Namensgebend für die Eisenzeit ist die breite Verwendung von Eisen. In ihrem frühen Abschnitt entwickelten sich am Oberrhein erste proto-urbane Gesellschaften. Am Beginn einer Krise, die bis ins 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. andauern sollte, wurden die sogenannten Fürstensitze aufgegeben. Doch auf diesen Einschnitt folgte umgehend ein Jahrhundert der Prosperität: In wenigen Jahrzehnten entstanden unbefestigte Grosssiedlungen. Mit der Fundstelle Basel-Gasfabrik gab es erstmals auch am Rheinknie ein solches Zentrum. Intensive Handelskontakte brachten mediterranen Luxus. Das Handwerk blühte. Zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. erschütterten jedoch tiefgreifende Veränderungen die Region. Sukzessive wurden Zentralorte aufgegeben. Stattdessen suchte man geschützte Standorte auf und befestigte sie. Damit waren die oppida entstanden, zu denen auch die Siedlung auf dem Basler Münsterhügel zählte. Sie legte den Grundstein für die späteren Entwicklungen im Kern der Basler Altstadt.
Aus dem Dunkel der Vorgeschichte: Zentralsiedlungen und Schriftquellen
Kelten – so attraktiv und mystisch dieser Name klingt, so sehr verschleiert er die epochalen Veränderungen, die sich in den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt ereigneten: Landwirtschaftliche und handwerkliche Innovationen setzten sich durch; es entstanden arbeitsteilige, stratifizierte Gesellschaften; stadtähnliche Grosssiedlungen blühten auf. Ebenso fassen wir in den Texten griechischer und römischer Autoren zum ersten Mal einzelne Namen von Akteuren. Allerdings bergen solche Fremddarstellungen die Gefahr, dass unser Bild durch diese mediterrane Aussenwahrnehmung stark verzerrt wird. Archäologie und Alte Geschichte arbeiten deshalb Hand in Hand. Dank dieser gemeinsamen Forschungen treten ‹Kelten›, die auch am Oberrhein lebten, aus dem Dunkel der Vorgeschichte.
In der Archäologie wird die Eisenzeit in einen älteren Abschnitt, die Hallstattzeit (8.–5. Jahrhundert v. Chr.), und einen jüngeren, die Latènezeit (5.–1. Jahrhundert v. Chr.), unterteilt. Beide Epochen sind nach Fundstellen benannt, die im 19. Jahrhundert entdeckt wurden; Letztere nach ‹La Tène› am Neuenburgersee. Zwei der wichtigsten Fundorte am Rheinknie, Basel-Gasfabrik und das oppidum auf dem heutigen Münsterhügel, datieren in diesen jüngeren Abschnitt. Die über hundertjährige Erforschung der Fundstellen füllt Archive und Bibliotheken. Aber nicht nur ihre forschungsgeschichtliche Bedeutung strahlt weit über die Region hinaus.
Die Latènezeit beginnt um 450 v. Chr. und reicht bis zur römischen Okkupation, die ab etwa 30 v. Chr. im Alltag fassbar wurde. Bereits rund ein Vierteljahrhundert früher wurden weite Teile Galliens wie auch das Gebiet am Oberrhein während des Gallischen Kriegs durch Julius Caesar erobert. Die Hallstatt- und Latènezeit gelten gemeinhin als die ‹Epoche der Kelten›, auch wenn deren Sprache und kulturelle Traditionen vermutlich sogar bis in die Bronzezeit zurückreichen.1 Da Schriftquellen fehlen, lässt sich die Herkunft des Begriffs ‹Kelten› nicht gesichert feststellen. Eindrücklich ist aber, dass sich an der materiellen Kultur weitreichende Beziehungen abzeichnen, die sich schliesslich von der iberischen Halbinsel bis ans Schwarze Meer, von Norditalien bis nach Südengland ausdehnten. Als Kerngebiet wird oft die Verbreitung der spätlatènezeitlichen oppida, der ‹keltischen Städte›, angesehen (vgl. ‹Oppidum›, S. 93). Gleichzeitig führten die Vielfalt an Importen und ein wiederkehrender Austausch mit benachbarten Regionen zur Aufnahme von Impulsen von aussen, insbesondere aus dem mediterranen Raum (vgl. ‹Kulturwandel in der Eisenzeit›, S. 84). In festlandkeltischen Sprachen sind nur sehr wenige, meist kurze schriftliche Zeugnisse erhalten, etwa in Form von Inschriften in griechischer, lateinischer, iberischer und pseudo-etruskischer Schrift (‹Lugano-Alphabet›), sowie einige Graffiti. In grösserer Anzahl sind hingegen Personen-, Orts- und Gewässernamen tradiert. Wenn wir Caesars Ausführungen glauben, lehnten die Druiden, die für die Tradierung des Wissens verantwortlich waren, die Schrift aus ideologischen Gründen ab.2 Für alltägliche Angelegenheiten sei hingegen das griechische Alphabet verwendet worden. Die historischen Überlieferungen zur Latènezeit geben somit ausschliesslich die Perspektive der Griechen und Römer wieder. Sowohl historische als auch sprachgeschichtliche Quellen zu dieser Epoche sind insgesamt knapp. Demgegenüber werden durch Ausgrabungen laufend neue Entdeckungen gemacht. Auch wenn archäologische Daten primär Aussagen zum alltäglichen Leben und weniger zur Ereignisgeschichte ermöglichen, hat ihre Bedeutung im Verlauf des 20. Jahrhunderts stark zugenommen. Trotz langjähriger Forschung bestehen nach wie vor Lücken, da sich manche kulturellen Praktiken im archäologischen Befund kaum überliefern. So sind aus der Späthallstatt- und Frühlatènezeit vor allem erste proto-urbane Zentren, die ‹Fürstensitze›, sowie reich ausgestattete Hügelgräber bekannt. Am Ende dieser Epoche werden die Zentren verlassen; Siedlungen sind in der entwickelten Früh- und Mittellatènezeit (4.–3. Jahrhundert v. Chr.) allgemein sehr schwierig zu fassen. Dem stehen zahlreiche Flachgräber aus dieser Zeit gegenüber, die teilweise zu grösseren Bestattungsplätzen gehörten. In der jüngeren Latènezeit entstehen erneut Zentralorte, und in manchen Regionen sind auch ländliche Siedlungen gut dokumentiert; gleichzeitig werden Bestattungsweisen häufiger, die sich nicht – oder nur bedingt – erhalten haben und kaum nachweisbar sind. Damit wandeln sich die Datengrundlagen und die Aussagemöglichkeiten der Archäologie im Verlauf der Eisenzeit stark. Aus der Hallstattzeit gibt es aus der Region Basel nur wenige Funde. Für die ältere Latènezeit lässt sich anhand einzelner Gräber eine Besiedlung am Rheinknie erahnen, allerdings sind die Standorte und das Aussehen der zugehörigen Siedlungen nicht bekannt. Dies ändert sich zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr.: Mit der grossen Siedlung Basel-Gasfabrik und dem späteren oppidum Basel-Münsterhügel entstehen hier erstmals Zentralorte, die für die gesamte Region von Bedeutung sind.3 Dennoch sind die antiken Namen beider Siedlungen in Vergessenheit geraten. Behelfsweise werden heute moderne Bezeichnungen verwendet. Basel-Gasfabrik ist die ältere der beiden Fundstellen und befindet sich am linken Rheinufer direkt unterhalb der Dreirosenbrücke im Bereich des heutigen Novartis Campus. Sie erstreckt sich auf einer Fläche von rund 17 Hektar und weist im Norden zwei zugehörige Gräberfelder auf. Zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. wird diese unbefestigte Siedlung aufgegeben und mit dem Münsterhügel ein neuer Standort aufgesucht. Dieser umfasst zwar nur noch gut ein Drittel der früheren Siedlungsfläche, wird dafür aber Richtung Südosten durch eine monumentale Befestigungsanlage geschützt. Damit unterscheidet sich die Struktur der beiden Orte merklich, ihre zentralörtliche Funktion bleibt aber bestehen. Nach der römischen Eroberung ändert sich auf dem befestigten Münsterhügel vorerst wenig. Von der inschriftlich überlieferten Koloniegründung, die hier vermutet wird, fehlen (bisher) gesicherte archäologische Nachweise (vgl. ‹Colonia Raurica›, S. 140–141). Ein grundlegender Wandel setzt erst ein, als sich die römische Verwaltung ab augusteischer Zeit etabliert (vgl. ‹Das Imperium Romanum expandiert›, S. 161–172).
Die Erforschung dieser Zentralsiedlungen begann mit der Entdeckung von Basel-Gasfabrik im Jahr 1911.7 Die regen Bautätigkeiten bedingten in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Ausgrabungen, die viele Funde zutage förderten und den Ort international bekannt machten. Nachdem Mitte des letzten Jahrhunderts das Interesse etwas zurückgegangen war, gelang 1971 mit der Entdeckung der Befestigungsanlage der Nachweis des vorrömischen oppidum auf dem Münsterhügel. Dies verhalf Basel in Fachkreisen erneut zu grosser Bekanntheit, da die oben beschriebene Siedlungsverlagerung einen wichtigen Anhaltspunkt für die Gliederung der archäologischen Funde in einen älteren (LT D1, 150–80 v. Chr.) und einen jüngeren (LT D2, 80−30 v. Chr.) Abschnitt der Spätlatènezeit lieferte. Beide Basler Fundstellen – obwohl sie für die ausgehende Eisenzeit von eher bescheidener Grösse sind – geniessen daher in der Forschung ein beachtliches internationales Renommee. Die historischen Überlieferungen zur Latènezeit, die im Wesentlichen Fremdwahrnehmungen der Griechen und Römer wiedergeben, sind für den Raum nördlich der Alpen bescheiden.11 Liegen dennoch Schriftquellen vor, schildern sie primär (kriegerische) Ereignisse, schweigen aber weitgehend zu alltäglichen Aspekten. Nur die wenigsten Autoren hatten die Gegend selbst bereist oder waren gar Zeugen der Begebenheiten. Gleichzeitig besassen sie ihre eigenen Interessen, literarischen Stile und politischen Ansichten, was zu Auslassungen, Ausschmückungen und Übertreibungen führen konnte.
Ein schönes Beispiel hierfür ist von Plinius dem Älteren (23/24–79 n. Chr.) überliefert, wonach ein helvetischer Handwerker namens Helico getrocknete Feigen, Trauben, Öl und Wein aus Rom nach Hause mitgebracht habe.12 Diese Delikatessen sollen Kelten dazu veranlasst haben, auf der italischen Halbinsel einzufallen. Tatsächlich ist in Norditalien eine keltische Bevölkerung nachgewiesen. Da sich diese aber rund fünf Jahrhunderte vor der Niederschrift Plinius’ dort ausgebreitet hatte, muss seine Schilderung als legendenhaft gelten.13 Der keltische Vorstoss gipfelte 387/86 v. Chr. in der Plünderung Roms, die noch lange in traumatischer Erinnerung bleiben sollte.
Ebenfalls überliefert ist eine keltische Expansion im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. entlang der Donau und auf dem Balkan. Nach dem Tod Alexanders des Grossen stiessen diese Kelten weiter Richtung Griechenland vor und bedrohten 281/80 v. Chr. das Heiligtum von Delphi, wo sie allerdings zurückgeschlagen wurden. Damit war der Höhepunkt der militärischen Expansion erreicht; als Söldner tauchten Kelten aber noch bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. im hellenistischen Raum auf.14 Im Westen hatte Rom zunehmend die Oberhand gewonnen und unterwarf 225 v. Chr. mit dem Sieg bei Telamon (Etrurien) die norditalischen Kelten. 125 v. Chr. wurde das heutige Südfrankreich erobert und die Provinz Gallia Transalpina eingerichtet, welche das gesamte Rhonetal bis und mit Genava (Genf) einschloss. Ohne Zweifel muss man die antiken Quellen vorsichtig interpretieren. Doch ab dem Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. berichten sie mehrfach von neuen Gegnern: aus Nordosten vorstossende, als Germanen bezeichnete Gruppen. Während es immer wieder gegenseitige Überfälle im kleineren Rahmen gegeben zu haben scheint, nahm der Zug der Kimbern und Teutonen (113–101 v. Chr.) beachtliche Ausmasse an.15 Auf dem Weg nach Süden besiegten sie im Ostalpenraum zum ersten Mal ein römisches Heer. Später schlugen sie im heutigen Südfrankreich wiederholt römische Truppen. Nach weiteren Schlachten in Spanien und Gallien richtete sich der Zug nach Norditalien. Dort erlitten sie nach einer abgelehnten Bitte um Siedlungsland eine vernichtende Niederlage.
Kurze Zeit später sollen Ptolemaios (ca. 100–170 n. Chr.) zufolge die Helvetier das heutige Südwestdeutschland verlassen und sich ins heutige Schweizer Mittelland zurückgezogen haben: Sie hinterliessen die sogenannte Helvetiereinöde.16 Möglicherweise stand der Rückzug keltischer Gesellschaften mit dem Vordringen germanischer Bevölkerungsgruppen in Zusammenhang. Tatsächlich fehlen in diesem Gebiet mediterrane Importe, Metallfunde und Münzen weitgehend. Ob Südwestdeutschland vollständig entvölkert war, Germanen eingewandert waren oder eine auf Selbstversorgung reduzierte Bevölkerung zurückgeblieben war, lässt sich zurzeit kaum entscheiden.17
Kriegerische Auseinandersetzungen mit den Germanen könnten mit ein Auslöser für das Vorhaben der Helvetier gewesen sein, 58 v. Chr. ins Gebiet nördlich des heutigen Bordeaux auszuwandern.18 Ihnen schlossen sich neben anderen die am südlichen Oberrhein ansässigen Rauriker an. Da ihnen Julius Caesar den Durchmarsch durch die römische Provinz verweigerte, wichen sie auf die Juraübergänge aus und zogen durch die Gebiete der Sequaner und Häduer. Auf Bitte der Letzteren, die über Verwüstung klagten, setzte Caesar den eindringenden Gruppen nach. Nach kleineren Gefechten unterlagen die Helvetier und ihre Verbündeten schliesslich in der Schlacht bei Bibracte (F) und wurden in ihr bisheriges Siedlungsgebiet zurückgeschickt. Diese Ereignisse nahm Caesar als Legitimation, den ‹Gallischen Krieg› zu beginnen.
Noch im selben Jahr zog er an den südlichen Oberrhein, den Germanen unter der Führung Ariovists entgegen. Diese waren ein gutes Jahrzehnt zuvor während innergallischer Auseinandersetzungen als Söldner angeworben worden und hatten sich dort niedergelassen. Nachfolgend überquerten weitere Germanen den Rhein, was zum Konflikt mit einer gallischen Allianz führte. Obwohl Ariovist ein Jahr zuvor der Titel ‹Freund des römischen Volkes› verliehen worden war, stellte sich Caesar auf die Seite der gallischen Häduer, den ‹Brüdern und Verbündeten Roms›. Nach gescheiterten Verhandlungen und mehrtägigen Scharmützeln kam es an einem nicht genauer lokalisierbaren Ort im südlichen Elsass zur Entscheidungsschlacht.19 Die Truppen Ariovists unterlagen und flohen über den Rhein.
