Seuchen, Klimaverschlechterungen, politische Unruhen und kriegerische Auseinandersetzungen waren vermutlich der Grund, warum es zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert n. Chr. in weiten Teilen der heutigen Schweiz zu einem Bevölkerungsrückgang kam. Die interdisziplinären, archäologischen Forschungen der letzten Jahrzehnte ermöglichen es, auch in der Region Basel einschneidende Veränderungen in der Siedlungslandschaft nachzuzeichnen. Im Frühmittelalter vermischten sich hier die verschiedensten kulturellen Traditionen: Neben ehemals keltischen und gallo-römischen Bewohner:innen prägten neu hinzukommende germanische Einflüsse den Alltag. Die etwa vierhundert Jahre umfassende Epoche war von vielen Umbrüchen und Wechseln in einer mobilen Gesellschaft bestimmt, die sich mehrfach überregional, regional und lokal an neue Gegebenheiten in Politik, Handel und Umwelt anpassen musste.
Vom spätantiken Basilia zum frühmittelalterlichen Bazela
Basilia wird erstmals im Jahr 374 n. Chr. in den Annalen des Ammianus Marcellinus erwähnt. Danach schweigen die Schriftquellen für lange Zeit. Erst in einem Werk um 700, dessen unbekannten Autor man den ‹Geografen von Ravenna› nennt, begegnet uns Basel als Bazela wieder. Die dazwischenliegenden Jahrhunderte, das Frühmittelalter, wurden lange als ‹dunkle Zeit› wahrgenommen, die von einem kulturellen und wirtschaftlichen Niedergang geprägt gewesen sei.1
Dieser Eindruck entstand nicht nur aufgrund der ungünstigen klimatischen Bedingungen im Frühmittelalter.2 Er beruht vor allem darauf, dass die Forschung bestimmten Ereignissen früher eine andere Bedeutung zumass als heute. Dazu gehören der Zusammenbruch des Weströmischen Reichs (historisch gesehen mit dem Fall Roms im Jahr 476), die damit verbundene Auflösung der römischen Provinzverwaltung sowie die Entstehung und Ausbreitung des fränkischen Reichs ab dem frühen 6. Jahrhundert. Als dessen Gründer Chlodwig I. (466–511) im Jahre 511 starb, wurde das Territorium und somit die Macht unter seinen vier Söhnen Theuderich (reg. 511–533), Chlodomer (reg. 511–524), Childebert (reg. 511–558) und Chlothar (reg. 511–561) aufgeteilt. Trotzt interner Konflikte schafften sie es, den fränkischen Herrschaftsbereich zu vergrössern. Im Zuge der Expansion nach Osten und Südwesten fiel das Gebiet der heutigen Schweiz in den 540er-Jahren an das ostfränkische Teilreich. Die Westschweiz bis zur Aare gehörte später zum burgundischen Teilreich (ab ca. 570). Die neuen fränkischen Herrscher setzten Verwaltungsbeamte ein, die in den städtischen Zentren wie Basel, Zürich, Lausanne und Genf residierten und dem Christentum zum Durchbruch verhalfen.
Schriftlich überliefert sind diese Ereignisse einzig durch weströmische und entsprechend propagandistisch gefärbte Quellen. Diese entwarfen eine fast apokalyptische Szenerie, in der ‹Barbaren› durch regelmässige Invasionen und Plünderungszüge den Untergang der römischen Kultur und damit auch der Ordnung der antiken Welt herbeiführten.3 Der Wandel setzte aber keineswegs erst mit dem Ende des Weströmischen Reichs ein, sondern hatte lange zuvor begonnen und vollzog sich über einen langen Zeitraum (vgl. ‹Sturm zieht auf›, S. 204–207). Die Idee einer Konfrontation zwischen ‹römischer Hochkultur› und ‹barbarischen Germanen› entstand erst im 18. Jahrhundert, prägte die Archäologie aber weit bis ins 21. Jahrhundert. Um die Schriftquellen zu bestätigen, wurde jede darin erwähnte ‹Ethnie› mit besonderen Objekten, Techniken und Gewohnheiten, also mit einer eigenen materiellen Kultur gleichgesetzt. Die räumliche Verteilung dieser Objekte und Bräuche wiederum galt als Indiz für das Siedlungsgebiet der betreffenden Gruppe oder für die Migration mancher ihrer Mitglieder.4
Von 260 bis 476 – von der Aufgabe der rechtsrheinischen Gebiete bis zum Ende des Weströmischen Reichs – war der Rhein die offizielle Grenze des Weströmischen Imperiums. Das heutige Kleinbasel lag gemäss der Verwaltungssprache Roms im ‹Barbaricum›, in der ‹Alamannia›, während das heutige Grossbasel bis Ende des 5. Jahrhunderts zur römischen Provinz Maxima Sequanorum gehörte. Die Archäologie sah den Rhein deswegen lange Zeit nicht nur als eine administrative, politische und militärische Grenze, sondern auch als eine kulturelle. Man trennte das Siedlungsgebiet der ‹romanischen Restbevölkerung› vom Siedlungsgebiet der ‹Germanen› – und zwar so lange, bis sich das fränkische Reich im 6. Jahrhundert auf beide Rheinseiten hin ausgedehnt hatte. Basierend auf den Aussagen in den antiken Schriftquellen wurden die archäologischen Funde und Befunde je nach Fundort und Datierung den verschiedenen schriftlich überlieferten Gruppen zugewiesen, konkret den ‹Romanen›, ‹Alamannen›, ‹Franken› und ‹Donausueben›.5
Heute stellt die interdisziplinäre Forschung diese ethnisch basierten Schilderungen infrage. Sie zeichnet das Frühmittelalter als eine Zeit des Umbruchs, aber auch des kontinuierlichen Wandels, in der sich die Regionen der Schweiz unterschiedlich entwickelten. Für Basel und das Umland war prägend, dass aus der spätantiken ‹Festungsstadt› Basilia die frühmittelalterliche ‹Bischofsstadt› Bazela wurde. Die politischen Strukturen wurden grundlegend umgestaltet, und neue Eliten bildeten sich aus, nicht zuletzt der christliche Klerus. Es entstanden neue Handelsrouten und -kontakte. Die Karolinger stellten zwischen 751 und dem frühen 11. Jahrhundert die Könige im westlichen Frankenreich, von denen Karl der Grosse (747–814) bis heute einer der berühmtesten Herrscher Europas ist.
Die Archäologie ist entscheidend für die Erforschung des Frühmittelalters in der Schweiz, da Schriftquellen erst ab dem 8. Jahrhundert, vor allem aus den Klöstern der Karolingerzeit, verfügbar sind. Neuartige Forschungsansätze erlauben es, die vielseitigen Aspekte dieser Epoche hervorzuheben und ein neues Bild von der einzigartigen Situation in Bazela zu zeichnen. Es zeigt den aktuellen Stand der archäologischen Forschung, der sich aber anhand von laufenden sowie zukünftigen Ausgrabungen und Projekten verfeinern oder auch verändern wird.
Dörfer, Klöster und Herrschaftssitze: Frühmittelalterliche Siedlungen
Im Gegensatz zu Gräbern sind Siedlungen aus dem Frühmittelalter nicht so gut erhalten.6 Oft können sie nur dank der Grabfunde erschlossen werden. Eine weitere Hilfe ist die Ortsnamenforschung, die auch Hinweise auf den Zeitpunkt der Gründung und die Kontinuität einzelner Orte geben kann.7
Typisch waren befestigte Zentren wie die Kastelle auf dem Basler Münsterhügel und in Kaiseraugst.8 Daneben gab es befestigte Höhensiedlungen; diese finden sich in weiten Teilen Europas, wobei nicht immer klar ist, ob es sich um sporadisch aufgesuchte Rückzugsorte und/oder um Herrschaftssitze handelte.9 Letztere Interpretation bezieht sich vor allem auf die rechtsrheinischen Höhensiedlungen, die mit germanischen Zuwandernden verbunden werden. Dazu gehört neben dem Münsterberg in Breisach auch der Hertenberg nordwestlich vom Rheinfelder Stadtteil Herten (D), direkt gegenüber des Castrum Rauracense.10 Höhensiedlungen gab es aber auch im Jura, so auf der Sissacher Fluh, auf der Burghalde in Liestal und auf dem Vorderen Wartenberg in Muttenz.11 Während sie in der Spätantike noch den Charakter lokaler Rückzugsorte hatten wie etwa der Grosse Chastel bei Lostorf,12 waren sie im Frühmittelalter mit den lokalen Zentralsiedlungen verbunden und wurden vermutlich von der Oberschicht aufgesucht, vielleicht sogar als Residenzen genutzt. Qualitätsvolle Gegenstände aus Edelmetall, die dort gefunden wurden, sprechen für diese Annahme. Möglicherweise orientierte man sich an germanischen Höhensiedlungen wie dem burgundischen Herrschaftssitz auf dem Odilienberg im heutigen Elsass. Auch die rätischen Kirchenkastelle könnten als Vorbild gedient haben, da sie ebenfalls erhöht platzierte Anlagen für die Oberschicht waren.13 Der Rückzug in befestigte Orte führte dazu, dass Siedlungen teilweise vollständig aufgegeben und Landgüter, die einstigen römischen villae (vgl. ‹Reichtum und Krise›, S. 196–197), verlassen wurden.
