Band 1 der Stadt.Geschichte.Basel bietet eine aktuelle Übersicht zu den ersten 50 000 Jahren der Basler Geschichte: von der Altsteinzeit bis zum Frühmittelalter. Eine wichtige Grundlage dafür bildet das Buch- und Ausstellungsprojekt ‹Unter uns. Archäologie in Basel›, das 2008 von der Archäologischen Bodenforschung des Kantons Basel-Stadt und dem Historischen Museum Basel realisiert wurde. Seither haben die Archäologische Bodenforschung und diverse Institute der Universitäten Basel und Bern zahlreiche weitere Erkenntnisse zur frühen Basler Geschichte gewonnen. 16 Autor:innen beider Institutionen haben neueste Resultate und bestehendes Wissen anschaulich aufbereitet.
Die Archäologie erschliesst durch Ausgrabungen und Auswertungen laufend neue Geschichtsquellen. Die etablierte Verbindung mit natur- und geisteswissenschaftlichen Methoden schafft eine unglaubliche Fülle an Informationen für die Rekonstruktion vergangener Lebenswelten und wird auch in Zukunft neue, heute noch kaum vorstellbare Erkenntnisse ermöglichen. Deshalb ist dem sorgfältigen Umgang mit dem archäologischen Erbe ein besonderer Stellenwert in unserer Gesellschaft beizumessen. Archäologische Fundstellen besitzen ein grosses Potenzial nicht nur für die Erforschung prähistorischer, sondern auch historischer Epochen bis hinein in die Neuzeit. Die Entschlüsselung der aDNA (ancient DNA) aus prähistorischen und historischen Skelettresten brachte bahnbrechende Ergebnisse zu Fragen der menschlichen Evolution, Migration und zu individuellen Biografien von Menschen vergangener Epochen. Genetische Untersuchungen an Krankheitserregern ermöglichen es zudem, Bakterienstämme und deren Ursprungsgebiete zu bestimmen und so den Verlauf von Epidemien zu rekonstruieren. Isotopenanalysen an Knochen und Zähnen liefern aufschlussreiche Informationen zur menschlichen Mobilität und Ernährung. Mittels der Dendrochronologie ist die immer genauere Kalibrierung von Radiokarbondaten möglich sowie die präzise Datierung von Hölzern vom Ende der Eiszeit bis heute – die Jahrringkurve für Eiche reicht bis 10 461 v. Chr. zurück. Jahrringkalender lassen Hausgrundrisse, Besiedlungsdynamiken und Waldnutzung rekonstruieren sowie aktuelle Klimaveränderungen besser verstehen. Mikromorphologische Untersuchungen archäologischer Schichten durch die Geoarchäologie erlauben Rückschlüsse auf verschiedenste Aktivitätszonen in Fundplätzen. Die archäobiologische Bestimmung von Pflanzen- und Tierresten ermöglicht, mehr über die Ernährung, die Kultivierung von Pflanzen sowie die Domestikation, Haltung, Nutzung und Verwertung von Tieren zu erfahren.1
Basel verdankt seine jahrtausendalte Bedeutung der verkehrsgünstigen Lage am Schnittpunkt von Hoch- und Oberrhein sowie der Burgunderpforte ins Rhonetal und den Routen über den Jura ins Mittelland. Der Rhein war seit jeher trennendes und zugleich verbindendes Element verschiedener Wirtschafts- und Kulturräume. Das Zentrum der Basler Kulturlandschaft bildete lange der Münsterhügel. Er bot Schutz und war prädestiniert als Ort der Repräsentation. Vor dreitausend Jahren, in der Spätbronzezeit, lag hier die älteste befestigte Siedlung Basels. Im 1. Jahrhundert v. Chr. entstand ein spätkeltisches oppidum mit einer imposanten Wall- und Grabenanlage. In den folgenden zweitausend Jahren haben sich über 2 Meter mächtige Kulturschichten abgelagert, die als wissenschaftlicher Referenzpunkt für die spätkeltische, römische und mittelalterliche Zeit gelten. Die gut erhaltene keltische Befestigungsanlage, der murus Gallicus, entspricht weitgehend den Aufzeichnungen Julius Caesars zum Gallischen Krieg. Die Siedlungsschichten des oppidum enthalten viele Hinweise auf den Romanisierungsprozess. Am Ende der römischen Herrschaft hielt sich Kaiser Valentinian I. (vgl. ‹Valentinian I.›, S. 210–211) 374 n. Chr. bei Basilia auf und liess die Grenzbefestigung am Rhein ausbauen. Nach Abzug der römischen Truppen bewahrte die romanisierte Bevölkerung auf dem Münsterhügel spätantike Traditionen und den christlichen Glauben, obwohl sie in direkter Nachbarschaft mit mehrheitlich germanischen Gruppen lebte, die ihre Toten mit Beigaben in grossen Gräberfeldern beerdigten. Durch das Zusammenwirken romanischer und fränkischer Traditionen wurde letztendlich der Weg Basels zur Bischofsstadt geebnet. Kurz nach 800 beauftragte Karl der Grosse Bischof Haito mit dem Bau des ersten Basler Münsters, dessen Nachfolgebauten bis heute das Stadtbild prägen (vgl. Stadt.Geschichte.Basel, Bd. 2, S. 61–63).
