Im Verlauf des 8. Jahrhunderts war an die Stelle des merowingischen Königshauses das ebenfalls fränkische Geschlecht der Karolinger getreten. Deren erfolgreichster Vertreter, Karl der Grosse (reg. 768–814), sah sich vor die Aufgabe gestellt, seinem Vielvölkerreich eine kulturelle Grundlage zu geben. An den Rändern Europas lebten Slawen und Muslime. Karl führte gegen sie Krieg und nutzte anschliessend die christliche Mission, um seine Macht auszubauen. Dazu diente ihm und vor allem seinen Nachfolgern ein umfassendes Bildungsprogramm, das alle Lebensbereiche erfassen sollte. Die Kirche als zentrales Ordnungsinstrument konnte so die weströmische Kaisertradition und eine wirksame Reichsverwaltung zusammenführen. Zu diesem Zweck erliessen die Karolinger ausführliche Gesetzessammlungen (sogenannte Kapitularien), zu denen seit 789 die weit verbreitete ‹Admonitio generalis› gehörte. Deren geistliche Verfasser stammten aus Norditalien, England, Spanien oder Westeuropa; zu ihnen gehörte auch Bischof Haito von Basel.
Haito: Bischof, Botschafter und Bauherr
Haito (reg. 805–823) war ursprünglich Mönch im Kloster Reichenau am Bodensee.1 Nach seiner Wahl im Jahre 805 prägte er als geistliches Oberhaupt nicht nur die Entwicklung seines Bistums, denn Haito wurde 806 auch zum Abt dieses Klosters gewählt, wo er knapp hundert Mönchen vorstand.2 Ein derartiges Doppelmandat war damals durchaus üblich. Beide Ämter banden ihn in das Netzwerk des karolingischen Reiches ein. Karl der Grosse besetzte nach diesem Muster sowohl Bischofssitze als auch Abteien mit gut ausgebildeten Gefolgsleuten, die Schreib- und Lesefähigkeit sowie Verwaltungserfahrung besassen und gleichzeitig zur geistlichen sowie weltlichen Hierarchie gehörten.3
In der Folge erfüllte Haito verschiedene Aufgaben. So nahm er um 805/06 sächsische Geiseln, die in Alamannien verwahrt waren, in Empfang und begleitete sie zusammen mit einem Grafen nach Mainz.4 Für Karl den Grossen reiste er sogar nach Byzanz, der Hauptstadt des oströmischen Reichs.5 Dabei handelte es sich um einen heiklen Auftrag, denn die dortigen Kaiser verachteten die neuen Herrscher im Westen und bezeichneten sie herablassend als ‹Kinder und Söhne›. Haitos Reisebericht mit dem griechischen Titel ‹Odoporicum› (Reisebeschreibung) ist leider nicht erhalten.6 Auf jeden Fall genoss Haito das Vertrauen seines weltlichen Oberherrn. So unterschrieb er 811 zusammen mit anderen das Testament Karls des Grossen, der 814 starb. Trotz seines Ansehens verzichtete Haito auf weltlichen Ruhm. 823 trat er als Bischof zurück und wurde wieder ein einfacher Mönch in Reichenau. Dort erlebte er, wie sein Mitbruder Wetti in einer Vision das Jenseits erblickte, bevor er verstarb. Haito schrieb Wettis Traumbilder gewissenhaft auf und unterschlug auch Unangenehmes nicht: Karl der Grosse habe im Jenseits für sein ausschweifendes Liebesleben bezahlt; seine Geschlechtsteile seien aufgefressen worden.7 Trotz seiner weitgespannten Verpflichtungen vernachlässigte Haito sein Bistum keineswegs. Er erliess seine eigenen Kapitularien, die in zeitgenössischen Handschriften verbreitet und beachtet wurden.8 Sie regelten unter anderem wichtige Aspekte des kirchlichen Lebens, wobei in erster Linie die Priester angehalten wurden, ihr Amt sorgfältig auszuüben; herumziehende und somit unkontrollierte Kleriker waren verboten.9 Die Geistlichen sollten die Sakramente, die Feste des Kirchenjahres und die Gebete kennen. Letztere mussten die Kleriker sowohl auf Lateinisch als auch in der Volkssprache vortragen können, damit das, was «der Mund sagt, auch im Herzen geglaubt und verstanden wird».10 An der Messe waren die Gläubigen ebenfalls beteiligt, denn sie mussten auf die Zurufe des Priesters gemeinsam antworten. Der Einsatz der Volkssprachen sollte die Laien in das religiöse Leben einbinden. Bezeichnenderweise stammt das älteste lateinisch-deutsche Wörterbuch ‹Abrogans› (demütig) aus der Karolingerzeit; es befindet sich neben weiteren Wörterbüchern in St. Gallen.11 Haitos Vorschriften schärften den Priestern ein, mit einem untadeligen Lebenswandel ein Vorbild für die ihnen anvertrauten Menschen zu sein. Das Zusammenleben mit Frauen, Aufenthalte in den Wirtshäusern sowie Jagdvergnügen waren ihnen untersagt. Der Verkauf von Kirchenämtern – die sogenannte Simonie – war streng verboten. Einzelne Abschnitte bezogen sich auch auf die Laien. So war es den Frauen verwehrt, den Dienst am Altar vorzunehmen, selbst wenn sie Nonnen waren. Sogar die