Nach acht Jahren mit zahlreichen weiteren Auseinandersetzungen endete der Gallische Krieg durch die Kapitulation des Vercingetorix in Alesia, sodass nun ganz Gallien unter der Kontrolle des römischen Militärs stand. Auch wenn Caesars Kriegsbericht tendenziös ist, weil er damit eigene politische Ambitionen verfolgte, vermittelt er wortgewandt wertvolle Einblicke in die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse in Gallien während des 1. Jahrhunderts v. Chr.
In dieser Zeit wurden die geopolitischen Verhältnisse am Oberrhein durch die ‹Helvetiereinöde› geprägt. In der Folge markierten die oppida von Breisach-Münsterberg, Basel-Münsterhügel, Altenburg/Rheinau und Konstanz-Brückengasse den östlichen Abschluss des gallischen Raums. Die germanischen civitates archäologisch zu identifizieren, gestaltet sich hingegen schwierig: Über kaiserzeitliche Inschriften sind die Triboker, Nemeter und Vangionen entlang des linken Ufers des nördlichen Oberrheins nachgewiesen, obwohl sie zusammen mit Ariovist unterlegen waren; die Sueben auf der rechten Rheinseite.20 Einige dieser Ansiedlungen dürften erst in augusteischer Zeit erfolgt sein. Ähnlich schwierig ist es, die Herkunft der Rauriker, später Rauraker genannt, festzumachen, die im Raum Basel lebten. Im Gegensatz zu den Helvetiern, die im heutigen Schweizer Mittelland ansässig waren, werden die Rauriker nur selten in den Schriftquellen erwähnt. So zählt sie Caesar etwa bei den am Rhein wohnenden civitates nicht auf, sondern nennt an ihrer Stelle die Sequaner, die im heutigen Burgund lebten.21 Denkbar ist, dass die Rauriker ursprünglich einen pagus (Gau, Bezirk) der letztgenannten civitas bildeten.22 Dass sie sich dem Auszug der Helvetier angeschlossen hatten, könnte im vorangehenden Konflikt mit Ariovist begründet sein. Entsprechend erhielten sie möglicherweise erst nach dessen Niederlage ihre ‹Unabhängigkeit›, wenn auch unter Kontrolle des römischen Militärs. Diese Beispiele zeigen, wie rasch sich die machtpolitischen Verhältnisse damals verändern konnten.
Kelten am südlichen Oberrhein: Ein chronologischer Abriss
Vereinzelte Gräber und wenige Einzelfunde sind die spärlichen Zeugnisse einer früheisenzeitlichen Besiedlung auf dem Gebiet des heutigen Basel. Bei Letzteren handelt es sich um drei hallstattzeitliche Fibeln,23 eine aus der Fundstelle Basel-Gasfabrik, eine aus der Aeschenvorstadt und eine von der Spiegelgasse, sowie ein frühlatènezeitliches Exemplar vom Münsterhügel. Im unmittelbaren Umland Basels sind früheisenzeitliche Spuren etwas häufiger: Beispiele sind die Siedlung von Allschwil-Vogelgärten und der ‹Scherbenteppich› von Reinach-Mausacker.24 Zudem sind mehrere Grabhügel(-gruppen) und Flachgräber bekannt, so etwa von Muttenz-Hardhäuslischlag, Grenzach-Oberberg sowie vom ehemaligen Lisbühl im Areal des heutigen Flughafens.25 Während das Rheinknie in diesem Zeitraum eher dünn besiedelt gewesen zu sein scheint, befanden sich die grossen Zentralorte auf dem Breisacher Münsterberg und dem Illfurther Britzgyberg. Bei den Zentralsiedlungen von Breisach und dem Britzgyberg handelt es sich um zwei der ältesten stadtähnlichen Anlagen nördlich der Alpen. Aus forschungsgeschichtlichen Gründen werden sie oft ‹Fürstensitze› genannt. Die rund 10 Hektar grosse Siedlung vom Breisacher Münsterberg befindet sich in erhöhter Lage direkt am Rhein und war ab dem späten 7. Jahrhundert v. Chr. belegt.26 Neben Gruben und Gräben sind auch Pfosten- und Schwellbalkenbauten sowie Grubenhäuser nachgewiesen. Ferner wurde hier im grossen Stil Gefässkeramik auf der Drehscheibe hergestellt, eine Technik, die zu dieser Zeit nördlich der Alpen neu aufkam.27 Die verkehrstechnisch vorteilhafte Lage begünstigte die Einbindung ins überregionale Handelsnetz. So gelangten Amphoren aus der griechischen Kolonie von Marseille und attische Feinkeramik in die Siedlung am Kaiserstuhl. Indirekt belegen diese wertvollen Importgüter die Anwesenheit einer Oberschicht, was die politische Bedeutung des Ortes unterstreicht. Die zeitgleiche Zentralsiedlung auf dem Illfurther Britzgyberg befand sich am Eingang zur Burgundischen Pforte ebenfalls in verkehrstechnisch günstiger Lage.31 Sie lag erhöht und war durch eine mehrphasige, palisadenartige Anlage mit vorgelagerten Gräben befestigt.32 Auch hier sind mediterrane Importe und die Herstellung von Drehscheibenkeramik nachgewiesen. Gebäudestrukturen sind nicht nur von der gut fünf Hektar grossen Innenfläche, sondern auch von einer vorgelagerten, tiefer liegenden Terrasse bekannt.33
Diese beiden ‹frühen Städte› wurden nacheinander am Übergang vom 5. zum 4. Jahrhundert v. Chr. aufgegeben. Zu den jüngerlatènezeitlichen Zentralsiedlungen bestand also eine zeitliche Lücke von fast zwei Jahrhunderten, während derer sich die Bevölkerung in ländliche Siedlungen zurückgezogen hatte. Eine Ursache hierfür dürfte eine Klimaverschlechterung im 4. Jahrhundert v. Chr. gewesen sein.34 Insbesondere dank grossflächiger Grabungen im Elsass konnten in den letzten Jahrzehnten zahlreiche kleinere ländliche Siedlungen untersucht werden. Prominentes Beispiel ist die Fundstelle Entzheim-Geispolsheim im Süden von Strassburg, wo sich zwischen Späthallstatt- und Frühlatènezeit mehrere solcher Siedlungen ablösten.35 In der Region datiert die grosse Mehrzahl von ihnen in die Blütezeit der Zentralsiedlungen (ca. 500–380 v. Chr.); danach werden sie sehr viel seltener.36 Sie bestanden aus Häusern und Speichern in Pfostenbauweise sowie charakteristischen Silogruben. Handwerk wie die Verarbeitung von Eisen war wenig zentralisiert und konnte in zahlreichen Landsiedlungen nachgewiesen werden.37 In der Region wurde zudem Eisenerz verhüttet und Flussgold gewaschen.38 Aus der Hallstattzeit sind zahlreiche Grabhügel bekannt, die sich oft in Sichtdistanz zu Siedlungen befanden; so gibt es im Umfeld der Zentralsiedlungen mehrere solcher Bestattungsplätze.39 Diese Monumente konnten beachtliche Dimensionen erreichen und waren oft von Kreisgräben, Palisaden oder Trockenmauern umgeben. Die Bestattungsart geht auf spätbronzezeitliche Traditionen zurück, was sich unter anderem in der Wiederverwendung von Grabhügeln aus dieser Epoche zeigt. Im Verlauf der Hallstattzeit fand ein Übergang von Brand- zu Körperbestattungen statt. Auch Nachbestattungen wurden häufiger, die man in bereits bestehende Hügel eintiefte. Zur Ausstattung reicher Gräber gehörten häufig bemalte und grafitierte Grabkeramik, Schmuckobjekte wie Fibeln, Armringe, Perlenketten und Gürtelhaken, aber auch Rasiermesser und Toilettebesteck. Schwerter, die sich meist in Männergräbern fanden, dürften in diesem Kontext wohl am ehesten als Statusobjekte zu verstehen sein. Später wurden sie durch Dolche ersetzt, die aufwendig aus zahlreichen Einzelteilen angefertigt worden waren. Mit der Zeit wurden einzelne Ausstattungen immer pompöser und zeichneten sich durch mediterranes Buntmetallgeschirr, Goldschmuck und vierrädrige Wagen aus.
In der frühen und mittleren Latènezeit zeigt sich das Oberrhein- und westliche Hochrheingebiet in Bezug auf die Bestattungssitten als relativ einheitlicher Raum. Im linksrheinischen Bereich sind Gräber vornehmlich in den Tälern von Birs und Ergolz sowie entlang des Rheins bekannt.40 Am Oberrhein erscheinen Grabfunde etwas häufiger in den Gegenden um die heutigen Städte Colmar, Strassburg und Freiburg im Breisgau, was aber an der intensiveren Forschungs- und Bautätigkeit in der Nähe dieser Agglomerationen liegen könnte.41 Für die Frühlatènezeit sind kleinere Gräberfelder sowie Einzelgräber charakteristisch. Vorherrschend sind Körperbestattungen in Flachgräbern. Dabei wurden die Verstorbenen meist in gestreckter Rückenlage mit dem Kopf im Süden beigesetzt.42 Selten können hölzerne Einbauten oder gar Baumsärge nachgewiesen werden. Zu Beginn der Frühlatènezeit wurden Tote weiterhin auch in bereits bestehende Grabhügel gebettet, in den meisten Fällen legte man jedoch neue Bestattungsplätze an.43 Möglicherweise wurden einzelne Hügel sogar neu errichtet. Ferner beerdigte man Tote – wie in der gesamten Eisenzeit – auch innerhalb von Siedlungen in Silogruben.44
Die Toten wurden vornehmlich mit Arm-, Hals- und Fussringen, manchmal auch mit Fibeln, Gürtelhaken, Fingerringen oder Anhängern bestattet. Prachtvolle Scheibenhalsringe, die mit roten Glaseinlagen und exotischer Koralle verziert waren, wurden nur Frauen mitgegeben. Der exquisite Schmuck lässt einen besonderen Status seiner Trägerinnen vermuten. Starke Abnutzungsspuren deuten auf eine (lebens-)lange Tragezeit hin.45 Männer, die mit Waffen – meist mit Schwert, manchmal in Kombination mit Lanzen – bestattet wurden, dürften ebenfalls einen gehobenen sozialen Status innegehabt haben. Darauf weist nicht nur die geringe Zahl solcher Bestattungen hin, sondern auch die Qualität der Beigaben, die Lage und der Bau der Gräber sowie der Gesundheitszustand der verstorbenen Personen.46
Eine solche Bestattung kam im Bereich des rückgebauten Rheinhafens Basel-St. Johann zutage: Bei der Erweiterung des Novartis Campus fand sich 2010 nahe der steilen Uferböschung eine Körperbestattung, die am Rand durch moderne Eingriffe gestört worden war. Ein etwa 1,65 Meter grosser erwachsener Mann wurde in Rückenlage mit dem Kopf im Süden in einer Grabgrube beigesetzt. Am linken Unterarm trug er einen eisernen Armring. Auf der rechten Brust lag eine Frühlatène-Fibel mit geöffneter Nadel. Ausserdem wurden ihm auf die rechte Körperseite ein Schwert mit einem wohl ledernen Schwertgurt, der um die Scheide gewickelt war, und eine eiserne Lanzenspitze gelegt. An den Metallfunden haben sich geringe Reste von zwei unterschiedlichen Textilien erhalten, die von der Kleidung oder Umhüllung des Toten stammen dürften. Im Jahr 1900 hatte Karl Stehlin nur 20 Meter entfernt davon ein weiteres Grab entdeckt, zu dem aber ausführlichere Angaben und die Datierung fehlen. Möglicherweise gehörten diese Bestattungen zu einer kleinen Grabgruppe. Ähnlich wie bei den Siedlungen nimmt im 3. Jahrhundert v. Chr. die Zahl der Gräber ab. So liegen aus dieser Zeit im Elsass lediglich einzelne Brandbestattungen vor. Bei Ausgrabungen etwa in Sierentz fanden sich neben dem Leichenbrand, der in einer Erdvertiefung oder Urne beigesetzt worden war, einige Schmuckobjekte.47 Die Seltenheit solcher Bestattungen scheint mit ihrer schlechten Erkennbarkeit und den wenigen Beigaben erklärbar zu sein.48 Ab der ausgehenden Mittellatènezeit (Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr.) entwickelte sich am südlichen Oberrhein eine dichte und komplex strukturierte Siedlungslandschaft.49 Diese naturräumlich vielseitige Region, eingebettet zwischen Vogesen, Jura und Schwarzwald, wies bis ungefähr zum heutigen Offenburg in der Spätlatènezeit starke (sach-)kulturelle Gemeinsamkeiten auf.
Durch die topografischen Verhältnisse wurden die wichtigsten Kommunikations- und Handelsachsen gewissermassen vorgegeben, die sich über mediterrane und regionale Handelsgüter sowie über den Münzumlauf rekonstruieren lassen. Eine zentrale Rolle dabei spielte die Nord-Süd-Achse über den Rhein. Von überregionaler Bedeutung war die Verbindung durch die Burgunderpforte via Saône, Doubs und Rhone ans Mittelmeer ebenso wie die Routen entlang des Hochrheins an den Bodensee sowie rheinabwärts nach Norden. Etwas weniger naheliegend ist die Verbindung durch das Zartener Becken über den Schwarzwald an den Oberlauf der Donau, die zumindest zeitweise bedeutend gewesen sein dürfte. Daneben existierten zahlreiche Überlandverbindungen, die sich aber nur in Ansätzen fassen lassen. Zu diesen gehörten Juraübergänge wie etwa der Obere Hauenstein ins Schweizer Mittelland oder das Laufental ins Delsberger Becken.
