter: An den grossen Grundriss von Nr. 4/6 wurde in Nr. 8/10 ein zweiräumiges Haus angebaut. Von ihm haben sich im Fundament ausser dem Grundriss mit einer Binnenmauer auch eine Seitengiebelwand erhalten.67 Die beiden Erdgeschossräume wurden unterschiedlich genutzt, jedenfalls besassen sie verschiedene Böden (Lehm, Mörtel). Als Brandmauer enthält die Seitengiebelwand keine Öffnungen, dafür zeigt sie die Gebäudehöhe an und ein nach hinten zum Talhang entwässerndes Pultdach. Die höhere, repräsentative Hausseite orientiert sich zur Gasse hin. Diese frühen Steinhäuser dürften denn auch ein gutes Bild abgeben, wie man sich solche Bauten vorstellen darf. Weiter wurden im Haus Andreasplatz 14 romanische, repräsentative Fenstersäulen mit Würfelkapitellen gefunden.
Diese Steinhäuser mögen aus heutiger Sicht bescheiden aussehen, doch das täuscht, gehörten sie doch einer Oberschicht, die auch im Austausch mit entfernteren Gegenden stand. Basel wurde öfters von deutschen Königen und Kaisern besucht, wie sich anhand von hier ausgestellten Urkunden nachweisen lässt. Der ganze Hofstaat mitsamt dem Tross musste angemessen untergebracht werden, und da werden diese Steinbauten eine wichtige Rolle gespielt haben (vgl. S. 64–65). Die Areale solcher Steinhäuser enthielten natürlich immer auch Holzbauten und gewerblich genutzte Flächen, von denen sich höchstens Reste erhalten konnten. An der Schneidergasse etwa lag ein Holzhaus des 11. Jahrhunderts mit Lehmboden, einer einfachen Feuerstelle und zwei kleinen Gruben mit Ascheabfällen und undefinierbaren Metallbröseln, ein Beleg für Metallhandwerk.68 Dies wiederholt sich im Nachbarhaus Nr. 12 mit einem gewerblich genutzten Hofareal. Dort wurde auch eine steinerne Gussform aus dem 11. Jahrhundert gefunden.
Von besonderem Interesse ist eine kleine Gewerbeanlage des 12. Jahrhunderts auf dem hinteren Andreasplatz, ein rechteckiger, etwa 2,4 x 3,3 Meter grosser Räucherofen beim bereits genannten Steinhaus.69 Der Ofen − aus mit Lehm verbundenen Steinen − mag mannshoch gewesen sein und besass eine gemörtelte Einfeueröffnung.70
Auch oben am Spalenberg und an der unteren Freien Strasse wurden vereinzelt frühe Steinbauten entdeckt. Sie befanden sich wegen der Lage am Talhang direkt an der Gasse.71 Ebenso entstanden an der Stadtmauer erste Steinhäuser in den weniger tiefen Parzellen im Norden der Petersgasse in der Nähe des inneren St. Johanns-Tores.72 Deutlicher ist ein Befund am Leonhardsgraben 43: Eine Mauer, ein Lehmboden und eine aufwendige Heiz- oder Feueranlage liegen unmittelbar an der Burkhardschen Stadtmauer. In dieser wohl privilegierten Lage entstand ein in Mischbautechnik errichtetes Gebäude (Steinbau, Fachwerkwände).73 Man darf diese Bauten als ‹Pionierüberbauung› sehen, deren Lücken im Laufe der folgenden Generationen geschlossen worden sind. Unter Einbezug von Topografie und Gassennetz lässt sich mittlerweile ein recht plastisches Bild der Bebauung des 11. / frühen 12. Jahrhunderts entwerfen.