Leinentücher, mit denen Opfertisch und Messgeräte bedeckt waren, durften den Wäscherinnen nur ausserhalb des abgegrenzten Altarbereichs übergeben werden. Ehen unter Verwandten sollten geahndet werden, und Patinnen sowie Paten waren verpflichtet, auf das Seelenheil der ihnen anvertrauten Kinder zu achten. Einer der Erlasse in Haitos Kapitular betraf auch den Kirchenbau: «Die Priester sollen wissen, dass sie im Falle der Kirchen, denen sie vorstehen und durch ein Gelübde verbunden sind, mit aller Wachsamkeit für deren Schmuck sorgen und ihnen eifrig mit ganzer Achtsamkeit dienen sollen.» Dies zeigt, wie sehr Haito auch Bauprojekte am Herzen lagen. So liess er vermutlich das Modell einer idealen Klosteranlage entwerfen; der entsprechende Plan ist noch erhalten und kann bis heute in St. Gallen bewundert werden.12
Im Jahre 816 weihte Haito eine Marienkirche auf der Reichenau ein, und auch seinen Basler Bischofssitz liess er mit dem Bau eines Münsters verschönern, das vielleicht ebenfalls unter den Schutz der Muttergottes gestellt wurde.13
Der Münsterhügel und das karolingische Münster
Haito errichtete auf dem Münsterhügel ein imposantes Münster, wie das folgende Zitat hervorhebt: «Zuvor sah man eingerissene und umgestürzte Mauern, jetzt aber eine mächtige Halle, erfüllt von heiterer Göttlichkeit. Allen Bürgern beliebt es, hierher zu eilen.»14 Mit diesen Worten preist ein anonymer Dichter die herausragende Leistung Haitos. Basel wurde mit dem Marien-Münster zu einer Kathedralstadt. Von diesem Vorgängerbau lassen sich archäologisch nur die aussergewöhnlich mächtigen Fundamente einer dreischiffigen Kathedrale nachweisen. Sie entstand an der breitesten Stelle des Münsterhügels, auf dem ehemaligen Standort eines grösseren römischen Baus. Dessen Überreste fanden verschiedentlich für den Bau des Gotteshauses Verwendung. Das knapp 40 Meter lange karolingische Münster orientierte sich in der Ausrichtung an der antiken Strasse, überbaute jedoch die seit keltischer Zeit bestehende Achse. Damit war ein erster Schritt getan, hin zu einem abgeschlossenen, nicht direkt einsehbaren Münsterplatz, der den späteren rechtlichen Immunitätsbereich des Bischofssitzes und des Domkapitels markierte. Ein weiterer Hinweis auf eine Neugestaltung des Münsterplatzes findet sich in der allmählichen Aufgabe der frühmittelalterlichen Grubenhäuser im Platzbereich.15 Im Osten der Kathedrale lässt sich ein erhöhter Chor sowie eine kleine unterirdische Krypta rekonstruieren. Etwa in der Mitte des Langhauses dürfte eine Schranke die Kirche in zwei Zonen geteilt haben. Der eine, ‹himmlische› Bereich im Osten war exklusiv den Klerikern vorbehalten, im Westen befand sich der Bereich, zu dem Laien Zutritt hatten. Hier wurden wohl die Altartücher entgegengenommen, von denen Haitos Gesetzessammlung spricht. Ein vom Bischof gestifteter Überbau (ciborium) überwölbte den Altar und unterstrich die Heiligkeit des Ortes.16 Besonders hervorzuheben ist die von zwei Rundtürmen flankierte Westfassade; sie ist ein sehr frühes Beispiel einer Doppelturmfassade in Mitteleuropa. Die Herkunft der Doppelturmfassade wurde vielfach diskutiert, denkbar ist ein geografisch naheliegender Einfluss durch römische Bautraditionen, aber auch eine Bezugnahme auf Jerusalem und damit auf das Idealbild des salomonischen Tempels mit seinen zwei mächtigen Rundsäulen an der Eingangspforte. Architektonische Anspielungen auf den Jerusalemer Tempel können als sakral gedeutete Herrschaftszeichen verstanden werden. Sie beziehen sich vielleicht auf Karl den Grossen, der mit der Kaiserkrönung im Jahr 800 die Rolle des rex Christianus für sich beansprucht hatte.17 Ein weiterer Bau – heute als Aussenkrypta bezeichnet – wurde ausserhalb des karolingischen Münsters im Bereich der heutigen Pfalzterrasse am Abhang zum Rhein an die Bischofskirche angefügt. Erhalten ist ein eingetiefter kleiner Sakralbau mit drei Apsiden und einer Vorkammer. Seine abgesetzte Lage stellt eine Eigentümlichkeit des Basler Ensembles dar, wobei aber nicht gesichert ist, ob der erhaltene Befund wirklich eine abgesetzte Aussenkrypta darstellt oder lediglich Fragment eines weitaus grösseren, nicht weiter erhaltenen Baus ist. Die Aussenkrypta dürfte durch einen Hangrutsch im 9. oder 10. Jahrhundert teilweise zerstört und schliesslich aufgegeben worden sein. Wie der Martinskirchsporn, der ausserhalb des bischöflichen Herrschaftsbereichs lag, besiedelt war, lässt sich vorläufig nicht eindeutig bestimmen (vgl. S. 29).
