Wandel und Aufbruch

Claudius Sieber-Lehmann, Peter-Andrew Schwarz

In: Eine Bischofsstadt zwischen Oberrhein und Jura. 800 – 1273 | S. 122-147 | DOI: 10.21255/sgb-02.04-422394 | Lizenz: CC BY-NC 4.0

Nach dem Jahr 1000 verändert sich der Alltag für die europäischen Menschen. Das Klima wird milder, und ein Wechselspiel zwischen dieser geänderten Rahmenbedingung und neuen Formen des Zusammenlebens setzt ein. Die Bevölkerung wächst, da sich die Nahrungsversorgung verbessert. Neue Anbaumethoden entstehen, um eine wachsende Zahl von Menschen zu ernähren, die dichter siedeln; die fruchtbare Oberrheinregion wird zu einer eigentlichen Städtelandschaft. Die Gesellschaft differenziert sich in verschiedene soziale Gruppen. Neue Vereinbarungen ordnen das Zusammenleben, ähnlich wie dies zur Zeit von Bischof Haito der Fall war. Diese Entwicklungen verlaufen sowohl friedlich als auch konfliktreich. Das 11. wie auch das 12. Jahrhundert werden manchmal als geradezu revolutionäre Epoche bezeichnet. Fest steht, dass vieles aus der damaligen Zeit die vormoderne Gesellschaft bis ins 19. Jahrhundert prägt.

Neue Rahmenbedingungen und Bevölkerungswachstum

Im Gegensatz zu den früheren Jahrhunderten charakterisiert die Klimaforschung den Zeitraum von 1000 bis 1300 als «mittelalterliches Wärmeoptimum» oder «hochmittelalterliche Warmzeit».1 Weltweit zogen sich die Gletscher zurück. 1186/87 blühten bei Strassburg die Bäume im Januar. Selbstverständlich gab es zwischenzeitlich auch Kälteeinbrüche und trockene Sommer. Die Befunde der Pflanzenarchäologie (Archäobotanik) sind aber eindeutig. Die Baumgrenze stieg in den Alpen auf über 2000 Meter. Wein wurde in England, im südlichen Schottland und sogar im südlichen Norwegen angebaut; die Qualität des Rebensafts bleibt allerdings offen. Das Ackerland dehnte sich in vorher ungenutzte Höhenlagen aus. Die Klimaerwärmung zeitigte auch unangenehme Folgen: Die von Mücken übertragene Malaria breitete sich in Nordeuropa aus, und Heuschreckenschwärme zerstörten die Ernten. Wie sehr sich das Klima veränderte, zeigen auch die Bodenfunde in der Regio. So sinkt die Zahl der nachgewiesenen Pflanzenarten im Frühmittelalter, sie steigt aber im Hochmittelalter auf die gleiche Höhe wie zur Römerzeit.2 Die antike Nahrungsmittelversorgung beruhte auf den Landgütern (villae), die von unfreien Sklavinnen und Sklaven bewirtschaftet wurden. Das Ende des Römischen Reiches erneuerte die bisherige Landwirtschaft, denn die ‹barbarischen› Zuzüger:innen brachten bislang unbekannte Techniken mit sich, die sie nach eigenem Gutdünken einsetzen konnten. Der Wandel geschah in verschiedenen Bereichen, die sich wechselseitig beeinflussten. Er betraf letztlich die gesamte Bevölkerung, von der rund 90 Prozent in der Landwirtschaft tätig war.3 In technischer Hinsicht setzte sich der Räderpflug durch.4 Er war in der Lage, auch schwere Böden aufzureissen und die Schollen so zu wenden, dass tieferliegende Nährstoffe an die Oberfläche gelangten. Gezogen wurde der Pflug nicht mehr von Ochsen allein, sondern von Pferden, die dank des Kummets ihre ganze Kraft einsetzen konnten. Allerdings benötigten diese eine spezielle Nahrung, nämlich Hafer. Diese Getreideart stand neben anderen zur Verfügung, weil nicht mehr ein römischer Gutsherr allein die Aussaat bestimmte, sondern eine Siedlungsgemeinschaft die Feldarbeit organisierte und verschiedene Sorten anpflanzte. Dies geschah dank der sogenannten Dreifelder- oder Dreizelgenwirtschaft, die sich im Frühmittelalter etablierte und in einer St. Galler Urkunde von 763 zum ersten Mal erwähnt wird.5 Der Wechsel von Wintergetreide auf Sommergetreide geschah auf zwei Feldern. Das dritte Feld erholte sich als Brache und erlaubte das Anpflanzen von Hafer sowie Hülsenfrüchten, die ihrerseits den Boden mit Nährstoffen versorgten. Im Verhältnis zur früheren Feldnutzung liess sich der Ertrag um 50 Prozent steigern. Die geordnete Bewirtschaftung der Felder (‹Zelgen›) erforderte allerdings eine Absprache zwischen den bäuerlichen Familien (‹Flurzwang›), und der Zutritt zu den Feldern war streng geregelt; dies geschah im Rahmen der Dorfgemeinschaft. Der archäologische Nachweis von Pflanzenarten (Archäobotanik) in unserem Gebiet beweist, dass der Anbau der Wintergetreide (Roggen und Dinkel) sowie der Sommergetreide (Gerste und Hafer) im Hochmittelalter zunahm.6 In den Texten lässt sich die Praxis der neuen Bebauungsform allerdings nur vereinzelt beobachten. Meistens werden bloss zwei Felder mit Winter- und Sommergetreide genannt.7 Ein früher Beleg findet sich für Basel im Jahr 1255. Das Stift von St. Leonhard verpachtet einen Acker vor dem Spalentor. Er umfasst drei Teile, die mit Winter-, Sommergetreide oder mit einer anderen Feldfrucht bestellt werden. Dabei müssen die Regeln eingehalten werden, nach denen die umliegenden Äcker bearbeitet werden − ein deutlicher Hinweis auf den Flurzwang.8 Die Verbesserung von Klima und Anbaumethoden führte zu einer Bevölkerungsvermehrung, wie sie erst wieder am Übergang zur Moderne beobachtet werden kann. Da Statistiken fehlen, ist die Forschung auf indirekte Hinweise angewiesen. Die Zahl von Urkunden, in denen Land von grösseren und namentlich erwähnten Familien veräussert wird, nimmt aber sprunghaft zu. Die archäologische Forschung beobachtet, dass neue Siedlungen samt dazugehörigen Friedhöfen entstehen. Die zeitgenössischen Geschichtsschreiber weisen darauf hin, dass mehr Menschen die Landstriche bewohnen. Heute wird angenommen, dass sich in Westeuropa die Bevölkerung im Zeitraum von 1000 bis 1300 beinahe verdoppelte.9