An den Knotenpunkten befanden sich wichtige sogenannte Zentralorte. Neben den beiden Basler Siedlungen zählten dazu auch die latènezeitlichen Fundorte von Breisach-Hochstetten, Breisach-Münsterberg, Sasbach-Limberg, Riegel-Ortsetter und Zarten-Rotacker. Sie waren Handelszentren von überregionaler Bedeutung, in denen sich zahlreiche Handwerker:innen angesiedelt hatten, die teilweise auch das Umland mit ihren Produkten versorgten. Mediterrane Importe lassen vermuten, dass hier eine Oberschicht lebte, was die politischen und religiösen Funktionen der Zentralorte unterstreicht. Daneben wurde weiterhin Landwirtschaft in gewissem Umfang betrieben. Manche Siedlungen besassen monumentale Befestigungen mit militärischer Bedeutung. Eine solche befestigte Anhöhe fand sich auf dem Kegelriss in der heutigen Gemeinde Ehrenkirchen auf einem Ausläufer des Schwarzwalds, wo man wohl den Abbau der anstehenden Silber- und Bleivorkommen kontrollierte. Daneben existierten aber auch zwei Befestigungsanlagen, die keinen nennenswerten Gebäudebestand umschlossen: Eindrücklich ist die 190 Hektar grosse Anlage von Tarodunum unmittelbar östlich von Zarten-Rotacker, die nicht restlos fertiggestellt und weitgehend unbewohnt blieb. Die neu ergrabene Befestigung von Neubois-Frankenbourg lag an einem Verkehrsweg durch die Vogesen.50 Sogenannte Mittlere Zentren wie die Siedlungen von Sierentz-Landstrasse und Reinach-Mausacker befanden sich an Überlandstrassen und gewährleisteten den Austausch zwischen den Zentralorten und dem Hinterland. Während die Landwirtschaft in diesen teils grossflächigen Siedlungen eine Hauptrolle spielte, beschränkt sich das archäologisch nachweisbare Handwerk auf Holz- und Eisenverarbeitung sowie Töpferei.
Daneben gab es kleinere ‹Gehöfte›, die teilweise von rechteckigen Grabenanlagen umfasst wurden. Sie waren weitgehend auf die landwirtschaftliche Produktion ausgerichtet. Fundstellen solcher Klein- und Kleinstsiedlungen sind stark untervertreten. Dennoch dürfte dort – wie unter anderem die Schilderungen Caesars nahelegen51 – der Grossteil der Bevölkerung gelebt haben.
Die Relationen zwischen diesen Siedlungen lassen sich archäologisch vor allem auf ökonomischer Ebene fassen; die Region kann als ‹Wirtschaftsraum› verstanden werden. Hiervon zeugt die Verteilung der Münztypen der verschiedenen Zentralorte, die rege Austauschbeziehungen aufzeigen. Ein weiteres Indiz sind Handdrehmühlen aus permischer Brekzie, einem Gestein, das einzig im Wiesental bei Schopfheim-Schweigmatt aufgeschlossen ist (vgl. ‹Geologie als Grundstein›, S. 22). Die dort abgebauten (Halb-)Fabrikate52 wurden auf dem Wasserweg nach Basel transportiert und anschliessend in die gesamte Region weiterverhandelt. Vermutlich wurden weitere Bodenschätze, insbesondere Erze aus den umliegenden Gebirgszügen, gefördert – archäologisch lässt sich dies bisher allerdings nicht nachweisen.
Von gemeinsamen Handwerkstraditionen zeugen die Glasschmuck-53 und Keramikherstellung.54 So weist die Region eine hohe Dichte an Brennöfen für Feinkeramik auf. Da diese Öfen auch in kleineren Siedlungen vorkommen, ist von einer dezentralisierten Produktion auszugehen, bei der vor Ort für den lokalen Bedarf Gefässe hergestellt wurden. Auch bei der Grobkeramik, die mehrheitlich im häuslichen Kontext produziert wurde, zeigen sich starke Gemeinsamkeiten, insbesondere bei der Verzierung. Dies könnte als Hinweis gewertet werden, dass während der gesamten jüngeren Latènezeit dieselbe Bevölkerung in der Region lebte. Obschon sich die keltische Siedlungslandschaft kontinuierlich wandelte, prägten tiefgreifende Veränderungen den Übergang vom 2. zum 1. Jahrhundert v. Chr.62 Dabei handelte es sich um eine Umbruchsphase, die nur wenige Jahrzehnte dauerte. Einschneidend war, dass alle Siedlungen rechts des Rheins sowie alle unbefestigten Zentralorte verlassen wurden. Die neu errichteten, befestigten oppida lagen in der Mehrzahl in strategisch günstiger Lage direkt am Rhein und besassen deutlich kleinere Innenflächen. Die Erbauer von Tarodunum scheinen von diesen Ereignissen so überrascht worden zu sein, dass sie ihr Vorhaben offenbar unvollendet abbrechen mussten. Links des Rheins blieben die Siedlungen hingegen meist kontinuierlich bewohnt, sodass dort – abgesehen von der Befestigung von Frankenbourg – nur geringfügige Veränderungen fassbar sind.63 Die Konsequenzen dieses Wandels dürften sich auch auf gesellschaftlich-ökonomischer Ebene ausgewirkt haben. So scheint etwa die Herstellung von Münzen stärker kontrolliert und zentralisiert worden zu sein. Insbesondere durch den Abbruch der rechtsrheinischen Siedlungen entfielen wichtige Knotenpunkte im überregionalen Handelsnetzwerk. So wurden die Achse über den Schwarzwald an die Donau64 und damit auch Transportwege – wie zum Beispiel für Wein in Amphoren – zum oppidum von Manching (D) aufgegeben. Gleichzeitig gewann der Hochrhein als Verbindung zum Doppeloppidum von Altenburg (D)−Rheinau/ZH an Bedeutung, eine Route, die im 2. Jahrhundert v. Chr. aufgrund (bis dato) fehlender Umladestationen am Untersee noch wenig genutzt worden zu sein scheint.65 Diese tiefgreifenden Veränderungen sollten auch unmittelbare Auswirkungen auf die Siedlung Basel-Gasfabrik haben. Seit ihrer Entdeckung im Jahr 1911 ist die Siedlung Basel-Gasfabrik kaum mehr aus der Forschung zur späten Eisenzeit wegzudenken. Die Bautätigkeiten während der fünfzig Jahre vor der Entdeckung sowie diejenigen, die seit 1911 ohne begleitende archäologische Untersuchungen durchgeführt wurden, haben Lücken in den archäologischen Quellen verursacht.66 In den ersten sechs Jahrzehnten fokussierten sich die Untersuchungen auf tief in den anstehenden Kies eingreifende Strukturen, vor allem auf Gruben. Diese und das Gräberfeld A wurden aus heutiger Perspektive mit einfachen Methoden ausgegraben und dokumentiert, zudem wurden die Funde nur selektiv geborgen und aufbewahrt. Zu guten Grundlagen führte die Änderung des Vorgehens in den 1970er-Jahren: Ab dann wurden kleine Eintiefungen wie Pfostengruben und Gräben und archäologische Horizonte feinstratigrafisch untersucht sowie die Funde ohne Selektion geborgen. Seither nehmen auch Spezialist:innen der Nachbarwissenschaften wie Geoarchäologie, Archäozoologie und -botanik bereits an der Feldarbeit teil, was zu breit abgestützten Erkenntnissen geführt hat.
Die Niederterrassenschotter des Rheins, auf denen sich die Fundstelle befindet, weisen ein schwach ausgeprägtes Relief aus Kiesrücken und Mulden mit Ablagerungen von Hochflutsanden auf, die im Laufe der Zeit durch Bodenbildungsprozesse verlehmten. Die Erhaltungsbedingungen für die archäologischen Hinterlassenschaften waren in den Mulden deutlich besser als auf den Kiesrücken, wo sie teilweise durch neuzeitliche landwirtschaftliche Tätigkeiten zerstört worden sind. Mit Ausnahme der Randzonen im Norden und im Südosten sowie unter dem Park der Voltamatte und wenigen, meist kleinen Flächen zwischen einzelnen Gebäuden sind heute alle Bereiche der Siedlung entweder archäologisch untersucht oder durch neuzeitliche bis moderne Eingriffe vernichtet worden.
Aus diesen Faktoren ergibt sich, dass nicht alle Bereiche der Fundstelle gleich gut dokumentiert sind und ein Gesamtbild nicht vollumfänglich rekonstruiert werden kann. Bedingt durch das grosse Volumen, aber auch durch die jahrzehntelange Fokussierung bei der Feldarbeit stammt der grösste Teil der Funde aus den Gruben und nur ein geringer Teil aus anderen Eintiefungen sowie aus archäologischen Horizonten. Anders als die Funde in den Gräbern und Gegenstände, die absichtlich an einem spezifischen Ort deponiert wurden, waren die wenigsten Funde direkt dort im Gebrauch, wo sie gefunden wurden. Vielmehr handelt es sich zumeist um Abfall, der über verschiedene Prozesse in den Boden gelangt war. Die Siedlung Basel-Gasfabrik wurde am linken Ufer des Rheinknies in hochwassersicherer Lage angelegt. Sie datiert ebenso wie die zwei direkt nördlich gelegenen Gräberfelder ins 2. Jahrhundert v. Chr., die aber schon etwas davor belegt wurden. Die genutzte Fläche befand sich zwischen dem Rhein und der heutigen Volta-, Elsässer- und Hüningerstrasse. Durch Abtragungen und spätere Aufplanierungen wurde das Gelände stark eingeebnet. Die direkte Anbindung an den zentralen Wasserweg des Rheins und an ein weitverzweigtes Strassennetz ermöglichte einen intensiven Austausch mit dem südlichen Oberrheingebiet, aber auch die Teilnahme am überregionalen Waren- und Ideenaustausch. Die Siedlung ‹Basel-Klybeck›, die gegenüber am Kleinbasler Ufer liegt, scheint auf einen Rheinübergang hinzuweisen. Wie dieser jedoch genau aussah, lässt sich kaum noch feststellen, da mehrere Meter mächtige moderne Auffüllungen die Fundstelle überdecken.
Auf dem Siedlungsgelände von Basel-Gasfabrik konnten natürlich anstehender Rheinkies, Gerölle und Sand, aber auch Lehm gewonnen werden. Diese Materialien wurden für vielfältige Anwendungen genutzt wie für Hauswände oder handwerkliche Installationen, um die Terrainoberfläche zu verfestigen oder trocken zu halten oder als Rohstoff für die Keramikherstellung. Der Rhein diente nicht nur als Transportweg, sondern auch als Wasserquelle und für den Fischfang. Andere Rohstoffe und Landwirtschaftsprodukte mussten aus dem nahen und weiteren Umfeld in die Siedlung gebracht werden. Auch wenn die Schotterterrassen in der Umgebung von Basel-Gasfabrik nicht die fruchtbarsten Böden darstellten, wie sie in den Lösszonen in einigen Kilometern Distanz vorliegen, so waren sie dennoch für Getreideanbau und Viehwirtschaft geeignet.
Die archäologischen Siedlungsbefunde erstrecken sich etwa halbkreisförmig entlang des steilen Rheinufers über eine Fläche von ungefähr 170 000 Quadratmetern. Während die Strukturen der frühen Siedlungsphasen nur schwer zu fassen sind, scheint sich zumindest später eine Gliederung in einzelne, unregelmässig geformte Areale abzuzeichnen, die teilweise durch Gräben voneinander abgetrennt und über Wege und Strassen erschlossen wurden. Innerhalb dieser abgegrenzten Bereiche standen in eher lockerer Anordnung meist relativ kleine Gebäude. Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich um Pfostenbauten mit unterschiedlichen Grundrissen; selten sind auch Schwellbalkenkonstruktionen zu erkennen. Die Wände wurden mit Flechtwerk und Lehm ausgefacht, auf dem wohl auch als Witterungsschutz eine Kalktünchung aufgebracht wurde. Eine Bemalung und Verzierung der Häuser ist denkbar, aber bisher nicht nachgewiesen. Als Bedachung könnten Holzschindeln oder Stroh, jedenfalls ein nicht erhaltenes organisches Material, verwendet worden sein. Auf einem allmählich verziegelten Lehmestrich, der über einem Geröllbett aufgebracht worden war, wurde das Feuer zum Heizen und Kochen im Innern der Häuser entfacht. Öffentliche Gebäude oder Heiligtümer können bisher nicht identifiziert werden. Auch sonst zeichnen sich keine spezifisch genutzten Areale ab. Vielmehr dürften diese Zonen als gemischte Wohn- und Wirtschaftseinheiten konzipiert worden sein, in denen gesiedelt, Gärten bepflanzt, Kleinvieh gehalten sowie verschiedenes Haus- und Handwerk betrieben wurde. Nachweise von häuslichen Tätigkeiten wie Essenszubereitung und Vorratshaltung, aber auch der zeitaufwendigen Textilherstellung sind beinahe allgegenwärtig. Installationen und Reste verschiedener handwerklicher Tätigkeiten finden sich verteilt in einem grossen Bereich der Siedlung.