Der Münsterhügel hatte ausserhalb des bischöflichen Herrschaftsbereichs, wo die Grubenhäuser mit dem ersten Münsterbau aufgegeben wurden,18 wohl noch einen eher dörflichen Charakter. Archäologische Befunde aus der Martinsgasse belegen Holzbauten und eine Latrine aus der Zeit nach 800, deren Schacht mit Flechtwerk ausgesteift war.19 Latrinen aus dieser Zeit sind selten, belegen aber eine sozial höhere Stellung ihrer Benutzer.20 Im 11. und 12. Jahrhundert erfolgte eine verdichtete Besiedlung rings um die Martinskirche. Holzbauten wurden direkt an vorhandene Steingebäude angegliedert und dienten als Ställe und Vorratskammern.
Alltag im karolingischen Reich
Es ist schwierig, den damaligen Alltag rekonstruieren zu wollen. Archäologische Fundobjekte helfen zwar, sich die Lebensumstände der Menschen vorzustellen. Dagegen sind nur wenige schriftliche Quellen vorhanden. Selbst Karl der Grosse konnte nur lesen, das Schreiben fiel ihm zeitlebens schwer.29 Hinzu kam die Sprachbarriere. Praktisch alle Texte sind uns in Latein, der damaligen ‹Weltsprache› überliefert, und sie stammen von Klerikern, die eine Sonderstellung innerhalb der Gesellschaft einnahmen. Es gilt deshalb, die erhaltenen Dokumente gegen den Strich zu lesen, denn jeder Text enthält mehr Informationen, als von den Autoren beabsichtigt war. Heiligenlegenden, Visionsberichte, Dichtungen, Briefe, Chroniken, Rechtstexte und vordergründig trockene Urkunden vermitteln uns immer Hinweise, in welcher Lebenswelt sich die damaligen Menschen bewegten. Auch Geistliche waren in soziale Beziehungen eingebunden und bezeichneten den Alltag als «täglichen Umgang» (conversio cottidiana).30
Für den Zeitraum von 800 bis 1050 besitzen wir eine Reihe von süddeutschen Texten, die mehrheitlich im Umkreis von Klöstern (Rheinau, Reichenau, St. Gallen) entstanden sind. Vor allem die letztere Mönchsgemeinschaft war mit Basel verbunden, sodass Belege zum Alltagsleben am Bodensee auch auf den Oberrhein übertragen werden können. Sie behandeln alle Bereiche des menschlichen Lebens: Geburt und Kindheit, Sexualität und Heirat, Arbeit und Nahrung, Kleidung und Reisen, Konflikte und Krankheit, Tod. Gerade für die Geschichte der Frauen ergeben sich aufschlussreiche Einsichten. Die St. Galler Einsiedlerin Wiborada zum Beispiel darf mit dem Pfarrer gemeinsam die Messe durchführen. Während ihres Lebens trifft sie die Kollegin Cilia, die vorgibt, fromm ihre Tage zu verbringen. In Wirklichkeit benützt diese die Almosen, die sie für sich erhält, für Kreditgeschäfte. Wiborada zieht sich nun in ihre Klause zurück, sie flieht aber nicht vor den Ungarn wie die Klosterbrüder, sondern wird ermordet.31
Viele Ereignisse, die den damaligen Lebensweg säumen, muten uns gleichzeitig vertraut und fern an. Die Tötung von Frühgeborenen zieht eine strenge Strafe nach sich, und beim plötzlichen Tod einer Schwangeren wird das Kind herausgeschnitten, damit es überlebt. Die wenigen Kinder, die ein gewisses Alter erreichen, vergnügen sich mit Spielen und Obstklau, hören gerne Märchen und singen anständige sowie anstössige Lieder. Sie dürfen an bestimmten Tagen den Abt gefangen nehmen und mit ihm seine Freilassung aushandeln. Prügelstrafen sind zwar gängig, werden aber kritisch beurteilt.32 Die Klöster garantieren Männern und Frauen, die nicht mit einem familiären Rückhalt rechnen können, eine Art Pension, falls sie einem Konvent die Nutzniessung von Gütern übertragen. Dabei unterscheiden sich die Vertragsformen beider Geschlechter, denn für Spenderinnen wie Adalpirin, Wolfkart und Rachil werden die Leistungen des Klosters genauer festgehalten.