Die Migrationen am Ende der Antike und im Frühmittelalter veränderten die Ernährung der Menschen: Es kam zu einer Vermischung der Essenskulturen zwischen Süd- und Nordeuropa.10 Ursprünglich wurde im Mittelmeergebiet vor allem Weizen/Gerste angebaut und mit Olivenöl gekocht. Wein diente als Getränk, und Kleintiere wie Schafe lieferten das Eiweiss. Hinzu kamen Fisch und Milchprodukte. In Nordeuropa überwogen zuerst Nahrungsmittel tierischer Herkunft, wie Wildbret oder Schweinefleisch. Gemüse war wichtiger als Getreide, und Wälder versorgten die Menschen mit Nüssen und Beeren. Der Anbau von Reben breitete sich nun auch in kühleren Gegenden aus, die Weinkonsum zuvor nicht kannten; verantwortlich waren dafür in erster Linie die Klöster. Im Süden nahmen die Waldnutzung und die Weidewirtschaft zu. Robustere Getreidesorten setzten sich durch, in erster Linie der Roggen, aber auch Dinkel, Hirse und Gerste. Das Essen wurde überall abwechslungsreicher, wie die Gesundheitslehren zeigen.11

Im Hochmittelalter veränderte die neu eingeführte Dreifelderwirtschaft den Speisezettel der Menschen.12 Die Ackerbauflächen vergrösserten sich auf Kosten der Weideflächen und der Wälder. Die unteren Bevölkerungsschichten verzehrten vor allem pflanzliche Produkte (Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse), während die Oberschicht mehr Fleisch ass.13 Wichtige Eiweisslieferanten waren Zugtiere (Rinder und Ochsen) sowie Haustiere (Schafe, Ziegen, Schweine Geflügel).14 Der Genuss von Pferdefleisch kam vor, wurde aber aus verschiedenen Gründen gemieden,15 der Konsum von Obst und Nüssen hingegen verbreitete sich allgemein.16 Hinzu kamen neue Speisen, die aus dem islamischen Raum nach Europa gelangten (Zitrusfrüchte, Zucker, Auberginen, Artischocken, Spinat, Mandeln).17

Die sich entwickelnden Städte ermöglichten ihrer Einwohnerschaft einen Marktzugang und somit auch eine grössere Auswahl an Nahrungsmitteln.18 Die Landbevölkerung blieb an die lokalen Ernten gebunden. Bei Kriegen und Teuerungen gerieten die Bürger:innen dagegen stärker unter Druck als die Bäuer:innen, die über eigene Produkte verfügten. Das Schwarzbrot war verbreitet, das helle Brot aus Weizenmehl wurde von den sozial höher stehenden Familien bevorzugt. Der Verzehr von Brot war nicht ungefährlich. Wenn das Mehl mit Mutterkorn, einem giftigen Pilz, verseucht war, verengten sich die Blutgefässe der Menschen. Wahnvorstellungen traten ein, Zehen und Finger starben ab. Dieses ‹Antoniusfeuer› war gefürchtet.19 Beim Essen griffen die Menschen zu Holzlöffeln und Messern, erst später kamen Gabeln hinzu. Wichtige Ereignisse wurden wie heute mit opulenten Banketten gefeiert.20 Die reich beladenen Tafeln dokumentierten Macht und Reichtum, und die Tischordnung diente dazu, die aktuelle Gesellschaftsordnung abzubilden. Wie üppig die Festessen für die Basler Domherren ausfielen, zeigt ein Dokument von 1190 (vgl. S. 32). Weiterhin bedrohten aber Missernten und Hungersnöte die Menschen; das 11. Jahrhundert gilt als Hungerjahrhundert.21 Die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung war im Frühmittelalter unfrei und unterstand einem Grundherrn, der von seinem Herrenhof aus das Land bewirtschaften liess.22 Seit dem 11. Jahrhundert veränderten sich die Produktionsformen und damit auch die sozialen Verhältnisse.23 Klöster und Adlige, die Grund und Boden besassen, lösten den Siedlungsverband auf und erlaubten den bäuerlichen Familien, die ihnen anvertrauten Grundstücke selbstständig und über Generationen hinweg zu bebauen. Abgaben und Dienstleistungen blieben aber bestehen. Auf diese Weise sollten die Erträge gesteigert werden. Herrschaftsbeziehungen wurden schriftlich festgehalten. Im Rahmen der Dorfgemeinde wurde die Bodennutzung besser organisiert und die Fruchtfolge geregelt. Hier war auch der Ort, wo Konflikte vor Gericht ausgetragen und die Abgaben gesammelt werden konnten. Im 11. Jahrhundert tauchen dementsprechend die ersten Baselbieter Ortsnamen auf, wie die Erwähnung Binningens im Jahre 1004 zeigt. Neben der Geistlichkeit und dem Adel etablierte sich nun der Bauernstand. In den Dörfern lag die Macht bei den Vorstehern (Meiern), die gemäss den St. Galler Klostergeschichten Schilde und Waffen führten, auf die Jagd gingen und ihre Hörner bewusst anders bliesen als die gewöhnlichen Bauern.24

Wenn es einer bäuerlichen Familie gelang, die Forderungen des Grundherrn zu erfüllen und dazu noch einen Überschuss zu produzieren, so konnte sie die Erträge auf einem nahgelegenen städtischen Markt verkaufen.25 Einige Dörfer wie Liestal und Waldenburg entwickelten sich so zu lokalen Zentren mit einem eigenen Stadtrecht. Sie erhielten eine Befestigung und eine Kirche. Diejenigen Dörfer, die in der Nähe Basels lagen, konnten ihre Überschüsse in der Stadt verkaufen. Sie gewährleisteten damit die Nahrungsversorgung des städtischen Gemeinwesens.