Zuwandernde aus den Gebieten nördlich des Rheins liessen sich zum Teil in den Ruinen nieder.14 Ein Beispiel aus der Region ist die villa in Munzach bei Liestal. Diese luxuriöse Anlage lag in römischer Zeit im Einzugsgebiet der Kolonie Augusta Raurica. Sie wurde wohl im 4. Jahrhundert verlassen, und erst im 6. Jahrhundert steigt die Zahl der Funde wieder. Die zunehmende Siedlungsaktivität zeigt sich auch in den Befunden: Pfosten für neue Dachkonstruktionen wurden eingebracht und durchschlugen die Mosaikböden. In den Mauerschutt des Badetrakts wurden Grubenhäuser eingetieft. Vermutlich im 7. Jahrhundert diente der Südflügel des Hauptgebäudes als Bestattungsort, und das frühere Quellheiligtum wurde offenbar in eine christliche Kirche umfunktioniert.15
Viele villae waren in verschiedener Form weiter bewirtschaftet worden, manchmal mit Unterbrüchen, manchmal mit Nutzungsänderungen. So gründete man bei Munzach im 9. Jahrhundert eine neue Siedlung, Liestal-Röserntal, in der Eisen verarbeitet wurde.16 Andere villae wie beim Görbelhof nahe Rheinfelden/AG waren noch in der Spätantike bewohnt, fielen aber im Frühmittelalter wüst.17 Daneben gab es auch viele Neugründungen.
Vereinzelt kann eine lückenlose Besiedlungskontinuität nachgewiesen werden. Ein Sonderfall ist die Siedlung von Lausen-Bettenach: Hier war die Ergolz von den Römern gestaut und in die Wasserleitung eingeleitet worden, die nach Augusta Raurica führte. Daher war die Siedlung vermutlich in staatlichem Besitz. Im Frühmittelalter wurde sie ausgebaut und umfasste eine Kirche, weitere Steinbauten, Grubenhäuser und Pfostenbauten. Die Kontinuität zwischen Spätantike und Frühmittelalter zeigt sich auch im Fundmaterial, das Verbindungen zur frühmittelalterlichen Elite aufweist. Lausen-Bettenach verblieb womöglich in Staatsbesitz und wurde von den frühmittelalterlichen Oberschichten als Herrschaftssitz genutzt.18
Gewohnt wurde in Gehöften und kleineren Gehöftgruppen, aus denen sich Weiler entwickelten. Nebengebäude römischer villae wurden oft als unabhängige Einheiten genutzt. Zu einem frühmittelalterlichen Hof gehörte eine Einfriedung (Zaun) mit einem Wohnhaus in Pfostenbauweise, einem oder mehreren Grubenhäusern als Gewerbebauten, Speicherbauten aus Pfosten mit erhöhten Böden und Unterständen fürs Vieh. Dazu konnten weitere Gebäude kommen, wobei die Grösse der Gehöfte vom sozialen Stand der Bewohner abhing. Hinweise auf die Nutzung können über die Inneneinrichtung und das Fundmaterial gewonnen werden: Feuerstellen zum Kochen und Heizen deuten auf Wohnbauten, während gewerbliche Bauten wie Grubenhäuser typischerweise unbeheizt waren.
Schon ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. war die Holzbauweise wieder wichtiger geworden, im Frühmittelalter dominierte sie. Die Abkehr vom römischen Steinbau und die Rückkehr zum Holzbau ist auf verschiedene Umstände zurückzuführen: Da die Entwicklung bereits im 3. Jahrhundert n. Chr. einsetzt, als Holz eher spärlich vorhanden war, könnte eine Anpassung an neue Lebensumstände und damit einhergehende neue Wohnkonzepte eine ähnlich wichtige Rolle wie das Rohmaterial selbst gespielt haben. Aus Holz und Lehm errichtete Gebäude schützen gut vor Kälte und Hitze und sind auch in Bezug auf das Raumklima Steinbauten überlegen. Letzteres könnte während der Klimaverschlechterung im 5. und 6. Jahrhundert die Wahl der Baumaterialien beeinflusst haben.19 Hinzu kommt, dass Gebäude aus Holz und Lehm auch von wenigen Personen errichtet werden können.20
Der Bevölkerungsrückgang beziehungsweise der deutlich geringere Holzbedarf führte dazu, dass sich Waldbestände im Frühmittelalter erholten, was sich vor allem an Pollendiagrammen ablesen lässt.21 Gleichzeitig wurden Steinbrüche und Kalkbrennöfen nicht mehr unternehmerisch betrieben. Stein war als Baumaterial daher schwieriger zu beschaffen. Die leichte Zugänglichkeit von Holz und Lehm beschleunigte wohl die Umwandlung des Gewerbes und des Rohstoffbedarfs. Holzbau war schneller, anpassungsfähiger und veränderbarer.
Ethnografische Vergleiche aus dem 18. Jahrhundert haben weitere Vorteile von Holzhäusern aufgezeigt: Bei Ungezieferbefall lassen sie sich einfach abbrennen und neu aufbauen.22 Pfostenbauten werden jedoch durch direkten Kontakt mit feuchtem Boden nach etwa dreissig Jahren baufällig und müssen erneuert werden.
Der im Vergleich zu einem Steingebäude kurzlebige Charakter, der regelmässige Erneuerungen verlangte, könnte die erhöhte Mobilität der Menschen gefördert haben. Denkbar ist aber auch, dass man gezielt zur Holzbauweise zurückkehrte, weil man sich nicht an einen bestimmten Ort binden wollte. Hält ein Holzbau etwa dreissig Jahre, konnte man allerdings gut sein Erwachsenenleben im gleichen Haus respektive am gleichen Ort verbringen. Zudem setzte die im Frühmittelalter aufkommende Dreifelderwirtschaft keinen eigentlichen Landbesitz voraus, sondern die Urbarmachung von neuem Land. Dank bestimmter Feldunkräuter ist die Dreifelderwirtschaft auch in der Region Basel nachgewiesen, so in Laufen/BL und auf dem Areal des Basler Rosshofs.23 Die Entwicklung von möglichen ‹Wandersiedlungen› zu mehr ortsgebundenen Siedlungen mit zentraler Kirche sind im gut erforschten Breisgau nachzuvollziehen.24
Neben diesen rein pragmatischen Vorteilen des Holzbaus passte er auch besser zu den neuen Strukturen aus kleineren Gehöftgruppen, die sich selbst versorgten. Die guten klimatischen Bedingungen und leicht zugängliche Bauweise gilt aber nur für Pfostenbauten. Gebäude mit horizontal, oft auf einem steinernen Fundament liegenden Schwellbalken und darauf stehenden Ständern (Ständerbauten) brauchen einerseits Spezialwissen im Aufbau und haben andererseits oft Probleme mit Wasserschäden. Ständerbauten sind im archäologischen Befund schwierig zu erkennen, da die Balken weniger tief eingegraben wurden als Pfosten, scheinen aber oft mit dauerhafteren Siedlungen verbunden. Pfostenbauten wurden in einer zweiten Phase häufig durch Ständerbauten ersetzt. Dies hat teilweise mit unebenem Untergrund zu tun und ist oft durch die Pfostengruben der vorhergehenden Bauphase bedingt. Dennoch wollte man das Gebäude an der gleichen Stelle wie zuvor errichten, anstatt andernorts auf stabilerem Grund.