Das Klosterleben behagt aber nicht allen Männern. Junge Männer setzen den Austritt aus der Gemeinschaft durch, und es kommt sogar zu Selbstmord. Bisweilen verprügeln sich die Mönche. Liebesbeziehungen und Eheschliessungen beschreiben die Mönche erwartungsgemäss weniger, Homosexualität wird am Rande erwähnt. Wie die Beziehungen von Frauen und Männern ausserhalb der Klostermauern aussehen, erfahren wir vor allem im Rahmen von Konflikten: Vergewaltigung, uneheliche Geburten, Prostitution. Klöster sind immer auch Zentren der Produktion im realen sowie übertragenen Sinn. Sie dienen der Versorgung ihrer Bewohner mit Nahrungsmitteln, sammeln Handschriften, unterrichten die Novizen und stellen die medizinische Grundversorgung sicher, beispielsweise im Kloster Moutier-Grandval. Der Güterverkehr in der Form von Kauf, Tausch und Schenkungen ist im Falle von St. Gallen durch rund tausend Dokumente belegt. Da Karl der Grosse Kontakte zum Orient pflegt, können sich die Mönche von dort Reliquien bringen lassen oder hinreisen; auf diese Weise erfahren sie von fernen Welten.33 Wenn die Daheimgebliebenen erkranken, können sie hoffen, im Klosterspital Aufnahme und Pflege zu finden. Die dortigen Ärzte stützen sich auf Medizinbücher und Heilkräuter. Gegen Schmerzen und seelische Krankheiten verschreiben sie Mohn (Opium). Auch einzelne Fälle von schweren Geisteskrankheiten sind in den Quellen verzeichnet.34 Ausserhalb der Klöster und Bischofssitze übernehmen häufig Frauen die Betreuung von Leidenden. Und am Ende des Lebens können Sterbende damit rechnen, in den Tod begleitet zu werden.
Wie sahen die Menschen aus? Die Auswertung von Skeletten aus dem Gebiet der heutigen Schweiz ergibt eine mittlere Körpergrösse der keltisch-romanischen Männer von unter 170, bei den Frauen von rund 160 Zentimetern. Mit der Einwanderung der Alamannen und der Durchmischung der Bevölkerung erhöht sich die Körpergrösse auf 170−175 Zentimeter; Frauen bleiben 10−12 Zentimeter kleiner. In oberen sozialen Schichten sind die Menschen häufig grösser, was vermutlich auf die bessere Ernährung mit Eiweiss zurückzuführen ist.35 Viele Skelette weisen Zahnerkrankungen sowie mehr oder weniger gut verheilte Brüche auf: Arbeit und Krieg forderten den Körper ständig heraus.
Rund um Basel
Viele frühmittelalterliche Siedlungen im Umfeld von Basel haben sich zu mittelalterlichen Dörfern entwickelt. Wir beschränken uns auf das linksrheinische Umland im Stadtgebiet. Dort lag die Siedlung Gundeldingen; Grabfunde deuten auf eine lockere und weilerartige Siedlung, die später Landsitzen weichen musste und heute ein eigenes Stadtquartier ist (vgl. Stadt.Geschichte.Basel, Bd. 1, S. 242).36 Selbstverständlich sind in Stadtnähe Äcker, Felder und Wiesen vorauszusetzen, doch wie sieht es mit dem Wald aus, der mittlerweile fast verschwunden ist? Die Talhänge von Rhein, Birs und Birsig waren wohl mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, und auch da und dort kann es im Umfeld des Münsterhügels noch kleinere Baumbestände gegeben haben. Ein früher Beleg dafür ist der neue und bisher erste innerstädtische Nachweis an der Spiegelgasse 6−12.37 Lange prägten grosse Wälder die Umgebung der Stadt. Nach dem Niedergang der römischen Kultur mit ihrer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung und dem grossen Brennholzbedarf, verbunden mit einem Bevölkerungsrückgang, hatten sie sich im Laufe des Frühmittelalters wieder entwickelt: die Obere (bei Muttenz/Pratteln) und die Untere Hard (bei Mulhouse).38 Die Gründungsurkunden von St. Alban erwähnen um 1100 einen Wald, der gegenüber St. Alban liege.39 Intensive Waldnutzung und Rodung haben diese Wälder spätestens zu Zeiten des Baubooms im 13. Jahrhundert zurückgedrängt. Es ging aber nicht nur um die Gewinnung von Bau- und Brennholz, der Wald war auch wichtig zum Sammeln von Wildfrüchten wie Beeren, Nüssen, Bucheckern, Heilkräutern und Pilzen, Honig. Hinzu kam die Gewinnung von Lohrinde (für Gerbung), Bast und Pech und dergleichen. Die Waldweide diente der Ernährung von Schweinen, Ziegen und Schafen. Im Herbst standen dürre Buchenblätter als Füllung von Bettstätten zur Verfügung.40 Zu Jagd und Vogelfang ist aus diesen frühen Zeiten nichts bekannt, doch wird zumindest die Jagd auf Grosswild einer Führungsschicht vorbehalten gewesen sein. Und nicht zuletzt waren die Wälder auch ein Ort für randständige Leute, die es zu allen Zeiten gegeben hat.41 Der Hochwald, der sich im Laufe des Frühmittelalters herausbildete, wich durch die Nutzung zunehmend einem Mittel- und Niederwald, indem stockausschlagfähige Laubbäume bodeneben geschlagen und auch deren Triebe genutzt wurden. In Stadtnähe wurden sie bald ganz beseitigt.42
In Sichtweite dieses Waldes, noch ausserhalb von Basel, lag das St. Albankloster. Die Anfänge des Klosters werden aufgrund eines um 800 verfassten Heiligenverzeichnisses in diese Zeit datiert. Offensichtlich ältere Fundamente unter dem gotischen Chor scheinen dies zu belegen.43 Einige Keramikfunde lassen eine kleine, die Kirche flankierende Besiedlung vermuten, zumal die Stelle schon in der Spätbronzezeit und wohl auch Römerzeit besiedelt war.44 Diese erste karolingische Kirche im St. Alban-Tal wich im ausgehenden 11. Jahrhundert der neuen romanischen Klosterkirche.45 Die romanische Klosteranlage lässt sich gut erfassen, doch die schlichte Kirche wurde vom gotischen Nachfolgebau weitestgehend ersetzt. Vom figürlichen Schmuck ist bloss ein Stück Würfelfries erhalten. Sichtbar ist einzig noch der Nordflügel des Kreuzgangs mit einfachen Würfelkapitellen. Hinter dem Putz befindet sich bis zum Obergeschoss partienweise noch originales Mauerwerk.46 Technisch war das Kloster allerdings erstaunlich gut ausgestattet, wie ein Wasserreservoir mit einer Zuleitung aus grossen Tonröhren belegt.47 Die nach St. Alban benannte Vorstadt ist jünger.