In den jüngeren Besiedlungsphasen sind neben kleineren Gruben, die verschiedenen Zwecken dienten, zahlreiche grosse Gruben über weite Bereiche der Siedlung fassbar. Sie waren 2 bis 3 Meter in den Untergrund eingegraben und dürften je nach Ausgestaltung vornehmlich als Keller, das heisst als permanent zugängliche, unterirdische Räume zur Aufbewahrung vor allem verderblicher Waren oder aber zur Getreidespeicherung verwendet worden sein. Da solche Silos, die innen mit Lehm ausgekleidet waren, etliche Kubikmeter Getreide aufnehmen konnten, hatten offenbar bestimmte Personen Zugriff auf grosse Mengen an Landwirtschaftsgütern, die ausserhalb der Siedlung angebaut wurden. Zusammen mit weiteren Indizien wie ‹Prestigeobjekten› ist dies ein Hinweis, dass – neben ‹gewöhnlichen› Leuten – in den Arealen auch Bewohnerinnen und Bewohner von hoher sozialer Stellung lebten. Damit dürfen diese Siedlungsbereiche nicht nur als funktionale Wohn- und Wirtschaftseinheiten angesehen werden, sondern sie strukturierten auch die sozialen Gemeinschaften. Die Angaben zum Beginn und Ende sowie zur zeitlichen Entwicklung der Fundstelle stützen sich vor allem auf formale Veränderungen an Fibeln, Glasarmringen und -perlen sowie an Münzen und Weinamphoren. Dank der langjährigen Grabungen sind umfangreiche Fundbestände für die Datierung vorhanden. Anhand der Funde können zwar Areale mit früheren und späteren Datierungsschwerpunkten erkannt werden, eine Verschiebung oder Vergrösserung der Siedlung im Laufe der Zeit kann aber bislang nicht erfasst werden. Einzelne Funde aus dem späten 3. Jahrhundert v. Chr. stellen einen Hinweis auf ihren frühsten möglichen Beginn dar. Die ältesten archäologisch fassbaren Befunde – Horizonte und Gräben – sind aus der spätesten Mittellatènezeit bekannt. Die Siedlungstätigkeiten erreichten den Höhepunkt in der Spätlatènezeit; in dieser Zeit sind die meisten der grossen und tiefen Gruben entstanden. Somit datieren die Bauphasen, die über Befunde belegt werden können, in den Zeitraum zwischen 170 und 90 v. Chr., womit das Ende kurz nach 100 v. Chr. anzunehmen ist.67
Wenig nördlich der Siedlung befanden sich zwei Bestattungsplätze. Das erste Gräberfeld (A) wurde bereits 1915, das zweite Gräberfeld (B) erst 2005 entdeckt. Während es sich bei den 169 Gräbern im Gräberfeld A ausschliesslich um Körperbestattungen handelt, finden sich unter den insgesamt 25 Beisetzungen im Gräberfeld B auch eine Brandbestattung und ein birituelles Grab, in dem beide Bestattungsarten kombiniert waren. Teile der Gräberfelder sind durch moderne Bautätigkeiten zerstört, andere noch nicht ergraben, weshalb die Ausdehnungen und damit auch die ursprüngliche Anzahl der Gräber unbekannt sind. Die ältesten Bestattungen stammen aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. (LT C1), die jüngsten aus der Zeit um 100/80 v. Chr. (LT D1b). In den meisten Gräbern wurden keine datierbaren Objekte geborgen, weshalb eine genauere Zuordnung innerhalb des Zeitraumes nicht möglich ist. Zwischen der Intensität der Siedlungs- und Bestattungsphase scheint sich ein Unterschied abzuzeichnen. Die Mehrheit der datierbaren Gräber wurde in den Jahrzehnten um 170–150 v. Chr. (LT C2b) angelegt, für diese Zeit fehlen vorerst die Nachweise für eine intensive Besiedlung, während für den Höhepunkt der Siedlungstätigkeit zwischen 110 und 90 v. Chr. (LT D1b) nur wenige Gräber belegt sind.68
Weder für den Beginn noch für das Ende der Siedlung können wir die Gründe direkt aus den Funden und Befunden ablesen. Offenbar hatten die fundamentalen Veränderungen in Südwestdeutschland kurz nach 100 v. Chr. auch Auswirkungen auf den Zentralort am Rheinknie. Nachdem Basel-Gasfabrik aufgegeben worden war, entstand auf dem Sporn oberhalb des Zusammenflusses von Birsig und Rhein, auf dem heutigen Münsterhügel, eine neue Siedlung. Auch von ihr kennen wir den keltischen Namen nicht. Der 25 Meter hohe Geländesporn fällt in drei Richtungen steil ab. Ein ungehinderter Zugang ist nur von Südosten aus möglich. In der Spätlatènezeit verriegelte auf der Höhe der heutigen Rittergasse 4 eine monumentale Befestigungsanlage, ein sogenannter murus Gallicus, den Weg.69 Mit einer Fläche von rund 5,5 Hektar umfasste diese Siedlung ein bedeutend kleineres Areal als Basel-Gasfabrik, befand sich aber in einer strategisch geschützten Lage. Trotz der vergleichsweise geringen Grösse wird sie aufgrund der Befestigungsanlage zu den oppida gezählt.
Dank der Nähe zum Rhein blieben die Vorzüge eines verkehrstechnisch günstig gelegenen Standortes erhalten. Da der Münsterhügel durchgehend seit knapp 2100 Jahren – wenn auch in unterschiedlicher Intensität – besiedelt ist, wurden die Spuren der spätlatènezeitlichen Siedlung durch vielzählige jüngere Bodeneingriffe in Mitleidenschaft gezogen, sodass die Überreste oft nur ausschnitthaft erhalten sind. Wo jedoch intakte Siedlungsreste archäologisch untersucht werden konnten, lässt sich oft nicht nur die Spätlatènezeit, sondern auch der Übergang zur frührömischen Epoche fassen (vgl. ‹Das Imperium Romanum expandiert›, S. 153–172). Wichtige Zeugnisse der spätlatènezeitlichen Siedlung kamen an der Rittergasse 4 und unter dem Münster zum Vorschein.70 Weitere Bebauungsspuren sind rund um den Münsterplatz sowie von der Augustinergasse, der Martinsgasse und vom Rheinsprung bekannt.71 Zudem konnte in den 1970er-Jahren eine Vielzahl lokaler Schichtabfolgen untersucht werden, als Fernwärmeleitungen verlegt wurden.72
Unklar ist, ob die Verlagerung der Siedlung auf den Münsterhügel unmittelbar stattgefunden hat oder ob es zwischen den beiden Basler Orten eine kurze zeitliche Lücke gab.73 Wie in Basel wurden kurz danach auch in Breisach und Altenburg – ebenfalls in strategisch günstiger Lage direkt am Rhein – zwei befestigte oppida gegründet.74 Vermutlich führten geopolitische Verschiebungen in Südwestdeutschland zu einem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis und damit indirekt auch zur Siedlungsgründung auf dem Münsterhügel. Hierfür spricht, dass der murus Gallicus vermutlich unmittelbar nach der Gründung der Siedlung errichtet wurde.75 Hinweise auf militärische Auseinandersetzungen finden sich jedoch weder in den beiden Siedlungen noch am murus Gallicus. Da die Funde und Befunde im oppidum in derselben Tradition stehen wie diejenigen der Vorgängersiedlung, dürfte der Münsterhügel von derselben Bevölkerungsgruppe bewohnt gewesen sein. Anhand der Münz- und Fibelfunde zeichnet sich im oppidum eine allmähliche Verschiebung des Siedlungsschwerpunktes Richtung Südwesten ab.76 Spätestens um 30 v. Chr. scheint der murus Gallicus nicht mehr unterhalten worden zu sein.77
Überreste von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden konnten insbesondere bei Ausgrabungen in der Augustinergasse in grösserer Anzahl untersucht werden.78 Um den Siedlungsuntergrund vorzubereiten, wurden dort zunächst der anstehende Humus und ein Teil des verlehmten Oberbodens abgetragen. Über einem ersten Nutzungsniveau folgt neben der Strasse ein mehrphasiges, meist ca. 40 Zentimeter hohes Schichtpaket aus der Spätlatènezeit. In dieses sind diverse Balkengräbchen, Pfostenlöcher, Gruben und Mulden eingetieft. Zudem finden sich Lehmböden von Häusern und zugehörige Feuerstellen. Letztere bestehen aus hitzeüberprägten Lehmlagen, teilweise mit einer Unterlage aus Geröll und Kies.79 Eigentliche Hausgrundrisse lassen sich nicht rekonstruieren. Die vereinzelt nachgewiesenen Wandfluchten scheinen sich aber an der Strasse auszurichten und mit ihren Schmalseiten an diese anzuschliessen. Zwischen den Gebäuden finden sich immer wieder freie, unbebaute Flächen; möglicherweise besassen die Häuser westlich der Strasse Hinterhöfe.80 In den meisten Fällen handelte es sich um Pfostenbauten, wobei vereinzelt auch Ständerbauten mit Schwellbalken denkbar sind. Diese waren in Fachwerktechnik ausgeführt. Die Dächer bestanden wie in Basel-Gasfabrik aus organischen Materialien.
‹Hammerschlag› – kleine Partikel, die beim Schmieden abplatzen – und Schlackereste in einer Grube an der Augustinergasse sowie vor dem murus Gallicus lassen auf die nahen Standorte von Schmieden schliessen.81 Hinweise auf weitere handwerkliche Tätigkeiten finden sich in der ganzen Siedlung. Eine Lokalisierung von Wohngebäuden der Oberschicht ist nicht möglich. Lediglich an der Rittergasse 4 deutet eine Konzentration besonderer Metallobjekte, Speisereste und importierter Feinkeramik auf eine gehobene Gesellschaftsschicht hin.82
Ein öffentliches Gebäude, vermutlich ein kleiner Sakralbau, wurde unter dem Münster entdeckt.83 Die Strasse führte auf beiden Seiten um den Bau herum. Auch vor dem Museum der Kulturen wurden Gebäude in ungewöhnlich massiver Konstruktionsweise gefasst,84 die zu hallen- und hofartigen Repräsentationsbauten gehört haben könnten.85 Zwei Pferdedeponierungen unterstreichen eine rituelle Nutzung des Areals. Daneben könnte dieser Bereich weitere öffentliche Funktionen für Politik, Rechtsprechung und Märkte gehabt haben, sodass sich hier möglicherweise eine Art Siedlungszentrum befand.86 Im oppidum verlief entlang der heutigen Achse Rittergasse – Münsterplatz – Augustinergasse eine Strasse. Wie heute lag diese nicht mittig in der Siedlung, sondern Richtung Rheinufer hin versetzt. Sie dürfte rund 300 Meter lang gewesen sein. Diese Trasse ermöglichte einerseits die Zirkulation innerhalb der Siedlung, andererseits stellte sie – durch das Zangentor führend – den einzigen Zugang zum Umland dar.
Ihr Aufbau bestand aus einer unteren Lage Schotter und Geröllen, die mit einer Schicht aus Feinkies und gebranntem Kalk gefestigt und überdeckt worden war.90 Der Strassenkoffer wurde seitlich durch Holz- und Steinkonstruktionen stabilisiert. Stellenweise führten randparallele Gräbchen Oberflächenwasser ab. Die Bauweise der Strasse, die auf mediterrane Vorbilder zurückgeht, war bis dahin am Oberrhein unbekannt. Die spätlatènezeitliche Strasse zeigt damit eindrücklich, dass mediterranes Know-how bereits mehrere Jahrzehnte vor der römischen Eroberung bis an den Rhein gelangt war.
Bei der heutigen Liegenschaft am Münsterplatz 1 + 2 bestand die Strasse aus einer 14 Meter breiten Trasse. Diese gliederte sich in eine 6 bis 7 Meter breite Fahrbahn, die zu beiden Seiten von je einer Randzone flankiert wurde. Auf diesen Seitenstreifen standen leichte Bauten wie etwa Marktstände oder Tierpferche. Hier wurde Handel getrieben, Reittiere und Fuhrwerke abgestellt. Damit war die Strasse nicht nur Verkehrsweg, sondern auch eine wichtige soziale und ökonomische Kontaktzone. Ihr aufwendiger Aufbau und ihre grosszügigen Dimensionen unterstreichen den repräsentativen Charakter. Südlich davon, im Mittelschiff des heutigen Münsters, verlief sie streckenweise in zwei Bahnen geteilt.91 Dazwischen befand sich ein schmaler Platz aus lockerem Kies, auf dem der bereits erwähnte kleine Sakralbau stand.
Die Strasse wurde zwar früh, aber nicht unmittelbar zu Beginn der Siedlung angelegt. In den folgenden Jahrzehnten wurde sie mehrfach ausgebessert und einmal sogar grundlegend erneuert. Für diese Bau- und Instandhaltungsarbeiten mussten Arbeitskräfte koordiniert sowie eine grosse Menge an – im Falle des gebrannten Kalks spezifischen – Baumaterialien bereitgestellt werden. Der Verlauf der Strasse wurde in römischer Zeit übernommen und hat sich bis heute tradiert.
An zwei Stellen gibt es vage Hinweise, dass der gesamte Münsterhügel durch kleinere Erdwälle gesichert gewesen sein könnte;92 monumental ausgebaut war aber nur die rund 180 Meter lange Befestigung im Süden. Sie bestand aus einem Wall mit vorgelagertem Graben, der bis zu 30 Meter breit und 5 bis 8 Meter tief war.93 Dieses mächtige Annäherungshindernis ist noch heute als leichte Geländesenke erkennbar. Vor dem Wall wurde aus statischen Gründen ein bis zu 7 Meter breiter Streifen, eine sogenannte Berme, belassen.
Die Wallkonstruktion entspricht in den Grundzügen dem Schema eines murus Gallicus: Der Erdwall wurde von Holzbalkengittern zusammengehalten, die durch massive Eisennägel von 30 Zentimetern Länge fixiert waren.94 Davor wurde eine Trockenmauer vorgeblendet. Hierfür verwendete man mehrheitlich Tüllinger Süsswasserkalk, der am rechten Rheinufer unterhalb des Hörnli bei Grenzach abgebaut und mit Booten herangeschafft wurde (vgl. ‹Geotektonik›, S. 25).95 Diese plattigen Kalksteine wurden auf der Baustelle grob zugerichtet. Vermutlich integrierte man in regelmässigen Abständen horizontale Balken in die Steinlagen.96 Danach hinterfüllte man das Ganze mit Bruchsteinen und Rheinschotter. Ungewöhnlich ist, dass in diese Steinverblendung in regelmässigen Abständen von rund 2,7 Metern massive Pfosten eingelassen waren. Bei der Basler Befestigung handelt es sich somit um eine der seltenen Kombinationen aus murus Gallicus und ‹Pfostenschlitzmauer›. An der Basis beträgt ihre Breite 12 Meter, sodass aufgrund der rückseitigen Böschung eine Höhe von rund 5,5 Metern angenommen wird.97 Auf der Rekonstruktionszeichnung wurden in Analogie zu Vergleichsfunden die hölzerne Brustwehr sowie der turmartige Aufbau des Zangentors ergänzt.98 Der Tordurchgang dürfte rund 6 Meter breit gewesen sein.99 Davor überspannte eine hölzerne Brücke den Befestigungsgraben. Der Prestigecharakter dieses imposanten Bauwerks rechtfertigte einen hohen Planungs-, Arbeits- und Materialaufwand: Verbaut wurden etwa 400 Tonnen Eichenholz, 1200 Tonnen Mauersteine, 9900 Tonnen Erde und 900 Kilo Eisennägel;100 damit waren schätzungsweise fünfunddreissig erfahrene Handwerker ein ganzes Jahr beschäftigt. Dass die Befestigungsanlage nicht nur rein militärischen Zwecken diente, zeigt sich auch an der Nutzung der Berme für handwerkliche Tätigkeiten und Viehhaltung.101 Neuerdings konnten zudem auch vor dem Graben vereinzelte Siedlungsreste nachgewiesen werden.102
Zwar wurden verkohlte Teile der Holzkonstruktion dendrochronologisch untersucht, leider liess sich daraus aber keine jahrgenaue Datierung für den Bau ablesen: Das 1980 publizierte Dendrodatum von 36 v. Chr. hat sich als falsch erwiesen.103 Die Errichtung der Befestigung kann deshalb nur ungefähr auf 80 v. Chr. angesetzt werden. Trotz der kurzen Standzeit von rund einem halben Jahrhundert mussten mehrfach grössere Reparaturen vorgenommen werden, da das Holz ständig der Witterung ausgesetzt war und rasch vermoderte.