Ausserdem scheint man im Frühmittelalter vielerorts Stein mit Ewigkeit und Tod verbunden zu haben.25 Die Steinbauweise war Sakral- und Grabbauten vorbehalten. Ob diese Vorstellungen zuerst die Wahl des Materials beeinflussten oder eine Reaktion auf die Versorgungssituation mit Baumaterial waren, bleibt offen. Tatsächlich erfuhren bestehende römische Holz- oder Steinbauten manchmal eine Umnutzung und wurden als Kirche oder Verwaltungsgebäude in Stein wiederaufgebaut, wie es für das Quellheiligtum in Munzach vermutet wird.
Das 5. Jahrhundert ist in der Region Basel archäologisch kaum nachweisbar: Die Münzzufuhr aus dem Weströmischen Reich brach ab, und man benutzte die ‹alten› Prägungen weiter, womit die Archäologie eine wichtige Datierungshilfe verliert. Gleichzeitig ist die lokale Keramik sehr schlecht erforscht und daher kaum im Fundmaterial zu erkennen (vgl. ‹Die Römer ziehen ab›, S. 223–225). Dazu kommen die geschilderten Veränderungen, die unter anderem die Abkehr vom Steinbau und Bevorzugung der Holzbauweise mit sich bringen. Einzelne Funde, Gräber und die Nachnutzung älterer Strukturen sind die einzigen Hinweise auf eine Siedlungskontinuität zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Möglicherweise spielte hierbei auch das Klima eine Rolle: Die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts n. Chr. und das 6. Jahrhundert waren besonders kalt und nass, während im 7. Jahrhundert wieder bessere Bedingungen herrschten.26
Erst im Laufe des 7. Jahrhunderts begann man sich nicht zuletzt unter dem Einfluss von Klostergründungen und neu geschaffenen Diözesen, respektive der sich stabilisierenden Bistumsgrenzen, wieder zu grösseren Siedlungen zusammenzuschliessen. Damit war der Grundstein für die frühen Städte des Mittelalters gelegt. Im 5. und 6. Jahrhundert kam es auch in der Region Basel infolge der politischen, klimatischen und sozialen Umbrüche zu einer Neuausrichtung. Befand sich Basel in der Spätantike an der nördlichen Peripherie des Römischen Reichs, lag die Region im Frühmittelalter eher am südlichen Rand der neu entstehenden Herzog
Auf dem Gebiet der heutigen Stadt und ihrer Agglomeration lagen wahrscheinlich mehrere kleine Dörfer, einzelne Gehöfte und Weiler. Zahlreiche Ortsnamen mit der germanischen Endung -ingen bezeugen frühmittelalterliche Neugründungen, so etwa Gundeldingen, Binningen, Bottmingen, Bettingen, Ettingen oder Grellingen. Im Fall von Kleinhüningen legt das grosse Gräberfeld die Existenz einer (unbekannten) frühmittelalterlichen Siedlung nahe.
Ob und zu welchen Zwecken das munimentum, das im Zusammenhang mit der Befestigung der Rheingrenze errichtet worden war (vgl. ‹Valentinian I.›, S. 210–211), im Frühmittelalter noch genutzt wurde, ist nicht bekannt. Keramikfunde aus dem 7. bis 9. Jahrhundert27 im Areal zwischen Rebgasse und Theodorskirche sowie frühmittelalterliche Gräber beim Waisenhaus und der Theodorskirche deuten jedoch auf Siedlungsaktivitäten in dessen Umfeld hin.
Im Bereich zwischen der heutigen Alemannengasse, dem Burgweg und dem Schaffhauserrheinweg28 befand sich möglicherweise das kaiserzeitliche Robur, beziehungsweise die um 750 n. Chr. erwähnte villa (= Dorf) ‹Baselahe›.29 Womöglich handelte es sich um eine grössere Siedlung, die sich von der Rhein-/Utengasse bis zum Burgweg und der Alemannengasse erstreckte und an den noch sichtbaren Überresten des munimentum und der kaiserzeitlichen Siedlung Robur orientierte.
Noch weiter rheinaufwärts, bei der heutigen Schwarzwaldallee, wo Gräber aus dem 5. und 6. Jahrhundert entdeckt wurden, ist ebenfalls mit einer kleinen Siedlung zu rechnen, ebenso am Bernerring (6. Jahrhundert) sowie entlang der alten Hügelfussstrasse und des Jakobsbergs an den Zuflüssen von Birsig und Birs (7. bis 8. Jahrhundert). Gräber in der Aeschenvorstadt und beim Antikenmuseum könnten eine Siedlung in der Umgebung des heutigen Kunstmuseums zwischen St. Alban-Vorstadt und Dufourstrasse andeuten.
Spätantike Gräber am Totentanz, vor allem die wichtige Lage am Zusammenfluss von Birsig und Rhein mit einem möglichen Übergang über den Rhein und vielleicht einer kleinen Brücke über den Birsig,30 lassen auch die Schifflände als idealen Standort erscheinen, insbesondere weil Flüsse als Transportwege an Bedeutung gewannen.31 Dennoch fehlen eindeutige Spuren frühmittelalterlicher Siedlungstätigkeit in den meisten dieser Bereiche.
Sichere Belege von frühmittelalterlichen Wohn- und Wirtschaftsbauten kennt man im engeren Stadtgebiet Basels nach wie vor nur vom Münsterhügel. Viele der Siedlungsspuren auf dem Münsterplatz deuten aber auf sozial höher gestellte Personen und besonders auf Mitglieder des Klerus hin. Im 6. bis 8. Jahrhundert wurden zwischen den teilweise noch genutzten römischen Steinbauten auf dem Münsterhügel32 Gehöfte mit grossen Pfostenbauten und Grubenhäuser errichtet.33 In diesen halb in den Boden eingetieften Bauten fanden sich oft Webgewichte, die bei senkrecht angeordneten Webstühlen die Kettfäden gespannt hielten. Die Häufigkeit der Webkeller weist auf die Bedeutung der häuslichen Textilherstellung hin. Von den Pfostenbauten hat sich nichts erhalten ausser einer dunklen Erdschicht, der dark earth (vgl. S. 244), und einigen Fundobjekten. Auf dem Münsterhügel begann mit dem Frühmittelalter eine Phase, in der ehemals gepflasterte Oberflächen aus römischer Zeit von diesen dunklen humosen Schichten überdeckt wurden und die Ableitung des Regenwassers aus dem umwehrten Bereich nicht mehr gewährleistet war. Der spätrömische Entwässerungsgraben, der Abwasser durch die Wehrmauer nach draussen geleitet hatte, wurde nicht mehr freigehalten,35 Unrat, Bauschutt, Pflanzenreste und Tierexkremente nicht mehr konsequent aus der Siedlung abgeführt, sondern ausplaniert. Teilweise konnten sogar Bäume so hoch wachsen, dass sie im Sturm umgeworfen wurden.36
Der archäologisch weniger gut erforschte Martinskirchsporn war wohl nicht nur mit einer isolierten Kirche bebaut, sondern auch ein wichtiger Siedlungsbereich. Darauf weist vor allem die Instandhaltung der römischen Wehrmauer zur Freien Strasse hin. Sie ist bislang das einzige öffentliche römische Bauwerk, das sich bis ins Mittelalter erhalten hat. Reste wurden in der Martinsgasse und am Schlüsselberg dokumentiert. Zwei unterschiedliche Typen von Goldmünzen, die in Basel geprägt wurden – eine der wichtigsten Prägungen des Frühmittelalters, sogenannte Tremissis, oft fälschlich als ‹Triens› bezeichnet – zeigen die Bedeutung Basels. Während das einzelne Stück von Münzmeister Silva eine Inschrift trägt, die übersetzt ‹in der Stadt Basel hergestellt› lautet, steht auf dem anderen Typ des Münzmeisters Gunso schlicht ‹Basilia›. Beide Prägungen weisen auf Verbindungen ins Burgund hin.37 Eine dritte Münze, ebenfalls von Gunso geprägt, kam im frühmittelalterlichen Gräberfeld von Hégenheim zum Vorschein, wo ein fränkischer Herrenhof vermutet wird.38 Die Befestigung des Martinskirchsporns, die mögliche frühe Kirche (vgl. ‹Vorkarolingische Spuren›, S. 270–271) und das Münzrecht führen zur Annahme, dass Basel ab dem 7. Jahrhundert nicht nur als Bischofssitz für den Klerus zu einem zentralen Ort wurde, sondern dass hier gelegentlich auch weltliche Herrscher auf ihren weiten Reisen Station machten. Vielleicht bestand auf dem Martinskirchsporn ein Verwaltungssitz der fränkischen Machthaber. Die geringere Nachfrage nach handwerklichen Produkten bedeutete auch reduzierte Produktionsmengen, was vermutlich dazu führte, dass man spezialisierte Grosswerkstätten aufgab und vermehrt für den Eigenbedarf produzierte. Ein genaues Bild von den hergestellten Waren ist schwierig zu zeichnen, da verstärkt organische Materialien wie Holz, Leder und Textil statt Keramik und Stein verwendet wurden.