Siedlungen und befestigte Orte auf dem Land

In der Römerzeit hielt nördlich der Alpen ein Sinn für Systematisierung und Effizienz Einzug, der nicht nur zur Gründung von städtischen Strukturen beeindruckenden Ausmasses führte. Der neue Geist, in der Region am besten durch die Koloniestadt Augusta Raurica greifbar (vgl. Stadt.Geschichte.Basel, Bd. 1, S. 146–231), erfasste auch den alles dominierenden Erwerbszweig der damaligen Menschen, die Landwirtschaft. Es entstanden grosse, auf Ertrag, Überschuss und Handel ausgerichtete Landgüter, geführt von den tonangebenden Familien der Region, die zum Teil riesige Ländereien ihr Eigen nannten. Je näher bei der Stadt sich diese Landgüter (villae rusticae) befanden, umso luxuriöser waren sie. Im Falle des Gutshofs von Montiacum (Munzach bei Liestal) zeigen sich anhand der Vorlieben für bestimmte Mosaikböden sogar direkte Beziehungen zwischen dem luxuriös ausgestatteten Landsitz und einer prächtigen Stadtresidenz, dem sogenannten Palazzo, in Augusta Raurica.26 Die Optimierung von Ackerbau und Viehzucht war indes ein Prozess, der Generationen dauerte und auch nicht linear verlief. Nimmt man die bauliche Ausstattung der Landgüter – Grösse, Anzahl beheizter Räume, Mosaikböden und Wandmalereien – zum Massstab, lag der Höhepunkt dieser Entwicklung im frühen 3. Jahrhundert. Es folgten wirtschaftliche Krisen, die gegen Ende des Jahrhunderts schliesslich in sozialem Aufruhr, Bürgerkriegen und Raubzügen von ‹Barbaren› von ausserhalb des Reichs mündeten. Städte und wichtige Verkehrsknoten wurden in der Folge zuerst behelfsmässig, später systematisch befestigt. Unsicherheit, verursacht durch Plünderungen und Zerstörungen, erfasste das offene Land. Viele Gehöfte wurden in dieser Zeit aufgegeben, in etlichen lassen sich Spuren von Zerstörung nachweisen. Die Besiedlung und zwangsläufig auch die Bewirtschaftung des offenen Landes veränderten sich danach grundlegend. Archäologisch ist sie kaum mehr nachweisbar. Die Aufgabe vieler Gehöfte und ein Rückzug der Bevölkerung in sicherere Orte sind nur zwei Gründe dafür. Offensichtlich zwang die prekäre Versorgungslage zu einer Rückbesinnung auf Produkte und Bauweisen, die mit lokalen, vergänglicheren Ressourcen auskamen. Steinerne, mit Kalkmörtel gefügte Gebäude wurden behelfsmässig geflickt oder, wo nicht mehr möglich, durch Bauten mit einem Balkengerüst und Wänden aus Holz oder Lehm ersetzt, Ziegeldächer wichen Stroh- und Schindeldeckungen, Hypokauste offenen Feuerstellen. Der sparsame Umgang mit dem Vorhandenen sowie intensives Recycling sind weitere Gründe, weshalb spät- und nachrömische Landsiedlungen archäologisch nur schwer zu fassen sind.

Dieser Rückblick auf die römischen Verhältnisse ist wichtig, wenn man das ländliche Siedlungswesen im frühen und hohen Mittelalter verstehen will. Zum einen strukturell, denn der sparsame Umgang mit dem Vorhandenen und die Fokussierung auf lokale Materialien prägte die Menschen und ihre Bautätigkeit auf dem Land noch für Jahrhunderte. Zum anderen aber auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse: Der spätrömische Staat war immer öfter nicht mehr in der Lage, für Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Den nachfolgenden Herrschern erging es zeitweilig nicht besser. Die ländliche Bevölkerung, abhängig vom Ertrag der von ihnen bebauten Böden und Weiden, war in dieser Hinsicht besonders verletzlich. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich in den Schutz und die Abhängigkeit lokalerer Machthaber zu begeben – ein Wechselspiel zwischen ‹staatlichen›, regionalen und örtlichen Kräften, zwischen Grundbesitzern und bäuerlichen Familien, welches das gesamte frühe Mittelalter hindurch bestimmend blieb.27 Der Luxus eines repräsentativen, befestigten Wohnsitzes, einer abwechslungsreichen Ernährung oder einer bewaffneten Entourage zur eigenen Sicherheit blieb der landbesitzenden Oberschicht vorbehalten. Praktisch nur diese pflegte Beziehungen, die über die Region hinaus reichten (vgl. Stadt.Geschichte. Basel, Bd. 1, S. 146–231).

Trotz der tiefgreifenden späteren Veränderungen hinterliess die Blütezeit der pax romana, des 2. und frühen 3. Jahrhunderts, nachhaltige Spuren im Siedlungsbild, mit Auswirkungen zum Teil bis heute. So stammt nicht nur der Name Basels, sondern auch vieler Orte im Umland aus dem Gallorömischen. Für diese Plätze kann man von einer fast 2000-jährigen Siedlungskontinuität ausgehen, wie auch immer sie sich im Detail darstellte.28 Zur Verwaltung und Bewirtschaftung ihres riesigen Imperiums hatten die Römer ein effizientes Verkehrswesen eingerichtet. Rhone und Rhein bildeten zentrale Achsen für den Warentransport. Wichtige Transitrouten, vom Oberrheintal westwärts in die Burgunderpforte, ostwärts entlang des Hochrheins oder via Oberen Hauenstein und Bözberg ins Mittelland behielten über die Römerzeit hinaus ihre Bedeutung. Im 7. Jahrhundert kam mit der Öffnung der engen Birsschluchten bei Moutier und der Gründung des Klosters von Moutier-Grandval im erzreichen Jura eine weitere wichtige Route hinzu, die eine direktere Verbindung vom Oberrheintal in die Westschweiz und weiter ins Rhonetal ermöglichte. Sie war einer der Gründe, weshalb die weiter östlich gelegene alte Koloniestadt Augusta Raurica allmählich an Bedeutung verlor.29 Da die Verkehrslage in allen Zeiten die Geschicke einer Siedlung mitbestimmt, ist es wichtig, diese Voraussetzungen zu kennen. Die allmähliche Wiedererschliessung des offenen Landes, die im 6. Jahrhundert einsetzte, im ‹dunklen› 10. Jahrhundert eher wieder zurückging und im 11./12. Jahrhundert schliesslich auch entferntere Seitentäler und Höhenlagen erfasste, ging von diesen zentral gelegenen und verkehrsmässig gut erschlossenen Siedlungskammern aus.30 Nicht immer muss ein solcher ‹Landesausbau› mit wachsenden Bevölkerungszahlen verbunden gewesen sein. Manchmal genügte es, dass die allgemeine Lage ein risikoloses Bewirtschaften des offenen Landes wieder ermöglichte. Eine dieser Siedlungskammern, die schon früh auch schriftlich fassbar wird, liegt im unteren Ergolztal, etwa eine Wegstunde südlich der ehemaligen Koloniestadt Augusta Raurica. Hier ist die früh- und hochmittelalterliche Siedlungsgeschichte geradezu exemplarisch greifbar: An der Stelle des heutigen Liestal dürfte das antike Frincina gelegen haben, dessen Name in der Frenke weiterlebt, dem Nebenfluss, der unmittelbar oberhalb des Orts in die Ergolz mündet. Den heutigen Namen, der auf die lichte, erhöhte Stelle oder Stellung mitten im Ergolztal Bezug nimmt, erhielt ‹Liechtstal› wohl erst von den Franken im 6. Jahrhundert.31 Bestimmend war die Lage an der Weggabelung zu den Passübergängen des Oberen und des Unteren Hauensteins. Indizien weisen darauf hin, dass der Platz wie andere wichtige Etappenorte in spätrömischer Zeit befestigt wurde. Unter den Merowingern errichtete man mitten in dieser Festung eine Martinskirche – eine Situation vergleichbar mit jener der ebenfalls dem fränkischen ‹Nationalheiligen› geweihten Kirche auf dem Basler Münsterhügel. Der Fund einer Börse mit 35 Denaren König Konrads des Friedfertigen von Burgund, mehrere Erweiterungen der Kirche sowie ein früher Kachelofen des 12. Jahrhunderts in der Nachbarschaft weisen in Liestal auf einen bedeutenden vorstädtischen Siedlungskern rund um die heutige Stadtkirche hin.32 Die Erhebung und der Ausbau zur befestigten Stadt erfolgte um die Mitte des 13. Jahrhunderts durch die Grafen von Frohburg im Rahmen ihrer Bestrebungen, nach der Übernahme des Erbes der Alt-Homberger 1223 im unmittelbaren Hinterland von Basel stärker Fuss zu fassen.33