Unter der modernen Bebauung der Stadt haben sich mittelalterliche und neuzeitliche Funde und Befunde in grosser Zahl erhalten. Zusammen mit historischen Quellen besitzen sie ein immenses Potenzial zur Rekonstruktion der Stadtgeschichte. Allerdings hat die 2000-jährige ununterbrochene Siedlungstätigkeit die Überlieferung der prähistorischen Epochen stark beeinträchtigt. Die intensive archäologische Betreuung Kleinbasels, der Aussenbezirke sowie der beiden Gemeinden Riehen und Bettingen hat jedoch in der jüngeren Zeit viele neue, wertvolle Erkenntnisse zur frühen Kantonsgeschichte erbracht. Zu den ältesten Funden des Kantons Basel-Stadt und der Schweiz zählt der mittelpaläolithische Faustkeil von Bettingen, wo sich vermutlich vor rund 50 000 Jahren ein Lagerplatz von Neandertalern befand. Neolithische und bronzezeitliche Siedlungen sind hauptsächlich in Riehen und Bettingen archäologisch fassbar. Sie liegen auf hochwassersicheren Niederterrassen der Wiese an ehemaligen Bachläufen wie die bronzezeitliche Siedlung am Haselrain in Riehen unterhalb der fruchtbaren Hangzone.
Am linken Ufer des Rheins befand sich auf der Niederterrasse – unter dem heutigen Novartis Campus – die unbefestigte spätkeltische Siedlung Basel-Gasfabrik mit zwei Gräberfeldern. Sie umfasste rund 150 000 Quadratmeter und stand in einem komplexen Austauschverhältnis mit ihrem landwirtschaftlich geprägten Umland. Die vielen archäologischen Rettungsgrabungen in der ‹Gasfabrik› haben international Beachtung in der Forschung gefunden. Zu Recht sind die grossflächige, spätkeltische Fundstelle sowie die Fundzonen des Münsterhügels und der Altstadt im ‹Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler und regionaler Bedeutung (KGS)› registriert.
Für die Sicherung, Erforschung, Bewahrung und Vermittlung des archäologischen Erbes des Kantons Basel-Stadt ist die Archäologische Bodenforschung zuständig. Sie entwickelte sich von einem Einmannbetrieb zu einer Fachstelle der Abteilung Kultur des Präsidialdepartements mit 36 Festangestellten und weiterem temporärem Personal. Das digitale Grabungsarchiv umfasst heute 16 Terrabyte Daten zu 3600 archäologischen Entdeckungen und Untersuchungen. Die Archäologische Bodenforschung betreut rund 2,02 Millionen Funde. Archiv und Sammlung stellen ein wertvolles kulturelles Erbe für zukünftige Generationen dar. Im Rahmen eines breitgefächerten Vermittlungsangebots werden Grabungsergebnisse und Funde der Öffentlichkeit und Wissenschaft präsentiert. Mittlerweile umfasst das Netz der Archäologischen Informationsstellen 25 Originalfundplätze, von denen die Münsterkrypta mit 77 000 Besucher:innen im Jahr 2022 am erfolgreichsten war. 1962 schuf der Regierungsrat die Stelle eines Kantonsarchäologen. Das Amt für archäologische Bodenforschung war anfangs mit Ausgrabungen in Sakralbauten, auf dem Münsterhügel sowie in der mittelalterlichen Altstadt beschäftigt. Später erforderten der Bau der Autobahn-Nordtangente, der Novartis Campus und die Werkleitungssanierungen auf dem Münsterhügel pausenlos Rettungsgrabungen in Fundstellen der bronzezeitlichen, spätkeltischen, römischen und mittelalterlichen Epochen. Es folgten mittelalterliche und frühneuzeitliche Grossgrabungen ausgelöst durch Um- und Neubauten im Stadtcasino, dem Spiegelhof sowie dem Amt für Umwelt und Energie. Der forcierte Ausbau der Fernwärme bis 2035 bedingt seit Beginn 2020 viele Rettungsgrabungen in der Altstadt.2 Somit besitzt die archäologische Forschung in Basel eine aussergewöhnlich lange, fünfhundertjährige Tradition. Bereits im 16. Jahrhundert war in der vom Humanismus geprägten Universitätsstadt das Interesse für archäologische Funde – besonders der Antike – so gross, dass der Basler Rat 1514 Vorschriften zur Eindämmung der Schatzgräberei in den Ruinen von Augusta Raurica erliess.