Reste von Handwerk wurden vor allem in Grubenhäusern entdeckt, besonders Webgewichte aus Stein und Ton oder die eingetieften Spuren von Webstühlen. Dass die Textilproduktion im Frühmittelalter wichtiger wurde, zeigt auch die Zunahme von Schafknochen in den Speiseresten.
Diese Beobachtungen und Funde sowie spezielle Werkzeuge aus Eisen sind indirekte Hinweise auf Textil- und Lederproduktion. Auch Gefässe aus Ton und Glas, Objekte aus Eisen und die Reste von Öfen zur Herstellung von Eisen, Glas und Keramik deuten auf ein gut funktionierendes System mit kleinräumiger Versorgungsorganisation hin. Gleichzeitig war die Agrarwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig im Frühmittelalter.39 Das setzte allerdings voraus, dass man Zugang zu bestellbarem Land hatte: Die bereits in der Spätantike begonnene Dezentralisierung setzte sich im Frühmittelalter fort. Die städtischen Zentren wurden durch ein lockeres Geflecht von Dörfern, Weilern und Einzelgehöften ersetzt.
Es gibt verschiedene Hinweise auf Know-how-Transfer im Fundmaterial. So finden sich zum Beispiel lokale oder regionale Produkte, die Neuerungen in der Gold- und Feinschmiedetechnik aufgriffen. Dazu gehört etwa die Granulation, die im mediterranen Raum entwickelt worden war. Winzige Goldkügelchen werden dabei auf eine Fläche aufgelötet. Besonders gerne verzierte man Fibeln auf diese Weise. Mit der Granulation verwandt ist die Filigrantechnik, bei der die Kügelchen auf feine Drähte aufgesetzt werden, die man ihrerseits auf das Objekt auflötet. Ein ähnliches Verfahren ist das Auflöten von feinen Metalldrähten auf eine Trägerplatte, zwischen denen man Glasschmelz einfüllt oder zugeschnittene Halbedelsteine, meist Almandin, einlässt, die sogenannte Cloisonné-Technik.40 Besonders beliebt waren im Frühmittelalter auch tauschierte Schnallen und Rie
Auch in der Keramikproduktion lassen sich für die Region Basel neue Einflüsse erkennen.41 Formen und Technik folgten grundsätzlich der römischen Tradition, allerdings wurden nun vor allem Kochtöpfe hergestellt. Ausladende Formen wie Teller und Schüsseln wurden zwar weiterbenutzt, aber selten neu produziert, wie starke Abnutzungsspuren zeigen. Statt feintoniger Keramik töpferte man jetzt rauwandige und sandige Gefässe mit Knickwand und Rollstempelverzierungen. Neben handgeformter Ware wurden Gefässe auch weiterhin direkt auf der schnelldrehenden Fusstöpferscheibe geformt und in hohen, stehenden Öfen gebrannt. Erst um 800 n. Chr. kamen in der Region Basel handgeformte und danach auf der Handtöpferscheibe überdrehte Gefässe auf, und man begann, die Form der Öfen anzupassen: Statt die Brennkammer direkt über der Feuerkammer zu positionieren, baute man die Brenn- und Feuerkammer hintereinander auf dem gleichen Niveau.42 Ein Töpferofen, den man 2007 in einem frühmittelalterlichen Pfosten-/Balkenbau innerhalb des Kastells von Kaiseraugst entdeckte, zeigt diese neuen Einflüsse eindrücklich. Rauwandige Tonscherben und verzierte Knickwandkeramik lagen in der Bedienungsgrube und im Ofenschacht. Diese Formen sind im 5./6. Jahrhundert typisch für die niederrheinische Region. Dass solche Gefässe in Kaiseraugst hergestellt wurden, legt nahe, dass entweder zugewanderte Töpfer:innen in Kaiseraugst gearbeitet oder dass ortsansässige Töpfer:innen diese Technik übernommen hatten.43 Weitere Produktionsorte dieses neuen Warentyps sind zum Beispiel aus Therwil, Oberwil, Reinach und Allschwil bekannt. Gleichzeitig kamen viele handgeformte grobe Töpfe mit Glimmer- oder vulkanischer Kalkmagerung vor, die im südlichen Elsass und im Breisgau hergestellt wurden und in der Region Basel ein typisches Importgut darstellten.44 Sie dienten vermutlich als Transportbehälter für einen leider noch unbekannten Inhalt.45
Zur römischen Zeit konnte man Eisen von guter Qualität aus anderen Provinzen importieren. Nun war man auf das lokale Angebot angewiesen und begann, Eisenerzvorkommen in der näheren Umgebung auszubeuten, so in Pratteln46 und Wahlen,47 vermutlich aber auch im südlichen Markgräflerland.48 Das Kloster von Moutier-Grandval war in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts nicht zuletzt mit dem Hintergedanken gegründet worden, den Eisenerzabbau im Jura voranzutreiben, so gehörte zum Beispiel der Eisenverarbeitungsplatz Develier-Courtételle dem Kloster Moutier-Grandval.49
Ausgrabungen in Büsserach haben zudem gezeigt, dass die Eisenverhüttung und Herstellung von Fertigprodukten zwischen 600 und 1000 n. Chr. nahezu industrielle Dimensionen erreichte.50 Die Keramik, die in Büsserach gefunden wurde, stammt zum grössten Teil aus Töpfereien in Pratteln, Reinach und Oberwil,51 neben Importen aus dem Elsass und dem Breisgau52 – ein Hinweis auf ein gut organisiertes regionales Handelsnetz, in dem Basel vielleicht als Drehscheibe fungierte.
Neben dem Erzabbau für die Klöster waren auch weltliche Herrscher, unter anderem die Herzöge von Elsass, am Eisen aus dem Jura interessiert. Besonders gegen Ende des 7. Jahrhunderts führten Machtkämpfe im Adel zu einer erhöhten Nachfrage nach Eisen für Waffen.53 Neue Technologien wie Granulation, Tauschierung, Filigran- und Cloisonné-Technik belegen Kontakte in den Mittelmeerraum, werfen aber auch viele Fragen auf, die wir nicht so einfach beantworten können: Wurden fertige Objekte von weit her importiert? Wanderten Handwerker aus anderen Regionen ein und produzierten den Schmuck vor Ort? Oder wurde das Wissen von lokalen Handwerkern aufgenommen? Mobilität und Transport scheinen weniger staatlich als von Einzelpersonen organisiert gewesen zu sein, zum Beispiel von Händlern, Handwerkern oder Wanderarbeitern.
Die Verarbeitung von Edelmetallen ist wohl mit der Oberschicht verbunden. Goldschmiede reisten womöglich gemeinsam mit der Elite, während man vor Ort gewonnenes Eisen auch lokal oder regional verarbeitete. Gold, Granat und weitere Bestandteile der Schmuckobjekte erforderten weite Handelsbeziehungen. Leichte Güter wie Halbedelsteine wurden weiterhin über grosse Distanzen verhandelt, während der Transport von schwerem Handelsgut wie Olivenöl zurückging. Gleichzeitig deutet das Fehlen von exotischen Früchten auf rückläufigen Import, vielleicht auch weniger Kontakt nach Süden. Rinder waren von kleinerer Statur und seltener als in der römischen Epoche. Möglicherweise wurden sie nicht mehr so häufig als Zugtiere eingesetzt.