Schon in frühmittelalterlicher Zeit zeichnet sich ein Herrschaftskomplex ab, zu dem auch zwei benachbarte Orte ebenfalls antiken Ursprungs gehörten, Montiacum (Munzach) und Batiniacum (Bettenach bei Lausen) gut einen Kilometer unter- beziehungsweise zwei Kilometer oberhalb von Liestal. Beide besassen eigene Kirchen mit frühmittelalterlichen Wurzeln, über die sie mit St. Martin in Liestal verbunden waren. Im Falle von Bettenach ist ein herrschaftliches frühmittelalterliches Gehöft, aufgrund der Fundqualität möglicherweise ein Königshof, nachgewiesen. Ferner gehören mit Frenkendorf und Füllinsdorf zwei benachbarte Orte dazu, deren Namen nach frankoburgundischer Sitte auf ‹dorf› enden. Eine vergleichbare Konstellation von ‹dorf›-Namen im Umkreis eines spätantik-frühmittelalterlichen Etappenorts findet sich jenseits des Oberen Hauensteins um Balsthal.34

Leider liefern uns die schriftlichen Quellen kaum Details zu diesem frühen Herrschaftskomplex rund um Liestal. So bleibt völlig im Dunkeln, wer unter welchen Umständen im Laufe des 10. Jahrhunderts die heute namenlose befestigte Anlage auf Burghalden, auf einem dreiseits steil abfallenden Bergsporn gegenüber von Munzach, errichtet hat. Seit Urzeiten haben Menschen schwer zugängliche Felsen und Bergrücken aufgesucht, um vor heranrückenden Gefahren Schutz zu finden. Die Befestigung auf Burghalden weist mit ihrem grossflächig umwehrten Areal und einer offensichtlich zügig errichteten Schildmauer mit einer Innenschüttung aus Erdreich durchaus Elemente einer unter Zeitdruck entstandenen Fluchtburg auf. Die höchste und am besten geschützte Stelle ist jedoch durch eine Binnenmauer abgetrennt, zudem fand sich hier der Grundriss einer Kapelle, was eher an sogenannte Kirchenkastelle im Ostalpenraum erinnert, etwa an den Jörgenberg bei Waltensburg (Graubünden).35 War die Befestigung eine Reaktion auf die Einfälle der schnellen und gut bewaffneten ungarischen Reiterkrieger, die in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts Mitteleuropa permanent bedrohten, 917 offenbar auch die Region heimsuchten, und denen das ostfränkische Heer lange Zeit kaum etwas entgegenzusetzen hatte?36 926 ergriff der ostfränkische König Heinrich I. Gegenmassnahmen, indem er in seinem Einflussbereich dafür sorgte, dass Befestigungen angelegt oder wieder instand gesetzt wurden. Unter den agrarii milites, den bewaffneten Dienstleuten, die auf dem Land lebten, sollte offenbar jeder neunte in einer solchen Anlage Stellung beziehen und für sich und die anderen acht dort Wohnungen errichten und einen Drittel der Ernte aufbewahren. Auch Gerichtstage, Versammlungen und Gastmähler sollten an diesen sicheren Plätzen stattfinden.37 Doch wo und wie weit wurde diese ‹Burgenordnung› effektiv umgesetzt? Reichte der Wille Heinrichs I. tatsächlich bis in die Region? Diese könnte in den Machtbereich des ostfränkischen Grafen Chadaloh gehört haben, der in einer Urkunde von 891 als Inhaber der gräflichen Gewalt in der Region Augst genannt wird. Chadaloh war zugleich Graf im Schwarzwälder Alpgau und mit grösster Wahrscheinlichkeit Mitglied jener Familie der Bertolde, aus der später die Herzöge von Zähringen hervorgegangen sind.38 Die Anlage auf Burghalden könnte aber auch in Verbindung mit dem 888 gegründeten Königreich Burgund stehen, das im 10. Jahrhundert grossen Einfluss auf diese Seite des Jura ausübte, wie etwa das erwähnte Münzensemble aus der Liestaler Stadtkirche zeigt. Auch für den Wartenberg bei Muttenz gibt es für das 10. Jahrhundert Hinweise auf eine frühe Burg im Kontext mit dem burgundischen Reich.39

Eine Verbindung zu den Zähringern beziehungsweise zu ihren Vorgängern, den Grafen von Rheinfelden, ergibt sich auch indirekt über die spätmittelalterlichen Verhältnisse. Die damals in der Gegend begüterten Herren von Schauenburg tragen das Wappen der Truchsesse von Rheinfelden. Die dem burgundischen Königshof nahestehenden Grafen von Rheinfelden gehörten dem höchsten Reichsadel an und stellten mit Rudolf, seit 1057 Herzog von Schwaben, im Investiturstreit 1077 den Gegenkönig zu Heinrich IV. Mit dem Tod Rudolfs (1080) und seines Sohns Berchtold (1090) verschwand eine bedeutende Macht aus der Region. Ihre Erben, die Zähringer, hatten gegen ihren regionalen Gegenspieler, Bischof Burkhard von Fenis, im südlichen Hinterland Basels einen schweren Stand. Vorfahren der Schauenburger könnten vor dem Investiturstreit aber auf dem Altenberg oberhalb von Füllinsdorf residiert haben, auf dem eine der frühesten und archäologisch bestuntersuchten Adelsburgen der Region nachgewiesen ist. Sie wurde um das Jahr 1000 errichtet und just um die Zeit der grossen Auseinandersetzung zwischen König Heinrich IV. und dem Reformpapsttum, im ausgehenden 11. Jahrhundert, wieder aufgegeben.40 Das Beispiel des Herrschaftskomplexes um Liestal zeigt, wie sich im Laufe des 10. und frühen 11. Jahrhunderts eine mit dem Hochadel verbundene Schicht auch räumlich von den ländlichen Siedlungen abzusetzen begann und neue Residenzen auf geschützten Anhöhen errichtete.41 Burghalden scheint dabei noch als zeitweilige Fluchtburg für eine ganze Talbevölkerung konzipiert gewesen zu sein, wie einige weitere grossflächige und offenbar schnell (wieder) befestigte Anlagen auf der Sissacher Fluh und der benachbarten Burgenrain, auf dem Bürkli bei Möhlin, dem Wittnauer Horn, dem Mont Terri (Cornol/JU), der Frankenburg (Sélestat) oder auf Hoh-Rappoltstein bei Ribeauvillé vermuten lassen.42 Der gesondert geschützte Bereich mit der Burgkapelle dürfte aber bereits im Sinne von Heinrichs ‹Burgenordnung› einer privilegierten Gruppe vorbehalten gewesen sein. Eindeutig als ständig bewohnte Adelsburg erweist sich schliesslich die deutlich kleinere, aber repräsentative Anlage auf dem benachbarten Altenberg mit seinen qualitätsvollen Funden. Die neue Residenzform entsteht in derselben Zeit, in der in der Stadt Basel eine eindrückliche wirtschaftliche Dynamik greifbar wird, die sich archäologisch in den Funden vom Petersberg manifestiert. Auch hier offenbart sich im Fundmaterial eine Oberschicht, die Ludwig Berger mit guten Gründen als «eine der Wurzeln des Basler Adels» interpretierte.43