Latènezeitliche Lebenswelten
Dank der intensiven Forschung zu den beiden Basler Zentralsiedlungen besteht eine sehr breite Wissensbasis zum alltäglichen Leben in der jüngeren Latènezeit. Zur Deckung der Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Wärme, Kleidung und Unterkunft wie auch Körperpflege, Mobilität und Geselligkeit waren neben der Landwirtschaft verschiedene Handwerkszweige und entsprechende Rohstoffe notwendig. Während in traditionellen Gesellschaften die Produktion primär der Selbstversorgung diente, wurde in (proto-)urbanen Gesellschaften der Gütertausch zur Deckung der Grundbedürfnisse immer wichtiger. Im Verlauf der Eisenzeit hatten einige Gewerbe (zum Beispiel Gewinnung von Metallen, Herstellung von Mühlsteinen) an günstigen Standorten einen ‹proto-industriellen› Charakter entwickelt.104 Dabei war – gefördert durch technologische Fortschritte – eine Überproduktion entstanden, die über Handelsnetzwerke weiträumig abgesetzt wurde. Die Zentralorte spielten hierbei als Verteilstationen und Verarbeitungsplätze von eingehandelten Rohstoffen eine wichtige Rolle. Archäologisch sind handwerkliche Tätigkeiten oft nur schwierig zu lokalisieren, insbesondere wenn sie wenig Infrastruktur benötigen, vornehmlich organische Materialien verarbeiten und ohne Feuer auskommen. Hierzu zählt etwa die vielfältige Verwendung von Holz: als Baumaterial für Gebäude und deren Einrichtung, für Wagen und Boote sowie für Geräte und Gefässe aller Art. Hinzu kommt die Nutzung als Brennmaterial, teilweise als Holzkohle, für alle thermischen Arbeiten. Holz war daher ein begehrter Rohstoff. Da es sich im Boden nicht erhält, ist über Anzahl und Aussehen von Holzobjekten wenig bekannt. Ausnahmen sind zum Beispiel Holzkästchen mit Knochenscharnier oder Holzeimer mit Metallhenkeln.105 Gesichert ist die Verarbeitung von Holz mittels Tüllenbeilen, Lochäxten, Feilen, Sägen, Löffelbohrern und Stecheisen. Fixiert wurden die Einzelteile durch Verblatten, Verzapfen oder durch Klammern, Beschläge und Nägel.106
Gebrannter Lehm von Essen, Schlacken, Metallreste und vereinzelt Werkzeuge wie Feilen und Schleifsteine lassen auf die Verarbeitung von Metallen schliessen.107 Charakteristisch sind sogenannte Düsenziegel mit mittiger Durchlochung, durch welche die Luft in die Glut der Esse geblasen wurde.108 Oft wurden Gruben als Arbeitsplatz genutzt, worin die Schmied:in stand und Arbeitsgeräte wie Esse und Amboss entlang des Grubenrands arrangierte.
Eisen wurde durch Schmieden des glühenden Werkstücks verarbeitet (vgl. ‹Eisen›, S. 251). Neben Schmiedeschlacken bleiben hiervon auch ‹Hammerschlag› übrig sowie ‹Schlackekuchen›, die entstehen, wenn heisses Eisen mit Wasser abgeschreckt wird.109 Das Rohmaterial wurde eingehandelt, wie ein Stabbarren aus Basel-Gasfabrik bezeugt.110 Da bereits in der Latènezeit das Wissen zum Recyceln von Eisen vorhanden war,111 findet sich im Boden nur noch ein Bruchteil der ehemals hergestellten Metallobjekte.
Im Gegensatz zu Eisen wurden Kupferlegierungen, sogenannte Buntmetalle wie Bronze, durch Giessen verarbeitet und optional kaltgeschmiedet. Die spärlichen Zeugnisse davon bilden Gussreste und Blechschnipsel112 sowie Halbfabrikate, etwa von Fibeln.113 Für Gussformen ummantelte man ein Wachsmodell mit Ton und brannte es aus, sodass ein Hohlraum, das Negativ, entstand. Alternativ konnten Modelle in Sand abgeformt und anschliessend ausgegossen werden. Bei einem dritten Verfahren wurde das Negativ des herzustellenden Objekts in eine aufgesägte (Sand-)Steinplatte eingelassen. Solche Modelle wurden mehrfach verwendet. Neben einem Bleibarren aus dem Areal des Klingentalklosters, der ins 1. Jahrhundert v. Chr. datieren dürfte und aus den Minen im spanischen Cartagena stammt,114 bezeugen auch einzelne Bleireste aus der Siedlung Basel-Gasfabrik die Verarbeitung dieses Metalls.115
Gewisse Produkte wurden von spezialisierten Handwerker:innen exklusiv in den Zentralorten hergestellt und weitherum verhandelt. Prominentes Beispiel ist keltischer Glasschmuck. Ausser in der Siedlung Basel-Gasfabrik wurde dessen Produktion bisher lediglich an dreizehn weiteren Orten in Europa nachgewiesen.116 Davon zeugen vereinzelte Bearbeitungsspuren an Glasobjekten und Glastropfen vermischt mit Vogelexkrementen, die dazu dienten, den Schmelzpunkt zu senken.117 Das von der Ostküste des Mittelmeers importierte Rohglas wurde zusammen mit farbgebenden Mineralien zähflüssig geschmolzen, mit Drehbewegungen um einen Eisenstab bis zur gewünschten Grösse ausgeweitet und bei Bedarf verziert.118 Einige der Formen sind ausserhalb Basels sehr selten.119 Im 1. Jahrhundert v. Chr. kam Glasschmuck ausser Mode, sodass auf dem Münsterhügel keine Herstellung mehr stattfand. In der Siedlung Basel-Gasfabrik wurden zudem Armringe aus Sapropelit (fossiler Faulschlamm) gedrechselt.120 Die zahlreichen Potin-Münzen aus den Basler Fundorten wurden aus Buntmetall im oben beschriebenen Formsand-Verfahren gegossen (vgl. ‹Keltische Münzen›, S. 117).121 Die Häufung gewisser Münztypen bezeugt eine Herstellung in der Siedlung Basel-Gasfabrik.122 Für die Produktion von Silbermünzen stammt von dort neben einer ‹Probeprägung› auch ein Münzstempel.123 Sogenannte Tüpfelplatten, waffelförmige Lehmplatten, die für den Guss der Schrötlinge verwendet wurden, fehlen in Basel.124
Während Gestein in Basel-Gasfabrik nur sporadisch verarbeitet wurde, ist spätestes für den Bau des murus Gallicus125 mit der Anwesenheit von Fachkräften zu rechnen. Ebensolche waren für das Brennen von Kalk notwendig, der dem Strassenbelag auf dem Münsterhügel beigemischt wurde.126 Wie naturwissenschaftliche Analysen zeigen, wurden Keramikgefässe mehrheitlich aus lokalen Rohstoffen hergestellt.127 Aufgrund der zahlreichen Scherben kann alleine für Basel-Gasfabrik eine beachtliche Produktionsmenge von über zehntausend Stück angenommen werden. Nach dem Aufbereiten des Rohtons wurde die Keramik in zwei unterschiedlichen Techniken hergestellt: Am häufigsten ist Feinkeramik. Sie wurde auf der Töpferscheibe gedreht, geglättet und entweder in Weiss-, Rot- und Sepiatönen bemalt oder optional mit Glättmustern und Rippen verziert.128 Im Töpferofen wurde die Farbgebung durch die Luftzufuhr gesteuert: Während bemalte Gefässe durch oxidierenden Brand eine rötlich-braune Farbe erhielten, glänzten in reduzierender Atmosphäre gebrannte Gefässe dunkelgrau. Die sechs bekannten Töpferöfen aus Basel-Gasfabrik besassen kreisförmige, zweiseitig befeuerte Heizkanäle und vermutlich einen schachtförmigen Aufbau.129 Um das Brenngut zu schützen, deckte man Heizkanäle und Schacht mit Ausschussware ab. Vermutlich wurde die Feinkeramik von mehreren unabhängigen Ateliers produziert.
Im Gegensatz dazu wurde die Grobkeramik von Hand aufgebaut. Sie unterscheidet sich auch in der Verzierungstechnik, dem Formenspektrum und dem Brennen im offenen Feldbrand. Sie wurde zum Kochen oder als Servier- und Vorratsgefässe verwendet. Vermutlich erfolgte ihre Anfertigung vornehmlich im häuslichen Kontext für den Eigenbedarf. Davon ausgenommen sind einige eingehandelte Gefässe ortsfremder Herkunft. Sehr arbeitsintensiv und von grosser wirtschaftlicher Bedeutung war auch die Herstellung von Kleidung: von der Gewinnung der Wolle und Flachs, über deren Aufbereitung, das Spinnen von Fäden, deren Färben, das Weben von Stoffen bis hin zum Nähen. Von der Textilverarbeitung stammen Webgewichte, durchlochte Keramikscherben, die zum Spinnen verwendet wurden, Nähnadeln, Nadelbüchsen und Scheren.130 Textilreste blieben hingegen nur äusserst selten erhalten und bezeugen Stoffe aus unterschiedlich dickem Garn. Felle von geschlachteten Haustieren wurden gegerbt, wie auch von Wolf, Fuchs, Wildkatze, Dachs, Fischotter, Biber und Marder.131 Knochenahlen und eiserne Pfrieme wurden für die Lederverarbeitung genutzt.132 In der Siedlung Basel-Gasfabrik sind Zwischen- und Endprodukte aus Knochen, Geweih und Horn vergleichsweise selten, während auf dem Münsterhügel Hirschgeweih und vermutlich auch Horn regelmässiger verarbeitet, teilweise sogar gedrechselt wurde,133 wie Stabwürfel, Perlen und Trensenknebel aus diesen Materialien zeigen.134
Die sechs bekannten Töpferöfen finden sich in der Siedlung Basel-Gasfabrik teilweise auch in peripheren Bereichen. Glasverarbeitung ist in einem zentral gelegenen Areal nachgewiesen.135 Auch wenn Hinweise auf metallurgische Tätigkeiten zahlreich sind, ist die genaue Lokalisierung von Eisenschmieden in Basel-Gasfabrik bisher nur selten gelungen.136 Auf dem Münsterhügel wurde Eisen nahezu in der gesamten Siedlung verarbeitet.137 Ausstattungsgegenstände einer Schmiede, darunter ein Mühlstein, der sekundär zum Schleifen verwendet wurde, kamen in einer Grube vor dem Naturhistorischen Museum zutage.138‹Hammerschlag›, Schlacken, hochgradig verbrannter Essenlehm sowie feine Asche- und Holzkohlelagen, die wie bereits erwähnt auf der Berme vor dem murus Gallicus ausgegraben wurden, bezeugen eine weitere Schmiede.139 Die Verarbeitung von Buntmetall, Knochen, Geweih und Fellen ist – vermutlich erhaltungsbedingt – nur in gewissen südlichen Siedlungsarealen fassbar.140 Damit ist in keiner der beiden Siedlungen eine Trennung von Wohnen und Handwerk erkennbar.141 Um die Grundbedürfnisse zu decken, gestaltete der Mensch in der ausgehenden Latènezeit seine Umwelt stark um. Das Pollenprofil aus einer Doline in der Gemeinde Rheinfelden zeigt: Bereits um 200 v. Chr., also deutlich vor der römischen Eroberung, wurde im grossen Stil Wald gerodet, um neue Acker- und Weideflächen zu gewinnen.142 So bestand das Umfeld der Basler Zentralsiedlungen aus einer offenen, intensiv genutzten Landschaft. Während sich Ackerflächen in der unmittelbaren Nähe befanden, diente das weitere Umland als Weideflächen für Viehhaltung und für die Waldwirtschaft.
Rund um die Zentralsiedlungen sind zahlreiche kleinere, auf die landwirtschaftliche Produktion ausgerichtete Siedlungen anzunehmen. Diese lagen auf ertragreichen Böden wie den stellenweise mit Schwemmlöss bedeckten Niederterrassen in der Oberrheinebene, den Lössböden im Sundgau, den seitlichen Flusstälern von Wiese, Birs und Ergolz sowie den Hochplateaus des Juras.143 Hierzu gehört etwa die Siedlung im knapp 7 Kilometer entfernten Reinach-Mausacker, die gleichzeitig mit dem Münsterhügel bewohnt war.144 Wie Isotopenanalysen aus Basel-Gasfabrik zeigen, stammt das in den Zentralsiedlungen konsumierte Getreide aus einem grösseren Einzugsgebiet innerhalb der Region. Es wurde in bereits gedroschener Form eingeführt.145 Entsprechend waren die Zentren – ähnlich wie in anderen Gegenden146 – auf die Versorgung aus dem Umland angewiesen.
In der Regel lagen die Äcker auf moderat feuchten Böden und wurden mittel bis stark gedüngt, vornehmlich mit Mist.147 Beackert wurden sie mit hölzernen Pflügen, die teilweise durch eine eiserne Schar verstärkt waren und von Rindern gezogen wurden.148 Je nach Bodenbeschaffenheit kamen neben einfachen Hakenpflügen, mit denen überkreuzend gepflügt wurde, vermutlich die ersten schollenwendenden Pflüge zum Einsatz.149 Deshalb dürften die mehrheitlich kleinen, kurzrechteckigen Felder (bis 0,5 Hektar) zunehmend streifenförmig geworden sein.150 Die Ernte erfolgte bodennah mit Sicheln und kurzstieligen Sensen aus Eisen.151 Durch Düngen und Pflügen blieb die Bodenfruchtbarkeit erhalten, was eine stationäre Landwirtschaft ermöglichte. Dadurch kann von einigermassen geregelten Besitzverhältnissen ausgegangen werden. Pflanzen wie Gemüse und Hülsenfrüchte benötigten eine arbeitsintensivere Pflege und wurden in einer Art intensiver Gartenbewirtschaftung innerhalb der Siedlungen angebaut.152
Für die Nutztierhaltung hatte sich eine Wiesenwirtschaft mit Heuernte etabliert.153 Zuerst wurden die Fett-, teilweise aber auch feuchten und schattigen Magerwiesen abgeweidet und das Gras danach relativ spät im Jahr gemäht.154 Laub wurde als Futtermittel mit sogenannten Laubmessern (ähnlich heutigen Gerteln) geschnitten.155 Die ausgebaute Futtermittelerzeugung erlaubte es, zahlreiche Tiere in Stallungen zu überwintern. So konnten ausreichend Rinder und Pferde als Zug-, Reit- und Arbeitstiere gehalten werden: Veränderungen an Hüft- und Fussgelenken zeugen von deren grosser Beanspruchung. Zudem wurden nachweislich Ochsen genutzt.156 Die männlichen Rinder wurden aus dem Umland zugekauft und erst im hohen Alter geschlachtet.157 Eher selten wurden Schweine und auf dem Münsterhügel zunehmend auch Hammel als Schlachtvieh eingeführt.