Neue Einflüsse in der Keramikproduktion und Keramikimporte bezeugen regionale Handelsverbindungen zwischen der Nordwestschweiz, dem südlichen Elsass und dem Breisgau. Vermutlich waren es Nahrungsmittel, die das eigentliche Handelsgut darstellten, auch wenn bislang nicht herausgefunden wurde, welche Produkte in den Gefässen transportiert wurden.
Die neuen Handelsrouten beeinflussten auch die Lage von Siedlungen und deren Bedeutung. Zu Beginn des Frühmittelalters im früheren 5. Jahrhundert war das Castrum Rauracense in Kaiseraugst die massgebliche Siedlung in der Region. Im Laufe des 6. und 7. Jahrhunderts gewann jedoch das castrum auf dem Basler Münsterhügel zunehmend an Bedeutung und wurde zum neuen Zentrum.
Mit ein Grund dafür dürfte gewesen sein, dass im 6. und 7. Jahrhundert die Verkehrsachse durch das Ergolztal über den Oberen beziehungsweise den Unteren Hauenstein ins schweizerische Mittelland – und damit auch das Castrum Rauracense – immer mehr an Bedeutung verloren hatte. Denn die fränkischen Herrscher hatten den Ausbau der Route via Basel über die Pierre Pertuis ins Mittelland forciert. Die Vita des heiligen Germanus berichtet, dass er Mitte des 7. Jahrhunderts mit seinen Mönchen des Klosters Moutier-Grandval die unbrauchbar gewordene römische Strasse über die Pierre Pertuis beim heutigen Tavannes, nordöstlich von Biel, instand setzen liess. Diese Trasse wurde zur wichtigsten Verbindung zwischen dem Oberrheingebiet und dem Burgund und über den Grossen St. Bernhard nach Italien.
Auch das Birstal war eine wichtige Achse, wenngleich sie gegenüber der Passstrasse über den Jura an Bedeutung eingebüsst hatte. Sie führte von Basel zum Blattenpass bei Pfeffingen und weiter ins Schwarzbubenland. Von da gelangte man über den Passwang nach Süden, der alten römischen Route folgend durch die Klus bei Oensingen ins Mittelland. Die grosse römische villa in Oensingen diente während der Römerzeit vielleicht als Etappenort und wurde im Frühmittelalter zumindest als Bestattungsplatz genutzt.58
In den unruhigen Zeiten und aufgrund der fehlenden Instandhaltung der Landstrassen durch die römische Administration waren die Wasserwege zunehmend bedeutender geworden, vor allem für den Ferngüterverkehr.59 Besonders Birs und Wiese waren für den Warentransport, weniger für den Personentransport in Richtung Basel interessant. Plötzlich lag Basel im Vergleich zu Kaiseraugst verkehrstechnisch deutlich günstiger.
Zumindest zu Beginn der frühmittelalterlichen Epoche diente auch der Rhein als Transportweg. Zwar war der Fluss in der Spätantike wieder offiziell Grenze des Römischen Imperiums geworden, aber Flüsse sind selten harte Grenzen, sondern können überwunden werden und stehen deshalb Austausch und Handel nicht im Weg. Sowohl die Diözesen, die seit der Spätantike entstanden waren, als auch die Karolingerkönige (ab etwa 800 n. Chr.) orientierten sich an natürlichen Gegebenheiten und gliederten den Raum im Früh- und Hochmittelalter entsprechend auf. Die frühen Bistumsgrenzen deuten den Rhein als Grenze an: Während Grossbasel Teil des Erzbistums Besançon war, gehörte Kleinbasel zum Bistum Konstanz. Das weitgehende Fehlen von Schüsseln und Platten beim frühmittelalterlichen Geschirr spiegelt nicht herstellungstechnische Probleme, sondern Änderungen in der Ernährung wider. Getreide war nach wie vor wichtigstes Grundnahrungsmittel, allerdings legte man im Frühmittelalter mehr Wert auf Artenvielfalt. Nur etwa die Hälfte der Sorten, die in der römischen Epoche angebaut wurden, pflanzte man weiterhin an.60 So erfreute sich Dinkel grösserer Beliebtheit als zuvor. Aber viele neue Sorten wurden eingeführt, etwa Hafer, Roggen, Gerste. Insbesondere Roggen und Dinkel sind anspruchslos und gedeihen auch in feuchterem und kühlerem Klima. Gleichzeitig erlaubt Diversität bei Getreidesorten auch eine Sommer- und Winterernte – eine Anbauweise, die sich gut in kleineren Betrieben umsetzen lässt.
Rebstöcke, die im heutigen Rebgebiet in der Unteren Klus bei Aesch zum Vorschein kamen, bezeugen, dass auch der Weinbau, der von den Römern eingeführt worden war, vermutlich in reduziertem Mass weiterbetrieben wurde. Ein dort gefundener Rebstock und Rebstickel konnten mit Hilfe der Radiokarbonmethode ins 5./6. Jahrhundert datiert werden.61
Exotische Pflanzen und Früchte wie Datteln, Feigen, Pfirsiche, Pinienkerne oder Mandeln fehlen jedoch, was mit dem Niedergang des Fernhandels zusammenhängen dürfte. Das geringere Vorkommen und die reduzierte Grösse der Rinder könnten indirekt auf einen Rückgang von Warentransporten über grössere Distanzen hinweisen.
Auffällig ist, dass sich unter den frühmittelalterlichen Speiseresten vermehrt Pferdeknochen finden. Dass der Konsum von Pferdefleisch – in der gallo-römischen Kultur tabu – zunehmend beliebter wurde, dürfte auf Einflüsse aus den rechtsrheinischen Gebieten zurückzuführen sein, wo man Pferdefleisch durchaus ass. Dies bezeugt indirekt auch das Pferdefleischverbot, das von Papst Gregor III. (reg. 731–741) 732 erlassen und von seinen Nachfolgern bekräftigt worden war. Es ist unklar, ob man damit heidnischen Praktiken Einhalt gebieten wollte oder sichergestellt werden sollte, dass genügend Reit- und Lasttiere zur Verfügung standen.62
Die Beliebtheit von Jagdwild war regional verschieden je nach Angebot. Ein Einfluss aus dem Norden war die vermehrte Nutzung von Geweih als Rohmaterial, die sich rechts des Rheins einer langen Tradition erfreute.63 Die Ernährung im Frühmittelalter war also vor allem durch die lokalen klimatischen Bedingungen, den Eigenanbau und das reduzierte Angebot an Handelswaren bestimmt. Dass sich der Siedlungsschwerpunkt von Kaiseraugst nach Basel verlagerte, lässt sich auch an der Verlegung des Bischofssitzes von Kaiseraugst nach Basel ablesen: Die Kirche, die im 5. Jahrhundert im Castrum Rauracense errichtet worden war, wurde in den folgenden Jahrhunderten zur grössten Kirche der näheren Region umgebaut. Da die wenigen Schriftquellen womöglich gefälscht sind, ist der genaue Zeitpunkt der Gründung des Bistums Basel weiterhin unklar.64
Spätestens um die Mitte des 7. Jahrhunderts verlegte der Bischof seine Residenz jedoch nach Basel, was die Lebensbeschreibungen von Eustasius (um 560−629), dem Abt des Klosters von Luxeuil (Luxeuil-les-Bains), bezeugen.65 Die Gründe dafür sind nicht klar, aber für den Bischof war Basel als Zentrum offensichtlich attraktiver als Kaiseraugst.66
Der Klerus blieb eine treibende Kraft in der Entwicklung des frühmittelalterlichen Basel. Das Kloster von Luxeuil hatte grossen Einfluss bis in unsere Region. Auf Bestreben von Luxeuil wurde Germanus (um 612–675) als erster Abt des neu gegründeten Klosters von Moutier-Grandval eingesetzt. Das Kloster wurde in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts gegründet – seine Errichtung und mit der Zeit zunehmende Bedeutung konnten durch Ausgrabungen bestätigt werden.67
Die Verlegung des Bischofssitzes von Kaiseraugst nach Basel könnte eine Umnutzung und Neuorganisation des Münsterplatzes nach sich gezogen haben: Die Wohnbauten wurden ab dem 8. Jahrhundert aufgegeben. Allerdings fehlen bis heute Belege für eine frühmittelalterliche Kirche auf dem Münsterplatz – als Standorte werden ein Vorgängerbau der Johanneskapelle am Münsterplatz 2 und die St. Ulrichskirche an der heutigen Rittergasse diskutiert.68 Ein bischöflicher Immunitätsbezirk, also ein Bereich um Münster, Bischofspfalz und Münsterplatz, der dem Klerus vorbehalten war, ist anzunehmen; seine genaue Ausdehnung bleibt jedoch offen.69
Neben dem heutigen Münsterplatz käme auch die Martinskirche als Standort für die erste Bischofskirche im 7. Jahrhundert infrage. Der heilige Martin war bei den Franken äusserst populär.70 Der Begründer des Frankenreiches Chlodwig I. (466–511) hatte St. Martin verehrt und ihn zum Schutzheiligen des Reichs gemacht. Es ist daher naheliegend, dass die Martinskirche bis ins 7. Jahrhundert zurückreichen könnte.71
Bestattungen aus dem 9. und 10. Jahrhundert südlich der Martinskirche weisen auf einen hochmittelalterlichen Sakralbau am Nordende des Münsterhügels. Falls es eine frühe Bischofskirche gab, war diese dem Klerus vorbehalten. Die Martinskirche könnte daher den Anwohner:innen und weltlichen Herrschern auf der Durchreise als Pfarrkirche gedient haben. Die zugehörige zivile Siedlung, Wohnbezirke und Unterkünfte sind leider nicht bekannt.