Die Anlage auf Burghalden mag eine Zwischenstellung zwischen Fliehburgen ‹prähistorischer› Tradition und der mittelalterlichen Adelsburg eingenommen haben. Grundsätzlich war Letztere jedoch nicht die Folge kurzfristiger Bedrohungen, sondern grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen, weshalb das Phänomen viel weiter verbreitet war und länger Bestand hatte. Im Laufe der Karolingerzeit schufen die landbesitzenden Familien ein solideres Machtgefüge. Sie begannen sich gesellschaftlich abzugrenzen und ihre Ansprüche erblich zusammenzuhalten. So entstand eine Schicht von ‹Adligen›. Um sich und ihren Reichtum zu schützen, fingen sie an, ihre Höfe zu befestigen. Dies ist nicht nur als eine Reaktion auf benachbarte Konkurrenz oder grössere externe Bedrohungen zu verstehen, sondern durchaus auch als Schutz vor der eigenen Bevölkerung, die man über Abgaben und Pflichtleistungen kräftig schröpfte. Eigentlich lag das Recht, Befestigungen zu errichten, beim ‹Staat›, beziehungsweise beim König. Die Durchsetzung dieses Privilegs dürfte namentlich in Zeiten schwacher Königspräsenz indes kaum möglich gewesen sein. So erstaunt es nicht, dass der Burgenbau just im politisch instabilen 10. Jahrhundert allenthalben in Europa einsetzte.44 Vorbilder dazu finden sich überall dort, wo es Sachwerte und territoriale Ansprüche zu sichern galt, also nicht nur im weltlichen Bereich, sondern auch im Kontext von Kirchen und Klöstern. Vermutlich ist es kein Zufall, dass eines der besterhaltenen frühen Beispiele, der Baukomplex um den Plantaturm im Kloster Müstair, errichtet in den Jahren 958–961, mit Ringmauer, Zisterne und einem viergeschossigen Wohnturm mit Hocheingang bereits wesentliche Elemente einer Adelsburg aufweist.45 Weitere Vorbilder sind erste Höhenburgen, die königsnahe fränkische Familien bereits in der Merowingerzeit errichteten. Berühmtes Beispiel ist die nachweislich im 7. Jahrhundert neu befestigte, ursprünglich prähistorische ‹Hohenburg› Herzog Etichos auf dem Odilienberg am Ostrand der Vogesen (Obernai, Dép. Bas-Rhin), in der seine Tochter Odilia noch im 7. Jahrhundert ebenfalls ein Kloster einrichtete.46 Es gibt erst wenige Ausgrabungen nördlich der Alpen, die den Entstehungsprozess der mittelalterlichen Adelsburg archäologisch greifbar machen. Ausgangspunkt bilden neben den Klöstern die weltlichen Herrenhöfe (curtes) in den Tälern, durch die Topografie oder künstlich mit Palisaden und Gräben geschützt. Am Lac de Paladru in Savoyen sind ‹Wehrbauten› aus der Jahrtausendwende bekannt, die die Ufersituation zur Sicherung ausnutzten.47 Der wehrhafte Steinbau ist dabei noch keineswegs die Regel. Gebäude und vielerorts auch die Wehranlagen sind in der Frühzeit aus Holz, in Siedlungsnähe mangels topografisch geeigneter Standorte zum Teil auf künstlich aufgeschütteten Erdhügeln, sogenannten Motten. Aus der Region Basel sind bisher zwei Beispiele bekannt, die sich in diese Entwicklung einreihen: der Zunzger Büchel, wo einzelne Funde auf eine Datierung ins 10. Jahrhundert und um die Jahrtausendwende hinweisen, und der Herrain bei Schupfart, dessen Anfänge nachweislich vor der Mitte des 11. Jahrhunderts liegen.48 Der in Etappen künstlich aufgeschüttete Büchel am Rand des Zunzger Ortskerns ist bewusst auf seine Wirkung zur Siedlung im Tal hin gestaltet. Die zugehörige curtis dürfte am Hangfuss oder auf einer Zwischenterrasse zu suchen sein. Auch im angrenzenden Elsass und im Breisgau gibt es eine ganze Reihe von Burgmotten, wobei bis heute die wenigsten archäologisch datierbar sind und bisher keine so weit zurückreicht.49