Rinder hatten im 2. Jahrhundert v. Chr. die Grösse von Schottischen Hochlandrindern; die Pferde würde man heute als Ponys bezeichnen. Bereits vor der römischen Eroberung fand eine Grössenzunahme statt.158 Ursache hierfür waren neue, aus Norditalien eingeführte Rassen, möglicherweise einhergehend mit verbesserten Haltungsbedingungen. Diese Zuchtbestrebungen resultierten in gesteigerten Fleischerträgen und einer erhöhten Arbeitskraft. Anders bei Schafen (und Ziegen), bei deren Zucht Qualität und Menge der Wolle ausschlaggebend waren.159 Als Fleischlieferanten wurden in den Siedlungen primär Schweine aufgezogen,160 während Hühner vornehmlich der Eier wegen, aber auch für Fleisch und Federn gehalten wurden. Tierische Produkte wie Fell, Wolle, Horn, Sehnen, Eingeweide und Knochen konnten handwerklich weiterverarbeitet werden.161 Die Haltung von Hunden hatte hauptsächlich eine soziale Bedeutung. Hirsch, Wildschwein, Feldhase, Biber, Wildkatze, Wolf, Igel und diverse Wildvögel wurden nur sporadisch gejagt.162 Jagd fand auch auf den nahen Äckern und Wiesen statt. Eine gehobene Bevölkerungsschicht aus dem oppidum auf dem Münsterhügel bejagte zu Pferd zudem weiter entfernt lebendes Grosswild. In der regelmässig betriebenen Fischerei wurden neben Angelhaken163 vermutlich auch Netze und Reusen eingesetzt. Gefischt wurde im Rhein, insbesondere in den verästelten Altarmen sowie in seinen Zuflüssen (vgl. ‹Naturraum›, S. 20–33).
Schmackhafte und vitaminreiche Wildpflanzen wie wildes Gemüse, Kräuter, Beeren, Früchte, Pilze und Haselnüsse wurden zahlreich gesammelt. Dies geschah in der näheren Umgebung, wo sich viele dieser Pflanzen auf Äckern, Wiesen und Weiden fanden. Durch die intensive Landwirtschaft waren Waldstandorte knapp, sodass Holz für den Gebäudebau und das Handwerk aus grösserer Distanz herangeschafft werden musste. Brennholz wurde zunehmend seltener, weshalb zusätzlich getrockneter Mist verbrannt wurde.164 Produkte, die im Siedlungsumfeld nicht verfügbar waren, wurden durch (über-) regionalen Handel herbeigeschafft. So gelangte Wein von der italischen Halbinsel in Amphoren in grösseren Mengen über das Rhonetal nach Basel,165 ebenso wie Keramiktöpfe vom Typ Besançon, die im heutigen Burgund hergestellt wurden und möglicherweise mit Pökelfleisch gefüllt waren.166 Zudem wurden Tafelgeschirr und Backplatten aus Campanien, Krüge aus Lyon sowie diverse Gefässe aus der Oberrheinregion eingeführt.167
Während Eisen in der Frühlatènezeit etwa im nahen Hofstetten-Flüh verhüttet wurde,168 ist denkbar, dass in der jüngeren Latènezeit regionale Bohnerzaufschlüsse (zum Beispiel bei Liel-Schnepfenstösse nahe Bad Bellingen)169 genutzt oder Stahl aus grösserer Entfernung eingehandelt wurde. Für die nächstgelegenen Kupfervorkommen in den Alpen konnte im Oberhalbstein spätlatènezeitlicher Bergbau nachgewiesen werden.170 Zinn musste aus dem Erzgebirge, dem Zentralmassiv oder der Toskana importiert werden.171 Das ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. verarbeitete Rohglas stammte vornehmlich aus dem syrisch-palästinensischen Raum und kam per Schiff bis nach Südfrankreich.172
Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurden Münzen zu einem alltäglichen Zahlungsmittel. So stammen aus den beiden Zentralsiedlungen jeweils mehrere hundert Geldstücke,173 bei denen es sich wohl mehrheitlich um verlorene Münzen von eher geringerem Wert handeln dürfte. Die tatsächliche Umlaufmenge war wahrscheinlich viel grösser.174
Am Rheinufer ist von Schiffsanlegestellen auszugehen. Diejenige des oppidum dürfte sich nahe des Mühlenbergs im St. Alban-Tal befunden haben. Innerhalb des oppidum wurden die Randzonen der Strasse für Marktstände und den Warenumschlag genutzt. Zwischen den Siedlungen bestand – wie im Schweizer Mittelland – ein weit verzweigtes Strassennetz.175 Abgesehen von der Verwendung des Jochs176 ist jedoch wenig über alltägliche Transportgefährte und Boote bekannt. Eine Ausnahme stellen einfache Schlitten mit Kufen aus Rinderunterkiefern dar, die vermutlich für Kurzstreckentransporte von kleinen Lasten verwendet wur
Die mehreren hundert Bewohner:innen der Basler Zentralsiedlungen vermochten sich nicht ganzheitlich selbst zu versorgen, obschon zuvor die Leistung der Landwirtschaft durch eine Vergrösserung der Ackerflächen, eine verbesserte Tierzucht sowie technische Innovationen gesteigert worden war. Man kultivierte dieselben Pflanzen wie bis anhin, nun wurde aber auf ertragreicheren Böden der Getreideanbau intensiviert und eine Überschussproduktion angestrebt.180 Zur Versorgung mit Nahrungsmitteln, die im ländlichen Raum erzeugt worden waren, wurde die Logistik ausgebaut. Diese bedingte eine entsprechende Infrastruktur, Zug- und Arbeitstiere, Gefährte und Boote sowie die Durchführung zahlreicher Transporte. Der Austausch von Waren erhielt eine systemrelevante Bedeutung.
Um die Versorgungssicherheit bei schlechter Ernte zu gewährleisten, wurden Überschüsse in den Zentralsiedlungen eingelagert.181 Hierfür verwendete man etwa in der Siedlung Basel-Gasfabrik zahlreiche Silogruben, die bis zu neun Tonnen Getreide fassen konnten. Isotopenanalysen an menschlichen Knochen und Zähnen aus Basel-Gasfabrik ermöglichen es, die Zusammensetzung der jüngerlatènezeitlichen Ernährung zu rekonstruieren.182 Als Kohlenhydratlieferanten waren Getreide Grundnahrungsmittel Nummer eins. An zweiter Stelle folgte Fleisch von Pflanzenfressern und Schweinen. Von geringer Bedeutung waren Eier, Süsswasserfisch und Lachs. Aus methodischen Gründen kann der Beitrag von Hülsenfrüchten sowie Blatt- und Knollengemüsen zwar nicht berechnet werden, wie archäobotanische Analysen aber zeigen, wurde ein breites Spektrum an Pflanzen genutzt.
Trotz der schwierigen Erhaltungsbedingungen für organische Reste in Mineralböden konnten aus der Fundstelle Basel-Gasfabrik diverse verkohlte Pflanzenreste geborgen werden.183 Die weitaus häufigsten Getreide waren Gerste sowie Rispen- und Kolbenhirse, die sich für Breispeisen eignen. Dinkel, Nacktweizen, Einkorn und Saathafer, vereinzelt Emmer und Roggen dienten vermutlich zum Brotbacken. Hülsenfrüchte waren eine wertvolle Quelle für pflanzliche Proteine. Obwohl sie schwierig nachzuweisen sind, ist die Nutzung von Linsen und in kleinerem Umfang von Gartenerbse und Ackerbohne bekannt. Als Ölpflanzen kommen Lein und Schlafmohn hinzu. Blatt- und Knollengemüse waren sicher nicht unbedeutend, auch wenn sie sich kaum erhalten und nur der Anbau von Kohl und Sellerie fassbar ist. Früchte wie Süsskirsche, Pflaume oder gar Weintrauben sind bislang Einzelfunde, wobei man Trauben vermutlich aus dem Süden importierte. Die Mehrheit der Gemüse und Früchte wurde stattdessen als Wildpflanzen gesammelt; sie waren auf den extensiv bewirtschafteten Äckern häufig anzutreffen. So waren Möhren und salat- oder spinatähnliche Pflanzen wie Ackersalat, Gänsefuss, Brennnesseln, Sauerampfer, Wegwarte und Klette geschätzte Zutaten. Auch Haselnüsse, Walderdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Holunder, Schwarzdorn, Eicheln sowie Wildformen von Birnen und Äpfeln wurden konsumiert. Dank zahlreicher Schlachtabfälle in Form von Tierknochen ist der jüngerlatènezeitliche Fleischkonsum gut bekannt.184 Am häufigsten wurde Rind gegessen, gefolgt von Schwein und etwas Schaf/Ziege. Meist handelte es sich um ausgewachsene Tiere; lediglich bei den Schweinen wurden häufiger auch Jungtiere geschlachtet. Seltener wurden Pferd, Hund und Huhn verspeist, wenn auch auf dem Münsterhügel in abnehmender Tendenz. Tiere wurden in der Regel in den Siedlungen geschlachtet. Anschliessend wurde das Fleisch durch Hacken zerlegt und mit Messern portioniert. An den Schnittspuren ist abzulesen, dass auf dem Münsterhügel vermehrt in handwerklichem Kontext geschlachtet wurde. In Basel-Gasfabrik ass man in bescheidenem Umfang auch Wildtiere wie Hase, Fuchs, Wildschwein und Hirsch, während man auf dem Münsterhügel Grosswild bevorzugte.
Fisch wurde ebenfalls regelmässig gegessen. Da die filigranen Gräten von kleinen Fischen kaum gefasst werden können, ist nicht das gesamte Spektrum der konsumierten Arten bekannt. Insbesondere Lachs wurde während seiner Wanderung flussaufwärts (Mai bis Juli) in Basel-Gasfabrik gefangen. Daneben fing man dort auch Hecht und Schleie, während auf dem Münsterhügel vor allem Arten verspeist wurden, die in langsam fliessenden Gewässern leben wie Karpfenartige und Wels.185 Von zentraler Bedeutung war das Haltbarmachen der Lebensmittel. So wurden die zahlreichen Silogruben aus Basel-Gasfabrik mit Lehm ausgekleidet und luftdicht verschlossen.186 Da die äusserste Getreideschicht auskeimte, entstand ein sauerstoffarmes Klima, in dem das Lagergut mehrere Jahre überdauern konnte. Waren die Gruben jedoch einmal geöffnet, mussten mehrere Tonnen Getreide in handliche Portionen verteilt und zeitnah verbraucht werden. Daneben sind vereinzelt Keller nachgewiesen, in denen beispielsweise verderbliches Obst und Gemüse gelagert werden konnten.187 Pflanzen wurden in flüssiger Form wie etwa Bier konserviert und vielleicht auch fermentiert. Auf dem Münsterhügel sind Gruben seltener und tendenziell kleiner, sodass dort andere Formen der Vorratshaltung anzunehmen sind.188 Um grössere Mengen an Fleisch und Fisch haltbar zu machen wie zum Beispiel nach dem Lachsfang, spielten Konservierungsmethoden wie Trocknen, Räuchern und Pökeln eine wichtige Rolle.189 Für Letzteres scheinen die sogenannten Dolien vom Typ Zürich-Lindenhof, voluminöse Vorratsgefässe, verwendet worden zu sein.190 Zu Beginn der Mittellatènezeit setzten sich Handdrehmühlen durch, welche die Verarbeitung von Getreide bis zu zehnmal effizienter machten.191 Dennoch wurde Getreide weiterhin öfter in geschroteter Form (Brei) und weniger als Mehlprodukte (Brot und Gebäck) verzehrt. Jüngst wurde in Basel-Gasfabrik verkohlte, amorphe Organik gefunden, die von einer Art Brot auf Basis von Hefegärung stammt.192 Auch Milch dürfte meist verarbeitet worden sein, etwa zu Käse oder Joghurt, da der Grossteil der Bevölkerung genetisch gesehen Laktose-intolerant war.193 Vereinzelt sind Siebgefässe zur Käseherstellung bekannt.194
Gekocht (und geheizt) wurde auf offenem Feuer auf planen, ebenerdigen Herdstellen. Als Kochgeschirr wurden grobkeramische Töpfe verwendet, die in die Glut gestellt wurden. Da an den Tierknochen nur selten Brandspuren gefunden wurden, dürfte Fleisch häufiger als Bestandteil von Eintöpfen gekocht als über dem Feuer gebraten worden sein.195 Trotz der schwierigen Nachweisbarkeit lässt sich mit Dill und Petersilie, ergänzt durch die Sammelpflanzen Kümmel, Majoran, Beifuss und Winterkresse, ein breites Spektrum an Gewürzen erahnen. Als Süssungsmittel konnten Beeren, Früchte und Honig verwendet werden. Die Versorgung mit Salz lässt sich nicht nachverfolgen, könnte aber über Salinen in der Lorraine (F) und in Schwäbisch Hall (D) oder indirekt über gepökelte Fleischerzeugnisse erfolgt sein.196
Die (Trink-)Wasserversorgung war in Basel-Gasfabrik über mehrere Sodbrunnen sowie den Rhein gesichert. Das oppidum auf dem Münsterhügel verfügte hingegen über keine internen Zugänge, sodass Wasser von den umliegenden Fliessgewässern mühselig herangeschafft werden musste.
Gegessen wurde – vielleicht am Boden sitzend – aus schalenartigen Keramikgefässen, die zahlreich in unterschiedlichen Grössen und Qualitäten bei Ausgrabungen gefunden wurden.197 Insbesondere für Breispeisen dürften hölzerne Löffel verwendet worden sein. Eisenmesser fanden als Allzweckgerät beim Schlachten und in der Küche Verwendung.198 Als Trinkgeschirr kommen in Basel-Gasfabrik becherartige Keramikgefässe mit einem Fassungsvermögen von über zwei Litern infrage. Vielleicht wurde aus solchen Gefässen sogar gemeinschaftlich getrunken.