Knapp ausserhalb der mittelalterlichen Stadt lag oben am Spalenberg abseits jeder Kirche ein Friedhof aus dem ersten Jahrtausend. Dort kamen schon früher menschliche Skelettreste zum Vorschein. Werkleitungsbauten brachten 2011 etwa ein Dutzend fundlose Körpergräber aus dem ausgehenden 8. und dem 10. Jahrhundert zum Vorschein.48 Der ursprünglich zweifellos recht grosse Friedhof wurde offenbar für die Verstorbenen, die im Birsigtal gewohnt hatten, angelegt. Der Bau der Peterskirche, deren Anfänge im ausgehenden 9. oder im 10. Jahrhundert anzusetzen sind, bedeutete das Ende des alten Friedhofs, denn die Toten der Talstadt wurden von da an hier beerdigt.49
Die Peterskirche steht dort am Petersgraben, wo das Gelände gegen den Rhein abfällt, und thront über dem Birsigtal (vgl. S. 79–81). Ihr Alter reicht deutlich über die zufällige Erstnennung im Jahr 1200 hinaus. Ausgrabungen im Chor wiesen eine romanische und eine vorromanische Kirche nach.50 Wohl noch im 10. Jahrhundert wurde neben dem Chor ein freistehender Kirchturm errichtet. Das Langhaus könnte recht breit gewesen sein, womit eine Kirche mit Haupt- und Seitenschiffen denkbar wäre (Basilika). Der Fund eines steinernen Sarkophagdeckels unterstreicht zusätzlich die Bedeutung der Kirche; sie schien dem Haitomünster nachzueifern.51
Gesicherte Siedlungsreste des 11. Jahrhunderts befinden sich unterhalb der Peterskirche, am Petersberg. Älter, aber nicht näher datierbar ist ein langer Palisadenzaun mit Flechtwerk, offenbar eine Arealabgrenzung.52 Am Blumenrain bei der Schifflände, etwa gegenüber dem ‹Hotel Drei Könige›, stand eine dem Patron der Schiffleute, St. Brandan (auch Brandolf), geweihte Kapelle. Die Verehrung des irischen Mönchs dürfte im 7. Jahrhundert dank der irischen, durch die fränkischen Könige angeregten Missionierung entstanden sein. Zwar wird die Kapelle erst im 13. Jahrhundert erwähnt, und im 15. Jahrhundert ist sie klanglos verschwunden (der alte Heilige ist in Vergessenheit geraten), doch geht sie zweifellos ins erste Jahrtausend zurück.53 Entsprechend darf die Kapelle denn auch als Indiz für eine besonders frühe Besiedlung des Schiffländebereichs betrachtet werden. Die Erinnerung lebte im 1725 versiegten ‹Brandolfsbrunnen› weiter.54 Wie schon Gundeldingen weist auch das rechtsrheinische Dorf Kleinhüningen frühmittelalterliche Anfänge auf. Der Grossbasler Seite vergleichbar gab es von Wäldern umgebene, landwirtschaftlich genutzte Siedlungszellen und Felder. Im Wiesental waren die Ausläufer des Dinkelbergs bis zu den Niederterrassen hinunter bewaldet. Die Wiesenauen wechselten immer wieder ihre Lage. Davon zeugen Funde von in prähistorischen Zeiten verschütteten Baumstämmen bei der Wiesenmündung, die in grosser Tiefe eingelagert wurden.55 Das Gebiet war bis zur Rheinebene hin locker und wechselnd bewaldet, und zwischen Wiesenmündung, Hornfelsen und Maienbühl liegt die Niederterrasse: ein geeignetes Siedlungsgebiet.56
Römische Funde im Dorfkern von Riehen sind sehr selten (nur ein mutmasslich spätantikes Grab wurde gefunden), denn die römischen Villen liegen in deutlichem Abstand zum mittelalterlichen Dorfkern.57 Die Lage an der Geländekante oberhalb der Wiesenaue, zwischen natürlichen, zur Wiese fliessenden Bächlein, bot sich für eine (früh-)mittelalterliche Besiedlung an. Archäologische Indizien lassen auf eine Kirche aus dem ersten Jahrtausend schliessen: Einige beigabenlose, aus Steinplatten gebildete Gräber berechtigen sowohl zur Annahme einer Siedlung in karolingisch-ottonischer Zeit wie auch einer zugehörigen Kirche.58 Eigenartig ist ein bei diesen Gräbern in einer gemauerten Grube eingelagertes Depot mit ganzen Töpfen des späten 10. und frühen 11. Jahrhunderts. Über den Zweck dieses Depots lässt sich nur spekulieren.59