Die Nähe zu bestehenden Siedlungen zeichnet auch die ersten Adelsburgen aus, die nicht auf künstlichen Hügeln errichtet wurden. Charakteristisch ist, dass für sie wie für viele bei den Höfen gelegene Motten kein anderslautender Name bekannt ist. Das gilt etwa für die frühen Anlagen von Pfeffingen und Rickenbach (Solothurn).50 Die erhöhte Lage, die für den Burgenbau immer öfter gesucht wurde, zuerst vor allem von Repräsentanten des Hochadels, diente nicht nur der Wehrhaftigkeit, sondern mehr und mehr auch der Repräsentation, der weithin wahrnehmbaren Sichtbarkeit des territorialen Machtanspruchs. Während im Nordwestschweizer Jura dank der intensiven Feldforschung insbesondere des Baslers Werner Meyer und seiner Schüler mittlerweile etliche Adelsburgen bekannt sind, deren Anfänge ins 10. oder frühe 11. Jahrhundert datiert werden können,51 stehen im Elsass und im Breisgau derartige Untersuchungen noch weitgehend aus.52 Wenn man bedenkt, wie stark der Einfluss des Elsass auf die Region Basel im späteren ersten Jahrtausend war, kann man sich vorstellen, welche wichtige Informationsbasis uns damit noch fehlt.53 Die schriftlichen Nachrichten sind dermassen selten, dass sich in ihnen nicht einmal die Angehörigen der höchsten Eliten in dieser Zeit zuverlässig fassen lassen. Doch auch zum burgundischen Königreich, das im 10. Jahrhundert seine Ansprüche auf die Region geltend machte, gibt es erst wenige Referenzen.54 So lässt sich nur ansatzweise skizzieren, wie die im Jura beheimateten Grafen von Saugern um die Jahrtausendwende bis auf Sichtweite zu Basel vorstiessen (Burg Pfeffingen),55 die Grafen von Thierstein-Homberg vom Fricktal aus im östlichen Baselbiet Fuss fassten56 oder die Grafen von Frohburg bereits im 10. Jahrhundert oberhalb von Trimbach (Kanton Solothurn) ihren Stammsitz errichteten.57

Begünstigt durch den wirtschaftlichen Aufschwung folgten bald andere, weniger bedeutende Adelsfamilien dem Vorbild des alten Landadels. Auch der Stadtadel und zu Reichtum gelangte Bürger begannen, im Umland befestigte Landsitze zu erstellen. Die Burg wurde zum unverzichtbaren Statussymbol, was im 12./13. Jahrhundert zu einer eigentlichen Blüte und eindrücklichen Burgendichte in der Region führte – nicht zuletzt begünstigt durch naturräumliche Gegebenheiten.58 Erst wirtschaftliche Krisen und die allmähliche Verlagerung des gesellschaftlichen Lebens in die bequemeren Höfe und Städte führten im Spätmittelalter dazu, dass das aufwendige Leben auf felsigen Anhöhen aus der Mode kam. Neben den wenigen Burgen, die von Bischof und Stadt zu Vogteisitzen ausgebaut wurden, hatten rund um Basel praktisch nur noch die bequemeren ‹Wasserschlösser› in den Talniederungen, etwa in Blotzheim, Durmenach, Steinbrunn-le-Haut, Bottmingen, Binningen, Gundeldingen, Pratteln, Schliengen, Inzlingen, Grenzach, Brombach oder Beuggen einen längeren Fortbestand.59 Die Häuser der einfachen Landbevölkerung nahmen sich gegenüber dieser zuweilen geradezu extravaganten Herrschaftsarchitektur ausgesprochen bescheiden aus. Im frühen Mittelalter widerspiegelten sie die Herrschaftsverhältnisse deutlich: Grund und Boden gehörte weltlichen oder geistlichen Grundherren. Grössere Siedlungen an besseren Verkehrslagen bestanden aus einer Ansammlung von Gehöften, die einzeln gekauft, vererbt und aufgeteilt werden konnten. Der Zusammenhalt und die innere Organisation waren bescheiden, die Häuser, errichtet aus Holz, Lehm und Stroh, ebenso. Etwas besser gestellt waren Orte mit eigener Kirche, in den frühen Quellen oft als vici bezeichnet. Die Gotteshäuser, schon die ersten nicht selten bereits im 7./8. Jahrhundert in Stein errichtet und ab dem 8. Jahrhundert Mittelpunkt der Ortsfriedhöfe, bilden in der Regel bis heute den Kern dieser Siedlungen.60

Ausserhalb des kirchlichen Umfelds wurde der Steinbau im ländlichen Raum bereits in der späten Römerzeit zur Exklusivität. Nur besonders reiche Herrenhöfe errichtete man weiterhin in dieser Tradition, in der Region etwa in Lausen-Bettenach und in Herznach.61 An ihrer Stelle kam der einfache, althergebrachte Pfostenbau wieder in Mode, bei dem ein im Boden verankertes Holzgerüst Wände und Dach trug. Dieser Bautyp ist bis ins 10./11. Jahrhundert gut belegt, er dürfte sogar die dominierende Bauform gewesen sein. Das ist allerdings erst eine Vermutung, weil eine alternative Bauform, das Pfostengerüst auf hölzernem Schwellrahmen, archäologisch oft nur schwer nachweisbar, aber bereits im 6./7. Jahrhundert belegt ist.62 Meist waren die Häuser einräumig, eine zentrale Feuerstelle diente zum Kochen und lieferte etwas Wärme. Der aufsteigende Rauch wurde zur Konservierung von Lebensmitteln genutzt und schützte das Dach aus Stroh oder Brettschindeln vor Ungeziefer. Möglicherweise inspiriert durch Vorbilder jenseits des Rheins, aus der Germania Magna, waren grössere, mehrschiffige Hallenhäuser – auch sie auf mächtigen Holzpfosten ruhend. Grundrisse von solchen Dimensionen sind allerdings nur in grossflächigen Grabungen zu erkennen, weshalb wir bisher erst vereinzelte Belege aus dem Fricktal kennen. Je nach Untergrund waren die tragenden Pfosten nur von beschränkter Lebensdauer, was alle paar Jahrzehnte einen Teil- oder Totalersatz nach sich zog. Nachhaltiger waren deshalb die etwas komplexeren Konstruktionen, die auf einem hölzernen Schwellenrahmen ruhten. Die Wandpfosten waren in dieser Variante in die Schwellen eingezapft, die Wandfüllungen bestanden aus Holzbohlen oder aus mit Lehm verputztem Rutengeflecht – eine Bauweise, wie man sie dank hervorragender Erhaltung auch aus den Befunden des 10./11. Jahrhunderts vom Basler Petersberg kennt.

Ein weiteres Charakteristikum frühmittelalterlicher Gehöfte bilden sogenannte Grubenhäuser: kleine, etwa 50–80 Zentimeter in den Boden eingetiefte und freistehende Halbkeller von wenigen Quadratmetern Grundfläche. Sie dienten womöglich der Vorratshaltung. Regelmässig finden sich in ihrem Kontext aber Zubehör oder Standspuren von Webeinrichtungen. In frühen Zeiten lassen diese vor allem auf vertikale Gewichtswebstühle schliessen, nach 1100 sind fast ausschliesslich horizontale Trittwebstühle nachweisbar, an denen sitzend gearbeitet wurde. Offensichtlich nutzten die Leute die kühle und feuchte Luft in den Halbkellern zur Verarbeitung von Pflanzenfasern wie Lein, Hanf oder Brennnessel, die ansonsten schnell spröde wurden. Auch diese Kleinbauten waren mehrheitlich in Pfostenbauweise errichtet, mit Dächern, die zuweilen bis auf den Boden reichten, was ihre Haltbarkeit zusätzlich einschränkte. Daneben hat man sich kleine, mit vier oder sechs Stützen vom Boden abgehobene Speicher vorzustellen sowie Pferche, in denen bei Bedarf das Vieh untergebracht wurde. Eigentliche Ställe gab es höchstens für Pferde, doch die waren ein Privileg der Oberschicht. Es dürfte also viel gebaut und repariert worden sein in diesen Siedlungen.63 Wo es nicht an Platz mangelte, war es einfacher, ein neues Gebäude in einiger Distanz neben dem alten zu errichten. Das hatte – namentlich in den weiten Talebenen des Elsass und des Breisgaus – zur Folge, dass sich der Siedlungsschwerpunkt eines Ortes mit der Zeit verlagerte. Die Forschung spricht dabei von ‹wandernden› Dörfern oder etwas treffender von shifting settlements.64 In den engeren Platzverhältnissen des Jura trifft man dieses Phänomen weniger ausgeprägt an.