Eisernes Grillzubehör wie Feuerbock, Fleischgabel und Herdschaufeln sowie buntmetallene Kessel199 zeugen von bankettartigen Festessen der Oberschicht, bei denen im Laufe der Zeit zunehmend grössere Mengen an italischem Wein flossen.200 Solche Anlässe standen möglicherweise auch in rituellen Kontexten. Ob auch bei den Bestattungsritualen Speisen verzehrt wurden, lässt sich nicht mehr sagen. Gesichert ist aber, dass in der jüngeren Latènezeit eine erstaunliche Vielfalt an Bestattungsarten bestand: Dazu gehören unterschiedliche Formen von Grablegen sowie Schädel und isolierte Menschenknochen, die in Siedlungskontexten immer wieder gefunden wurden. Im Elsass setzte sich in der Zeit die Brandgräbersitte weiter fort. Der Leichenbrand wurde dort mit den zumeist mitverbrannten Objekten direkt in einer Eintiefung oder einer Urne deponiert. Manchmal sind einzelne Fibeln, sehr selten Glasschmuck oder ein Schwert, vereinzelt auch weitere Gefässe den Verstorbenen beigelegt worden. In ganz wenigen Fällen wurden Bestattungen auch in bereits bestehende Grabhügel eingebracht.201
Insgesamt konnten in den beiden Gräberfeldern von Basel-Gasfabrik 194 Bestattungen ausgegraben werden. Die Bauarbeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben jedoch eine unbekannte Anzahl Gräber zerstört, und andere Zonen sind noch nicht ergraben, weshalb die Ausdehnung der Bestattungsareale nicht genau bekannt ist. Frauen, Männer und Kinder jeden Alters wurden hier ohne Sarg in gestreckter Rückenlage auf der Sohle einfacher Grabgruben beigesetzt, die in den Rheinschotter eingetieft wurden. Eine Ausnahme stellt eine junge Frau dar, die in Bauchlage aufgefunden wurde, sowie zwei Brandbestattungen, bei denen kalzinierte Knochen in die Grabgruben gestreut worden waren. In einigen Gräbern waren den Toten verschiedene Gegenstände mit ins Grab gegeben worden. Am häufigsten sind Fibeln, die als Verschluss eines Gewands oder Leichentuches dienten, am Hals und auf der Brust getragene Anhänger und Perlen sowie Armringe und Keramikgefässe. Sowohl bei der Zahl als auch bei der Art der Beigaben sind geschlechts- und altersspezifische Unterschiede erkennbar: Während bei Kindern regelmässig Funde vorkommen, sind diese bei Erwachsenen selten. Glas- und Hohlblecharmringe finden sich ausschliesslich in Gräbern von Frauen und – in kleinerer Grösse – auch bei Kindern. Die Keramikgefässe aus Bestattungen unterscheiden sich durch ihre Form und geringere Grösse von denjenigen in der Siedlung.202 Die ältesten Gräber wurden bereits im ausgehenden 3. Jahrhundert v. Chr. angelegt, also schon vor dem Beginn der Siedlungsaktivitäten.
Tote wurden auch innerhalb der Siedlung begraben. Mehr oder weniger vollständige Skelette wurden in Brunnenschächten, in Gruben und in einem Graben entdeckt. Aber auch einzelne Schädel, Bein- und Armknochen oder Teile davon kamen zum Vorschein. Wie in den Gräberfeldern bestattete man auch hier Frauen, Männer und Kinder jeden Alters. Dabei treten insbesondere junge Männer etwas häufiger auf. Im Gegensatz zu den Gräberfeldern sind an den Skeletten in der Siedlung teilweise Spuren tödlicher Gewalt und postmortaler Manipulationen vorhanden. Die Gruben und Brunnen, in denen die Verstorbenen niedergelegt wurden, waren wie für solche Befunde üblich mit Siedlungsabfall und Aushubsedimenten verfüllt. Im näheren Bereich der Skelette fielen Fibeln und ganze Keramikgefässe auf, die auch in den Gräbern vorkommen, aber auch Gegenstände wie Messer, Münzen, ein Münzstempel und ein Goldblechfragment. Die insgesamt geringe Zahl (maximal zwanzig) solcher Bestattungen und die Datierung der Befunde zeigen, dass diese Art der Totenbehandlung selten und nur während der jüngsten Siedlungsphase praktiziert wurde. Hingegen wurden sehr jung verstorbene Kinder, Föten und Neugeborene häufig in Verfüllungen von Mulden und kleinen Eintiefungen innerhalb der Siedlung beigesetzt. Auch sie wurden mit auffallenden Objekten ausgestattet.
Die zu hunderten in der Siedlung entdeckten, isolierten menschlichen Knochen stellen die Überreste einer weiteren Bestattungsform dar. Dabei wurde der Leichnam bis zur Skelettierung in einem geschützten Bereich aufbewahrt, anschliessend gelangten die einzelnen Knochen ins alltägliche Siedlungsumfeld – wo sie teilweise von Hunden verbissen wurden –, zuletzt wurden sie als Teil der Verfüllung in aufgelassene Eintiefungen der Siedlung eingebettet. Indikatoren in den Mikrostrukturen der Knochen203 deuten zudem darauf hin, dass vereinzelt Körper mumifiziert wurden. Ausserdem legen Schnittspuren an Knochen nahe, dass es auch vor der vollständigen Skelettierung zu Manipulationen an den Toten kam. Ganze und auffallend gut erhaltene Schädel zeigen ausserdem, dass ausgewählten Personen der Kopf entnommen und in einem geschützten Ort möglicherweise als Ahnenschädel oder Trophäe aufbewahrt wurde.204
In Basel-Gasfabrik konnten in Bezug auf Herkunft, Mobilität und Ernährung keine Unterschiede zwischen Individuen von den Gräberfeldern und denjenigen aus der Siedlung beobachtet werden, sodass keine sozial abgrenzbaren Gruppen identifizierbar sind. Die Nähe der Gräberfelder zur Siedlung sowie die Bestattungen, Knochen und Schädel aus der Siedlung deuten an, dass die Toten für die Lebenden allgegenwärtig waren. Die Gegenstände in diesen Bestattungskontexten lassen auf einen intentionellen und achtsamen Umgang mit den Verstorbenen schliessen. Die Skelette, beziehungsweise deren Reste in der Siedlung, und die beiden Gräberfelder illustrieren somit eindrücklich den variantenreichen Umgang mit den Toten. Die zahlreichen Bestattungen im Bereich Basel-Gasfabrik stehen in starkem Kontrast zum spätlatènezeitlichen oppidum auf dem Münsterhügel: Dort wurde bislang nicht ein einziges reguläres Grab gefunden. An fehlenden archäologischen Aufschlüssen kann dies nicht liegen. Vielmehr ist wahrscheinlich eine überregionale Veränderung der Bestattungspraktiken dafür verantwortlich. So sind aus dem jüngeren Abschnitt der Spätlatènezeit – auch ausserhalb Basels – kaum noch Körperbestattungen bekannt.205 Vermutlich wurden Brandbestattungen häufiger, die als unscheinbare Leichenbrände archäologisch schwer fassbar sind. Dennoch gibt es auf dem Münsterhügel vereinzelte Hinweise auf die Totenbehandlung. So wurden auch hier innerhalb der Siedlung einzelne Knochen von Erwachsenen und Säuglingen entdeckt. In einer Grube auf der Pfalz kamen 56 lose Knochen von drei Personen zum Vorschein.206 Für die Zeit zwar selten, aber nicht einzigartig ist das Skelett eines erwachsenen Mannes im murus Gallicus.207 Seine Leiche wurde absichtlich zwischen den Balkenlagen im Wallinneren niedergelegt. Dieser Mann von durchschnittlicher Statur hatte während seines Lebens mehrere Knochenbrüche erlitten. Leider hat ein frühmittelalterlicher Graben den Befund gestört, sodass Teile des Skeletts verlagert wurden. Aber auch beim ungestörten Bereich wurden keine Ausstattungsgegenstände oder Hinweise auf einen Grabbau gefunden.
Damit wird ersichtlich, dass im oppidum auf dem Münsterhügel auch während der jüngeren Latènezeit nach wie vor eine grosse Bandbreite an Bestattungsformen praktiziert wurde, auch wenn Gräberfelder fehlen. Immer wieder treten in der jüngeren Latènezeit auffällige Funde und Ensembles auf, die nicht durch alltägliche Tätigkeiten in den Boden gekommen sein können und mit einer besonderen Bedeutung aufgeladen zu sein scheinen.208 Solche Deponierungen werden oft vorschnell als ‹kultische Opfergaben› interpretiert. Tatsächlich können diese religiös, aber auch magisch, unheilabwehrend und sozial-gesellschaftlich begründet sein. Da Schriftzeugnisse weitgehend fehlen, bleiben die dahinterstehenden (Glaubens-)Vorstellungen in der Regel verborgen.
2009 kam im Rahmen einer Grabung in der Siedlung Basel-Gasfabrik ein Ensemble spektakulärer Funde zum Vorschein, das in einer rund ein Meter grossen Eintiefung im Überschneidungsbereich zweier verfüllter Gruben deponiert worden war.209 Es umfasst unter anderem dreissig Keramikgefässe, sechs metallene Kessel einheimischer Machart, eine italische Griffschale aus Buntmetall, mehrere Holzgefässe, drei Messer und mehrere Tüllenbeile, eine Schmuckscheibe fürs Pferdegeschirr, zwei beinerne Stabwürfel, einen steinernen Mörser sowie weitere Eisenfunde. Einige dieser wertvollen Objekte wie etwa eine Ahornschale, die mit Buntmetallstreifen verziert war, sind für die Siedlung einzigartig und treten auch in anderen Fundstellen nur sehr selten auf. Daneben finden sich alltägliche Gegenstände, die erst durch den Kontext eine besondere Bedeutung erhielten. Bis auf wenige Ausnahmen wurden all diese Objekte in intaktem Zustand dem Boden übergeben, teilweise sogar in Leder und Stoff eingewickelt; die Gefässe wurden mit der Mündung nach unten sorgfältig der Grösse nach ineinander gestapelt. Die gezielte Auswahl der Gegenstände, ihre bewusste Niederlegung sowie vereinzelte Nutzungsspuren machen den rituellen Kontext dieses Befundes offenkundig.
Zwar ist dieses spektakuläre Fundensemble bisher einzigartig, dennoch kommen rituelle Deponierungen in der Siedlung Basel-Gasfabrik regelmässig vor.210 Diese können aus besonderen Objekten bestehen, die allgemein selten sind und andernorts etwa in Heiligtümern oder Gräbern auftreten.211 Alltäglichere Gegenstände können ihren rituellen Charakter durch einen ungewöhnlichen Erhaltungszustand, zum Beispiel als komplette Keramikgefässe oder als gezielt verbogene Metallobjekte, offenbaren. Anschaulich illustriert dies ein Ensemble aus mehreren vollständig erhaltenen Eisengeräten und zwei ineinander gesteckten Pflugscharen.212 Dazu können auch (Teil-)Skelette von Tieren wie Wildvögel oder Rinderschädel gehören.213 Die Deponierungen finden sich in Grubenverfüllungen oder Siedlungsschichten in der Regel eingebettet im alltäglichen Siedlungsabfall. Dadurch ist eine Unterscheidung gegenüber zufällig verlorenen Gegenständen wie auch das Feststellen einer Zusammengehörigkeit mehrerer solcher Objekte im Einzelfall oft nicht möglich. Erst anhand gewisser Muster wie des gehäuften Auftretens intakter – teilweise sogar paarweise deponierter – Fibeln in Gruben lassen sich rituelle Handlungen aufzeigen. Ein Beispiel hierfür sind auch italische Weinamphoren, die absichtlich zerschlagen und danach inszenierend angeordnet wurden.214 In solchen Kontexten können auch menschliche Knochen auftreten, was wiederum gewisse Verbindungen zu den Bestattungssitten nahelegt.
Unmittelbar nördlich von Basel-Gasfabrik kam im Jahr 1883 der berühmte ‹Goldfund von Saint-Louis› zum Vorschein.215 Da ein Teil des Goldes nach der Auffindung eingeschmolzen wurde, besteht er heute nur noch aus Teilen von zwei Torques (Halsringen), mehreren kleinen Drahtringen, einem Drahtarmring und mindestens 67 Münzen, die alle ortsfremd sind und teilweise Beziehungen nach Osteuropa erkennen lassen. Er wurde deponiert, als die Zentralsiedlung bestand. In Mitteleuropa sind zwei Dutzend solcher Gold-Hortfunde sehr ähnlicher Zusammensetzung bekannt, die oft in der Nähe möglicher heiliger Orte entdeckt wurden.216 Die Praxis des rituellen Deponierens setzt sich zwar im 1. Jahrhundert v. Chr. fort, lässt sich im oppidum auf dem Münsterhügel bisher aber nur vereinzelt fassen. Im oppidum selbst kam in den 1970er-Jahren direkt unter dem Münster erstmals ein kleiner Sakralbau zutage.217 Dieser Pfostenbau lag an prominenter Stelle. Die Strasse führte auf beiden Seiten um ihn herum. In einer Ecke befand sich eine Grube, in der unter anderem ein Eisenmesser, ein Rinderschädel und ein Stein mit muldenförmiger Vertiefung gefunden wurden. Es wäre denkbar, dass in diesem schreinartigen Bau die Holzstatue einer Gottheit aufgestellt war.218
Weiter nördlich kamen beim Umbau des Museums der Kulturen zwei Pferdeskelette zum Vorschein. Die Tierkörper waren in flachen Gruben niedergelegt worden. Ihre Köpfe waren abgetrennt und daneben in separate Eintiefungen gelegt worden. Die Schicht, in der sie gefunden wurden, datiert sie zwischen 50–25 v. Chr. Das Deponieren von Pferden – wie auch von weiteren Tierskelettteilen – konnte andernorts in rituellen Kontexten mehrfach beobachtet werden.219 Daneben fand sich eine Reihe weiterer Gruben, die sich teilweise überschnitten. In diesen lagen aschereiche Verfüllungen, die bisher einzige republikanische Münze aus einem spätlatènezeitlichen Kontext, ein rund 60 Zentimeter langer Eisenstab, der möglicherweise von einer sogenannten Herdschaufel stammt, ein menschlicher Knochen, eine grossteilig erhaltene Keramikschale und – wie im Pfostenbau unter dem Münster – ein Rinderschädel sowie ein Stein mit muldenartiger Vertiefung. Diese besonderen Funde wie auch die Pferdeniederlegungen sind das Resultat einer rituellen Nutzung dieses Siedlungsareals. In den vorangehenden Siedlungsphasen kamen hier Gebäude in ungewöhnlicher Bauweise zum Vorschein, die möglicherweise zu einer Art Siedlungszentrum gehört haben könnten.
Orte mit sakraler Bedeutung könnten sich auch im näheren Umfeld des Münsterhügels befunden haben. So wurde in topografisch besonderer Lage oberhalb von Frenkendorf, in direkter Sichtlinie zum Münsterhügel, ein Münzhort mit 300 Silberquinaren entdeckt.220 Ihre Prägung, vornehmlich vom Typ ‹Kaletedou›, datiert sie in die 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. Diese Münzen waren vor allem in Ostfrankreich im Umlauf.
Die Bedeutung der rätselhaften Deponierungen in Basel-Gasfabrik ist nur schwer zu verstehen, da ihre baulichen Kontexte nicht fassbar sind. Sie deuten auf dezentral organisierte Praktiken hin, die vermutlich eher von kleinen Gruppen ausgeübt wurden. Im Gegensatz dazu könnte sich im oppidum auf dem Münsterhügel eine Konzentration solcher Handlungen bei sakralen Gebäuden abzeichnen. Ob diese Unterschiede in der Deponierungspraxis auf Veränderungen in den archäologisch nicht direkt fassbaren Glaubensvorstellungen zurückgeführt werden können, muss offenbleiben. Die Gräberfelder von Basel-Gasfabrik bilden eine wertvolle Datengrundlage für Aussagen zur Gesundheit, Lebenserwartung, Mobilität und Sozialstruktur.221 Bestattungsform und Objektausstattung sind hingegen in erster Linie Ausdruck kultureller Praktiken und von Glaubensvorstellungen und müssen nicht zwingend den Verhältnissen zu Lebzeiten entsprechen. Der hohe Anteil an bestatteten Kindern deutet eine hohe Kindersterblichkeit an, wie dies für vorindustrielle Gesellschaften üblich war. Nicht nur gab es Totgeburten, viele Säuglinge starben bereits bei der Geburt oder in den ersten Lebensmonaten. Die nächste Hürde stellte das Abstillen und der Übergang zu nicht keimfreier Nahrung dar. Ab einem Alter von fünf Jahren sind vermehrt Stressmarker am Skelett festzustellen. Sie deuten darauf hin, dass bereits Kinder körperliche Arbeiten übernahmen. Nach der Kindheit stieg die Lebenserwartung, und einige Personen wurden sogar mehr als 60 Jahre alt.