Die älteste bekannte Fundmeldung Basels vermerkt einen Zufallsfund am Leonhardskirchplatz 2, den der Antikenliebhaber Conrad Lycosthenes «bey Verbesserungsarbeiten seines Wohnhauses im J. 1549 aus der Erde gegraben» haben soll: ein steinerner Menschenkopf, dessen Lippen ein Ring verschloss. Durch ein Missgeschick wurde die Skulptur «1691 zerschlagen», ob sie wirklich antik war, ist fraglich.3 Bereits 1580/90 führte der Basler Jurist Basilius Amerbach erste archäologische Untersuchungen in der Theaterruine von Augst durch, die er äusserst qualitätsvoll dokumentierte. Wenig später setzte die Sammlung von Antiken der Familie Faesch ein. 1661 erwarb die Stadt Basel das Amerbach’sche Kabinett, darunter archäologische Funde aus der Region, um eine öffentliche Sammlung einzurichten.
Nachdem im 18. Jahrhundert das Interesse am Altertum abgenommen hatte, stieg es während des Nationalismus im 19. Jahrhundert wieder an. Mit der Entdeckung der Pfahlbauten 1853/54 und Ferdinand Kellers Theorien dazu begann eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Urgeschichte. In Basel war hingegen bereits elf Jahre zuvor, 1842, die Antiquarische Gesellschaft beziehungsweise Gesellschaft für vaterländische Altertümer gegründet worden, die nach den Anfängen der Stadt suchte. Ihre Begeisterung für die ‹bäuerlichen Ursprünge› hielt sich jeodoch in Grenzen, weshalb sie immer wieder Ausgrabungen im antiken Augusta Raurica durchführte. 1875 wurde sie in die Historische und Antiquarische Gesellschaft zu Basel überführt, der von 1890 bis 1931 Karl Stehlin vorstand. 1898 wurde die Delegation für das alte Basel gegründet, die sich um die Beobachtung und Bergung von archäologischen Funden kümmerte. Unter der ehrenamtlichen Leitung von Karl Stehlin und später Rudolf Laur-Belart führte sie unter anderem Ausgrabungen in der spätkeltischen Fundstelle ‹Gasfabrik›, im mittelalterlichen Handwerkerquartier Petersberg und im frühmittelalterlichen Gräberfeld am Bernerring durch.
Von 1932 bis 1968 war Laur-Belart der Hauptprotagonist der Archäologie im deutschsprachigen Teil der Schweiz. Neben der Leitung der Delegation für das alte Basel hatte er die Grabungsleitung in Vindonissa und Augusta Raurica inne. Laur-Belart setzte sich bei der Politik für die Archäologie ein. In den 1930er-Jahren führte er mit Hilfe kantonaler und eidgenössischer Arbeitsbeschaffungsmassnahmen grosse Grabungen in der Region Basel durch. Mit seiner 1937 gegründeten Zeitschrift ‹Ur-Schweiz› und Radioansprachen engagierte er sich in der geistigen Landesverteidigung während des Zweiten Weltkriegs. Ab 1941 unterrichtete er an der Universität Basel Provinzialrömische Archäologie sowie Ur- und Frühgeschichte. 1943 wurde das von ihm initiierte Institut für Ur- und Frühgeschichte der Schweiz im Beisein von zwei Bundesräten eingeweiht. Der Kanton hatte dafür das Haus ‹zur Augenweide› am Rheinsprung zur Verfügung gestellt. 1953 wurde das Institut durch ein Geologisches Laboratorium erweitert. Mit Sedimentanalysen und später auch Untersuchungen an Tierknochen wurden Grundlagen für die Geoarchäologie und Archäozoologie geschaffen. 1962 bewilligte der Regierungsrat das Seminar für Ur- und Frühgeschichte unter Leitung von Laur-Belart. Im gleichen Jahr wurde Elisabeth Schmid, die an der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät habilitiert hatte, zur Leiterin des Laboratoriums, das 1972 mit dem Seminar zusammengelegt wurde. So entstanden eine Ältere und Naturwissenschaftliche sowie eine Jüngere und Provinzialrömische Abteilung. Besonders die Jüngere Abteilung erlebte unter Ludwig R. Berger ab 1972 eine Blüte. 1984 wurden am Petersgraben 9–11 das Seminar, Laboratorium, die Archäologische Bodenforschung des Kantons und das Sekretariat der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte unter einem Dach vereint. Die Etablierung der Archäobotanik und -zoologie führte 1998 zur Gründung der Abteilung Archäobiologie. Die Ältere Urgeschichte und die Naturwissenschaften wurden 2003 ausgegliedert und der Verbund Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) am Departement für Umweltwissenschaften gegründet. 2009 wurde das Seminar für Ur- und Frühgeschichte als Fachbereich Ur- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Archäologie in das Departement Altertumswissenschaften eingegliedert und durch die vom Kanton Aargau mitfinanzierte Vindonissa-Professur aufgewertet.4 Die enge Zusammenarbeit mit der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt (ABBS) zeigt sich auch in der Zahl der laufenden wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten wie Dissertationen und Masterarbeiten zu Basler Funden und Befunden.