Frühmittelalterliche Bestattungstraditionen: Vom Reichtum kultureller Vielfalt
Wie in der Spätantike bestattete man Verstorbene im Frühmittelalter vorwiegend abseits der Siedlung. In Basel wurden seit dem 18. Jahrhundert über tausend frühmittelalterliche Gräber gefunden. Sie gehörten zu kleineren oder grösseren Bestattungsplätzen, die teilweise seit der Spätantike belegt waren und bis zu mehreren hundert Gräbern umfassen konnten. Die Prämisse ‹eine Siedlung, ein Friedhof› gilt indessen (noch) nicht. Manche Bestattungsplätze wurden wohl zeitgleich von mehreren Siedlungen genutzt. Ebenso lässt sich nicht ausschliessen, dass eine Siedlungsgemeinschaft ihre Verstorbenen an verschiedenen Orten begraben hat.
Für das Frühmittelalter neu und typisch sind sogenannte Reihengräberfelder, auch wenn die Anordnung der Bestattungen in Reihen nicht immer eingehalten wurde.72 Als Neuentwicklung dieser Zeit sind solche Gräberfelder insbesondere in den Randgebieten des ehemaligen Römischen Reichs weit verbreitet. Zwischen der Mitte des 5. und dem frühen 6. Jahrhundert entstanden zudem kleinere Gruppen von Grablegen, die nach wenigen Generationen aufgegeben wurden.
In den meisten frühmittelalterlichen Bestattungsplätzen – so auch in Basel – bilden einfache Erd- und Sarggräber die übliche Bestattungsform. Weitere, aufwendigere Grablegen kommen aber immer wieder vor. In Basel wurden in den frühen Phasen beispielsweise noch Ziegelgräber angelegt, während im 5. und 6. Jahrhundert Baumsärge, Holzkammer- und Hügelgräber noch mehr Aufwand benötigten. Bestattungen mit Steineinfassungen aus dem späten 6. Jahrhundert gestaltete man weiter aus mit Mauern oder Platten.73 Aussergewöhnlich ist das farbig verputzte Steinkammergrab aus Basel-Kleinhüningen.
Die Gräber wurden im Laufe der Zeit unterschiedlich ausgerichtet. Die West-Ost-Orientierung setzte sich dabei immer mehr durch, wurde aber – auch in eindeutig christlichen Kontexten – erst später zur Regel. Generell wurden die Toten gestreckt auf dem Rücken liegend beigesetzt, aber oft ist die ursprüngliche Körperlage – genauso wie die ursprüngliche Inszenierung im Grab – aufgrund von Zersetzungsprozessen und späterer Bodeneingriffe nicht mehr genau rekonstruierbar. Im Frühmittelalter war es durchaus üblich, dass Gräber noch während der Belegungszeit des Bestattungsplatzes nachträglich geöffnet wurden. Es wurde lange angenommen, dass dies auf zeitgenössische Beraubung hinwies. Heute werden diese sekundären Manipulationen an den Bestattungen als Teil eines mehrphasigen Totenrituals beziehungsweise Totengedenkens interpretiert, bei dem einige Objekte, manchmal auch Knochen, entfernt oder hinzugefügt wurden. Trotz dieser Störungen zeigt sich, dass Grabausstattungen – nach einem Rückgang Anfang des 5. Jahrhunderts – im Laufe der Zeit zunächst zunahmen und vielfältiger wurden. Erst ab dem 7. Jahrhundert wurden sie anscheinend standardisiert und allmählich aufgegeben, sodass Bestattungen des 7. und 8. Jahrhunderts meist beigabenlos sind.
Als Neuentwicklung im spätrömischen Grenzgebiet finden sich ab Mitte des 4. Jahrhunderts in Männergräbern oft Waffen, vor allem Kurzschwerter (Sax) und Pfeilspitzen, seltener Langschwerter (Spathen) und Lanzenspitzen. Frauen waren hingegen häufig mit Schmuck74 wie Perlenketten, Kopfputznadeln, Ohr-, Arm- und Fingerringen ausgestattet, wie sie in Basel in allen Gräberfeldern vorkommen. Typisch für die Zeit zwischen der Mitte des 5. und 6. Jahrhunderts sind zudem Fibeln, von denen teils vier Exemplare gleichzeitig getragen wurden.75 Bei dieser ‹Vierfibelmode› zierte ein Kleinfibelpaar den Hals- oder Schulterbereich und ein Bügelfibelpaar den Bauch-, Becken- oder Oberschenkelbereich.
In Männer- und Frauengräbern kamen noch verschiedene Geräte, insbesondere Messer und Kämme, vor. Werkzeuge, die über den Beruf der Bestatteten informieren, sind äusserst selten. Dies trifft ebenso auf eindeutig christliche (oder ‹heidnische›) Symbole zu. Prähistorische und römische Scherben, durchbohrte Tierzähne, Krallen und Münzen könnten als Amulette gedient haben. Sie befinden sich in der Regel zusammen mit dem Feuerstahl in der Gürteltasche der Männer, respektive am Gürtelgehänge oder an der Halskette von Frauen. Keramikgefässe sowie Tierknochen oder Eierschalen könnten zudem auf Speisebeigaben hindeuten: eine Gewohnheit, die sich an der Peripherie des späten Weströmischen Reichs – insbesondere am Oberrhein – entwickelte.76 In Basel sind heute mindestens fünf Gräberfelder, drei kleinere Gräbergruppen und mehrere Einzelgräber aus dem Frühmittelalter bekannt. Diese sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt und datieren in die Zeit zwischen dem 4./5. und dem 8. Jahrhundert. Bereits im 18. Jahrhundert wurden Bestattungen in der Aeschenvorstadt77 entdeckt. Im 19. Jahrhundert wurden zudem einzelne Gräber, Gräbergruppen und Grabfunde in Kleinhüningen78 und im St. Theodor-Areal79 freigelegt. Bedeutende Entdeckungen erfolgten dann im 20. Jahrhundert, allerdings überwiegend bei Rettungsgrabungen unter zum Teil nicht optimalen Ausgrabungs- und Auswertungsbedingungen. In den letzten drei Jahrzehnten wurden zudem bereits bekannte Bestattungsareale weiter erforscht und neue Gräber(-gruppen) entdeckt.