Das günstigere Klima und verbesserte Anbaumethoden führten ab der Jahrtausendwende zu einer Bevölkerungszunahme, die sich archäologisch in deutlich mehr Funden äussert. Nach einer Phase der Stagnation oder sogar des zeitweiligen Rückgangs begannen die Siedlungen wieder zu wachsen.65 Die Erlaubnis, den Grund und Boden selbstständig und über Generationen hinweg zu bebauen, gab den bäuerlichen Familien mehr Planungssicherheit. Es bildeten sich Gemeinden, die die Bewirtschaftung der Felder im Verbund regelten. Gemeinsam liess sich nicht nur der Ertrag steigern, man hatte auch einen besseren Stand gegenüber der Obrigkeit.66 Dieser Prozess der ‹Verdorfung› hatte massive Auswirkungen auf das Siedlungswesen. Viele der verstreut gelegenen frühmittelalterlichen Siedlungen sind damals aufgegeben beziehungsweise an einem Ort, möglichst mit bereits bestehender Kirche und Friedhof, zusammengelegt worden. Die meisten der aufgegebenen Orte kennt man nur noch dank Flurnamen. Die Dichte der Namensbelege vor allem in den oberen Juratälern (gut untersucht etwa um Seewen, Reigoldswil oder Rothenfluh) lässt vermuten, dass es oft nur einzelne Gehöfte oder kleine Weiler waren.67 In der Landschaft um Basel, aber auch in einem weiteren Umkreis, scheint dieser Konzentrationsprozess in den Jahrzehnten um 1200 abgeschlossen gewesen zu sein. Jüngere ‹Wüstungen› – wie die aufgegebenen Siedlungsplätze genannt werden – finden sich kaum, oder dann haben sie einen anderen historischen Hintergrund wie etwa die Zerstörungen im Schwabenkrieg 1499.

Aus der neuen, kompakteren Siedlungsform bildeten sich schliesslich die heutigen Dörfer mit den sie umgebenden Feldern und Fluren. Das Siedlungsgefüge wurde starrer, die Bautätigkeit dadurch in ihrer Flexibilität eingeschränkt, die Herrenhöfe verloren ihre Bedeutung. Ein Zaun (Etter) oder Graben umfasste das Dorf und die Gärten und kennzeichnete diese als eigenen Rechtsbereich.68 Die Dorfbewohner:innen planten nun längerfristig und rückten auf den ihnen zustehenden Parzellen buchstäblich enger zusammen. Das hatte auch Auswirkungen auf die Bauweise ihrer Häuser, die auf längere Haltbarkeit ausgelegt wurden. Archäologisch gesehen bedeutet dies einen Einschnitt, denn seit dieser Zeit hat sich die Lage der Gebäude kaum mehr verändert. Spätere Umbauten und Erweiterungen erfolgten auf den gleichen Parzellen, mit der Folge, dass die älteren Strukturen mittlerweile verschwunden sind oder sich unzugänglich unter den heutigen Liegenschaften befinden. Dies verändert die Quellenlage: Nach 1200 geben uns nicht mehr Bodenfunde, sondern Reste noch aufrechtstehender Gebäude Auskunft über das Aussehen ländlicher Siedlungen. Da die ältesten erhaltenen Strukturen dieser Art nicht vor die Zeit um 1400 zurückreichen, klafft hier eine Kenntnislücke von rund zwei Jahrhunderten.69 Befunde des 15. Jahrhunderts zeigen, dass wir zum einen mit Fachwerkbauten zu rechnen haben, die auf einem gemauerten Sockel oder Kellergeschoss aufsetzten. Die stabilen Konstruktionen erlaubten dabei mehrere Geschosse – ein wichtiger Faktor bei immer knapper werdendem Baugrund. Zum anderen sind es Firstständerbauten, errichtet auf mächtigen Eichenschwellen, mit beeindruckendem Lagervolumen, ausgerichtet auf die Bedürfnisse einer florierenden Feld- und Viehwirtschaft.70