Im 10. Jahrhundert wurde an der günstigen Lage um die Kirche eine befestigte Anlage mit Graben gebaut – vielleicht eine Folge der Ungarneinfälle von 91760 (vgl. S. 77–78). So entstand ein befestigter Hof, der für die weitere Entwicklung massgeblich blieb. In diesem Kirchhof stand eine romanische Kirche aus dem ersten Drittel des 11. Jahrhunderts. Grössere Mauerteile sind im Sakralbau des Jahres 1694 immer noch zu erkennen.61 Riehen und seine Kirche werden erstmals 1157 genannt und, dass Letztere dem heiligen Martin geweiht war, 1276.62 Daneben entstand im frühen 12. Jahrhundert ein Verwaltungszentrum, der Meierhof (heute Kirchgemeindehaus).63 In die Zeit der romanischen Kirche dürfte eine Umfassungsmauer datieren, die einen Sakral- (Kirche, Friedhof) und einen Verwaltungsbereich schützte (mit späterem Ausbau um 1200).64
Hoch über dem Dorf Bettingen liegt St. Chrischona, eine frühe Kirche mit Steinplattengräbern des ersten Jahrtausends und Resten einer Vorgängerkirche des 7.−10. Jahrhunderts.65 Sie war einer Heiligen aus dem Umfeld der elftausend Jungfrauen geweiht. Die Reformationszeit hob die Kirche auf; der Friedhof wurde weiterhin genutzt.66 Die heutige Chrischonakirche geht auf einen romanischen Bau aus dem 11. Jahrhundert und einen hochgotischen des 13. Jahrhunderts zurück.67
Von Riehen aus führt die alte Landstrasse zum östlichen Ende der mittelalterlichen Neustadt Kleinbasel, wo sich seit der Antike Spuren finden. In diesem Bereich von Kleinbasel kamen Zeugen einer wohl seit der Spätantike durchgehenden Besiedlung zum Vorschein, darunter Gräber, von denen manche auch in karolingisch-ottonische Zeit hineinreichen könnten. Eine Siedlungskontinuität für dieses 1084 erstmals Nieder-Basel genannte Dorf seit spätantiker Zeit ist dank dieser Grabfunde denkbar.68 Archäologisch tritt Nieder-Basel mit Funden und Befunden des 7.−12. Jahrhunderts ins Blickfeld der Geschichte.69
Im Gründungsbericht des St. Albanklosters des Jahres 1101/1103 (und später) wird Nieder-Basel als «villa que dicitur inferior Basilea» aufgeführt (Dorf, das unteres Basel genannt wird).70 Dazu gehört ein Vorgängerbau der heutigen Theodorskirche am Ostende des Dorfes; der heilige Theodor selbst wird erst 1259 genannt.71 1250 wird ein «rector ecclesiae ulterioris Basileae, Constantiensis dioecesis» (Kirchenvorsteher des jenseitigen Basel im Bistum Konstanz) erwähnt. Diese frühe Nennung muss sich auf die Kirche St. Theodor beziehen.72 Fragen wirft auch der 1294 erstmals belegte bischöfliche Hof (curia) im Bereich der später gegründeten Kartause auf. Vielleicht handelt es sich um ein Verwaltungszentrum für die rechtsrheinischen bischöflichen Güter.73 1022 wird ein «obern Basel» erwähnt (nächste Nennung 1113).74 Als mögliche Lokalisierung bietet sich der Flurname «im gemure» im Bereich Alemannengasse/Burgweg an.75 Später geht die Siedlung in der Neustadt auf.76
Das dunkle 10. Jahrhundert und die Einfälle der Ungarn
Bischof Rudolf «a paganis occisus» (von den Heiden erschlagen). So steht es auf einem Steinsarg, der heute in der Ostkrypta des Münsters aufgestellt ist.77 Das Monument wirft viele Fragen auf. Sowohl der Name als auch der ursprüngliche Ort der Grablege sind ungeklärt. Der Sarg selber ist älter und besteht aus Kalkstein, sein Deckel ist aus Degerfelder Sandstein gefertigt. An den Längsseiten befinden sich eingeritzte Andreaskreuze zwischen vier horizontal schraffierten Feldern. Diese Ornamentierung ist auf Sarkophagen aus dem Kloster St. Ursanne aus dem 7./8. Jahrhundert nachgewiesen.78 Es könnte sich demnach um einen wiederverwendeten merowingischen Steinsarg handeln. Der sandsteinerne Deckel wurde ebenfalls ein zweites Mal verwendet. Die Schrift wird in die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts datiert.79 Der Sarkophag steht nicht an seinem ursprünglichen Standort.80 Ein Bischof «Rudolf» wird mit der später überlieferten Eroberung und Zerstörung Basels durch die Ungarn im Jahr 917 in Verbindung gebracht.81 Basel besass damals noch keine Stadtmauer. Ein überraschender und verheerender Überfall passt zur ungarischen Taktik, wie das Beispiel des Klosters St. Gallen im Jahre 926 zeigt.82