Zwischen dem späten 3. und 4. Jahrhundert entstanden die spätantiken Gräber am Totentanz, beim Waisenhaus und in der St. Alban-Vorstadt sowie die ältesten Gräber des Bestattungsplatzes in der Aeschenvorstadt. Nur Letzterer war durchgehend bis ins 7. Jahrhundert belegt. Er lag entlang der Rheinuferstrasse, die Augusta Raurica (Augst/Kaiseraugst) und Cambete (Kembs [F]) in der Römerzeit verband. Die meisten Gräber von der Aeschenvorstadt waren beigabenlos oder enthielten nur wenige (datierbare) Objekte. Unter den bemerkenswerten Elementen der Grabausstattung befinden sich Insignien des spätrömischen Militärs wie Omega- und Zwiebelknopffibeln oder breite Prunkgürtel, sogenannte cingula.80
Die Lage des Bestattungsplatzes auf dem linken (spätrömischen) Rheinufer und die dürftige Grabausstattung der meisten Gräber liessen vermuten, dass es sich in Basel-Aeschenvorstadt um die spätrömischen/frühmittelalterlichen, christlichen und romanisierten/‹romanischen› Bewohner:innen des castrum auf dem Münsterhügel handelte.81 Dagegen wurden bislang einzelne Gräber mit vergleichsweise reicher Grabausstattung als ‹Germanen› interpretiert, die als Offiziere im römischen Heer gedient hatten – ihre Herkunft ist aber unbekannt. Ab Mitte des 5. Jahrhunderts entwickelte sich auf dem anderen Rheinufer je ein Bestattungsplatz: am ehemaligen Gotterbarmweg (heute Schwarzwaldallee) und in Kleinhüningen. Obwohl in Letzterem ebenfalls zahlreiche Bestattungen beigabenlos oder beigabenarm (entsprechend der ‹romanischen› Tradition) blieben, zeichneten sich diese Bestattungsplätze durch eine insgesamt reiche Grabausstattung aus, vor allem der weiblichen Toten. Besonders sind dabei Bügelfibeln, die in den Gräbern am Gotterbarmweg fast nur paarweise, in Kleinhüningen überwiegend in einer Vierfibelkombination getragen wurden. Zudem sind in beiden Gräberfeldern einzelne Merkmale beobachtet worden, die ursprünglich weiter östlich im Donaugebiet bekannt, anscheinend im westeuropäischen elitären Milieu jedoch auch beliebt waren. Zum Beispiel trugen drei Frauen je einen Knotenring, und bei drei anderen Frauen war der Schädel in der Kindheit zu einem sogenannten Turmschädel künstlich verformt worden. Gleichzeitig deuten mehrere Objekte auf einen engen Bezug zur spätrömischen Tradition hin, darunter wiederverwendete und an die Frauenkleidung angepasste Elemente wie Militärgürtel in Kleinhüningen und eine Zwiebelknopffibel im Gotterbarmweg, die wie eine Bügelfibel getragen wurde.
Aufgrund der Lage jenseits des Limes und der Grabausstattung wurden die Bestattungsgemeinschaften am Gotterbarmweg und in Kleinhüningen traditionell als zugewanderte ‹Alamannen› und ‹Donausueben› interpretiert.82 Nie hinterfragt wurde jedoch, ob in den zahlreichen beigabenlosen und beigabenarmen Gräbern ‹Romanen› bestattet worden sein könnten. Bei genauer Betrachtung fallen aber in der Ausstattung der Gräber vielfältige Einflüsse auf. Der sichtliche Wohlstand beider Gemeinschaften sowie die strategische Lage der Bestattungsplätze (und voraussichtlich der zugehörigen Siedlungen) an potenziellen Rheinübergängen liessen vermuten, dass es sich um Verteidiger der spätrömischen Grenze des Weströmischen Reichs gehandelt haben könnte.83 In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts, das heisst wenige Jahrzehnte nach dem Untergang des Weströmischen Reichs, hörte die Belegung am Gotterbarmweg bald auf, während man in Kleinhüningen weiterhin bestattete. Sollte der sogenannte Limesfall die Aufgabe des Platzes am Gotterbarmweg erklären, da nun keine Grenzverteidigung oder -kontrolle mehr notwendig war? Warum wurde aber nur das Gräberfeld in Kleinhüningen weiter benutzt und zwar ohne Zeichen eines sozialen oder politischen Niedergangs? Diese Fragen bleiben im Moment offen. Linksrheinisch sind gleichzeitig wieder mehr gut datierbare Gräber in der Aeschenvorstadt nachgewiesen. Mindestens zwei Gräber, die beim Antikenmuseum (St. Alban-Graben) zutage kamen, darunter ein Mann mit Waffenausrüstung und eine Frau mit einer seltenen Vierfibelkombination, datieren ebenfalls in die Zeit um 500 n. Chr.
Auf derselben Rheinseite entstand zudem beim Bernerring,84 also deutlich abseits der bisherigen Bestattungsplätze, ein neues Gräberfeld. Dieser relativ kleine Bestattungsplatz wurde nur während weniger Generationen benutzt und fällt durch die aussergewöhnlich aufwendige Grabausstattung und -struktur auf. Dort bilden Kammer- neben Sarggräbern die dominierende Form. Erstere werden als elitäre Bestattungsform betrachtet.85 Drei davon wurden in der späten Phase sogar durch einen Hügel monumentalisiert. Kammergräber werden in Basel sonst nur in Kleinhüningen und sporadisch in der Aeschenvorstadt vermutet. Auffällig ist zudem der hohe Anteil an Gräbern mit Waffen: Zehn Männer und Jungen waren mit Langschwertern (sogenannten Spathen) bestattet, die sonst nur vereinzelt in den anderen grossen Gräberfeldern nachgewiesen sind. Langschwerter wurden traditionell als Statussymbol für die lokale Elite oder als Zeichen fränkischer Machthaber gedeutet.86 Die zahlreichen Spathagräber am Bernerring könnten aber mit einer hochrangigen administrativen Funktion wie unter anderem der Kontrolle der Strassen über die Alpen verbunden sein.87 Die fast kompletten Waffenausrüstungen (Sax, Pfeil, Lanze, Ango [eine Art Speer], Schild oder Reiterausrüstung), der Schmuck aus den Frauengräbern und die zahlreichen Speisebeigaben deuten auf jeden Fall auf einen hohen, meistens militärisch geprägten Status dieser Personen hin. War die gesamte Gemeinschaft wohlhabend, oder handelte es sich um einen Bestattungsplatz für privilegierte Personen?
Diese Bestattungsgemeinschaft wurde bislang aufgrund der Grabausstattung und der Datierung zwischen 550 und 600 n. Chr. – also nach der schriftlich überlieferten Machtübernahme der Franken in unserer Region – entweder als zugewanderte Franken oder als lokale Vertreter der fränkischen Macht interpretiert.88 Neben der Spatha gilt konventionell auch die sogenannte Knickwandkeramik, eine zwischen 500 und 600 n. Chr. geläufige Keramikform, als ‹typisch fränkisch›. Diese ist ebenfalls in Kleinhüningen nachgewiesen. Umso erstaunlicher ist, dass die Wurfaxt (auch ‹Franziska› genannt), eine angeblich ‹typisch fränkische› Waffe, ausgerechnet im Gräberfeld am Bernerring fehlt, in Kleinhüningen und beim Gotterbarmweg jedoch nicht. Solche vermeintlich ‹typisch fränkischen› Objekte in Kleinhüningen, in der Aeschenvorstadt und in den jüngsten Gräbern vom Gotterbarmweg wurden bislang als Indiz für den zunehmenden fränkischen Einfluss, respektive für eine dauerhafte Besiedlung des Gebiets durch ‹Franken› interpretiert. Obschon Dinge an sich keine ethnische Bedeutung tragen, sodass diese Zuweisungen veraltet sind, zeigen auch die Bestattungspraktiken im 6. Jahrhundert eindeutige Veränderungen und Ähnlichkeiten zu eher im ostfränkischen Raum bekannten Elementen auf. Wenngleich die Zuwanderung von Menschen aus dem Frankenreich in der Region Basel momentan weder widerlegt noch bestätigt werden kann, sind Einflüsse nicht von der Hand zu weisen.