An den menschlichen Skelettresten lassen sich auch chronische Krankheiten und Mangelzustände fassen. Kurzzeitige Erkrankungen hinterliessen in der Regel keine Spuren. Auch die Todesursachen sind meist ungeklärt, ausser es handelt sich um physische Einwirkungen. So sind bei einem guten Dutzend Personen Verletzungen durch Unfälle oder Gewalt vorhanden wie etwa Schläge mit stumpfen Gegenständen auf den Kopf. Betroffen waren auch Kinder und Jugendliche. Bei Kindern sind zudem (überstandene) Hirnhautentzündungen und Kinderlähmung nachgewiesen. Die Erwachsenen litten an Verschleisserkrankungen der Gelenke, die auf Alterserscheinungen, einseitige Belastung und Verletzungen zurückzuführen sind, und regelhaft an Karies sowie in der Folge davon auftretenden Kieferentzündungen. Ferner plagten Entzündungen der Nasennebenhöhlen die Bewohner:innen. Vitamin-C- und -D-Mangel waren teilweise so massiv, dass sie sich an den Knochen abzeichneten. In der Siedlung fanden sich zudem Parasiteneier.222 Die Folgen eines Befalls beim Menschen konnten Durchfall, Darmblutungen sowie die erschwerte Aufnahme von lebensnotwendigen Nährstoffen sein. Da Mensch und Tier auf engstem Raum zusammenlebten und Nahrungsmittel unzureichend erhitzt wurden, waren die hygienischen Verhältnisse nicht ideal. Dennoch bestand das Bedürfnis nach Körperpflege, wie etwa Spuren von Zahnreinigung oder kosmetisches Toilettebesteck223 zeigen. ‹Medizinische Eingriffe› im weitesten Sinne wurden durch die Behandlung von Knochenbrüchen und mit Schädeltrepanationen vorgenommen.
Isotopenanalysen werfen ein Schlaglicht auf die Mobilität während der Kindheit.224 So können bei fast 40 Prozent der untersuchten Individuen Ortswechsel nachgewiesen werden, was auffallend häufig ist. Da die Frauen meist erst nach dem 13. Lebensjahr von ausserhalb nach Basel gekommen sind, ist eine patrilokale Gesellschaft anzunehmen, das heisst, dass Frauen und Kinder stets am Wohnort des Mannes lebten. Dabei waren die Mobilitätsmuster individuell sehr unterschiedlich, was Richtung und Distanzen betrifft; vereinzelt reichen sie bis in den Mittelmeerraum. Bei zehn Individuen lassen sich (mehrmalige) Ortswechsel während der Kindheit fassen, teilweise sind sie in Basel geboren und als Erwachsene wieder zurückgekehrt. Auch wenn hierfür verschiedene Erklärungen denkbar sind, ist gut vorstellbar, dass solche Kinder in der Fremde aufwuchsen. Möglich wäre, dass Kinder bei Handwerker:innen in eine Art ‹Lehre› gegeben oder in die Haushalte von Familien geschickt wurden, um so soziale Bindungen über die biologische Verwandtschaft hinaus zu stärken. Kinder wären dabei ein Mittel, um politische Allianzen und gesellschaftliche Strukturen zu festigen. Das facettenreiche Mobilitätsmuster deutet darauf hin, dass in den Gräberfeldern wie auch in den Siedlungsbestattungen nur ausgewählte Personen beigesetzt wurden, die überregional vernetzt waren. Die breite Bevölkerung lässt sich nur schwer fassen. Sie war vornehmlich in der Landwirtschaft und im Handwerk tätig. Auch wenn sich in den Gräbern von Basel-Gasfabrik meist nur wenige Ausstattungsgegenstände finden, dürften die Bestatteten eine gehobene soziale Stellung gehabt haben. Lediglich den Mädchen wurden öfters Glasschmuck und Fibeln mitgegeben. Abgesehen von einer Personengruppe mit häufigem Hirsekonsum lassen sich keine geschlechts- oder altersabhängigen Unterschiede in der Ernährung erkennen, was im Gegensatz zu anderen naturwissenschaftlich untersuchten Bestattungsplätzen der Latènezeit steht.225
Auch in der zugehörigen Siedlung ist die Anwesenheit einer Elite durch zahlreiche Prestigegüter und Importe aus dem mediterranen Raum belegt.226 Zu Ersteren gehören metallene Gefässe und Geräte zur Fleischzubereitung, verschliessbare Holzkästchen, Toilettebesteck, Würfel, Schreibgriffel sowie ein goldener Fingerring.227 Zu den Importen zählen neben Wein auch Weinsiebe, italische Feinkeramik, Spatelsonden und der beinerne Verschluss eines Körbchens.228 Besonders herausragend sind drei Fingerringe mit Gemmen, gravierten Schmucksteinen, die zu den frühesten Exemplaren nördlich der Alpen gehören.229 Die zentrale Lagerung von Getreidevorräten sowie zahlreiche Münzen aus Edelmetallen lassen ebenfalls auf eine wohlhabende Oberschicht schliessen. Dieser dürften auch Schwerter sowie Reit- und Wagenzubehör gehört haben.230 Auch im oppidum auf dem Münsterhügel war eine Oberschicht ansässig.231 Sie ist weitgehend über dieselben Prestigegüter und mediterranen Importe fassbar. So sind hier ebenfalls ein Gemmenfingerring, eine Spatelsonde und mediterrane Korbdeckel gefunden worden. Merklich zahlreicher werden mediterrane Importe und besonders militärische Gegenstände wie Pferdegeschirr und Teile der Schwertausrüstung. Zusätzlich konnte es sich die Oberschicht leisten, des zarten Fleisches wegen häufiger Jungtiere schlachten zu lassen.
Julius Caesar zufolge war die gallische Gesellschaft in zwei Klassen unterteilt: Die nobiles (Adel), bestehend aus den equites (Reitern) und den druides (Druiden), herrschten in einem Klientelsystem über den plebs (gemeines Volk).232 Dabei soll die breite Bevölkerung durch Schulden, Steuern und Unterdrückung fast wie Sklaven behandelt worden sein. Gleichzeitig massen die equites ihren Einfluss über die Anzahl ihrer Klient:innen. Sie scheinen die massgebenden politischen und militärischen Akteure gewesen zu sein. Sie unterhielten Verwaltungsstrukturen, organisierten politische Versammlungen und liessen Magistrate wählen. Die druides genossen ein sehr hohes Ansehen und übernahmen Funktionen in religiösen Belangen, in der Rechtsprechung sowie als Gelehrte und politische Berater. Wie eine Handfessel aus Basel-Gasfabrik nahelegt, wurden Zwangsmassnahmen vollstreckt.233 Durch verwandtschaftliche und persönliche Kontakte pflegten die nobiles weitreichende Beziehungen. Auch wenn anhand der archäologischen Quellen die keltische Gesellschaft ebenfalls stark hierarchisiert erscheint, ist diese römisch-mediterrane Sichtweise im Detail kritisch zu beurteilen.
Frühe Urbanisierungsprozesse am Rheinknie
Die Eisenzeit war eine bewegte Epoche der Stadtgeschichte ‹vor der Stadt›. Trotz der wechselvollen Rahmenbedingungen begannen damals erste Urbanisierungsprozesse. Nach einem ersten Anlauf in der Späthallstattzeit (6.–5. Jahrhundert v. Chr.) bildeten sich in der jüngeren Latènezeit (2. Jahrhundert v. Chr.) zahlreiche Zentralsiedlungen. Diese fussten nicht auf der Übernahme eines mediterranen Konzepts, sondern auf einer innerkeltischen Entwicklung.234
Warum mit Basel-Gasfabrik eine dieser Zentralsiedlungen direkt am Rheinknie entstanden war, dürfte mehrere Gründe gehabt haben. Einerseits war durch den Rhein und seine Zuflüsse das Umland über Wasserwege gut erschlossen, sodass wichtige Ressourcen wie Holz und Wasser einfach verfügbar waren. Auch Ackerflächen waren leicht zugänglich. Gleichzeitig liefen hier wichtige Handelswege zusammen, da im Norden die verästelten, sumpfigen und sich dynamisch verändernden Rheinauen die Ost-West-Querung erschwerten. Möglicherweise spielten bei der Entstehung der Siedlung zudem die frühen Bestattungen in den Gräberfeldern eine Rolle als sozialer Treffpunkt.
Aufgrund ihrer Grösse war die Siedlung auf die Versorgung durch das Umland angewiesen, insbesondere mit Nahrungsmitteln. Im Verlauf der Eisenzeit hatten die Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln verschiedene Fortschritte erfahren. Diese ermöglichten so hohe Überschüsse, dass auch die landwirtschaftlich wenig produktiven Eliten und Handwerker:innen in den Zentralsiedlungen versorgt werden konnten. Um schlechte Ernten ausgleichen zu können, wurden grosse Mengen Getreide in Silogruben eingelagert. Diese Vorräte dürften durch die Oberschicht kontrolliert worden sein, da sie – wie es unter anderem auch Caesar in seinem ‹De Bello Gallico› beschreibt235 – einen wichtigen machtpolitischen Faktor darstellten.
Die Etablierung des oppidum auf dem Münsterhügel scheint in den Grundzügen einem groben Plan gefolgt zu sein, da strukturierende Bauten wie der murus Gallicus und die Strasse bereits relativ früh errichtet wurden. Zusammen mit dem möglichen Siedlungszentrum unter dem heutigen Museum der Kulturen, zu welchem auch eine Art Heiligtum gehört haben könnte, sind damit auf dem Münsterhügel mehrere von der Gemeinschaft errichtete Bauwerke bekannt. Aus Basel-Gasfabrik wurden entsprechende Bauten, zum Beispiel in Form einer Siedlungsbegrenzung, eines zentralen Platzes oder eines Heiligtums, bisher nicht gefunden. In Analogie zu anderen offenen Zentralsiedlungen236 ist es aber gut vorstellbar, dass solche Infrastrukturen existierten. Auch wenn die Standortverlagerung auf den Münsterhügel und die teils monumentale Ausführung solcher Bauten das Aussehen der neuen Zentralsiedlung grundlegend veränderten, wird ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung weitgehend gleichgeblieben sein. So unterstreichen die omnipräsenten Deponierungen die kultisch-rituelle Bedeutung von Basel-Gasfabrik, selbst wenn der Nachweis eines gebauten Heiligtums bislang fehlt.
Die Siedlungsverlagerung zog auch Veränderungen in der umliegenden Kulturlandschaft nach sich – so dürften etwa die Ackerflächen von den Niederterrassenfeldern im heutigen St. Johann auf das rund 15 Meter höher liegende Plateau im St. Alban-Quartier verschoben worden sein. Das weitere, vornehmlich für Vieh- und Waldwirtschaft genutzte Umfeld konnte hingegen ohne grosse Anpassungen weiter bewirtschaftet werden.
Das Hauptcharakteristikum der beiden Zentralsiedlungen bestand in ihrer übergeordneten Bedeutung innerhalb der Siedlungslandschaft in Bezug auf Handwerk, Warenaustausch, Politik und Religion. Sie fungierten als Konsumations-, Verarbeitungs- und überregionale Handelsorte, in die Nahrungsmittel und Rohstoffe eingeführt sowie verarbeitete Produkte weitergehandelt wurden – dies im Gegensatz zum vornehmlich landwirtschaftlich geprägten Umland. Gleichzeitig lässt sich eine bis anhin kaum gekannte Gebäude- und Bevölkerungsdichte fassen, obwohl gerade in Basel-Gasfabrik im Umfeld der Siedlung viel potenzieller Bauplatz vorhanden gewesen wäre. Offensichtlich wurde diese Nähe gezielt gesucht, sei es des sozialen Austauschs, der Verfügbarkeit von Waren oder des Schutzes wegen. Gleichzeitig dürfte das enge Zusammenleben ein wachsendes Konfliktpotenzial und angepasste soziale Regeln nach sich gezogen haben. Im Verlauf der (jüngeren) Latènezeit nahm die Vernetzung in verschiedensten Lebensbereichen stark zu: So gab es Bewegungen von grösseren Bevölkerungsgruppen, und in Basel-Gasfabrik wurden Personen bestattet, die von weither zugezogen waren oder sogar mehrfach ihren Wohnort gewechselt hatten. Die Oberschicht pflegte weitreichende persönliche Beziehungen. Hinzu kam der Warenaustausch auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene bis zum Mittelmeerraum. Dieser war für die Versorgung systemrelevant geworden und führte zu Abhängigkeitsverhältnissen zwischen den Zentralsiedlungen und dem ländlichen Raum. Entsprechend wurde die Verkehrs- und Verwaltungsinfrastruktur ausgebaut und Massnahmen zum Schutz der ländlichen Siedlungen ergriffen. In den Zentren konzentrierte sich das Handwerk, was den Wissenstransfer förderte und dadurch den Spezialisierungsgrad und die Produktionsmengen steigerte. So wurde Keramik immer häufiger in handwerklichen Kontexten hergestellt. Auf dem Münsterhügel zeigt sich dies etwa an der verbesserten Qualität der Töpferwaren.237 Eine ähnliche Entwicklung ist beim Schlachten von Tieren erkennbar.
Aus diesen Faktoren resultierten komplexe wirtschaftliche und gesellschaftliche Verbindungen, welche die Kommunikation verstärkten und die Zirkulation von Ideen förderten. Dies begünstigte wiederum die Entstehung und Ausbreitung von Innovationen und eine rasche wirtschaftliche Entwicklung. So wurden die Voraussetzungen für viele ‹Errungenschaften›, die gemeinhin der römischen Epoche zugeschrieben werden, bereits vor der römischen Besetzung geschaffen, oder diese gehen gar auf die Latènezeit zurück. Hierzu zählen die Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge, der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur sowie eine weit vorangeschrittene Urbanisierung. Daraus resultierte eine gewisse kulturelle Affinität zur damaligen Mittelmeerwelt, was später ein wichtiger Faktor im Prozess der Romanisierung werden sollte (vgl. ‹Romanisierung›, S. 170–172).