Anmerkungen

  1. Glaser 2008, S. 58–92. Behringer 2011, S. 103–115. Steinbach 2021, S. 24–28.
  2. Jacomet; Brombacher 2009, S. 42.
  3. Rösener 1992, S. 72–81. Für Südwestdeutschland vgl. Stadelmaier 2012.
  4. Hägermann 1997. Frühe archäologische Belege bei Henning 2014, S. 331–360. Allgemein Luscombe 2004, Bd. 4/1, S. 35—44. Fried 2008, S. 45−46. Steinbach 2021, S. 69. Für die Schweiz, HLS, Art. ‹Pflug›, ‹Dreifelderwirtschaft›.
  5. Steinbach 2021, S. 96.
  6. Jacomet; Brombacher 2009, S. 47.
  7. Zur Situation am Oberrhein vgl. Dubled, S. 469−470; für die Schweiz HLS, Art. ‹Grundherrschaft›; für die Basler Landschaft vgl. Christ 2001, S. 9–23.
  8. BUB 1, Nr. 292, S. 210, 24. Juli 1255.
  9. Luscombe 2004, Bd. 4/1, S. 12–14 [R. Fossier]. Steinbach 2021, S. 47.
  10. LexMA 3, Art. ‹Ernährung›, Sp. 2168−2169. Rippmann; Neumeister-Taroni 2000. Montanari 2012. Marti-Grädel; Hüster Plogmann; Kühn 2014. Montanari 2016.
  11. Zu den spätmittelalterlichen Kochbüchern vgl. Höller 2000. Laurioux 2016.
  12. Beispiele aus der Schweiz bei Castelletti 2016, S. 147–150.
  13. Montanari 2000b, S. 140.
  14. Vgl. dazu die archäozoologischen Belege bei Rehazek 2000.
  15. Dierkens 2016.
  16. Brombacher 2000. Jacomet; Brombacher 2009 mit einer Fülle von archäobotanischen Belegen für Gemüse, Gewürze, Nüsse und Obst.
  17. Montanari 2012, S. 5−6.
  18. Zur Entwicklung der Marktbeziehungen vgl. Benito 2012, S. 37 ff.
  19. Bei Lausen/BL wurde verkohltes Mutterkorn gefunden, Kühn 2000, S. 171−172.
  20. Devroey 2012. Gautier 2012, S. 100–104.
  21. Montanari 2000a. Pinto 2012. Devroey 2016.
  22. Luscombe 2004, Bd. 4/1, S. 22–32 [R. Fossier].
  23. Fried 2008, S. 44.
  24. Borgolte 1990, S. 371.
  25. Allgemein Luscombe 2004, Bd. 4/1, S. 44–46 [R. Fossier]. Riché 2016, S. 133–135. Für die Basler Landschaft Christ 2001, S. 21–28.
  26. Schmid 2016.
  27. Für die Region aus archäologischer Sicht Marti 2009, bes. S. 305−306.
  28. Marti 2000, Bd. A, S. 324–327, Abb. 158. Haubrichs 2013.
  29. Zur Birsroute vgl. Marti 2001, S. 170–172. Fellner; Federici-Schenardi 2007, S. 86–94 [S. Stékoffer], S. 119–126. Billoin 2019/2020, S. 252−253.
  30. Marti 2000, Bd. A, S. 355–359. Marti 2009. Marti 2013.
  31. Marti 2022.
  32. Tauber 2009, S. 209. Matzke 2019b, S. 80−81.
  33. Ewald; Ott 2004, S. 12–15 [Anna C. Fridrich]. Tauber 2009. Rippmann 2009, S. 11–13.
  34. Rippmann 2009, S. 7–10. Marti; Meyer; Obrecht 2013, S. 369–379 [Werner Meyer]. Marti 2022, S. 66, Abb. 2. Zu Lausen-Bettenach zuletzt Marti 2018.
  35. Marti 2008c.
  36. Zu den Spuren der Ungarn in der Region: Marti 2008b. Schulze-Dörrlamm 2010. – Zu den ‹Ungarnburgen› Südwestdeutschlands: Ettel; Werther 2010.
  37. Springer 1994, S. 140−141.
  38. Borgolte 1983, S. 42−43; zur Lokalisierung Augst im «Aragouve» (Aargau) vgl. Marti 2000, Bd. A, S. 294, 306.
  39. Meyer 1981, S. 136−137. Marti 2008c, S. 366. Marti 2008a, S. 258–261. Marti 2019, S. 30.
  40. Marti; Meyer; Obrecht 2013. Marti 2015.
  41. Allgemein Meyer 1991. Biller; Metz 1991.
  42. Schulze-Dörrlamm 2010, S. 22–23. Marti 2008b, S. 268–272, 345–355. Möhlin-Bürkli: Schwarz 2017. Frankenburg und Hoh-Rappoltstein: Biller; Metz 2018, S. 57–58, 80–89.
  43. Berger 2001, S. 160–162.
  44. Zotz 2012a. Bourgeois 2013.
  45. Boschetti-Maradi 2011, S. 243−244. Steiner-Osimitz 2018. Vgl. Bourgeois 2013, S. 476–478.
  46. Châtelet; Baudoux 2015.
  47. Colardelle; Verdel 1993 (Neupublikation mit aktualisierten Daten in Vorbereitung).
  48. Zunzgen, Büchel: Marti 2000, Bd. B, S. 279− 280, Taf. 297. Marti 2016. Schupfart, Herrain: Reding 2007, und ein 2017 erhobenes 14C-Datum aus einer Herdstelle, die eine bestehende Besiedlung der ebenfalls künstlich aufgeschütteten Zwischenterrasse um die Mitte des 11. Jahrhunderts anzeigt. Freundlicher Hinweis David Wälchli, Kantonsarchäologie Aargau.
  49. Biller; Metz 2018, S. 59–62, 89–91. Strotz 2012b.
  50. Schmaedecke 2018 (Pfeffingen). Meyer 1972 (Rickenbach, zur Datierung Marti; Meyer; Obrecht 2013, S. 244−245); vgl. Biller; Metz 2018, S. 55−56.
  51. Tauber 1980. Meyer 1991. Tauber 1991. Frey 2015. Marti; Meyer; Obrecht 2013.
  52. Biller; Metz 2018, S. 51–71. Krieg 2012. Vgl. allgemein Böhme 2006. Biller 1998.
  53. Jüngst entdeckte Funde des 10. Jahrhunderts vom Purpurkopf bei Strassburg geben einen ersten Nachweis in diese Richtung: Minot; Martine; Arnold 2022.
  54. de Reynier; Wild; Baeriswyl 2014, S. 198–200. Der erst jüngst entdeckte Turm der Zeit um 1000 n. Chr. aus La Tour-de-Peilz/ VD lässt sich beispielsweise gut mit dem zeitgleichen Turm von Füllinsdorf-Altenberg vergleichen, vgl. Glaus 2019.
  55. Schmaedecke 2018, S. 8–11; die dort (Abb. 5) abgebildete Keramik stammt aus der Karolingerzeit und dürfte aus den Töpfereien von Brühl-Badorf (Nordrhein-Westfalen) importiert sein; Meyer 2002.
  56. Tauber 1991, S. 146–150. Frey 2015, S. 222.
  57. Meyer 1989; zur Datierung der ältesten Funde Marti 2008c, S. 345 mit Anm. 6.
  58. Überblick bei Meyer 1981.
  59. Meyer 1981.
  60. Marti 2000, Bd. A, S. 193–201. Marti 2006. Eggenberger; Terrier 2014.
  61. Marti; Fellner; Federici-Schenardi 2005, S. 107–109. König; Marti 2014, S. 231–236.
  62. Marti; Fellner; Federici-Schenardi 2005, S. 109–111.
  63. Zur Haltbarkeit von Pfosten- und Ständerbauten: Zimmermann 1998.
  64. Châtelet; Dottori 2020, S. 102–106.
  65. Marti 2000, Bd. A, S. 360−361. Marti 2019, S. 32−33. Châtelet; Dottori 2020, S. 99−100.
  66. Sablonier 1984. Rösener 1991.
  67. Marti 2000, Bd. A, S. 351–359. Marti 2009.
  68. Schreg 2006, S. 299–301. Schreg 2013. Châtelet; Dottori 2020, S. 110−111.
  69. Schreg 2006, S. 267–278. Châtelet; Dottori 2020, S. 108–111, Fig. 113. Zum Potenzial einer Archäologie des heutigen Dorfes (Beispiele Lutter und Muttenz) vgl. Grodwohl 2015. Reding et al. 2022.
  70. Springer 2018. Gut 2018. Rösch et al. 2020, S. 172–178.