Auch nach dem ‹Limesfall› setzten sich antike Traditionen fort. Bei mehreren Bestatteten wurde beispielsweise je eine Münze im Mund oder in der Hand gefunden, die vermutlich als ‹Charonspfennige›90 galten. Eine Neuerung auf den frühmittelalterlichen Gräberfeldern ist hingegen die Beisetzung von Tieren wie etwa Pferde in Kleinhüningen und am Bernerring sowie eine Hirschkuh am Bernerring.91 Solche Tierbestattungen finden sich oft in (in-)direktem Zusammenhang mit Männergräbern, die aufgrund ihrer Grabausstattung als Krieger, Reiter oder generell als Angehörige der Oberschicht bezeichnet werden.92 Ab dem späten 6. Jahrhundert sind in Basel sowie europaweit grössere Veränderungen in den Bestattungstraditionen feststellbar. So werden vermutlich hochgestellte Personen zunächst abseits des Gräberfelds beigesetzt oder ihre Grablegen mit Hügeln oder Steinplatten gekennzeichnet.93 Ab Mitte des 7. Jahrhunderts wurden Bestattungen in den Siedlungsarealen94 oder sogar in oder bei frühen Kirchen (potenzielle ‹Stiftergräber›) angelegt. Dabei wurden Reihengräberfelder nach und nach aufgegeben, während Kirchen manchmal direkt auf den kleineren Bestattungsplätzen errichtet wurden. Darin spiegelt sich die zunehmende Bedeutung der Kirche als Institution wider, welche der Oberschicht neue Möglichkeiten der Repräsentation bot. Gleichzeitig wurde immer mehr Bezug auf ältere Strukturen wie prähistorische Hügel oder römische Ruinen genommen, was vielleicht als absichtliche Verbindung zu den Ahnen und daher als Legitimation für die Elite gedient haben könnte.
Ab der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts wurde auch im Bereich der Theodorskirche bestattet. Trotz der chronologischen (ungefähr hundert Jahre) und räumlichen (etwa hundert Meter) Lücke könnten diese Gräber die Fortsetzung des Bestattungsplatzes beim Waisenhaus darstellen. Das Gräberfeld am Bernerring wurde in den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts aufgegeben. In der Aeschenvorstadt und in Kleinhüningen legte man die letzten Bestattungen am Ende des 7. Jahrhunderts an. Lediglich bei der heutigen Theodorskirche wurde bis mindestens ins 8. Jahrhundert hinein bestattet.
Hinzu kommt, dass Erd- und Steinplattengräber nicht nur am Rand, sondern auch abseits der grösseren Gräberfelder angelegt wurden, das heisst vor allem entlang der alten Verkehrsachsen an der heutigen Grenzacher-, Neuweiler-, Laufen-, Münchensteiner- und Gundeldingerstrasse sowie bei Kirchen in den Siedlungskernen beim Martinskirchplatz, bei der Martinsgasse95, beim Theodorskirchplatz, in Riehen und in Bettingen. Im und um das Basler Münster wurde vielleicht ab dem 6., sicher aber ab dem 7./8. Jahrhundert bestattet, wie mehrere Skelette im Bereich der ehemaligen Sakristei und des Münsterchors bezeugen. Weitere Indizien für eine frühmittelalterliche Belegung bietet eine kleine Gruppe merowingischer Sarkophage in Zweitverwendung, die im Münster entdeckt worden sind.96 Zu dieser Zeit wurde die Grabausstattung immer seltener, sodass eine genaue chronologische Abfolge der Bestattungsaktivitäten nicht mehr nachvollziehbar ist. Bei der Vielfalt der Bestattungen stellt sich die Frage, ob sich darin nicht Beziehungsgeflechte im frühmittelalterlichen melting pot Bazela widerspiegeln, statt eine unterschiedliche Herkunft oder gar ethnische Zugehörigkeit. Die Fibeln und Gürtelschnallen, die auf dem Gebiet der heutigen Stadt gefunden wurden, zeigen vor allem kulturelle Einflüsse aus dem Oberrheingraben und den Nachbarregionen.97 In der materiellen Kultur des 5. und 6. Jahrhunderts zeichnen sich aber auch Kontakte ab, die sich vom heutigen Westfrankreich bis zur östlichen Küste des Schwarzen Meers sowie von Polen bis in den Libanon erstrecken.
Beziehungen zum ‹fränkischen Kerngebiet›, dem heutigen Nordfrankreich, Belgien und den Niederlanden, lassen sich vorwiegend im Gräberfeld am Bernerring, aber auch in Kleinhüningen nachweisen, während Kontakte in den Osten vor allem in den Grabinventaren aus dem Gotterbarmweg und Kleinhüningen und nur sehr selten am Bernerring erkennbar sind. Diese Unterschiede könnten durch die Zeitstellung, aber auch durch unterschiedliche geografische Schwerpunkte in den sozialen und wirtschaftlichen Netzwerken der Oberschicht, durch die Mobilität Einzelner oder von Gruppen oder durch die Lage der Gräberfelder und ihrer Siedlung an bestimmten Verkehrsrouten erklärt werden. Denn nicht nur Überlandstrassen, sondern auch Flüsse wie Rhein und Donau spielten eine massgebliche Rolle beim Transfer von Ideen, Objekten und Modeerscheinungen.
Die verschiedenen kulturellen Einflüsse zeigen sich dabei nicht nur zwischen und innerhalb der Gräberfelder, sondern sogar innerhalb einzelner Grabinventare, was die Hypothese von weitreichenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Netzwerken unterstützt. Dass Personen und Gruppen zu dieser Zeit über grosse Distanzen mobil waren, wurde in zahlreichen Fundstellen Europas belegt98 und könnte auch hier für den kulturellen Reichtum verantwortlich sein. Die Zusammensetzung der Grabausstattung kann weitere Hinweise über die Organisation einer Gesellschaft liefern. So werden beispielsweise Bestattungen mit Objekten, die aus exotischen oder hochwertigen Materialien bestehen, in der Regel als Zeichen eines hohen sozialen Status der Verstorbenen oder deren Familien interpretiert. Dies trifft ebenfalls für bestimmte Artefakte, monumentale Grabformen sowie tief angelegte Gräber oder besonders grosse Grabgruben aufgrund des damit verbundenen Aufwands zu, obwohl dabei auch chronologische, klimatische und topografische Faktoren eine Rolle spielen können.
In unscheinbaren, beigabenlosen Gräbern müssen jedoch nicht zwingend ärmere Personen bestattet worden sein. Gebete und Messopfer am Grab, wie sie beispielsweise im Christentum üblich sind, hinterlassen keine materiellen, sprich archäologisch fassbaren Spuren. Gleichzeitig dürfen beigabenlose oder beigabenarme Gräber nicht per se als Indiz für christlichen Glauben interpretiert werden, genauso wie reich ausgestattete Gräber nicht zwingend auf ein heidnisches Glaubensbekenntnis hinweisen. Zudem hat sich das Christentum in der Region erst relativ spät als Hauptreligion durchgesetzt. Zunächst wurden sogar christliche und heidnische Praktiken teilweise gleichzeitig ausgeübt. Dies bezeugt beispielsweise die Grabinschrift des Baudoaldus, der wohl im 6. Jahrhundert n. Chr. im Alter von 55 Jahren verstorben war. Die in eine Sandsteinplatte eingravierte Grabinschrift beginnt zwar mit der heidnischen Formel D(is) M(anibus), enthält aber in Form eines nachgesetzten Kreuzzeichens auch ein Bekenntnis zum Christentum. Die Grabplatte wurde in Kaiseraugst gefunden, wo sie sekundär als Einfassung eines Frauengrabs aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. verbaut worden war. In Basel-Aeschenvorstadt deuten nur wenige Objekte wie eine mögliche Reliquiar-Gürtelschnalle auf eine christliche Gemeinschaft hin.
Da die Toten von einer Gemeinschaft bestattet wurden, geht man überdies davon aus, dass eine aufwendige Beerdigung in Krisenzeiten beispielsweise zur Legitimation des sozio-politischen Status einer Familie gedient habe.102 Es wurde auch vermutet, dass Statusmerkmale am Grab auf Landbesitz hindeuten könnten.103 Eine wichtige Rolle im Leben und somit für die Grabinszenierung spielten sicher auch Alter und Geschlecht. Die Interpretation der Bestattungen und Gräberfelder bleibt für die Frühmittelalterarchäologie daher eine grosse, jedoch spannende Herausforderung. Die soziale Identität, ethnische Zugehörigkeit und religiöse Überzeugungen der Verstorbenen können zwar nicht aus dem Grab und der Organisation des Bestattungsplatzes bestimmt werden. Dennoch erlaubt die interdisziplinäre Forschung einen Einblick in Gesellschaftsstrukturen, Modeerscheinungen, Entwicklungen von Praktiken und Traditionen sowie in soziale und wirtschaftliche Netzwerke.104