Die ungarischen Reiterschwärme waren hochmobil.83 Die Krieger benützten die im Westen noch wenig bekannten Steigbügel, um ihre gefürchteten Reflexbogen stehend einsetzen zu können. Dabei waren sie auf schnelle Beute aus, sie scheiterten aber an befestigten Städten. Entsprechend ihrer nomadischen Lebensweise hinterliessen die Ungarn keine Bauwerke. Überall in der Schweiz sind hingegen ihre Pfeilspitzen belegt.84 Zur Verteidigung gegen sie sind Befestigungsanlagen nachgewiesen, beispielsweise bei Sissach oder Möhlin.85 Solche Massnahmen konnten die Raubökonomie der Reiterscharen eindämmen. Nachdem Kaiser Otto I. die Ungarn 955 auf dem Lechfeld besiegt hatte, nahmen die Plünderungszüge schlagartig ab. Die leidvollen Erfahrungen bewirkten im Reichsgebiet ein Umdenken. Die Zusammenarbeit von Fürsten, Bischöfen und Bevölkerung hatte sich als nützlich und sinnvoll erwiesen. Indirekt wurde damit das Bewusstsein gestärkt, einer grösseren Gemeinschaft anzugehören. Bevölkerungswachstum und wirtschaftlicher Aufschwung im 11. Jahrhundert zeigen, dass nun ein grossräumiger Handel möglich wurde.86
Die Siedlung am Petersberg
Der Hang unterhalb der Peterskirche, der sogenannte Petersberg, ist spätestens seit der aussergewöhnlichen Entdeckung von rund 1000-jährigen Holzbauten beim Bau des Spiegelhofs 1937−1939 und der Publikation von Ludwig Berger ein Fixpunkt für die mittelalterliche Stadtentwicklung Basels.87 Die Sanierung des Spiegelhofs sowie der Neubau des Amtes für Umwelt und Energie machten zwischen 2017 und 2019 zwei weitere Rettungsgrabungen an dieser bedeutenden Fundstelle notwendig.88
Neben dem seit der Bronzezeit besiedelten Münsterhügel war das Mündungsgebiet des Birsig in den Rhein spätestens seit römischer Zeit ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, an dem die Wasserverkehrswege mit einer Fernstrasse zusammentrafen. Vom regen und weitreichenden Handelsnetzwerk zeugen speziell die 360 römischen Münzen aus dem 4. Jahrhundert sowie die Skelettreste eines Dromedars. Zwischen dem 5. und dem 7. Jahrhundert scheint sich die Natur das Birsigtal am Fuss des Münsterhügels zurückerobert zu haben. Pollenanalysen und ein torfiges Sedimentpaket weisen auf einen sumpfigen Erlenbruchwald hin.89
Im 9. Jahrhundert, einer Zeit der relativen Sicherheit dank der karolingischen Herrschaft und der Besetzung des Bischofsstuhls mit Bischof Haito, wurde auf dem Münsterhügel das erste Basler Münster erbaut. Der Münsterhügel erhielt so seine Stellung als geistliches und herrschaftliches Zentrum, die er erst im ausgehenden Spätmittelalter allmählich einbüsste. Etwa gleichzeitig lassen sich einsetzende Siedlungsspuren – Holzbauten90, gegerbte Lederabfälle und die Bestattung eines Kleinkindes91 – auch am Fuss des Petersbergs nachweisen, und die Talstadt, eine lockere Siedlungslandschaft, entstand. Die günstige Lage in der Nähe der Birsigmündung und die wieder stärker genutzte Strassenverbindung scheinen die Nachteile des Baugrunds, der zuerst trockengelegt werden musste, aufgewogen zu haben. Die Entwicklung der bischöflichen Residenz mit ihren Eigenleuten und diejenige der Talstadt standen wohl in einer Wechselwirkung.92
Die Siedlung zwischen der Kirche St. Peter auf dem Hügel und der Kapelle St. Brandan im Tal bei der heutigen Schifflände bestand vor 1000 aus einer relativ einfachen Ansammlung von Häusern. Die frühesten Pfostenbauten wurden später von Holzbauten mit Schwellrahmen abgelöst und dienten zum Wohnen und Arbeiten.93 Insbesondere die Gerberei und Lederverarbeitung − zum Beispiel die Herstellung von Schuhen – scheinen eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Davon zeugen die zahlreichen Funde von Lederresten, Gerbereirohstoffen und -abfällen wie zum Beispiel Aschedepots und Tierknochen sowie vermutlich auch die sogenannten Gniedel- oder Glättsteine. Eisenschlacken belegen, dass auch in kleinerem Umfang Eisen geschmiedet wurde. Um 1080 wurde das lose, wohl sehr dynamische Siedlungsgeflecht in der Talstadt und auf Peters-, Spalen- und Leonhardsberg mit der ersten Basler Stadtmauer, der sogenannten Burkhardschen Mauer, grosszügig eingefriedet.
In der Talstadt und wohl besonders am Petersberg lassen sich nicht nur eine grosse wirtschaftliche, sondern auch eine soziale Dynamik fassen. Bereits Ludwig Berger hat die These postuliert, dass eine «Wurzel des Basler Adels» am Petersberg entstand.94 So verweisen unter anderem die Funde von Sporen,95 einer Ritterfigur und eines Ortbandes auf eine adlige Lebenswelt. Vermutlich konnten einige der Bewohner der Siedlung am Petersberg – und wohl auch der übrigen Talstadt – diese Situation zu ihren Gunsten nutzen. Sie gelangten zu Vermögen und stiegen zu Ministerialen und/oder Achtburgern auf (vgl. S. 190–196). Von diesem Aufstieg zeugt auch die spätestens im 13. Jahrhundert am Petersberg entstandene adlige Trinkstube ‹zum Brunnen› (vgl. S. 195). Die Bedeutung dieses Ortes lässt sich unter anderem daran erkennen, dass die Basler Obrigkeit mit den eidgenössischen Gesandten hier am 13. Juli 1501, im Anschluss an die Eidzeremonie auf dem Kornmarkt/Marktplatz, die Aufnahme Basels als Ort der Eidgenossenschaft feierte,96 wovon bis heute eine moderne Malerei auf der Rückwand des Grossratssaals berichtet.97
Die Stadt im Tal
Der moderne Begriff ‹Talstadt› bezeichnet die Siedlung im untersten Birsigtal zwischen Rhein und Barfüsserplatz, in dem es auch vereinzelt Funde aus prähistorischer und gehäuft aus mittel- bis spätrömischer Zeit gibt.98 Nach einer Lücke im frühen Mittelalter lassen Einzelfunde, etwa Keramikscherben von Gefässen aus dem 10. Jahrhundert, auf eine lockere Besiedlung aus Holzbauten schliessen.99
Gesicherte bauliche Reste kamen bisher kaum zum Vorschein, zu stark hat die nach der Jahrtausendwende einsetzende Bautätigkeit den Boden umgewühlt. Die Fundstellen beschränken sich auf die Gebiete links des Birsig in der Talsohle bis zum Marktplatz und auf die flach geneigten unteren Talhänge beim Spalenberg.100 Fundleer ist die unterste Talstadt bei der Birsigmündung (Schifflände), weil das Gebiet im 19. Jahrhundert tiefgreifend zerstört worden ist (Abbruch des Viertels, Terrainerhöhung und Anlage eines neuen Quartiers). Alte Siedlungsreste sind nur in sehr grosser Tiefe vorhanden.101 Grabungen der letzten Jahre brachten zwei 14C-datierte Funde in der Spiegelgasse 11 zum Vorschein: das Skelett eines eineinhalb Monate alten Kleinkindes aus dem 9. Jahrhundert und ein Holzbalken aus dem 10. Jahrhundert.102 Das Kind wurde in der Ecke eines Holzhauses bestattet; die Gründe dafür bleiben verborgen. Die frühe Besiedlung der unteren Talstadt hatte wohl zur Folge, dass die vornehmen Geschlechter in späterer Zeit mehrheitlich im Kirchgemeindebann von St. Peter wohnten.103
Frühe Siedlungsbefunde kamen am Fusse des Totengässleins in der Schneidergasse 2 (ehemals ‹Pompierarsenal› der Feuerwehr) zum Vorschein: eine altertümliche, niedrige Terrassierungsmauer aus der Zeit noch vor der Jahrtausendwende.104 Diese nie unterkellerte Eckliegenschaft ist überhaupt ein archäologischer Glücksfall: Hier wurden Reste von Holzbauten des 11. Jahrhunderts entdeckt.105 In tiefer Lage belegt ein gestampfter Lehmboden einen Werkplatz oder ein Holzhaus. Dicht darüber liegt an der Gasse ein kurze Zeit später erneuerter Holzbau: Vermoderte Reste von hölzernen Schwellbalken und deren Unterlagssteinen zeugen davon. Die Gebäude waren klein und einfach, mit überdachten Feuerstellen.
Zwischen Fischmarkt und Spalenberg bis hinauf zum Heuberg haben sich ähnliche Spuren, allerdings meist nur als ‹Restposten› von Siedlungshorizonten erhalten (11.−13. Jahrhundert).106 Während die reinen Holzbauten in der Talstadt durch steinerne Häuser ersetzt werden, finden sie sich vermehrt in den lockerer bebauten Gebieten oben auf der Terrasse zwischen Nadelberg und Stadtmauer.